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FORSCHUNG
6 23/2010/1
Maya Götz
Was nebenbei noch
so hängen bleibt
Oder die Frage, wie Menschen vom Fernsehen lernen, ohne es zu merken
Es ist hinlänglich bewiesen, dass hen Mittelalter, um symbolisch die Was antworten Kinder auf diese Fra
Kinder und Jugendliche vom »Munt«, also die Herrschaft über die ge? Eine repräsentative Befragung
Fernsehen lernen, Förderliches Tochter an den Ehemann weiterzuge unter 6- bis 12-Jährigen2 ergab, dass
und auch so manches, was nicht ben.1 Ab dem 14. Jahrhundert setzte rund die Hälfte der Kinder der Mei
unproblematisch ist. Vieles davon sich dann in vielen europäischen Län nung ist, »der Vater« führe die Braut
kann explizit abgefragt werden und dern praktisch durch, dass sich Braut zum Altar, etwa 30 % wissen es nicht
die Lernprozesse werden bewusst und Bräutigam vor der Kirche trafen, und nur rund 15 % antworten »der
wahrgenommen. Anderes findet in dort ein Teil der Zeremonie stattfand Bräutigam«. Je älter die Kinder wer
Prozessen statt, die dem Bewusst- und die beiden dann gemeinsam zur den, desto häufiger meinen sie, es sei
sein zumindest nicht direkt zugäng- Hochzeitsmesse in die Kirche gingen der Brautvater, besonders die Mäd
lich sind. Dieser Artikel versucht (Shahar 1981, S. 86). In der heutigen chen. Während es mit 6 bis 7 Jahren
anhand eingängiger Beispiele und Zeit ist der Ablauf der Heiratszere noch 30 % sind, sind es mit 8 bis
spielerischer Metaphern zentrale monie sicherlich im Einzelfall ver 9 Jahren bereits 51 % und mit 10 bis
Phänomene nachzuzeichnen. handelbar. Eine informelle Umfrage 12 Jahren 60 %, die den Brautvater
unter 20 Pfarreien ergab, dass es hier als traditionell Deutsch angeben (vgl.
L
zulande nach wie vor nur in einigen Abb. 1).
assen Sie mich mit einer di wenigen Gemeinden üblich ist, dass Wie kommt es, dass sich hier vie
rekten Frage anfangen: Wie der Brautvater die Braut zum Altar le Menschen so sicher sind, obwohl
geht die Braut in Deutschland führt. Traditionell treten Mann und es nicht der hiesigen Tradition ent
traditionell zum Altar? Frau gemeinsam vor Gott, um das spricht? Zu einem vermutlich nicht
Um die Frage zu beantworten, stel Ehegelöbnis abzulegen. Dennoch ist geringen Teil sind es die Bilder aus
len Sie sich jetzt vermutlich ein Bild in der Imagination vieler Erwachse Filmen aus dem angloamerikani
vor – richtig? Sie sehen vor Ihrem ner (z. B. bei der IZI-Tagung 2009) schen Raum. In Großbritannien, den
inneren Auge ein Brautpaar und eine das Bild vom Brautvater, der die USA und Kanada wartet der Bräu
Kirche – richtig? Schauen Sie sich Braut zum Altar führt, als »traditio tigam traditionell mit Trauzeugen
doch einmal diese innere Repräsen nell Deutsch« präsent. und Brautjungfern am Altar und der
tation genauer an. Wie geht die Brautvater bringt ihm die Braut
Braut zum Altar? Vermutlich an die Seite. Durch die Domi
werden Sie sagen: »In Weiß.« nanz des angloamerikanischen
– Richtig. Vielleicht hören Sie Films in unserem Kino- und
einige Töne einer bestimmten Fernsehangebot übernehmen
Melodie? Den sogenannten Kinder dieses Bild. Da für
Hochzeitsmarsch bzw. »Treu Mädchen mit zunehmendem
lich geführt« aus Wagners Oper Alter romantische (US-ame
Lohengrin – richtig. Wer geht rikanische) Filme besonders
neben der Braut? Der Vater? bedeutsam werden, steigt hier
Nein, eigentlich nicht. Tradi die Zahl so deutlich an. Ein ty
tionell geht in Deutschland der pisches Beispiel des Lernens,
Vater nicht neben der Braut. Abb. 1: Befragung unter Kindern und Jugendlichen: »Wer ohne es zu merken. Zwar kön
Es gab diese Tradition im frü führt die Braut zum Altar?« nen wir mit den derzeitigenFORSCHUNG
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wissenschaftlichen Methoden nicht wenn es für den Menschen bedeutsam ten Studenten, die früh und zum Teil
wirklich verlässlich nachweisen, was ist, kann in die innere Repräsenta viel zu früh den Film Der Weiße Hai
hier stattfindet, die folgenden Deu tion eingehen. Diese Bedeutsamkeit gesehen haben. Ein Proband berich
tungsmuster aus aktuellen Ansätzen kann durch verschiedenste Momente tete in einer Studie zum Thema Angst
aus der Psychologie und den Kommu der Mensch-Medien-Beziehung her vor dem Fernseher (Holler/Bachmann
nikationswissenschaften sowie einige gestellt werden. Das Bild des Braut 2009), er habe den Film mit 6 Jahren
IZI-Studien sollen dem Thema jedoch vaters beispielsweise steht oftmals gesehen. Es geschah aus Versehen,
etwas auf den Grund gehen. im dramaturgischen Höhepunkt von denn »Opa dachte halt, das sei ein
Filmen. Sind die RezipientInnen mit Tierfilm«. Noch heute mit 24 Jah
der Handlung mitgegangen und ha ren hat er Angst vor undurchsichti
Unser Wissen in
ben sie sich empathisch eingefühlt gen Gewässern, obwohl er ein guter
inneren Bildern
und mit der Heldin oder dem Helden Schwimmer ist. Zumindest ein Teil
Ein großer Teil unseres Wissens sind mitgefühlt, wird diese Szene u. U. zur dieses inneren Bildes ist durch den
Formen der inneren Repräsentation. positiven Erfüllung der Hoffnung und Film geprägt. In einer dramaturgisch
Zumindest auf die bewusst zugäng der eigenen Gefühle. gut eingebetteten Schlüsselszene ist
lichen können wir durch Evozierung eine lange Kamerafahrt unter Was
zugreifen. Um die Frage »Wie geht ser zu sehen. Fast 20 Sekunden lang
© PIXELIO/Rita Köhler
die Braut traditionell zum Altar?« zu baut sich dadurch Spannung auf, dass
beantworten, kann der Mensch diese die Zuschauer dem imaginären Blick
inneren Repräsentationen »hoch eines Hais auf der Suche nach Beute
holen«. Wie das abgespeicherte Wis folgen. Die Musik wird langsam lau
sen und die Abläufe bei der Evozie ter und präsenter. Dann: Umschnitt
rung beschrieben werden, ist u. a. auf die Badegäste am Strand, Schreie,
vom wissenschaftlichen Hintergrund blutrote Wasserfontänen und an die
des Beschreibenden abhängig. Eine Oberfläche kommt ein riesiger Hai
etablierte, wenn auch etwas meta mit einer zunehmend zerfleischten
phorische Beschreibung ist die der Frau. Diese emotionalisierte Szene
inneren Bilder (Hüther 2009; Klemm knüpft an tieferliegende Ängste der
2003a, 2003b). Aufbauend auf einem Hilflosigkeit im Wasser an, an die
Erlebnis bilden die Menschen die dunkle, unerkannte und damit un
se inneren Repräsentationen, eine ausweichliche Gefahr jenseits des
Art visuelle Vorstellungen, die vor Sichtbaren, der der schutzlose, fast
dem inneren Auge betrachtet werden Menschen produzieren innere Bilder. In ihnen nackte Körper ausgesetzt ist. Was
können und verschiedene Wahrneh sind Erfahrungen mit verschiedenen Wahr- hier passieren kann, ist eine Form
nehmungsqualitäten gespeichert, in Episoden
mungsqualitäten aufweisen (visu verpackt und mit Gefühlen verbunden der medialen Traumatisierung. Diese
ell, akustisch, olfaktorisch, haptisch Angst ist zwar keine wirkliche To
und geschmacklich). Sie sind meist desangst, denn Medienerlebnisse sind
mit einer Handlungsepisode kombi Lernen durch emotional besondere parasoziale Erlebnisse (Horton/Wohl
niert und mit Gefühlen (emotiona Fernseherlebnisse 1956), dennoch bietet die Loslösung
le Marker) verbunden. Ab ca. dem Menschen lernen aus emotional be vom direkten Handlungszwang und
4. Lebensjahr kommen Worte zu den deutsamen Erlebnissen besonders gut Leidensdruck – schließlich werden wir
Bildern hinzu. Dieses so gespeicherte (u. a. Roth 2003, S. 303). Fernsehen nicht wirklich vom Hai attackiert –
Konglomerat ist in seinen einzelnen bietet viele solcher emotionalen Mo einen spezifischen Erfahrungsraum,
Momenten amodal verknüpft. So ist mente und kann entsprechend wirk in den sich Zuschauende wie in ein
es z. B. auf das Wort »Provence« nicht sam werden. Rollenspiel eindenken und mitfühlen
nur möglich, sich violette Felder vor Noch ein Beispiel: Stellen Sie sich bzw. sich hineinprojizieren können. In
zustellen, sondern sie zu riechen, den vor, es ist Sommer. Sie schwimmen in diesem Sinne kann auch ein Fernseh
warmen Wind zu spüren etc. Dieses einem See. Hören Sie auch manchmal erlebnis – wenn wahrscheinlich auch
imaginär »ganzheitliche« Empfinden die Töne der Musik des Films Der nur in seltenen Ausnahmefällen – ein
kann dabei auf einem realen Besuch Weiße Hai? Schauen Sie sich nach für ein Trauma typisches Diskrepanz
in der Provence begründet sein oder einer großen Rückenflosse an der erleben auslösen. Der bedrohlichen
auch nur auf einer starken Imagina Wasseroberfläche um oder sehen Sie Situation stehen keine individuellen
tion z. B. durch Erzählungen, Bilder, sich selbst in der Unterwasseransicht? Bewältigungsmöglichkeiten gegen
ein Lavendelkissen etc. Fernsehen, Dann geht es Ihnen wie den befrag über und es dominiert das Gefühl vonFORSCHUNG
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intensiver Furcht, Hilflosigkeit und Bräutigam, der ihr erwartungsvoll jetzt schwer macht. Sie fühlt sich in
schutzloser Preisgabe. Es wäre ge entgegenblickt, der sie jetzt quasi ihren Möglichkeiten eingeschränkt,
genüber den schrecklichen Dingen, neu und in einer anderen Rolle sieht. möchte aktiv, sportlich und hand
die Menschen widerfahren können, Eine Inszenierung von Bewunderung, lungsorientiert sein, ohne Streitereien
unangemessen, den Begriff Trauma tief empfundener Liebe, Verheißung unter Mädchen. Wie das gehen soll,
überzustrapazieren. Dennoch kann und nicht zuletzt Begehren. Hinzu konnte sie sich früher nicht vorstellen.
es – wie gesagt in absoluten Ausnah kommen die bewundernden Blicke In ihrer eigenen Identitätsentwick
mefällen – durch unerwartete, völlig der Freundinnen (Brautjungfern), der lung kann sie aber einen Moment
überfordernde Bilder und Szenen, besten Freunde (Trauzeugen), der Fa ausmachen, der alles verändert hat:
die mit besonders starker Furcht und milie und der Gemeinde, die in der Als sie den Film Die Wilden Kerle
Grauen erlebt werden, auch durch Kirche für ihren Einmarsch anerken gesehen hat.
ein Fernseherlebnis zu einer dauer nend aufsteht, und noch vieles mehr, »Und dann hat mir der Film gesagt, in
haften Erschütterung des Selbst- und was dicht an bekannte und kritisierte mir steckt noch was Besseres drin …
Welterlebens kommen. Diese Rezep Phänomene weiblicher Sozialisation Da war nämlich auch ein Mädchen,
tionserfahrungen können vorhandene anschließt (zusammenfassend bei die war zuvor immer total schüchtern
innere Repräsentationen überlagern Rendtorff 2003; Kühnl/Schultheis und so, und das war ich auch.«
bzw. erweitern. Das Ergebnis: Selbst 2010). Trotz oder gerade auch paral Für Leonie war der Film wie ein
mit dem verlässlichen Wissen, dass lel und ergänzend zum Erleben von Heureka-Erlebnis, ein Erkenntnis
in deutschen Süßwasserseen keine Kompetenz und Eigenständigkeit von moment, in dem sie eine Perspektive
Haie leben, kommt das Bild der Un Frauen heute ist es attraktiv, sich die für sich und ihre Suche erkannte: die
terwasserkamerafahrt auf die Beine sen Fantasien zumindest kurzzeitig Filmfigur Vanessa. Das Kinoerlebnis
gelegentlich wieder »hoch«. im Freiraum einer fiktionalen Film war für sie das Schlüsselerlebnis, in
geschichte »hinzugeben«. Insofern ist dem sie sich wiedererkannte und eine
Lernen durch emotional starke es nicht nur eine Frage der Genre Perspektive für ihre Selbstkonstruk
Bilder und Sequenzen vorlieben, dass Mädchen sich mit tion entwickelte. Ein Mädchen, das
Bilder, die sich so in die Memorie zunehmendem Alter sicherer sind, seine Wildheit auslebt, sich beweist,
rung »einbrennen«, lassen sich zu dass es der Vater ist, der die Braut verantwortlich und anerkannt ist und
Recht als starke Bilder bzw. Sequen zum Altar führt. Diese Vorstellung nur noch mit Jungen spielt. Dieses
zen bezeichnen. Sie zeichnen sich bei knüpft an Werte und Orientierungen Kinoerlebnis verändert Leonie: Im
fiktionalen Stoffen aus durch an, die tief in ihrem »Doing Gender« darauffolgenden Sommer gibt sie sich
a) ihre narrative Einbindung, die sie liegen, symbolisiert Dinge, die kaum ebenfalls nur mit Jungen ab, schneidet
durch den Kontext emotionalisiert, auszusprechen sind, und gibt ihnen ihre Haare kurz und zieht sich wie ein
b) eine emotional prägnante Inszenie Bilder von dem, was richtig und er
rung, die eine Involvierung nahelegt strebenswert ist.3
und
c) ihre prägnante Symbolisierung, in Lernen durch Identitätsangebote
der sie Wünsche und Erfahrungen, und Lesarten
Hoffnungen und Ängste der Men Fernsehen und Film können dabei
schen widerspiegeln und ihnen eine nachhaltig zum Teil des Selbstbildes
spezifische Repräsentation geben. werden. Ein Fallbeispiel aus einer
Das Bild des Einmarschs der Braut Studie zur Bedeutung von Medienfi
im angloamerikanischen Film ist guren im Rahmen der Identitätsent
z. B. mehr als nur der Höhepunkt der wicklung von Mädchen und Jungen:
Geschichte. Aus der Perspektive der Leonie, 10 Jahre, wird eine Assozia
Frau steht der geleitende Brautvater tionskarte vorgelegt, auf der »Mäd
auch für Wertschätzung und Aner chen-Sein« steht. Frei und spontan
kennung durch den Vater. Sie ist nun erzählt sie: »Das mag ich eigentlich
nicht mehr »sein kleines Mädchen«, manchmal überhaupt nicht.« Schon
sondern er erkennt symbolisch ihre seit Jahren hadert sie mit ihrem eige
Selbstständigkeit und den erotischen nen Mädchen-Sein. Sie möchte kein
Partner an, was gerade für den Va »typisches Mädchen« sein, schon gar
ter oft eine krisenhafte Erfahrung nicht so, wie die ehemalige »Freun
ist (Flaake 2003). Es ist aber nicht din«, die sie verraten hat und ihr das
nur der Brautvater, sondern auch der Leben in der NachbarschaftscliqueFORSCHUNG
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Junge an. Der Film gibt ihr die Ori rungswelten aufgreift. Mädchen sind gerechtigkeit, Versagen, Gemein
entierung, nach der sie gesucht hat. in ihrer Kommunikation mit anderen schaftsbildung, Individualität, dem
Bei genauerem Hinsehen wird im In auch manchmal widerständig. Sie ha Umgang mit unhaltbaren Idolbildern
terview aber auch deutlich, dass ihre ben in ihrer geschlechterspezifischen usw. Damit legt er bestimmte Lesar
Deutungsmuster davon, »wie Jungs Sozialisation gelernt, ihre aggressiven ten (vgl. Hall 1992) des Inhalts nahe,
sind«, und vor allem »wie Mädchen Impulse nicht durch körperliche Kab d. h. verschiedene Menschen werden
sind«, sehr dicht, zum Teil wortwört beleien oder im Wettkampf, sondern ihn verschieden verstehen, es wird
lich aus dem Film übernommen sind. eher verbal und auf der psychischen aber eine Interpretation vorzugswei
Hierzu gehört auch, dass Mädchen Ebene auszutragen. Dies deuten wir se nahegelegt: Junge-Sein ist etwas
eigentlich nur dann wirklich gut und gesellschaftlich als »zickig«. Insofern Tolles und bedeutet Freundschaft,
cool sind, wenn sie sich an die Jungs stellt der Film dies nur etwas stereo Abenteuer, Wettkampf, Herausfor
anpassen. Jungen hingegen dürfen typisiert und überzogen dar. Auch die derung etc. Dies sind Momente, die
sich auf gar keinen Fall Mädchen Farbe Rosa ist die kollektiv akzep für Leonie ausgesprochen attraktiv
annähern. tierte Farbe für Mädchen, die genutzt sind, die sie aber dauerhaft in Konflikt
Der Film bzw. die Filmreihe Die Wil wird, um sie eindeutig als »nicht Jun mit ihrer eigenen Geschlechtlichkeit
den Kerle zelebriert das Junge-Sein. ge« zu kennzeichnen. Setzt der Film führen werden. Letztendlich ist sie ein
Dazu gehört neben Fußball und Zwei die Farbe Rosa zur Kennzeichnung Mädchen und leidet ja auch gerade
radfahren besonders auch die Abgren von Mädchen-Sein und Weiblichkeit unter der zu engen Geschlechterde
zung vom Mädchen-Sein. Mädchen überzogen ein, dann liegt das nicht finition.
werden dabei über-stereotypisiert jenseits der Realität. Er lässt nur Auf das Bild mit den inneren Bil
und vor allem im ersten Film nur auf einfach aus, dass die »rosa Phase« dern übertragen wird durch den Film
ihre Vorliebe fürs »Zurechtmachen« von Mädchen meist vor dem Grund bereits vorhandenes, sozusagen war
reduziert. Mädchen sind zickig, an schulalter liegt und es viele Mädchen tendes Wissen aktiviert und kommt
stellig und höchstens zum Zujubeln gibt, die Rosa nicht mögen. Der Film in Bewegung, und zwar in potenziell
der »richtigen Kerle« geeignet. Kenn stereotypisiert, überzieht und stellt angelegte Bahnen. Andere innere,
zeichen des Mädchen-Seins ist die vereinfacht dar. Dennoch greift er bisher wartende Bilder schließen sich
Farbe Rosa, die für Jungen, die rich gemeinsam getragenes Wissen auf, ihm an und es entsteht der Eindruck:
tige Jungen sein wollen, unbedingt zu was den Film in seiner Handlung für »Ja, genau so ist es.«
vermeiden ist.
So positiv und wichtig es für Leonie
war, endlich die Symbolisierung eines
aktionsbetonteren Mädchen-Seins ge
funden zu haben, so schwierig wird
es nun, sich selbst als Mädchen mit
ihren eigenen Identitätsfacetten zu in
tegrieren. Eigentlich lackiert sie sich
gerne die Nägel und benutzt auch mal
Haarspray etc., aber genau das passt
jetzt nicht mehr und bringt sie letzt
endlich in die nächste Identitätskrise.
Denn es ist eben nicht nur die Figur
Vanessa, die sie übernimmt, sondern Vorhandenes Wissen wird aktiviert und die neuen Bilder werden besonders dann gut übernom-
auch die stereotypen Deutungsmus men, wenn sie den bisherigen »sitzenden« Informationen ähneln bzw. ein Anschluss (gemeinsames
Marschieren, Bahnung typischer Pfade) möglich ist
ter von Mädchen- und Junge-Sein.
Im Bild der Karten: Heureka kommt
selten allein. Leonie überhaupt erst glaubhaft und Mit dem aktivierten Wissen werden
Aber warum funktioniert dieser Me humorvoll macht. dann eventuell Kategorien gebildet,
chanismus der Stereotypisierung Auf der Basis dieses gemeinsam wie Schachteln oder Dateien, und mit
selbst bei einem so reflektierten geteilten Wissens (Mädchen sind zi einer Überschrift versehen. Leonie
und selbstbewussten Mädchen wie ckig, auf ihr Äußeres fokussiert, lie bildete mit dem Film sozusagen die
Leonie, die es doch eigentlich besser ben Rosa etc.) erzählt der Film aus Schachteln »So sind Mädchen« und
wissen müsste? einer klar geschlechterspezifischen »So sind Jungen«. Die Kennzeich
Zunächst »funktioniert« der Film so Perspektive – nämlich aus der von nung von Menschen findet unter der
gut, weil er bereits vorhandene Erfah Jungen – die Geschichte von Un Oberkategorie »Geschlecht« statt, dieFORSCHUNG
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enten kommen kann. Beim Product
Placement fördert allein die mehrfa
che, unauffällige Präsentation eines
Logos die positivere Einstellung zur
Marke. Dies passiert insbesondere
dann, wenn das Placement mehrfach
unauffällig dargeboten wird, die Zu
schauer den Beitrag aufmerksam und
interessiert verfolgen und die Beein
flussung nicht bemerken (Schemer/
Matthes/Wirth 2007). Der vermutete
Grund hinter derartigen Effekten: Je
öfter ein Reiz verarbeitet wird, desto
besser wird die Bahnung im implizi
ten Gedächtnis, was wiederum dazu
führt, dass die Verarbeitung leichter
und flüssiger wird. Das Bekannte ist
Medien bieten Kategorisierungen, hier die Bilder vom Junge-Sein und typischen Mädchen-Sein uns sympathischer, es sei denn, wir
haben es als problematisch eingestuft.
sich in 2 polarisierte und aus Leonies Mal gesehen, gelesen oder gehört,
Perspektive hierarchisierte Gruppen beurteilen Menschen sie als wahrer Lernen durch den kommunikativen
(Jungen besser, Mädchen nicht so und glaubwürdiger als beim ersten Umgang mit dem Medieninhalt im
gut) teilen. Dieses so gebildete und Mal. Wir halten eine zweimal gehörte Alltag
abgespeicherte Wissen war dann im Information sogar oft für wahrer als Natürlich ist es nie nur der Medien
Interview leicht abrufbar. Auf die eine andere, dieser widersprüchlichen text, der die inneren Bilder prägt,
Assoziationskarte »Mädchen-Sein« Information (zusammengefasst u. a. sondern vor allem die individuelle
zitiert Leonie dann nahezu wortwört bei Dechêne et al. 2010). Durch die Perspektive und der soziale Kontext
lich den Film und ist sich auch sicher, häufige und immer wieder ähnliche des Individuums. Gerade in der An
dass Mädchen so und Jungs so sind. Repräsentation haben Informationen eignung von Medieninhalten kann
Das heißt, Fernsehen, wenn es in die eine größere Chance, für unseren dies hoch bedeutsam sein. Medien
Sinnperspektive der Menschen passt, Wissensaufbau bedeutsam zu wer entfalten ihre Bedeutung in manchen
kann Erfahrungen bündeln und kate den. Bestimmte Darstellungsformen Fällen erst in der Kommunikation mit
gorisieren. Diese Kategorien gehen und Bedeutungssetzungen werden so anderen. Die Castingshows Deutsch
dann ins Weltwissen ein. kultiviert und für uns schnell selbst land sucht den Superstar (DSDS) und
verständlich, d. h. sie werden im All Germany´s Next Topmodel (GNTM)
Lernen durch die Anhäufung tag nicht mehr hinterfragt. Einmal werden beispielsweise häufig in der
ähnlicher Repräsentationen erworbene innere Bilder sind gewis Familie gesehen und schon während
Innere Repräsentationen können sermaßen widerständig gegen Infra der Rezeption wird über die Inhalte
durch ein einziges Medienerlebnis gestellung und Veränderung. Einmal gesprochen. Am nächsten Tag sind
geprägt sein, häufig sind es aber auch da, schlagen sie sozu
wiederkehrende Momente in den Me sagen Wurzeln. Diese
dienrepräsentationen, die unser Welt Prozesse können sogar
wissen prägen. Weil »immer wieder« jenseits unserer be
im Film der Vater die Braut zum Altar wussten Wissensauf
führt, scheint dies der Normalfall zu nahme stattfinden. Der
sein. Manchmal kultiviert uns schon sogenannte »MME«
allein die Häufigkeit, mit der bestimm (Mere-Exposure-Ef
te Dinge gezeigt und erzählt werden. fekt) z. B. weist nach,
Diese Prozesse sind nicht immer den dass es allein durch die
bewussten Teilen unseres Gedächt mehrfache Darbietung
nisses zugänglich, sondern sind im von Personen, Situa
impliziten Bereich gespeichert. Nach tionen oder Dingen zu
zuweisen ist z. B. der »Truth-Effekt«: einer positiveren Ein Durch die Häufung und Wiederkehr des immer wieder Ähnlichen
Wird eine Information ein zweites stellung beim Rezipi erscheint es uns glaubhafter und positiverFORSCHUNG
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sie das Thema Nr. 1 in der Schule. dig, eigenwillig, interpretieren um, Götz, Maya: Begeisterung bei den Kindern, Be
sorgnis bei den Eltern. In: TelevIZIon, 12/1999/2,
Über DSDS z. B. reden 82 % der 9- sind aber auch anfällig und überneh S. 54-63.
bis 19-Jährigen am nächsten Tag auf men Dinge in ihre inneren Bilder, die Götz, Maya; Cada, Julia: Die Creme von Lillifee
dem Schulhof. Inhaltlich geht es u. a. die Sicht auf sich und die Welt ver »riecht nach Rosa«. In: TelevIZIon, 22/2009/2,
S. 30-35.
darum, »wer sich blamiert hat, wer zerren. Insbesondere im Bereich des
Hall, Stuart: Encoding/Decoding. In: Centre for
gut war, wer es verdient hat weiter Kinder- und Jugendfernsehens haben Contemporary Cultural Studies (Hrsg.): Culture,
zukommen und wer nicht« (Mädchen, Medienschaffende hier eine nicht zu media, language. London: Routledge 1992, S. 128-
16, Realschule). In dieser Kommu 138.
unterschätzende Verantwortung. Vie
Holler, Andrea; Bachmann, Sabrina: »Albträume
nikation werden Werte abgeglichen les sehen die jungen Zuschauenden hatte ich lange«. Wo gemeinsames Fernsehen über
und Identitäts- und Selbstinszenie das erste Mal im Fernsehen und das fordert. In: TelevIZIon, 22/2009/1, S. 44-47.
rungsmomente unter den Freunden kann prägend sein. Qualität heißt hier Horton, Donald; Wohl, Richard: Mass communica
diskutiert. Gerade bei den Jüngeren tion and para-social interaction: Observations on
vor allem Reflexion darüber, welche intimacy at a distance. In: Psychiatry, 19/1956/3,
ist es durchaus üblich, Teile aus den Bilder, Informationen und Geschich S. 215-29.
Castingshows nachzuspielen. Sie sin ten Kinder und Jugendliche in ihrer Hüther, Gerald: Männer – Das schwache Geschlecht
gen allein vor dem Spiegel Lieder, Entwicklung fördern, ihnen helfen, und sein Gehirn. Göttingen: Vandenhoeck & Rup
recht 2009.
machen Gesangscontests oder spie sich selbst und ihre Umwelt zu ver
Klemm, Ruth E.: Die Kraft der inneren Bilder. Ent
len Catwalk auf Kindergeburtstagen stehen und die sie bei der Gestaltung stehung, Ausdruck und therapeutisches Potential.
(s. Götz/Gather in diesem Heft). Die ihrer Lebenswelt und Zukunft pro Basel: Schwabe 2003a.
anhand der Sendung aufgebauten in duktiv unterstützen. Klemm, Ruth E.: The formation of inner pictures –
an overview. In: TelevIZIon, 16/2003b/1, S. 6-10.
neren Bilder werden so weiter ausdif
Kühnl, Iris; Schultheis, Klaudia: Mädchenforschung
ferenziert und vor allem gewertet und – aktuelle Ergebnisse, Desiderata, Probleme. In:
mit anderen abgeglichen. ANMERKUNGEN Matzner, Michael; Wyrobnik, Irit (Hrsg.): Handbuch
Mädchen-Pädagogik. Weinheim und Basel: Beltz
1
In merowingischer und fränkischer Zeit war die 2010, S. 376-389.
vorherrschende Eheform die Muntehe. In ihr wurde Rendtorff, Barbara: Kindheit, Jugend und Ge
die Munt – im Sinne von Herrschaft – durch den schlecht. Einführung in die Psychologie der Ge
Vater an den Ehemann übergeben. Dafür wurde schlechter. Weinheim: Beltz 2003.
vom Bräutigam ein Muntgeld übergeben (Wett Roth, Gerhard: Fühlen, Denken, Handeln. Wie das
laufer 1999, S. 86). Die zeremonielle Übergabe Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt: Suhr
der Braut gegen Übergabe des Brautschatzes wird kamp 2003.
vielfach als der Ursprung der sich später ent
wickelnden Trauungshandlung gesehen. In einer Schemer, Christian: Wem Medienschönheiten scha
Übersetzung des Uplandslagen (1296) heißt es: den. Die differenzielle Anfälligkeit für negative Wir
»… alsdann präsentierte der Vater sein Tochter kungen attraktiver Werbemodels auf das Körperbild
dem Werber mit solchen Worten ›Ich gib dir hiermit junger Frauen. In: Zeitschrift für Medienpsycholo
mein Tochter zu ehren zu deinem ehelichen Weib gie, 19/2007/2, S. 58-67.
Lernen mit Medien findet im sozialen Kontext auff mitten des schlaffbeths zu Thüren und schüs Schemer, Christian; Matthes, Jörg; Wirth, Werner:
statt und wird im Alltag verhandelt seln zu allem dritten Gelt zu besitzen in fahrenden Werbewirkung ohne Erinnerungseffekte? – Eine ex
und ligenden Gütern und zu aller gerechtigkeit.‹« perimentelle Studie zum Mere Exposure-Effekt bei
(Carlsson 1965, S. 255) Product Placements. In: Zeitschrift für Medienpsy
2
Befragung n= 731 (6-12 Jahre) in der iconkids & chologie, 19/2007/1, S. 2-12.
Fazit youth Mehrthemenumfrage, Oktober bis November Shahar, Shulamith: Die Frau im Mittelalter. König
2009, im Auftrag des IZI stein/Ts.: Äthenäum 1981.
Menschen lernen vom Fernsehen, be 3
Der Eingang von Fernsehinhalten in die inneren
Wettlaufer, Jörg: Das Herrenrecht der ersten Nacht.
Bilder ist dabei nicht auf emotionalisierte fiktion
wusst oder ohne es zu merken. Die Bil ale Fernsehmomente begrenzt. Sie finden sich auch
Hochzeiten, Herrschaft und Heiratszins im Mittelal
ter und in der frühen Neuzeit. Frankfurt/New York:
der, Szenen und Deutungsmuster gehen bei non-fiktionalen Formaten, die durch gelun
Campus 1999.
gene Bilder und Szenen, die den Zuschauenden
in unsere inneren Bilder ein. Wir lernen prägnante Erkenntnisse bringen, vor allem die Cards by Hansi Helle
durch die emotionalen und kognitiven Kognition ansprechen (s. Schlote in diesem Heft)
Erlebnisse beim Fernsehen, steigen in
die Rezeptionsräume ein und nehmen
Identitätsangebote auf. Es entstehen LITERATUR
innere Repräsentationen davon, wie Carlsson, Lizzie: »Jag giver dig min dotter«. Trolov DIE AUTORIN
etwas richtig und normal ist. Fernse ning och ätkenskap i den svenska kvinnans äldre his
hen liefert neue Bilder, differenziert toria, 2. Bde. Rätthistoriskt Bibliotek/Skrifter utgivna
av institut för rättshistorikt Forskning, Ser. 1, Bd. 8, Maya Götz, Dr.
sie aus, kann kategorisieren, fokus 20. Stockholm: Nordiska bokhandeln 1965/1972. phil., ist Leiterin
sieren, kann deuten, macht Dinge Dechêne, Alice; Stahl, Christoph; Hansen, Jochim; des IZI und des
kommunizierbar und eben auch ver Wänke, Michaela: The truth about the truth: A meta-
PRIX JEUNESSE
analytic review of the truth effect. In: Personality and
handelbar. Natürlich sind es immer Social Psychology Review, 14/2010/2, S. 238-257. I N T E R N AT I O
die Menschen, die etwas aufnehmen Flaake, Karin: Weibliche Adoleszenz: Zur Sozialisa NAL, München.
oder ignorieren. Sie sind widerstän tion junger Frauen. Weinheim: Beltz 2003.Sie können auch lesen