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HANDREICHUNG
GENDER-PERSPEKTIVEN
in den Natur- und
Technikwissenschaften
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 1 21.01.19 16:55CHRISTOPH BORNER
Sprecher der Spemann Graduiertenschule
für Biologie und Medizin (SGBM)
Vorwort
Die vorliegende Handreichung ist ein hervorragendes Nachschlagewerk, welches die Gen-
derforschung in allen Bereichen der Natur- und Technikwissenschaften vorantreibt. Sie
gibt Anregungen dafür, wie der so wichtige Dialog zwischen den Fachkulturen der Geistes-,
Sozial- und Kulturwissenschaften sowie dem MINT Bereich aussehen kann. Während Gleich-
stellungspolitik ein bekanntes Thema ist, um an Universitäten Karrieremöglichkeiten für
Frauen, die Bedingungen für Life-Work-Balance und Kinderbetreuung zu verbessern, gleiche
Löhne für gleiche Arbeit zu implementieren oder gar Quotenregeln zu schaffen, um Gleich-
stellung voranzutreiben, ist es bei vielen Wissenschaftler_innen immer noch unbekannt,
dass auch der Bereich Genderforschung gefördert werden sollte.
Für mich als erfahrener Wissenschaftler, der sich über 30 Jahre mit zellulären Systemen
und Mausmodellen beschäftigt hat, ist es heute noch schwierig, genderrelevante Themen
konsequent in Forschungsanträge und Experimente einzubauen, geschweige denn meine
Mitarbeiter_innen und Professorenkollegen_innen von der Wichtigkeit solcher Themen zu
überzeugen. Genau hier setzt diese Handreichung an. Sie gibt Ratschläge, wie die Scientific
Community für Genderforschung sensibilisiert werden kann und zeigt anhand konkreter
Beispiele auf, in welchen Forschungsfeldern sie sich wie implementieren lässt. Dabei kom-
men Pionier_innen zu Wort, die bereits an diesem Unterfangen seit langer Zeit arbeiten und
Genderforschung im MINT-Bereich stärker verankern möchten. Eine große Herausforderung
stellt insbesondere dar, die junge Generation an Studierenden, Doktorierenden und Post-
docs zu erreichen und ihnen mit innovativen Lehrkonzepten Geschlechtsforschung näher
zu bringen und sie dafür zu begeistern diese in ihrer späteren Karriere auch konsequent
anzuwenden. Es bedarf dabei, wie hier gezeigt wird, nicht nur einer theoretischen Fundie-
rung, sondern auch eines didaktischen Einfallsreichtums und struktureller Ideen, damit die
Fachkulturen sich auf einander zu bewegen. Wie am Schluss der Handreichung ausgeführt
wird, ist daher eine Verzahnung von Geschlechterforschung, gendersensitive Didaktik und
Gleichstellungspolitik unverzichtbar.
2
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 2 16.01.19 13:20Die Handreichung beginnt mit einer Einleitung, in der Marion Mangelsdorf aufzeigt, welche
Akteur_innen an dieser mitwirkten, an wen sie sich richtet und welche Themen im Einzelnen
besprochen werden. Sie umreißt dann kurz die drei Themenfelder der Handreichung, die
anschließend genauer besprochen werden: Gender in den MINT-Fächern – Positionen
und Perspektiven; Gender in MINT unterrichten – Hochschuldidaktische Ansätze und
Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik in MINT.
In diesen Abschnitten werden konkrete Möglichkeiten diskutiert, auf denen aufbauend
nun in einem dreijährigen Verbundprojekt „Gendering MINT digital“ zwischen der
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Hochschule Offenburg und Humboldt Universität
zu Berlin von 2017 bis 2020 Open Science Module entwickelt werden, besonders im
Hinblick auf Gestaltungsprozesse digitalisierter Vermittlung von Gender-Wissen in MINT.
Es bleibt zu hoffen, dass diese Handreichung die Diskussion über Genderforschung und
Gleichstellungspolitik in allen Fachkulturen und auf allen Ebenen der Lehre und Forschung
weiter anregt und letztlich die immer noch vorhandene Chancenungleichheit in unserer
Gesellschaft beendet.
3
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 3 16.01.19 13:20Gliederung
Christoph Borner: Vorwort 02
Marion Mangelsdorf: Gendering MINT. Vernetzung von
Gender-Perspektiven in den Natur- und Technikwissenschaften 06
Gender in den MINT-Fächern –
Positionen und Perspektiven 08
Marion Mangelsdorf, Britta Schinzel & Victoria Vonau:
Gender in den MINT-Fächern – Positionen und
Perspektiven
Evelyn Ferstl: Gendering MINT. Perspektiven aus der
Kognitionswissenschaft
Corinna Bath: De-Gendering informatischer Artefakte
"in a nutshell"
Sigrid Schmitz: Sex/Gender. Neue Ansätze zur
Verschränkung von Natur und Kultur für die Forschung
Kerstin Palm: Ein wissenschaftshistorisches Modul
für die Biologie – eine Brücke in die Gender Studies
Gender in MINT unterrichten –
Hochschuldidaktische Ansätze 61
Marion Mangelsdorf & Claude Draude
Gender Studies und Chancengleicheit in MINT 82
Ein Gepräch zwischen Aniela Knoblich
und Marion Mangelsdorf
Gisela Riescher: Nachwort 94
Autor_innenverzeichnis 96
Impressum und Bildnachweis 98
4
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 4 16.01.19 13:20GENDER IN DEN MINT-FÄCHERN
– POSITIONEN UND PERSPEKTIVEN
GENDER STUDIES IN MINT UNTERRICHTEN
– HOCHSCHULDIDAKTISCHE ANSÄTZE
GESCHLECHTERFORSCHUNG UND
GLEICHSTELLUNGSPOLITIK IN MINT
5
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 5 16.01.19 13:20MARION MANGELSDORF
Gendering MINT
Vernetzung von Gender-Perspektiven
in den Natur- und Technikwissenschaften
Die vorliegende Handreichung wendet sich an Akteur_innen im MINT-Bereich, die sich in der
Forschung, Lehre und Hochschulpolitik fragen, wie sie Gender-Perspektiven in ihre Arbeit inte-
grieren können. Im Folgenden zeigen Expert_innen anhand exemplarischer Beispiele, was
es bedeutet, Genderforschung in die Natur- und Technikwissenschaften einzubeziehen,
die Hochschullehre durch gendersensitive Didaktik zu bereichern und welche
gleichstellungspolitischen Perspektiven im MINT-Bereich entwickelt werden können.
Dabei wird deutlich, dass die unterschiedlichen Ebenen von Forschung, Lehre und
Gleichstellungspolitik ineinandergreifen und sich wechselseitig bestärken. Damit plädiert
diese Handreichung dafür, die jeweiligen Ebenen nicht getrennt voneinander zu betrachten,
sondern sie zeigt auf, wie eng sie miteinander verwoben sind.
Mit diesem Plädoyer bilden die in dieser Handreichung vertretenen Expert_innen ihre Dis-
kussionen ab, die von 2015–2016 im Rahmen von drei Workshops und einer abschließen-
den internationalen Konferenz geführt wurden. Diese Publikation geht zurück auf das vom
Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt Gendering MINT (Förder-
kennzeichen: 01FP1453). Die Handreichung und eine Website dokumentieren zum einen
den derzeitigen Stand der Verankerung von Gender in MINT. Zum anderen analysieren sie
Hindernisse des interdisziplinären Dialogs, wodurch sowohl inhaltliche als auch institutio-
nelle Schwierigkeiten erörtert werden, um schlussendlich zur Weiterentwicklung sinnvoller
Formate und zur Stärkung von Gender in MINT anzuregen. Die Handreichung ebenso wie
die Webseite unterstützen den Austausch zwischen Expert_innen, tragen zur Sichtbarkeit
bestehender Initiativen bei und ermöglichen so die Weitergabe und kritische Reflexion beste-
hender Erfahrungen. Ziel ist es, den aktuellen Stand der Verankerung von Gender-Forschung
in MINT zu verdeutlichen, Foren zur Vernetzung zu bieten und die Ergebnisse erfolg-
reicher Initiativen für weitere Projekte nutzbar zu machen. Damit geht es nicht zuletzt
darum, einen Beitrag zur Durchsetzung von Chancengerechtigkeit zu leisten.
6
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 6 16.01.19 13:20Die Handreichung gliedert sich in drei aufeinander verwiesene Bereiche. Einleitend
geht es um Grundlagen, Schlüsselbegriffe und -konzepte. Darauf folgen anwendungs-
orientierte Beispiele aus unterschiedlichen (Fach-)perspektiven. Damit bietet die vorlie-
gende Dokumentation Impulse, sich mittels weiterführender Literatur und Materialien,
die sich ebenfalls in Form von Video- und Grafikdokumentationen auf der Website fin-
den, eingehender mit Gendering MINT zu befassen. Die jeweiligen Bereiche fokussieren:
Gender in den MINT-Fächern –
Positionen und Perspektiven
Gender-Perspektiven in den MINT-Fächern stehen nicht allein in spannungsreichen Verhält-
nissen zu kultur- und sozialwissenschaftlichen Zugängen, sie sind auch in sich heterogen.
Aus kognitions- und neurowissenschaftlicher, biologischer als auch ingenieurwissenschaft-
licher Perspektive fragen wir exemplarisch welche Anliegen und Erkenntnisinteressen sich
mit Gender in MINT verbinden. Wie kann Genderforschung in die jeweiligen Fächer hin-
eingetragen werden und die Fachperspektive ihrerseits die Genderforschung bereichern?
Gender in MINT unterrichten –
Hochschuldidaktische Ansätze
Lehrende, die Gender in den MINT-Fächern beziehungsweise MINT-Perspektiven in
den Gender Studies unterrichten, sehen sich häufig mit Studierendengruppen konfron-
tiert, die sehr heterogenes Vorwissen und unterschiedliche Erwartungshaltungen mit-
bringen. Welche Kompetenzen sollen Studierende in diesen Lehrveranstaltungen er-
werben? Nach welchen Kriterien wird Lernerfolg bemessen? Welche gemeinsamen Stan-
dards und Strategien zur Qualitätssicherung in der Lehre sind sinnvoll?
Geschlechterforschung und
Gleichstellungspolitik in MINT
Die Identifikation und der Abbau von Barrieren, die durch vergeschlechtlichte Fachkulturen
bedingt und aufrecht erhalten werden, sind sowohl für die Umsetzung von Gender & Diversity-
Strategien als auch für die weitere Verankerung der Geschlechterforschung in den MINT-
Fächern unabdingbar. Welche Synergieeffekte zwischen Gender & Diversity-Programmen
und Ansätzen zur Verankerung von Gender-Perspektiven in den MINT-Fächern können
ausgelotet, welche gemeinsamen Problemlagen identifiziert werden?
7
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 7 16.01.19 13:20GENDER IN DEN MINT-FÄCHERN
– POSITIONEN UND PERSPEKTIVEN
MARION MANGELSDORF, BRITTA SCHINZEL
UND VICTORIA VONAU
Mit Initiativen wie dem von der Wissenschaftshistorikerin Londa Schiebinger an der Stanford
University ins Leben gerufenen Projekt Gendered Innovations sowie dem darauf aufbauenen-
den Advice Paper Gender Research and Innovation: Intergrating Sex and Gender Analysis into
Research Processes (LERU 2015) der League of European Research Universities hat die Gen-
derforschung in den MINT-Fächern Auftrieb erhalten. Selbst in EU-Forschungsprogrammen
wie Horizon 2020 findet das Thema Gendering MINT Gehör und liefert Anreiz durch entspre-
chende Budgetierung. Seither wird die Frage, wie die Kategorie Sex – das biologische Ge-
schlecht – und Gender – das soziale Geschlecht – beziehungsweise deren Wechselwirkung
in der Kategorie Geschlecht (sex-gender) in die Entwicklung von Forschungsvorhaben im
MINT-Bereich integriert werden kann, wieder intensiver gestellt. Über Gendered Innovations
wird seither kontrovers – vor allem auch im deutschsprachigen Raum – diskutiert (Ernst/
Horwath 2013; Paulitz et al. 2015 und siehe auch den Beitrag von Sigrid Schmitz in dieser
Handreichung).
Mit dieser Handreichung setzen wir uns mit diesen Diskussionen auseinander, lassen
einzelne Expert_innen und ihre je eigenen Positionen und Perspektiven zu Wort kommen.
Dabei bildet sich ein heterogenes Feld ab, das auf einer inzwischen jahrzehntelangen
Forschung beruht. Im Folgenden möchten wir zunächst die Grundlagen beschreiben, auf
der die Forschung zu Gendering MINT basiert. Zum einen gehen wir auf die Analyse-
ebenen und damit einhergehenden Methoden ein, die in diesem Bereich entwickelt
wurden. Zum anderen gehen wir der Frage nach, welches Verständnis von Sex und
Gender dem MINT-Bereich zugrundeliegt.
8
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 8 16.01.19 13:20Analyseebenen der Aktivität, Reproduktion/Produktion: Labor-
Geschlechterforschung in MINT forschung über Ziele, Methoden, Hilfsmit-
tel, Ergebnisgewinnung und -darstellung
Von der Biologin und Wissenschaftshis-
sowie Publikationspraxen.
torikerin Evelyn Fox Keller wurden folgen-
Science and Technology of Gender
de Analyseebenen herausgearbeitet (Fox
Fächer wie die Biologie, Medizin und Psy-
Keller 1995):
chologie, deren explizites Ziel es ist, Defini-
Women in Science
tionen von Geschlecht, Geschlechterdiffe-
In diesem Feld werden Sozialverhältnisse
renzen und Geschlechterverhältnissen zu
und die Situation von Frauen und anderen
liefern, werden hier beforscht. Dabei wer-
marginalisierten Gruppen in Studien- und
den einer kritischen Reflexion unterworfen:
Berufsfeldern des MINT-Bereichs erforscht.
Normierungen und Normierungsdiskurse
Methoden in diesem Feld sind: Biographie-
(Männlichkeit als Norm–Weiblichkeit als
forschung, Statistik und Empirie (vgl. Fox
Mangel und Abweichung) sowie Naturali-
Keller 1985; Rosser 2014; Schiebinger
sierung von gesellschaftlichen Machtver-
1989; Schinzel 2017).
hältnissen. Zu unterscheiden sind folgen-
Gender in Science de Positionen: sex–gender–Dichotomie;
Die Vorannahmen, Theorien, Methodolo- Differenzansätze; nature–nurture–deba-
gien, Forschungspraxen und der Wissens- te (Anlage-Umwelt-Debatte); Dekonstruk-
kanon im MINT-Bereich wird hier zum For- tionsansätze; Embodyment-Theorien („Bo-
schungsgegenstand erhoben. Gefragt wird, dies are simultaniously nature and culture“
wie Wissen im MINT-Bereich produziert Anne Fausto Sterling 2000); Neukonstruk-
wird und gegenüber anderen Wissensfor- tion von Geschlecht (Ah-King 2014; Rough-
men Abgrenzung erfährt. Geschlecht wird garden 2004; Schmitz/Höppner 2014).
in diesem Forschungsfeld als epistemo-
In diesen als Feminist Science and Tech-
logische -, als Struktur- und Analysekate-
nology Studies oder Gender in Science and
gorie verstanden (vgl. Becker/Krotendiek
Technology Studies bezeichneten Studien
2010; Ernst/Horwath 2013; Leicht-Schol-
kommen auch Methoden der Gesellschafts-
ten 2007).
und Kulturwissenschaften zum Einsatz,
Methoden in diesem Feld sind: Analyse epi-
um die Natur- und Technikwissenschaf-
stemologischer Grundannahmen und Ziele
ten zu beforschen. Hierzu gehören die
(z.B. Fortschritt); Analyse von Dichotomien
Biographieforschung und Methoden der
wie Körper/Geist, Natur/Kultur, Passivität/
Wissenschaftsgeschichte, -soziologie und
9
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 9 16.01.19 13:20-philosophie, von denen insbesondere die ne Subjektposition – der male bias der Wis-
Diskurs- und Sprachanalysen, Interviewstu- sensproduktion – nicht reflektiert, stark,
dien und statistischen Erhebungen sowie wenn sie mitbedacht wird. Marginalisierte
Laborstudien zu nennen sind. Es ist dies Personen sind danach eher dazu befähigt,
ein dezidiert interdisziplinäres Forschung- eine starke Objektivität voranzutreiben,
feld, denn ohne die Fachwissenschaften da sie den "god-trick" (Haraway) vermeint-
sind weder relevante Forschungsfragen licher Objektivität hinterfragen. Harding
noch adäquate Ergebnisinterpretationen spricht in diesem Sinne von einer "strong
zu erwarten. Den klassischen Methoden objectivity", Haraway von einem "situated
im MINT-Bereich am nächsten steht der Fe- knowledge".
ministische Empirismus. Hier wird davon
ausgegangen, dass existierende Methoden
Standpunkttheorien
(Experimente und quantitative Datenerhe-
bungen) fruchtbar gemacht werden kön- verweisen demnach auf die Perspektiven
nen, um den eigenen Ansprüchen an mög- und (Ohn-)Machtpositionen, die sich aus
licher Objektivität Genüge zu leisten, sie einem bestimmten (historischen, kulturel-
beispielsweise von sexistischen und an- len und vergeschlechtlichten) Standpunkt
drozentrischen Vorannahmen zu befreien heraus ergeben. Strukturen, Verhaltens-
(vgl. Palm 2004). weisen, ein doing gender, das weiße westli-
che Männer der Mittelklasse selbstverständ-
lich ausgestalten, erweisen sich für Frauen,
Von einer starken Objektivität ethnische Minderheiten oder Menschen
sprechen Theoretiker_innen der Feminist anderer Schichten hauptsächlich als prob-
Science and Technology Studies (FSTS), lematisch. In feministischen Standpunkt-
wenn Forschende die vermeintliche Neu- theorien wird darüber reflektiert, wie unter-
tralität, das heißt Objektivität ihres Stand- schiedliche Menschen an der Entwicklung
punktes, nicht unhinterfragt behaupten. von wissenschaftlichen Epistemologien teil-
Erkenntnis ist immer schon abhängig vom haben können. Über Barrieren und mögli-
Subjekt, das forscht. Deswegen unter- che Überwindungsstrategien wird nachge-
scheiden die beiden Naturwissenschafts- dacht: auf struktureller, symbolischer und
theoretikerinnen Sandra Harding und Don- individueller Ebene. Patricia Hill Collins sen-
na J. Haraway zwischen Positionen einer sibilisiert in diesem Zusammenhang sei-
schwachen und einer starken Objektivität. tens der Women of Color für Machtpolitiken
Schwach ist die Objektivität, wenn die eige- in der Produktion von Wissen und ‘Wahrheit’.
10
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 10 16.01.19 13:20Der wissenschaftstheoretischen und philo- schreiben. Durch diese Auftrennung des
sophischen Historie folgend, gehen stand- Begriffes Geschlecht in einen biologischen
punkttheoretische Konzepte auf Georg und einen psycho-sozialen Anteil wurde
Wilhelm Friedrich Hegel, insbesondere immerhin eine Emanzipation von einseitig
sein Herrschaft und Knechtschaft-Kapi- biologischen Erklärungen der Geschlecht-
tel in der Phänomenologie des Geistes von lichkeit erreicht, welche mit der Erkenntnis
1807 zurück; ebenso wie auf die ökono- eines doing gender einherging: Geschlech-
misch-politischen Manuskripte von 1844, terdifferentes Verhalten wird durch ge-
in denen Karl Marx Hegel’s dialektische sellschaftliche Strukturen und kulturelle
Antagonismen zwischen Herr und Knecht, Normen entwickelt und verfestigt. Beispiel-
Bewusstsein und Selbstbewusstsein in den haft dafür seien genannt: die geschlechter-
Kontext von Klassenkämpfen gestellt hat. different strukturierte Arbeitswelt und Poli-
Michel Foucault wiederum zog die Epis- tik, die Aufteilung in öffentliche und private
teme heran, um historische und gegenwär- Sphäre, die juridische Fixierung und Behand-
tige Selbstverständlichkeiten herauszuar- lung von Geschlecht, die Zuschreibung von
beiten, und verwies auf die eng miteinander Rationalität an Maskulinität und von Emo-
verflochtenen Spannungsverhältnisse von tionalität an Feminität. Jedoch beinhaltet
Wissen und Macht, so wie Pierre Bour- die Einsicht in die Konstruiertheit von Gender
dieu mit seinem Habitus-Begriff das verin- auch die Möglichkeit eines undoing gender,
nerlichte Bildungskapital, das aus dem das heißt ein Überschreiten binärer Normen.
familiären Umfeld erwächst, betonte.
Die begriffliche Trennung in Sex versus
Gender beinhaltete allerdings eigene Prob-
Zum Sex-/Gender-Verständnis lematiken. Der Sex-Gender-Dualismus folgt
in der Geschlechterforschung einer Dichotomie von Natur versus Kultur
in MINT mit weitreichenden Folgen. Die Analyse
Im Diskurs zur Kategorie Geschlecht wer- biologisch-körperlicher Geschlechteraspek-
den insbesondere auch zwei Begriffe aus te blieb lange Zeit einseitig den Naturwis-
dem englischen Sprachraum verwen- senschaften zugeordnet. Mit dieser Zuord-
det: Sex und Gender. Sex bezeichnet das nung behielt Sex seinen ontologischen
biologische Geschlecht, wohingegen Status als etwas der Kultur Vorgängiges
Gender verwendet wird, um kulturelle und dem Analysebereich der Genderfor-
Prägung, erlernte Rollen, Verhaltens- schung nicht Zugängliches. Umgekehrt
weisen und die Identitätsbildung zu be- wurden biologische Geschlechteraspekte
11
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 11 23.01.19 18:28von der vorwiegend soziologisch orien- Die Biologie fokussiert stark auf den Be-
tierten Genderforschung bis in die 1990er griff Sex: Sie erforscht die Evolution und
Jahre weitestgehend ignoriert, um genau Vererbung biologischer Geschlechtsmerk-
solchen Essenzialisierungen zu entgehen male in ihrem gesamten Spektrum. Seit
(Fausto-Sterling, 2003). Die Angemessen- durch das junge Forschungsfeld der Epige-
heit der Trennungskategorien Sex oder netik bekannt geworden ist, dass Umwel-
Gender wurde seitdem zunehmend hinter- teinflüsse sich auf Genexpressionen auswir-
fragt. ken können, findet auch die Dimension
von Gender Berücksichtigung. Historische
Im Deutschen gibt es diese begriffliche Tren-
Analysen zur Begriffsbildung in der Biolo-
nung nicht – hier wird von ‘Geschlecht’ ge-
gie haben starke Annahmen über Geschlech-
sprochen. Der Begriff Geschlecht er-
terdifferenzen gezeigt, die sich nicht durch
fasst sowohl die biologischen als auch
biologische Befunde erklären lassen:
die kulturellen Aspekte der Begriffe Sex/
So wurden beispielsweise die weibli-
Gender und drückt somit deren Verbin-
chen Geschlechtsmerkmale als eine Ab-
dung und Wechselwirkung aus. Tatsäch-
weichung vom männlichen Standard oder
lich wirken Sex und Gender immer zusam-
gar als Mangel aufgefasst. Auch der Begriff
men. Somit ist eine strikte Trennung der
des Säugetiers spiegelt - im vermeintlich
Begriffe Sex und Gender sowohl unscharf
positiv das Weibliche aufwertenden Sinn
als auch theoretisch unmöglich (Kaiser
- das im 18. Jahrhundert vorherrschende
2012). Beispielsweise werden Genexpres-
Geschlechterrollenverständnis, die Frau sei
sionen durch Umweltfaktoren beeinflusst
von Natur aus die Nährende, das heißt zur
und verweisen somit auf die bestehenden
Kindererziehung und Heimarbeit qua Natur
Wechselbeziehungen zwischen biologisch-
vorgesehen.
em und kulturell erlerntem Geschlecht.
Die Neurowissenschaft beschäftigt sich
Wie werden nun die Begriffe Sex/Gender
unter anderem mit dem Zusammenhang
beziehungsweise Geschlecht in verschie-
zwischen geschlechtsspezifischen Aus-
denen naturwissenschaftlichen und tech-
prägungen von Gehirnen und den da-
nischen Wissenschaftsdisziplinen verwen-
mit korrelierenden Hirnfunktionen. Auf-
det? Was wird unter diesen Begriffen gedacht
grund der Plastizität des Gehirns, das
und welchen Einfluss hat die Verwendung
heißt der Formung von Hirnstrukturen und
dieser Termini auf Forschung und Ergeb-
-funktionen durch soziale Erfahrungen,
nisse in den verschiedenen Disziplinen?
muss auch die Kategorie Gender in der
Forschung berücksichtigt werden. Mittels
12bildgebender Verfahren können Hirnstruk- können zusätzlich Hormonspiegel-Messun-
turen und ihre Aktivität dargestellt und gen durchgeführt werden. Studien, die
auf Geschlechterdifferenzen beziehungs- Geschlechtsunterschiede als primäre Vari-
weise Gemeinsamkeiten zwischen den able statt als sekundäre fassen, sind jedoch
Geschlechtern hin untersucht werden. Um mit der Gefahr einer Dichotomisierung in
dabei Stereotypisierungen von Frauen und “Frauen” und “Männer” behaftet. Dieser
Männern zu vermeiden, lassen sich Perspek- kann durch die Verwendung statistischer
tiven der Gender Studies in den Neurowis- Verfahren begegnet werden, welche auch
senschaften fruchtbar machen. Annahmen, die intersektionale Unterscheidung von
wie sie populärwissenschaftlich noch weit Gruppen ins Auge fassen bzw. einen gewis-
verbreitet sind, konnten auf diese Weise sen Spielraum für die Heterogenität der
bereits widerlegt werden, so beispiels- Gruppen zulassen oder aber indem even-
weise: die stärkere Aufteilung der Infor- tuell auftretende Geschlechtsunterschiede
mationsverarbeitung auf die Kortexhälften mit intersektional differenzierten Maßen
– also die Lateralisierung – in den männli- korreliert werden.
chen Gehirnen erkläre ihre besseren räum-
In den Informatik- und Technikwissen-
lichen und mathematischen Leistun-
schaften wird meistens ausschließlich von
gen, wohingegen eine stärkere Vernet-
Gender gesprochen. Oft wird darauf gezielt,
zung und mehr Informationsaustausch dem
mehr Frauen in die natur- und technikwis-
Sprachvorteil bei Frauen zugrundeliege.
senschaftlichen Disziplinen zu bringen,
Die Forschung zu Kognition und Geschlecht indem sie versuchen, die Einstellungen
beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Frauen zur Technik zu verändern. Nur
von Sex und Gender beziehungsweise wenige Forschungsansätze in diesem Feld
mit Geschlechtsunterschieden in Bezug setzen bei der Informatik beziehungsweise
auf kognitive Leistungen. Hierbei stehen der Technik als in vielfacher Weise verge-
häufiger kulturell-soziale Fragestellungen schlechtlichem Bereich an. Wird der Begriff
als biologische im Vordergrund. In Stu- Gender im technischen Kontext verwendet,
dien wird das biologische Geschlecht der so erfolgt dies häufig mit binären Verständ-
Proband_innen üblicherweise durch Selbst- nissen von Frauen und Männern, die weder
auskunft bestimmt und ggf. deren Persön- den Lebensrealitäten, noch dem Stand
lichkeitseigenschaften oder Einstellungen der Geschlechterwissenschaften entspre-
zum Geschlechterverhältnis per Frage- chen. Stereotype Annahmen über Nut-
bogen erhoben. In medizinisch- oder neuro- zer_innen kommen besonders beim soge-
wissenschaftlich ausgerichteten Studien nannten Gender-Marketing zum Tragen: so
13
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 13 16.01.19 13:20floss beispielsweise die Annahme der Tech- gen und die Forschung beobachtet, begleitet
nikinkompetenz von Frauen in die Entwick- und eingreift beziehungsweise mit ent-
lung von Rasierapparaten (Ellen van Oost, wickelt. Der Annahme, dass Technik neutral
2003) oder in frühere Textverarbeitungspro- und objektiv, das heißt nicht von Interessen
gramme und Benutzungsschnittstellen mit geleitet sei, steht dem gegenüber, Wissen
ein. Aus der Verschränkung von Technik- und Forschung im Gegenteil immer situ-
gestaltung in der Informatik mit aktueller iert“ zu begreifen (Lucy Suchman). Das
Geschlechterforschung könnte “bessere” bedeutet, es verwoben in den Kontingenzen
Technik entstehen, welche problematische intersektional entstandener Bedingungen
Vergeschlechtlichungsprozesse vermeidet zu sehen.
und die Diversität der Nutzenden berück-
Mit der Aufnahme des Begriffs der Cyborg
sichtigt. Doch gibt es auch seit langem
wird der technisch erweiterte Körper von
Genderforschung in der Technik, die unter
den feministischen Science Technolo-
anderem die Dichotomien von Entwicklung
gy Studies (Donna Haraway) auch posi-
und Nutzung ebenso wie die von binärem
tiv gewendet. Andererseits weisen Donna
Geschlecht infrage stellt (Crutzen et al.
Haraway und Lucy Suchman auch hier
200 ). Software-Entwickelnde sind ja immer
auf das situated knowledge“ hin, weshalb
die intensivsten Nutzenden von beste-
ein besser“, ein angebliches Optimum
hender Software. Umgekehrt sind Nutzende
immer spezifisch situiert ist und nicht für
auch oft Um-Nutzende, die Vorfindliches
alle und nicht in jeder Situation angemes-
in andere Kontexte transportieren und
sen sein muss, wie Karin Harasser (201 )
anpassen, das heißt sie sind auch Ent-
es für Körper-Enhancements heraugear-
wickelnde, und sie sollten als solche von
beitet hat. Seit einiger Zeit wird die femi-
vornherein in Entwicklungsprozesse einge-
nistisch-materialistische Theorie der Quan-
bunden werden. Des Weiteren wurden die
tenphysikerin Karen Barad (2012) zur Anal-
epistemischen Annahmen der Technik unter-
yse einer kontinuierlichen Rekonstruktion
sucht (Schinzel 2005), etwa die Annahme,
der Welt mittels technischer Agency“,
dass es eine technische Evolution gebe,
ihrer Schnitte und materiell-semiotischen
die den Fortschritt der Menschheit vorant-
Neukonfigurierungen verstärkt herange-
reibt, dass ein schneller, weiter, höher“
zogen.
die Menschheitsprobleme lösen könne,
während mit den Gender Studies eine sehr
viel bescheidenere Haltung des modest
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17
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 17 16.01.19 13:53"Die Kognitionswissenschaft und die
Genderforschung haben traditionell wenig
Überlappung ... Inzwischen haben sich
jedoch einige Forschungsrichtungen
herausgebildet, in denen geschlechts-
relevante Fragestellungen untersucht
werden ..."
Evelyn C. Ferstl
18
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 18 16.01.19 13:20EVELYN C. FERSTL
Gendering MINT – Perspektiven aus der
Kognitionswissenschaft
Kognitionswissenschaft ist eine interdisziplinäre Fachrichtung, die sich mit der Erforschung
von kognitiven Prozessen in lebenden Organismen und in künstlichen Systemen beschäftigt
(s. Strube/Ferstl/Konieczny/Ragni 2014). Teilbereiche sind unter anderem Wahrnehmung,
Aufmerksamkeit und Gedächtnis, Denken und Problemlösen, Sprache und soziale Interak-
tion. Die Grundannahme ist, dass Kognition aktive Informationsverarbeitung beinhaltet.
Statt eines Abbildes der Welt wird in kognitiven Systemen eine Repräsentation erzeugt, die
sowohl von den Inhalten und Eigenschaften der gerade verarbeiteten Stimuli abhängt, als
auch vom Vorwissen und der Zielsetzung des verarbeitenden Systems, also in der Regel
von Personen.
Als Beispiel kann die visuelle Wahrnehmung dienen. Schaut zum Beispiel eine Autofahrerin
auf die Strasse, wird auf der Retina ein zweidimensionales Bild erzeugt. Dennoch schätzt
sie die Entfernung zu vorausfahrenden Fahrzeugen oder sie erkennt überfrierende Nässe
anhand der Lichtreflektionen auf der Fahrbahn. Diese Interpretationen basieren auf ihrer
Erfahrung mit vergleichbaren Situationen, und erfordern eine komplexe Integration des
retinalen Bildes mit dem Wissen über den situativen Kontext.
Die Teildisziplinen der Kognitionswissenschaft sind die experimentelle Psychologie, Sprach-
wissenschaft, Informatik und Künstliche Intelligenz sowie Philosophie und Anthropologie.
Diese Fachbereiche interagieren und befruchten sich gegenseitig. So werden zum Beispiel
in der künstlichen Intelligenz Erkenntnisse über menschliche Kognition gewinnbringend
eingesetzt oder Befunde aus der Sprachwissenschaft verwendet, um psychologische Pro-
zesse beim Lernen aus Texten zu erklären.
Diese Interdisziplinarität wird auch in der Vielfalt der verwendeten Methoden sichtbar. Unter
anderem verwendet die Kognitionswissenschaft experimentalpsychologische Techniken,
neurowissenschaftliche Messungen, corpus-basierte Methoden aus der Linguistik oder
kognitive Modellierung.
19
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 19 16.01.19 13:20Genderforschung und die noch immer vorhandene Unterrepräsen-
tation von Frauen in diesen Bereichen er-
Kognitionswissenschaft
klären können. Vermehrt werden neurowis-
Die Kognitionswissenschaft und die Gender- senschaftliche Methoden verwendet, um
forschung haben traditionell wenig Überlap- mögliche hirnanatomische oder biologische
pung (s. Ferstl/Kaiser 2013). Dies liegt an Geschlechtsunterschiede bei kognitiven Auf-
den unterschiedlichen Methoden und an gaben zu identifizieren.
den jeweils zugrundeliegenden Annahmen.
Obwohl diese Forschung oft wegen ihres
Inzwischen haben sich jedoch einige For-
vereinfachten Geschlechtsbegriffs kritisiert
schungsrichtungen herausgebildet, in de-
wird (s. dazu den Abschnitt Sex/Gender), ist
nen geschlechtsrelevante Fragestellungen
sie von hoher gesellschaftlicher Relevanz.
untersucht werden. Drei Richtungen möchte
Sie dient einerseits dazu aufzuzeigen, dass
ich hier skizzieren.
viele vermeintliche Unterschiede in kontrol-
lierten Experimenten nicht nachweisbar oder
1. Differenzforschung verschwindend gering sind. Andererseits
Sex und Gender spielten traditionell in der kann diese Forschung die Bedingungen und
Kognitionswissenschaft nur eine unterge- Grenzen von Geschlechtsunterschieden
ordnete Rolle. Unter der Annahme allge- demonstrieren. Wenn zum Beispiel gezeigt
meiner, domänen-übergreifender kognitiver wird, dass die Rollenerwartung auf die Per-
Prozesse stellt sich die Frage nach dem formanz in einer Prüfung Einfluss hat ("Mäd-
Einfluss von Geschlecht nicht unmittelbar. chen können sowieso keine Mathe!"), wird
Interindividuelle Unterschiede werden zum dadurch eine biologistisch-essenzielle In-
Beispiel erklärt durch Gedächtniskapazität, terpretation entkräftet. Wenn zum Beispiel
Aufmerksamkeit oder Vorwissen. In experi- nachgewiesen wird, dass die Leistung von
mentellen Studien wird meist darauf geach- Männern in einem Wortschatztest nur des-
tet, Frauen und Männer gleichermaßen zu halb schlechter ausfällt, weil sie weniger effi-
testen, ohne notwendigerweise den Einfluss ziente Strategien einsetzen als Frauen, kann
von Geschlecht zu analysieren. dies in Erziehung und Unterricht einfliessen.
Geschlechtsunterschiede rücken jedoch
mehr und mehr in den Fokus (Lamplmayr/ 2. Soziale Kognition
Kryspin-Exner 2011). Zum Beispiel wird die Mit ihren inzwischen elaborierten Theorien
Frage untersucht, ob Leistungsunterschie- zur Informationsverarbeitung eignet sich
de in Mathematik und Naturwissenschaften die Kognitionswissenschaft besonders,
20
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 20 16.01.19 13:20die Macht und Funktion von gesellschaft- risierung der Welt und die in der Grammatik
lichen Prägungen, wie zum Beispiel von enthaltenen Beziehungen zwischen diesen
Rollenklischees, zu untersuchen. Durch die Konzepten. Und schliesslich wird ein Groß-
vermehrte Nutzung von neurowissenschaft- teil der im kulturellen Umfeld transportierten
lichen Methoden verwischen allmählich die Wissensinhalte schriftlich oder mündlich –
Grenzen zwischen Sozialpsychologie und aber immer sprachlich – vermittelt. Daher
Kognitionswissenschaft. Im Unterschied zu kann Kognition nicht verstanden werden,
geisteswissenschaftlichen Ansätzen – die ohne die Berücksichtigung von Sprachpro-
häufig die Resultate dieser Wirkung beschrei- duktion, Sprachverständnis und interaktio-
ben – stehen hier jedoch die Mechanismen nalen Kommunikationsprozessen.
im Vordergrund. Die Kognitionswissenschaft Die Forschungsthemen lassen sich wiede-
untersucht also, wie diese Resultate in der In- rum in die obigen zwei Bereiche gliedern:
teraktion zwischen Information und Rezipie- einerseits wird untersucht, ob sich bei-
renden entstehen, welche Voraussetzungen spielsweise die Sprachnutzung und Kommu-
und Rahmenbedingungen dafür nötig sind. nikationsfähigkeit von Frauen und Männern
Fragestellungen aus diesem Forschungsbe- unterscheidet. Dabei ist die Grundannahme,
reich beinhalten die Entstehung und Wirkung dass Frauen im allgemeinen leicht bessere
von Vorurteilen oder die Messung impliziter sprachliche Leistungen zeigen. Eine genaue-
Einstellungen zu Geschlecht (Steffens/Ebert re Einordnung der sprachlichen Teilprozesse,
2010; Ferstl/Kaiser 2013). Im Gegensatz zu der verwendeten kognitiven Strategien sowie
Fragebogenstudien oder qualitativen Erhe- der neurobiologischen Grundlagen stehen im
bungen gibt das experimentelle Instrumen- Vordergrund aktueller Forschung.
tarium Einblick in kognitive Prozesse, die Zum zweiten wird in der Psycholinguistik –
Personen nicht verbalisieren wollen oder in Anknüpfung an den Bereich Soziale Kogni-
können. tion – untersucht, wie Sprache Wissen über
Geschlecht vermittelt und Rollenklischees
3. Sprache und Kommunikation erzeugt. Vor allem beschäftigt sich diese
Auch Kommunikation und Sprache sind Teil- Forschungsrichtung mit der Verwendung
bereiche der Kognitionswissenschaft. Verba- von generisch maskulinen Ausdrücken im
le Ausdrucksmöglichkeit ist das Werkzeug Deutschen und der Wirkung von gender-
für viele höhere geistige Leistungen (wie fairer Sprache. Auch die Einflüsse von ge-
zum Beispiel Problemlösen oder Argumenta- schlechtsrelevanter Information auf die In-
tion). Sprache beeinflusst das Denken durch terpretation von Texten wird hier untersucht.
die den Wörtern zugrundeliegende Katego-
21
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 21 16.01.19 13:20Sex und Gender in der pen zulassen, zum anderen stehen eben
Kognitionswissenschaft meist nicht biologische, sondern kulturell-
soziale Fragestellungen im Vordergrund.
Im angelsächsischen Raum werden zwei Statt einer Einteilung in zwei Gruppen, kön-
Begriffe verwendet. Sex bezeichnet das bio- nen auch Korrelationen berechnet werden:
logische Geschlecht, Gender wird verwendet, In neurowissenschaftlichen oder medizini-
um kulturelle Prägung, erlernte Rollen und schen Studien kann zum Beispiel der Hor-
Verhaltensweisen, also das doing gender, zu monspiegel als zusätzliche Variable einbe-
beschreiben. Folglich verwenden die meis- zogen werden, während in sozial-kognitiven
ten Forschenden, die sich mit Geschlechter- Studien zum Beispiel die Einstellungen zum
rollen befassen, den Begriff Gender, während Geschlechterverhältnis in der Gesellschaft
biologisch-neurowissenschaftliche Wissen- oder Persönlichkeitseigenschaften mit den
schaftler_innen auch von Sex sprechen. Wie kognitiven Variablen korreliert werden. Die-
Anelis Kaiser (2012) ausführt, ist eine strikte se differenzierteren Maße erlauben es, eine
Trennung dieser beiden Aspekte jedoch so- Dichotomisierung zu vermeiden und die
wohl konzeptuell unscharf, als auch theore- Ursachen von eventuell auftretenden Ge-
tisch unmöglich (da zum Beispiel Genexpres- schlechtsunterschieden einzugrenzen.
sionen durch Umwelteinflüsse beeinflusst
werden). Unabhängig davon ist eine solche
Unterscheidung für die in der Kognitionswis- Anwendungsbeispiele
senschaft untersuchten Phänomene meist Zwei Beispiele aus aktueller Forschung zu
zu differenziert. Im Deutschen gibt es diese Kognition und Geschlecht sollen diese An-
Kategorien ohnehin nicht, so dass der Begriff sätze illustrieren. Das erste Beispiel zeigt auf,
Geschlecht die durch den Begriff Sex/Gender wie die Berücksichtigung von Geschlecht in
ausgedrückte Verlinkung von biologischen einer psycholinguistischen Studie erheblich
und kulturellen Aspekten sehr gut erfasst. zum Erkenntnisgewinn beitragen kann. Das
zweite Beispiel skizziert eine Methode, die
Die Definition beziehungsweise die Bestim-
Frage nach dem Einfluss von Geschlecht auf
mung des Geschlechts in experimentellen
die Sprachverarbeitung differenzierter zu un-
Studien folgt in der Regel der Selbstauskunft
tersuchen, als es ein einfacher Vergleich zwi-
der Teilnehmenden. Dies ist für die meisten
schen Männern und Frauen erlauben würde.
Fragestellungen völlig ausreichend und an-
gemessen. Zum einen werden statistische
Verfahren verwendet, die einen gewissen
Spielraum für die Heterogenität der Grup-
22
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 22 16.01.19 13:201. Implizite Verbkausalität lichen, aber Frauen und Männer verwende-
Ein Phänomen unserer Sprache(n) ist, dass ten unterschiedliche Antwortstrategien: die
manche Verben eine Erwartung darüber er- Ergänzungen der Männer begannen häufiger
zeugen, wer das beschriebene Ereignis aus- mit "er" – egal, ob der männliche Vorname
gelöst hat. So wird der Satz "Fritz mag Mar- in Subjekt- oder Objektposition stand. Frau-
lene, weil..." eher mit einer Information über en dagegen bezogen sich häufiger auf das
Marlene fortgesetzt (sie ist vielleicht klug, Subjekt des Satzes, egal ob weiblich oder
hilfsbereit, oder witzig) als über Fritz. Diese männlich.
sogenannte implizite Verbkausalität wird in Diese Ergebnisse zeigen also, dass die Satz-
der Linguistik als Eigenschaft des Verbs be- ergänzungen keineswegs eine gender-blinde,
trachtet, und damit als unabhängig davon, linguistische Eigenschaft der Verben erfas-
ob das Subjekt des Satzes männlich oder sen. Stattdessen werden repräsentative Er-
weiblich ist. In einer Satzergänzungsstudie eignisse produziert, die überraschend deut-
(Ferstl/Garnham/Manouilidou 2011) fanden lich stereotype, gesellschaftlich verankerte
wir jedoch heraus, dass sich die Antworten Geschlechterrollen widerspiegeln. Ohne den
für viele Verben deutlich unterschieden, je Faktor Geschlecht zu berücksichtigen, hätte
nachdem ob der Satzanfang in der Form "M diese Schlussfolgerung nicht gezogen wer-
verb F" oder "F verb M" präsentiert wurde. den können.
Interessanterweise korrelierte dies noch mit
der emotionalen Konnotation: positive Ereig- 2. Stereotype Personenbezeichnungen
nisse (zum Beispiel beruhigen) wurden eher Das zweite Beispiel ist eine Studie, die im
der weiblichen Person zugeschrieben, nega- Rahmen des europäischen Marie-Curie
tive der männlichen (zum Beispiel Sie ermor- Trainings-Netzwerks Language, Cognition
det ihn, weil er sie betrogen hat; Er ermordet and Gender entstanden ist. Canal, Garnham
sie, weil er verrückt ist). Weil für diese erste und Oakhill (2015) untersuchten mittels der
Studie nur Psychologiestudierende rekrutiert neurowissenschaftlichen Methode der ereig-
wurden, hatten jedoch fast ausschliesslich niskorrelierten Potentiale (EKP) die Interpreta-
Frauen teilgenommen. Wir fragten uns da- tion von generischen Personenbezeichnun-
her, ob dieser Effekt durch die Identifika- gen im Englischen. Sie verwendeten Sätze
tion mit der eigenen Gruppe – in diesem Fall mit Reflexivpronomen, um zu testen, ob die
Frauen – zustande gekommen war. In einer bezeichnete Person mit einem Geschlecht
zweiten Runde wurden also Männer gebeten, assoziiert wird. So sind zum Beispiel Chir-
die Aufgabe durchzuführen. Hier bestätigte urgen häufiger männlich, Kosmetikerinnen
sich der vorher gefundene Effekt im wesent- häufiger weiblich – aber die englischen
23
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 23 16.01.19 13:20Begriffe surgeon oder beautician nicht ge- stellen. Nicht das Geschlecht beeinflusste
schlechtsmarkiert. Der Satz "The surgeon die Sprachverarbeitung, sondern die indivi-
saw herself in the mirror" ist also grammati- duelle Einstellung zu Geschlechterrollen in
kalisch völlig richtig, wird aber nur dann ohne der Gesellschaft.
Schwierigkeiten gelesen, wenn die weibliche Diese Studie zeigt beispielhaft, dass die
Interpretation von surgeon vorher aktiviert Kognitionswissenschaft ein vielfältiges Me-
worden ist. Ein Vergleich mit dem Satz "The thodeninstrumentarium bereitstellt, um dif-
surgeon saw himself in the mirror" erlaubt ferenzierte Fragestellungen innerhalb eines
also einzuschätzen, ob die semantische Rahmens zu untersuchen, der auch die An-
Rollenerwartung beim Sprachverstehen un- liegen der Genderforschung berücksichtigt.
mittelbar wirkt.
Interessanterweise wurde hier die Analyse
Zusammenfassung und
individueller Unterschiede zwischen den Ver-
suchspersonen nicht auf deren selbstberich-
Empfehlungen
tetes Geschlecht beschränkt. Zusätzlich füll- Kognitionswissenschaftliche Forschung ist
ten alle Teilnehmenden Fragebögen aus, zur geeignet, geschlechtsrelevante Fragestel-
Erfassung ihrer Identifikation mit weiblichen lungen zu untersuchen. Im Sinne der Gen-
beziehungsweise männlichen Geschlech- dered Innovations (Schiebinger 2008) sollte
terstereotypien, sowie ihrer Einstellungen auch in Studien, die in erster Linie allgemein-
zu Sexismus beziehungsweise Gleichbe- psychologische Phänomene untersuchen,
rechtigung in der Gesellschaft. Schliesslich das Geschlecht der Teilnehmenden mög-
wurden mit dem Implicit Association Test lichst ausgeglichen sein und gegebenenfalls
(IAT) implizite Einstellungen zu Geschlecht berücksichtigt werden. Wichtig ist, in Publi-
und beruflicher Karriere erfasst. Die meisten kationen auch Nulleffekte zu veröffentlichen,
dieser Maße waren für Männer und Frauen um zu zeigen, dass für die meisten kogni-
im Durchschnitt gleich. Jedoch beeinfluss- tiven Prozesse Geschlecht kaum eine Rolle
ten sie die mittels EEG erhobenen Reaktio- spielt. Schliesslich sollten vielfältige neue
nen auf die unerwarteten Reflexivpronomen. Methoden verwendet werden, die ermögli-
Personen, die sich weniger mit einem weib- chen – jenseits von Geschlecht – interin-
lichen Stereotyp identifizieren oder die we- dividuelle Unterschiede auf Einstellungen,
niger sexistisch eingestellt waren, versuch- Vorwissen oder demographische Faktoren
ten offenbar, die nicht übereinstimmenden zurückzuführen.
Referenzen aufzulösen – und sich weibliche
Chirurgen und männliche Kosmetiker vorzu-
24
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 24 16.01.19 13:21Literatur
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(Hrsg.) Handbuch der Künstlichen Intelligenz.
5. Auflage, München: Oldenbourg. 21–74.
25
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 25 16.01.19 13:21"Vielversprechend für ein 'De-Gendering'
technischer Systeme sind Methoden
des Participatory Design und Design for
Technical Empowerment im Sinne einer
geschlechterkritischen Technikgestaltung."
Corinna Bath
26
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 26 16.01.19 13:21CORINNA BATH
De-Gendering informatischer Artefakte "in a nutshell"
Dieser Beitrag fasst den Ansatz des De-Gendering informatischer Artefakte, den ich in mei-
ner Dissertationsschrift (Bath 2009a) entwickelt und in (Bath 2014a) als englischen Artikel
veröffentlicht habe, in stark gekürzter Version zusammen. Der De-Gendering-Ansatz ist
in einem Kontext entstanden, in dem Geschlechterforschung in der Informatik – so wie
Gender Studies in MINT generell – zumeist als ein Forschungsansatz verstanden wird,
der darauf zielt, mehr Frauen in die natur- und technikwissenschaftlichen Disziplinen zu
bringen. Bis heute setzen in diesem Feld nur wenige Forschungsansätze an der Informatik
beziehungsweise der Technik an, sondern versuchen, die Frauen zu verändern. Und wenn
auf Technik fokussiert wird, so erfolgt dies häufig mit binären Verständnissen von Frauen
und Männern, die weder den Lebensrealitäten, noch dem Stand der Geschlechterwissen-
schaften entsprechen. „De-Gendering informatischer Artefakte" beansprucht, Technikge-
staltung in der Informatik mit aktueller Geschlechterforschung zu verschränken. Ziel ist es,
methodische Vorschläge für eine veränderte Technikgestaltung in der Informatik zu machen,
die problematische Vergeschlechtlichungsprozesse von Technik vermeidet, und damit zu
klären, welchen Beitrag Geschlechterforschung zu einer „besseren" Technikgestaltung in
der Informatik leisten kann.
Als theoretische und empirische Grundlagen, um problematische Vergeschlechtlichungs-
prozesse von Technik zu identifizieren, dienen neben der Geschlechterforschung die zahlrei-
chen Analysen der Science and Technology Studies, die solche Prozesse anhand detaillierter
Fallstudien aufgezeigt haben sowie speziell der Ansatz der Interferenz/Diffraktion als Meta-
pher für interdisziplinäres Arbeiten (vgl. Bath 2013), der von Haraway (1997) und Barad (2007)
in Diskussion gebracht worden ist. Auf dieser Basis schlage ich das folgende Vorgehen vor:
1. Zunächst gilt es, eine systematische Zusammenschau zu erstellen, wie informatische
Artefakte problematisch vergeschlechtlicht (rassifiziert etc.) sein können. Aufgrund
der Historizität vorliegender Studien ist dafür eine Bezugnahme auf das sich kon-
textabhängig ständig wandelnde Verständnis von Geschlecht und anderen Kategori-
en sozialer Ungleichheit, auf die kontinuierlich weiter entwickelten Technologien und
Methoden in der Informatik sowie auf einen sich ändernden Wissenskorpus über die
Geschlechter-Technik-Zusammenhänge notwendig.
27
Handreichung GenderingMINT_ENdversion.indd 27 16.01.19 13:21Sie können auch lesen