OHNE WOHNUNG IST ALLES NICHTS

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OHNE WOHNUNG IST ALLES NICHTS
OHNE WOHNUNG
IST ALLES NICHTS
     Obdachlos sind sie nicht, nein. Aber ein
     Zuhause haben sie auch nicht. Sie ziehen von
     einer Notwohnung zur nächsten, froh,
     ­überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben.
      Die Wohnungssuche beansprucht all ihre
      Kraft. Manchmal seit Jahren. Auf dem aus­
      getrockneten Wohnungsmarkt haben
      ­Armutsbetroffene ganz schlechte Karten.
       So auch Nurdane Yesil.
OHNE WOHNUNG IST ALLES NICHTS
OHNE WOHNUNG IST ALLES NICHTS
Reportage: Wohnen und Armut

Text: Iwona Swietlik                           Jeder hat seine persönliche Ecke, so klein     Nurdane Yesil weitergebildet, arbeitet als
Bilder: Pia Zanetti                            sie auch sein mag. Ordnung ist bei diesen      Dolmetscherin und Übersetzerin, sie ist als
                                               Platzverhältnissen das oberste Gebot.          kulturelle Vermittlerin im Auftrag verschie-
Nurdane Yesil hat Angst, richtig Angst. Seit       «Ich will nicht in eine Familienher-       dener Organisationen im Einsatz, sie hat
knapp zwei Jahren wohnt die ehemalige          berge», sagt Nurdane Yesil. «Das will ich      weder Schulden noch Betreibungen.
Journalistin kurdischer Herkunft in Zürich.    den Kindern auf gar keinen Fall antun.
Seit etwa vier Jahren sucht sie vergeblich     Wenn wir bis in einem Monat noch immer         Günstiger Wohnraum fehlt
nach einer Wohnung, einer, in der sie länger   keine Wohnung haben, müssen wir aber           Wohnen ist auch im Beratungsalltag der
wohnen darf. Denn hier, in dieser Notwoh-      hin. Oder aber ich muss die Kinder bei         Caritas inzwischen ein vorherrschendes
nung an der Altstetterstrasse, darf sie noch   ihrem Vater unterbringen; dann aber ver-       Thema. So melden die Caritas-Regional-
einen Monat bleiben. Dann muss sie weg.        liere ich sie.» Nurdane Yesil ist seit kur-    stellen immer grössere Schwierigkeiten, ge-
                                                                                              eignete und bezahlbare Wohnungen für be-
«Ich will nicht in eine Familienherberge, das will ich                                        nachteiligte Menschen zu finden. Regula
den Kindern nicht antun.»                                                                     Kuhn-Somm von Caritas Aargau stellt fest:
                                                                                              «Grundsätzlich war es immer schwierig,
    «Ich träume von einer Wohnung wie          zem geschieden. Zusammen mit ihrem Ex-         eine Wohnung zu finden, wenn man nicht
dieser», Nurdane Yesil lächelt müde. «Ich      Mann floh sie vor 15 Jahren aus der Tür-       viel Einkommen, einen unsicheren Aufent-
will hier so gern bleiben. Es ist ein gutes    kei in die Schweiz. Hier hat das Paar einen
Quartier, die Menschen sind nett, die Kin-     Quartierladen aufgebaut und zwei bereits
der in der Schule und im Kindergarten inte-    erwachsene Kinder grossgezogen. Zwei wei-      Bild rechts: Nurdane Yesil: «Ich träume
griert, das ist ein wirkliches Zuhause.» Wir   tere Kinder kamen später hinzu. Doch den       von einer Wohnung wie dieser.»
schauen uns um: Wir stehen in einer klei-      Laden musste das Paar aufgeben, weiteren
nen Dreizimmer-Blockwohnung. Im Gang           Probleme hielt die Ehe nicht stand. Seit der
brummt ein älterer Kühlschrank; die Küche      Trennung vor etwa vier Jahren zieht die
ist zu klein für ihn. In einem der Zimmer      45-Jährige mit ihren zwei jüngeren Kindern     Prekäre Wohnverhältnisse
schläft der 10-jährige Ari; im anderen Zim-    von Notwohnung zu Notwohnung. Ihre Be-
mer schlafen Nurdane und ihre 5-jährige        werbungen werden ausnahmslos abgelehnt:        Wohnen ist existenziell. Die Art, wie wir woh-
Tochter Julia. Die kleine Wohnung ist prop­    alleinerziehend, tiefes Einkommen, unter-      nen, und der Ort, wo wir wohnen, entschei-
penvoll, aber zweckmässig eingerichtet:        stützt durch die Sozialhilfe. Dabei hat sich   den massgeblich über das Wohlbefinden einer
                                                                                              Person, über ihre Gesundheit, soziale Integ-
                                                                                              ration und über ihre Arbeitsleistung. Etwa 20
                                                                                              Quadratmeter Raum braucht eine Person.
                                                                                              Zudem sollte die Miete nicht mehr als 30 Pro-
                                                                                              zent des Haushaltseinkommens ausmachen.

                                                                                              Prekär sind Wohnverhältnisse, wenn:
                                                                                              – weniger als 20 Quadratmeter Wohnfläche
                                                                                                 pro Person zur Verfügung stehen
                                                                                              – die Miete zu hoch ist und ein Drittel des
                                                                                                 Haushaltseinkommens übersteigt
                                                                                              – das Wohnklima und die Wohnumgebung die
                                                                                                 Gesundheit gefährden (ungenügend geheizt,
                                                                                                 schlecht isoliert, ausgeprägter Schimmelbe-
                                                                                                 fall, gefährliche Elektroinstallationen, Lärm
                                                                                                 etc.)

                                                                                              Laut der SILC-Studie, einer Studie, in der
                                                                                              die Lebensverhältnisse und Einkommen der
                                                                                              Haushalte in der Schweiz erhoben werden,
                                                                                              haben im Jahr 2011 45 Prozent der Haushalte
                                                                                              der untersten Einkommensschicht mehr als
                                                                                              40 Prozent ihres Haushaltseinkommens für die
                                                                                              Miete ausgegeben.
Ständig unterwegs auf Wohnungssuche oder auf dem Weg zu Ämtern: Nurdane Yesil (45).

8  Caritas   «Menschen» 2/14
OHNE WOHNUNG IST ALLES NICHTS
9
«Menschen» 2/14   Caritas  
OHNE WOHNUNG IST ALLES NICHTS
Reportage: Wohnen und Armut

«Es ist wie im Lotto»                             Von Notwohnung zu Notwohnung
                                                                                                      nung fehlten diese nämlich. Im anderen
                                                                                                      Raum schlafen Teresa Gomez und die zwei
                                                                                                      Jugendlichen. 1200 Franken Miete sind für
                                                                                                      die alleinerziehende Mutter mit einem Er-
                                                                                                      werbseinkommen von 3000 Franken und ei-
                                                                                                      nigen hundert Franken Alimente eigentlich
                                                                                                      zu hoch. Trotzdem ist sie froh: «Es ist besser
                                                                                                      als eine Notwohnung.» Sie mag nur nicht,
                                                                                                      wenn ihre Söhne sie fragen, «Mama, sind
                                                                                                      wir arm?» «Nein», sagt sie, «wir haben ein
                                                                                                      Dach über dem Kopf, wir haben zu Essen,
                                                                                                      ihr habt die Schule und ich die Arbeit, und
                                                                                                      Sozialhilfe brauchen wir auch nicht.» Wenn
Zeliha Kaba weiss nicht weiter. Ihre Fami-        Sibel Acikgöz kann nicht ruhig sprechen. «Ich       irgendwie möglich, will sie die Unterstüt-
lie wurde nie betrieben, es lag nie eine Be-      habe zwei Jungs», sagt sie und weint. «Sie          zung durch die Sozialhilfe vermeiden. Sie
schwerde gegen sie vor, und ihr Einkommen         sind dauernd krank.» Die 27-jährige Mut-            fürchtet, dann noch weniger Chancen auf
beträgt etwa 7000 Franken pro Monat. Trotz-       ter wohnt mit ihrem Mann, von Beruf Gipser,         dem Wohnungsmarkt zu haben.
dem wohnt die Familie mit zwei weiteren Fa-       und den beiden Kindern in einer Familienher-
milien in einer Dreizimmer-Notwohnung zu-         berge. Acht Familien, insgesamt 30 Personen,        Hauptsache unabhängig
sammen.«Es ist wie im Lotto, man bewirbt          bewohnen das Haus. Familie Acikgöz erhielt in       Wohnen und Armut hängen eng zusam-
sich und bewirbt sich und bekommt trotzdem        der Herberge ein Zimmer. Die Küche und das          men. Ein schlechter Wohnort verhindert die
nichts.»                                          Bad teilen sich alle Familien. «Da ist doch klar,   sozia­­le Integration und bedeutet oft einen
    Zeliha Kaba ist verzweifelt. Denn die         dass die Kinder dauernd Magenbeschwerden            beschwerlichen Arbeitsweg; knappe Platz-
43-Jährige ist Mutter von vier Kindern. Die       haben.»                                             verhältnisse behindern Erholung und Ruhe
zwei älteren Töchter, 23 und 20 Jahre alt, sind       Seit dreieinhalb Jahren ist Familie Acikgöz     und wirken sich gerade bei Kindern und Ju-
behindert und im Rollstuhl. Vor etwa 12 Jahren    auf der Suche nach einer Wohnung. Jedes             gendlichen auf ihre Entwicklung und ihre
wurde bei ihnen eine genetische Störung dia-      halbe Jahr zieht sie von einer Notwohnung           schulischen Leistungen negativ aus. Stei-
gnostiziert, die eine muskuläre Krankheit her-    zur nächsten. Dabei verdient die aus der Tür-       gen zudem die Wohnkosten, fehlt das Geld
vorruft. Die Krankheit schreitet mit dem Alter    kei eingewanderte Familie gar nicht schlecht:       für andere Lebensbereiche und es fallen
der Kinder voran und so brauchen die zwei         7000 Franken Einkommen hat sie. Doch ihre           schnell existenzielle Probleme an. Miete-
Töchter immer mehr Pflege. «Mit vier Kindern,     Bewerbungen um eine Wohnung werden ab-              rinnen und Mieter nahe der Armutsgrenze
davon zwei im Rollstuhl, haben wir auf dem        gelehnt. Grund dafür ist die frühere Betreibung     kommen dann ohne Unterstützung, zum
Wohnungsmarkt kaum eine Chance. Ich weiss         des Ehemanns.                                       Beispiel durch die Sozialhilfe, nicht mehr
nicht, was tun.»                                                                                      über die Runden. Doch fast 50 Prozent der
                                                                                                      Menschen nehmen keine Sozialhilfe in An-
                                                                                                      spruch, obwohl sie ein Recht darauf hät-
haltsstatus oder Schulden hatte. Doch die         Angst vor der Sozialhilfe                           ten. Sie fürchten sich vor der Abhängig-
Lage auf dem Wohnungsmarkt hat sich mas-          So auch Teresa Gomez*. Die gut 40-Jährige           keit und vor der Stigmatisierung. Sie haben
siv verschärft. Heute ist es enorm schwierig,     begegnet uns in der Dunkelheit des Abends           Angst, dann erst recht keine Wohnung mehr
eine Wohnung zu finden, wenn man nicht            vor dem Haupteingang ihres Wohnhauses               zu bekommen – und nehmen lieber erheb-
zu 100 Prozent den Vorstellungen der Ver-         und führt uns durch die schmale Treppe zu           liche Einschränkungen im täglichen Leben
mieter entspricht. Das Problem erfasst eine       ihrer Wohnung. Geschäfte und Handwerks-             in Kauf.
immer breitere Schicht von Menschen.»
    Die Leerwohnungsziffer in der Schweiz be-     Wohnen ist im Beratungsalltag der Caritas inzwischen
trägt laut Bundesamt für Statistik gerade ein-    ein vorherrschendes Thema.
mal 0,94 Prozent. Das heisst, dass im Durch-
schnitt weniger als jede hundertste Wohnung       betriebe sind ihre Nachbarn. Teresa Gomez               «Probleme, die mit Wohnen zusammen-
leer steht. Wurden noch vor wenigen Jahren        wohnt mit ihren zwei jugendlichen Söh-              hängen, sind in unserer Sozialberatung sehr
nur die städtischen Zentren Zürich, Genf,         nen seit vergangenem November hier. 1200            präsent», berichtet Cordula Bieri von Ca-
Lausanne und Zug als Brennpunkte der Woh-         Franken Miete zahlt sie für die zwei Zim-           ritas Zürich. «Sie spiegeln sich eben nicht
nungsnot genannt, findet man inzwischen           mer, wobei das eine eigentlich eine Küche           nur in der erfolglosen Wohnungssuche,
auch in Regionen wie dem Mittelland, dem          ist: Caritas hat die Familie finanziell unter-
Tessin, im Jura, im Wallis oder in der Ost-       stützt, damit sie sich einen Herd und einen
schweiz schwerlich eine Wohnung.                  Kühlschrank kaufen konnte. In der Woh-              * Name geändert

10  Caritas   «Menschen» 2/14
OHNE WOHNUNG IST ALLES NICHTS
Die Stiftung Domicil hilft benachteiligten Menschen, eine Wohnung zu finden.

Wohnpolitik ist Armutspolitik
Unterversorgung mit qualitativ akzeptab-           Steuerpolitische Massnahmen und
lem Wohnraum ist eine Erscheinungsform der         Finanztransfers
Armut. Der Wohnpolitik kommt daher eine            – Steuerliche Anreize für Investitionen in güns-
wichtige Rolle in der Armutsprävention zu.            tigen Wohnungsbau                                                        2014
                                                                                                                       Sozialalmanach
    Um akzeptablen Wohnraum für alle zu si-        – Entlastung von Gemeinden mit hohen So-
                                                                                                       Schwerpunkt :   Unter einem Dach

chern, sind verschiedene Massnahmen auf               zialhilfequoten durch eine Korrektur des Fi-
allen Ebenen der öffentlichen Hand, der Zivilge-      nanztransfers (inter- und innerkantonal)
                                                                                                                               Das Caritas-Jahrbuch
                                                                                                                               zur sozialen Lage der Schweiz
                                                                                                                               Trends, Analysen, Zahlen

sellschaft und der Privatwirtschaft notwendig.
                                                   Wohnungspolitik als Sozial- und                     Mehr dazu:
Caritas Schweiz empfiehlt:                         Armutspräventionspolitik                            Sozialalmanach 2014. Schwerpunkt: Unter
Eine aktive Boden- und Raumpolitik von             – Ausweitung des Stadt- und Quartierentwick-       einem Dach. Das Caritas-Jahrbuch zur sozia­
Bund, Kantonen und Gemeinden                         lungsprogramms «Projets urbains» des Bun-         len Lage in der Schweiz. Trends, Analysen,
– Einführung von Zonen mit Quoten für preis-        des unter Einbezug aller wichtigen Akteure        Zahlen. Caritas-Verlag, Luzern 2013, ISBN:
   günstigen Wohnungsbau                           – Förderung kommunaler Quartierentwicklung         978-3-85592-131-7, 34 Franken. (Siehe Be-
– Vorkaufsrechte der Gemeinden bei Neuein-          im Sinne nachhaltiger Sozialraumgestaltung        stelltalon auf dem Deckblatt)
   zonungen von Bauland
– Vorgaben für eine bessere Ausnutzungsziffer                                                                                                     ■       www.caritas.ch/sozialalmanach

                                                                                                                                                                                         11
                                                                                                                                                               «Menschen» 2/14   Caritas  
OHNE WOHNUNG IST ALLES NICHTS
Reportage: Wohnen und Armut
                                                                                                 s­ondern auch darin, dass sich ein Teil der
                                                                                                  Klientinnen und Klienten überschulden, um
                                                                                                  die Wohnung zu behalten. Denn Wohnen
                                                                                                  hat für die meisten Menschen erste Prio­
                                                                                                  rität. Es reicht längst nicht, auf der indi-
                                                                                                  viduellen Ebene zu helfen. Die Gemeinden
                                                                                                  müssen in die Pflicht genommen werden,
                                                                                                  durch Quartierentwicklung und Steuerung
                                                                                                  der Wohnpolitik anständiges und bezahlba-
                                                                                                  res Wohnen auch für Einkommensschwa-
                                                                                                  che zu ermöglichen.» (siehe Kasten Seite 11:
                                                                                                  Wohnpolitik ist Armutspolitik).
                                                                                                      Caritas Zürich arbeitet mit Organisatio­
                                                                                                  nen wie der Stiftung Domicil regelmässig
                                                                                                  zusammen (siehe Interview Seite 13). Solche
                                                                                                  Institutionen, die sich auf die Wohnungs-
                                                                                                  vermittlung für sozial schwache Menschen
                                                                                                  spezialisieren, fehlen weitgehend in anderen
                                                                                                  Kantonen. «Wir haben das Thema Wohnen
                                                                                                  und die Schulung in Wohnkompetenz in un-
                                                                                                  sere Beratung und auch in unsere Kurse auf-
                                                                                                  genommen», berichtet Regula Kuhn-Somm
                                                                                                  von Caritas Aargau. «Da in unserer Region
                                                                                                  Organisationen wie die Stiftung Domicil
                                                                                                  fehlen, übernehmen wir je länger je mehr
                                                                                                  die Rolle des Vermittlers zwischen den Ver-
                                                                                                  mietern und unseren Klienten. Das ändert
                                                                                                  aber nichts an der Tatsache, dass es drin-
                                                                                                  gend mehr günstige Wohnungen braucht.»
                                                                                                  Deswegen ist Caritas Aargau zusammen mit
                                                                                                  der Kirche daran, ein neuartiges Projekt auf
                                                                                                  die Beine zu stellen. Zusammen arbeiten sie
                                                                                                  daran, eine Wohnbaugenossenschaft zu
                                                                                                  gründen, um neue Wohnformen zu ermög-
                                                                                                  lichen, die Liegenschaften der Kirche sozial
                                                                                                  zu nutzen und mittelfristig mehr günstigen
                                                                                                  Wohnraum zu schaffen. «Wir wollen Bau-
                                                                                                  objekte Spekulationen entziehen und mehr
                                                                                                  Möglichkeiten für Familien bieten.»
                                                                                                      Knapp ein Monat ist seit dem Besuch bei
                                                                                                  Nurdane Yesil vergangen. Ihre Nummer zu
                                                                                                  tippen, fällt nicht leicht. Wo ist sie jetzt? Wo
                                                                                                  sind ihre Kinder?
                                                                                                      «Wir haben eine Wohnung bekommen»,
                                                                                                  lacht Nurdane Yesil ins Telefon. «Die Stadt
                                                                                                  Zürich hat sie für uns gefunden. Eine schöne
                                                                                                  Wohnung, ganz in der Nähe und mit einer
                                                                                                  ganzen Küche!» <

                                                                                                       Caritas Zürich hat zwei Studien zum Thema
                                                                                                                Wohnen im Kanton Zürich verfasst.
                                                                                                      Die beiden Dokumente «Zu wenig Wohnung»
                                                                                                             und «Wohnen im Kanton Zürich – eine
                                                                                                                       Wohnvision» finden sich auf
«Ein wirkliches Zuhause»: Für Nurdane Yesil bedeutet es vor allem Geborgenheit und Sicherheit.        ■ www.caritas-zuerich.ch/publikationen

12  Caritas   «Menschen» 2/14
OHNE WOHNUNG IST ALLES NICHTS
EINENWOHNUNGSMARKT
«DER  NACHHALTIGEN FRIEDEN
                     HAT SICH
                           BAUEN
                              VERÄNDERT»
Mehr
Kathrin  alsWyss
              1600 Mietverträge             im untersten
                       ist Programmverantwort­                                                                             Patrick
                                                                                                                           Wie viele Karegeya     in Südafrika
                                                                                                                                         Ihrer Klienten        sinderfahren haben.
Preissegment,
liche für Ruanda        über
                          bei 100     Partner:
                                Caritas     Schweiz.Seit Sie
                                                           20                                                              Eine der Reaktionen
                                                                                                                           fremdländischer               auf diese grundsätzli-
                                                                                                                                                    Herkunft?
Jahren
erzählt von hilftden
                   die riesigen
                         Stiftung Herausforderun-
                                      Domicil benach-                                                                      che Verunsicherung
                                                                                                                           Inzwischen      sind es fast
                                                                                                                                                      ist möglicherweise
                                                                                                                                                             90 Prozent. Das      auchist
teiligten
gen, vor denenMenschen  das aufLand  der  Wohnungssu-
                                       steht.                                                                              das Schweigen,
                                                                                                                           kein   Zufall. Auf demdemWohnungsmarkt
                                                                                                                                                       man in Ruanda in       sind
                                                                                                                                                                                unter-
                                                                                                                                                                                     vor
che. Geschäftsleiterin Annalis Dürr gibt                                                                                   allem    Menschen
                                                                                                                           schiedlichster     Formausbegegnet:
                                                                                                                                                       den altendas   Herkunftslän-
                                                                                                                                                                          Schweigen
Auskunft.
Was trägt Caritas Schweiz in Ruanda zum                                                                                    auf Geheiss
                                                                                                                           dern   ganz klarderbenachteiligt.
                                                                                                                                                   Regierung, Schweigen um
Versöhnungsprozess bei?                                                                                                    sich konform zu verhalten, Schweigen aus Ver-
Es ist
Ein       sehr schwierig,
      unauffälliger     Aufgangauf      sozio-politischer
                                    führt   zu jenen Räu-                                                                  zweiflung,
                                                                                                                           Woran         Schweigen
                                                                                                                                     machen             um Diskriminierung
                                                                                                                                                  Sie die    die Wahrheit zu ver-
Ebeneinindenen
men,          Ruanda       Friedensarbeit
                        derzeit    etwa 180 zu       leisten.
                                                  Personen                                                                 schleiern, oder Schweigen aus schlechtem
                                                                                                                           fest?
Caritas
nach    Hilfe
           hatsuchen:
                sich deshalb
                          Hier, an  entschieden,
                                      der Kanzleistrasse
                                                      an der                                                               Gewissen, wie dies
                                                                                                                           Diskriminierung      zeigtoft
                                                                                                                                                      sich
                                                                                                                                                         derselten
                                                                                                                                                              internationalen
                                                                                                                                                                     offen; meistGe-  ist
Basis
in ­Zürich,
        der Gesellschaft
              befinden sichanzusetzen,
                                  die Büros der in den
                                                    Stiftung
                                                         Dör-                                                              meinschaft
                                                                                                                           sie subtil. Invorgehalten
                                                                                                                                            der letzten wird.
                                                                                                                                                           Zeit häufen sich aber
Domicil.
fern, dort An     diesem
             wo Täter    undDienstagmorgen
                               Opfer des Genozids    ist das
                                                          un-                                                              Signale, dass Bewerber wegen ihrer Herkunft
Treppenhaus
mittelbar zusammen leer. «Warten      Sie ab»,Wenn
                             leben müssen.         sagt hier
                                                          An-                                                              Wie stehtwerden.
                                                                                                                           abgelehnt       es um Wir  diehaben
                                                                                                                                                             soziale bei Chancen-
                                                                                                                                                                           uns Fami-
ein solides
nalis           Fundament für friedliches
        Dürr, Geschäftsleiterin        der Stiftung,Zusam-«ab                                                              lien,  zum Beispiel aus Sri Lanka, die seit Jah-
                                                                                                                           gleichheit?
10   Uhr sind
menleben         nicht nur werden
              geschaffen       unsere Warteräume
                                         kann, stehen be-  die                                                             Manauf
                                                                                                                           ren     hört
                                                                                                                                     derundWohnungssuche
                                                                                                                                               liest über ungleichen
                                                                                                                                                                  sind, obwohlZugang sie
Chancen
setzt,       für einen
        sondern      auchnachhaltigen      Frieden besser.
                            das Treppenhaus.»                    Regierung
                                                                 Annalis Dürroftistunkritische  internationale
                                                                                    Geschäftsleiterin            Geber-
                                                                                                        der Stiftung       zu politischer,
                                                                                                                           keinerlei             wirtschaftlicher,
                                                                                                                                       Schwierigkeiten       machen,    militärischer
                                                                                                                                                                           keine Be-
Konkret
      Seit unterstützt
            20 Jahren Caritas
                            stehen Schweiz        seit 2000
                                      die Mitarbeiterin-         gemeinschaft. Angesichts dieser anhaltenden
                                                                 Domicil.                                                  Macht, zu Bildung
                                                                                                                           treibungen     haben, ihrer
                                                                                                                                                    oderArbeit
                                                                                                                                                            wirtschaftlichen
                                                                                                                                                                   nachgehenRes-    und
ein Netzwerk
nen                von Witwen-
      und Mitarbeiter                und Jugendorgani-
                            der Stiftung     Domicil Men-        und sich teils verschärfenden Realitäten befin-           ihre  Miete
                                                                                                                           sourcen    in bezahlen.
                                                                                                                                         Ruanda. So können etwa die Kinder
schen
sationen  aufsowie
               der Wohnungssuche             bei. In dieser
                      kirchlicher und nichtkirchlicher           det sich die Friedens- und Versöhnungsarbeit              der Genozid-Opfer dank staatlicher Unterstüt-
Zeit   hat die Stiftung ein weit
Friedensorganisationen                 verzweigtes
                                  in deren              Netz
                                              Anstrengun-        vor einem
                                                                 Worauf       noch langen
                                                                            führen           und Verschärfung
                                                                                      Sie diese    steinigen Weg.          zung können
                                                                                                                           Was     unentgeltlich    Schulen und die Universität
                                                                                                                                              Sie tun?
an
gen, Kontakten     zu Immobilienverwaltungen
       die Bevölkerung        zu einem friedlichen und    Zu-    zurück?                                                   besuchen,
                                                                                                                           Wir   versuchenwährend
                                                                                                                                               über die    meisten anderen
                                                                                                                                                      Zuverlässigkeit              sich
                                                                                                                                                                             und pro-
sammenleben
Vermietern      etabliert.
                    zu befähigen.
                              Ein reiches Angebot an             Zum
                                                                 Hat Einen     hat sich die wirtschaftliche
                                                                       die ruandische         BevölkerungSituation
                                                                                                                 unter-    dies nur schwerlich
                                                                                                                           fessionelle               oder überhaupt
                                                                                                                                          Dienstleistungen       eine so nicht     leis-
                                                                                                                                                                            attraktive
Dienstleistungen, Sicherheiten und Interventi-                   vieler Menschen
                                                                 schwellig     immer  verschlechtert.
                                                                                         noch Groll? Die Löhne der         Partnerin
                                                                                                                           ten können.  fürAuch
                                                                                                                                            die Vermieter     zu werden, dasszwi-
                                                                                                                                                   das Wohlstands-Gefälle            sie
onen
Was sinddientdie
               alsRisiken
                     Anreiz für unddieProbleme
                                        inzwischen      mehr
                                                    dabei?       unteren
                                                                 Man muss  Einkommensklassen
                                                                                bedenken, dass der   sindGenozid
                                                                                                          im Vergleich
                                                                                                                    erst   ihre
                                                                                                                           schen günstigen
                                                                                                                                    Stadt und Wohnungen        erst gar nichtwobei
                                                                                                                                                 Land ist offensichtlich,         aus-
Ruanda
als   100 steht
             Wohnungsanbietenden,
                    vor vielen und riesigen     ihreHeraus-
                                                       preis-    20 Lebenshaltungskosten
                                                                 zu  Jahre zurück liegt undgesunken.
                                                                                                 kein isoliertes
                                                                                                             Manchmal
                                                                                                                  Ereig-   hier sowohlWir
                                                                                                                           schreiben.      dieminimieren
                                                                                                                                               ethnische dafür
                                                                                                                                                             Minder-ihrenalsAufwand,
                                                                                                                                                                             auch die
forderungen.
günstigen     Wohnungen
                   Um nur einigean die Klienten
                                         zu nennen: der Stif-
                                                         eine    nis war.
                                                                 frage  ichDie
                                                                             mich,
                                                                                ungleiche
                                                                                     wie sich
                                                                                            Machtverteilung
                                                                                               eine Familie mitund3500
                                                                                                                    Ge-    Mehrheit
                                                                                                                           eine        betroffen
                                                                                                                                  Wohnung           sind.
                                                                                                                                              zu vermieten      und zu verwalten.
Geschichte
tung    Domicilwiederholter
                   zu vermieten:    interethnischer
                                       Die Stiftung bie-  Ge-    Franken    monatlich
                                                                 walt zwischen      den über  Wasser
                                                                                          Ethnien       halten
                                                                                                   ist eine     kann.
                                                                                                             Konstante     Gleichzeitig sind wir daran, das Netz unserer
waltSolidarhaftung,
tet    und eine traumatisierte
                           übernimmt  Bevölkerung,
                                            somit die eineGa-    der ruandischen Geschichte. Misstrauen und                Partnerunternehmen          auszubauen. den
                                                                                                                           Was bringt das Caritas-Projekt                  Einerseits
                                                                                                                                                                                 Men-
oft alsdafür,
rantie    einseitig
                 dassbezeichnete
                         die Miete rechtzeitig
                                         und umstrittene
                                                     bezahlt     auch zum
                                                                 Und    Hassanderen?
                                                                                prägen deshalb nach wie vor die            wollen
                                                                                                                           schen in  wirRuanda?
                                                                                                                                          vermehrt Privatpersonen anspre-
wird;   sie führt die Vorselektion
Vergangenheitsaufarbeitung,                für die Vermie-
                                       insbesondere       be-    Beziehungen
                                                                 Zum   anderen hat zwischen
                                                                                       sich derden   Ethnien, und ver-
                                                                                                 Wohnungsmarkt       vor   Das Projekt
                                                                                                                           chen,           unterstützt
                                                                                                                                    andererseits          die Bevölkerung
                                                                                                                                                     versuchen      wir grosse  dabei,
                                                                                                                                                                                    Im-
treffend
ter  durchdenund Genozid
                   holt Informationen
                                von 1994,über  einediehöchst
                                                       Woh-      allem auch
                                                                 ändert:    Günstiger
                                                                               Angst. Angst
                                                                                          Wohnraum
                                                                                               von Seiten
                                                                                                        verschwindet,
                                                                                                             der Bevöl-    gewissermassen einenvermehrt
                                                                                                                           mobilienunternehmen              Puffer zwischen
                                                                                                                                                                      in unser Netz der
autoritäre Regierung,
nungsbewerber          ein. Diese
                               die das
                                     HilfeRecht
                                            ist so auf
                                                   begehrt,
                                                         freie   und   die frei werdenden
                                                                 kerungsminderheit              Wohnungen
                                                                                         inmitten              tauchen
                                                                                                   einer Mehrheit,   die   vergangenen Erfahrung
                                                                                                                           einzubinden.       Wir wollen   unddas
                                                                                                                                                                Anwendung
                                                                                                                                                                     Jubiläumsjahrmas-
dass    die Stiftung bis stark
Meinungsäusserung             Mai 2014     keine neue
                                    beschneidet.          Kli-
                                                      Weiter     sie physisch
                                                                 gar  nicht mehr  eliminieren  wollte. Angst,
                                                                                     auf den gängigen            sich in
                                                                                                           Plattformen     sivsternutzen,
                                                                                                                           2014      Gewaltum  undso der
                                                                                                                                                     vieleGegenwart
                                                                                                                                                            Immobilienunterneh-
                                                                                                                                                                            zu errich-
eine kaum
enten    aufnimmt.
                gebildete und traditionell autori-               den Gleichzeitig
                                                                 auf. Augen der Autoritäten
                                                                                     suchen immerzu exponieren,
                                                                                                      mehr Menschen
                                                                                                                  Angst    ten. Es
                                                                                                                           men    wie gibt
                                                                                                                                       möglich
                                                                                                                                             den fürMenschen
                                                                                                                                                       die Zusammenarbeit
                                                                                                                                                                   Instrumente mit    an
tätshörige Gesellschaft, ungleicher Zugang zu                    vor falschen
                                                                 nach   preisgünstigen
                                                                                 Beschuldigungen,
                                                                                          Wohnungen.AngstSo kommt
                                                                                                                vor der
                                                                                                                     es,   uns   zu gewinnen.
                                                                                                                           die Hand,     die ihnen helfen, nebeneinander zu
Ressourcen,
Sie   und Ihredie       grösste Bevölkerungsdichte
                    Mitarbeitenden           kommen              Wahrheit
                                                                 dass   sich…umMehrere
                                                                                   eine ausgeschriebene
                                                                                            Ruander habenWohnungmir be-    leben, sich in die Augen zu schauen, zusam-
Afrikas
mit   derbei   anhaltend
            Arbeit     kaumhohernach.Fruchtbarkeit
                                          Warum? und             richtet,
                                                                 für monatlich
                                                                           dass ihnen
                                                                                   1600 ein
                                                                                          Franken
                                                                                              Schauerderzeit
                                                                                                         überetwa
                                                                                                               den 200
                                                                                                                    Rü-    men muss
                                                                                                                           Wie    zu reden,
                                                                                                                                          manzusich essen,
                                                                                                                                                         diesemanchmal
                                                                                                                                                                 vorstellen?  auch zu
Obwohl
knapperwir      unser Netz Boden,
             werdendem          laufend ausbauen,        wird
                                           weitverbreitete       cken lief, als
                                                                 Menschen      bewerben.
                                                                                 sie jüngst Eine
                                                                                             von der
                                                                                                   Familie
                                                                                                       Ermordung
                                                                                                            mit mehre-
                                                                                                                    des    tanzenVision
                                                                                                                           Meine     und somit     gemeinsam
                                                                                                                                            ist, dass   sich zehn  anneue
                                                                                                                                                                        einem    nach-
                                                                                                                                                                             Eigentü-
es   immer
Armut,     undschwieriger,
                 eine mit Blick im Raum
                                     auf dieZürich     güns-
                                                ruandische       ehemaligen
                                                                 ren  Kindern, ruandischen
                                                                                  eine Person, Geheimdienstchefs
                                                                                                  welche die Formu-        haltigen Frieden
                                                                                                                           merinnen     und Eigentümer
                                                                                                                                                 zu arbeiten.verpflichten, Domicil
tige Wohnungen zu finden. In den vergange-                       lare nicht korrekt ausfüllt, Menschen mit tiefen          jährlich eine bestimmte Anzahl ihrer günstigen
nen zwei Jahren hat sich die Situation noch-                     Einkommen und Betreibungen haben praktisch                Wohnungen zur Verfügung zu stellen.
mals verschärft.                                                 keine Chance.
                                                                                                                                                     ■   www.domicilwohnen.ch

                                                                                                                                                     «Menschen» 2/14   Caritas       13
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