"Und das Wichtigste: Bleiben Sie gesund "Und das Wichtigste: Bleiben Sie gesund!"

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A S P E K T E

     Christian Zniva
     „Und das Wichtigste:
     Bleiben Sie gesund!“
     Psychotherapeutische Begegnungen
     mit einem gesellschaftlichen Imperativ

                 ffen gesagt sind es subjektive Regungen,       systemischer Psychotherapeut bin ich es eher gewohnt

     O           die den Anlass für folgende Ausführungen
                 darstellen. Zunächst einmal regen mich
                 undifferenzierte Äußerungen zu einem so
                 komplexen Konstrukt wie der Gesundheit
     gehörig auf. Ist die erste Emotion verdampft, werden
     jedoch in der Folge viele Fragen in mir angeregt. Der
     Reflexionsmodus beginnt zu laufen: Was ist da bloß
                                                                mich mit Krankheitskonstruktionen und -dekonstruk-
                                                                tionen auseinanderzusetzen, also der anderen Seite
                                                                von Gesundheit (vgl. Simon, 2001). Die Untersuchung
                                                                des Erwartbaren stellt eine gewisse Herausforderung
                                                                dar. Ich benötige Hilfe. Die Definition der Weltge-
                                                                sundheitsorganisation leistet mir hier keine: „Gesund-
                                                                heit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen,
     mit Gesundheit gemeint? Woher glaubt da Einer zu           geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur
     wissen, dass ein Zweiter momentan gesund ist? Ist          das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ (WHO,
     denn Gesundheit wirklich das Wichtigste? Geht es hier      2019). Unter dieser formulierten Utopie kann ich mir
     um einen Wunsch oder ist der Satz vielmehr Ausdruck        nichts vorstellen. Die weitere Suche führt mich zu
     eines Befehls? Und was erlaubt sich da Einer, einem        dem Philosophen Hans-Georg Gadamer, der die prin-
     Zweiten Gesundheit zu wünschen oder gar zu befeh-          zipielle Verborgenheit der Gesundheit konstatiert.
     len? Was sagt einer solcher Wunsch (oder Befehl) über      Dennoch unternimmt er den Versuch einer Definition:
     die Sprecher*in und möglicherweise unsere Gesell-          „Trotz aller Verborgenheit kommt sie in einer Art
     schaft aus? Und aus der Sicht des Psychotherapeuten:       Wohlgefühl zutage, und mehr noch darin, dass wir vor
     wann begegnen mir Narrative der Bewahrung und Er-          lauter Wohlgefühl unternehmensfreudig, erkennt-
     haltung von Gesundheit im therapeutischen Kontext?         nisoffen und selbstvergessen sind und selbst Strapa-
     Welche Implikationen ergeben sich in diesen Fällen         zen und Anstrengungen nicht spüren – das ist Ge-
     für das therapeutische Handeln? Der vorliegende Arti-      sundheit.“ (Gadamer, 1993, S. 143). In einem sehr ähn-
     kel versteht sich als Beitrag zur Diskussion verschiede-   lichen Sinne beschreibt das Flow-Konzept von Mihály
     ner Antwortmöglichkeiten auf diese Fragen.                 Csíkszentmihályi das Gefühl des völligen Aufgehens
                                                                in einer Tätigkeit. Fühlen, Wollen und Denken sind in
     GESUNDHEIT ALS GEHEIMNIS                                   dem Moment im Einklang. Weder die Zeit noch wir
                                                                selbst spielen eine Rolle und das Handeln geht ohne
     Die Beschäftigung mit der Frage, was Gesundheit ist,       Anstrengung (vgl. Csíkszentmihályi, 2018). Gadamer
     verschafft mir recht schnell eine Grenzerfahrung. Als      führt in weiterer Folge die Idee ein, Gesundheit als

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Gleichgewichtszustand anzusehen. Eine Störung die- Unterscheidung in krank oder gesund. Krankheit defi-
ses Gleichgewichts kann nur durch eine Gegengewich- niert er als den positiven Wert, der Anschlüsse im Sys-
tung behoben werden (vgl. Gadamer, 1993, S. 145). Im tem, also Kommunikationen, ermöglicht. Gesundheit
Versuch des Ausgleichens droht nach Gadamer jedoch sieht Luhmann als negativen Wert, der im Medizinsys-
ein umgekehrter Gewichtsverlust. Ein zu intensives tem nicht anschlussfähig ist. Das Medizinsystem ope-
Bemühen um Gesundheit kann so das ursprüngliche riert schließlich nur, wenn jemand krank ist. Die Ge-
Ziel verfehlen.                                              sundheit gibt nichts zu tun und weist nur auf das
Richtungsweisend für die Untersuchung von Gesund- Fehlen von Krankheit hin. (vgl. Baraldi, C., Corsi, G. &
heit sind die Schriften von Aaron Antonovsky, der die Esposito, E.,1997). So markiert das Kürzel „o. B.“ (ohne
Idee des Kontinuums von Gesundheit und Krankheit Befund) in der Sprache der Medizin Gesundheit.
hervorhebt. Dieser Vorschlag erweitert die Perspektive Martin Hafen vollzieht eine Weiterentwicklung des
auf Gesundheit und Krankheit und ermöglicht den systemtheoretischen Blicks auf Gesundheit (vgl. Ha-
Ausstieg aus der Dualität des „Entweder/Oder“ in ein fen, 2014). Er schlägt eine Doppelcodierung des Sys-
„Sowohl Als Auch“. Antonovskys Schriften liefern tems vor, indem er die Unterscheidung „krank/ge-
auch Vorschläge für die Förderung von Gesundheit. sund“ um die Leitdifferenz „Behandlung/Prävention“
Das Kohärenzgefühl stellt bei ihm einen zentralen Bei- ergänzt. Behandlung knüpft, wie bei Luhmann, auf der
trag zur Salutogenese, also zur Entstehung von Ge- Seite der Krankheit an, Prävention hat seinen Aus-
sundheit, dar. Kohärenz besteht aus den Komponenten gangspunkt auf der Seite der Gesundheit. Die Funkti-
der Verstehbarkeit, der Bewältigbarkeit und der Sinn- on des Präventionssystems erfüllt sich durch die Ver-
haftigkeit. Der Gesundheit zuträglich ist es demnach, meidung von Risikofaktoren und den Ausbau von
wenn Menschen ihr Leben als verstehbar (Vergangen- Schutzfaktoren. Die Gesundheitsfürsorge erfüllt in
heitsbezug), bewältigbar (Gegenwartsbezug) und sinn- dem Modell den Sinn, die Wahrscheinlichkeit für In-
voll (Zukunftsbezug) erleben können (vgl. Antonov- dividuen zu erhöhen, an verschiedenen Funktionssys-
sky, 1997). Bereits bei Friedrich Nietzsche lässt sich temen teilhaben zu können und dadurch sozial adres-
übrigens die Idee des Kontinuums finden. Ihm wird siert zu werden. Gerade in den letzten Jahrzehnten er-
das Zitat zugeschrieben: „Gesundheit ist dasjenige fährt das Präventionssystem ein massives Wachstum.
Maß an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen
wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen.“ (Wiki- GESUNDHEIT ALS IDEAL
pedia, 2019)
Wo lässt sich nun Gesundheit in der Systemtheorie Bei Umfragen nach bedeutsamen Werten landet die
von Niklas Luhmann verorten? Luhmann spricht von Gesundheit zumeist auf den oberen Rängen. Gesund-
einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft heit wird angestrebt, Krankheit wird gefürchtet. Ge-
(vgl. Luhmann, 1984). Soziale Systeme dienen der Lö- sundheit als Ideal gedacht bezieht sich sowohl auf kör-
sung gesellschaftlicher Probleme. Sie beste-                           perliche als auch psychische Aspekte. Auf
hen nach Luhmann nicht aus Menschen,                                   der psychischen Dimension sind es Aspekte
sondern operieren über Kommunikation in                                wie Wohlbefinden, Glück, Optimismus,
binären Codes. Ein binärer Code fungiert                               Hoffnung, Erfolg und Sicherheit, die eine
als Leitunterscheidung im jeweiligen sozia-                            gesellschaftliche Aufwertung erfahren. Das
len System. Beispiele für soziale Systeme                              beträchtliche Potential des Scheiterns, der
sind die Wissenschaft (wahr/unwahr), die                               Melancholie, der Skepsis, der Angst und
Politik (Macht/Ohnmacht) und die Wirt-                                 der Ungewissheit wird im öffentlichen Dis-
schaft (Zahlung/Nicht-Zahlung). So bewer-                              kurs meistens ausgeblendet (vgl. Retzer,
tet das Wissenschaftssystem danach, ob et-     MAG. CHRISTIAN          2012). Auf körperlicher Ebene gelten an-
was wahr ist oder nicht, das Politiksystem     ZNIVA   ist Psychothe-  dauernde Jugend, Schönheit, Leistungsfä-
stellt die Frage, ob Macht vergrößert wer-     rapeut (SF), Klinischer higkeit und Stärke als gesund und anstre-
                                               und Gesundheitspsy-
den kann oder nicht und das System Wirt-                               benswert. Abgewertet werden das Alter,
                                               chologe, Supervisor
schaft operiert im Medium des Geldes, das      Lehrtherapeut mit       Abweichungen vom Schönheitsideal und
codiert ist in Zahlung oder Nicht-Zahlung.     partieller Lehrbefug-   Leistungseinbußen hinsichtlich der körper-
Verschiedene soziale Systeme orientieren       nis der ÖAGG-Fach-      lichen Funktionalität. Der Tod, der im Prin-
sich also an unterschiedlichen leitenden       sektion Systemische     zip die einzige Gewissheit darstellt, wird so
                                               Familientherapie,
Differenzen.                                                           zum großen Tabuthema unserer Zeit. Die
                                               Systemische Praxis
Nach Luhmann kann auch das Medizinsys-         Linz und Institut für
                                                                       kollektive Ausblendung der letzten Le-
tem als soziales System gedacht werden.        Familien- und Jugend-   bensphase führt gemeinsam mit der demo-
Die Leitdifferenz des Medizinsystems ist die   beratung der Stadt      graphischen Entwicklung zu bedenkens-
                                                 Linz

                                                                                S Y S T E M I S C H E   N O T I Z E N   0 3 / 1 9   15
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     werten Versorgungsengpässen, deren Konsequenzen          Menschen, die von einer Erkrankung betroffen sind,
     noch nicht absehbar sind.                                weniger dominant ist als man sich es vielleicht erwar-
     Die starke Fokussierung auf körperliche und psychi-      ten würde. Viel mehr Aufmerksamkeit bekommen spe-
     sche Ideale kann als Versuch verstanden werden, Iden-    ziell in Zeiten schwerer Krankheit Aspekte des Wohl-
     tität zu generieren. In früheren Zeiten ermöglichten     befindens, der Symptomkontrolle, der funktionellen
     stratifizierte Gesellschaftsordnungen und lebenslange    Rehabilitation, der sozialen Teilhabe, der menschli-
     Aufenthaltsorte eindeutige Zugehörigkeiten zu Schich-    chen Zuwendung und der Würde. Für Gesunde hinge-
     ten und Gruppierungen. So wurde Identität beispiels-     gen markiert die Gesundheit den Idealzustand des
     weise über den Adel, das Bürgertum, die Bauernschaft     Selbst und wird so zum Sehnsuchtsort schlechthin.
     oder den Geburtsort gestiftet. In einer globalisierten
     Welt kann Identität heute kaum mehr über diese sozi-     GESUNDHEIT ALS PFLICHT
     alen Bezüge konstruiert werden. Zugehörigkeiten sind
     loser und wechseln im Laufe einer Lebensspanne häu-      Im Sinne der Aufklärung befähigt Wissen, Menschen
     figer. Als Teilhaber an vielen sozialen Systemen sind    mündig zu sein und Verantwortung für ihr Leben zu
     wir dadurch zwar mehrfach jedoch uneindeutiger ad-       übernehmen. Die Lenkung des eigenen Lebens wird
     ressiert.                                                nicht mehr von höheren Mächten erwartet, sondern
     Zusätzlich zu der Schwierigkeit der Beantwortung der     liegt in der Hand eines jeden Einzelnen. So reizvoll
     Frage „Wer bin ich?“ besteht in der modernen Welt ein    diese Idee des aufgeklärten Menschen ist, verbirgt sich
     Selbsterkennungsdruck im Sinne des Gebots „Erken-        darin auch eine Gefahr. Wenn jeder seines eigenen
     ne, wer du bist!“. Speziell in wohlhabenden Gesell-      Glückes Schmied ist, dann hat wohl auch jeder die Ver-
                                                                                           antwortung, dieses Poten-
                                                                                           tial zu nutzen und sich zu
                                                                                           verwirklichen. Dies lässt
Bei Umfragen nach bedeutsamen Werten                                                       wiederum den Individua-
landet die Gesundheit zumeist auf den                                                      lisierungsdruck im Sinne
                                                                                           eines „Sei du selbst!“ stei-
oberen Rängen. Gesundheit wird angestrebt,                                                 gen.
Krankheit wird gefürchtet. Zudem kann die                                                  Dieser      Authentizitäts-
                                                                                           zwang fordert das Indivi-
starke Fokussierung auf körperliche und                                                    duum zu einer permanen-
psychische Ideale als Versuch verstanden                                                   ten Produktion von kör-
                                                                                           perlichen und psychi-
werden, Identität zu generieren.                                                           schen Selbst-Idealen. Die
                                                                                           Machbarkeit von Gesund-
     schaften, in denen die Grundbedürfnisse gestillt sind,   heit wird zu einer gesellschaftlichen Leitidee. Gesunde
     stellen sich Individuen zunehmend dieser philosophi-     Körper und Psychen können und müssen erschaffen
     schen Herausforderung. Der moderne Mensch ist da-        werden. „Lebe gesund!“ wird zum gesellschaftlichen
     durch wohl mehr denn je auf der Suche nach dem Ich.      Imperativ. Metaphorisch wird Gesundheit zum Pro-
     Begriffe wie Selbsterkenntnis, Selbstfindung, Selbst-    dukt. Rohstoffe sind in diesem Bild der Körper und die
     wert, Selbstbewusstsein, Selbstverwirklichung, Selbst-   Psyche. Als Arbeiter*in fungiert das Individuum, die
     bestimmtheit und Selbstwirksamkeit dominieren die        Vorarbeiter*innen stellen die Gesundheitsexpert*in-
     gesellschaftliche Alltagssprache und werden von einer    nen dar. Die Werkzeuge bestehen unter anderem aus
     Ich-Zentrierung begleitet.                               Bewegung, Ernährung, Nicht-Rauchen, Mentalem
     Die Suche nach dem Ich führt heute über den Ver-         Training, Anti-Aging-Produkten, Impfungen und
     gleich mit den Anderen. Die Aufmerksamkeitsver-          Skalpellen. Manuale finden sich im Gesundheitssys-
     schiebung von einem „Wer bin ich?“ hin zu einem „Wie     tem, Erziehungssystem, Wirtschaftssystem, Politi-
     will ich gerne sein?“ ist somit vollzogen. Der Versuch   schen System und im Wissenschaftssystem. Gesund-
     sich abzugrenzen, provoziert so paradoxerweise Kon-      heitsfabriken sind zum Beispiel Fitnesszentren, Well-
     formität (vgl. Han, 2016). Körperliche und psychische    nessressorts, Reformhäuser und Operationssäle. Das
     Gesundheitsideale fungieren in diesem Prozess als Be-    Controlling erfolgt über Laborwerte, Waagen, Pulsuh-
     zugspunkte. Der Volksmund glaubt zu wissen, dass der     ren, Blutdruckmessgeräte, Schrittzähler-Apps, Spiegel
     Gesunde tausende Wünsche hat, der Kranke nur einen       und Selfies und vieles andere. Konkrete Beispiele für
     – wieder gesund zu werden. Es ist jedoch vielmehr zu     den sich in unserer Gesellschaft entwickelnden Ge-
     beobachten, dass der Wunsch nach „Gesundheit“ bei        sundheitsdruck sind Zigarettenpackungen mit ab-

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schreckenden Warnfotos, Strafdrohungen für ein           tiert sehen. So reicht es nicht mehr aus Gesundheit
Nicht-Impfen, Ernährungsampeln und Versicherungs-        wiederherzustellen, vielmehr soll zudem auch vorhan-
boni für gesundes Verhalten. Die Idee der Machbarkeit    dene Gesundheit bewahrt und gefördert werden. Auch
von Gesundheit wird in den letzten Jahren auch in der    das Psychotherapiegesetz weist im Rahmen der Be-
systemischen Szene bedient. Im systemischen Ge-          rufsumschreibung explizit auf die Aufgabe der Ge-
sundheitscoaching werden Themen wie Sinnhaftig-          sundheitsförderung hin (vgl. Rechtsinformation des
keit, Achtsamkeit, Imaginationen und Lebensrhyth-        Bundes, 2019). Zu einer näheren Analyse der Varian-
men angesprochen, damit sich Klient*innen vollkom-       ten, in denen die Förderung von Gesundheit im Kon-
mener erfahren und die Fülle des Lebens annehmen         text von Psychotherapie Thema wird, hilft eine Kate-
können. Selbstregulations- und Selbstheilungskräfte      gorisierung von Arnold Retzer. Er unterscheidet be-
sollen aktiviert werden und zu einem vitaleren Le-       züglich der Gesundheit vier Überzeugungsmuster (vgl.
bensstil führen. Der innere Coach wird angesprochen      Retzer, 2007, S. 117). Nach einer kurzen Darstellung
und trainiert (vgl. Lauterbach, 2008).                   dieser Muster, sollen in der Folge Vorschläge für den
Der Versuch, sich Körper und Psyche verfügbar zu ma-     therapeutischen Umgang mit den jeweiligen Narrati-
chen, ist der Gesundheit jedoch nicht immer zuträg-      ven diskutiert werden.
lich. Eine zu strikte Gesundheitsförderung birgt auch
immer die Gefahr eines Resonanzverlustes (vgl. Rosa,     „MEIN GESUNDHEITSZUSTAND IST EIN
2016). Rosa sieht die Subjekt-Objekt-Beziehung als ein   PROBLEM, ABER ICH HABE EINFLUSS DARAUF“
schwingendes System. Resonanz bewirkt ein Klingen
auf der Seite des Individuums und der Welt. Horizon-     In Erzählungen von Klient*innen mit dem Überzeu-
tale Resonanz meint die Beziehung zwischen Men-          gungsmuster „Mein Gesundheitszustand ist ein Prob-
schen, diagonale Resonanz die Beziehung zwischen         lem, aber ich habe Einfluss darauf“ überwiegen Meta-
Menschen und Dingen bzw. Tätigkeiten und vertikale       phern des Einzelkämpfertums. Aspekte der Aktivität,
Resonanz die Beziehung zwischen Menschen und der         Leistung und Kontrolle bilden dominante Fokusse. In
Natur, der Geschichte, der Kunst und der Religion. Die   dieser Überzeugung soll und kann Gesundheit beein-
Kompetenz Unverfügbarkeit zu ertragen, dient einem       flusst werden. Die erlebte Einflussnahme auf Gesund-
resonanten Verhältnis von Individuen zu Körper und       heit wird als Triumph und Bestätigung erlebt. Häufig
Psyche (vgl. Rosa, 2018).                                wollen diese Klient*innen Psychotherapie im Sinne
Aus der Systemtheorie Luhmanns ist hinsichtlich Ge-      der Selbstoptimierung nutzen. „Wie geht es mir? War-
sundheit auch die Differenz Risiko/Gefahr interessant.   um geht es mir heute nicht so gut? Was kann ich tun
Von Gefahr spricht er, wenn ein potentieller Schaden     damit es mir besser geht? Wer oder was kann mich da-
als externe Verursachung beobachtet wird. Im Gegen-      bei unterstützen?“ sind hier unter anderem offene
satz dazu wird Risiko als Folge einer Entscheidung       Fragen.
konstruiert. Die zentrale Rolle nimmt wieder der Be-     In der Anfangsphase bewährt sich in diesem Fall die
obachter ein. Aus Luhmanns Sicht verwandelt die Idee     therapeutische Würdigung des Einsatzes für die Ge-
der Machbarkeit von Gesundheit demnach Gefahren          sundheit. Dies kann beispielsweise über positive Kon-
in Risken. Humoristisch formuliert er seine Sichtweise   notationen gelingen. Auf eine zu enge Zieldefinition
auf den modernen Menschen unter anderem folgen-          und ein streng lösungsorientiertes Vorgehen verzichte
dermaßen: „Man jagt sich Tag für Tag durch den Wald,     ich zumeist, indem ich Klient*innen philosophische
um gesund zu bleiben, und stürzt schließlich mit dem     Gespräche mit offenem Ausgang anbiete. Mit dieser
Flugzeug ab“ (Luhmann, 2003, S. 39).                     Einladung soll verhindert werden, dass Psychothera-
                                                         pie zu einer Leistungsveranstaltung wird. Da es sich
PSYCHOTHERAPEUTISCHE BEGEGNUNGEN                         auch häufig um Klient*innen handelt, die sehr schnell
MIT DEM GESUNDHEITSIMPERATIV                             in ihrem Tun sind, kann die Idee der Entdeckung der
                                                         Langsamkeit eine nützliche Unterschiedsbildung dar-
Auf den ersten Blick mag es ungewöhnlich erscheinen,     stellen.
darüber nachzudenken, inwiefern die Erhaltung von        Klient*innen werden in weiter Folge eingeladen, über
Gesundheit im Kontext von Psychotherapie verhandelt      den Preis ihres Engagements zu reflektieren. Ich er-
wird. Der Einwand, dass es in einer Psychotherapie       kundige mich nach den Auswirkungen der Gesund-
doch viel mehr um Krankheiten, Symptome und Lei-         heitsbemühungen auf die Klient*innen selbst und ihre
den geht, ist berechtigt. Die zunehmende gesellschaft-   Umwelten und schlage eine Kosten-Nutzen-Bilanz vor.
liche Fokussierung auf die Gesundheitsfürsorge führt     Entgegen dem Trend der Moderne sich selbst zu er-
jedoch zu einer beträchtlichen Zuständigkeitserweite-    kennen, ist es für diese Klient*innen oft hilfreich
rung, mit der sich Psychotherapeut*innen konfron-        wahrzunehmen, wer sie nicht sind (vgl. Retzer, 2012,

                                                                            S Y S T E M I S C H E   N O T I Z E N   0 3 / 1 9   17
C H R I S T I A N        Z N I V A

     S.294). Nützlich kann es auch sein, die Fokussierung        In Rahmen des psychotherapeutischen Prozesses hin-
     auf das Selbst zu hinterfragen und interessante At-         terfrage ich die Idee der Machbarkeit von Gesundheit.
     traktoren im Außen anzusprechen.                            Das was nicht zu beeinflussen ist, muss auch nicht
     Die Dekonstruktion des Helden- und Heldinnenmy-             verantwortet werden. Dadurch kann es leichter fallen,
     thos soll in der Therapie einen Beitrag leisten, gelasse-   sich im Sinne eines Befreiungsakts wieder mehr mit
     ner in gesundheitlichen Belangen zu agieren und so          Themen abseits der Gesundheit zu beschäftigen.
     ein postheroisches Gesundheitsmanagement zu etab-           Schuldgefühle ergeben sich bei diesen Klient*innen
     lieren. Sportbegeisterten Klient*innen erzähle ich ger-     aufgrund ungeklärter Fragen. Psychotherapie kann in
     ne von der Dänemark-EM-Strategie:                           dem Zusammenhang helfen, Schuldfragen zu klären
     „Dänemarks Spieler der Fußballnationalmannschaft            und sich der „Ver-antwort-ung“ zu stellen. Klient*in-
     befanden sich 1992 nach der verpassten Qualifikation        nen können dann beispielsweise Verantwortung für ei-
                                                                                    nen gewissen Lebenswandel (Er-
                                                                                    nährung, keine Bewegung) über-

Die Dekonstruktion des Helden- und                                                  nehmen, aber die Verantwortung
                                                                                    für die Entstehung einer Erkran-
Heldinnenmythos soll in der Therapie                                                kung ablehnen. Zudem kann es

einen Beitrag leisten, gelassener in                                                Sinn machen, darauf hinzuweisen,
                                                                                    dass das Ertragen von schlechtem
gesundheitlichen Belangen zu agieren                                                Gewissen erlernbar ist, sofern man
                                                                                    sich nicht laufend bemüht, es zu
und so ein postheroisches Gesundheits-                                              verhindern. Therapeutische Ange-
management zu etablieren.                                                           bote können auch in Ritualen zur
                                                                                    Vergebung bestehen. Manchmal
     für die Europameisterschaft in Schweden bereits im          mache ich jedoch die Erfahrung, dass der Anspruch
     Urlaub. Nachdem das qualifizierte jugoslawische Team        auf Vergebung zum Problem in der Therapie wird. Hier
     aufgrund des Bürgerkriegs keine Nationalmannschaft          empfiehlt sich aus meiner Erfahrung die Frage, ob ein
     entsenden konnte, rutschte Dänemark als nicht-quali-        gutes Leben zwingend Vergebung braucht.
     fiziertes Team nach. Die Dänen brachen ihre Urlaubs-
     reisen ab und fuhren unvorbereitet und ohne Trai-           „MEIN GESUNDHEITSZUSTAND IST
     ningsplan nach Schweden. Unter dem Motto: „Alles            KEIN PROBLEM“
     kann, nichts muss. Lasst uns dieses Turnier einfach
     genießen!“ starteten die Dänen in die Europameister-        Um das Überzeugungsmuster „Mein Gesundheitszu-
     schaft. Der Rest ging in die Geschichtsbücher ein. Dä-      stand ist kein Problem“ ranken sich Lebensgeschich-
     nemark gewann das Turnier und wurde erstmals Fuß-           ten, die von Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbe-
     balleuropameister.“                                         wusstsein handeln. Hinsichtlich dem vorherrschen-
                                                                 den Gesundheitsideal zeigt sich ein inkorrektes Ver-
     „MEIN GESUNDHEITSZUSTAND IST                                halten. Der Gesundheitszustand wird fatalistisch ak-
     EIN PROBLEM, ABER ICH HABE KEINEN                           zeptiert. Diese Klient*innen kommen selten auf eigene
     EINFLUSS DARAUF“                                            Initiative in Psychotherapie. Beiträge zur Gesundheits-
                                                                 fürsorge werden oft vom Umfeld eingefordert. Als Bei-
     Das Überzeugungsmuster „Mein Gesundheitszustand             spiele seien hier Menschen mit zugeschriebenen
     ist ein Problem, aber ich habe keinen Einfluss darauf“      Suchtproblemen (Alkohol, Nikotin, Drogen) oder star-
     wird begleitet von Lebenserzählungen, in denen Auf-         kem Übergewicht (Ernährungsgewohnheiten, wenig
     opferung, Hilflosigkeit, Kontrollverlust und Schuldge-      Bewegung) genannt.
     fühle eine bedeutende Rolle spielen. Auch hier besteht      Besonders wichtig erweist sich in diesen Therapien
     die Idee, dass die Gesundheit prinzipiell beeinflusst       die ausführliche Klärung von Zuweisungskontext und
     werden kann und soll. Zugleich gibt es aber eine erleb-     Auftrag. Die Neutralität speziell hinsichtlich der je-
     te Nicht-Einflussnahme auf die Gesundheit, die als          weiligen Verhaltensweisen, die von medizinischen
     persönliches Scheitern gewertet wird. Solche Kli-           Empfehlungen abweichen, ist im Rahmen der psycho-
     ent*innen erleben eine schwere Erkrankung als Versa-        therapeutischen Begegnung geboten. Eine damit ver-
     gen und beschäftigen sich oft nach der Genesung im          bundene Zurückhaltung in der Übernahme der An-
     Rahmen einer Psychotherapie, wie sie gesund bleiben         waltschaft für die Gesundheit erscheint mir hier als
     und eine Wiedererkrankung verhindern können. Sie            die zentrale therapeutische Herausforderung. Ebenso
     wollen alles „richtig“ machen und Fehler vermeiden.         bewährt sich die Beleuchtung der Funktionalität des

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Gesundheitsverhaltens und die Anregung eines Dis-        Kontext sein. Ich wünsche der systemischen Therapie
kurses über Risken und Chancen von Stabilität und        der Zukunft den Mut, dem verlockenden Ruf nach Ge-
Veränderung.                                             sundheitsexpertise nicht zu folgen und dieses Feld an-
                                                         deren Berufsgruppen zu überlassen. Vielmehr fordern
„MEIN GESUNDHEITSZUSTAND IST                             gerade die beschriebenen gesellschaftlichen Entwick-
K/EIN PROBLEM, ABER ICH WEISS NICHT                      lungen von uns traditionell systemische Antworten
OB ZU RECHT“                                             wie Nicht-Wissen, Skepsis, Neutralität, Erwartungs-
                                                         enttäuschung und Respektlosigkeit. Diese können
Das vierte Überzeugungsmuster „Meine Gesundheit ist      zwar berufspolitisch riskant, therapeutisch hingegen
k/ein Problem, aber ich weiß nicht ob zu Recht“ kann     hochwirksam sein.
bei Klient*innen beobachtet werden, die Ungewissheit
in ihrem Leben schwer ertragen. Die Angst im Lebens-
kontext wird zu einer Angst um den Körper, der oft       LITERATUR
sehr sensibel wahrgenommen wird. In der intensiven       Antonovsky, A. (1997). Salutogenese: Zur Entmystifizierung der
                                                           Gesundheit. Tübingen: dgvt.
Suche nach der Ursache von körperlichen Beschwer-
                                                         Baraldi, C., Corsi, G. & Esposito, E. (1997). GLU. Glossar zu Niklas
den drückt sich das Bedürfnis nach Eindeutigkeit und       Luhmann. Theorie sozialer Systeme. Frankfurt: Suhrkamp.
Sicherheit aus. Die Verantwortung für die Klärung der    Csíkszentmihályi, M. (2018). Flow. Das Geheimnis des Glücks.
Unsicherheit wird an den Gesundheitsexperten, zu-          Stuttgart: Klett-Cotta.
meist einer Ärzt*in, ausgelagert. Die konstruierte       Fuchs, T. (2015). „Körper haben oder Leib sein“. Gesprächspsycho-
                                                           therapie und Personenzentrierte Beratung (03/15). S. 147–153.
Pflicht der Klient*innen besteht in der wiederholten
                                                         Gadamer, H.-G. (1993). Über die Verborgenheit von Gesundheit.
Konsultation von Expert*innen. Dieses Muster ist klas-     Frankfurt: Suhrkamp.
sisch bei Störungsbildern aus dem somatoformen oder      Lauterbach, M. (2008). Einführung in das systemische Gesund-
psychosomatischen Formenkreis.                             heitscoaching. Heidelberg: Carl-Auer.
Im Rahmen einer Psychotherapie ist hier die Abwen-       Hafen, M. (2014). Mythologie der Gesundheit. Zur Integration von
dung von offenen Fragen rund um Körper und Psyche          Salutogenese und Pathogenese. Heidelberg: Carl-Auer Systeme.
                                                         Han, B.-C. (2016). Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft,
und die Hinwendung zur Welt die zentrale Unter-
                                                           Kommunikation und Wahrnehmung heute. Frankfurt: S. Fischer.
schiedsbildung. Auch Thomas Fuchs bezieht sich in        Luhmann, N. (1984). Soziale Systeme. Frankfurt: Suhrkamp
seiner Körpertheorie auf den Aspekt der Aufmerksam-        Taschenbuch Wissenschaft.
keitslenkung. Der Leib ist das stillschweigende Medi-    Luhmann, N. (2003). Soziologie des Risikos. Berlin: De Gruyter.
um unserer Beziehung zur Welt und ermöglicht, ohne       Rechtsinformation des Bundes (2019, 13. August). Psychotherapie-
                                                           gesetz. https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfra-
dass wir ihn beachten, den Lebensvollzug. Der Körper
                                                           ge=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10010620.
kommt erst durch eine Abweichung vom Erwarteten          Retzer, A. (2007). Passagen. Systemische Erkundungen. Stuttgart:
als „Körper“ in den Fokus und wird dadurch Beobach-        Klett-Cotta.
tungsgegenstand. Für Fuchs lautet das Motto speziell     Retzer, A. (2012). Miese Stimmung. Eine Streitschrift gegen posi-
im Feld der Psychosomatik „Vom Körper haben, zum           tives Denken. Stuttgart: S. Fischer.
                                                         Rosa, H. (2016). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung.
Leib sein“. Die Kunst der leiblichen Lebensführung
                                                           Berlin: Suhrkamp.
sieht er in einer achtsamen Hinwendung zur Welt.         Rosa, H. (2018). Unverfügbarkeit. Wien: Residenz.
(vgl. Fuchs, 2015). Bezüglich dem „Entwe-                Simon, F. B. (2001). Die andere Seite der Gesundheit. Heidelberg:
der-Oder-Muster“ („Bin ich gesund oder krank?“) kann       Carl-Auer.
die Entwicklung eines „Sowohl Als Auchs“ nützlich        WHO (2019, 14. August). Constitution Of The World Health
sein. Diese Idee kann zum Beispiel über das Krank-         Organization. https://www.who.int/governance/eb/who_consti-
                                                           tution_en.pdf .
heits-Gesundheits-Kontinuum (vgl. Antonovsky, 1997)
                                                         Wikipedia (2019, 23. Juli). Gesundheit. https://de.wikipedia.org/
oder über die Tetralemma-Methode (vgl. Simon, 2001)        wiki/Gesundheit .
eingeführt werden. Angepasst auf Klient*innen, äuße-
re ich in dem Zusammenhang auch hin und wieder
meine Skepsis gegenüber dem Credo des österreichi-
schen Wissenschaftskabaretts Science Busters „Wer
nichts weiß, muss alles glauben!“. Fruchtbare Diskus-
sionen werden in Therapien häufig durch die Umkeh-
rung des Satzes in Form von „Wer nichts glaubt, muss
alles wissen!“ angestoßen.
Die Erhaltung von Gesundheit, wird vermutlich auch
in den nächsten Jahrzehnten ein wiederkehrendes An-
liegen von Klient*innen im psychotherapeutischen

                                                                                 S Y S T E M I S C H E   N O T I Z E N   0 3 / 1 9   19
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