Schrei vor Frust - Carpathia AG

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Schrei vor Frust - Carpathia AG
Trends Online-Shopping

       Schrei
      vor Frust
    Mit aller Macht drängen Traditionsfirmen ins Web und nehmen damit den
      Kampf gegen die Online-Anbieter auf. Manch alter Konzern zeigt sich
                    siegesgewiss – dabei ist das Risiko enorm.
                                                                            Foto: Infinity/Fotolia

                                Kristina Gnirke Text

64 BILANZ 17/2012
Schrei vor Frust - Carpathia AG
P
Wer mit einem Online-Shop                             ure Not treibt Max       der Brüder Oliver, Marc und Alexander
durchstarten will, braucht                            Manuel Vögele an.        Samwer, das Zalando einst mit dem nöti-
die richtige Strategie – und
viel Geld.                                            Im März peppt er         gen Kapital an den Start gebracht hat,
                                                      den Online-Shop         glaube nicht mehr an die Idee. «Die
                                                      seiner Schuhfirma       ­Samwers planen den Ausstieg», heisst es
                                                      Vögele auf – doch        in Investmentkreisen. Über 100 Firmen
                                                      jubelt der Chef der      haben sie im Web gross gezogen, manche
                                                      Familienfirma über       waren top, manche ein Flop.
                               die Innovationen? Keine Spur. Heute                Wenn selbst pure Internetplayer wie
                               müsse man als grosser Schuhhändler den          Zalando im Web kriseln, wie arg trifft es
                               Kunden auch im Internet etwas bieten,           dann die Newcomer aus der alten Laden-
                               lässt er wissen. Es klingt wenig nach Lust.     welt in der Online-Ära?
                               Vögele wird gejagt. Den wichtigsten Grund
                               für die Shopkur nennt er selbst: Zalando.      Wette auf die Zukunft. Verheissungsvoll
                                  Wie ein Orkan fegt der deutsche Inter-      tönen die Versprechungen des Internets.
                               net-Modehändler über Europa hinweg.            Angelockt von Megaerfolgen wie dem US-
                               Seine Werbung «Schrei vor Glück» mit           Versandriesen Amazon, drängen immer
                               kaufsüchtigen Frauen hält seit Herbst          mehr Firmen hinein. Dabei sind die Risi-
                               auch in der Schweiz Händler in Atem.           ken enorm, Gewinne rar. Denn der Sprung
                               Kleider, Taschen, Schuhe – mit Zehntau-        mit der Marke ins Netz ist teuer. Perfekt
                               senden Produkten und einer selten gese-        müssen alte und neue Welt verknüpft wer-
                               henen Marketingshow will Geschäftsfüh-         den, neue Serviceleistungen, neue Ideen
                               rer und Mitgründer ­Robert Gentz Zalando       braucht es. Das Dilemma: Kein Unterneh-
                               an die Marktspitze hieven. Im Schweizer        mer kommt daran vorbei. Neue Rivalen
                               Mode-Internethandel liegt er beim Um-          tauchen im Web auf und machen alten
                               satz schon nach so kurzer Zeit auf Platz       Firmen das Geschäft streitig. Zweistellige
                               drei hinter La ­Redoute und Heine.             Wachstumsraten stellen die mickrigen
                                  Zalandos Lautstärke übertönt die bit-       Zuwächse im Laden in den Schatten. Wer
                               tere Seite der Online-Welt: Gewinne sind       zu spät kommt, steht schnell im Abseits.
                               weit entfernt. Schon 2010 verzehnfachte        Welche Geschäfts­idee zündet, weiss in
                               sich der Verlust auf 25 Millionen Franken,     diesem Wettkampf aber niemand. Es ist
                               bei 193 Millionen Umsatz. Das teure Mar-       eine grosse Wette auf die Zukunft, und
                               keting frisst den Erlös. Doch Gentz’ gros­     viele Händler werden sie verlieren. Denn
                               ses Problem ist die Geschäftsidee. Der         es warten ­etliche Fallen.
                               Shop garantiert Gratisversand und -rück-          Zalandos Markteintritt hat nicht nur
                               gabe. Das hat die Retourenquote laut In-       Vögele aufgeschreckt. «Das war ein Weck-
                               sidern auf über 60 Prozent getrieben. Im       ruf für viele Händler», sagt Adrian Hofer,
                               Schnitt liegt die Branche bei 40. «Sie krie-   Handelsexperte von Boston Consulting in
                               gen es nicht ­gesenkt», sagt ein Kenner der    Zürich. «Manche, die zuvor online kaum
                               Probleme. Zalandos Hauptaktionär, das          aktiv waren, haben begonnen, schnell
                               Berliner Investmenthaus Rocket Internet        nach Lösungen zu suchen.»                •

                                                                                                      17/2012 BILANZ 65
Schrei vor Frust - Carpathia AG
Trends Online-Shopping

  Bekleidung                                                                                 lich im Laden ein. Zusätzlich erlaubt es

  Sehen, fühlen, riechen                                                                     das Surfen im Internet, die eigene Indivi-
                                                                                             dualität zu fördern. «In der Mode wollen
                                                                                             wir Neues entdecken. Das Web hat dazu
  Kleider zu kaufen, ist und bleibt ein sinnlicher, sozialer Akt –                           viel mehr Vorschläge parat, als es sich
  auch wenn das Online-Geschäft immer wichtiger wird.                                        Modegeschäfte je werden leisten können»,
                                                                                             sagt Ralf Wölfle, Professor für E-Business
  Mit konzentriertem Blick scannt die                                                        an der Fachhochschule Nordwestschweiz.
  ­geübte Internet-Shopperin in Sekunden-                                                        Hauptsächlich im Bereich der Massen-
   bruchteilen jedes einzelne Kleidungsstück.                                                produktion sehen Experten ein grosses
   Klick, klick, und schon ist das crèmefar-                                                 Wachstumspotenzial für den Online-
   bene Seidenkleid gekauft. Doch kaufen                                                     Handel. Spezialisierte Anbieter, wie
   wirklich so viele im Internet ein? Bei                                                    ­beispielsweise jene für Übergrös­sen, sind
   einem Gesamtmarktvolumen von 10,6                                                          relativ resistent gegen Online-Wettbewer-
   Milliarden Franken werden nach Schät-                                                     ber. Tendenziell wird im Bereich Beklei-
   zung des Marktforschungsinstituts GfK                                                     dung das Internetangebot wachsen, aber
   gerade einmal zwischen sechs und sieben                                                   dem stationären Handel noch lange nicht
   Prozent des Umsatzes im Internet gene-                                                    den Rang ablaufen. KB
   riert. Der Kleiderkauf ist und bleibt für    45 Millionen Franken Umsatz im
   viele Menschen ein sozialer Akt. Wer         Online-Handel: La Redoute.
   schlendert nicht gerne mit Freunden
   durch die Stadt und bestaunt die Rolex-      St. Gallen betont, dass die Konsumenten      Bekleidung: die Top 3                         Geschätzter
                                                                                                                                       Umsatz in Mio. Fr.
   Uhr oder die Wildleder-Pumps von Dolce       immer öfter zwischen den Kanälen
                                                                                             Laredoute.ch                                          45,0
   & Gabbana im Schaufenster?                   ­«Online» und «Stationär» wechseln. In
      Dennoch werden Online-Shops für sta-       der Vorkaufsphase holen sie sich erste      Heine.ch                                              40,7
   tionäre Verkaufsläden zukünftig immer         ­Informationen – vorzugsweise im Internet   Zalando.ch                                            37,0
   wichtiger. Eine Studie der Universität         –, kaufen dann aber trotzdem mehrheit-     Quelle: iBusiness, Carpathia Consulting

    • Mittlerweile wird der Markt ja auch       Morath, Managing Partner von Roland              Markt, der Elektronikhändler werde 2015
  ­ttraktiv. Jahrelang haben Schweizer
  a                                             Berger Strategy Consultants in Zürich.           in Deutschland Webmarktführer. Dabei
  ­Unternehmen Online-Kunden mehr oder          Ihre Erfahrung: Oft sind die Online-­        muss das Management froh sein, den
   weniger ignoriert. Und das, obwohl die       Konzepte nicht durchdacht, dem Web-          ­A nschluss zu halten. Seit Jahren führt
   Eidgenossen sehr webaffin sind. 39 Pro-      auftritt fehlt die Integration in die bis­    Amazon die Branche an, Media Markt
   zent der Schweizer prüften Marken sogar      herige Filialkette.                           verkauft die Produkte erst seit Jahresbe-
   auf Social-Media-Seiten wie Facebook,           Manche Firmen riskieren selbst dann        ginn in Deutschland und der Schweiz
   stellt Boston Consulting in einer aktuel-    eine grosse Klappe. So tönt es von Media      online. «Ein Blutbad» sei dafür nötig
   len Studie fest. Kauften sie 2006 für vier                                                 ­gewesen, sagt der Chef eines Elektronik-
   Milliarden Franken ein, sind es heute                                                       händlers. Denn von jeher führen die
   ­bereits rund neun Milliarden, zeigt die                                                    ­Geschäftsführer des rot-weissen Handels-
    Universität St. Gallen. Gut, der Gesamt-                                                    riesen ihre Filialen autonom, auch bei den
    handel setzt das Zehnfache um – aber                                                        Preisen – sie wollten keinen ­Online-Shop,
    dafür wächst er pro Jahr nur um 2 Pro-                                                      der naturgemäss nur einen Preis offeriert.
    zent, das Online-Geschäft hingegen um                                                           Nach viel Streit hat man sich geeinigt –
    20. Tablet Computer machen das Surfen                                                       auf ein Miniangebot: 2500 Artikel verkauft
    vom Sofa aus bequemer, und bald kom-                                                        der Konzern im Internet in Deutschland.
    men Mobilfunk-Apps, mit denen Nutzer                                                        In der Schweiz will Media-Markt-Landes­
    beispielsweise auf der Strasse eine Ta-                                                     chef Karsten Sommer mit nur 1000 Pro-
    sche fotografieren und im Internet nach                                                     dukten online brillieren. Dabei bietet die
    dem Preis und einem Shop suchen kön-                                                        Firma in jeder F  ­ iliale über 100 000 Pro-
    nen, der die Tasche führt.                                                                   dukte an. Amazon das Vielfache davon –
       Manager, die nur ihre Filialen kennen,                                                    und das zu niedrigeren Preisen.
    stolpern im Web nun über diverse Fall-                                                          Die Angst vor dem Neuen lässt viele
    stricke. «Viele Unternehmen sind zu zag-                                                    Firmen straucheln. Die Mitarbeiter
    haft, andere starten zu spät oder gehen                                                     ­boykottieren das Web aus Sorge, ihren
    wiederum zu massiv im Marktauftritt an                                                       Job zu verlieren. Resigniert sagte der
    das Internetgeschäft heran», sagt Beatrix                                                    Chef eines grossen deutschen Waren-

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Schrei vor Frust - Carpathia AG
Unterhaltungsmedien                                                                          Röthlin läuft die Migros-Tochter auch

Zweigleisig zum Erfolg                                                                       ­deshalb besser als der Markt, weil sie das
                                                                                              Geschäft im Laden und im Web optimal
                                                                                              miteinander vernetzt hat. Kunden von Ex
Ex Libris erzielt schon ein Drittel der Erlöse im Internet. Mit                               Libris können beispielweise eine CD
einer Strategie, die auch kleinen Buchhändlern gut täte.                                      ­online bestellen und im Laden abholen.
                                                                                               Es sind hauptsächlich die getrennten
Bücher, CDs, Filme: An Megaseller Ama-                                                         Strukturen für Online und Stationär,
zon kommt in diesen Sparten niemand                                                            ­weshalb viele Geschäfte der Unterhal­
vorbei. Der weltweit bekannteste Online-                                                        tungs­medienbranche zurückbleiben.
Anbieter von Unterhaltungs­medien bringt                                                            Zukünftig gilt für die Buchhändler,
viele stationäre Läden in eine prekäre                                                          sich mit gutem Service von der Konkur-
­Situation. Der mühselige Gang aus dem                                                          renz abzuheben und das Webgeschäft mit
 Haus in einen Laden ist für ein Stück                                                          dem Laden um die Ecke möglichst benut-
 ­gebundenes Papier in Pappe oder eine                                                          zerfreundlich zu verbinden. «Nur mit
  glänzende Plastikscheibe nicht mehr                                                           kombiniertem Online- und Offline-­
  nötig. «Man stellt sich die Frage, wofür es                                                   Geschäft können wir gegen Amazon
  Buchläden überhaupt noch braucht und                                                          ­bestehen», sagt Röthlin. KB
  welche Funktionen sie haben», sagt Mar-       Optimale Verquickung von Internet und
  tina Kühne, Konsumforscherin am Gott-         realer Welt: Ex Libris.
  lieb Duttweiler Institut. Unterhaltungs-
  medien wie Bücher, CDs oder Filme             es schwer, gegen die zahlreichen Web­        Unterhaltungsmedien:                          Geschätzter
                                                                                             die Hits                                  Umsatz in Mio. Fr.
  müssen von Kunden vor dem Kauf nicht          anbieter zu bestehen.
  mehr unbedingt angefasst oder genaus-             Der Schweizer Marktführer Ex Libris      Exlibris.ch                                           60,0
  tens unter die Lupe genommen werden.          (seit 1999 auch online) macht bereits ein    Weltbild.ch                                           38,0
  Ist man nicht ein spezialisierter Laden       Drittel seines Gesamtumsatzes im Inter-      Buch.ch                                               37,0
  oder geniesst einen blendenden Ruf, fällt     net. Aus Sicht von Ex-Libris-Chef Daniel     Quelle: iBusiness, Carpathia Consulting

hauskonzerns jüngst in kleinem Kreis:           fühlten auch seine Manager. Die Aktion       neues IT-System verknüpft die Filialen
«Mich muss keiner überzeugen, ein gutes         eröffnete eine wichtige Diskussion.          nahtlos mit dem Webshop, per Mobilfunk-
Angebot im Internet zu machen, aber                 Mit dem Internetshop kommt eben          App können Kunden mit dem Smart-
­u nsere 18 000 Mitarbeiter schon.»             nicht nur ein neuer Laden hinzu. «Wir        phone bezahlen und Bons einlösen, die
    Um seine Truppe bei der Stange zu           hatten vorher ein zweidimensionales          Logistik arbeitet ganz neu. Burger will in
 halten, greift Philippe Olivier Burger auch    ­Geschäft, jetzt hat es eine dritte Dimen-   seinen Läden kleine Laptop-Terminals
 zum Besenstiel. Der Eigentümer und              sion», sagt Burger. «Manche Unterneh-       aufstellen, damit die Kunden sich Pro-
 Chef der Modehauskette PKZ Burger-Kehl          men glauben, es reiche fürs Online-Ge-      dukte etwa in anderen Farben ansehen
 mit den Marken PKZ, Burger, Feldpausch          schäft, ein paar Päckchen zu packen und     und bestellen können. 150 000 Besucher
 und Blue Dog startete voriges Jahr die          zu versenden. Das ist falsch.» Der PKZ-     zähle die Website pro Monat, 60 000 Kun-
 Website Thelook.ch – nach drei Jahren           Chef hat die Firma umgekrempelt: Ein         den hätten die mobile App heruntergela-
 Planung ist sie perfekt integriert mit dem                                                   den, sagt Burger stolz. «Das alles wird in
 Filialgeschäft. Doch der Wandel, der alle                                                    einigen Jahren selbstverständlich sein.»
 Prozesse umgestülpt hat, liess die Firma                                                        Noch ist es alles andere als das. Auch in
 kräftig knirschen: «Nach der Entschei-                                                      mancher PKZ-Filiale bleibt die Webwelt
 dung für den Schritt vor drei Jahren ru-                                                    vor der Tür: Die Verkäufer ignorieren den
 morte es in allen Bereichen», sagt Burger.                                                  Online-Shop, wenn eine Grösse fehlt.
                                                                                             Fragt der Kunde nach der Website, wird er
Zwei Geschäfte, drei Dimensionen. Den                                                        gebeten, dort nachzusehen. ­Burger muss
Sturm, den sein Unternehmen ­        erfasst                                                 noch viele seiner Leute überzeugen.
hatte, wollte er veranschaulichen. Anfang                                                        Nicht nur die Mitarbeiter bocken. Die
2011 beim jährlichen Kader­    t reffen am                                                   Systeme neu auf die Internetzeit einzu-
Ägerisee waren die Präsentationen gerade                                                     stellen, ist für viele Manager schon zu
beendet, da trat Burger mit Führungs-                                                        viel. Die Anforderungen würden von den
kräften auf: Er nahm einen ­Besenstiel,                                                      meisten brutal unterschätzt, warnt
band ein Tuch daran und wedelte damit                                                        ­E-Commerce-Berater Thomas Lang von
durch seine tanzende Laientheater-                                                            Carpathia Consulting. Plötzlich stünden
gruppe. Solch ein Durcheinander – so                                                          Unternehmer vor dem Problem, dass •

                                                                                                                                   17/2012 BILANZ 67
Schrei vor Frust - Carpathia AG
Trends Online-Shopping

  Lebensmittel                                                                                  Dominique Locher, Marketingdirektor

  Hunger nach mehr                                                                          von LeShop, ist dennoch überzeugt, dass
                                                                                            Online mittelfristig zwei bis drei Prozent
                                                                                            Marktvolumen erreichen wird. Zum
  Der Detailhandel erzielt nicht einmal ein Prozent des Umsatzes                            ­Vergleich: Spitzenreiter England bringt es
  online. Das soll sich ändern – auch dank den Smartphones.                                  auf fünf Prozent Online-Anteil. «Haupt-
                                                                                             treiber für das Wachstum werden die
  Eigentlich müsste man meinen, es sei das                                                   Smartphones sein», ist Locher überzeugt.
  Glück aller Haus- und Berufsfrauen, dass                                                      Bereits heute kommt bei LeShop jede
  sie ihre Lebensmittel in der Schweiz seit                                                  fünfte Bestellung über ein mobiles End­
  einigen Jahren im Netz bestellen können.                                                   gerät herein. Mit LeShop Drive startet das
  Kein umständlicher Gang in den Super-                                                      Unternehmen, das 1998 gegründet
  markt mehr, keine Schlepperei von Ein-                                                     wurde, im Oktober zudem ein Pilotpro-
  kaufstüten. Doch bis dato werden, die                                                      jekt. Neu soll der Kunde auf Wunsch
  Marktführer Migros (LeShop) und Coop                                                       seine Ware an bestimmten Punkten ab-
  zusammengerechnet, lediglich 0,8 Pro-                                                      holen können – und erfährt damit mehr
  zent der Lebensmittelkäufe online getä-                                                    Komfort, weil er so auch kleinere Bestel-
  tigt. Umsatzspitzenreiter Nespresso zählt                                                  lungen aufgeben kann, die LeShop sonst
  in der Branche aufgrund seines einsei­        Mit Abstand grösster Schweizer Food-­        nicht ausliefert. KFK
  tigen Angebots nicht als grosser Lebens-      Anbieter im Internet: Nespresso.
  mittelhändler.
      Grund für den kleinen Anteil an einem     andern wollen die Konsumenten ihre          Food: die Spitzenreiter                     Umsatz
                                                                                                                                      in Mio. Fr.
  allerdings gigantisch grossen Markt (36       ­Lebensmittel eben immer noch gerne
                                                                                            Nespresso.ch (geschätzt)                    220,0
  Milliarden Franken) ist zum einen die          im Laden sehen oder riechen. Deshalb
  hohe Supermarktdichte in der Schweiz:          wird der Food-Bereich auch nie im glei-    Leshop.ch                                    150,0
  Beinahe an jeder Ecke sind die Platz­          chen Masse digitalisiert werden wie etwa   Coop@home.ch                                  85,8
  hirsche Migros und Coop präsent. Zum           der Buchhandel.                            Quelle: iBusiness, Carpathia Consulting

  •   sie keine Debitoren-Buchhaltung              Das Internet gibt es schon lange, doch    Vor einem Jahr kündigte der Reiseanbie-
  haben, die ihr Online-Shop für Zahlun-        damit Geld zu verdienen, ist Neuland.        ter, einer der Top-3-Player im Schweizer
  gen gegen Rechnung oder Kreditkarte           Keiner weiss, welche Geschäfts­modelle       Markt, gross eine neue Online-Reiseagen-
  braucht. Die IT bleibt oft getrennt, sodass   funktionieren. Die Migros kauft ihr Know-    tur an. Das Projekt Etrips.ch, mit dem
  Kunden mit Fragen nach Lieferungen                                                         Medienhaus Ringier lanciert, sollte zum
  oder Retouren online bestellter Ware im                                                   tonangebenden Schweizer Ferienportal
  Laden auf taube Ohren stossen. Und viele                                                  werden, «mit dem grössten Flug- und
  Lager sind noch darauf eingestellt, wie
  bisher Produkte kistenweise in Filialen       Wem es gelingt,                             ­Ferienprogramm der wichtigsten Anbie-
                                                                                             ter zu tagesaktuellen Preisen».
  zu liefern, statt sie einzeln zusammen­
  gestellt zu verpacken.
                                                Offline und Online                          Gefährdete Branchen. Der E-Trip endete
      All das zu verändern, muss man sich       zu fusionieren,                             schnell. Dieses Jahr strich Wittwer die
  leisten können. PKZ-Patron Burger hätte
  stattdessen gut zwei Filialen eröffnen
                                                kann reich belohnt                          Investitionen. «Wir mussten erkennen,
                                                                                            dass es viel mehr ­Mittel braucht, als wir
  können. In die Millionen sei seine Inves-     werden.                                     geglaubt hatten, um eine neue Marke
  tition für das Online-Engagement gegan-                                                   ­bekannt zu machen. Wir müssen genau
  gen. Wer Online- und Offline-Welt wie                                                      überlegen, auf welchen Brand wir einzah-
  bei PKZ zusammenführt, zahlt nach                                                          len – und haben uns dabei für unsere
  ­Erfahrung vieler Manager viermal mehr        how daher lieber zu: Der Handelsriese        ­bewährten Marken TUI und Vögele ent-
   als derjenige, der sie getrennt nebenein-    übernahm mit Digitec einen Internet-          schieden.» TUI Suisse selbst erreicht laut
   anderher laufen lässt. Wer sich traut,       Elektronikhändler und mit LeShop einen        eigenen Angaben ­        i mmerhin einen
   kann reich belohnt werden: «Werden           Online-Lieferservice für Lebensmittel.        ­Online-Anteil von 20 Prozent. Dennoch
   beide Vertriebskanäle koordiniert, stei-     So umgeht Migros das Risiko, am extre-         sei Etrips wichtig für die Lernkurve. Man
   gen die jährlichen Wachstumsraten um         men Wandel im eigenen Unternehmen              habe geglaubt, mit Online-Auftritten
   25 Prozent», sagt Oliver Emrich, Leiter      zu scheitern, und ist im Web dabei.            Geld für Kataloge und Reisebüros zu spa-
   des Kompetenzzentrums E-Commerce                Wie es anders laufen kann, musste           ren. Das ging nicht auf. «Auch der
   der Universität St. Gallen, der Managern     Martin Wittwer leidvoll erfahren. Der          Online-Vertrieb kostet», sagt Wittwer.
                                                                                               ­
   nun auch ein Seminar anbietet.               CEO von TUI Suisse glaubte an eine Idee:       Doch er lässt eine Tür offen: Noch wird

68 BILANZ 17/2012
Schrei vor Frust - Carpathia AG
Reisen                                                                                          Die schweizerische Fremdenverkehrs-

Immer stärker vernetzt                                                                       bilanz 2011 beziffert den Posten der Aus-
                                                                                             landreisen unter «Reiseverkehr mit Über-
                                                                                             nachtungen» auf 9,4 Milliarden Franken
Ein immer grösserer Teil des Reisegeschäfts verlagert sich ins                               pro Jahr. Um dieses Marktvolumen ent-
Internet. Platz für gute Reisebüros gibt es aber weiterhin.                                  brennt ein immer schärfer geführter
                                                                                             Kampf. Ausländische Online-Anbieter
Innert weniger Jahre ist das Netz für alle                                                   agieren sehr preisaggressiv und holen sich
touristischen Geschäfte enorm wichtig                                                        Kuchenstücke der hiesigen Platzhirsche,
­geworden. Mit hoher Preistransparenz,                                                       die sich nun alle zu «Online-driven Com-
 Schnelligkeit und Verlässlichkeit der                                                       panies» entwickeln wollen. Wohin der
 ­Reservationen ging das Know-how, das                                                       Trend läuft, lässt sich heute schon in gro-
  früher beim Reiseveranstalter lag, in vie-                                                 ben Zügen abschätzen: Reiseveranstalter
  len Gebieten auf den Konsumenten über.                                                     bieten online verstärkt die «Dynamic
  Statt dem Reisebüro vertraut der Konsu-                                                    Packaging»-Technik an. User können sich
  ment diversen Bewertungsplattformen.                                                       so zu tagesaktuellen Preisen ihr eigenes
  Trotzdem macht die Internetwalze den                                                       Arrangement aus Flug, Hotel und Miet-
  Schweizer Reisebüros – ihre Zahl sank in                                                   wagen zusammenstellen und online
  der letzten Dekade von rund 3000 auf         Standardisiert, einfach, erfolgreich:         ­buchen. AG
  2000 – nicht automatisch den Garaus.         Website der Swiss.
     Beratungsintensivere Geschäfte, also
  grös­sere Rund- und Fernreisen oder Kreuz-      Gemäss jüngsten Umfragen bucht die         Reisen: die Umsatzbolzer                      Geschätzter
                                                                                                                                       Umsatz in Mio. Fr.
  fahrten mit verschiedenen Hin- und Rück-     Hälfte der Schweizer ihre Auslandreisen
                                                                                             Swiss.com                                          1 100,0
  flugdestinationen, dürften weiterhin von     im Netz. Die hohe Online-Affinität betrifft
  spezialisierten stationären Anbietern ab-    einfachere und günstigere Reiseabschnitte     Ebookers.ch                                          138,6
  gewickelt werden – sofern sie Kundennut-     wie Städteflüge, Hotels, Badeferien-­         Travel.ch                                             80,0
  zen generieren (und verrechnen) können.      Arrangements oder auch Mietwagen.             Quelle: iBusiness, Carpathia Consulting

Etrips nicht ganz abgeschaltet. Vielleicht     gieberater Fritze von Berswordt von der       lassen sich Möbel und Autos im Web
kommt ja die zündende Idee noch.               Düsseldorfer Consultingfirma SMP fest.        schlechter verkaufen. Wer mehrere 10 000
   Besser wäre es, denn die Reisebranche          Modehändler sind, wie Zalando zeigt,       Franken für einen neuen Wagen ausgibt,
wird im Web besonders attackiert. Flug-        sehr gefährdet ohne gute Webidee. Auch        will ihn auch probefahren, ein Gefühl für
tickets, Hotelsuche, Preisvergleiche – vor     Elektronikfirmen wie Media Markt ste-         die Sitze, die Lenkung haben. Wer sich
den Ferien gehören Internetportale zum         hen unter Zugzwang, denn den meisten          ein Sofa zulegt, will es vorher anfassen
Begleiter. So geht es nicht allen Branchen.    Kunden ist es egal, ob sie die Artikel vor-   und darauf sitzen.
«Es gibt Segmente, da steigt das Risiko        her selbst in der Hand hatten. Genauso           Bequem zurücklehnen können sich
für stationäre Händler durch das Web           geht es auch dem Buchhandel, den Ver-         Händler dennoch in keiner Branche.
weit stärker als in anderen», stellt Strate-   käufern von Musik und Filmen. Dagegen         Nicht einmal im Luxusmarkt sind sie •

                                                                                                                                                ANZEIGE
Schrei vor Frust - Carpathia AG
Trends Online-Shopping

  Elektronik                                                                                 umsatz von 1,75 Milliarden Franken rund

  Der       Preis        ist    heiss                                                        15 Prozent aus dem Online-Geschäft. Ob
                                                                                             im Internet oder in der Filiale: Die grösste
                                                                                             Herausforderung für Unternehmen ist es,
  Das Online-Geschäft wird von der besseren Vergleichbarkeit                                 sich im Konkurrenzkampf zu profilieren.
  der Produkte angeregt – und von den tiefen Preisen.                                        Luca Giuriato vom Marktforschungsinsti-
                                                                                             tut GfK sagt: «Es kommt nicht primär da-
  «Wer ein Notebook kaufen will, für den                                                     rauf an, ob man nun Online-Händler
  funktioniert das im Web genauso gut wie                                                    oder Besitzer eines stationären Ladens ist.
  im Laden, wenn nicht besser», sagt                                                         Einzig die Differenzierung gegenüber an-
  ­Roland Brack, Gründer von Brack.ch.                                                       deren Wettbewerbern ist entscheidend.»
   Produkte und Preise liessen sich einfacher                                                    Der Elektronikmarkt wird sich aller-
   vergleichen, und es gebe die Empfehlun-                                                   dings nicht vollständig in den Online-
   gen anderer Kunden. Heute sind fast                                                       Handel verlagern. Gut zu sehen ist das
   alle technologisch bis auf die Zähne                                                      bei Digitec, dem Schweizer Spitzenreiter
   ­bewaffnet. In jedem Haushalt ist mindes-                                                 im Bereich Elektronik: U­ rsprünglich
    tens ein Computer, iPhone oder iPad vor-                                                 ­ausschliesslich Online-Player, hat das
    handen, von denen man schnell und ein-                                                    ­Unternehmen längst auch ­stationäre
    fach auf das Internet zugreifen kann. Den    Vom reinen Online-Player zum                  Läden­ ­eröffnet. KB
    Konsumenten ist es weniger wichtig, die      ­erfolgreichen Ladenbetreiber: Digitec.
    Produkte anzufassen, als sie zu einem
    guten Preis im Web zu erwerben. «Ent-            Vor allem der Online-Markt für Video-   Elektronik: die Topverkäufer                  Geschätzter
                                                                                                                                       Umsatz in Mio. Fr.
    scheider grosser Elektronik­häuser erwar-    kameras boomt. Es werden bereits 25 Pro-
                                                                                             Digitec.ch                                          250,0
    ten, dass in fünf Jahren bis zu 60 Prozent   zent aller Videokameras im Internet
    des Umsatzes online stattfinden», sagt       ­bestellt. In der Consumer-Elektronik       Brack.ch                                             120,0
    Fritze von Berswordt von der Strategiebe-     (Fernseher, Stereoanlagen, Radios, MP3)    Arp.com                                               95,7
    ratung SMP.                                   stammen bei einem jährlichen Gesamt-       Quelle: iBusiness, Carpathia Consulting

  • vor der Cyberattacke sicher. Mit dem         Louis Vuitton, Dolce & Gabbana oder          können sich noch sicher wähnen. Das
  Online-Luxusmodeportal Net-a-porter.           Prada Taschen und Kleider online. Auto-      Anfühlen der Stücke und die Beratung
  com, das zum Luxuskonzern Richemont            Internethändler drücken mit Tiefstprei-      stehen hoch im Kurs. Wie lange noch?
  gehört, hat Natalie Massenet es geschafft,     sen die Margen von Autokonzernen, die       Wer weiss. Die Website Schmuck.ch
  teure Ware im Web attraktiv zu machen.         nun allesamt intern eigene Webshops         ­belegt nicht umsonst das Mittelfeld unter
  Mittlerweile verkaufen auch Marken wie         ­a ndenken. Schmuck- und Uhrenhändler        den 100 grössten Schweizer E-Com-

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merce-Anbietern, die iBusiness und Car-       Webauftritt seines ­Bücherhauses Press &        keting oder Produktstrategie, kümmern
pathia ermittelt haben.                       Books blickt. Wer dort Lesestoff bestellt,      sich um alle Verkaufskanäle.
    Was vielen Firmen Angst macht: Die        muss ihn im Laden abholen. Weniger In-               Ob PKZ-Inhaber Burger oder Ex-Lib-
Auslese im Web wird immer brutaler.           ternet geht online kaum.                          ris-Chef Röthlin: Mit ihren Filialen hal-
Leichte Preisvergleiche schaffen Transpa-        Dabei wird – angetrieben von Amazon          ten sie Trümpfe in der Hand, können spe-
renz, sodass viele Anbieter durchfallen.      – gerade das Buchgeschäft vom Web ins           zielleren Service anbieten. Nun müssen
Es ist so schlimm, dass ­Berater wie SMP-     Aus gestellt. Noch ist der stationäre A
                                                                                    ­ nteil   sie ihr Blatt gut spielen. «Diejenigen wer-
Experte Fritze von Berswordt dafür ein        grösser. Doch ohne das Internetgeschäft         den gewinnen, die Online- und stationä-
neues Wort benutzen: Amazonification.         sieht Ex-Libris-Chef Daniel Röthlin eine        ren Handel intelligent kombinieren», sagt
«In der Online-Welt bleibt schnell nur        schwierige Zukunft: «Ich brauche ein            Roland-Berger-Expertin Beatrix ­Morath.
noch einer pro Segment übrig. Wie Ama-        überdimensionales Wachstum, wie es das          Das Shoppingerlebnis wird die Kür.
zon vereinigen diese ­wenigen den Gross-      Internet bietet, um die Verluste im statio-     ­Online-Konzerne drängen längst in die
teil der Märkte auf sich.» Für Konkurren-                                                      alte Filialwelt: Digitec baut Läden auf,
ten bleibt da leicht zu wenig Umsatz übrig.                                                    Zalando eröffnete in Berlin die erste Fili-
    «Epochale Veränderungen» macht Ro-
land Brack, Gründer des gleichnamigen         Das geht nicht: Wer                              ale, Amazon steht in den USA kurz davor.
                                                                                               Mit heutigen Shops haben sie aber nichts
Schweizer Elektrohändlers, aus. Viele
Markteintritte, Dutzende neue Geschäfts-
                                              bei Press & Books                                gemein. Sie sind Erlebniszentren, Show-
                                                                                               rooms – Digitec zeigt offline vor allem,
modelle bemerkt der Manager, der schon        online bestellt,                                 was es online zu kaufen gibt, Zalandos
früh komplett auf das Internet setzte. «Ei-
nige etablierte Firmen werden die Trans-
                                              muss den Lesestoff                               Outlet Store können nur Kunden mit spe-
                                                                                               zieller Shoppingcard betreten.
formation nicht schaffen», ist er sicher.     im Laden abholen.                                    Wie im Kopf-an-Kopf-Rennen muss
                                                                                               sich Burger fühlen. Eine Woche nach sei-
Chance für Radikale. Manchen Unterneh-                                                         nem Online-Auftritt ist Zalando in der
mer verschreckt das derart, dass er sich                                                       Schweiz gestartet. In drei bis vier Jahren
ins Schneckenhaus zurückzieht – und           nären Geschäft auszugleichen.» Ein Drit-         will Burger Gewinne aus dem Internet­
seine gute Marke gefährdet. Ochsner           tel der Erlöse von Ex Libris stammt bereits      geschäft einstreichen. Wenn Zalandos
Sport etwa ist in Sportlerkreisen ge-         aus der Online-Welt. So wie der Buch-            ­aggressive Preise ihm keinen Strich durch
schätzt für die fundierte Beratung im         markt wegbricht, hat ein Buchhändler              die Rechnung machen. Immer wieder
Laden. Online aber präsentiert sich die       ohne Web nur als Spezialist Chancen.              klickt sich Burger durch die Zalando-Site.
Firma laienhaft. Unübersichtlich und              Wer mitziehen will, muss radikal sein         Etwas dürfte ihn beruhigen: Es sind zwar
uninspiriert wirkt die Website. Unter         wie Daniel Röthlin. Seit 1999 ist er mit Ex       Tausende Artikel zu finden – doch viele
dem Button «Online kaufen» versteckt          Libris online und unterscheidet nicht, ob         sind gar nicht lieferbar. Nur, er weiss: «Es
sich ein Online-Shop, aber auch ein           ein Kunde im Laden, im Web oder per               gibt online immer neue Angreifer.»         •

Blätterkatalog. Auch Valora-Präsident
­                                             Handy Bücher, Filme oder Musik kauft.
Rolando Benedick sollte ins Grübeln           Alles ist eins – das ist Röthlins Devise.       Mitarbeit: Kassandra Bucher, Andreas Güntert
                                                                                              und Karin Kofler
kommen, wenn er auf den ­lächerlichen         Selbst die Manager, ob in Einkauf, Mar-

                                                                                                                                       ANZEIGE
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