Harte Arbeit für wenig Geld - Südwind

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Harte Arbeit für wenig Geld - Südwind
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   © Davide Del Giudice

                          Harte Arbeit für wenig Geld
         Die Arbeitsbedingungen in Europas Schuhproduktion in Albanien, Bosnien-
                      Herzegowina, Mazedonien, Polen, Rumänien und der Slowakei

Den Ausdruck „Made in Europe“ verbinden viele westeuro-          der EU bedienen. Die OECD stuft Albanien, Mazedonien
päische KonsumentInnen mit der Vorstellung von besseren          und Bosnien-Herzegowina als „Entwicklungsländer“ ein. Die
Arbeitsbedingungen, als sie in asiatischen Produktionslän-       Slowakei, Polen und Rumänien dienen als Beispiele für EU-
dern herrschen. Die Studie „Labour on a Shoestring“ zeigt        Mitgliedsstaaten mit bedeutendem Schuhfertigungssektor.
auf, dass dies jedoch nicht immer der Fall ist: Problematische
Arbeitsbedingungen und insbesondere sehr niedrige Löhne          Die Textil- und Schuhherstellung in Rumänien, Mazedonien,
sind weltweit Bestandteile der globalen Lieferketten – so        Bosnien-Herzegowina, Albanien und der Slowakei findet
auch in Teilen Europas. Die Textil- und Schuhbranche der         meist auf OPT-Basis (Outward Processing Trade) statt.
europäischen Niedriglohn-Länder ist berüchtigt für schlechte     OPT bezeichnet eine Produktionsart, die von der EU in den
Arbeitsbedingungen und Unterbezahlung.                           1970ern eingeführt wurde und bei der Unternehmen halb-
                                                                 fertig produzierte Produkte ins Ausland exportieren und dort
Wir haben in sechs europäischen Niedriglohn-Ländern              fertigstellen lassen. Diese werden dann zollfrei in die EU
geforscht und herausgefunden, dass es starke Verknüpfun-         reimportiert. Durch diese Praktik werden besser bezahlte
gen zwischen beispielsweise europäischer und asiatischer         ­Arbeitsplätze in Westeuropa gesichert und die arbeitsinten-
Schuhproduktion und deren unterschiedlichen Rollen in             siven Arbeitsschritte mit geringer Wertschöpfung in nahe-
weltweiten Schuhherstellungsketten gibt.                          gelegene Niedriglohn-Länder ausgelagert. Produktion auf
                                                                  OPT-Basis hat sich längst als Sackgasse für ArbeiterInnen
Albanien, Bosnien-Herzegowina und die ehemals jugos-              sowie nationale Geschäfte und Wirtschaften erwiesen. Die
lawische Republik Mazedonien haben wir als Beispiele              Europäische Kommission, der Internationale Währungsfond
für europäische Produktionsländer ausgewählt, die einen           und die Weltbank üben Druck auf Europas postsozialistische
bedeutenden Anteil an der Schuhproduktion haben und sich          Länder aus, indem sie die Lohnentwicklung durch Vorschrif-
außerhalb der EU befinden, jedoch große Absatzmärkte in           ten, die an Kreditfinanzierungen gekoppelt sind, verhindern.

                           CHANGE
                           YOUR SHOES
OPT: Outward Processing Trade am Beispiel Italiens

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                                                               Im Dunkeln:
                                                               Viele ArbeiterInnen
                                                               wissen nicht, für                 Italienische Marken liefern
                                                               welchen Marken sie                Produktionsmittel in
                                                       2       arbeiten.                         NiedrigLohn-Länder
                                                                                                 in der Region.
                                3
                                                                                                 Italienische Marken
                                                                                                 re-importieren die Schuhe.

                                                                                                 Die letzten Schritte,
                                                                                                 wie Verpackung und
                                                                                                 Etikettierung werden in
                                                                  1                              Italien gemacht, bevor die
                                                                                                 Schuhe auf dem europäischen
                                                                                                 Markt verkauft werden.

    Diese restriktiven Richtlinien für die Lohnentwicklung tragen      Gesundheitsrisiken durch Giftstoffe am Arbeitsplatz. Die
    maßgeblich zum Erhalt der Niedriglohn-Region innerhalb             ArbeiterInnen haben Angst, sich zu organisieren und es fehlt
    Europas bei.                                                       ihnen an AnprechpartnerInnen.

    Während der Feldforschung haben wir Interviews mit 179             Die Ergebnisse der Feldforschung zeigen auf, dass das
    ArbeiterInnen aus 12 Schuhfabriken durchgeführt. Den inter­        vorwiegend vorherrschende Stückzahl-System sehr pro-
    view­ten ArbeiterInnen sowie den Internetauftritten der Fabriken   blematisch in Bezug auf Lohnkosten, Arbeitszeiten und
    zufolge produzieren alle Fabriken für bekannte Schuh­marken        ­Arbeitsschutz ist. Beim Stückzahl-Lohn werden ArbeiterIn-
    und Einzelhändler, die ihre Produkte auf dem EU-Markt               nen entsprechend des Produktionsziels bezahlt. Interviewte
    verkaufen. Dazu zählen Zara, Lowa, Deichmann, Ara, Geox,            ­ArbeiterInnen berichteten, dass der Druck, bestimmte Quo-
    Bata, und Leder & Schuh AG. Wir haben ebenfalls die Tochter-         ten zu erfüllen, bei ihnen viel Stress auslöse und manchmal
    unternehmen von CCC Shoes & Bags in Polen sowie von Ecco,            zu unbezahlten Überstunden führe. Außerdem hat das Stück-
    Rieker und Gabor in der Slowakei untersucht.                         zahl-System häufig negative Auswirkungen auf die Anwen-
                                                                         dung angemessener Sicherheitsmaßnahmen. So berichteten
    In allen sechs Ländern verdienen ArbeiterInnen extrem                ArbeiterInnen, dass sie keine Handschuhe tragen, die sie
    niedrige Löhne. Diese reichen nicht aus, um ihre eigenen             vor Klebstoffen und Chemikalien schützen, weil sie dadurch
    Grundbedürfnisse beziehungsweise die Grundbedürfnisse                langsamer arbeiten und entsprechend niedriger bezahlt
    ihrer Familien abzudecken. Der Mindestlohn ist bei Weitem            werden würden.
    nicht genug, um einen angemessenen Lebensstandard für die
    ArbeiterInnen und ihre Familien sicherzustellen und bewirkt
    wenig gegen „Armut trotz Arbeit“. Vergleicht man das Gefälle
    zwischen existenzsichernden Löhnen und dem tatsächlichen
    Lohn in den untersuchten Ländern mit dem vorherrschenden
                                                                       „Meine Frau und ich arbeiten beide in diesem
    Gefälle in China, so wird deutlich, dass das Gefälle in allen
                                                                       Betrieb. Wir freuen uns, dass wir Arbeit
    untersuchten Ländern größer – und in manchen Fällen sogar
                                                                       haben, aber können uns nicht vorstellen,
    wesentlich größer – ist als in China.
                                                                       Kinder mit unseren Löhnen groSzuziehen.
                                                                       Unsere Eltern und Verwandten können uns
    Niedrige Arbeitskosten und damit auch die geringen Arbeits-
                                                                       nicht unterstützen, deshalb sind wir von
    löhne befinden sich unter großem und steigendem Druck.
                                                                       unserem geringen Gehalt abhängig. Wir
    Die extrem niedrigen Löhne sind für alle interviewten Arbei-
                                                                       wollten vom Dorf in die Stadt ziehen, um
    terInnen ihre größte Sorge. Viele ArbeiterInnen berichteten
                                                                       ein besseres Leben zu führen, aber wir
    von unbezahlten Überstunden; Problemen, ihren gesamten
                                                                       können die hohen Mieten in der Stadt nicht
    Jahresurlaub zu nehmen, der ihnen zusteht; unbezahlter
                                                                       bezahlen.“ Rumänischer Arbeiter
    obligatorischer Sozialversicherung; extrem hohen und nied-
    rigen Temperaturen in den Fabriken sowie von vielfachen

    CHANGE YOUR SHOES
In Rumänien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina und Alba-
nien kommt es teilweise vor, dass den ArbeiterInnen für ihre
                                                               „Ich habe nie Freizeit. Wenn ich meine
reguläre Arbeit nicht der Mindestlohn bezahlt wird. JedeR
                                                               Arbeit beende, muss ich mich um den
dritte albanische InterviewpartnerIn erhielt auch mit Über-                                                                    3
                                                               Haushalt, meine Kinder und die Tiere
stunden und Zuschlägen nicht den offiziellen Mindestlohn.
                                                               kümmern. Sonntag ist der einzige Tag,
In fünf von sechs untersuchten Ländern haben ArbeiterInnen
                                                               an dem ich eine Pause machen kann: doch
bestätigt, dass sie manchmal oder häufig sonntags arbei-
                                                               selbst dann muss ich für meine Familie
ten und dies nicht mit dem Überstundenlohn vergütet wird.
                                                               für die folgende Woche vorkochen.
In Albanien ist Arbeit am Sonntag eher eine Regel als eine
                                                               Ich bin immer müde.“ Rumänischer Arbeiter
Ausnahme.

Wir konnten keine Informationen über Arbeitsinspektionen
in der Schuhindustrie erhalten. Keine der befragten Perso-     fen sind. Abhängigkeit ist ein zentrales Schlagwort in der
nen hat je eine Arbeitsinspektion miterlebt. Befragte Arbei-   Schuhproduktion, denn sie bestimmt nicht nur die Lage der
terInnen aus Mazedonien, Polen und der Slowakei sahen          Produktionsländer und der dort angesiedelten Zuliefererun-
InspektorInnen in ihren Betrieben; sie vermuten aber, dass     ternehmen; vielmehr sind tausende von Frauen gezwungen,
deren Besuche vorher angekündigt und vorbereitet wurden.       ihren Arbeitsplatz zu behalten, ganz gleich, welchen Arbeits­
Befragte ArbeiterInnen aus Albanien, Bosnien-Herzegowina       bedingungen sie ausgesetzt sind. Die vorherrschenden
und Rumänien gaben an, dass sie nie an Schulungen zu           Armutslöhne zwingen insbesondere die Arbeiterinnen dazu,
­Arbeitsgesundheit und -schutz teilgenommen haben. Gerade      neue Bewältigungsstrategien gegen die Armut zu entwickeln.
 im Hinblick auf die vielen Gesundheitsrisiken in der Schuh­   So haben Arbeiterinnen aus Mazedonien berichtet, dass sie
 industrie funktioniert der Prozess der Arbeitsinspektion in   zusätzlich Subsistenzlandwirtschaft betreiben müssen, um
 den untersuchten Betrieben in den Balkanländern nicht.        überleben zu können. Rumänische Arbeiterinnen erzählen,
                                                               dass ihre Ehemänner saisonal in westeuropäischen Ländern
Daten der Feldforschung und zusätzliche Statistiken weisen     arbeiten, um Geld für Brennholz für den Winter zu verdienen.
auf Geschlechterdiskriminierung hin, denn Frauen verdie-       Dadurch sind Mütter oft für mehrere Monate allein mit ihren
nen im Schnitt weniger für gleiche Aufgaben als Männer.        Kindern.
Für Frauen ist es besonders schwer, der Armut zu entkom-
men, da sie kaum Berufsalternativen haben. Armutslöhne         Während die Regierungen der untersuchten Länder, beson-
üben strukturelle und ökonomische Gewalt auf die Arbei-        ders der Balkanländer, ein unternehmerfreundliches Um-
terschaft aus, wobei Frauen davon besonders stark betrof-      feld schaffen, indem sie Anreize und Subventionen für die

Lücke zwischen legalem Mindestlohn und geschätztem existenzsichernden Lohn (in Euro)

                                                                                         354
                                 318

                                                                                     26 %
                            32 %

                                                                                     1360                      156
                           1000                                                     Slowakei
                                                                                                           22 %
                           Polen
                                             164
                                                                                                            706
                  140                    19 %                                                  145        Rumänien

               24 %                       859
                                                                                         20 %
                                 Bosnien-Herzegowina

               588                                                                        726
              Albanien                                                                Mazedonien

  Legaler Mindestlohn (Netto in Euro) in der Schuhindustrie (1.1.2016)
  Geschätzter existenzsichernder Lohn (in Euro) für eine vierköpfige Familie (nach Interviews mit ArbeiterInnen)

                                                                                       CHANGE YOUR SHOES
Textil- und Schuhindustrie bieten, scheinen Arbeitsrechte an           wichtiger Arbeitsgeber. In den sechs untersuchten Ländern
    Bedeutung zu verlieren und Mindestlöhne zu stagnieren oder             sind 120.000 (registrierte) ArbeiterInnen in dieser Branche
    sogar reduziert zu werden. Dabei spielen die ­Europäische              tätig. Menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Löhne sind
4   Kommission und der Internationale Währungsfond eine wich-              wichtige Kernstücke der europäischen Säule sozialer Rechte
    tige Rolle, denn ihre kreditbezogenen Konditionen führen zu            („European Pillar of Social Rights“) – dies erklärten der
    einer Haushaltsdisziplin mit restriktiver Lohnpolitik. Diese           Präsident der Europäischen Kommission, der Vizepräsident
    auferlegten Richtlinien üben Druck auf das Lohnniveau in               und der Beauftragte für Arbeit und Soziales. Eines der
    der gesamten Wirtschaft aus, besonders betroffen sind die              zentralen Ziele der „Europe 2020“, eine EU-Strategie für
    Mindestlöhne, die sich zunehmend von existenzsichernden                intelligentes, nachhaltiges und inklusives Wachstum, ist es,
    Löhnen wegbewegen. Bislang hat die EU keine Richtlinie für             Armut zu reduzieren, indem mindestens 20 Millionen Men-
    Mindestlöhne in Europa eingeführt, um die ArbeiterInnen vor            schen aus dem Armutsrisiko oder sozialer Isolierung heraus-
    Armut zu schützen.                                                     geholt werden. Ein existenzsichernder europäischer Mindest-
                                                                           lohn würde zwei Millionen Menschen, die in der Schuh- und
    Mit fast 300.000 Angestellten in der Schuh- und Leder­                 Textilproduktion in Osteuropa tätig sind, und ihre Familien
    industrie in allen 28 EU-Mitgliedsstaaten ist der Sektor ein           aus Armut und sozialer Isolierung befreien.

    Schuhproduktion 2014                                                   Schuhverkauf 2014

                   Weltweit 24,3 Milliarden Paare                                        Weltweit 19,4 Milliarden Paare

                  Europa 729 Millionen Paare (3%)                                        Europa 3,3 Milliarden Paare (17%)

    Schuhproduktion in Europa

                                        90% in Europa
                                        verkauft

                                        10%    restliche Welt                1 von 5 in Europa verkauften Paaren wird in
                                                                             Europa hergestellt

                                                                                                                   Quelle: Fußnoten 1– 7

    Lücke zwischen legalem Mindestlohn und geschätztem Lohn zum Leben

                                   Legaler Mindest-          60 % des durch­            offizielle              Geschätzter
                                   lohn (Netto) in           schnittlichen              Statistik für           minimaler Lohn
                                   der Schuhindustrie        Nettolohns des             minimalen               zum Leben einer
                                   (1.1.2016)                jeweiligen Landes          Verbrauch               vierköpfigen Familie
                                                                                        einer vierköpfigen      (nach Interviews mit
                                                                                        Familie (2015)          ArbeiterInnen)

    Albanien                        140 €                    169 € 8                    lack of data            588 €

    Bosnien-Herzegowina             164 €                    257€ 9                     933 € 10                859 €

    Mazedonien                      145 €                    220 € 11                   479 € 12                726 €

    Polen                           318 € 13                 392 € 14                   799 € (2014)            1000 €

    Rumänien                        156 € 15                 166 € 16                   736 € 17                706 €
                                                                      18
    Slowakei                        354 €                    468  €                     517 € 19                1360 €

    China (Dongguan)                213 €                                                                       614 €

    CHANGE YOUR SHOES
Empfehlungen

Alle nationalen Regierungen                                   weiterzuzugeben. HRDD-Prozesse müssen sich auf die
                                                                                                                             5
— Die Regierungen sollten das Arbeitsrecht stärken,           be­troffenen RechtsinhaberInnen – die ArbeiterInnen – fokus-
    insbesondere in den Bereichen legaler Mindestlohn,        sieren. Ausgehend von diesem Konzept sind folgende Forde­
    Vorschriften für Überstunden und Urlaub sowie Sicher-     rungen besonders relevant für die untersuchte Region:
    heit und Gesundheit am Arbeitsplatz. Zudem sollten sie
    Institutionen zur Durchsetzung der Rechte, wie Arbeits­   Negative Auswirkungen auf Menschenrechte müssen
    inspektionen entsprechend der ILO-Konvention zu           festgestellt werden:
   ­nationalen Arbeitsrechten, unterstützen.                  Insbesondere soll sichergestellt werden, dass es kein
— Die Regierungen sollten einen Mindestlohn festlegen,        geschlechtsspezifisches Lohngefälle gibt, dass Menschen
    der den Lebenshaltungskosten entspricht. Als ein erster   gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und dass es
    Schritt sollte der Mindestlohn auf mindestens 60% des     keine sexuelle Belästigung gibt.
    nationalen Durchschnittslohns festgesetzt werden.
— Die Regierungen sollten Zentren mit kostenloser Rechts-     Wirtschaftspraktiken müssen angepasst werden, um
    beratung in den Regionen der Textil- und Schuhindustrie   Menschenrechtsverletzungen zu verhindern:
    unterstützen. Diese Zentren müssen von Arbeits- und       — Existenzsichernde Löhne: Markenunternehmen müssen
    Menschenrechtsorganisationen geleitet werden.                Preise bezahlen, die eine Tariferhöhung auf 60% des
— Die Regierungen sollten Kampagnen und nationale                durchschnittlichen nationalen Lohnniveaus ermöglichen.
    Aktionspläne für Arbeits-, Frauen- und Menschenrechte        Konkret heißt dies: Sicherung der Aufstockung von
    unterstützen.                                                existenzsichernden Löhnen; Einhaltung offener Kosten­
— Die Regierungen sollten Schuhmarkenunternehmen,                ermittlungen; zentrale Einbeziehung von ArbeiterInnen,
    die in ihrer gesetzlichen Zuständigkeit ansässig sind,       um sicherzustellen, dass die Aufstockungen die Arbeite­
    gesetzlich verpflichten, Arbeits- und Menschenrechte in      rInnen erreichen. Zudem muss sichergestellt werden,
    weltweiten Produktionsketten zu beachten.                    dass die Aufstockung der existenzsichernden Löhne Teil
                                                                 einer gesamten Lohnsumme ist, von welcher Zahlungen
EU                                                               für die Sozialversicherung abgehen. In Zusammenarbeit
— Die EU sollte Richtlinien für einen Mindestlohn ent­           mit Zulieferern müssen Langzeitpläne erarbeitet werden,
   wickeln, die mit der Europäischen Sozialcharta und            um existenzsichernde Löhne zu zahlen.
   der Charta der Grundrechte der Europäischen Union          — Lohnsysteme: Markenunternehmen sollten Geschäfts-
   übereinstimmen; dabei sollte die EU ein Grundniveau           beziehungen so gestalten, dass Zulieferbetriebe nicht
   von mindestens 60% des durchschnittlichen nationalen          mehr dazu verleitet werden, Stücklöhne zu zahlen. In
   Arbeitslohns festlegen.                                       diesem Sinne sollten sie die Lieferzeit, die Produktions­
— Die EU sollte die Gewährung von Darlehen von restrik-          planung, die Preisstrukturen und den Preisanstieg von
   tiven Lohnpolitiken in den Schuldnerländern entkoppeln.       Produkten prüfen und vertrauensvolle und langfristige
— Partnerschafts- und Handelsabkommen sowie Förderun-            Handelsbeziehungen eingehen.
   gen von EuropeAID (z.B. für Klimaanlagen in Schuh- und     — Vereinigungsfreiheit: Markenunternehmen sollten
   Textilbetrieben) sollten von anerkannten Beobachtungen        sich aktiv dafür einsetzen, Betrieben und ArbeiterInnen
   von Arbeits- und Menschenrechten abhängen.                    Zugang zu Gewerkschaften zu verschaffen und den
                                                                 ­ArbeiterInnen Offenheit gegenüber Gewerkschaften ver-
Markenunternehmen                                                 mitteln.
Die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte       — Transparenz: Markenunternehmen sollten sicherstellen,
besagen, dass jedes Unternehmen, unabhängig von Größe             dass alle Produkte nachverfolgbar sind und sie sollten
oder geographischem Kontext, Menschenrechte in der                Listen mit Subunternehmen, einschließlich der auf OPT-­
gesamten Wertschöpfungskette berücksichtigen muss. Ein           Basis arbeitenden Subunternehmen, veröffentlichen.
wichtiger Bestandteil ist es, Prozesse der menschenrechtli-
chen Sorgfaltspflicht (Human Rights Due Diligence /HRDD)      Markenunternehmen sollten veröffentlichen, wie sie mit
in allen Bereichen von Betrieben aufzubauen, um potentielle   negativen Auswirkungen auf Menschenrechte umgehen:
und tatsächliche Menschenrechtsverletzungen zu identifizie-
ren, zu mindern und zu verhindern20.                          Markenunternehmen sollten öffentlich berichten über:
                                                              — die Art und Weise, wie Betriebe Arbeits- und Menschen-
Prozesse zur Umsetzung menschenrechtlicher Sorgfalts­           rechtsverletzungen identifizieren, mindern und ver-
pflicht (HRDD-Prozesse) müssen nachvollziehbar, kontinu­        hindern; wie sie Prioritäten setzen und wie sie die
ierlich und transparent gestaltet sein. Sie gehen klar über     Auswirkungen ihrer Bemühungen messen;
Prüfungen hinaus und beinhalten, dass AbnehmerInnen           — die Einführung von existenzsichernden Löhnen und die
ihrer Verantwortung für die Arbeitsbedingungen in den           Auswirkungen auf der Produktionsebene;
Produktions­stätten nachkommen müssen, anstatt die Ver-       — ihre Zulieferlisten mit den vorgeschalteten Zulieferern,
antwortung entlang der vertraglichen Geschäftsbeziehungen       wie Ledergerbereien und Fertigungszulieferanten.

                                                                                     CHANGE YOUR SHOES
„Eine Gewerkschaft wäre hilfreich. (Wir werden)
6                                                               schlecht behandelt, wir haben keine Wahl, wir haben
                                                                nichts zu sagen.“ Rumänischer Arbeiter

           Impressum                                                          Recherchen

           Erscheinungsort und Datum:                                         Albanien: Mirela Arqimandriti, Megi Llubani, Artemisa
           Wien, Juli 2016                                                    Ljarja (Gender Alliance for Development Center)
                                                                              Bosnien-Herzegowina: Ante Jurić–Marijanović, Jelena Bajic,
           Autorinnen:
                                                                              Maja Kremenovic (Omladinski komunikativni centar OKC
           Dr. Bettina Musiolek (Entwicklungs­politisches
                                                                              Mazedonien: Miranda Ramova, Marija Todorovska (Association for action
           Netzwerk Sachsen/Clean Clothes Campaign)
                                                                              against violence and trafficking in human beings – “Open Gate – La Strada”)
           Christa Luginbühl (Berne Declaration/Clean
                                                                              Polen: Grażyna Latos, Joanna Szabuńko (Buy Responsibly Foundation Poland)
           Clothes Campaign Switzerland)
                                                                              Rumänien: Corina Ajder, independent researcher
           Redaktion: Lena Janda, Anton Pieper                                Slowakei: Veronika Vlčková (Slovak Centre for Communi­cation and
                                                                              Development)
           Layout and infographics: Karin Hutter

           Deutschsprachige Adaption: Olaf von Sass                           CHANGE YOUR SHOES ist eine Initiative von 18 Menschenrechts-­und Arbeitsrechtsor-
                                                                              ganisationen, die sich für eine nachhaltige und ethische Schuhliefer­kette einsetzen. In-
           Herausgeber:                                                       dem die Kampagne die KonsumentInnen für einen nachhaltigen Lebensstil sensibilisiert,
                                                                              Lobbyarbeit bei PolitikerInnen und Labelorganisationen leistet und Unternehmen drängt
           Südwind / Clean Clothes Kampagne                                   ihre Sorgfaltspflichten wahrzunehmen, zielt die Kampagne darauf ab, die sozialen und
           Laudongasse 40 · A-1080 Wien                                       ökologischen Bedingungen in der Schuh­und Lederindustrie zu verbessern.
           Tel: +43 (0)1-405 55 15                                            Diese Broschüre wurde mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union und der
           office@cleanclothes.at                                             Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit erstellt. Die darin vertretenen Standpunk-
                                                                              te geben die Ansicht des Change your shoes Projekt wieder und stellen somit in keiner
           GLOBAL 2000                                                        Weise die offizielle Meinung der Fördergeber dar.
           Neustiftgasse 36 · A-1070 Wien
           Tel: +43 (0)1-812 57 30 22
           office@global2000.at

    1   CBI Market Intelligence, Ministry of Foreign                 March 2016: https://www.cleanclothes.org/                 follows: income tax: 16 %; social contributions:
        Affairs 2015: https://www.cbi.eu/sites/default/files/        resources/publications/position-paper-on-                 10.5 %; medical contributions: 5.5 %; and
        trade-statistics-europe-footwear-2015.pdf,                   human-rightsdue-diligence/view                            unemployment fund: 0.5 %; total taxes and
        p. 12                                                   9    Average monthly gross wage for 2015 is                    contributions: 32.5 %, 13/3/2016
    2   Please note: different sources quote different               ALL 46.829 while net ALL 39.396. 60 % =              17   Average gross wage in 2015 was 1,758, average
        estimations concerning the production,                       ALL 23.637 (INSTAT)                                       net wage was 1,257 (minus 32.5 %), 60 % of
        consum­p­tion and import/export shares. We did          10   60 % of 837 BAM net average wage as of March              average net wage is 754 RON average wage.
        our best to be consistent in this report; however,           2016                                                 18   In the absence of an official subsistence
        certain discrepancies may remain.                       11   RS Union Confederation: www.savezsindikat                 minimum, we have taken the average expenses
    3   Footwear Yearbook (WFY, 2015), www.world                     ars.org/sindikalna_potrosacka_korpa.php. Last             per person in 2014 as a comparison: 834 RON;
        footwear.com/store.asp?link=Store, p. 5                      accessed on 23/10/2015.                                   household of four: 3,336 RON:
    4   Footwear Yearbook (WFY, 2015), www.world                12   60 % of 22,715 MKD, December 2015, www.stat.              www.insse.ro/cms/files/statistici/comunicate/abf/
        footwear.com/store.asp?link=Store, p. 5                      gov.mk/PrikaziSoopstenie_en.aspx?id=                      ABF_I_r14.pdf
    5   Footwear Yearbook (WFY, 2015), www.world                     40&rbr=1921 ,13/3/2016                               19   Average nominal wage 2014: 858 EUR gross,
        footwear.com/store.asp?link=Store, p. 7;                13   Average household expenditures 2014, www.stat.            http://udaje.statistics.sk/statdat/Average%
        estimated total world consumption: 19.39 billion             gov.mk/OblastOpsto_en.aspx?id=13, 13/3/2016               20monthly%20wages%20in%20economy%20
        pairs of shoes                                          14   Net calculation: http://wynagrodzenia.pl/kalku            of%20the%20SR%20%5Bpr0204qs%5D-en.xlsx;
    6   Footwear Yearbook (WFY, 2015), www.world                     lator-wynagrodzen/wynik                                   515 gross is 467.86 net for a person with two
        footwear.com/store.asp?link=Store, p. 15                15   http://ekonsument.pl/materialy/pobierz/613, p. 18:        children
    7   Total consumption: 3.3 billion pairs of shoes; total         Average wage in Poland in 2015: 3,899.78 PLN         20   Mehr Informationen zur Human Rights Due
        production in Europe: 729 million pairs of shoes =           gross = 2,783.26 PLN net, 60 % net = 1,669.95             Diligence sind im Positionspapier der Clean
        22 %; approx. 90 % of produced shoes are                     PLN                                                       Clothes Campaign (März 2016): https://www.
        consumed in Europe = 19.88 %                            16   www.wageindicator.org/main/salary/minimum-                cleanclothes.org/resources/publications/
    8   For more on Human Rights Due Diligence, see                  wage/romania, Based on 1,050 RON minimum                  position-paper-on-human-rightsdue-diligence/
        the Clean Clothes Campaign position paper,                   wage on 1 January 2016, after deductions as               view

    CHANGE YOUR SHOES
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