VOM WASCHBECKEN INS MEER - ZU DEN UMWELTFOLGEN VON MIKROKUNSTSTOFFEN IN KOSMETIK- UND KÖRPERPFLEGEPRODUKTEN

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VOM WASCHBECKEN INS MEER - ZU DEN UMWELTFOLGEN VON MIKROKUNSTSTOFFEN IN KOSMETIK- UND KÖRPERPFLEGEPRODUKTEN
VO M WASCHBECKE N
I NS MEER
ZU DEN UMWELT F O L G E N V ON
M IKRO K U N S T S T O F F E N I N KOS M E TI K-
                                                                   www. greenpeace . de

U ND KÖ RP E RP F L EGEP R OD UKTE N

                                      FÜR MEERE OHNE PLASTIKMÜLL
VOM WASCHBECKEN INS MEER - ZU DEN UMWELTFOLGEN VON MIKROKUNSTSTOFFEN IN KOSMETIK- UND KÖRPERPFLEGEPRODUKTEN
2                                                V O M WA S C H BE C K EN I N S M EER

U N S E RE OZEANE SIND W UNDER S CHÖN – UND ÜB ER -
L EBE N S WICHTIG FÜR UNS M ENS CHEN. DOCH P LA S TI K -
M Ü LL WIRD IHNEN LANG FR IS TIG ZUM VER HÄ NG NIS .
N I C HT NU R IN MEEREN, FLÜS S EN UND S EEN FI NDEN
S I C H WIN ZIGE PLASTIKPA RTI KEL, S ONDER N A UCH
I N D E R N AHRUNGSKETTE . ZUS ÄTZLI CH G ELA NG EN
F L ÜS S IGE , GEL- UND WACHS A RTI G E M IKR OKUNS T-
S T OF F E A US KOSMETIK IN DI E G EWÄ S S ER – TA G
F Ü R TA G BEIM HÄNDEWAS CHEN ODER DUS CHEN.
S I E WIE D ER DAVON ZU B EFR EIEN, IS T UNM ÖG LI CH.

D R . S A N D RA SCHÖTTNER
M E ERE S B I OLOGIN BEI GR EENP EA CE E. V.

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Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                           3

VO M WA SCHB E CKEN IN S M EER
ZUSAMME NFASSUN G

Hersteller konventioneller Kosmetik- und Pflegeprodukte setzen breit Mikrokunststoffe ein, ohne Rücksicht auf die Umweltfolgen.

Auf der Suche nach Ursachen und Lö-                     Duschgel oder Zahnpasta, die sofort                     ren bei konventionellen Kosmetik- und
sungen sind zunächst „Microbeads“                       während ihrer Anwendung wieder ab-                      Körperpflegeprodukten zur Standard-
ins Visier geraten, winzige Plastikper-                 gewaschen werden. Sämtliche andere,                     Rezeptur. In kosmetischen Formulie-
len in Kosmetik- und Körperpflegepro-                   sogenannte „Leave-on“-Produkte                          rungen nehmen sie unterschiedliche
dukten wie Peeling, Zahnpasta oder                      sind nicht betroffen, darunter Creme,                   Formen an, werden auf vielfältige
Duschgel. Seitdem fordern Wissen-                       Make-up, Lippenstift oder Haarspray,                    Weise kombiniert und erfüllen eine
schaftlerInnen, Umweltschutzverbände                    die vorerst auf Haut und Haaren ver-                    Vielzahl an Funktionen. Die genaue
und VerbraucherInnen weltweit ein                       bleiben, aber unweigerlich zu einem                     Anzahl solcher synthetischer Inhalts-
Verbot von Plastikpartikeln in solchen                  späteren Zeitpunkt abgewaschen                          stoffe sowie die verwendeten Mengen
Produkten. Die Länder Kanada, die                       werden. Und die eigentliche Krux:                       sind nicht bekannt. Sicher ist aber:
USA, Großbritannien, Neuseeland oder                    Plastikpartikel sind längst nicht die                   Hersteller setzen sie weltweit massiv
auch Südkorea haben bereits reagiert                    einzigen Mikrokunststoffe, die in                       ein – quer durch die Produktpaletten,
und ein Verbot angekündigt. Und in                      Kosmetik- und Körperpflegeprodukten                     mit bekannten Marken wie L’Oréal,
Deutschland? Hier verlässt sich die                     zum Einsatz kommen.                                     Nivea, Dove, Penaten, Bebe, Clearasil,
Bundesregierung ausschließlich auf                                                                              Garnier, Schwarzkopf, The Body Shop,
einen rein freiwilligen Verzicht der                    Mikrokunststoffe in Form synthetischer                  Vichy, Gilette, Astor, Essence, Max
Kosmetikindustrie – ein Deal, den Um-                   Polymere können fest, wachsartig,                       Factor, oder Maybelline.
weltministerium und Kosmetikindustrie                   gelartig oder flüssig sein – und gehö-
im Rahmen des sogenannten „Kosme-                                                                               So werden in Badezimmern weltweit
tikdialogs“ vereinbart haben.                                                                                   täglich große Mengen Mikrokunststoffe
                                                           Mikrokunststoffe                                     aus Kosmetik- und Körperpflege-
Ob gesetzlich oder freiwillig – in jedem                   schließt als Begriff alle synthetischen              produkten in den Abfluss gespült.
Fall greifen diese Maßnahmen zu                            Polymere ein – unabhängig von deren
kurz: Sie gelten nur für feste Plastik-                    Polymersorte, Aggregatzustand bzw.                   In der EU landet die Mehrheit synthe-
                                                           Formmasse, Größenbegrenzung, Löslich-
partikel in sogenannten „Rinse-off“-                       keit oder auch Funktion im Produkt.
                                                                                                                tischer Polymere aus Kosmetik- und
Produkten wie Peeling, Shampoo,                                                                                 Körperpflegeprodukten über kommu-
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4                                                                                                           V O M WA S C H BE C K EN I N S M EER

    Polymere                                    Halbsynthetische Polymere sind natür-
                                                liche Polymere, die chemisch verändert
    sind große Moleküle, die aus Ketten         wurden. Dazu zählt etwa vulkanisiertes
    mehrerer sich wiederholender Unterein-      Gummi in Reifen sowie Zelluloseazetat in
    heiten bestehen, sogenannten Mono-          Zigarettenfiltern oder Bekleidung.
    meren. Mehrere bedeutet: mindestens                                                         scheinlich mit schädlichen per- bzw.
    drei, meist jedoch mehrere hundert oder     Synthetische Polymere sind rein künst-          polyfluorierten Verbindungen (PFCs)
    tausend Untereinheiten. Je nach Kompo-      lichen Ursprungs. Sie basieren häufig auf       wie Perfluoroctansäure (PFOA) ver-
    sition, Struktur, Größe und verschiedenen   Petrochemikalien und umfassen zahlreiche
    anderen Faktoren können Polymere fest,      synthetische Materialien und Kunststof-
                                                                                                unreinigt. PFOA wurde beim Men-
    wachsartig, gelartig oder flüssig sein      fe, die in Verpackungen, Konsum- und            schen bereits mit Krebs, Störungen
    und eine große Bandbreite unterschied-      Haushaltsgütern (inklusive Kosmetik- und        im Hormonhaushalt, verzögerter
    licher Eigenschaften aufweisen. Nicht       Körperpflegeprodukten), Elektronik, Mö-
                                                                                                Pubertät, gestörter Fortpflanzungsfä-
    selten werden verschiedene Polymere zu      beln, sowie im Bauwesen, in der Landwirt-
    Co- oder Crosspolymeren miteinander         schaft oder auch in der Automobil- und          higkeit sowie veränderter Immunab-
    kombiniert.                                 Luftfahrtindustrie eingesetzt werden.           wehr in Verbindung gebracht – und
                                                Wichtige Beispiele sind Polyethylen (PE),       gilt zudem als äußerst persistent und
    Natürliche Polymere sind rein biologi-      Polypropylen (PP), Polyvinylchlorid (PVC),
    schen Ursprungs. Sie kommen in Pflanzen     Polyurethan (PUR), Polyethylenterephthalat      bioakkumulierend.
    oder Tieren vor und umfassen bekannte       (PET), Polystyrol (PS, inklusive Styropor),   • Polyquaternium-Verbindungen, die
    Beispiele wie Proteine, Zucker und Gene,    Polyamid (PA, inklusive Nylon), Polytetra-      oft als Alternative zu Silikonen zum
    aber auch Zellulose, Baumwolle, Gummi,      fluoroethylen (PTFE, inklusive Teflon) und
    Schelllack, Bernstein, Wolle und Seide.     sämtliche Polysiloxane (Silikone).
                                                                                                Einsatz kommen, gelten als nicht
                                                                                                oder nur schwer biologisch abbau-
                                                                                                bar. Einige dieser Verbindungen (bei-
nale Abwässer in Kläranlagen. Die               bioakkumulierend, das heißt, sie                spielsweise PQ-7, PQ-16 und PQ-10)
meisten verfügen über moderne drei-             reichern sich in Lebewesen an.                  sind zudem giftig für Wasserorga-
stufige, in manchen Fällen sogar vier-                                                          nismen und stehen unter Verdacht,
stufige Systeme zur Abwasserbehand-             Ihre Auswirkungen auf die Süßwas-               langfristig schädliche Auswirkungen
lung. Dort reichern sich synthetische           ser- und Meeresumwelt – sowie auf               in Gewässern zu verursachen.
Polymere größtenteils im Klärschlamm            die menschliche Gesundheit – geben            • Die Silikone Cyclotetrasiloxan (D4)
an. Dieser wird nicht nur verbrannt             deshalb begründeten Anlass zur Sor-             und Cyclopentasiloxan (D5) sind als
oder deponiert, sondern auch zur Dün-           ge. So zum Beispiel:                            sehr persistent und stark bioakku-
gung auf Feldern ausgebracht – und                                                              mulierend klassifiziert. Es werden
transportiert diese Mikrokunststoffe            • Polyethylen und Nylon gelten als              langfristig schädliche Auswirkungen
in die Umwelt. Einen Teil der syntheti-           sehr persistent. In der Meeresumwelt          auf Gewässer befürchtet. Vielerorts
schen Polymere halten die Kläranlagen             wurden sie schon vielfach in Form             reichern sie sich in Nahrungsnetzen
zudem nicht vollständig zurück und                von Plastikpartikeln gefunden – nicht         an – unter anderem in Fischen, Vögeln
pumpen sie letztlich mit dem geklärten            zuletzt auch in kommerziell genutzten         und Säugetieren. Beim Menschen
Abwasser in die umliegenden Ge-                   Speisefischen und Meeresfrüchten.             können sie mit Störungen im Hormon-
wässer. In Ländern und Regionen mit               Sie können, teils sogar mit Schad-            haushalt, Beeinträchtigung der Fort-
unzureichend ausgestatteten oder gar              stoffen belastet, auch in der Nah-            pflanzungsfähigkeit und Organschä-
fehlenden Kläranlagen werden synthe-              rungskette weitergegeben werden.              den in Verbindung gebracht werden.
tische Polymere aus Kosmetik- und               • Polyalkylenglykole mit einem mitt-
Körperpflegeprodukten direkt in die               leren bis hohen Molekulargewicht            Das größte Problem zur abschlie-
Umwelt gespült.                                   (beispielsweise PEG-200 oder PEG-           ßenden Beurteilung synthetischer
                                                  90M) gelten als zunehmend schwer            Polymere in Kosmetik- und Körperpfle-
Von einigen synthetischen Polymeren               biologisch abbaubar. Sie stehen             geprodukten ist jedoch der Mangel
kennen WissenschaftlerInnen bereits               deshalb trotz ihrer wasserlöslichen         an öffentlich verfügbaren Daten.
die negativen Eigenschaften. Sie sind             Eigenschaften unter Verdacht, länger        Die Mehrheit der Inhaltsstoffe wurde
persistent bzw. langlebig, also nicht             in der Umwelt zu verbleiben als             bislang noch gar nicht näher auf ihre
oder nur schwer biologisch abbaubar               oftmals angenommen.                         Umweltverträglichkeit hin untersucht
und verbleiben lange in der Umwelt;             • Polytetrafluorethylen, besser               oder bewertet, die Kosmetikhersteller
sie sind toxisch, das heißt, giftig für           bekannt als PTFE oder Teflon, ist           sind gesetzlich nicht dazu verpflichtet.
Lebewesen; teilweise sind sie auch                nicht nur persistent, sondern wahr-         Deshalb gibt es keine oder nur sehr
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Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                        5

lückenhafte Kenntnisse über ihre per-
sistenten, toxischen oder bioakkumu-
lierenden Eigenschaften – geschweige
denn über ihren Verbleib und die lang-
fristige Auswirkungen in der Umwelt.
Diesen Informationsmangel räumen
einige Hersteller sogar offen ein. Doch
statt das Vorsorgeprinzip anzuwenden,
setzt die Kosmetikindustrie nahezu un-
eingeschränkt auf solche Inhaltsstoffe.

Kritisch ist auch, dass sich syntheti-                  Greenpeace-Aktivisten informieren in Hamburg über Mikrokunststoffe in Nivea-Produkten.
sche Polymere in ihrem Verhalten und
ihren Auswirkungen verändern können,                    Bisher fallen synthetische Polymere in                  Chemikalien CLP sind für synthetische
wenn sie sich in Gemischen gegen-                       Kosmetik- und Körperpflegeproduk-                       Polymere als kosmetische Inhaltsstoffe
seitig beeinflussen. Dieses Phäno-                      ten weitgehend durch das Regulie-                       nicht zuständig.
men kann sowohl in Abwässern als                        rungsnetz. Von wenigen Ausnahmen
auch in der Umwelt auftreten, wenn                      abgesehen, sind sie weder durch die                     Damit Kosmetik- und Körperpflegepro-
Einzelsubstanzen aufeinandertreffen.                    EU-Chemikalienverordnung REACH                          dukte keine synthetischen Polymere
Dass dies passiert, liegt schon allein                  abgedeckt noch durch die EU-Kosme-                      mehr freisetzen, und um mögliche
dadurch nahe, da Kosmetik- und Kör-                     tikverordnung. Nur wenige haben bis-                    Schäden in der Umwelt zu vermeiden,
perpflegeprodukte oftmals eine Kom-                     her explizit eine sogenannte Wissen-                    müssen Politik und Industrie folgende
bination von mehreren dieser Mikro-                     schaftliche und Technische Bewertung                    Maßnahmen umsetzen:
kunststoffe gleichzeitig enthalten. Fast                der EU durchlaufen, die entsprechen-
alle bislang durchgeführten Tests der                   den Berichte sind der Öffentlichkeit                    • Sofortige und umfassende Bewer-
Hersteller synthetischer Polymere be-                   nur schwer zugänglich. Auch die                           tung aller synthetischen Polymere
ziehen sich jedoch nur auf Einzelstoffe                 EU-Detergenzienverordnung, die für                        sowie deren Gemische und Alter-
und nicht auf Gemische – geschweige                     Wasch- und Reinigungsmittel gilt, so-                     nativen auf mögliche Umweltaus-
denn auf die sich addierenden Effekte                   wie die EU-Verordnung zur Einstufung,                     wirkungen unter Anwendung des
von Einzelstoffen.                                      Verpackung und Kennzeichnung von                          Stoffgruppenkonzepts [Industrie]
                                                                                                                • Transparente Bereitstellung aller
                                                                                                                  Ergebnisse und Daten aus beste-
  Mikroplastik                                          bzw. „Nurdles“) oder mikroskopisch kleine                 henden und zukünftigen Bewertun-
                                                        Perlen und Körnchen in Kosmetikprodukten                  gen synthetischer Polymere sowie
  ist nicht einheitlich definiert. Es wird häufig –     (sogenannte „Microbeads“).
  vor allem von Vertretern der Industrie – nur                                                                    deren Gemische und Alternativen
  als festes synthetisches Polymer bezeich-             Sekundäres Mikroplastik hingegen ent-                     [Industrie]
  net. Das sind dann Plastikpartikel mit einem          steht entweder durch die Abnutzung grö-                 • Schließen sämtlicher gesetzlicher
  Durchmesser oder einer Länge von weniger              ßerer Kunststoffgegenstände während des
  als 5 Millimeter: Kügelchen, Fragmente                Gebrauchs, zum Beispiel durch Reifenab-
                                                                                                                  Regulierungslücken für synthe-
  oder auch Fasern. Flüssige, wachs- und                rieb auf der Straße oder Mikrofasern, die                 tische Polymere in Kosmetik- und
  gelartige synthetische Polymere beinhal-              sich beim Waschgang aus Fleecejacken                      Körperpflegeprodukten [Politik]
  tet diese Beschreibung von Mikroplastik               lösen. Auch größere Kunststoffteile, die
                                                                                                                • Sofortiges Verbot aller syntheti-
  oftmals nicht.                                        in der Umwelt mechanischen Kräften und
                                                        ultravioletter Strahlung ausgesetzt sind,                 schen Polymere mit bekannter
  Primäres Mikroplastik wird bereits in klei-           wie etwa Fragmente von Plastikflaschen                    schädlicher Wirkung sowie mit bis-
  ner Größe hergestellt, wie etwa Granulate             oder Plastikverpackungen, die im Meer                     lang unbekannter Auswirkung auf
  aus der Kunststoffvorfertigung für größere            treiben, werden als sekundäres Mikroplas-
  Plastikgegenstände (sogenannte „Pellets“              tik bezeichnet.                                           Mensch und Umwelt unter Anwen-
                                                                                                                  dung des Vorsorgeprinzips [Politik]
VOM WASCHBECKEN INS MEER - ZU DEN UMWELTFOLGEN VON MIKROKUNSTSTOFFEN IN KOSMETIK- UND KÖRPERPFLEGEPRODUKTEN
6                                                                                                    V O M WA S C H BE C K EN I N S M EER

SYNTHETISCHE PO LY M ER E
I N PRO D UKTE N

Hersteller setzen in Kosmetik- und Körperpflegeprodukten eine
Vielzahl chemischer Substanzen ein: Die Liste der Internationalen
Nomenklatur für kosmetische Inhaltsstoffe (INCI) umfasst zwischen
16.000 und 21.000 Stoffe,1, 2, 3 die EU-Datenbank für kosmetische
Inhaltsstoffe CosIng verzeichnet insgesamt über 28.000 Stoffe.4
Darunter befinden sich viele synthetische Polymere – Kunststoffe,
die man nicht selten aus anderen Bereichen des Alltags kennt, die
aber auch speziell für kosmetische Zwecke hergestellt werden. Ihre
genaue Anzahl ist nicht bekannt; zudem fehlt es an Informationen                       Checkliste für synthetische
über weltweit eingesetzte Mengen.5, 6                                                  Polymere in Kosmetik
                                                                                       (englische INCI-Schreibweise)

In kosmetischen Formulierungen               Emulsionen, Suspensionen und echten       • Acrylate Co-, Crosspolymer
konventioneller Hersteller gehören           Lösungen) oder als Zwischenformen           (AC, ACS)
synthetische Polymere mittlerweile zur       (wie Gele, Pasten und Wachse). Nicht      • Polyamide (PA, Nylon)
Standard-Rezeptur.7, 8, 9 Gängige In-        selten ändert sich der Zustand auch       • Polyacrylate (PA)
haltsstoffe dieser Art sind unter ande-      während ihrer Herstellung, Verarbei-      • Polymethyl Methacrylate
rem Acrylates Co- und Crosspolymer,          tung im Produkt, Anwendung beim             (PMMA)
Nylon, Polyethylen, Polyethylenglykol,       Verbraucher – und nicht zuletzt auch,     • Polyquaternium (PQ)
Cyclomethicone oder Polyquaternium.          nachdem sie ins Abwassersystem oder       • Polyethylene (PE)
Sie müssen auf Produktverpackungen           die Umwelt gelangt sind.11 Dort können    • Polyethylene Glycol (PEG)*
immer in der englischen INCI-Schreib-        sie sich zu anderen Stoffen abbauen       • Polyethylene Terephthalate (PET)
weise angegeben werden.                      oder mit weiteren Stoffen verbinden.      • Polypropylene (PP)
                                                                                       • Polypropylene Glycol (PPG)*
Synthetische Polymere werden in              Trotz der großen Vielfalt an syntheti-    • Polystyrene (PS)
Kosmetik- und Körperpflegeprodukten          schen Polymeren in Kosmetik- und          • Polyurethane (PUR)
häufig kombiniert, um verschiedene           Körperpflegeprodukten: In der Kritik      • Silsesquioxane
Funktionen zu erfüllen.7, 8 Zum Beispiel     standen bisher vor allem die soge-        • Silikone
dienen sie als Schleifmittel, Weichma-       nannten „Microbeads“12 – winzige            – Cyclo-, Di-, Amodi-, Tri-,
cher, Conditioner, Filmbildner, Gleitmit-    Plastikperlen aus Polyethylen, die in         Methicone
tel, Bindemittel, Trennmittel, Lösemittel,   Peeling, Zahnpasta oder Duschgel            – Cyclotetra-, Cyclopenta-,
Stabilisator, Verdickungsmittel, Füll-       als Schleifpartikel verwendet wurden.         Cyclohexasiloxane
stoff, Feuchthaltemittel, Absorptions-       Sie sind weltweit der Inbegriff für         – Dimethiconol
mittel, Antistatikum, Entschäumer, Vis-      primäres Mikroplastik, das täglich in       – Di-, Tri-, Siloxane
kositätsregler, Fixiermittel, Hitzeschutz,   Badezimmern den Abfluss hinunter-         * v. a. biologisch schwer abbaubare Ver-
Trübungsmittel oder Farbstoff.               gespült wird – und letztlich Flüsse und   bindungen, erkennbar an Werten
                                             Meere belastet.                           über 50 (z. B. PEG-120)
Es gibt diverse Anwendungsformen10:                                                    Diese Checkliste findet sich als
So können synthetische Polymere als          Seit Bekanntwerden dieser Umwelt-         kostenlose Einkaufshilfe unter
                                                                                       www.greenpeace.de/
Feststoffe vorliegen (wie Perlen, Körn-      belastung fordern Wissenschaftler,13      einkaufshelfer-mikroplastik
chen und Pulver), als Flüssigkeiten (in      Umweltschutzverbände und Verbrau-
VOM WASCHBECKEN INS MEER - ZU DEN UMWELTFOLGEN VON MIKROKUNSTSTOFFEN IN KOSMETIK- UND KÖRPERPFLEGEPRODUKTEN
Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                               7

                                                                                                                Die Industrie unterscheidet zwischen Mi-
cherInnen14, 15 weltweit ein Verbot von                 verzichten, die sofort während ihrer                    krokunststoffen in Rinse-off- and Leave-
                                                                                                                on-Produkten. Letztlich landet aber alles
festen Plastikpartikeln in Kosmetik-                    Anwendung wieder abgewaschen                            beim Duschen im Abfluss.
und Körperpflegeprodukten. Die Län-                     werden. Sämtliche andere, sogenannte
der USA16, Kanada17, Großbritannien18,                  „Leave-on“-Produkte wie Creme,
Neuseeland19 oder auch Südkorea20                       Make-up, Lippenstift oder Haarspray,                    einem Blick hinter die Kulissen, der
haben bereits reagiert und ein derarti-                 die vorerst auf Haut und Haaren ver-                    über Plastikperlen weit hinaus führt.
ges Verbot angekündigt. In Deutsch-                     bleiben, aber unweigerlich zu einem                     Denn genau wie feste gelangen auch
land verlässt sich die Bundesregierung                  späteren Zeitpunkt abgewaschen                          nicht-feste synthetische Polymere
dagegen ausschließlich auf einen frei-                  werden, sind nicht Teil der gesetzlichen                täglich in großen Mengen vom Ba-
willigen Verzicht der Kosmetikindus-                    oder freiwilligen Ausstiegspläne.                       dezimmer ins Abwasser – und damit
trie, der im Rahmen des sogenannten                                                                             potenziell in Gewässer. Bisher herrscht
„Kosmetikdialogs“21 vereinbart wurde                    Ausgenommen vom Verzicht auf                            jedoch große Unklarheit über den
und aus Greenpeace-Sicht zahlreiche                     „Microbeads” sind aber vor allem auch                   Verbleib und die Auswirkungen
Schlupflöcher enthält.                                  synthetische Polymere in flüssiger,                     sämtlicher synthetischer Polymere aus
                                                        wachs- und gelartiger Form. Doch                        Kosmetik- und Körperpflegeprodukten
Geplant ist lediglich, auf feste Plas-                  gerade die enorme Bandbreite und der                    in der Umwelt.
tikpartikel in sogenannten „Rinse-                      massive Einsatz solcher Mikrokunst-
off“-Produkten wie Peeling, Sham-                       stoffe in Kosmetik- und Körperpfle-
poo, Duschgel oder Zahnpasta zu                         geprodukten weltweit verlangen nach
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8                                                                                                 V O M WA S C H BE C K EN I N S M EER

SYNTHETISCHE PO LY M ER E
I N KLÄRWE RKE N

                                                                                    Auch moderne Kläranlagen schaffen es
Weltweit spülen unzählige Haushalte Kosmetik- und Körperpflege-                     nicht, sämtliche synthetischen Polymere
                                                                                    zu filtern (Symbolfoto).
produkte in den Abfluss. So gelangen Tag für Tag große Mengen
synthetischer Polymere in kommunale Abwässer. In Ländern wie
Deutschland gibt es üblicherweise moderne Kläranlagen, die über
dreistufige Systeme1 mit mechanischer, biologischer und chemischer
Abwasserbehandlung verfügen. In einzelnen Fällen sind sie bereits
vierstufig oder haben spezielle Endreinigungsverfahren – bisher ist das
jedoch nicht die Norm.2

Synthetische Polymere in fester Form,    Abwasser entfernen.3 Zudem unter-
wie beispielsweise Polyethylenperlen     scheiden sich verschiedene Kläranla-
im Peeling oder feinste Nylonpartikel    gen stark im Hinblick auf ihre Rückhal-
im Make-up, werden theoretisch           tekapazität.3, 4, 5 Lediglich ein System
mechanisch herausgefiltert. Laut         mit vierter Klärstufe in Form eines
einer Studie des Alfred-Wegener-Insti-   Scheiben-Tuchfilters konnte bisher die
tuts können Kläranlagen die winzigen     Menge der Plastikpartikel im Abwas-
Plastikpartikel mit konventionellen      ser um 97 Prozent reduzieren.3 Laut
Mitteln aber nicht vollständig aus dem   Experten von Fraunhofer UMSICHT ist
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Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                           9

                                                        dem Abwasser entfernt werden, müss-                     können sich synthetische Polymere
                                                        ten verschiedenste Aktivfilter in einer                 dort auch mit Schadstoffen verbin-
                                                        vierten Klärstufe in Reihe geschaltet                   den oder mit anderen Stoffen zu
                                                        werden9 – ein technischer Aufwand,                      schädlichen Substanzen reagieren.
                                                        der für Kläranlagen nicht zu leisten                    In Deutschland wird Klärschlamm
                                                        ist.10                                                  überwiegend auf Deponien und in
                                                                                                                Verbrennungsanlagen entsorgt –
                                                        Deshalb ist davon auszugehen, dass                      oder in der Landwirtschaft genutzt
                                                        selbst bei modernen Abwasserbe-                         – Schätzungen zufolge waren das
Mikroplastik oder nicht? Schwer zu erken-               handlungsanlagen synthetische Poly-                     bisher jährlich rund 29 Prozent.12 Aber
nen bei nicht-festen Mikrokunststoffen                  mere zu einem gewissen Anteil über                      auch nach der neuen Klärschlamm-
wie zum Beispiel Polyquaternium.
                                                        den Ablauf in die Umwelt freigesetzt                    verordnung13 darf Klärschlamm aus
                                                        werden.11 Bei starken Regenfällen                       kleineren Abwasserbehandlungsanla-
bis heute „noch nicht eindeutig geklärt,                kann sich dieser Anteil aufgrund der                    gen weiterhin zur Düngung auf Feldern
welchen Effekt die Reinigungsprozesse                   Überlastung des Systems noch deut-                      ausgebracht werden. Von dort aus
auf die Mikroplastikfracht des behan-                   lich erhöhen. Offizielle Angaben dazu                   gelangen synthetische Polymere samt
delten Abwasserstroms haben“.6                          gibt es nicht – vergleichende Abwas-                    anderer im Klärschlamm abgelagerter
                                                        sermessungen verschiedener Klär-                        Chemikalien wieder in die Umwelt und
Flüssige, wachs- und gelartige                          anlagen auf regionaler, nationaler oder                 damit in die Nahrungskette.13
synthetische Polymere, die nicht selten                 internationaler Ebene müssen in keiner
auch als „gelöst“7 bezeichnet werden,                   Datenbank erfasst werden.10, 11 Ohne-                   Bei aller Diskussion um Kläranlagen
können dagegen nicht mechanisch                         hin fehlen für synthetische Polymere                    darf vor allem eines nicht vergessen
herausgefiltert werden. Je nach chemi-                  standardisierte Messverfahren. Sie ge-                  werden: In vielen Ländern, insbeson-
schen oder biologischen Eigenschaf-                     hören bisher nicht zu jenen Stoffen, die                dere im globalen Süden, aber auch
ten müssen sie in der chemischen                        gemäß der EU-Wasserrahmenrichtlinie                     in anderen Ländern Europas, gibt es
Klärstufe zersetzt bzw. ausgeflockt                     oder auch Oberflächengewässer-                          keine modernen Abwasserbehand-
oder in der biologischen Klärstufe von                  verordnung überwacht werden müs-                        lungsanlagen. Doch auch hier werden
Mikroorganismen verstoffwechselt                        sen.6                                                   Kosmetik- und Körperpflegeproduk-
werden. In einigen Fällen kommen                                                                                te gängiger internationaler Marken
sogar extra synthetische Polymere als                   Jener Anteil synthetischer Polymere,                    verwendet und täglich in den Abfluss
Flockungsmittel zum Einsatz, um die                     der samt Abbauprodukten tatsächlich                     gespült – oder sogar direkt in lokale
Effektivität der Abwasserbehandlung                     aus dem Abwasser entfernt wird, setzt                   Gewässer entsorgt. Entsprechend ist
zu verbessern.8 Um jedoch sicher-                       sich im Klärschlamm ab. Offizielle                      davon auszugehen, dass synthetische
stellen zu können, dass persistente                     Angaben zu genauen Mengen oder                          Polymere aus Shampoo, Lotion oder
synthetische Polymere wie Silikone                      Konzentrationen liegen nicht vor. Je                    Make-up dort fast unvermittelt in die
oder Polyquaternium vollständig aus                     nach ihren chemischen Eigenschaften                     Umwelt gelangen.
VOM WASCHBECKEN INS MEER - ZU DEN UMWELTFOLGEN VON MIKROKUNSTSTOFFEN IN KOSMETIK- UND KÖRPERPFLEGEPRODUKTEN
10                                                                                                 V O M WA S C H BE C K EN I N S M EER

SYNTHETISCHE PO LY M ER E
I N DER U MWE LT

Synthetische Polymere in Kosmetik- und Körperpflegeprodukten
sind Teil des generellen Problems persistenter, toxischer und/oder
bioakkumulierender Inhaltsstoffe in Konsumgütern des täglichen
Bedarfs. Persistente Stoffe werden als langlebige und somit nicht
oder nur schwer biologisch abbaubare organische Stoffe beschrieben
– eine Bezeichnung, die synthetische Polymere einschließen kann.1
Es gibt Daten, die zeigen, dass in Deutschland etwa 43.653 Tonnen
solcher Substanzen jährlich in Haushaltsprodukten wie Wasch- und
Reinigungsmitteln verwendet werden, darunter befinden sich etliche
synthetische Polymere.1 Entsprechende Informationen für Kosmetik-
und Körperpflegeprodukte sind jedoch nicht verfügbar.
                                                                                     Feste Plastikpertikel wurden bereits
Die Freisetzung persistenter Stoffe       bekannt, dass sie schädliche Zusatz-       in Speisefischen und Meeresfrüchten
                                                                                     nachgewiesen. Entsprechende Forschung
kann dazu führen, dass sie sich in der    stoffe (zum Beispiel Weichmacher wie       zu nicht-festen Mikrokunststoffen steht
Umwelt oder im Menschen anreichern        Bisphenol A) auslaugen oder auch           teilweise noch ganz am Anfang.
und dort langfristige Schäden ver-        Schadstoffe (zum Beispiel Pestizide
ursachen – insbesondere, wenn sie         wie DDT) an sich binden können, die
toxische und/oder bioakkumulieren-        bereits im Wasser vorhanden sind2, 3
de Eigenschaften haben, das heißt,        – und letztlich auch in die Nahrungs-
giftig für Lebewesen sind und/oder        kette gelangen. Wissenschaftler ha-
sich in Lebewesen anreichern. Doch        ben die winzigen Teilchen bereits in
auch Stoffe, die nicht persistent, also   kleinstem Zooplankton, aber auch in
durchaus biologisch abbaubar sind,        kommerziell genutzten Speisefischen
können zur Gefahr werden, nämlich         und Meeresfrüchten wie Thunfisch,
dann, wenn sie toxische Eigenschaf-       Kabeljau, Makrele, Muscheln oder
ten aufweisen und Lebewesen damit         Garnelen gefunden4. Dort können sie
unmittelbar schädigen.                    samt Schadstoffen sowohl physisch
                                          als auch chemisch zum Problem
Synthetische Polymere in Form fester      werden: Sie rufen beispielsweise Ver-
Plastikpartikel sind in der Regel per-    änderungen oder Entzündungen im
sistent und unlöslich in Gewässern.       Darmtrakt der Tiere hervor, beeinflussen
Auch wenn sie als vergleichsweise         deren Nahrungsaufnahme oder Fort-
wenig toxisch gelten, entstehen öko-      pflanzungsverhalten – und durchdrin-
logische Risiken. So ist mittlerweile     gen sogar Gewebe- und Zellbarrieren.4
Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                            11

                                                                                                                Insbesondere bei Muscheln und anderen
Synthetische Polymere in flüssiger,                     Laut Richtlinien der EU und USA                         Arten, bei denen das gesamte weiche
                                                                                                                Fleisch verzehrt wird, ist es unvermeidbar,
wachs- oder gelartiger Form können                      müssen Hersteller von Kosmetik- und                     dass Menschen zumindest eine gewisse
sowohl persistent als auch biologisch                   Körperpflegeprodukten sogenannte                        Menge an Plastikpartikeln aufnehmen.
abbaubar sein – und nicht zuletzt auch                  Sicherheitsdatenblätter (MSDS,
toxisch und/oder bioakkumulierend. Im                   Material Safety Data Sheets) erstellen,
Allgemeinen tendieren sie dazu, stärker                 in denen die Handhabung, Sicherheit,
mit der Umwelt zu interagieren als feste                Toxikologie sowie der Verbleib aller
Plastikpartikel: Sie haben eine höhere                  eingesetzten Inhaltsstoffe in der Um-
biologische Aktivität und folglich                      welt abgedeckt sind. Eine Auswertung
höhere potenzielle Schädlichkeit für                    solcher Sicherheitsdatenblätter7 ergab
Lebewesen. Was mit ihnen in der Um-                     jedoch: Viele MSDS liefern keine
welt geschieht, ist jedoch weitgehend                   Informationen über das Verhalten von
unbekannt. Lediglich für einzelne Stoffe                synthetischen Polymeren in der Um-
liegen Informationen vor – darunter                     welt. Dies deckt sich mit den jüngsten
Hersteller-Hinweise, dass sie „giftig für               Recherchen von Greenpeace. Vor
Wasserorganismen“ sind und „langfris-                   allem bei flüssigen, wachs- und gel-
tig schädliche Auswirkungen auf Ge-                     artigen synthetischen Polymeren sind
wässer“ haben.5 Konkrete Ergebnisse                     fehlende Informationen vielmehr die
aus der Forschung oder Umweltüber-                      Regel als die Ausnahme – und des-
wachung liegen meist nur für solche                     halb äußerst besorgniserregend.
Stoffe vor, die bereits seit Längerem un-
ter Verdacht stehen, schädlich zu sein.6
12                                                                                                                V O M WA S C H BE C K EN I N S M EER

SYNTHETISCHE PO LY M ER E
I M GESETZ

Der wichtigste Rechtsrahmen für Chemikalien in der EU ist die
Chemikalienverordnung (REACH)1. Sie bezieht sich jedoch aus-
drücklich nicht auf kosmetische Inhaltsstoffe oder Produkte, denn
diese fallen unter die EU-Kosmetikverordnung2. Allerdings reguliert
                                                                                                    herrscht: Während bei Wasch- und
die Kosmetikverordnung Inhaltsstoffe grundsätzlich nicht aufgrund                                   Reinigungsmitteln nämlich nur Subs-
von Umweltaspekten und schließt zudem nur wenige synthetische                                       tanzen zugelassen werden, die leicht
Polymere ein. Bei REACH sind synthetische Polymere, abgesehen                                       biologisch abbaubar sind, gilt dies für
von wenigen Ausnahmen, sogar explizit von der Registrierungs- und                                   Kosmetik- und Körperpflegeprodukte
Bewertungspflicht ausgenommen.3 Aber nicht etwa, weil sie als                                       nicht. Beim Umweltbundesamt (UBA)
                                                                                                    vertritt man deshalb die Meinung: „Die
unbedenklich gelten – diese Ausnahme ist vielmehr ein Ergebnis des
                                                                                                    strengeren Bestimmungen der EU-De-
massiven Lobbydrucks der chemischen bzw. Kunststoffindustrie.
                                                                                                    tergenzienverordnung für Wasch- und
                                                                                                    Reinigungsmittel sowie die CLP-Kenn-
Auch die EU-Verordnung zur Einstu-                  kosmetische Inhaltsstoffe nicht zu-             zeichnungsverordnung sollten auch für
fung, Verpackung und Kennzeich-                     ständig. Vor allem hier wird deutlich,          Kosmetik gelten.“6
nung von Chemikalien (CLP)4 sowie                   dass bei der Regulierung von Produk-
die EU-Detergenzienverordnung5                      ten, die typischerweise ins Abwasser            Unterm Strich bedeuten diese Regu-
sind für synthetische Polymere als                  gelangen, eine Art Doppelmoral                  lierungslücken, dass sich Chemie-
                                                                                                    und Kosmetikindustrie in Bezug auf
                                                                                                    synthetische Polymere praktisch selbst
     Das Vorsorgeprinzip                            vorbeugend zu handeln, um diese von
                                                                                                    regulieren. Dies hat unter anderem
                                                    vornherein zu vermeiden.
     ist eine zentrale Leitlinie der Umwelt- und                                                    zur Folge, dass keine oder nur sehr
     Gesundheitspolitik in Deutschland und in       Ressourcenvorsorge sieht vor, mit den           lückenhafte Kenntnisse über synthe-
     der EU. Es soll verhindern, dass Gefah-        natürlichen Ressourcen wie Wasser, Boden        tische Polymere existieren, geschwei-
     ren für die Umwelt (und letztlich für den      und Luft schonend umzugehen, um sie
     Menschen) überhaupt erst entstehen. Das        langfristig zu sichern und im Interesse künf-   ge denn öffentlich verfügbar sind. Das
     Vorsorgeprinzip beruht unter anderem auf       tiger Generationen zu erhalten.                 macht ihre vollständige Bewertung
     der Annahme, dass schädliche Substanzen                                                        – und damit wiederum ihre gesetzliche
     beziehungsweise Aktivitäten nicht mehr         Die Anwendung des Vorsorgeprinzips
     unschädlich beziehungsweise rückgängig         auf Kosmetik- und Körperpflegeprodukte
                                                                                                    Regelung – zu einer Quadratur des
     gemacht werden können – und deshalb von        hieße, den Einsatz bzw. die Freisetzung von     Kreises.
     vornherein vermieden werden müssen. Die        Inhaltsstoffen vorbeugend zu verhindern,
     Verhinderung möglicher Gefahren ist auch       wenn deren Auswirkungen auf die Süß-
                                                                                                    Zwar erfordern alle Kosmetikerzeug-
     dann erforderlich, wenn es keine völlige       wasser- und Meeresumwelt weitgehend
     wissenschaftliche Gewissheit gibt. Laut        unbekannt sind. Und dies ist bei vielen syn-    nisse, die in der EU vermarktet wer-
     Umweltbundesamt basiert das Vorsorge-          thetischen Polymeren der Fall. Dabei sollten    den, eine sogenannte Wissenschaft-
     prinzip auf den Prinzipien der Risikovorsor-   nicht nur die unterschiedlichen Charakteris-    liche und Technische Bewertung
     ge und der Ressourcenvorsorge:                 tika der vielen Stoffgruppen von syntheti-
                                                    schen Polymeren berücksichtigt werden,          (STA, Scientific and Technical Assess-
     Risikovorsorge bedeutet, bei unvollstän-       sondern auch die der Einzelsubstanzen und       ment)7. Für die breite Öffentlichkeit ist
     digem oder unsicherem Wissen über Art,         ihre Kombination in einem Gemisch. Auch         es jedoch kaum möglich, die Ergeb-
     Ausmaß, Wahrscheinlichkeit sowie Kau-          die Entwicklung und Überprüfung sämtlicher
     salität von Umweltschäden und -gefahren        Alternativen müsste berücksichtigt sein.
                                                                                                    nisse dieser Bewertungen einzusehen.
                                                                                                    Außerdem zeigt ein Blick in die veröf-
Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                           13

Als Verbraucher bräuchte man Chemie-Expertise, um im Kleingedruckten die Mikrokunststoffe zu identifizieren.

fentlichten Stellungnahmen mehrerer                     abhängigkeit oder Genauigkeit solcher                   view). Berichte aus diesem Gremium
EU-Sachverständigenausschüsse,                          Bewertungen einzuschätzen.                              werden jedoch von einem Ausschuss
dass bisher überhaupt nur wenige syn-                                                                           bearbeitet, der vom US-amerikani-
thetische Polymere als kosmetische                      Auch die USA verfügen über ein Sys-                     schen Kosmetikverband Personal Care
Inhaltsstoffe ausgewertet wurden.8                      tem zur Prüfung kosmetischer Inhalts-                   Products Council (PCPC), der Zulas-
Damit ist es extrem schwierig, die Un-                  stoffe (CIR, Cosmetic Ingredient Re-                    sungsbehörde Food and Drug Ad-
                                                                                                                ministration (FDA) und dem Verbrau-
                                                                                                                cherverband Consumer Federation of
  Der Stoffgruppenansatz                                gangen werden, dass Stoffe, für die keine               America (CFA) unterstützt wird.9 Bis
                                                        Daten vorliegen, automatisch sicher sind.
  ist ein Konzept, das derzeit für die Regu-                                                                    dato wurden etwa 225 CIR-Berichte
  lierung von Chemikalien vorgeschlagen                 Die Anwendung des Stoffgruppen-                         über Polymerverbindungen veröffent-
  wird. Es besagt: Wenn ein Stoff (oder eine            konzepts auf synthetische Polymere                      licht.10 Diese beziehen sich nur auf die
  gesamte Stoffgruppe) einer international              hieße, zunächst mit einer gründlichen
                                                                                                                kurzfristige Toxizität eines Inhaltsstoffs
  bzw. national verbindlichen Verordnung                Bewertung der Risiken eines Stoffes (und
  unterliegt, die eine Einschränkung oder               einer Stoffgruppe) unter Einsatz einer                  und darauf, ob er als krebserregend,
  einen Verzicht erfordert, sollte er nicht             glaubwürdigen Screening-Methode zu                      erbgutverändernd oder fortpflanzungs-
  durch Stoffe mit ähnlichen schädlichen                beginnen. Eine solche Bewertung sollte
                                                                                                                gefährdend (CMR11) für den Menschen
  Eigenschaften ersetzt werden. Dabei muss              die Ökotoxizität sowie den Verbleib und
  ermittelt werden, ob ein Stoff einer Stoff-           das Verhalten eines Stoffes in der Umwelt               eingestuft werden muss. In der Regel
  gruppe angehört, die für einen ähnlichen              beinhalten. Zudem sollte sie die Abbau-                 beinhalten sie keine detaillierten An-
  Zweck verwendet wird – selbst wenn nicht              produkte sowie die Interaktion mit anderen              gaben zum Verbleib der kosmetischen
  alle dieser Stoffe unter diese Verordnung             synthetischen Polymeren und Chemikalien
  fallen. Es sollte jedoch nicht davon ausge-           berücksichtigen.                                        Inhaltsstoffe in der Umwelt oder zu
                                                                                                                ihrer Ökotoxizität.
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T Y PI SCHE INHALTS S T O FFE IN K O S M ET IK
PO LYETHYL E N (PE )

Polyethylen (PE) ist der wichtigste Kunststoff weltweit. Derzeit liegt
der globale jährliche Bedarf bei 84,7 Millionen Tonnen.1 Polymersorten
in dieser Stoffgruppe können von hoher, mittlerer und niedriger Dichte
sein, linear oder verzweigt. Die Verpackungsindustrie setzt sie in Tüten,
Lebensmittelpackungen oder Kosmetik-Flaschen ein, aber auch in
Haushaltswaren, Spielwaren und Agrarfolien.2

In Kosmetik- und Körperpflegeproduk-       Tatsächlich macht PE in zahlreichen
ten kommt PE vor allem im Bereich          Studien, in denen Gewässer auf die
der dekorativen Kosmetik zum Einsatz,      Verschmutzung durch Plastikpartikel
sowie in der Hautpflege und Hautrei-       hin untersucht wurden, meist die vor-
nigung.3, 4 Als Schleifmittel im Peeling   herrschende Kunststoffsorte aus. So
ist es bereits weltweit zu zweifel-        auch in einer Greenpeace-Studie mit
haftem Ruhm gelangt.5 Nach ersten          über 50 Stichproben aus deutschen
Schätzungen des Umweltbundesamts           Flüssen – einschließlich winziger,
(UBA) setzt die Kosmetikindustrie in       farbiger Plastikperlen, die vermutlich
Deutschland jährlich circa 500 Tonnen      von Körperpflegeprodukten stammen.8
PE-Partikel ein.6                          Zudem wurde PE bereits in einer Viel-
                                           zahl von Meerestieren nachgewiesen,
Bei PE handelt es sich ein persisten-      darunter kommerziell genutzte Speise-
tes, also nicht biologisch abbaubares,     fische und Meeresfrüchte.9, 10
synthetisches Polymer mit geringer To-
xizität. Laut Sicherheitsdatenblatt des    Ähnlich wie bei Nylon, gibt es bei PE
Herstellers Nova Chemicals7 ist es „ein    Hinweise darauf, dass es mit einer
weitgehend inerter, stabiler Feststoff,    vergleichsweise höheren Wahrschein-
der als nicht-toxisch in Gewässern         lichkeit persistente organische Schad-
gilt“, „persistent in Gewässern“ ist und   stoffe (POPs) an seiner Oberfläche
„unter Sonnenlicht langsam spröder         anreichert als andere synthetische Po-
wird, sich aber nicht vollständig ab-      lymere.11, 12 So erhöht PE theoretisch
baut“. Darin deutet sich schon an: PE      das Risiko eines Schadstofftransports
kann, wie andere feste synthetische        in den Körper wasserlebender Tiere,
Polymere auch, zur Kontamination von       wenn diese die winzigen Plastikpartikel
Gewässern und Wasserorganismen             in sich aufnehmen.
mit Plastikpartikeln beitragen.
Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                      15

STECKBR IE F
PO LYETHYL E N (PE )

  Bezeichnung                                              Funktion                                             Auswirkung
  auf dem Produkt                                          im Produkt                                           auf Mensch und Umwelt
  Welche Bezeichnungen hat                                 Welche Funktionen hat                                Welche Auswirkungen hat
  Polyethylen auf Produkten?                               Polyethylen in Produkten?                            Polyethylen auf Mensch und
  Wie erkenne ich es?                                      Warum ist es enthalten?                              Umwelt?
                                                                                                                Was ist darüber bekannt, warum
  Üblicherweise (offizielle                                Unter anderem:
                                                                                                                sollte ich es vermeiden?
  englische INCI-Schreibweise):                            • Schleifmittel
  • Polyethylene                                           • Füllstoff                                          Sofern überhaupt bekannt:
  • PE                                                     • Bindemittel                                        • langlebig
                                                                                                                  (nicht biologisch abbaubar)
                                                           • Filmbildner
                                                                                                                • als Plastikpartikel in Meeres-
                                                           • Viskositätsregler
                                                                                                                  tieren, darunter Kabeljau

                                                           Produkt-Beispiele
                                                           Welche Produkte beispielsweise enthalten Polyethylen?
                                                           Wo finde ich es ganz konkret?
                                                           Eine kleine Auswahl:
                                                           • Gesichtspuder „Natural Bronzing Powder“ von Manhattan (Coty)
                                                           • Eyeliner „Excess Intensity Longwear“ von Max Factor (Coty)
                                                           • Peeling „Ultra Rapid Action 3 in 1“ von Clearasil (Reckitt Benickser)
                                                           • Gesichtscreme „Revitalift Laser X3 Intensivpflege“ von L’Oréal Paris (L’Oréal)
                                                           • Deodorant „Motionsense Invisible Aqua Stick 48h“ von Rexona (Unilever)
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T Y PI SCHE INHALTS S T O FFE IN K O S M ET IK
PO LYAM ID (PA, NYL O N )

Nylon, auch bekannt als Polyamid (PA), gilt als High-Performance-
Kunststoff mit hoher Langlebigkeit, Belastbarkeit, Flexibilität sowie
hoher Temperatur- und elektrischer Beständigkeit.1 Das Material wird
häufig in Anwendungen für die Automobilindustrie und die Luftfahrt
eingesetzt, für Teppiche und Textilien, elektrische und elektronische An-
wendungen sowie für Verpackungen und in der Medizin.1, 2 Laut Prog-
nosen wird sich der Verbrauch von Nylon bald auf 10 Millionen Tonnen
Nylon belaufen3 – dabei gelten biobasierte Polyamide und Spezialpoly-
amide als die Nylonvarianten, die immer stärker nachgefragt werden.4

In Kosmetik- und Körperpflegepro-          weise wie „nicht unter Verdacht, giftig/
dukten wird Nylon in erster Linie im       bioakkumulierend zu sein“.7 In Form
Bereich der dekorativen Kosmetik ver-      winziger Plastikpartikel kann es aller-
wendet, in einigen Fällen aber auch bei    dings zur Kontamination von Wasser-
der Hautpflege.5 Dabei hat Nylon-12        organismen einschließlich kommerziell
mit Abstand die meisten Anwendun-          genutzter Speisefische und Meeres-
gen, gefolgt von Nylon-6 – weit vor Ny-    früchte beitragen.8, 9 Zudem deuten
lon 6/12 und anderen Vertretern dieser     Studien darauf hin, dass Nylon, ähnlich
Stoffgruppe.6 Es liegt grundsätzlich in    wie Polyethylen, mit höherer Wahr-
fester Form vor.                           scheinlichkeit persistente organische
                                           Schadstoffe (POPs) an seiner Oberflä-
Nylon ist persistent in der Umwelt, gilt   che anreichert als andere synthetische
aber nicht als akut toxisch.6 Sämtliche    Polymere.10 So erhöht auch Nylon
Sicherheitsdatenblätter zu Nylon-6         theoretisch das Risiko eines Schad-
und Nylon-12 enthalten jedoch keine        stofftransports in den Körper wasserle-
Angaben in Bezug auf Ökotoxizität und      bender Tiere, wenn diese Nylonpartikel
Umweltverträglichkeit – oder aber Hin-     in sich aufnehmen.
Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                      17

STECKBR IE F
PO LYAM ID (PA, NYL O N )

  Bezeichnung                                              Funktion                                             Auswirkung
  auf dem Produkt                                          im Produkt                                           auf Mensch und Umwelt
  Welche Bezeichnungen hat Nylon                           Welche Funktionen hat Nylon                          Welche Auswirkungen hat Nylon
  auf Produkten?                                           in Produkten?                                        auf Mensch und Umwelt?
  Wie erkenne ich es?                                      Warum ist es enthalten?                              Was ist darüber bekannt, warum
                                                                                                                sollte ich es vermeiden?
  Üblicherweise (offizielle                                Unter anderem:
  englische INCI-Schreibweise):                            • Füllstoff                                          Sofern überhaupt bekannt:
  • Nylon-X                                                • Trübungsmittel                                     • langlebig
  • Polyamide-X, Polyamide-X/X                             • Filmbildner                                          (nicht biologisch abbaubar)
  • PA-X, PA-X/X                                           • Viskositätsregler                                  • als Plastikpartikel in Meeres-
  Beispiele: Nylon-6, Polyamide-6,                                                                                tieren, darunter Kabeljau
                                                           • Absorptionsmittel
  Nylon-12, Polyamide-12, Nylon-6/12

  Produkt-Beispiele
  Welche Produkte beispielsweise enthalten Nylon?
  Wo finde ich es ganz konkret?
  Eine kleine Auswahl:
  • Make-up „Nude Illusion“ von Catrice (Cosnova)
  • Lidschatten „EyeArtist Luxury Eye Shadow Palette“ von Astor (Astor)
  • Lippenstift „Super Stay 24h Color“ von Maybelline (L’Oréal)
  • Augencreme „Q10plus Anti-Falten Augencreme“ von Nivea (Beiersdorf)
  • Sonnenschutzspray „Ambre Solaire UV Sport“ von Garnier (L’Oréal)
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T Y PI SCHE INHALTS S T O FFE IN K O S M ET IK
PO LYALKYL E NG LYKO L E (PA Gs) U N D - ETH E R

Die Gruppe der Polyalkylenglycole (PAGs) und -ether umfasst eine
große Bandbreite an Stoffen, die in vielen Branchen verwendet werden
– darunter ist auch die Kosmetik- und Körperpflegebranche.1 Am häu-
figsten unter den kosmetischen Inhaltsstoffen vertreten sind Polyethy-
lenglykol (PEG), Polypropylenglykol (PPG) sowie ihre jeweiligen Ether,
zum Beispiel Laurylalkohol (Laureth-X) oder Stearylalkohol (Steareth-X).

Teil der offiziellen Bezeichnung von        Und auch BASF4 beschreibt sein Tetro-
PAGs ist eine Ziffer – sie gibt die         nic 304, einen flüssigen, wasserlöslichen
durchschnittliche Anzahl der Unter-         PEG-/PPG-Ether, mit: „Chronische
einheiten im Polymer an. PEG-40 hat         Toxizität/Wirkung […] Das Produkt
demnach 40 Untereinheiten, PEG-90M          wurde nicht getestet. Die Aussagen zur
dagegen 90.000 Untereinheiten und ist       Toxikologie wurden von Produkten mit
somit wesentlich länger. Je nach Ket-       ähnlicher Struktur und Zusammenset-
tenlänge der im Polymer enthaltenen         zung abgeleitet. […] Biologisch schlecht
Glykole (sowie der alkoholischen Kom-       abbaubar. […] Weitere ökotoxikologi-
ponenten) sind PAG-Verbindungen bei         sche Empfehlungen: Nicht unbehandelt
Raumtemperatur flüssig, wachsartig          in natürliche Gewässer einlassen. Das
oder fest.                                  Produkt wurde nicht getestet. Die Aus-
                                            sagen zur Ökotoxikologie wurden von
Kurzkettige PAGs sind als leicht bio-       Produkten mit ähnlicher Struktur und
logisch abbaubar bekannt,2 während          Zusammensetzung abgeleitet.“
langkettige PAGs mit mittlerem bis
hohem Molekulargewicht zunehmend            In Bezug auf seine gesundheitliche
persistenter und also schwerer biolo-       Verträglichkeit wird in der Datenbank
gisch abbaubar werden. Gemeinhin            Skin Deep5 empfohlen, Zusammenset-
gelten PAGs als relativ umweltverträg-      zungen mit PEGs/Ceteareth/Polyethy-
lich, jedoch lassen sich auch hier nur      lenen zu vermeiden, da diese „häufig
wenige schlüssige Daten und Informa-        mit 1,4-Dioxan kontaminiert sind,
tionen gewinnen.                            dessen Karzinogenität für den Men-
                                            schen wahrscheinlich ist.“ Auch in ei-
Im Sicherheitsdatenblatt von Syskem3        nem Forum für Naturkosmetik6 äußert
zu PPG-400 wird erst behauptet: „Die        man sich besorgt. Hier wird erläutert,
Substanz ist für Wasserorganismen           durch PEGs „verliert sie [die Haut] ihre
nicht schädlich. […] Auf der Basis von      natürliche Barrierefunktion und wird
Informationen zu ähnlichen Produkten        durchlässiger für Schadstoffe und Um-
[…] kann man davon ausgehen, dass           weltgifte, die so leichter in den Körper
die Substanz biologisch leicht abbau-       eindringen können.“ Andererseits kam
bar ist. [...] Aufgrund der relativ hohen   ein wissenschaftliches EU-Komitee
Wasserlöslichkeit ist keine Bioakkumu-      zu dem Schluss, Laureth-97 sei „von
lierung zu erwarten.“ Doch schließlich      geringer Toxizität und stellt kein Risiko
stellt sich heraus: „Diese Substanz         für die Gesundheit der Verbraucher
wurde noch nicht in Bezug auf Persis-       dar.“ Der Bericht geht jedoch in keiner
tenz, Bioakkumulation und Toxizität         Weise auf das Verhalten der Substanz
(PBT) bewertet.“                            in der Umwelt ein.
Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                    19

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PO LYALKYL E NG LYKO L E (PA Gs) U N D - ETH E R

  Bezeichnung                                              Funktion                                             Produkt-Beispiele
  auf dem Produkt                                          im Produkt                                           Welche Produkte beispielsweise
  Welche Bezeichnungen haben                               Welche Funktionen haben Poly-                        enthalten Polyalkylenglykole/-
  Polyalkylenglykole/-ether auf                            alkylenglykole/-ether in Produkten?                  ether?
  Produkten?                                               Warum sind sie enthalten?                            Wo finde ich sie ganz konkret?
  Wie erkenne ich sie?                                                                                          Eine kleine Auswahl:
                                                           Unter anderem:
  Üblicherweise (offizielle                                • Viskositätsregler                                  • Waschcreme „Regenerist
  englische INCI-Schreibweise):                            • Stabilisator                                         Reinigungscreme“ von Olaz
  • PEG-X                                                                                                         (Procter & Gamble)
                                                           • Bindemittel
  • PPG-X                                                                                                       • Waschgel „Normaderm
                                                           • Feuchthaltemittel
  • PEG-X/PPG-X                                                                                                   Reinigungsgel“ von Vichy
                                                           • Fixiermittel
  • Laureth-X                                                                                                     (L’Oréal)
                                                           • Trägersubstanz
  • Ceteareth-X                                                                                                 • Shampoo „Anti-Schuppen
  • Steareth-X                                                                                                    Shampoo A3“ von Alpecin (Dr.
                                                                                                                  Kurt Wolff)
  • Glycereth-X                                            Auswirkung                                           • Duschgel „Creme Soft
  Beispiele: PEG-200, PEG-90M,                             auf Mensch und Umwelt                                  Pflegedusche“ von Nivea
  PEG/PPG-18/18, Steareth-25                               Welche Auswirkungen haben                              (Beiersdorf)
                                                           Polyalkylenglykole/-ether auf                        • Cremebad „Hautzarte
                                                           Mensch und Umwelt?                                     Verwöhnung Mandelmilch“ von
                                                           Was ist darüber bekannt, warum                         Kneipp (Kneipp)
                                                           sollte ich sie vermeiden?
                                                           Sofern überhau pt bekannt:
                                                           • zunehmend langlebig mit steigen-
                                                             der Anzahl an Untereinheiten X
20                                                                                     V O M WA S C H BE C K EN I N S M EER

T Y PI SCHE INHALTS S T O FFE IN K O S M ET IK
PO LYTETRAFL UORETH Y L EN (P TFE, T EFL ON)

Polytetrafluorethylen (PTFE), gehört zur Gruppe der poly- und perfluo-
rierten Verbindungen (PFCs).1 Es ist vor allem durch seine Verwendung
als Antihaftbeschichtung bei Teflon-Kochgeschirr sowie als wasser-
dichte Membran in Gore-Tex-Outdoorbekleidung bekannt. Zudem wird
es unter dem Namen Dyneon für industrielle Anwendungen wie hitze-,
chemikalien- sowie flammenbeständige Beschichtungen und Geräte
eingesetzt. Früher wurde es in der Schönheitschirurgie für Brustim-
plantate genutzt – aufgrund negativer Nebenwirkungen jedoch durch
Silikon ersetzt.2 In Kosmetik- und Körperpflegeprodukten kommt PTFE
vor allem im Bereich der dekorativen Kosmetik zum Einsatz, seltener
auch in der Hautpflege.3, 4

PTFE ist ein sehr großes, persistentes    wie veränderter Immunabwehr in Ver-
synthetisches Polymer – und daher         bindung gebracht werden.8, 9 Überdies
normalerweise nicht bioverfügbar oder     gilt es als persistent in der Umwelt,
toxisch für Organismen. Als fester        bioakkumulierend in Organismen und
Plastikpartikel kann PTFE jedoch zur      sehr giftig für Wasserorganismen.9, 10, 11
Kontamination von Meeresorganismen,
einschließlich kommerziell genutzter      Unter REACH ist PFOA als besonders
Speisefische und Meeresfrüchte bei-       besorgniserregender Stoff (SVHC,
tragen.5, 6                               Substances of Very High Concern)
                                          klassifiziert.12 Derzeit besteht der
Überdies zeigen viele Studien, dass       Vorschlag, die Vermarktung und den
bei der Herstellung von PTFE andere       Einsatz von PFOA unter REACH
poly- und perfluorierte Chemikalien als   einzuschränken, wobei die maximal
Hilfsstoffe verwendet werden – und        erlaubten Konzentrationen dann
als Verunreinigung in PTFE-haltigen       immer noch zu hoch wären.13 Die
Kosmetik- und Körperpflegeprodukten       Kontamination mit PFOA ist jedoch
erhebliche Risiken für Mensch und         vermutlich nicht das einzige Problem
Umwelt bergen können.7 So auch das        beim Einsatz von PTFE in Kosmetik-
bekannte Tensid Perfluoroktansäure        und Körperpflegeprodukten. Auch
(PFOA): Es konnte beim Menschen           häufig verwendete PFOA-Ersatzstoffe
bereits mit Krebs, Störungen im Hor-      wie Adona, GenX oder EEA-NH4A14
monhaushalt, verzögerter Pubertät,        zählen zu den besorgniserregenden
gestörter Fortpflanzungsfähigkeit so-     Chemikalien.10
Z U D E N U MW E LTFOLGE N V O N MIKROKUNST ST OF F EN IN KOSMET I K- U N D KÖ RP E RP FLE G E P RO D U KTE N                                      21

STECKBR IE F
PO LYTETRAFL UORETH Y L EN (P TFE, T EFL ON)

  Bezeichnung                                              Funktion                                             Auswirkung
  auf dem Produkt                                          im Produkt                                           auf Mensch und Umwelt
  Welche Bezeichnungen hat                                 Welche Funktionen hat                                Welche Auswirkungen hat
  Polytetrafluorethylen auf                                Polytetrafluorethylen in Produkten?                  Polytetrafluorethylen auf Mensch
  Produkten?                                               Warum ist es enthalten?                              und Umwelt?
  Wie erkenne ich es?                                                                                           Was ist darüber bekannt, warum
                                                           Unter anderem:
                                                                                                                sollte ich es vermeiden?
  Üblicherweise (offizielle                                • Füllstoff
  englische INCI-Schreibweise):                            • Hitzeschutz                                        Sofern überhaupt bekannt:
  • PTFE                                                                                                        • langlebig (nicht oder nur
                                                           • Trennmittel
  • Polytetrafluorethylene                                                                                        schwer biologisch abbaubar)
                                                           • Bindemittel
                                                                                                                • als Plastikpartikel in Meeres-
                                                           • Conditioner
                                                                                                                  tieren, darunter Kabeljau
                                                                                                                Außerdem:
  Produkt-Beispiele                                                                                             • mögliche Verunreinigung mit
                                                                                                                  schädlicher Perfluoroktansäure
  Welche Produkte beispielsweise enthalten Polytetrafluorethylen?                                                 (PFOA):
  Wo finde ich es ganz konkret?                                                                                   – karzinogen (krebsauslösend)
  Eine kleine Auswahl:                                                                                            – hormonaktiv (Störung
  • Gesichtspuder „Loose Face Powder“ von The Body Shop (L’Oréal)                                                   des Hormonhaushalts)
  • Lidschatten „Quattro Exeshadow“ von Essence (Cosnova)                                                         – reproduktionstoxisch
  • Lippenkonturenstift „Lipliner Red Blush“ von Essence (Cosnova)                                                  (Beeinträchtigung der
  • Anti-Aging Tagescreme „Skin Active Miracle Skin Cream“ von Garnier                                              Fortpflanzungsfähigkeit)
    (L’Oréal)                                                                                                     – immunotoxisch (Störung
                                                                                                                    des Immunsystems)
22                                                                                     V O M WA S C H BE C K EN I N S M EER

T Y PI SCHE INHALTS S T O FFE IN K O S M ET IK
PO LYQ UATE RNIUM (P Q )

Es gibt derzeit über 40 verschiedene Polyquaternium (PQ)-Verbindun-
gen,1 die sich üblicherweise in Kosmetik- und Körperpflegeprodukten
finden. PQ wird insbesondere aufgrund seiner filmbildenden und anti-
statischen Eigenschaften verwendet – und ersetzt nicht selten Silikone,
weshalb es in immer wieder neuen Varianten auf den Markt kommt.

In Studien zu PQ aus Kosmetik- und         ben,2 und auch PQ-11 ist als „sehr
Körperpflegeprodukten in Gewässern         giftig für die Wasserumwelt“ klassifi-
werden Vertreter dieser Stoffgruppe        ziert.8 Zudem ist es „nicht leicht biolo-
charakterisiert als „besorgniserregende    gisch abbaubar“ und somit persistent.2
Chemikalien im Abwasser von Kläran-        Trotz dieser Eigenschaften kommt PQ
lagen, was überwiegend auf zuneh-          In einer Vielzahl von Kosmetik- und
menden Beweisen der Toxizität für          Körperpflegeprodukten zum Einsatz.
Wasserorganismen beruht“. Dort wird
auch betont, dass „jedoch wenig über       Oft wird angenommen, dass PQ-Ver-
ihren Verbleib und ihr Verhalten in der    bindungen, die nicht schnell biolo-
Umwelt bekannt“ ist.2, 3                   gisch abgebaut werden, tendenziell
                                           leicht an Oberflächen adsorbieren
Die spärlichen Informationen, die          und sich deshalb im Klärschlamm
tatsächlich verfügbar sind, verheißen      anreichern, der dann entsorgt wird.9
jedoch nichts Gutes. So beschreibt         Es ist jedoch davon auszugehen,
das Sicherheitsdatenblatt von BASF4        dass selbst technisch ausgeklügel-
PQ-16 als „sehr giftig für Wasseror-       te Kläranlagen nicht imstande sind,
ganismen/kann langfristig schädliche       Polyquaternium vollständig aus dem
Auswirkungen auf Gewässer haben“           Abwasser zu entfernen (siehe Kapitel
und ist „nicht leicht biologisch ab-       „Synthetische Polymere in Kläranla-
baubar.“ Auch PQ-7 gilt als „giftig für    gen”). Insbesondere bei Stoffen, die
Wasserorganismen mit langfristigen         nicht nur persistent, sondern auch
Auswirkungen“5, ist laut CIR-Gremium       nachweislich giftig für Wasserorganis-
jedoch „für den Einsatz in kosmeti-        men sind, sollte das Risiko einer Frei-
schen Formulierungen sicher“.6, 7 PQ-      setzung in die Umwelt von vornherein
10 wird ebenfalls als „giftig“ beschrie-   aktiv ausgeschlossen werden.
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