Sorgende Gemeinschaft - Ein Grundlagenpapier der Konferenz Diakonie Schweiz der EKS

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Sorgende Gemeinschaft - Ein Grundlagenpapier der Konferenz Diakonie Schweiz der EKS
Sorgende
Gemeinschaft
Ein Grundlagenpapier der Konferenz
Diakonie Schweiz der EKS
3

Diakonie als Grundvollzug
des Kirche-Seins Wie
Diakonie vor Ort Gemein-
schaft stiften kann

Wenn Menschen in den evangelisch-           Gemeinden nicht nur im Wort (Verkün-
reformierten Kirchen von «Diakonie»         digung), sondern gleichermassen auch
sprechen, so meinen sie damit das hel-      in der Tat Zeugnis ablegen von der
fende solidarische Handeln in christli-     Menschenliebe Jesu Christi.
cher Perspektive mit dem Ziel der Stif-
tung von Gemeinschaft. Wo Menschen              Die evangelisch-reformierten Kir-
Not leiden und wo sie in ihren Lebens-      chen sind überzeugt, dass die Diako-
möglichkeiten eingeschränkt sind, sol-      nie zentral in ihrem Selbstverständ-
len sie durch Minderung der Not und         nis angelegt ist: Leitend ist hierfür die
durch die Bekämpfung deren Ursachen         theologische Vorstellung der Diako-
Hilfe erfahren.                             nie als Grundvollzug des Kirche-Seins.
     Diese Hilfe ist jedoch nicht Selbst-   Wenn gefragt wird nach unverzichtba-
zweck, sondern dient einem grösse-          ren Bestandteilen, die für ein Kirche-
ren Ganzen: Durch die Diakonie, durch       Sein konstitutiv sind – bzw. umgekehrt:
das helfende Handeln sollen die betrof-     nach Bestandteilen, ohne die eine Kir-
fenen Menschen befähigt werden zur          che nicht vollständig Kirche ist –, dann
Teilhabe an einem gesellschaftlich inte-    spricht man von den vier Grundvollzü-
grierten Leben.                             gen des Kirche-Seins: Verkündigung
     Wenn die Diakonie «in christlicher     (martyria), Liturgie (leiturgia), Diakonie
Perspektive» geschieht, so kommt dar-       (diakonia) und Gemeinschaft (koinonia):
in zum Ausdruck, dass die christlichen      Kirche-Sein besteht also wesentlich
                                            darin, dass sie den in der Bibel be-
4         Wie Diakonie vor Ort Gemeinschaft stiften kann

zeugten Gott bezeugt (Verkündigung),       genommen werden, in Verkündigung
feiert (Gottesdienst), in tätiger Nächs-   und Gottesdienst sowie in der Gestal-
tenliebe praktisch werden lässt (Dia-      tung des Gemeindelebens.
konie) und ihn gemeinschaftlich zum
Ausdruck bringt (Gemeinschaft). Diese           Das diakonische Handeln hat sei-
vier Grundvollzüge stellen die das We-     ne Grundlage im Alten und im Neuen
sen der Kirche ausmachenden Hand-          Testament. Bei der Verkündigung der
lungen dar; würde eine einzelne feh-       Botschaft vom Reich Gottes traf Je-
len, wäre die Kirche nicht ganz Kirche.    sus Christus auf Menschen aus unter-
Die Diakonie vermittelt, dass die Chris-   schiedlichsten Lebenswelten und so-
tenmenschen an Gott als Ursprung al-       lidarisierte sich insbesondere mit den
len Helfens glauben und dass sie sich      Ausgeschlossenen und Geschmähten.
in Gottes Gemeinschaft als persönlich      Wenn er sich mit den «Zöllnern und
geliebt erfahren und in ihrem Sosein       Sündern» zu Tisch setzte, demonst-
mitsamt allen eigenen Defiziten ange-      rierte er auf damals ungewohnte Wei-
nommen sind.                               se, wie offenherzig und gastfreundlich
     Wichtig ist im Verständnis der vier   Gott ist.
Grundvollzüge des Kirche-Seins, dass            Gerade in diesen Tischgemein-
diese gegenseitig verbunden und ver-       schaften mit den gesellschaftlich am
flochten sind. Deshalb muss das dia-       Rande Stehenden kam Jesu solidari-
konische Handeln eingebunden sein in       sches Sich-Positionieren an der Seite
das gesamte Leben und Wirken einer         der Unbedeutenden und Aussenseiter
Gemeinde – d.h. die im diakonischen        besonders zum Ausdruck. Die christli-
Handeln gemachten Erfahrungen mit          chen Gemeinden sind daher aufgeru-
sozialen Problemlagen sollen auch in       fen, sensibel zu sein auf Situationen, in
den anderen kirchlichen Vollzügen auf-     denen Menschen vor der Gefahr ste-
                                           hen, alleingelassen und ausgeschlos-
                                           sen zu werden, und dass sie als Ge-

« Die Kirche ist                           meinschaftsstifterinnen wirken wollen,
                                           die dazu beitragen, eine Gemeinschaft
    nur Kirche,                            zu bilden, in der alle dazugehören
    wenn sie für                           dürfen.

    andere da ist.               »              Es wird sich zeigen, dass das Kon-
                                           zept der «Sorgenden Gemeinschaften»
                                           für diese Grundhaltung sehr anschluss-
    Dietrich Bonhoeffer                    fähig ist.
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1
Gesellschaftliche Relevanz
sorgender Gemeinschaften
Warum das Thema für
Gesellschaft und Kirche
von Bedeutung ist

Das Konzept der «Sorgenden Gemein-          Zeit der Gemeinschaft mit Menschen,
schaften» beruht auf der Feststellung,      die sich einsam und abgehängt fühlen.
dass die Sorge für Menschen sowohl im       Aufgrund dieses Mangels wird dabei
Alltagsleben als auch in besonders ver-     von einer «Sorgelücke» bzw. von einem
letzlichen Lebenssituationen unter heu-     «Sorgedefizit» gesprochen. Die Gründe
tigen gesellschaftlichen Bedingungen        hierfür sind vielfältig.
nicht mehr selbstverständlich gege-             Sie stammen zum einen daher, dass
ben ist. Menschen jeden Lebensalters        der Bedarf an Sorgehandeln angesichts
und unterschiedlicher Lebenssituati-        der demografischen Entwicklung ten-
onen bedürfen der Sorge füreinander         denziell zunimmt. Zum anderen ist fest-
und untereinander – gleichzeitig fehlt es   zustellen, dass das gesellschaftliche
in unserer von Erwerbsarbeit dominier-      Sorgepotenzial aus unterschiedlichen
ten Welt zunehmend an Sorgezeiten,          Gründen im Abnehmen begriffen ist:
d.h. an Zeit der Zuwendung gegenüber
den Nächsten, an Zeit für die Unter-        > Die Veränderungen traditioneller Fa-
stützung und Pflege von betreuungs-           milienstrukturen haben dazu geführt,
bedürftigen Angehörigen, aber auch an         dass erwachsene Kinder (aufgrund
6           Warum das Thema für Gesellschaft und Kirche von Bedeutung ist

    ihres Wohnorts oder ihrer Berufstä-        lich, dass Sorgehandeln in unserer Ge-
    tigkeit) nicht mehr selbstverständlich     sellschaft vermehrt der Beachtung und
    für betreuungsbedürftige Eltern sor-       Wertschätzung, ja selber der Sorge be-
    gen und diese wiederum keine Ent-          darf.
    lastung für die Eltern als Grosseltern
    übernehmen können.                              Wie können wir zum notwendigen
>   Die Arbeitswelt stellt erhöhte An-         Sorgehandeln Sorge tragen? In ver-
    sprüche an die Flexibilität der Mitar-     schiedenen Kontexten wird nach neu-
    beitenden, was für das private Sor-        en Wegen gesucht, um in unserem ge-
    gehandeln eher hinderlich ist.             sellschaftlichen Umfeld die anfallenden
>   Die gestiegene Erwerbstätigkeit der        Sorgeaufgaben bewältigen zu können
    Frauen hat bislang nicht dazu ge-          und damit der Sorge einen angemes-
    führt, dass deren bisherige Sorge-         senen Platz und Stellenwert einzuräu-
    zeiten in gleichem Umfang von Män-         men.
    nern übernommen worden wäre.                    Auf diesem Hintergrund entstan-
>   Zudem wächst der Anteil an Perso-          den unterschiedliche Ansätze und
    nen, die alleine leben, die alleinerzie-   Konzepte – so etwa das Konzept der
    hend sind sowie die in unser Land          «Community Care», das sich um die
    migriert sind und bei denen das            Begleitung geistig beeinträchtigter
    Sorgehandeln unter erschwerten             Menschen sorgt, sowie auch der An-
    Bedingungen erfolgt.                       satz der «Compassionate Cities»,
>   Nicht zuletzt ist festzuhalten, dass       dessen Aufmerksamkeit den von Ar-
    Sorgebedürfnisse durch staatliche          mut und Ausgrenzung betroffenen
    Leistungen nur begrenzt ersetzt            Menschen gilt.
    werden können sind und professio-               All diesen Konzepten ist gemein,
    nelle Dienste teilweise an ihre            dass der Zivilgesellschaft, dem sozia-
    Grenzen stossen.                           len Nahraum und der Nachbarschaft
                                               zur Bewältigung der genannten Her-
     Da es zunehmend an Sorgezeiten            ausforderungen eine neue, grössere
fehlt, ist das Sorgehandeln nicht ein-         Bedeutung zukommt. Das Konzept der
fach eine Selbstverständlichkeit. Sor-         «Caring communities» bzw. der «sor-
gen ist keine «natürliche Ressource»,          genden Gemeinschaften», das dem
die jederzeit als gegeben vorausge-            vorliegenden Positionspapier zugrun-
setzt werden kann. Vielmehr wird deut-         de liegt, reiht sich in diese Ansätze ein,
                                               enthält aber auch eigene Merkmale, die
                                               nachfolgend beschrieben werden.
7

« Es fehlt, mindestens in den
 westlichen Industrienationen,
 zunehmend an Zeit und Ausdrucks-
 formen der Zuwendung, Unter-
 stützung, Pflege und Hilfe. Das
 betrifft vor allem Kinder und Alte,
 Kranke und anderweitig Bedürftige,
 aber darüber hinaus auch die
 Breite der Bevölkerung. »
 Christine Globig
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2
Gemeinsam Sorge tragen
Was ist eine «sorgende
Gemeinschaft»

Das Netzwerk «Caring communities              Unter dem Begriff der Sorge wird
Schweiz» versteht unter einer sorgen-    eine «vorausschauende, anteilnehmen-
den Gemeinschaft «eine Gemeinschaft      de Verantwortungsübernahme für sich
in einem Quartier, einer Gemeinde oder   selbst und andere» (Klie) verstanden.
einer Region, in der Menschen fürein-    Er basiert auf der Überzeugung, dass
ander sorgen und sich gegenseitig un-    Menschen als soziale Wesen zu verste-
terstützen. Jede und jeder nimmt und     hen sind. Entsprechend gehört die so-
gibt etwas, gemeinsam übernimmt          ziale und gesellschaftliche Bezogenheit
man Verantwortung für soziale Aufga-     des Menschen zum Kern menschlicher
ben».                                    Existenz: Wir leben nicht für uns allein
                                         als Individuen, sondern finden unsere
Sorge und Gemeinschaft                   Bestimmung im Gegenüber und in der
Im Zentrum stehen die beiden Begriffe    Gemeinschaft.
der «Sorge» und der «Gemeinschaft»,           Der Begriff der Sorge hat hier
die wie zwei Brennpunkte einer Ellipse   also nicht primär den Charakter
zueinander gehören und einander be-      einer staatlichen Versicherung, auch
dingen.                                  geht er nicht bloss in einer professio-
                                         nellen (Pflege-/Betreuungs-)Dienstleis-
                                         tung auf, vielmehr ist mit der Sorge die
                                         gegenseitige, achtsame und ganzheit-
9

                 Einzel-                    Angehörige
                personen

                                                                  Professio-
                                                              nelle Hilfeorgani-
              Staatliche                                           sationen
                                              Sorge &
                                           Angehörige
              Behörden                      Angehörige
                                           Gemeinschaft
                               Kir
                                ch

                                     em
                                 g

                                          ein
                                                de
                                                              Weitere …
                               Vereine

liche Wahrnehmung des Menschen
und das mitfühlende Füreinander-Sor-                 « Sorge heisst
gen und Einander-Umsorgen ange-                       eine voraus-
sprochen.
     Der Begriff der Gemeinschaft be-
                                                      schauende an-
zieht sich vorerst einmal auf ein Ge-                 teilnehmende
meinwesen, das sich definiert durch
eine gewisse Überschaubarkeit bezüg-
                                                      Verantwortungs-
lich ihrer Grösse, der Anzahl ihrer Mit-              übernahme für
glieder und der geografischen Lage.
                                                      sich selbst und
Diese Gemeinschaften sind auch als
kleine Lebenskreise zu verstehen, in                  andere.        »
                                                      Thomas Klie
10       Was ist eine «sorgende Gemeinschaft»

denen die soziale Aufmerksamkeit, die     tung für das jeweilige Sorgehandeln auf
geteilten Werte und das Gefühl der Si-    vielen Schultern verteilt ist. Während
cherheit eine bedeutende Rolle spielen.   die Mitglieder der Gemeinschaft das
                                          soziale Miteinander in gegenseitiger
Akteurinnen und Akteure                   Verantwortung leben, kommt bspw.
Für Sorgende Gemeinschaften ist ent-      den staatlichen Instanzen die Verant-
scheidend, dass an dieser Gemein-         wortung zu, gute Bedingungen zu för-
schaft die unterschiedlichen Akteure,     dern, so dass Gemeinschaften entste-
die im sozialen Nahraum präsent sind,     hen, gedeihen und wachsen können.
beteiligt sind und sich in einem klugen   Das erfordert vor allem dort Aktivität,
Miteinander netzwerkartig verbinden –     wo gemeinschaftliches Leben unter er-
Angehörige, Vereine, Einzelpersonen,      schwerten Bedingungen starten muss
Kirchgemeinden, professionelle Hilfe-     oder nicht von sich aus funktioniert.
organisationen, staatliche Behörden,      Mit der hier erläuterten Vorstellung
u.v.m.                                    der geteilten Verantwortung wird klar,
     All diese Akteurinnen und Akteu-     dass es nicht darum geht, dass sich
re leisten ihre Beiträge – sei es durch   der Staat aus seiner Verantwortung für
die konkrete Beziehung im Nahraum,        gelingendes nahräumliches Leben zu-
durch die professionelle Pflegehand-      rückziehen kann – vielmehr geht es da-
lung oder durch die sozialstaatlichen     rum, dass jede Instanz das ihr Mögli-
Leistungen –, so dass ihr Zusammen-       che für das gemeinschaftliche Leben
wirken schliesslich mehr ergibt als nur   vor Ort beitragen soll.
die Summe der einzelnen Leistungen.            Unter idealen Umständen funktio-
D.h. das neue Miteinander bildet eine     niert eine sorgende Gemeinschaft also
neue Qualität im Sinne eines «viel-       so, dass allen interessierten Menschen
schichtigen Gewebes von Sorgebezie-       im sozialen Nahraum – unabhängig
hungen» (Wegleitner).                     von ihrem Alter, ihrem Geschlecht, ih-
                                          rer Herkunft und ihrer Schichtzugehö-
Organisation, Verantwortung               rigkeit – eine vollständige Beteiligung
und Beteiligung                           an der Gemeinschaft ermöglicht wird,
Es ist bezeichnend, dass in einer sor-    in der die konkreten Sorgen und Be-
genden Gemeinschaft die Verantwor-        dürfnisse, aber auch Ressourcen aller
                                          Beteiligten Platz haben. So verstanden
                                          funktioniert die Gemeinschaft als Mitei-
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nander von Familien, Freiwilligen, Ver-
einen, Kirchen und weiteren Professio-
                                              Eine Kultur der
nellen, das grundsätzlich als Netzwerk        Sorge entsteht
organisiert ist und demnach möglichst
ohne klassische Hierarchien auskom-       «   … wo Menschen
men soll.                                     leben, lieben,
                                              arbeiten, alt
                                              werden, vorsor­
                                              gen, sterben,
                                              trauern und sich
                                              umeinander
                                              kümmern.           »
                                              Klaus Wegleitner
14

3
Das Potenzial der Kirchen
Warum Kirchen besonders
geeignet für Sorgende
Gemeinschaften sind

Sorgende Gemeinschaften können            Sorge und Mitverantwortung
überall dort entstehen, wo Interes-       als andauernde Aufgabe
sierte bereit sind, im sozialen Nah-      der Kirchen
raum gemeinsam in eine verant­                Angesichts der obigen Beschrei-
wortungsvolle Sorgegemeinschaft zu        bungen darüber, was Sorgende Ge-
inves­tieren – unabhängig davon, ob       meinschaften sind, ist augenfällig, dass
diese Interessierten als Einzelpersonen   die zentralen Motive von sorgenden
agieren oder einer grösseren Träger-      Gemeinschaften bereits im Grundver-
schaft oder Institution angehören. So     ständnis von kirchlichen Gemeinschaf-
können sorgende Gemeinschaften in         ten angelegt sind, zumal die Sorge um
ganz unterschiedlichen Ausprägungen       die Nächsten und die Mitverantwor-
und mit ganz verschiedenen Zusam-         tung in der Gemeinschaft zum Grund-
mensetzungen entstehen.                   bestandteil ihrer Sendung gehören.
                                              Die biblischen Schriften beschrei-
                                          ben den Menschen als ein zur Ge-
                                          meinschaft bestimmtes Wesen – d.h.
                                          Menschsein bedeutet nach den Grund-
                                          lagen unseres Glaubens In-Bezie-
                                          hungsein mit anderen Menschen. Die
15

Apostelgeschichte erzählt, wie die Mit-          Wenn auch Kirchgemeinden be-
glieder der ersten christlichen Gemein-     reits Vieles davon umsetzen, so kann
den Gemeinschaft pflegten und die           eine Mitwirkung an Sorgenden Ge-
Sorge füreinander lebten. Dabei ge-         meinschaften für Kirchgemeinden in
hört zu dieser Gemeinschaft, dass da-       dreierlei Hinsicht Folgen haben:
rin nicht nur der leistungsstarke, son-
dern auch der hilfsbedürftige, nicht nur    1. Wenn sich Kirchgemeinden in Sor-
der unangefochtene, sondern auch               genden Gemeinschaften enga-
der verletzliche Mensch seinen Platz           gieren, dann lassen sie sich dazu
hat. Somit wird bewusst, dass jeder            anregen, dass sie ihr Handeln
Mensch auf andere Menschen ange-               konsequent auf die Sorge um die
wiesen ist, und gleichermassen zur             Nächsten und die Mitverantwortung
Aufgabe einer/eines jeden, fürsorglich         in der jeweiligen Gemeinschaft aus-
zu leben und Verantwortung für andere          richten. Dabei gilt: Die Kirchgemein-
zu übernehmen.                                 den arbeiten nicht «für» die Men-
                                               schen vor Ort, sondern «mit» ihnen.
«Alter Wein in neuen                           D.h. nicht die Kirchgemeinden oder
Schläuchen?» – oder: Was                       andere Hilfeinstitutionen bestimmen
ist neu für Kirchgemeinden?                    über die zu errichtenden Angebote;
    Freilich ist es so, dass Kirchge-
meinden bereits seit jeher als vielfälti-
ge Sorgenetzwerke wirken. Sie stiften
Beziehungen und Gemeinschaft, sie
besuchen Kranke, unterstützen Vul-
nerable und haben somit langjährige         « Caring
Erfahrung in der Übernahme von Ver-
antwortung für andere und im solida-
                                               Com­munity
rischen Handeln mit Bedürftigen. Ist           er­möglicht,
es nun also so, dass Kirchgemeinden
längst verwirklicht haben, was Sorgen-
                                               dass Menschen
de Gemeinschaften neu propagieren?             einander
Was wird für Kirchgemeinden neu mit
                                               Mitmenschen
Sorgenden Gemeinschaften?
                                               sind.      »
                                               Cornelia Coenen-Marx
16        Warum Kirchen besonders geeignet für Sorgende Gemeinschaften sind

  vielmehr orientieren sich die Formen        setzen, sondern sie mitten in die
  der Unterstützung und der Gemein-           Gesellschaft einbringen. Dadurch
  schaftsstiftung vollständig an der          erkennen Kirchgemeinden neue Be-
  Lebenswelt der Betroffenen.                 darfe, können rasch reagieren und
                                              sich agil mit je den passenden Part-
2. Die Kirchgemeinden haben vielfälti-        nern vernetzen.
   ge Ressourcen und Kompetenzen,
   die sie konsequent in die Gestal-        4. So kann es gelingen, dass die
   tung der Gemeinschaften vor Ort             Kirchgemeinden durch ihre Ressour-
   einbringen sollen. Dazu gehören die         cen und Kompetenzen die Gemein-
   fachkundigen Mitarbeitenden, die            wesen befähigen, aktivieren und
   vielfältigen Begabungen der vielen          mobilisieren und so zu einer «Ge-
   Freiwilligen sowie die offenen und          meinschaftsstifterin» werden.
   niederschwellig zugänglichen Räum-
   lichkeiten, die sich oftmals an bester
   Lage befinden – alle diese Ressour-
   cen sollen sie einsetzen, um beste-
   hende Sorgegemeinschaften zu ver-
   tiefen und neue zu fördern.

3. Entscheidend ist sodann, dass sie
   diese Ressourcen und Kompeten-
   zen nicht allein kirchenintern ein-
17

4
Sorgende Gemeinschaften
konkret Wie eine Sorgende
Gemeinschaft entstehen
kann

Wenn es darum geht, eine sorgende          und des örtlichen Kontexts prüfen, wel-
Gemeinschaft zu initiieren, die im ge-     che Formen der Sorge notwendig sind,
nannten Sinne als Netzwerk von Sor-        um anschliessend auszuhandeln, wie
gebeziehungen im Nahraum funk-             sie sich darin als Gemeinschaft enga-
tioniert, so erscheint klar, dass sich     gieren können.
eine solche Gemeinschaft nicht «von
oben herab» (top down) implementie-            Das impliziert, dass es kein fix an-
ren lässt. Vielmehr ist grundsätzlich zu   wendbares, standardisiertes Vorgehen
beachten, dass sie nur aus dem Kreis       bzw. kein «Rezeptbuch» gibt, das bei
der vor Ort Beteiligten entstehen kann     der Gründung einer sorgenden Ge-
(bottom up): Sie alle – Einzelpersonen,    meinschaft angewendet werden kann.
bestehende Gruppen, involvierte Insti-     Die Entstehung von sorgenden Ge-
tutionen sowie idealerweise auch Ver-      meinschaften ist damit auch nicht voll-
tretungen der Behörden – müssen je         ständig planbar. Sie durchläuft jedoch
aufgrund der örtlichen Gegebenheiten       idealtypisch verschiedene aufeinan-
                                           der aufbauende Phasen, die bewirken,
                                           dass die gemeinsame Gestaltung und
18

                                          5
                                   Care Aufgaben
                                in einer Community
                               gemeinsam gestalten
                                 und verantworten

                                        4
                              Sich gemeinschaftlich
                                   organisieren

                                         3
                           Sich gegenseitig gelegentlich
                                   unterstützen

                                         2
                  Sich füreinander interessieren, Anteil nehmen

                                     1
          Sich gegenseitig wahrnehmen, miteinander in Kontakt treten

Verantwortung von Sorgeaufgaben             Netzwerks ist (4), da ist die gemeinsa-
konkret gelebt wird (Modell gemäss          me Gestaltung von Sorgeaufgaben im
Sempach). Zuerst geht es darum, dass        Nahraum (5) möglich.
sich die Beteiligten vor Ort gegenseitig
wahrnehmen und miteinander in Kon-              Damit wird die Entstehung von
takt treten (1); wenn es gelingt, dass      sorgenden Gemeinschaften prozess-
sie sich füreinander interessieren und je   haft verstanden als ein agiles und
gegenseitig an ihren eigenen Bedarfs-       sich entwickelndes Gebilde, das sich
situationen Anteil nehmen (2), so ist der   wechselnden Bedürfnissen anzupas-
Boden gelegt, um sich gegenseitig un-       sen weiss.
terstützen zu können (3). Wo schliess-          Wenn auch klar ist, dass sorgen-
lich diese gegenseitige Unterstützung       de Gemeinschaften nur im engen Mit-
nicht nur zufällig und temporär erfolgt,    einander aller Beteiligten vor Ort ent-
sondern Ausdruck eines organisierten        stehen können, so ist dennoch zu
                                            beachten, dass diese nicht von selbst
                                            entstehen. Daher brauchen sorgen-
19

de Gemeinschaften oftmals Initiatorin-
nen und Initiatoren, die die beteiligten     « Eine Sorge­-
Menschen gezielt verbinden und dazu           kultur meint
beitragen, dass deren Wirken zu einem
leistungsfähigen Ganzen zusammen-
                                              eben auch das
gefügt werden kann.                           Recht auf eine
     Es sind gerade auch die Kirchen
und Kirchgemeinden, die geeignet
                                              eigene Sorge
sind, um diese Rolle als Initiantinnen        und die Fähig-
einzunehmen: Sie können den Sozial-
raum wahrnehmen, Räume schaffen
                                              keit und Bereit-
zum Austausch und Räumlichkeiten              schaft, dass sich
öffnen für das Gemeinwesen, Koopera-
tionen anregen sowie ihre Ressourcen
                                              andere Sorgen
und Kompetenzen zur Verfügung stel-           machen dürfen
len, um gemeinsam mit den Beteilig-
ten vor Ort bedarfsgerechte Lösungen
                                              um mich.         »
zu entwickeln. Wenn Kirchgemeinden
                                              Andreas Heller
bereit sind, sich auf diese Rolle einzu-
lassen, so benötigen sie hierfür initiati-
ve Menschen, die sich dafür engagie-
ren wollen, sowie einen klaren Auftrag
mit der Zuteilung von personellen und
finanziellen Ressourcen.
     Notwendig sind in jedem Fall aber
auch gesellschaftliche und politische
Rahmenbedingungen (u.a. Interesse,
Ressourcen, aktive Mitwirkung der ört-
lichen Behörden), die die Entstehung
solcher Netzwerke interessiert und un-
terstützend begleiten.
20

5
Weiterführende Hinweise
Wo wir Unterstützung
erhalten können

Wer sich vertieft mit sorgenden Gemein-   Beispiele und Materialien
schaften auseinandersetzen will, sei      Wer an Beispielprojekten zu Sorgen-
auf das Fachportal www.diakonie.ch /      den Gemeinschaften aus der Schweiz
www.diaconie.ch verwiesen. Interes-       und aus dem nahen Ausland inter-
sierte Leserinnen und Leser finden        essiert ist, findet auf dem Fachportal
dort weitere Materialien und Hinwei-      www.diakonie.ch / www.diaconie.ch
se zu Sorgenden Gemeinschaften,           entsprechende Materialien.
namentlich:

                                          Kontakt und
Vertiefung                                Ansprechpersonen
Tagungsband «Gemeinsam Sorge tra-         Wenn Sie interessiert sind, in ihrer
gen – Das Potenzial der Diakonie für      Region eine sorgende Gemeinschaft
sorgende Gemeinschaften», Theologi-       zu gründen und hierfür eine Ansprech-
scher Verlag Zürich (TVZ), 2021.          person suchen, die Sie beraten kann,
                                          so melden Sie sich bitte beim Stab
Netzwerk Caring communities Schweiz       der Konferenz Diakonie Schweiz
                                          (info@diakonie.ch).
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22

Impressum

Eine Publikation der Konferenz Diakonie Schweiz der EKS

Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz
Konferenz Diakonie Schweiz
Sulgenauweg 26
Postfach
3001 Bern
www.diakonie.ch

Redaktion: Miriam Deuble, Maya Hauri Thoma, Simon Hofstetter,
Jacqueline Lavoyer-Bünzli, Daniel Menzi
Gestaltung/Layout: Meier Media Design
Cartoon: Corinne Bromundt

© 1. Auflage August 2021
Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz EKS
Konferenz Diakonie Schweiz
Sulgenauweg 26
Postfach
3001 Bern
+41 31 370 25 25
info@diakonie.ch

www.diakonie.ch
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