Frau Doktor, warum ich? Überlegungen zu klinischer Kausalität

 
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Frau Doktor, warum ich? Überlegungen zu klinischer Kausalität
DER BESONDERE ARTIKEL / SPECIAL ARTICLE                                                                                                                                     177

Frau Doktor, warum ich?
Überlegungen zu klinischer Kausalität*
Doc, Why me? Some Thoughts on Clinical Causality
Norbert Donner-Banzhoff

Zusammenfassung                                                                   Summary
Patientinnen fragen ihre Ärztinnen, warum ihre Erkrankung sie                     Patients ask their doctors why their illness has happened to
getroffen hat. Die Antworten, die sie erhalten, halten einer wis-                 them. Answers to this kind of question are often not only scien-
senschaftlichen Kritik oft nicht stand. Zudem führen sie oft zu                   tifically wrong but may induce feelings of guilt and despair.
Schuldgefühl und Verzweiflung. Ausgehend vom deduktiv-no-                         Starting from the deductive-nomological model of a scientific
mologischen Modell der Kausalerklärung von Hempel und Op-                         explanation suggested by Hempel and Oppenheimer, this ar-
penheim erarbeite ich Überlegungen zu einer wissenschaftlich                      ticle develops a proposal to answer the question in a scientific
vertretbaren Weise, auf Fragen dieser Art zu reagieren. Dabei                     defendable way. In this I follow van Fraassen who conceptual-
folge ich van Fraassen, der wissenschaftliche Erklärungen als                     izes scientific explanations as answers to why-questions. When
Antworten auf Warum-Fragen versteht. Patientinnen implizie-                       patients formulate their why-questions, they may imply highly
ren bei ihren Fragen höchst individuelle Vergleichsgruppen                        idiosyncratic comparison groups and reference classes. Clini-
und Referenzklassen. Ärztinnen müssen diese sorgfältig explo-                     cians must carefully explore the background of each question
rieren, da eine sinnvolle Angabe von Gründen von diesem Ver-                      because an adequate answer depends on the original meaning
ständnis abhängt. Wird auf Wissen aus klinischen oder epi-                        of the question. When presenting evidence from clinical or epi-
demiologischen Studien zurückgegriffen, ist dessen probabi-                       demiological studies, physicians must be aware of the prob-
listische Natur zu bedenken. Schließlich diskutiere ich die Un-                   abilistic nature of most medical knowledge. The task of the in-
terschiede zwischen der individuellen (klinischen) Kausalerklä-                   dividual causal explanation in the clinical setting is contrasted
rung und wissenschaftlichen Kausalerkenntnis mithilfe von                         with causal research conducted with groups. Answering pa-
Gruppen. Warum-Fragen im klinischen Kontext zu beantwor-                          tients’ why-questions requires not only knowledge and me-
ten, verlangt medizinisches Wissen, methodisches Verständnis                      thodological understanding, but also communication skills.
und kommunikative Fertigkeiten.                                                   Keywords (MeSH)
Schlüsselwörter                                                                   causality; heart disease risk factors; health communication;
Kausalität; Risikofaktoren für Herzkrankheiten; Gesundheits-                      philosophy, medical
kommunikation; Philosophie, medizinische

Kausalaussagen oder zumindest                          überwiegend den Charakter kausaler                       der Diagnosestellung fragt, wie es zur
doch Kausalannahmen lassen sich                        Aussagen.                                                Krankheit kommen konnte.
überall im ärztlichen Denken und                           Vor diesem Hintergrund erstaunt                          Diese Frage weist zurück in die
Handeln finden. Wir führen Be-                         es, dass wir nur sehr selten über die                    Vergangenheit, stellt vorangegangene
schwerden auf Krankheiten zurück,                      Struktur und Zulässigkeit solcher Aus-                   Ereignisse, Erfahrungen und Verhal-
wir beantworten die Frage einer Pa-                    sagen sprechen. Lediglich in der Epi-                    tensweisen zur Diskussion. Die Diag-
tientin, wie die Krankheit überhaupt                   demiologie gibt es Kriterien für kau-                    nosestellung dagegen bezieht sich auf
entstehen konnte. Prognostische                        sale Zusammenhänge [1]. Aber was                         die Gegenwart (zeitlicher Quer-
Faktoren müssen zwar nicht mit der                     helfen uns diese, wenn wir die Kau-                      schnitt); sie wird eher als fachlich-
Entwicklung der Erkrankung kausal                      salfrage individueller Patientinnen                      ärztliche Aufgabe gesehen. Retrospek-
assoziiert sein, erheben häufig je-                    beantworten sollen?                                      tive Überlegungen zur Kausalität da-
doch diesen Anspruch; schließlich                          Ich befasse mich hier nicht mit                      gegen sind emotional, behaftet mit
greifen wir mit der Verordnung einer                   der Diagnosestellung, mit der wir Be-                    Schuld („was habe ich falsch ge-
Therapie sogar selbst in das kausale                   schwerden und Befunde einer Patien-                      macht?“) und Hadern.
Geschehen ein. Die dahinterstehen-                     tin auf einen Nenner bringen. Es geht                        Visite auf der Intensivstation. Der
den biomolekularen Theorien haben                      vielmehr um die Patientin, die nach                      54-jährige Verkäufer in einem örtlichen

Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin, Philipps-Universität Marburg
Mit der weiblichen Form sind in der Regel andere Geschlechter miteingeschlossen.
* Hufeland-Lecture 2020 der Stiftung Allgemeinmedizin (Vorstand: Prof Dr. Jochen Gensichen), gehalten am 3.10.2020 beim Tag der Allgemeinmedizin der LMU München
DOI 10.3238/zfa.2021.0177–0182

                                                                                          © Deutscher Ärzteverlag | ZFA | Zeitschrift für Allgemeinmedizin | 2021; 97 (4)
Frau Doktor, warum ich? Überlegungen zu klinischer Kausalität
Donner-Banzhoff
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      Autohaus, der am Vortag wegen eines                           gehören zu diesen Bedingungen etwa          gen mit einer gewissen Wahrschein-
      akuten Myokardinfarktes aufgenommen                           das Alter, das Geschlecht und der           lichkeit mit bestimmten Ereignissen
      ist, fragt die Oberärztin bei der Visite:                     Raucher-Status. An Gesetzmäßigkei-          einhergehen [3]. Einen wissenschaft-
      „Warum ist mir das passiert?“ Die                             ten (L1, L2 usw.) ist der Zusammen-         lichen Beleg für den oben angespro-
      Oberärztin, die zuvor vom Stationsarzt                        hang von Rauchen und KHK ein-               chenen Zusammenhang bietet die be-
      einen Bericht von bisherigem Verlauf, Ri-                     schlägig. Die Erklärung erscheint als       reits 1951 begonnene britische Ärzte-
      sikofaktoren und Therapie erhalten hat,                       logisch zwingende Konsequenz („de-          studie [4]. Durch die Homogenität
      antwortet leicht aggressiv: „Kein Wun-                        duktiv“).                                   dieser Kohorte werden automatisch
      der, Sie rauchen ja!“                                             Stellen wir uns vor, unser Patient      zahlreiche Störfaktoren (Confounder)
           Der Zusammenhang von Rauchen                             würde kritisch zurückfragen: „Wenn ich      berücksichtigt. Die jährliche Sterbera-
      und der koronaren Herzkrankheit (KHK)                         nie geraucht hätte, hätte ich also keinen   te an der KHK pro 1000 Männern be-
      ist geradezu ein Fundamentalgesetz mo-                        Herzinfarkt bekommen?“ Eine unwill-         trug 3,61 bei Nichtrauchern, 4,36 bei
      derner Präventivmedizin. In der Visiten-                      kommene Verzögerung im Ablauf. Bisher       Rauchern. Es zeigt sich also ein Un-
      gruppe regt sich deshalb kein Wider-                          hatte man sich im Feld klarer Gesetz-       terschied in den KHK-Todesraten zwi-
      spruch; zu klar scheinen hier der Zusam-                      mäßigkeiten bewegt, jetzt kommen            schen Exponierten (Rauchern) und
      menhang und die moralische Botschaft.                         Wahrscheinlichkeiten ins Spiel. Die         Nicht-Rauchern, er ist jedoch nicht
      Auch der Patient schweigt, schuldbe-                          Oberärztin antwortet, leicht zerknirscht:   dramatisch. Auch die Nichtraucher
      wusst und von Reue geplagt.                                   „So einfach ist das nicht, auch Nichtrau-   weisen eine beachtliche Sterblichkeit
           Wir empfinden die Antwort der                            cher bekommen Herzinfarkte. Aber nicht      an der KHK auf.
      Oberärztin aus zwei Gründen als un-                           so häufig wie Raucher.“
      angemessen. Zum einen, weil sie die                               An den Formulierungen des HO-           Einzelfall versus Kollektiv
      ätiologischen Verhältnisse extrem                             Schemas fällt uns auf, dass die For-        Die wissenschaftliche Untersuchung
      vereinfacht, zum anderen, weil sie of-                        mulierungen auf die reale Welt, sei         an einem Kollektiv erlaubt es, interes-
      fenbar nicht bedenkt, dass sie sich im                        sie biologisch, psychologisch oder so-      sierende Faktoren in ihrer Variabilität
      Dialog mit einem Menschen befin-                              ziologisch verstanden, nicht zutref-        zu messen und den Zusammenhang
      det, den ihre Aussagen existenziell                           fen: Welches Explanandum (Krank-            mit der Erkrankung zu analysieren.
      betreffen. Was sie ihm sagt, wird die                         heitsereignis) lässt sich „logisch“, d.h.   Faktoren, die im Kollektiv nicht vari-
      Verarbeitung der Krankheit bestim-                            zwingend aus einem Explanans (z.B.          ieren, können nicht untersucht wer-
      men, wie er in Zukunft seinen Körper                          Risikofaktoren-Konstellation) ablei-        den; so lässt sich in einer Stichprobe
      empfindet, vielleicht sogar, ob er trotz                      ten? Für welche Gesetze kann über-          ausschließlich von Männern der Ein-
      seiner Krankheit mit Zuversicht wei-                          haupt universelle Geltung postuliert        fluss des Geschlechts nicht quantifi-
      terlebt oder wegen seiner Krankheit in                        werden? In der Medizin gilt dies nur        zieren.
      eine Depression gerät.                                        für den Tod, aber selbst dessen Zeit-            Exakt diese Situation haben wir je-
           Unsere Antworten auf die Wa-                             punkt können wir nicht vorhersagen.         doch im klinischen Einzelfall vor uns:
      rum-Fragen unserer Patientinnen                               Das HO-Schema ist also determinis-          hier steht die Ausprägung einer jeden
      müssen also                                                   tisch.                                      Variable fest; das mag das Geschlecht,
      • wissenschaftlich gerechtfertigt sein                            Von einer deterministischen Er-         das Alter, das Rauchverhalten sein,
        und                                                         klärung oder Weltsicht sprechen wir         das Lipidprofil und der psychosoziale
      • das persönliche Gegenüber beden-                            dann, wenn Ereignisse oder Befunde          Hintergrund. Wie können wir wissen,
        ken.                                                        vorherbestimmt und aus Bedingun-            ob unser Patient, wenn er nicht ge-
      Unsere Antworten geben wir inner-                             gen erklärbar angenommen werden.            raucht hätte, ein anderes Schicksal er-
      halb einer Beziehung; wir können                              Ereignisse finden statt, oder sie fin-      fahren hätte? Wissenschaftlerinnen
      damit positiv prägen, aber auch                               den nicht statt. Wenn eine Situation        können diese Zusammenhänge pro-
      menschlichen Schaden anrichten .                              oder ein Zusammenhang zunächst              spektiv untersuchen, sie können so-
                                                                    unverständlich erscheint, liegt das         gar die Unsicherheit quantifizieren
      Ein logisches Schema                                          Problem aufseiten des Betrachters.          und kommunizieren (Konfidenzinter-
      Die Antwort der Oberärztin folgt dem                          Wie in einer Detektivgeschichte kann        valle, statistische Tests). Wir stehen
      sogenannten Hempel-Oppenheim-                                 die Lösung durch gründliche Unter-          dagegen vor der individuellen Patien-
      Schema einer Erklärung (abgekürzt                             suchung und das Aufdecken entspre-          tin, unsere Sicht ist retrospektiv und
      HO-Schema oder auch „deduktiv-no-                             chender Gesetzmäßigkeiten gefun-            erfasst festgezurrte Faktoren; eine Er-
      mologische“ Erklärung – s. Abb. 1).                           den werden.                                 kenntnis durch Variation ist uns ver-
      Nach diesem Schema kann aus einem                                                                         wehrt. Wie können wir unter diesen
      Explanans, d.h. den Charakteristika                           Alles nur wahrscheinlich                    Umständen eine sinnvolle Antwort
      des Einzelfalls (Antezedens) und all-                         Auch wenn die in der Medizin all-           auf die Warum-Frage geben?
      gemeinen Gesetzen ein Befund (Ex-                             gegenwärtigen Modelle (Biochemie,                Unsere Situation wird durch den
      planandum) erklärt werden [2]. Es                             Pathophysiologie) einen determinis-         Erklärungsdruck noch schwieriger,
      stellt die Verbindung her zwischen                            tischen Anschein erwecken, so gibt es       unter dem wir stehen. Eine Wissen-
      dem Einzelfall (Bedingungen C1, C2                            in der Natur ausschließlich probabi-        schaftlerin kann entscheiden, dass ei-
      usw.) und allgemeinen Gesetzmäßig-                            listische Zusammenhänge; wir kön-           ne bestimmte Fragestellung irrelevant
      keiten (L1, L2 usw.). In unserem Fall                         nen also nur sagen, dass Bedingun-          ist, nicht interessiert oder sich zurzeit

      © Deutscher Ärzteverlag | ZFA | Zeitschrift für Allgemeinmedizin | 2021; 97 (4)
Frau Doktor, warum ich? Überlegungen zu klinischer Kausalität
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                                                                                                              ne wesentliche Konsequenz für unse-
                                                                                                              re Aufgabe: Eine Warum-Frage ist
                                                                                                              nicht absolut zu verstehen, sondern
                                                                                                              ist immer irgendwie gemeint. Sie zielt
                                                                                                              auf bestimmte, von der Fragenden als
                                                                                                              relevant angesehene Ursachen.
                                                                                                                  „Relevant“ sind vielleicht nur Ur-

                                                                                    Abb: N. Donner-Banzhoff
                                                                                                              sachen, die z.B. zwischen mir und
                                                                                                              meinen Mitmenschen variieren, oder
                                                                                                              die innerhalb meiner eigenen per-
                                                                                                              sonenbezogenen Erfahrungen sich
                                                                                                              verändert haben, oder vielleicht nur
Abbildung 1 Modell der Kausalerklärung nach Hempel-Oppenheim                                                  solche, die sich verändern lassen.
                                                                                                                  Aber es geht auch um die Bestim-
                                                                                                              mung der Referenzklasse. Wenn wir
                                                                                                              Aussagen über Ursachen machen,
noch nicht valide untersuchen lässt.      theoretischen Begriffen, überlieferten                              haben wir zumindest implizit einen
Im klinischen Kontext haben wir je-       Praktiken und Kriterien der Geltung                                 Vergleich im Sinn. Natürlich ist es
doch nicht die Möglichkeit, uns da-       von Aussagen. Dieselben Phänomene                                   schädlich, 20 Zigaretten täglich zu
vonzustehlen: wir müssen uns äu-          lassen aus verschiedenen wissen-                                    rauchen; wenn man diese Dosis je-
ßern, und wenn wir nur unser per-         schaftlichen Perspektiven verschiede-                               doch mit 40 und mehr Zigaretten
sönliches Nicht-Wissen oder ein all-      ne Deutungen zu, die jeweils ihre ei-                               am Tag vergleicht, wird sie zu einer
gemeines Nicht-Wissen-Können ein-         gene Berechtigung haben können.                                     protektiven Strategie. Eine Erklärung
gestehen.                                 Unser aktueller Bestand an Wissen                                   bzw. Antwort auf das „Warum?“
                                          und Methoden ist historisch gewor-                                  wird immer vom Kontext einer Refe-
Eine philosophische                       den, und wird irgendwann genauso                                    renz, d.h. einem Vergleich, abhän-
Perspektive                               überholt sein wie die Erklärungen                                   gen.
Philosophen ringen seit Jahrtausen-       früherer Jahrzehnte oder Jahrhunder-
den um das Problem der Kausalität.        te, über die wir heute vielleicht den                               Immer irgendwie gemeint:
Auch die Kausalerklärung im Einzel-       Kopf schütteln.                                                     Fragen
fall ist immer wieder thematisiert            Van Fraassen zieht daraus die                                   So sind für unseren Patienten mit
worden, wobei die Formulierung von        Konsequenz, wissenschaftliche Kau-                                  Herzinfarkt folgende Fragen bzw. da-
Hempel und Oppenheim für die Phi-         salerklärungen grundsätzlich als Ant-                               mit verbundene Vorstellungen denk-
losophie der Gegenwart ein wichtiger      worten auf Warum-Fragen zu kon-                                     bar:
Meilenstein gewesen ist, auch wenn        struieren. Er will dies durchaus auch                               1. Warum musste mir das passieren?
das HO-Schema heute so nicht mehr         auf Wissenschaften wie die Physik                                   2. Den Jungs in meiner Fußballgrup-
akzeptiert wird. Der niederländische      angewandt wissen, für die Medizin ist                                  pe geht es gut, warum hat es mich
Philosoph Bas van Fraassen hat zu         uns die Berechtigung verschiedener                                     erwischt?
dieser Debatte einen Beitrag geleistet,   Sichtweisen immer schon vertraut.                                   3. Morgen ist Deadline für unser Pro-
der uns bei unserer klinischen Fra-       Wir sind es gewohnt, Phänomene des                                     jekt, warum musste mir das jetzt
gestellung weiterhelfen kann [5].         Lebens auf der Ebene molekularer                                       passieren?
    Er fasst wissenschaftliche Er-        Mechanismen, epidemiologisch un-                                    4. Warum habe ich den Rettungs-
kenntnisse nicht als „Entdeckung“         tersuchter Risikofaktoren, psycho-                                     dienst nicht früher gerufen?
auf; dies würde nämlich implizieren,      neuro-immunologischer Zusammen-
dass wir Aussagen über eine objektive     hänge usw. zu erklären.                                             Bei der ersten Fragestellung lässt sich
Realität von Abläufen im Körper ei-           Die Frage unseres Patienten „Wa-                                als Referenzklasse etwa die Bevölke-
ner Patientin machen würden. Damit        rum ist mir das passiert?“ könnten                                  rung des Landes vorstellen. Inner-
zusammen hängen auch lineare Auf-         wir als ausgesprochen schlechten                                    halb dieser Gruppe würden wir dann
fassungen des wissenschaftlichen          Scherz, folgendermaßen beantwor-                                    Erkrankte – Menschen mit Herz-
Fortschritts: Im Laufe der Zeit würden    ten: „Ja, Sie haben einen Herzinfarkt                               infarkt – mit Nicht-Erkrankten ver-
immer mehr Hindernisse und Verzer-        bekommen, weil Sie ein Mensch                                       gleichen. „Ihr Alter, ihr Geschlecht
rungen unserer Sicht der Welt auf die     sind.“ Sachlich ist dies korrekt, da                                und das Rauchen könnten eine Rolle
Seite geräumt, sodass wir konsequen-      Tiere (meines Wissens) keine Herz-                                  gespielt haben“ – so lässt sich im Ge-
terweise „als Sieger“ auf die Ge-         infarkte erleiden. Obwohl aus der                                   spräch eine Antwort formulieren.
schichte der Wissenschaft zurückbli-      Perspektive einer umfassenden Kau-                                  Dies müssen wir mit der nötigen Vor-
cken.                                     salkette und derer notwendigen Vo-                                  sicht formulieren; denn zahlreiche
    Van Fraassen versteht wissen-         raussetzungen sachlich korrekt, wür-                                kausale Faktoren sind im Spiel, die
schaftliche Erkenntnis eher als „Kon-     de unser Patient – zu Recht verärgert                               sämtlich nur probabilistisch mit der
struktion“. Sie sind abhängig von         – antworten: „Nein, so habe ich es                                  Erkrankung assoziiert sind (siehe

                                                                    © Deutscher Ärzteverlag | ZFA | Zeitschrift für Allgemeinmedizin | 2021; 97 (4)
Donner-Banzhoff
      Frau Doktor, warum ich? Überlegungen zu klinischer Kausalität
180   Doc, Why me? Some Thoughts on Clinical Causality

      Zahlenbeispiel aus der britischen Ärz-                        geschäftiger Auftritt des Rettungs-          liose“ als Erklärung für unspezi-
      testudie oben).                                               teams). Gerade Ärztinnen mit ihrer           fische Beschwerden bemüht wird.
          Bei der zweiten Fragestellung da-                         eigenen Tendenz zur Dissimulation            Dies ist das einfachste Kriterium, es
      gegen hat unser Patient eine andere                           sollten sich hier zurückhalten und           findet sich analog auch im oben
      Referenzklasse gewählt. Er vergleicht                         Verständnis für eine Entscheidungs-          beschriebenen HO-Schema (C1, C2,
      sich mit seinen gleichaltrigen Män-                           situation mit hoher Unsicherheit sig-        ...).
      nerfreunden, mit denen er sich jede                           nalisieren. Im Nachhinein ist man         2. Ist die Assoziation von Erklärung
      Woche zum Fußballspielen und gesel-                           immer klüger ...                             und Erkrankung wissenschaftlich
      ligen Beisammensein trifft. In dieser                             Die Strukturierung des Kausali-          belegt? Wie stark ist der Zusam-
      Runde rauchen alle, unsere Erklärun-                          tätsproblems kann also zu ganz un-           menhang? Wie weit trifft dies in
      gen oben sind plötzlich hinfällig: Die                        terschiedlichen Fragen und Referenz-         Bezug auf die jeweilige Referenz-
      anderen Männer haben dieselben Ri-                            gruppen führen, je nachdem, wie die          klasse zu?
      sikofaktoren, sind zudem sozial ähn-                          Warum-Frage von der Patientin ge-            Auch dieses Kriterium ist sinn-
      lich gestellt, sodass wir für diese Refe-                     meint ist oder verstanden wird. Es           gemäß im HO-Schema enthalten
      renzklasse nach anderen Erklärungen                           fällt vor diesem Hintergrund schwer,         (L1, L2, ...); wir wissen allerdings,
      suchen müssen.                                                eine einzige „objektive“ Analyse des         dass wir es immer nur mit probabi-
          Bei der Aufnahme (Sozialanamne-                           Kausalproblems hervorzuheben. Mit            listischen Gesetzen oder besser: As-
      se) hatte sich herausgestellt, dass un-                       einer anderen Referenzklasse kom-            soziationen zu tun haben. Voraus-
      ser Patient vor etwa einem Jahr von                           men wir entsprechend zu einer ande-          gesetzt, die Referenzklassen stim-
      seiner Frau verlassen worden war. Au-                         ren Kausalschlussfolgerung, wobei            men einigermaßen überein, lassen
      ßerdem steht er bei der Arbeit massiv                         wir – sicher eine Verkürzung – anneh-        sich mithilfe von epidemiologi-
      unter Druck, ohne sich dagegen weh-                           men, dass die Kumpels keine entspre-         schen Studien Zusammenhänge
      ren zu können. Tatsächlich gibt es                            chenden Belastungsfaktoren aufwei-           quantifizieren, z.B. als Relatives Ri-
      epidemiologische Belege dafür, dass                           sen. In beiden Erklärungsversuchen           siko (risk ratio – RR).
      fehlende soziale Unterstützung und                            haben wir auf bekannte Gesetz-               So muss für die meisten Versuche,
      eine stressige Arbeitssituation ohne                          mäßigkeiten zurückgegriffen; bei der         ein gesundheitliches Problem mit
      eigene Entscheidungsmöglichkeiten                             ersten auf den Nachweis, dass Ge-            einem erniedrigten Vitamin-D-
      Risikofaktoren für die koronare Herz-                         schlecht, Alter und Rauchen Risiko-          Spiegel zu erklären, auf den fehlen-
      krankheit darstellen [6].                                     faktoren für Herzinfarkte sind; bei der      den wissenschaftlichen Beleg hin-
          Die dritte Frageform zielt auf den                        zweiten auf den nachgewiesenen Zu-           gewiesen werden. Es mag sein, dass
      Zeitpunkt des Geschehens: „Warum                              sammenhang von psychosozialen                eine Patientin einen im Vergleich
      ausgerechnet jetzt?“ So verständlich                          Einflüssen. Wir haben hier also wis-         zur Bevölkerungsnorm erniedrig-
      die Frage ist, so sehr müssen wir zuge-                       senschaftliche Erkenntnisse in die Be-       ten Wert hat; dies ist jedoch ein
      ben, hier keine Antwort zu haben.                             ratung eingebracht.                          rein deskriptiver Befund. Als Erklä-
      Warum es an diesem Tag zur Ruptur                                                                          rung im Einzelfall taugt er nur,
      einer arteriosklerotischen Plaque ge-                         Ein evidenzbasierter                         wenn an einem Kollektiv eine
      kommen ist, nicht jedoch einen Mo-                            Baukasten                                    quantitative Assoziation von Vita-
      nat früher oder später, lässt sich nicht                      Chronische Borreliose, Vitamin-D-            min-D-Spiegel und den hier vorlie-
      plausibel beantworten. Auch der Hin-                          Mangel oder Darmpilze: Patientin-            genden Beschwerden dokumen-
      weis auf sich anstauende bzw. kulmi-                          nen bekommen auf ihre Fragen nur             tiert worden ist.
      nierende Prozesse (Arteriosklerose) im                        allzu oft abstruse Antworten. Wie         3. Welche Rolle spielt die Erklärung
      Vorlauf zu einem katastrophalen Er-                           können wir gute, valide, plausible           im Vergleich zu anderen mögli-
      eignis hilft letztlich nicht. Hier wer-                       Erklärungen von weniger guten, va-           chen?
      den wir deshalb die Zufälligkeit bzw.                         liden, plausiblen unterscheiden?             Es gibt Erkrankungen, deren Ver-
      das Fehlen einer wissenschaftlich be-                         Welche Antworten können wir                  ursachung von einer einzigen Ur-
      lastbaren Erklärung betonen müssen.                           rechtfertigen? Orientierend an van           sache dominiert wird; Beispiele da-
          Das vierte Verständnis der Wa-                            Fraassen schlage ich folgende Krite-         für wären das Pleura-Mesotheliom
      rum-Frage zielt auf die eigene Schuld:                        rien bzw. Überlegungen vor, die bei          nach einer langjährigen Asbest-Ex-
      „Hätte ich doch ...“. Patientinnen                            einer Evaluation von Erklärungen             position. Ähnlich würde die Situa-
      und Angehörige neigen bei ernsten                             helfen können:                               tion bei einem 30-jährigen Patien-
      Erkrankungen häufig dazu, eine mo-                            1. Die Wahrheit der Erklärung:               ten mit einem Herzinfarkt und ei-
      ralische Bewertung von Verhaltens-                               Raucht er tatsächlich? Seit wann?         ner erblichen Fettstoffwechselstö-
      weisen und Charakteristika vor-                                  Wie stark? Oder ist er ein Ex-Rau-        rung sein. In beiden Fällen wäre die
      zunehmen, bis hin zu Schuldvorwür-                               cher? Wann hat er aufgehört? –            Antwort auf die „Warum ich-Fra-
      fen. Die Rettungsleitstelle anzurufen                            Oder: Ist die Bestimmung der              ge“ recht eindeutig zu beantwor-
      ist oft eine überaus schwierige Ent-                             Schwermetalle im Blut mit einem           ten.
      scheidung, da oft Unsicherheit be-                               validierten und erprobten Test er-        Bei der koronaren Herzkrankheit
      steht (wirklich etwas Ernstes?), und                             folgt? In einem vertrauenswürdi-          ohne diese starke erbliche Kom-
      sich die Alternativen dramatisch un-                             gen Labor? Ähnliche Fragen stellen        ponente haben wir dagegen den
      terscheiden (ruhiges Abwarten versus                             sich, wenn eine „chronische Borre-        viel häufigeren multikausalen Fall.

      © Deutscher Ärzteverlag | ZFA | Zeitschrift für Allgemeinmedizin | 2021; 97 (4)
Donner-Banzhoff
Frau Doktor, warum ich? Überlegungen zu klinischer Kausalität
Doc, Why me? Some Thoughts on Clinical Causality                                                                                                         181

  Zahlreiche Risikofaktoren tragen        (recall) oder gar Wiederkäu-Bias (rumi-            trachtet sind wir damit jedoch der
  auf der Gruppenebene zur Morbi-         nation). Dies lässt gerade auch die                Frage nach der Ätiologie (Ursachen)
  dität und Mortalität von Erkran-        psychosozialen Erklärungen, die All-               ausgewichen. Denn wir haben ledig-
  kungen bei. Aber sie sind für die Er-   gemeinärztinnen mit ihren Patientin-               lich den Mechanismus bzw. die sehr
  klärung im Einzelfall viel weniger      nen häufig erarbeiten, in einem kriti-             „nahen“ Ursachen geschildert, mit
  eindeutig. Was hat bei diesem Pa-       schen Licht erscheinen.                            denen Krankheitsursachen zu Symp-
  tienten den Ausschlag gegeben, so           Der Verweis auf den Zufall und                 tomen, Komplikationen und Behin-
  dass man sagen könnte: Wenn die-        die Grenzen unserer Kausalerklärung                derungen führen.
  ser Faktor nicht gewesen wäre, wä-      zeigt jedoch nicht nur – negativ – un-                 Aufgrund ihrer Sozialisation ver-
  re die Erkrankung nicht aufgetre-       sere Hilflosigkeit. Vielmehr hat dies              wechseln Ärzte diese beiden Aspekte
  ten? Hinzu kommt, dass in epi-          auch eine positive Seite: wir bieten               regelmäßig. Das liegt am biologisti-
  demiologischen (Beobachtungs-)                                                             schen Bias einer Mehrheit ihrer aka-
  Studien die aufgeklärte Varianz                                                            demischen Lehrer, die allzu gerne in
  meistens gering ist; eine große Zahl                                                       Mechanismen denken. Die Schaubil-
  nicht gemessener, vielleicht sogar                                                         der, mit denen wir ja zu Hunderten
  nicht bekannter Faktoren wirkt auf                                                         während unserer Ausbildung kon-
  die Zielgröße (= Auftreten der Er-                                                         frontiert werden [8], haben noch eine
  krankung) ein. Also auch auf wis-                                                          weitere Eigenart: sie sind klamm-
  senschaftlicher Ebene, d.h. bei                                                            heimlich deterministisch. Die Prozes-
  Aussagen über Kollektive, sind un-                                                         se, die dargestellt werden, laufen im-
  sere Erklärungsmöglichkeiten be-                                                           mer komplett ab. Die Moleküle wis-
  grenzt. All dies relativiert unsere                                                        sen genau, wo sie hinschwimmen
  Behauptungen zur Kausalität im          Prof. Dr. med. Norbert                             müssen. Dass auch hier Reaktionen
  Einzelfall. Im obigen Beispiel des      Donner-Banzhoff, M.H.Sc. …                         nur mit einer gewissen Wahrschein-
  Patienten, der mit der Oberärztin       … ist Arzt für Allgemeinmedizin und                lichkeit ablaufen, dass es Fließgleich-
  die Ursachen seines Herzinfarktes       Professor an der Philipps-Universität              gewichte gibt, unterschiedliche Pro-
  diskutiert, wäre in Bezug auf das       Marburg.                                           zesse in unterschiedlichen Kompar-
                                          Wissenschaftliche Schwerpunkte:
  Rauchen zu sagen, dass zwar das                                                            timenten ablaufen – das fällt unter
                                          • Diagnostische Prozesse (Mit-Ent-
  Rauchen eine nachgewiesene Ursa-          wickler des Marburger Herz-Score,                den Tisch. Im Kontrast dazu geben
  che von Herzinfarkten ist, dass           prägte den Begriff des „Induktiven               moderne Entscheidungshilfen eine
  aber zahlreiche andere Faktoren ei-       Streifens“)                                      probabilistische Information zu Risi-
  nen Einfluss auf die Krankheitsent-     • Entscheidungshilfen (Mit-Entwick-                kofaktoren und Interventionseffek-
  stehung haben.                            ler der digitalen Bibliothek der Ent-            ten.
                                            scheidungshilfen „arriba“)
                                          • Versorgungsforschung, Klinische
Wir müssen die gewichtige Rolles des        Epidemiologie, Kommunikation in                  Umsetzbar im Alltag?
Zufalls, die allgegenwärtige Kontin-        der hausärztlichen Versorgung                    Es stellt sich die Frage, ob die hier
genz im Hinterkopf haben und da-          Foto: Rolf Wegst                                   dargestellten Überlegungen zu einer
rauf im Gespräch immer wieder hin-                                                           „klinischen Kausalität“ umsetzbar
weisen. Der britische Statistiker David                                                      sind. Sind unsere Krankenhäuser und
Spiegelhalter hat dies in einem Inter-                                                       Praxen geeignete Orte für Gespräche
view in Bezug auf Krebs sehr treffend     unserem Patienten damit auch eine                  dieser Art?
zusammengefasst: Wenn jemand an           Ent-Lastung und Ent-Schuldung.                         Die norwegische Ärztin und Ethi-
Krebs erkrankt, ist dies zunächst ein-    Denn viele der retrospektiv identifi-              kerin Kari Agledahl hat in ihren Un-
mal Pech [7]. Dem stehen die Grübe-       zierten Faktoren sind mit Schuldge-                tersuchungen von Arzt-Patientenkon-
leien des Patienten wie auch seiner       fühlen oder Vorwürfen, z.B. durch Fa-              takten in einem großen Krankenhaus
Familie entgegen (von irgendwas           milie oder Vorgesetzte verbunden.                  festgestellt, dass Ärztinnen freundlich
muss das ja kommen!). Wer den gan-                                                           und offen mit ihren Patientinnen um-
zen Tag auf der Intensivstation liegt,    Ausweichstrategien                                 gehen. Allerdings filtern sie emotiona-
durchforstet sein Leben der letzten       Oft beantworten wir die Warum-Fra-                 le Signale und grundsätzliche Fragen
Tage und Wochen und findet dabei          ge unserer Patienten mit einem Ex-                 aus und konzentrieren sich auf Infor-
ganz viel: der Stress, zu wenig ge-       kurs in die Pathophysiologie oder                  mationen, die für die Diagnosestel-
schlafen, zu viel gearbeitet oder zu      -anatomie. „Herzinfarkt ist, wenn ein              lung oder das unmittelbare Manage-
wenig, das Falsche gegessen oder ein-     Stück verkalkter Gefäßwand sich lo-                ment erforderlich sind. Agledahl
geatmet. Aber: wenn unser Patient         ckert, abreißt und das Gefäß ver-                  spricht von einem „existenziellem
diese Überlegung an einem ganz nor-       stopft, ein Gerinnsel bildet, wodurch              Ausfiltern“ (existential defiltering) [9].
malen Tag angestellt hätte, ohne die      dann der Herzmuskel abstirbt usw.“                 Hier ein Beispiel aus Ihrer Arbeit.
Erkrankung (Herzinfarkt), hätte man       Mit solchen Erklärungen gelingt es                     Patient: „Körperlich war ich eigent-
nicht dieselben Faktoren gefunden? –      uns immer wieder, unsere Patientin-                lich immer ganz gesund, bis meine Frau
Vermutlich ja. In der Epidemiologie       nen zu beeindrucken und weitere                    starb, vor drei Jahren …“. Die Ärztin
spricht man von Erinnerungs-Bias          Fragen zu unterbinden. Genau be-                   reagiert nicht, betrachtet den Bildschirm:

                                                                       © Deutscher Ärzteverlag | ZFA | Zeitschrift für Allgemeinmedizin | 2021; 97 (4)
Donner-Banzhoff
      Frau Doktor, warum ich? Überlegungen zu klinischer Kausalität
182   Doc, Why me? Some Thoughts on Clinical Causality

      „Ja“. Patient: „Und … dann ist anschei-                       die diagnostische Entscheidung ist                 liott P (eds.). Coronary heart disease
      nend sehr viel passiert … mit meinem                          die klinische Kausal-Erklärung eine                epidemiology: From aetiology to pu-
      Herzen und so …“. Ärztin: „Aber an-                           komplexe Aufgabe, in welcher Fach-                 blic health. 2nd ed. Oxford: Oxford
                                                                                                                       University Press, 2005
      sonsten sind Sie gesund gewesen?“                             wissen und kommunikative Fähigkeit
          Hier möchte ein Patient offenbar                          untrennbar zusammengehören.                    7. Spiegelhalter DJ. Man muss auch ge-
                                                                                                                      nießen: Bahnreisen, Motorradfahren
      eine Kausalhypothese besprechen,
                                                                                                                      und gebratener Speck: David Spie-
      nämlich ob der Tod seiner Frau bei                            Danksagung: Ich danke Prof. Dr.                   gelhalter über den Umgang mit all-
      der Verschlechterung seiner eigenen                           Urban Wiesing (Tübingen) für die kri-             täglichen Risiken (SZ-Interview). Süd-
      Krankheit eine Rolle gespielt haben                           tische Durchsicht und hilfreiche An-              deutsche Zeitung 2. Februar 2016
      könnte. Seine Ärztin geht auf diese                           merkungen zu einer früheren Version            8. Donner-Banzhoff N. Mechanistische
      Frage überhaupt nicht ein, sondern                            dieses Textes.                                    Narrative als Mittel der Disseminati-
      hält ihm einen Vortrag über die                                                                                 on: das Beispiel koronarer Technolo-
      schädliche Wirkung des Rauchens.                              Interessenkonflikte:                              gien. Bundesgesundheitsbl 2020;
                                                                    Keine angegeben.                                  63:521–6.
          Vielleicht müssen Krankenhäuser,
      aber auch Praxen, zuerst zu Orten                                                                            9. Agledahl KM, Gulbrandsen P, Forde
                                                                    Literatur                                         R, Wifstad A. Courteous but not cu-
      werden, an denen Patientinnen es
                                                                                                                      rious: how doctors‘ politeness masks
      wagen, solche Fragen zu stellen; an                           1. Tugwell P, Haynes RB. Assessing                their existential neglect. A qualitative
      denen sie erwarten können, dass ihre                             claims of causation. In: Haynes RB,            study of video-recorded patient con-
      Ärztinnen bereit sind, darauf einzuge-                           Sackett DL, Guyatt GH (eds.). Clinical         sultations. J Med Ethics 2011;
                                                                       epidemiology: How to do clinical               37:650–4.
      hen.
                                                                       practice research. Philadelphia: Wol-
                                                                                                                   10. Donner-Banzhoff N, Michiels-Corsten
                                                                       ters Kluwer, 2015
      Zum Schluss                                                                                                      M, Bosner S. Diagnostizieren in der
                                                                    2. Hempel CG. Studies in the logic of              Allgemeinpraxis. Z Allg Med 2017;
      Mein Eingangsbeispiel hat gezeigt,
                                                                       explanation. In: Klemke ED, Hollinger           93:493–8.
      dass Gespräche über individuelle                                 R, Kline AD (eds.). Introductory rea-
                                                                                                                   11. Donner-Banzhoff N, Seidel J, Sikeler
      Kausalerklärungen ein hohes Krän-                                dings in the philosophy of science.
                                                                                                                       AM, Bosner S, Vogelmeier M, West-
      kungspotenzial aufweisen. Zudem                                  Rev. ed. Buffalo: Prometheus, 1988
                                                                                                                       ram A et al. The phenomenology of
      halten die Erklärungen, die wir unse-                         3. Mayr E. Toward a new philosophy of              the diagnostic process: a primary ca-
      ren Patientinnen anbieten, einer wis-                            biology: Observations of an evolutio-           re-based survey. Med Decis Making
      senschaftlichen Kritik häufig nicht                              nist. Cambridge, Mass.: Belknap,                2017; 37:27–34.
      stand. Die klinische (d.h. für den Ein-                          1988
                                                                                                                   12. Donner-Banzhoff N. Solving the Di-
      zelfall) Kausalerklärung setzt als ers-                       4. Doll R, Hill AB. Mortality in relation to       agnostic Challenge: A Patient-Cente-
      ten Schritt ein genaues Hinhören vo-                             smoking: Ten years‘ observations of             red Approach. Ann Fam Med 2018;
                                                                       British doctors. Brit Med J 1964; 1:            16:353–8.
      raus: Wie ist die Frage gemeint? Auf
                                                                       1399–410
      welche Vergleichsgruppe bzw. Refe-
                                                                    5. van Fraassen BC. The Scientific             Korrespondenzadresse
      renzklasse bezieht sie sich? Wir ha-
                                                                       Image. Oxford: Oxford University
      ben hier eine Parallele zum diagnosti-                                                                       Prof. Dr. med.
                                                                       Press, 2004
      schen Prozess, der ebenfalls mit ärzt-                                                                       Norbert Donner-Banzhoff, MHSc
                                                                    6. Kuper HE, Marmot M, Hemingway H.            Abteilung für Allgemeinmedizin,
      licher Zurückhaltung beginnen sollte,
                                                                       Systematic review of prospective co-        Präventive und Rehabilitative Medizin
      damit die Patientin unbeeinträchtigt                             hort studies of psychosocial factors in     Philipps-Universität Marburg
      den Problemraum abstecken kann                                   the aetiology and prognosis of coro-        35043 Marburg
      („induktives Streifen“) [10–12]. Wie                             nary heart disease. In: Marmot M, El-       norbert@staff.uni-marburg.de

                                                                Ständig aktualisierte Veranstaltungstermine von den
                                                                  „Tagen der Allgemeinmedizin“ finden Sie unter

                                                           www.tag-der-allgemeinmedizin.de

      © Deutscher Ärzteverlag | ZFA | Zeitschrift für Allgemeinmedizin | 2021; 97 (4)
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