LOKALISIERUNG IN DER HUMANITÄREN PRAXIS - Herausforderungen und Lösungsansätze aus Sicht deutscher NRO
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HANDREICHUNG | 2020 LOKALISIERUNG IN DER HUMANITÄREN PRAXIS Herausforderungen und Lösungsansätze aus Sicht deutscher NRO
Lokalisierung in der humanitären Praxis
INHALT
Einleitung 3
Verständnis von Lokalisierung 4
Was ist Lokalisierung? 4
Warum ist Lokalisierung notwendig? 5
Herausforderungen bei der Umsetzung von Lokalisierung 6
Individuelle Herausforderungen 6
Institutionelle Herausforderungen 6
Externe Herausforderungen 7
Lösungsansätze zur Überwindung der Herausforderungen 8
Auf individueller Ebene 8
Auf institutioneller Ebene 8
Auf externer Ebene 10
Fazit 12
Glossar 13
Weitere Informationen 13
Links 14
Mitgliedsorganisationen 15
Impressum 19Lokalisierung in der humanitären Praxis EINLEITUNG Seit dem humanitären Weltgipfel 2016 in Istanbul Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze fordert die humanitäre Gemeinschaft nachdrück- auf. Alle Inhalte dieser Handreichung wurden im lich, lokale und nationale Akteur_innen zu stärken. VENRO-Workshop „Practical Implementation of Deutsche Nichtregierungsorganisationen (NRO) Localisation“ im Februar 2020 sowie in einer On- haben diese Forderung mit eingebracht. Humani- line-Serie „Institutional Implications of Localisa- täre Akteur_innen reflektieren seitdem verstärkt tion“ im Juni 2020 mit Teilnehmenden aus deut- ihr Verständnis von Partnerschaft und die Um- schen NRO ausgearbeitet und von Mitgliedern setzung von Lokalisierung. Diese Handreichung aus der VENRO-Arbeitsgruppe (AG) Humanitäre zeigt individuelle, institutionelle sowie externe Hilfe ergänzt.
Lokalisierung in der humanitären Praxis
VERSTÄNDNIS VON
LOKALISIERUNG
Es gibt bisher kein einheitliches Verständnis halb von Organisationen.1 Jede_r Mitarbeitende
von Lokalisierung. Auch die Beweggründe, Lo- hat eine eigene Idee, was Lokalisierung bedeuten
kalisierung umzusetzen, sind sehr unterschied- könnte. Daher ist es wichtig, dass Organisatio-
lich. Ein Austausch über die Erwartungen von nen ihr internes Verständnis von Lokalisierung
internationalen NRO, den beteiligten Partner- diskutieren und entwickeln. Dabei können sie
organisationen und Geber_innen trägt jedoch auf folgende Definitionshilfen zurückgreifen:
maßgeblich zu einer erfolgreichen Umsetzung hu- Grundlagen aus dem ↘ Workstream 2 des Grand
manitärer Hilfe bei. Bargain zu Lokalisierung, das ↘ Eckpunktepapier
der Arbeitsgruppe „Lokalisierung“ des Ko-
Was ist Lokalisierung? ordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe und die
↘ Charter for Change.
Die Definitionen unterscheiden sich nicht nur
von Akteur_in zu Akteur_in, sondern auch inner- 1 Diese Handreichung folgt der Definition von Lo-
kalisierung aus der Publikation ↘ „Eckpunkte zur
Lokalisierung der Humanitären Hilfe“.
Was ist Lokalisierung? → Abgabe von Entscheidungsgewalt, Ressour-
Das sagen die Teilnehmenden des VENRO- cen und Verantwortlichkeiten an lokale
Workshops und die Mitglieder der AG Huma- Akteur_innen;
nitäre Hilfe:
→ Machtverschiebung;
→ Eine Notwendigkeit für effektive humanitäre
Hilfe; → Verändern des eigenen Denkansatzes;
→ Lernen von lokalen Akteur_innen und An- → ehrliche Selbstreflektion über die eigene
erkennung ihrer Ansichten und Kentnisse; Rolle als Facilitator/Vermittelnde_r;
→ lokal gesteuerte Mittel, Entscheidungen und → sich selbst überflüssig machen;
Reaktionen;
→ „Sammelbegriff “, der verschiedene Formen
→ die humanitäre Situation aus der Sicht der der Zusammenarbeit mit lokalen Akteur_
Betroffenen erfassen, ihre eigenen Lösungs- innen beinhaltet.
ansätze identifizieren und sie dabei unter-
stützen, diese umzusetzen;Lokalisierung in der humanitären Praxis
Warum ist Lokalisierung notwendig?
Um herauszustellen, warum Lokalisierung wichtig
ist, sollten einzelne Mitarbeitende ihre Motivatio-
nen schildern oder abweichende Positionen und
eventuelle Vorbehalte vortragen. Nur durch eine
offene Diskussion über mögliche Auswirkungen
oder Veränderungsprozesse in der eigenen Orga-
nisation können die Mitarbeitenden die nächsten
Schritte der Umsetzung gemeinsam entwickeln.
Warum Lokalisierung? → wir entscheiden noch immer über die Köpfe
Das sagen die Teilnehmenden des VENRO- unserer Partner_innen hinweg;
Workshops und die Mitglieder der AG Huma-
nitäre Hilfe: → Machtungleichgewicht in der humanitären
Hilfe entgegenwirken;
→ Lokale Akteur_innen kennen den eigenen
Kontext am besten; → nicht nur ein instrumenteller Zweck,
sondern ein wertvolles Ziel an sich;
→ Unterstützung von lokalen zivilgesellschaft-
lichen Strukturen anstelle des Aufbaus paral- → psychosoziale Aspekte: Erlangen von Kont-
leler Strukturen; rolle nach Krisen und Traumata;
→ die Personen, die dem Problem am nächsten → Erfüllung des (natürlich gegebenen) Rechts
sind, sind der Lösung am nächsten; auf Selbstbestimmung;
→ näher an den Bedarfen der Zielgruppen sein; → das lokale Sozialgefüge in seiner eigenen
Lösungs- und Selbsthilfekompetenz stär-
→ Effektivität, Effizienz, Verantwortung, ken, um nachhaltige Effekte zu erzielen und
Nachhaltigkeit; zu verhindern, dass Menschen von externer
Hilfe abhängig werden.Lokalisierung in der humanitären Praxis
HERAUSFORDERUNGEN BEI DER
UMSETZUNG VON LOKALISIERUNG
Individuelle Herausforderungen manchmal schon ein Einzelfall das Bild aller loka-
len Akteur_innen.
Sind Mitarbeitende über das Ziel von Lokali-
sierung oder eine mögliche Veränderung ver- Institutionelle Herausforderungen
unsichert, ist die Umsetzung schwierig. Manche
befürchten beispielsweise, dass sich ihre Orga- Obwohl sich viele NRO inzwischen für Lokalisie-
nisation auf Dauer überflüssig macht und der rung einsetzen oder sich sogar als Unterzeichner_
eigene Arbeitsplatz zukünftig wegfällt. Andere innen des Grand Bargain oder der Charter for
haben Vorbehalte, Verantwortung und Kontrol- Change dem Lokalisierungsprozess verpflichtet
le mit lokalen Partner_innen zu teilen und mög- haben, können ihre eigenen Interessen den Prozess
licherweise eigene Rollen oder Verantwortlich- bremsen. Geschäftsführung, Senior Management
keiten zurückzunehmen. Auch könnte die Zu- oder andere Entscheidungsträger_innen fühlen
sammenarbeit mit lokalen Partner_innen einen sich beispielsweise der Notwendigkeit, als Orga-
höheren Koordinationsaufwand und damit mehr nisation sichtbar zu sein, verpflichtet. Sie tragen
Arbeit bedeuten. Wenn lokale und internationale Verantwortung für die Sicherung der Finanzierung
NRO unterschiedlich arbeiten, kann dies die Zu- und das Überleben der eigenen Organisation. Die
sammenarbeit verlangsamen und manche Mit- Umsetzung von Lokalisierung kann dann weniger
arbeitende so frustrieren, dass sie Lokalisierung wichtig erscheinen.
ablehnen.
Dass Organisationen verpflichtet sind, gegenüber
Menschen, die eine generelle Abneigung gegen Geber_innen, Spender_innen, Medien und der all-
Risiken im Allgemeinen oder gegen neue Ent- gemeinen Öffentlichkeit Rechenschaft abzulegen,
wicklungen haben, werden neue Prozesse oder erzeugt zusätzlichen Druck. Viele Verantwortliche
Veränderungen in der eigenen Organisation wahr- in NRO glauben, dass sie diese Erwartungen bes-
scheinlich weder anstoßen noch aktiv unterstützen. ser erfüllen können, wenn sie Maßnahmen vor
Viele Mitarbeitende im humanitären Sektor haben Ort selbst durchführen. Die Darstellung der eige-
wegen ihrer hohen Arbeitsbelastung aber auch nen Arbeit in der Presse oder im Fundraising wird
schlichtweg keine Zeit oder Energie, um über eventuell schwieriger, wenn lokale Akteur_innen
alternative Möglichkeiten der Zusammenarbeit die Projekte umsetzen.
mit lokalen Partner_innen nachzudenken oder
diese aktiv voranzubringen. Oft fehlen Zeit und Motivation für Veränderungs-
prozesse und eine eher kurz- oder mittelfristige
Vorurteile, negative Berichte von Kolleg_innen, Planung steht im Vordergrund. Lokalisie-
von anderen NRO oder aus den Medien sowie rung hingegen ist ein langfristig ausgerichteter
eigene negative Erfahrungen können Vorbehalte Transformationsprozess.
gegen lokale Organisationen stärken. So prägtLokalisierung in der humanitären Praxis
Externe Herausforderungen Die Annahme, dass lokale Organisationen nicht
so neutral oder unparteilich agieren wie inter-
Die politische Situation oder nationale Gesetze nationale, kann eine weitere Herausforderung dar-
können die Stärkung lokal orientierter humanitä- stellen. Geber_innen könnten dies als Risiko sehen
rer Hilfe behindern. In manchen Ländern schränkt und Mittel deshalb vor allem an internationale
etwa die Gesetzgebung die Handlungsspielräume NRO vergeben.
von zivilgesellschaftlichen Organisationen ein.
Bürokratische Anforderungen der Geber_innen
können die Lokalisierung ebenfalls behindern.
Auch verstehen Geber_innen Lokalisierung unter-
schiedlich. Finanzielle Bestimmungen erschweren
eine direkte Finanzierung von lokalen Organisa-
tionen. Sie verhindern, dass NRO Mittel flexibel
oder mehrjährig nutzen oder Projekte, die lokale
Kapazitäten stärken, umsetzen.
Grundsätzlich haben Geber_innen derzeit die Ten-
denz, größere Projekte oder Programme zu finan-
zieren. Zudem stehen Organisationen unter Druck,
schnell Ergebnisse nach internationalen Standards
zu liefern. Normalerweise können nur größere,
internationale und spezialisierte NRO oder große
lokale Organisationen diese Ansprüche erfüllen. Austausch mit einer Partnerorganisation
Kleineren und lokalen Organisationen fehlen oft in der DR Kongo
die Kapazitäten und Mittel, beispielsweise um-
fassende Dokumente in einer fremden Sprache zu Weitere Herausforderungen liegen in der Tatsache,
erstellen, um eine Finanzierung zu erhalten. Hinzu dass sich die Diskussion über Lokalisierung fast
kommt, dass diese Standards auf internationaler ausschließlich um lokale NRO dreht und zu wenig
Ebene beschlossen werden und lokale Organisatio- die vielfältigen anderen Akteur_innen wie Selbst-
nen meist nicht beteiligt sind. hilfegruppen, Selbstvertretungsorganisationen,
informelle Initiativen auf Gemeindeebene oder
Regierungen vergeben humanitäre Mittel lokale Wirtschaftsunternehmen in den Blick
normalerweise nur in Krisenzeiten, sodass Or- nimmt.
ganisationen keine dauerhaften Partnerschaften
oder lokalen Kapazitäten aufbauen können. Sind
die Strategien der Geber_innen nicht oder kaum
auf Lokalisierung ausgerichtet, erschwert dies
den Prozess. Auch wachsende Ansprüche, etwa
durch Antiterrorismusgesetze, steigende finanz-
administrative Anforderungen oder der Aufbau in-
terner Schutzsysteme machen humanitäre Projekte
immer aufwändiger. Für lokale Akteur_innen ist
dies eine besondere Hürde.Lokalisierung in der humanitären Praxis
LÖSUNGSANSÄTZE ZUR
Ü BERWINDUNG DER
H ERAUSFORDERUNGEN
Auf individueller Ebene Vertrauen und Transparenz sind wichtig für
eine Partnerschaft zwischen lokaler und inter-
Steht der Prozess der Lokalisierung in einer Orga- nationaler NRO. Wenn man bereits mit Partner-
nisation noch am Anfang, sollten Mitarbeitende organisationen zusammenarbeitet, sollte man sich
zunächst das eigene Verständnis von Lokalisierung Zeit für regelmäßige Gespräche mit den Kolleg_
definieren. Dies bildet die Grundlage für weitere innen vor Ort nehmen. Hier sollten auch Themen
Diskussionen mit Kolleg_innen und anderen Or- angesprochen werden, die über die Projektaktivi-
ganisationen. Um solche Diskussionen anzuregen, täten hinausgehen, beispielsweise die Heraus-
ist es hilfreich, zunächst aufgeschlossene Kol- forderungen vor Ort oder die Möglichkeiten und
leg_innen einzubinden und erst in einem zweiten Grenzen einer Förderung.
Schritt den Kreis zu erweitern. Dabei ist es wich-
tig, auch die Bedenken derjenigen anzuerkennen, Auf institutioneller Ebene
die Lokalisierung eher kritisch gegenüberstehen.
Argumente für Lokalisierung und gute Beispiele Lokalisierung ist ein langfristiger Prozess institu-
aus anderen Organisationen zusammenzutragen, tioneller Veränderung. Es gilt, bestehende Struk-
ist hilfreich, um Unterstützer_innen zu gewinnen. turen und Kommunikationsweisen in Frage zu
Auch eigene gute Arbeitsbeziehungen und positi- stellen, Hierarchien zu verändern und strategische
ve Erfahrungen mit lokalen Partnerorganisationen und inhaltliche Entscheidungen zu hinterfragen.
sollten als Beispiele eingebracht werden. Diese Haltung muss auf sämtlichen Ebenen der
Organisation verankert sein, denn der Prozess ist
Gute Erfahrungen aus anderen NRO können für alle Mitarbeitenden mit grundlegenden Ver-
in der eigenen Organisation Anwendung fin- änderungen verbunden. Diese brauchen Zeit und
den. Möglicherweise können Kolleg_innen be- Geduld. Es ist wichtig, dass die Leitungsebene
richten, wie sie die Arbeit ihrer lokalen Partner- diese strukturellen Veränderungen aktiv unter-
organisationen stärker in der Öffentlichkeitsarbeit stützt. Innerhalb der Organisation sollten Dis-
darstellen, wie sie Lokalisierungskomponenten in kussionen mit allen relevanten Bereichen wie Pro-
ihre Projekte integrieren oder wie eine Partner- gramme, Finanzen, Kommunikation, Fundraising
schaftsvereinbarung mit lokalen NRO aussieht. und Öffentlichkeitsarbeit geführt werden.
Wenn die Organisationen vor ähnlichen Heraus-
forderungen stehen, können gemeinsam Lösungs-
ansätze entwickelt werden.Lokalisierung in der humanitären Praxis
Reflektion über den Stand des Sieben Dimensionen von Lokalisierung
Lokalisierungsprozesses mit Hilfe des
„Seven Dimensions Framework“ 1. Qualität der Beziehung: Respektvolle und
gleichberechtigte Partnerschaft
Die Global Mentoring Initiative (GMI) hat ba-
sierend auf dem Grand Bargain und der Char- 2. Participation Revolution: Größere Be-
ter for Change sieben Dimensionen der Zu- teiligung der betroffenen Bevölkerung
sammenarbeit zwischen internationaler und
lokaler NRO herausgearbeitet. Der „Seven 3. Finanzierung: Bessere Qualität der Finan-
Dimensions Framework“ kann als Grundlage zierung von lokalen Akteur_innen wie
für organisationsinterne Reflektionen und für Flexibilität oder Langfristigkeit sowie mehr
Gespräche mit Partnerorganisationen dienen. direkte Finanzierung
Die Beteiligten können diskutieren, in welchen
Bereichen die eigene Organisation bereits gut 4. Kapazitäten: Mehr Unterstützung für nach-
aufgestellt ist oder wo Herausforderungen be- haltige institutionelle Kapazitäten lokaler
stehen. Weitere Informationen zum „Seven Di- Akteur_innen
mensions Framework“ finden sich in der Ver-
öffentlichung ↘ „Localisation in Practice“ von 5. Koordinationsmechanismen: Größere Prä-
Smruti Patel und Koenraad van Brabant. senz und mehr Einfluss von lokalen NRO
6. Sichtbarkeit: Sichtbarkeit der Rollen, Bei-
träge und Leistungen von lokalen NRO
7. Regelwerk: Beteiligung von lokalen Akteur_
innen in Diskussionen um internationale
Standards und Richtlinien
Mit bestehenden oder zukünftigen Partner- der Gespräche mit den lokalen Partner_innen
organisationen sollte ein offener Dialog geführt müssen in die internen Diskussionen einfließen,
werden, damit sie ihre Vorstellung von Lokalisie- sodass die Interessen der lokalen NRO in mög-
rung, Partnerschaft und sich verändernden Rollen lichen Umstrukturierungen berücksichtigt werden.
einbringen können. Gemeinsam sollte diskutiert
werden, wer zukünftig welche Rollen übernimmt Es braucht Zeit, eine langjährige und gute Partner-
und wer welche Beiträge in der Zusammenarbeit schaft mit lokalen Organisationen aufzubauen. Die
leistet. In einer gemeinsam erarbeiteten Partner- lokale und internationale NRO sollten daher ge-
schaftsvereinbarung können die beteiligten NRO meinsam überlegen, wie sie die Partnerschaft auch
festhalten, wie sie Vision, Ansprüche und Ergeb- ohne durchgängige Finanzierung durch die inter-
nisse der Partnerschaft definieren2. Die Ergebnisse nationale NRO aufrechterhalten können. Die loka-
len und internationalen NRO können gegenseitige
Beratungen anbieten. Die lokale NRO kann dar-
2 The Partnering Initiative bietet eine
über hinaus zu landes- oder kontextspezifischen
↘ Wertungsliste an, die eine gemeinsame Erstellung
oder Überarbeitung von Partnerschaftsvereinbarungen Aspekten schulen, die internationale Organisation
unterstützt. zum Beispiel zu Geberanforderungen. Eine Weiter-Lokalisierung in der humanitären Praxis
leitung von Informationen über Online-Trainings- setzung. Viele Geberländer, darunter Deutsch-
angebote, Publikationen oder neue Debatten und land, haben beim humanitären Weltgipfel 2016
Initiativen aus der humanitären Gemeinschaft ist Selbstverpflichtungen zum Thema Lokalisierung
hilfreich. Falls die internationale NRO bereits in abgegeben und berichten regelmäßig über Fort-
dem Land arbeitet, kann sie die lokale NRO mit schritte.3 Dies kann bei der Argumentation für Lo-
anderen dort tätigen Organisationen vernetzen. kalisierung helfen.
Bei Besuchen anderer Partner_innen im Land
kann auch ein Treffen mit einer lokalen NRO ver- Wer sich mit anderen Organisationen zusammen-
einbart werden, mit der zu dem Zeitpunkt kein ge- schließt, verstärkt die eigenen Argumente und
meinsames Projekt durchgeführt wird. Durch den zeigt, dass eine größere Zahl bereit ist, die Um-
kontinuierlichen Austausch und die gegenseitige setzung von Lokalisierung voranzutreiben. Gute
Unterstützung auch unabhängig von gemeinsamen Erfahrungen, die man bereits mit anderen Geber_
Projekten wird das Vertrauen zwischen den Ak- innen gemacht hat, können bei der Argumentation
teur_innen erhöht und die Partnerschaft gestärkt. ebenfalls hilfreich sein.
Internationale Organisationen können zudem
Anstöße liefern, damit die internationale For- Internationale Organisationen können bei
schung zur humanitären Hilfe Perspektiven, Er- Geber_innen eine Testphase anfragen, um ver-
fahrungen und Kenntnisse lokaler Akteur_innen schiedene Maßnahmen und Finanzierungen aus-
stärker beachtet und ihre Ergebnisse in die Weiter- zuprobieren. Kreative Projektvorschläge, die über
entwicklung von Standards einfließen lässt. bisherige Umsetzungen hinausgehen, können den
Lokalisierungsprozess voranbringen.
Auf externer Ebene
3 Die Selbstverpflichtungen von Deutschland im
Neben einem engen Dialog mit den Partner- Rahmen des humanitären Weltgipfels können auf der
organisationen lohnt sich ein offener Dialog mit folgenden Webseite abgerufen werden: ↘ https://
Geber_innen über das Verständnis von Lokalisie- www.agendaforhumanity.org/stakeholder/175.
Deutschland hat auch den Grand Bargain unter-
rung. So können Missverständnisse aus dem Weg zeichnet, der ebenfalls Selbstverpflichtungen zu Lo-
geräumt werden und alle Parteien erhalten Klar- kalisierung enthält und hier einsehbar ist: ↘ https://
heit über Möglichkeiten und Grenzen der Um- interagencystandingcommittee.org/grand-bargain.
Beispiel aus der Praxis der lokalen und nationalen Kapazitäten und die
Lokale Partner_innen übernehmen Stärkung der Verantwortlichkeiten lokaler NRO
die Ausgestaltung in der humanitären Hilfe sowie deren stärkere
Maren Rahlf, Welthungerhilfe Beteiligung an internationalen Diskussionsforen.
Dass der Dialog mit Geber_innen zur Finanzie- Mit dem Auswärtigen Amt als Geber wurde
rung von Lokalisierungsprojekten erfolgreich außerdem eine flexible Ausgestaltung des Projekts
sein kann, zeigt das Beispiel des Konsortial- vereinbart. Die lokalen Partner_innen haben die
projekts „ToGETHER“. In dem Projekt arbeiten Möglichkeit, viele der Projektmaßnahmen wäh-
seit Sommer 2020 die Welthungerhilfe, Caritas rend der Laufzeit im Detail zu entwickeln und
International, Diakonie Katastrophenhilfe und übernehmen schrittweise mehr Verantwortung
Malteser International mit 40 lokalen und na- in der Leitung des Projekts. Die deutschen
tionalen Partnerorganisationen in acht Ländern Konsortialpartner_innen koordinieren und unter-
zusammen. Ziele des Projekts sind der Ausbau stützen die lokalen Partner_innen.Lokalisierung in der humanitären Praxis
Wo möglich, sollten Mitarbeitende von lokalen Es ist wichtig, gegenüber individuellen Spender_
Partnerorganisationen bei Besuchen in Deutsch- innen oder Unterstützer_innen die eigene Rolle
land an Terminen mit Geber_innen oder vor und den Mehrwert von Lokalisierung zu verdeut-
Ort an Botschaftsbesuchen teilnehmen. Auch lichen. In Publikationen, auf Veranstaltungen oder
ein Dialog mit lokalen Regierungen, die den in Informationsmaterialen über Projekte können
Lokalisierungsprozess unterstützen, ist manchmal die Aufgaben und Rollen der lokalen sowie der
hilfreich. internationalen NRO beschrieben und die Vorteile
einer Partnerschaft und gemeinsamen Projekt-
durchführung verdeutlicht werden.
Besuch eines Gesundheitsprojekts in BangladeschLokalisierung in der humanitären Praxis FAZIT Lokalisierung kann nur gelingen, wenn alle Be- geschlossen gegenüber Wandel sowie neuen teiligten mitgenommen werden. Die Leitungs- Formen der Zusammenarbeit sein. Sie müssen be- ebene muss hinter dem Ziel stehen und einen reit sein, Kolleg_innen mit anderen Auffassungen Veränderungsprozess für die Organisation an- zuzuhören, um Wege aus vermeintlichen Sack- stoßen. Dazu gehört ein offener Dialog mit Part- gassen zu finden. Allen Beteiligten sollte klar sein, ner_innen und Geberorganisationen. Grund- dass Lokalisierung ein Prozess ist, dessen Um- sätzlich sollten alle Beteiligten flexibel und auf- setzung nicht innerhalb k urzer Zeit gelingen kann.
Lokalisierung in der humanitären Praxis
GLOSSAR
AG Arbeitsgruppe
GMI Global Mentoring Initiative
NRO Nichtregierungsorganisation
VENRO Verband Entwicklungspolitik und humanitäre Hilfe deutscher
Nichtregierungsorganisationen e.V.
WEITERE INFORMATIONEN
Accelerating Localisation through Partnerships (2019):
Pathways to Localisation: A framework towards locally-led humanitarian res-
ponse in partnership-based action. C. Schmalenbach with Christian Aid, CARE,
Tearfund, ActionAid, CAFOD, Oxfam
↘ https://reliefweb.int/sites/reliefweb.int/files/resources/Pathways%20to%20
Localisation_report_oct2019_0.pdf
Barbelet, V. (2018):
As Local as Possible, As International as Necessary. Understanding capacity and
complementarity in humanitarian action. Overseas Development Institute
↘ https://www.odi.org/sites/odi.org.uk/files/resource-documents/12527.pdf
Clayton, M. & Emmens, B. (2017):
Localisation of Aid: Are INGOs Walking the Talk? Shifting the Power project
↘ https://reliefweb.int/report/world/localisation-aid-are-ingos-walking-talk
Featherstone, A. (2019):
Localisation performance measurement framework. Network for Empowered
Aid Response (NEAR)
↘ http://near.ngo/pdf/LMPF_Final.pdf
Flint, J. & Lia, A. (2018):
Intention to Impact. Measuring localisation. Humanitarian Advisory Group
↘ https://humanitarianadvisorygroup.org/wp-content/uploads/2018/02/HAG_
Intention-to-impact_research-paper_FINAL-electronic_140218.pdfLokalisierung in der humanitären Praxis
Humanitarian Advisory Group & PIANGO (2019):
Measuring Localisation. Framework and tools
↘ https://humanitarianadvisorygroup.org/wp-content/uploads/2019/12/
Measuring-Localisation-Framework-and-Tools-Final_2019.pdf
Koordinierungsausschuss Humanitäre Hilfe (2018):
„So lokal wie möglich, so international wie nötig“ – die Lokalisierung des hu-
manitären Systems. Eckpunktepapier zur Umsetzung durch deutsche humanitä-
re Akteure
↘ https://venro.org/publikationen/detail/
eckpunkte-zur-lokalisierung-der-humanitaeren-hilfe/
IASC Humanitarian Financing Task Team, Localisation marker Working Group
(2018):
Definitions Paper
↘ https://interagencystandingcommittee.org/system/files/hftt_localisation_
marker_definitions_paper_24_january_2018.pdf
Patel, S. & van Brabant, K. (2018):
Localisation in Practice: Emerging Indicators & Practical Recommendations.
START Network, CEDAC Network, Action Against Hunger, GMI, DEPP
↘ https://reliefweb.int/report/world/
localisation-practice-emerging-indicators-and-practical-recommendations
LINKS
Agenda for Humanity:
↘ https://www.agendaforhumanity.org/stakeholder/175
Charter for Change:
↘ https://charter4change.org/
Grand Bargain:
↘ https://interagencystandingcommittee.org/grand-bargain
Grand Bargain Localisation Workstream:
↘ http://media.ifrc.org/grand_bargain_localisation/
Global Mentoring Initiative:
↘ https://www.gmentor.org/equitable-partnership/
The Partnering Initiative:
↘ https://thepartneringinitiative.org/Lokalisierung in der humanitären Praxis
MITGLIEDSORGANISATIONEN
A DED-Freundeskreis
action medeor Deutsche Entwicklungshilfe für soziales Wohnungs-
ADRA Deutschland und Siedlungswesen (DESWOS)
AGIAMONDO Deutsche Kommission Justitia et Pax
Aktion Canchanabury Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW)
AMICA e.V. Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW)
ANDHERI-HILFE e.V. Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband
Apotheker helfen e.V Deutsch-Syrischer Verein e.V. (DSV)
Apotheker ohne Grenzen e.V. DGB-Bildungswerk BUND – Nord-Süd-Netz
Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland Difäm – Deutsches Institut für Ärztliche Mission
Arbeitsgemeinschaft der Eine-Welt-Landesnetzwerke in Don Bosco Mondo
Deutschland (agl) DVV International – Institut für Internationale
Arbeitsgemeinschaft Entwicklungsethnologie Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-
arche noVa Verbandes
Ärzte der Welt
ASW – Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt E
AT-Verband Eine Welt Netz NRW
AWO International EIRENE – Internationaler Christlicher Friedensdienst
EMA – Euro-Mediterranean Association for Cooperation
B and Development
Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit (bezev) EPIZ – Entwicklungspolitisches Bildungszentrum Berlin
BONO-Direkthilfe Erlassjahr.de – Entwicklung braucht Entschuldung
BORDA e.V. Evangelische Akademien in Deutschland (EAD)
Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst
Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) F
Bundesvereinigung Lebenshilfe Fairventures Worldwide
FIAN Deutschland
C Forum Fairer Handel
CARE Deutschland e.V. FUTURO SÍ
Caritas International
Casa Alianza - Kinderhilfe Guatemala G
CHANGE e.V. Gemeinschaft Sant´Egidio
ChildFund Deutschland German Doctors
Christliche Initiative Romero German Toilet Organisation
Christoffel-Blindenmission Deutschland Germanwatch
D H
Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg Habitat for Humanity Deutschland
(DEAB) Handicap International
Das Hunger Projekt Help – Hilfe zur SelbsthilfeLokalisierung in der humanitären Praxis
HelpAge Deutschland N
Hilfe für Afrika e.V.* NETZ Bangladesch
Hoffnungszeichen / Sign of Hope Neuapostolische Kirche-karitativ e.V.
humedica nph Kinderhilfe Lateinamerika e.V.
I
Indienhilfe O
INKOTA-netzwerk Ökumenische Initiative Eine Welt
Internationaler Bund (IB) OIKOS EINE WELT
Internationaler Hilfsfonds Opportunity International Deutschland
International Justice Mission Deutschland Ora International Deutschland
Internationaler Ländlicher Entwicklungsdienst (ILD) OroVerde – Die Tropenwaldstiftung
Internationaler Verband Westfälischer Kinderdörfer Oxfam Deutschland
Islamic Relief Deutschland
J P
JAM Deutschland Plan International Deutschland
Jambo Bukoba
Johanniter-Auslandshilfe
R
K Rhein-Donau-Stiftung
KAIROS Europa
Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie
KATE – Kontaktstelle für Umwelt und Entwicklung S
Kinderhilfswerk Stiftung Global-Care SALEM International
Kindernothilfe Samhathi – Hilfe für Indien
Kinderrechte Afrika Save the Children Deutschland
KOLPING International Cooperation e.V. Senegalhilfe-Verein
Senior Experten Service (SES)
L Society for International Development Chapter Bonn
Lateinamerika-Zentrum (SID)
Lesben- und Schwulenverband (LSVD) SODI – Solidaritätsdienst International
Lichtbrücke SOS-Kinderdörfer weltweit
Stiftung der Deutschen Lions
M Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF)
Malteser International Stiftung Kinderzukunft
Marie-Schlei-Verein Stiftung Nord-Süd-Brücken
materra – Stiftung Frau und Gesundheit SÜDWIND – Institut für Ökonomie und Ökumene
medica mondiale Susila Dharma – Soziale Dienste
medico international
MISEREOR T
Mission East Deutschland e.V.* Tearfund Deutschland e.V.*
Missionsärztliches Institut Würzburg Terra Tech FörderprojekteLokalisierung in der humanitären Praxis
TERRE DES FEMMES Welthungerhilfe
terre des hommes Deutschland Weltladen-Dachverband
Tierärzte ohne Grenzen (ToG) Weltnotwerk der KAB Deutschlands
TransFair Werkhof Darmstadt
Werkstatt Ökonomie
V World University Service
Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen (VEN) World Vision Deutschland
Verbund Entwicklungspolitischer Nichtregierungs-
organisationen Brandenburgs (VENROB)
Z
W Zukunftsstiftung Entwicklung bei der GLS Treuhand
W. P. Schmitz-Stiftung
WEED – Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung * Gastmitglied
Weltfriedensdienst
Weltgebetstag der Frauen – Deutsches Komitee VENRO hat aktuell 138 Mitglieder (Stand: Juli 2020)
Welthaus BielefeldLokalisierung in der humanitären Praxis
Lokalisierung in der humanitären Praxis IMPRESSUM Herausgeber: Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen e. V. (VENRO) Stresemannstr 72 10963 Berlin Telefon: 030/2 63 92 99-10 Fax: 030/2 63 92 99-99 E-Mail: sekretariat@venro.org Internet: www.venro.org Redaktion: Karoline Krähling Endredaktion: Janna Völker Für ihren Beitrag danken wir Maren Rahlf. Fotonachweis: Titel: UN Photo/Zenebe Teklewold; S. 7: action medeor; S. 11: VENRO/Karoline Krähling Lektorat: Flowingwords/Julia Jahnz Layout: BAR PACIFICO/ Etienne Girardet & Fabian Hickethier, Jens Tenhaeff Diese Publikation wurde im Rahmen des VENRO- Projekts „Qualität und Innovation“ erstellt. Dieses wird gefördert mit Mitteln des Auswärtigen Amts. Berlin, August 2020
VENRO ist der Dachverband der ent- VENRO
wicklungspolitischen und humanitären → vertritt die Interessen der
Nichtregierungsorganisationen (NRO) entwicklungspolitischen und
in Deutschland. Der Verband wurde im humanitären NRO gegenüber
Jahr 1995 gegründet. Ihm gehören aktu- der Politik
ell rund 140 Organisationen an. Sie kom-
men aus der privaten und kirchlichen → stärkt die Rolle von NRO
Entwicklungszusammenarbeit, der Hu- und Zivilgesellschaft in der
manitären Hilfe sowie der entwicklungs- Entwicklungspolitik und Humanitären
politischen Bildungs-, Öffentlichkeits- Hilfe
und Lobbyarbeit.
→ vertritt die Interessen der
Das zentrale Ziel von VENRO ist die ge- Entwicklungsländer und armer
rechte Gestaltung der Globalisierung, Bevölkerungsgruppen
insbesondere die Überwindung der welt-
weiten Armut. Der Verband setzt sich für → schärft das öffentliche Bewusstsein
die Verwirklichung der Menschenrechte für entwicklungspolitische und
und die Bewahrung der natürlichen humanitäre Themen
Lebensgrundlagen ein.
VENRO – Verband Entwicklungspolitik
und Humanitäre Hilfe deutscher
Nichtregierungsorganisationen
www.venro.orgSie können auch lesen