Strategien der Verständigung - Deutscher Psychologen Verlag

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Strategien der Verständigung - Deutscher Psychologen Verlag
G 3777
               FACHZEITSCHRIFT DES BDP
               ZEITSCHRIFT DES BERUFSVERBANDES DEUTSCHER
               PSYCHOLOGINNEN UND PSYCHOLOGEN E.V.
               46. JAHRGANG
               FEBRUAR 2021

02|2021   reportpsychologie

Strategien der
Verständigung

                                            Interkulturalität
                                            in Deutschland S. 16
                                            Die elektronische
                                            Patientenakte S. 26
Strategien der Verständigung - Deutscher Psychologen Verlag
r e p o r t psychologie

                                                                                        Februar
                                                                            Liebe Leserinnen und Leser,
                                                                                                                          2021  FOKUS

                                                                                                                          2     Wenn Jung und Alt einander begegnen
                                                                             Ende November 2020 infizierte sich
                                                                             mein Mann mit dem SARS-CoV-2-Virus.          6     Von den Neuronen zum Hühnerauge – über
                                                                                                                                empfindliche Stellen einer Beziehung
                                                                             Wenige Tage später erkrankte auch
                                                                             ich. Die Tatsache, trotz großer Vorsicht     8     HEROES® – Gegen Unterdrückung im Namen der
                                                                                                                                Ehre. Für Gleichberechtigung.
                                                                             selbst betroffen zu sein, verunsicherte
                                                                             und erschütterte uns und unser soziales      12    Anderen Meinungen fair begegnen
                                                                             Umfeld. Überaus entlastend war es,
                                 Foto: privat

                                                                                                                                FACHWISSENSCHAFTLICHER TEIL
                                                                             niemanden angesteckt und alles in allem
                                                                             eher harmlose Symptome gehabt zu             16    Interkulturalität in Deutschland:
                                                haben. Wir kommunizierten unsere Situation und erlebten große                   ­Eine ­Untersuchung der Bedingungen von
                                                                                                                                 ­Fremdenfeindlichkeit
                                                Betroffenheit und ein großes Bedürfnis, zu erfahren und zu verstehen,
                                                wie es kam und wie es ist, infiziert, positiv und an Corona erkrankt zu   23     Überleben ist kein Zufall. Rezension zu
                                                sein. Vertrautheit und Interesse erleichterten die Kommunikation.
                                                                                                                                »­Psychologie der Eigensicherung« von Uwe
                                                                                                                                ­Füllgrabe
                                                Wie sieht es allerdings bei ähnlich emotional aufgeladenen Themen         24    Psychologische Analyse zur Moral. Rezension
                                                                                                                                zu »Gutes Handeln: eine Herausforderung« von
                                                mit der Verständigung zwischen Menschen aus, die sich fremd sind
                                                                                                                                Franz Schott
                                                und keine Gemeinsamkeiten aufgrund ihres Alters, ihrer Ansichten
                                                oder ihrer Kultur haben? Wie gelingt es Menschen, auszuhalten,                  PSYCHOTHERAPIE
                                                dass jemand anders ist, denkt und handelt? Hier bedarf es dringend
                                                                                                                          26    Die elektronische Patientenakte
                                                hilfreicher Konzepte und psychologischer Expertise.
                                                                                                                                INTERNATIONAL
                                                Wenn ich gefragt werde, was meine Aufgabe als Schulpsychologin
                                                                                                                          28    Schönheit und Gewalt – Über eine Reise in ein
                                                ist, antworte ich schon einmal, dass ich Übersetzerin bin, etwa
                                                                                                                                Land, dessen Wunden nur langsam heilen
                                                von der Sprache der Lehrenden in die der Eltern. Häufig werden
                                                Rückmeldungen von Lehrkräften zum problematischen Verhalten                     SPEKTRUM
                                                der Kinder von Eltern als persönliche Angriffe erlebt. Sie lösen
                                                                                                                          32    Kundinnen und Kunden überzeugen
                                                Unverständnis und Widerstände bis hin zu Aggressionen und nicht
                                                selten Kontaktvermeidung aus. Die Fronten verhärten sich, die             34    »Für eine angemessene Versorgung traumatisierter
                                                                                                                                Menschen braucht es deutlich mehr« – Interview
                                                Probleme der Lernenden bleiben ungelöst, die Auswirkungen auf
                                                                                                                                mit Michaela Huber und Dr. Doris Holland
                                                deren Lernmotivation und schulische Karriere sind kritisch.
                                                                                                                          37    Endlich grünes Licht. Sachverständigen-Honorare
                                                                                                                                steigen ab 2021
                                                Aufgabe einzelfallbezogener Schulpsychologie ist es, Schule und
                                                Eltern in Kontakt zu bringen und die Verständigung über gemeinsame        38    Digitalisierung und Klimawandel
                                                Aufgaben und Ziele für eine optimale Entwicklung der Kinder zu
                                                                                                                                INTERN
                                                ermöglichen. Wir stellen den Rahmen zur Verfügung, in dem die
                                                Beteiligten einander erkennen, aushalten und miteinander arbeiten         41    Aus den Sektionen und Landesgruppen
                                                lernen. Dies ist oft anstrengend und ressourcenintensiv, aber lohnend.    42    »Die Sektion hat vier Fachgruppen, es werden
                                                                                                                                mehr« – Interview mit Wilhelm Schilling
                                                Wo Verständigung nicht gelingt, entsteht Schaden:
                                                                                                                                ANDERE RUBRIKEN
                                                Kontaktvermeidung, emotionale Verletzung und Traumatisierung
                                                sind in mehrfacher Hinsicht teuer. Das vorliegende Heft stellt            44    Marktplatz/Fort- und ­Weiterbildungsangebote
                                                Ideen, Projekte sowie Strategien der Verständigung in ganz                46    BDP-Termine
                                                unterschiedlichen Bereichen menschlichen und gesellschaftlichen           48    Impressum
                                                Lebens vor. Seien Sie gespannt darauf, welche Rolle der Psychologie
                                                dabei zukommt. Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen und gute
                                                Anregungen für Ihr eigenes Wirken!
reportpsychologie ‹46› 02|2021

                                                Andrea Spies                                                                   Kostenloses E-Paper für BDP-Mitglieder
                                                Vorsitzende der Sektion Schulpsychologie                                       auf www.psychologenverlag.de
                                                                                                                               Das E-Paper der Ausgabe können BDP-Mitglieder
                                                                                                                               kostenlos auf www.psychologenverlag.de herun-
                                                                                                                               terladen. Legen Sie dazu bitte ein Kundenkonto an
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Strategien der Verständigung - Deutscher Psychologen Verlag
Wenn Jung und Alt einander
­begegnen

                                                                                                                                Foto: Universität Trier
Gemeinsam über grundlegende Fragen des Lebens nachdenken –
ein intergenerationelles Begegnungsprogramm

Dass junge und alte Menschen heute selten zusammen-         Teilnehmenden sinnvolle Antworten auf die genannten
kommen, wird oftmals bedauert – meist in der wehmü-         Fragen gegeben werden können.
tigen Rückschau auf die frühere Großfamilie, als mehrere
Generationen unter einem Dach lebten. Aber was wird         Programmziele
eigentlich bedauert? Unter anderem, dass durch das          Mit dem intergenerationellen Begegnungsprogramm
Nebenher statt eines Miteinanders der Generationen          »Lebensgeschichten« verfolgten wir drei Ziele. Aufsei-
die Jungen wenig von den Alten lernen und umgekehrt         ten der jungen Teilnehmenden sollte der Austausch
die Alten keine Lebenserfahrung an die Jungen wei-          über existenzielle Fragen zur Auseinandersetzung mit
tergeben können. Entwicklungspsychologisch sind mit         sich selbst anregen und dazu beitragen, dass man Ein-
Robert Havighurst und Erik Erikson zwei zentrale Ent-       sicht darüber gewinnt, wer man ist und wie man leben
wicklungsaufgaben oder -themen angesprochen, die das        möchte. In der psychologischen Identitätsforschung
Jugend- bzw. hohe Erwachsenenalter kennzeichnen: die        wird von »Selbstklarheit« gesprochen: das Ausmaß, in
Ausbildung einer reifen Identität und das Erleben von       dem das Selbstbild einer Person für diese in seinen ver-
Generativität. Jugendliche beschäftigen sich damit, wer     schiedenen Aspekten und über die Zeit hinweg stimmig
sie sind und wie sie ihr Leben gestalten wollen. Alten      und konsistent ist und auch eine gute Passung zum
Menschen ist es ein Anliegen, den jüngeren Kenntnisse       eigenen Verhalten aufweist. Selbstklarheit vermittelt
und Erkenntnisse zu vermitteln, die sie in einem langen     Selbstsicherheit, gibt der Lebensgestaltung eine produk-
Leben erworben haben.                                       tive Dynamik und vermittelt so Selbstwert und Wohl-
                                                            befinden.
Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, jungen und al-
ten Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich zu be-         Aufseiten der alten Menschen ging es um das Bedürfnis
gegnen, um über grundlegende Fragen des Lebens zu           nach Generativität. Im jungen Erwachsenenalter bezieht
sprechen: Wer bin ich, wer will oder soll ich sein? Was     sich Generativität meist auf die Zeugung und Erziehung
ist mir wichtig im Leben? Wie gehe ich mit Erfolgen         von Kindern. Im höheren Erwachsenenalter geht Ge-
und Misserfolgen, Glücksmomenten und Schicksals-            nerativität darüber hinaus. Sie ist nicht auf die eigene
schlägen um? Was bedaure ich im Rückblick auf mein          Nachkommenschaft beschränkt und beinhaltet vielfäl-
Leben, was plane ich für meine Zukunft? In der Abtei-       tige Formen der Verantwortungsübernahme für künftige
lung für Entwicklungspsychologie der Universität Trier      Generationen. Dies kann beispielsweise soziales und
                                                                                                                       reportpsychologie ‹46› 02|2021

wurde ein Begegnungsprogramm erstellt und durch-            ökologisches Engagement sein oder das Bemühen, jun-
geführt, welches das gemeinsame Nachdenken über             gen Menschen eigene Lebenserfahrung weiterzugeben.
derartige existenzielle Fragen in den Mittelpunkt stellt.   Für alte Menschen ist generatives Handeln Quelle und
Antworten sollten aber nicht in den Worten der gro-         Ausdruck von Lebenssinn, dies auch vor dem Hinter-
ßen Denkerinnen und Denker gefunden werden; es war          grund der eigenen Endlichkeit. Man leistet etwas oder
kein philosophisches Seminar geplant. Vielmehr war          gibt etwas weiter, das über das eigene Leben hinaus
der Leitgedanke, dass aus den Lebensgeschichten der         Bestand hat und als wertvoll erlebt wird. Das Begeg-

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Strategien der Verständigung - Deutscher Psychologen Verlag
r e p o r t fokus
                                 nungsprogramm »Lebensgeschichten« sollte bei alten                 von uns erzählen: »the stories we live by« (so auch der
                                 Teilnehmenden das Bemühen um und die Realisierung                  schöne Titel einer Monografie von McAdams zu narrati-
                                 von Generativität erhöhen.                                         ver Identität). Besonders vorteilhaft für das Begegnungs-
                                                                                                    programm erschien uns die Verknüpfung von Lebens-
                                 Schließlich sollte die Teilnahme am Begegnungspro-                 rückschau und Lebensplanung; beide Aspekte sollten
                                 gramm »Lebensgeschichten« dazu beitragen, Altersste-               sich bestens für den intergenerationellen Dialog eignen.
                                 reotype abzubauen. Von Altersstereotypen wird meist                Das Interviewformat von McAdams wandelten wir in
                                 nur im Sinne des (über-)generalisierten Bildes gespro-             ein Gruppenprogramm um. Dabei wurden die Gliede-
                                 chen, das junge Menschen von alten haben. Nun be-                  rungspunkte des »Life Story Interview« beibehalten und
                                 deutet Altersstereotyp im allgemeinen Sinne aber das               auf zehn Gruppentreffen mit jeweils 90-minütiger Dauer
                                 Bild einer beliebigen Altersgruppe (z. B. »die Jungen«,            aufgeteilt (siehe Tabelle 1).
                                 »die Alten«). So haben alte Menschen auch ein Alters-
                                 stereotyp des jungen Menschen. Vor dem Hintergrund                 Ein Gruppentreffen beginnt mit der Begrüßung und
                                 des generellen Jugendideals ist das Bild von jungen                einer kurzen Einführung in das jeweilige Thema. Ein
                                 Menschen typischerweise positiver als das von alten.               Eisbrecher eröffnet dann das Gruppengespräch. Drei
                                 Wir gingen davon aus, dass durch die Teilnahme am Be-              Beispiele sollen verdeutlichen, was Eisbrecher sind:
                                 gegnungsprogramm das Bild, das junge Menschen von                  Beim Thema »Lebenskapitel« ist der Eisbrecher eine
                                 alten haben, wie auch das Bild, das alte Menschen von              Abbildung von Lebenstreppen, einem beliebten Thema
                                 jungen haben, positiver wird. Diese Annahme spiegelt               in der Volkskunst des 19. Jahrhunderts. Die mensch-
                                 die sogenannte »Kontakthypothese« von Gordon All-                  lichen Entwicklungsabschnitte – vom Säuglings- bis ins
                                 port. Ihr zufolge gibt es kein geeigneteres Mittel, Vor-           Greisenalter – werden als eine Stufenfolge dargestellt.
                                 urteile abzubauen, als Kontakt zwischen den relevanten             Bis zu einem gewissen Alter geht es die Treppe aufwärts
                                 Gruppen zu ermöglichen.                                            und dann wieder abwärts. In das Thema »Lebenserin-
                                                                                                    nerungen« wiederum wird mit »Madeleines« eingeführt,
                                 Programmkonzeption                                                 jenem Gebäck, das Marcel Proust in seiner »Suche nach
                                 In der Konzeption des intergenerationellen Begeg-                  der verlorenen Zeit« in seine Kindheit zurückversetzt.
                                 nungsprogramms »Lebensgeschichten« stützten wir                    Die Episode aus Prousts Roman wird natürlich erzählt,
                                 uns auf das »Life Story Interview« von Dan McAdams.                und alle Teilnehmenden bekommen eine »Madeleine«
                                 Es handelt sich um ein qualitatives Verfahren, mit dem             gereicht. Der Eisbrecher für das Thema »Lebenspla-
                                 halb strukturiert – also mit einer gewissen Offenheit              nung« ist der bei alten Menschen unvergessene Schlager
                                 der Gesprächsführung – individuelle Entwicklungsläufe              »Für mich soll's rote Rosen regnen« von Hildegard Knef:
                                 erfasst werden. Dies geschieht jedoch nicht chrono-                »Mit 16 sagte ich still: Ich will, will groß sein, will siegen,
                                 logisch, sondern anhand der großen Themen, die das                 will froh sein, nie lügen […]«
                                 Leben schreibt. Eine Übersicht zu diesen Themen gibt
                                 Tabelle 1. Das »Life Story Interview« zählt zu den eta-            Die Moderatorinnen und Moderatoren greifen nur dann
                                 bliertesten Verfahren der Biografieforschung. Es wird              in das Gruppengespräch ein, wenn eines der Gruppen-
                                 dem narrativen Aspekt unserer Identität gerecht. Wer               mitglieder sehr starke Emotionen zeigt (z. B. weint),
                                 wir sind, manifestiert sich in den Geschichten, die wir            grob vom Thema abweicht, den Vortrag dominiert oder

                                 Tabelle 1
                                 Aufbau des intergenerationellen Begegnungsprogramms »Lebensgeschichten«
                                   Thema des Treffens                             Eisbrecher
                                   1) Wenn Ihr Leben ein Buch wäre, in            Bild »Lebenstreppen«: Das Leben wird als Stufenfolge dargestellt.
                                   welche Kapitel würden Sie es einteilen?
                                   2) Welche Höhe-, Tief- und Wende-              Bild »Berglandschaft«: Das Leben gleicht zuweilen einer Landschaft mit
                                   punkte haben Sie erlebt?                       Bergen und Tälern.
                                   3) Welche ganz besonderen Erinnerun-           Gebäck »Madeleine«: Ihr Anblick und Geschmack lösten bei Marcel
                                   gen haben Sie im Lebensrückblick?              Proust lebendige Kindheitserinnerungen aus.
                                   4) In welchen Situationen haben Sie            Fotos von Emma Watson, Mutter Teresa, Nelson Mandela und einer
                                   Weisheit erlebt?                               Sokrates-Büste: Könnten diese Personen Vorbilder von Weisheit sein?
                                   5) Was bedeuten Spiritualität und Reli-        Geschichte »Picknick mit Gott«: Gott wird in einer mittäglichen Zufalls-
                                   gion für Sie?                                  begegnung auf der Parkbank erkannt.
                                   6) Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?       Lied »Für mich soll's rote Rosen regnen«: Hildegard Knef singt etwas
                                                                                  launisch über Lebensträume, die in Erfüllung gehen oder auch nicht.
                                   7) Wie gehen Sie mit Herausforderun-           Foto von Eddie »The Eagle«: Der Freizeitsportler Michael Edwards
                                   gen um?                                        nimmt 1988 als erster britischer Skispringer an den Olympischen Win-
reportpsychologie ‹46› 02|2021

                                                                                  terspielen teil – und scheitert grandios.
                                   8) Wie gehen Sie mit Scheitern und             Lied »Non, je ne regrette rien«: Edith Piaf nimmt in diesem Chanson ihr
                                   Reue um?                                       Leben hin, wie sie es gelebt hat – ohne Reue.
                                   9) Welche Werte sind Ihnen im Leben            Die Teilnehmenden erhalten einen kleinen Taschenkompass, der ein
                                   wichtig?                                       Symbol für persönliche Lebensorientierung sein kann.
                                   10) Was sind Ihre zentralen Lebensthe-         Ein Flipchart aus der ersten Stunde (Lebenskapitel) bringt verschiedene
                                   men?                                           Lebensthemen zur Sprache.

                                                                                                                                                                 3
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sich ganz zurückzieht. Sie achten auch auf ungefähr                 sind, ausgeglichen werden. Die Zusammenstellung der
ausgewogene Redeanteile zwischen den Generationen.                  zwölf Begegnungsgruppen war übrigens eine echte lo-
Am Ende werden die Teilnehmenden um einen kur-                      gistische Herausforderung: Gerade die Schülerinnen und
zen Rückblick auf das Treffen gebeten. Die erste und                Schüler haben durch Ganztagsbeschulung und Freizeit-
die letzte Sitzung unterscheiden sich von den anderen               verpflichtungen recht volle Terminkalender. Aber auch
dadurch, dass sie eine Vorstellung der Teilnehmenden                in den Altenheimen waren durch institutionelle Abläufe
und des Programms bzw. eine kleine Abschiedsfeier mit               und gemeinschaftliche Aktivitäten terminliche Grenzen
Gruppenfoto beinhalten.                                             gesetzt.

Pilotprojekt                                                        Programmevaluation
In den vergangenen beiden Jahren haben wir das neu                  Wir haben das Begegnungsprogramm doppelt evaluiert:
entwickelte Begegnungsprogramm »Lebensgeschichten«                  direkt, also im Hinblick auf das Programm an sich, und
in mehreren Altenheimen der Region Trier durchge-                   indirekt, indem wir Veränderungen durch das Programm
führt. Für die Realisierung des Projekts wählten wir das            untersucht haben. Bei der direkten Evaluation ging es
Altenheim, weil dieser Ort hochgradig alterssegregiert              insbesondere darum, ob sich die Generationen während
ist. Das heißt, hier bleiben alte Menschen weitgehend               der einzelnen Treffen miteinander wohlfühlten und ob
unter sich, wenn man vom Kontakt mit professionellen                sie voneinander lernen konnten. Aufgrund der Rück-
Pflegekräften und Familienmitgliedern jüngeren Alters               meldungen können wir beide Fragen deutlich bejahen.
absieht. Schon aufgrund dieser Segregation dürfte das               Interessant war, dass mehr alte Teilnehmende angaben,
Bedürfnis nach Generativität bei Altenheimbewohne-                  von den jungen gelernt zu haben, als es umgekehrt der
rinnen und -bewohnern besonders ausgeprägt sein. Die                Fall war. Aufgrund unserer Generativitätsüberlegungen
jungen Teilnehmenden waren Schülerinnen und Schüler                 hätten wir ein umgekehrtes Muster erwartet. Das Er-
Trierer Gymnasien.                                                  gebnis widerspricht auch dem verbreiteten Altersste-
                                                                    reotyp, wonach alte Menschen nicht mehr wissbegierig
Das durchschnittliche Alter der jungen Teilnehmenden                und lernfähig sind.
war 16 Jahre, die alten Teilnehmenden waren durch-
schnittlich 84 Jahre alt. Damit betrug die mittlere Al-             Bei der indirekten Evaluation ging es um die drei oben
tersdifferenz stattliche 68 Jahre oder in etwa zwei Ge-             skizzierten Variablen, für die wir eine Veränderung
nerationen (wenn man die Generationendauer mit 25                   erwarteten: Selbstklarheit, Generativität und Alters-
bis 30 Jahre bemisst).                                              stereotype. Unsere Veränderungsmessung beinhaltet
                                                                    zwei Aspekte: die Veränderung vom Zeitpunkt vor der
Insgesamt zwölf Begegnungsgruppen haben wir zusam-                  Programmteilnahme bis unmittelbar danach (Prä-Post-
mengestellt. Jede bestand aus jeweils fünf Schülerin-               Veränderung) und die längerfristige Veränderung, die
nen und Schülern und sechs Altenheimbewohnerinnen                   sich auf den Zeitpunkt drei Monate nach Programmteil-
und -bewohnern. Durch die leichte Überzahl der alten                nahme bezieht (Follow-up-Messung). Zudem wurden
Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten krankheitsbe-                Veränderungen immer im Vergleich mit einer Kontroll-
dingte Ausfälle, die im hohen Alter wahrscheinlicher                gruppe untersucht, die nicht am Programm teilnahm.

                                                                                                                                       reportpsychologie ‹46› 02|2021
 Foto: Universität Trier

Für das Pilotprojekt sprachen Schülerinnen und Schüler Trierer Gymnasien mit Altenheimbewohnerinnen und -bewohnern aus ihrer Region.

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r e p o r t fokus

                                                                                                                                                                                         Foto: privat
                                                                                                                                                          Dr. Dirk Kranz ist wis-
                                                                                                                                                          senschaftlicher Mitarbeiter
                                                                                                                                                          im Bereich Entwicklungs-
                                                                                                                                                          psychologie an der Univer-
                                                                                                                                                          sität Trier.

                                                                                                                                                          E dirk.kranz@uni-trier.de
                                  Foto: Universität Trier

                                                                                                                                                                                         Foto: privat
                                 Das Team des Programms »Lebensgeschichten«

                                 Hinsichtlich der Selbstklarheit der jungen Programm-      Fazit und Ausblick
                                                                                                                                                          Nicole Maria Thomas
                                 teilnehmerinnen und -teilnehmer war tatsächlich eine      Insgesamt hat sich das neu entwickelte intergenera-            ist wissenschaftliche Mit-
                                 stetige Zunahme bedingt durch das Begegnungspro-          tionelle Projekt »Lebensgeschichten« in der Pilotphase         arbeiterin im Bereich Ent-
                                 gramm zu verzeichnen. Dieser erwartungsgemäße Be-         bewährt. Es kontert zwei Kritikpunkten, die immer wie-         wicklungspsychologie an
                                                                                                                                                          der Universität Trier.
                                 fund hing weiterhin von Persönlichkeitseigenschaften      der an intergenerationellen Programmen geäußert wer-
                                 ab. Insbesondere die extravertierten und verträglichen    den: dass sie unzureichend theoretisch fundiert und nur
                                 Teilnehmenden zeigten nach dem Programm eine hö-          mangelhaft evaluiert sind. Wir hoffen, dass das Begeg-
                                 here Selbstklarheit. Die Kontrollgruppe gewann im sel-    nungsprogramm an der Schnittstelle von Jugend- und
                                 ben Zeitraum nicht an Selbstklarheit hinzu.               Altenarbeit künftig häufig zum Einsatz kommen wird.
                                                                                           Ein praxisnahes Handbuch, das wir unentgeltlich zur
                                 Entgegen unserer Erwartung wurde bei den alten            Verfügung stellen, soll es ermöglichen, das Begegnungs-
                                 Programmteilnehmenden nicht generell generatives          programm vor Ort eigenständig durchzuführen und den

                                                                                                                                                                                         Foto: privat
                                 Verhalten über die Programmteilnahme hinaus an-           jeweiligen Gegebenheiten anzupassen.1
                                 gestoßen. Dies war nur bei jenen der Fall, die extra-
                                 vertiert, verträglich und gewissenhaft waren. Zudem       »Lebensgeschichten« ist auch berufspolitisch ein innova-       Prof. Dr. Jan Hofer ist
                                 war ein relatives hohes kognitives Funktionsniveau        tives Programm: Psychologinnen und Psychologen sind            Professor für Entwick-
                                 notwendig. Wiederum erwartungsgemäß zeigte sich,          im Bereich der angewandten Gerontologie bislang eher           lungspsychologie an der
                                                                                                                                                          Universität Trier.
                                 dass alte Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die nach        unterpräsentiert. Für die Durchführung intergeneratio-
                                 Beendigung des Programms in verstärktem Maße ge-          neller Begegnungsprogramme wie »Lebensgeschichten«,
                                 nerativ handelten, auch über ein höheres Wohlbefin-       die über eine gemeinsame Freizeitbeschäftigung von
                                 den berichteten.                                          Jung und Alt hinausgehen, sind sie geradezu prädes-
                                                                                           tiniert.
                                 Wie erwartet veränderten sich auch die Altersstereo-
                                 type, die die Teilnehmenden im Hinblick auf die jeweils   Dr. Dirk Kranz
                                 andere Altersgruppe zeigten. Nach der Programmteil-
                                 nahme berichteten die jungen Teilnehmenden ein posi-      Nicole Maria Thomas
                                 tiveres Bild von alten Menschen, und umgekehrt berich-
                                 teten die alten Teilnehmenden auch ein positiveres Bild   Prof. Dr. Jan Hofer
                                 von jungen Menschen. Diese Positivierung nahm zum
                                 dritten Messzeitpunkt, der Follow-up-Messung, wieder      Die Autorin und die Autoren danken dem Bundesmi-
reportpsychologie ‹46› 02|2021

                                 ab, lag aber dennoch über dem Niveau des ersten Mess-     nisterium für Bildung und Forschung für die Förderung
                                 zeitpunktes vor Programmbeginn. In der Kontrollgruppe     dieses Projekts (BMBF 03VP02120).
                                 hingegen waren die Altersstereotype recht stabil über
                                 die Zeit. Das beschriebene Muster trat unabhängig von
                                                                                                                                                          Korrespondenz an
                                 Persönlichkeitseigenschaften und aufseiten der alten      1 Das Handbuch zum intergenerationellen Begegnungspro-         Dirk Kranz
                                                                                                                                                          Abt. Entwicklungspsychologie
                                 Teilnehmenden auch unabhängig vom kognitiven Funk-        gramm »Lebensgeschichten« kann in digitalisierter Form gerne   Universität Trier
                                 tionsstatus auf.                                          bei Nicole Maria Thomas (lebensgeschichten@uni-trier.de)       54286 Trier
                                                                                           angefordert werden.                                            E dirk.kranz@uni-trier.de

                                                                                                                                                      5
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