Wer war Charles Darwin? - Prof. Dr. Franz M. Wuketits (Wien)

Die Seite wird erstellt Lina Meier
 
WEITER LESEN
Wer war Charles Darwin? - Prof. Dr. Franz M. Wuketits (Wien)
Prof. Dr. Franz M. Wuketits (Wien)
                           Wer war Charles Darwin?
               Zur Aufklärung über einen Menschen und sein Werk

Gleich vorweg: Darwin war nicht der Ent-        schied zwischen einem Prozess und einer
decker der Evolution und auch nicht der,        Theorie sollten sich die Pisa-Tester2 ein-
der behauptete, dass der Mensch vom             mal hinter die Ohren schreiben. (Sonst
Affen abstammt. Beide Missverständnisse         könnte man ja noch glauben, dass etwa
seines Werkes halten sich jedoch so hart-       auch die Schwerkraft eine Theorie sei …)
näckig, dass ich meine, sie bei jeder pas-      Freilich kommt im Falle der Evolutions-
senden Gelegenheit auch als solche ent-         theorie noch das (bildungspolitische) Pro-
larven zu müssen. Denn auf diese Miss-          blem hinzu, dass sie – mittlerweile auch
verständnisse stößt man mitunter selbst         in Deutschland – von Kreationisten ver-
bei an sich gebildeten und auch sonst           suchsweise unterwandert wird.3 Und hier
durchaus „unverdächtigen“ Zeitgenossen.         stehen wir bei einem in den Naturwissen-
Sie gehen einher mit einem falschen Bild        schaften doch ziemlich einmaligen Phäno-
von Evolution und Evolutionstheorie und         men: Dass eine 150 Jahre alte, durch un-
einer in diesem Zusammenhang schon no-          zählige Belege erhärtete Theorie (sic!) über-
torischen Sprachverwirrung. Beim Pisa-          haupt noch Anlass zu Zweifeln gibt, und
Test 2006 hatten Jugendliche im Bereich         dass den Predigern pseudowissenschaft-
Naturwissenschaften auch diese Frage zu         licher Irrlehren, die die Evolutionstheorie
beantworten: „Welche der folgenden Aus-         buchstäblich verdammen, scheinbar im-
sagen trifft am besten auf die Evolutions-      mer mehr Menschen in die Arme laufen.
theorie zu?“ Mögliche Antworten waren:          Mit dieser Theorie ist Darwins Theorie der
„A. Die Evolutionstheorie gilt für Tiere,       Evolution durch natürliche Auslese oder
nicht aber für den Menschen.“ „B. Die           Selektion gemeint, die der Engländer in
Evolution ist eine Theorie, die durch For-      seinem 1859 erschienenen Werk On the
schung bewiesen worden ist.“ „C. Die            Origin of Species begründete,4 der aber
Evolution ist eine wissenschaftliche Theo-      eben nicht der Entdecker der Evolution
rie, die sich gegenwärtig auf zahlreiche        schlechthin war. Dass die Organismen-
Beobachtungen stützt.“ Die richtige Ant-        arten veränderlich, die heute existierenden
wort wäre C gewesen.1 Warum eigentlich          Lebewesen Resultate mehr oder weniger
nicht B? Egal, eins scheinen die Pisa-Ma-       langer Prozesse des evolutiven Wandels
cher nicht zu wissen (und mir persönlich        sind und in früheren Zeiten andere Lebe-
genügt das schon, um ihnen und ihren gan-       wesen existiert haben als heute, wurde
zen Tests mit Argwohn zu begegnen):             schon vor Darwin vermutet, und der ers-
Dass nämlich die Evolution keine Theo-          te Evolutionstheoretiker im engeren Sinn
rie sein kann! Die Evolution ist ein Prozess,   war der französische Naturforscher Jean-
nämlich der der Veränderung der Organis-        Baptiste de Lamarck (1744-1829), der –
menarten, eine Theorie hingegen – eben          eine interessante historische Koinzidenz –
die Evolutionstheorie – soll diesen Prozess     sein diesbezügliches Werk ausgerechnet
(kausal) erklären. Diesen kleinen Unter-        in Darwins Geburtsjahr veröffentlichte.5

Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009                                                  7
Darwins Verdienst besteht primär darin,        Darwins Reise zur Evolutionstheorie
dass er einen Mechanismus – eben die na-       Alles begann, eigentlich recht harmlos, mit
türliche Auslese – gefunden hatte, der den     einer Schiffsreise. Am 27. Dezember 1831
Artenwandel hinreichend erklärt. Aller-        verließ, nach mehreren gescheiterten Ver-
dings enthält seine Selektionstheorie eine     suchen, das Vermessungsschiff „Beagle“
Reihe von philosophischen Implikationen,       den Hafen von Plymouth. An Bord be-
wodurch erst seine revolutionäre Wirkung       fand sich der knapp dreiundzwanzigjäh-
verständlich wird. So wie die Etablierung      rige Charles Darwin, ein begeisterter Na-
dieser Theorie einen geistigen Umbruch         turforscher, der aber – kurz zuvor in Cam-
erforderte, so bedeutete ihre Akzeptanz        bridge – ein Studium der Theologie ab-
eine geistige Revolution,6 die allerdings      solviert hatte. Er sollte dem Kapitän Ge-
bis heute nicht abgeschlossen ist. Zwar        sellschaft leisten und nebenher interessan-
kann „die gesamte Philosophie nach dem         ten naturkundlichen Objekten seine Auf-
Auftreten der Evolutionstheorie niemals        merksamkeit widmen. (Dass er offiziell als
mehr das sein …, was sie vorher war“7,         Naturwissenschaftler auf die „Beagle“ ein-
aber es ist nicht zu übersehen, dass viele     geladen wurde, ist eine schöne Legende.)
Philosophen (insbesondere im deutschen         Die auf drei Jahre geplante Reise, die über
Sprachraum) nach wie vor so tun, als ob        die gesamte Südhalbkugel der Erde führ-
Darwin nie existiert hätte und es die Evo-     te, dauerte am Ende fünf Jahre. Insbeson-
lutionstheorie gar nicht gäbe. Es ist höchs-   dere sollten Küsten in Südamerika vermes-
te Zeit, dass sich dies – im Interesse un-     sen werden.10 Es kann heute längst kein
seres eigenen Selbstverständnisses – än-       Zweifel daran bestehen, dass diese Reise
dert. Das „Darwin-Jahr“ ist der beste An-      nicht allein für Darwins Biographie, seine
lass dafür. Wenn der amerikanische Palä-       persönliche und intellektuelle Entwicklung,
ontologe und Evolutionsforscher George         sondern auch für den weiteren Verlauf der
G. Simpson anlässlich des 100jährigen Be-      Wissenschaftsgeschichte von ganz ent-
stehens der Origin of Species die Parole       scheidender Bedeutung war und die (Na-
ausgab One Hundred Years Without Dar-          tur-)Wissenschaften zu neuen Ufern führ-
win Are Enough8, dann dürfen wir heute         te.
mit noch größerem Nachdruck sagen „150         Charles Darwin, Sohn des angesehenen
Jahre ohne Darwin sind schon zuviel“!          und wohlhabenden Arztes Dr. Robert Wa-
Nicht, dass es um Darwin jemals still ge-      ring Darwin, kam am 12. Februar 1809 in
wesen wäre; aber die ganze Tragweite sei-      der englischen Kleinstadt Shrewsbury zur
nes Denkens wurde vielfach ignoriert, sein     Welt. Sein Vater hatte von dem Jungen,
Werk wurde häufig falsch verstanden oder       der sich seit frühester Kindheit für Pflan-
– buchstäblich – verteufelt.9                  zen und Tiere interessierte, keine beson-
Was also hat es mit Charles Darwin auf         ders hohe Meinung. Er ließ ihn Medizin
sich? Worin liegt die Konsequenz seiner        studieren, was sich bald als Fehler erwies,
Gedankenwelt? Warum ist sein Werk für          weil Charles’ sensibles Gemüt – als er an
unser Selbstverständnis so wichtig?            der Operation an einem Kind teilnehmen
                                               musste, lief er davon – diesem Studium
                                               nicht gewachsen war und es nach einem
                                               knappen Jahr abbrach. Also wurde er zu

8                                              Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009
einem Studium der Theologie abkomman-          trieben worden, ohne dass deswegen die
diert, welches er denn auch nach drei Jah-     biblische Schöpfungslehre ernsthaft ins
ren erfolgreich beendete. Es muss uns im-      Wanken geraten wäre. Erst auf seiner Rei-
mer wieder aufs Neue paradox erschei-          se kamen Darwin Zweifel an der Schöp-
nen, dass jener Mann, der dem Christen-        fungsgeschichte, und schon kurz danach
tum und überhaupt jeder Religion, wenn-        begann er sich Notizen über Artenvielfalt
gleich unbeabsichtigt, eine schwere Wun-       und Artenentstehung zu machen, die sich
de zufügen sollte, ausgerechnet ein Theo-      in über zwanzig Jahren dann zu einem
logiestudium zum Abschluss gebracht hat-       Gedankengebäude verdichteten, das die
te und befugt war, fortan ein Priesteramt      Welt erschüttern sollte. Darwins privates
der Anglikanischen Kirche auszuüben. Das       Leben nach der Reise verlief in geordne-
hätte er zweifelsohne auch getan, wäre er      ten Bahnen – ein typischer Viktorianischer
nicht, was ihm der Zufall seines Lebens        Lebenslauf. Er heiratete seine Kusine aus
bescherte, auf die Weltreise mit der „Bea-     sehr wohlhabendem Hause und ließ sich
gle“ eingeladen worden. Dass Darwin, der       mit seiner Frau in der Nähe von London,
schon lange von einer Forschungsfahrt ge-      in dem kleinen Dorf Downe auf einem
träumt hatte, mitreisen durfte, war aber       Landsitz nieder, dem Down House, wo
nicht von vornherein selbstverständlich;       er sich ungestört seinen wissenschaftlichen
zuerst musste sein Onkel die schwerwie-        Arbeiten widmen konnte und bereits, im
genden Bedenken zerstreuen, die sein Va-       Alter von dreiunddreißig Jahren, gewisser-
ter dagegen aufgeführt hatte. Man sieht:       maßen seinen Alterssitz fand.12 Er unter-
Manches Lebenswerk muss, um überhaupt          nahm in den ihm verbleibenden vier Jahr-
als solches möglich zu werden, zunächst        zehnten seines Lebens keine Reisen mehr,
Hindernisse beseitigen. Freilich hätte Dar-    war niemals gezwungen, einem „Brotbe-
win auch als Landpfarrer Pflanzen sammeln,     ruf“ nachzugehen, hielt keine öffentlichen
Insekten bestimmen und Tauben züchten          Vorträge und beteiligte sich nicht an den
können – viele Naturforscher seiner Zeit wa-   vielen öffentlichen Diskussionen um sein
ren hauptberuflich Theologen –, ob ihm aber    Werk. Wenn auch Darwin von seiner Welt-
unter solchen Voraussetzungen sein „großer     reise mit der „Beagle“ nicht mit der Evo-
Wurf“ gelungen wäre, ist mehr als fraglich,    lutionstheorie im Gepäck nach England
einmal ganz abgesehen davon, dass die Evo-     zurückkehrte, waren jene fünf Jahre doch
lutionstheorie im krassen Widerspruch zu       ganz entscheidend für den Weg zu dieser
den theologischen Dogmen stand und             Theorie.
schwerlich von einem Priester ersonnen         Zunächst aber sollte man sich daran erin-
und vertreten werden konnte.                   nern, dass Darwin ein Naturforscher mit
Als Darwin mit der „Beagle“ losfuhr, war       selbst für das 19. Jahrhundert ungewöhn-
er, wie die allermeisten seiner Zeitgenos-     lich breiten Interessen war. Die Fülle des
sen, von der Schöpfung überzeugt. Seine        naturkundlichen Materials, das er vor al-
naturkundlichen Interessen, die er während     lem in Südamerika während seiner Land-
des Theologiestudiums maßgeblich ver-          aufenthalte sammelte, war gewaltig. Er in-
tiefen konnte11, standen nicht im Wider-       teressierte sich für geologische Phänome-
spruch dazu. Schließlich war ja seit über      ne ebenso wie für Fossilien, Pflanzen und
zwei Jahrtausenden Naturwissenschaft be-       Tiere. Allem, was er beobachtete und sam-

Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009                                               9
melte, widmete er größte Aufmerksamkeit,      On the Origin of Species ist denn auch,
auf Systematik und das Erkennen von Zu-       wie er selbst darin schreibt, „nichts wei-
sammenhängen stets bedacht. Viele, ja, die    ter als eine lange Kette von Beweisen“16 –
meisten seiner Werke haben mit Evoluti-       Beweisen für den evolutiven Artenwandel
on und Evolutionstheorie nichts zu tun        als solchen und, vor allem, für die Wir-
oder können erst im Nachhinein damit in       kungsweise der Selektion. Es wundert da-
Verbindung gebracht werden: Ein mehr als      her nicht, dass er über zwei Jahrzehnte an
1000 Seiten starker Band über Ranken-         dem Werk arbeitete, wenngleich ihm man-
fußkrebse, sechs Bücher über botanische       che Ideen schon während seiner Weltrei-
Fragen, ein Buch über Korallenriffe usw.13    se dämmerten:
Man würde sich also „an Darwin als ei-
nen herausragenden Wissenschaftler erin-        „Als ich mich als Naturforscher an
nern, wenn er nie ein Wort über Evolution       Bord des ‚Beagle’ befand, war ich aufs
geschrieben hätte.“14                           höchste überrascht durch gewisse Merk-
Und doch sind es in erster Linie die Idee       würdigkeiten in der Verbreitung der Tie-
der Evolution und ihre Erklärung durch          re und Pflanzen Südamerikas sowie
die natürliche Auslese, die Darwin unsterb-     durch die geologischen Beziehungen
lich gemacht haben und hinsichtlich ihrer       der gegenwärtigen Bewohner dieses
Bedeutung und Tragweite weit über die           Erdteils zu den früheren … [Mir] schie-
Naturwissenschaften hinausragen. Wie ge-        nen diese Tatsachen Licht zu werfen
sagt, Darwin war nicht der Entdecker der        auf die Entstehung der Arten, das Ge-
Evolution, wenngleich er sie – da er von        heimnis alles Geheimnisse … Nach mei-
seinen Vorläufern zunächst nichts wusste        ner Heimkehr …wurde mir immer kla-
– sozusagen für sich noch einmal entde-         rer, daß sich vielleicht durch Sammeln
cken musste. Man erkannte vor Darwin,           und Vergleichen aller damit zusammen-
dass sich die Erde stetig wandelt und dass      hängenden Tatsachen etwas zur Lö-
Arten einander ablösen, doch sah man die        sung der Frage tun ließe.“17
Arten weitgehend als konstant: sie entste-
hen und sterben aus, ohne sich selbst zu      „Aus dem Kampf der Natur …“
verändern. „Erst mit Darwin wurde auch        Die bedeutendste Schlussfolgerung Dar-
diese letzte Rückzugsposition des stati-      wins in On the Origin of Species war, dass
schen Schöpfungsglaubens unhaltbar.           in der Natur keine Absicht, kein planen-
Mehr als jeder andere hat er dafür gesorgt,   der Geist waltet, sondern die mehr oder
dass die Vorstellung von der Veränderung      weniger blinde Kraft der Selektion allein
der … Arten zur allgemeinen Überzeugung       den Artenwandel bewirkt. „Aus dem
wurde.“15 Seine „Reise“ zur Evolutions-       Kampf der Natur, aus Hunger und Tod“18
theorie, im wörtlichen wie im übertrage-      geht demnach die Entstehung immer kom-
nen Sinne des Wortes, war freilich ein mü-    plexerer Arten hervor. Darwins Metapher
hevoller Weg. Der akribische Naturfor-        struggle for existence wurde aber – und
scher war bestrebt, seine Theorie der na-     wird nach wie vor – häufig gründlich miss-
türlichen Auslese sehr genau zu belegen,      verstanden. Da „struggle“ gemeinhin mit
durch eine Fülle empirischer Tatsachen zu     „Kampf“ übersetzt wurde, waren – jeden-
untermauern. Sein umfangreiches Werk          falls im Deutschen – die Missverständ-

10                                            Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009
nisse geradezu vorprogrammiert. Die kor-       usw. besonders nützlich. Nicht den tap-
rektere Übersetzung wäre etwa „Ringen“19       feren Draufgängern ist Erfolg im Leben
oder, noch besser, einfach „Wettbewerb         garantiert, sondern denjenigen, die, auf
ums Dasein“. Denn tatsächlich meinte           welche Weise auch immer, relativ länger
Darwin nicht einen Kampf „Mann gegen           am Leben bleiben. Man darf Darwins For-
Mann“, wenngleich ein solcher in der Na-       mel vom Überleben der Tauglichsten ohne
tur durchaus auch stattfindet, sondern den     weiteres auch einmal mit Überleben der
Umstand, dass die Individuen jeder Art –       Feiglinge übersetzen.21
wohlgemerkt: die Individuen derselben Art      Die eigentlich revolutionierende Wirkung
und nicht Arten – miteinander um Res-          von Darwins Origin of Species ging aber
sourcen (vor allem Nahrung) wetteifern.        davon aus, dass er die Teleologie verab-
Er verwies dabei ausdrücklich auf Pflan-       schiedete. Der Theologiestudent Darwin
zen, die auch im Wettbewerb (um Licht,         war – wen wundert’s – noch davon über-
Feuchtigkeit usw.) miteinander stehen,         zeugt gewesen, dass sich Vielfalt und Ord-
ohne deshalb miteinander zu „kämpfen“.         nung der Lebewesen einem intelligenten
Darwins zweite Metapher, nämlich survi-        Planer verdanken. Er war, wie alle Theolo-
val of the fittest, „Überleben der Taug-       giestudenten (und nicht nur sie), unter dem
lichsten“, die er von dem Philosophen          Einfluss des „Naturtheologen“ William
Herbert Spencer übernahm20, hat nicht          Paley gestanden. Die Naturtheologen, de-
minder zu Missverständnissen geführt,          ren Ideen in der Antike verwurzelt sind,
und zwar (auch ideologisch!) zu ganz gra-      deuteten alle Phänomene der Natur als
vierenden. Vor allem geistert seit langem      Werke Gottes, schöpften aus der Natur
die Vorstellung herum, Darwin habe vom         zugleich Gottesbeweise, und vermochten
„Überleben des Stärksten“ gesprochen,          – da die Existenz Gottes für sie nun ein-
was, mit Verlaub gesagt, ein ziemlicher        mal eine unerschütterliche Tatsache war
Schwachsinn ist. Nicht der Riese, der alle     – sämtliche an Lebewesen beobachtbaren
anderen (Individuen seiner Art) zertram-       Strukturen, Funktionen und Verhaltenswei-
pelt, ist der Tauglichste! Tauglichkeit be-    sen mit einem weisen Schöpfergott in Ein-
misst sich am Fortpflanzungserfolg, und        klang zu bringen. On the Origin of Species
wer dabei besonders erfolgreich ist, ver-      war Darwins (späte) Antwort darauf: Die
fügt ganz einfach über bestimmte Eigen-        zweckvolle Organisation der Lebewesen
schaften, die ihn ein wenig „besser“ ma-       erklärte er nunmehr ohne Rückgriff auf
chen als andere. Der Hase etwa, der et-        einen (göttlichen) Planer und bedurfte der
was schneller laufen kann als seine Artge-     Teleologie als einer universalen, kosmi-
nossen, wird mit hoher Wahrscheinlich-         schen Zweckmäßigkeit nicht mehr.22
keit tauglicher sein als diese, weil er sich   Wiewohl er, als sehr genau beobachten-
effektiver vor Feinden zu schützen weiß        der Naturforscher, die minutiös aufeinan-
(was ihm, falls er nicht aus anderen Grün-     der abgestimmten Strukturen und Funk-
den frühzeitig hinweggerafft wird, eben ei-    tionen der Lebewesen zu erkennen, ja, zu
ne durchschnittlich höhere Lebenserwar-        bewundern wusste, war sich Darwin dar-
tung beschert). Es geht nicht darum, sich      über im Klaren, dass doch alles die natür-
durch Kraft hervorzutun. Oft sind gerade       liche Auslese allein bewirken könne – und
Strategien wie Davonlaufen, Verstecken         dass die Natur obendrein kein paradiesi-

Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009                                              11
scher Garten sei. Sein dynamisches Natur-        geschieht – zufällig. Auch wir Menschen
bild trägt der Tatsache Rechnung, dass           waren nicht von Anfang an geplant und
keine Art „perfekt“ konstruiert und sozu-        sind, entgegen einer nach wie vor weit
sagen für die Ewigkeit geschaffen sei.           verbreiteten Ansicht, nicht das Endpro-
Daher zog er auch das Aussterben der Ar-         dukt der Evolution.
ten gebührend in Betracht.                       Verständlicherweise sorgte Darwin für
                                                 große Unruhe unter Theologen und ande-
     „Die Theorie der natürlichen Zuchtwahl      ren gläubigen Menschen, wenn auch man-
     beruht auf der Annahme, daß jede neue       che Theologen sein Werk sogar bewun-
     Varietät und schließlich jede neue Art      derten und zugleich optimistisch waren,
     dadurch hervorgebracht und erhalten         dass es die „Wahrheiten“ der Bibel nicht
     wird, daß sie Vorteile über Mitbewer-       erschüttern würde.25 Wie heute die Ver-
     ber erlangt; daraus ergibt sich fast un-    fechter des Konzepts intelligent design
     vermeidlich der Untergang minder Be-        auf breiter Front demonstrieren, fällt es
     günstigter Formen. Es ist wie bei unse-     nach wie vor vielen Menschen schwer,
     ren domestizierten Tieren und Pflanzen:     sich damit abzufinden, dass in der Evolu-
     wenn eine neue, etwas verbesserte Va-       tion kein „planender Geist“ waltet, son-
     rietät entsteht, so ersetzt sie vor allem   dern dass die Entwicklungsgeschichte des
     die minder verbesserten Varietäten in       Lebens auf der Erde vielmehr an die Akti-
     ihrer Umgebung. Wird sie noch weiter        vitäten eines blind und opportunistisch
     verbessert, so verbreitet sie sich in der   wirkenden Chaoten erinnert. Daher ist
     Nähe und Ferne … und nimmt den Platz        nichts in der Evolution für die Dauer be-
     anderer Rassen in anderen Gegenden          stimmt, Krisen und Katastrophen gehö-
     ein. Das Erscheinen neuer Formen und        ren sozusagen zum evolutionären Alltag.26
     das Verschwinden alter hängt also …         Dass sich viele Menschen damit nicht ab-
     eng zusammen.“23                            finden können oder wollen, ist ein psycho-
                                                 logisches Problem, das mit der Sinnfrage
Mit anderen Worten: In der Natur liegen          zusammenhängt, an dieser Stelle aber nicht
Aufbau und Zerstörung dicht beisammen,           behandelt werden kann.
macht Altes Neuem Platz.24 Allerdings
verschwindet Altes nicht, damit Neues            Die Abstammung des Menschen
entstehen kann – Arten sterben, etwa aus         Darwins zweites evolutionstheoretisches
ökologischen Gründen einfach aus, ohne           Hauptwerk erschien 1871 unter dem Titel
dass andere Arten an ihrer Stelle geplant        The Descent of Man. Hatte er in Origin
wären. A posteriori sitzen wir gern dem          of Species lediglich angedeutet, „Licht
Irrtum auf, dass der stammesgeschichtli-         wird auch fallen auf den Menschen und
che Wandel der Organismen zielgerichtet          seine Geschichte“27, so kam er nun – nach,
verläuft, weil wir in erster Linie seine (der-   wie immer, akribisch zusammengetrage-
zeitigen) Ergebnisse sehen. Ein vorurteils-      nen Belegen und stringenten Überlegun-
freier Blick auf die Entwicklung des Le-         gen – zu der Schlussfolgerung, „daß der
bens legt aber die Vermutung nahe, dass          Mensch von einer weniger hoch organisier-
es auch ganz anders hätte kommen kön-            ten Form abstammt“28. Diese Schlussfol-
nen. Vieles in der Evolution geschah – und       gerung war zum damaligen Zeitpunkt al-

12                                               Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009
lerdings nicht mehr neu und revolutionär.      dass Schimpansen, Gorillas und Orang-
Thomas Henry Huxley, Darwins großer            Utans unsere nächsten Verwandten in der
Fürsprecher in England, und Ernst Hae-         Tierwelt sind. Hier aber ist nicht der Ort,
ckel, der sich besondere Verdienste um         darauf näher einzugehen.
die Verbreitung Darwins in Deutschland         Darwins The Descent of Man enthält je-
erwarb, hatten die „Affenabstammung“           doch sozusagen einige Besonderheiten,
des Menschen längst dargetan. So stellte       die mehr als nur flüchtige Aufmerksam-
Haeckel in einem Vortrag anlässlich der        keit verdienen. In mehreren Kapiteln be-
Versammlung der deutschen Naturfor-            handelt Darwin die geistigen, sozialen und
scher und Ärzte 1863 folgendes fest:           moralischen Fähigkeiten des Menschen
                                               und weist schlüssig nach, dass unsere
  „Was uns Menschen … betrifft, so hät-        Spezies auch in dieser Hinsicht in der Evo-
  ten wir also … als die höchst organi-        lution tief verwurzelt ist. Über unsere mo-
  sierten Wirbelthiere unsere uralten ge-      ralischen Fähigkeiten lesen wir folgendes:
  meinsamen Vorfahren in affenähnlichen
  Säugethieren, weiterhin in Känguruar-          „[Ihr] Grund liegt in den sozialen In-
  tigen Beutelthieren und noch weiter hin-       stinkten, worin die Familienbande mit-
  auf in der sogenannten Sekundärperiode         eingeschlossen sind. Diese Instinkte
  in Eidechsenartigen Reptilien, und end-        sind sehr kompliziert und geben bei nie-
  lich in noch früherer Zeit, in der Primär-     deren Tieren besondere Veranlassung
  periode, in niedrig organisierten Fischen      zu gewissen Tätigkeiten; aber die be-
  zu suchen.“29                                  deutungsvollsten Elemente sind Liebe
                                                 und Sympathie.
Das ließ an Deutlichkeit schon nichts mehr       Tiere mit sozialen Instinkten haben Ver-
zu wünschen richtig. Der heutige Mensch          gnügen an der Gesellschaft anderer,
lässt sich demnach in den „Stammbaum“            warnen einander in Gefahr, verteidigen
des Lebens einfügen und ist mit allen Or-        und helfen einander bei vielen Gelegen-
ganismenarten in abgestufter Form ver-           heiten. Diese Instinkte beziehen sich
wandt.                                           nicht auf alle Individuen der Art, son-
Darwin war also nicht der erste, der des         dern nur auf die von derselben Gemein-
Menschen „niedere Abkunft“ herausstell-          schaft. Da sie sehr nützlich sind für die
te; und weder er, noch irgendein anderer         Spezies, sind sie aller Wahrscheinlich-
ernsthafter Evolutionstheoretiker hat be-        keit nach durch natürliche Zuchtwahl
hauptet, dass der Mensch von einem der           erworben worden.“31
heutigen Affen abstammt, sondern dass
er mit diesen gemeinsame Vorfahren hat.        Daraus geht deutlich zweierlei hervor. Er-
Darwin bemerkte, „daß irgendein altes          stens hat Darwin die Selektionstheorie
Glied der anthropomorphen Untergruppe          auch auf die evolutionäre Beschreibung
der Stammvater des Menschen gewesen            und Rekonstruktion sozialer und morali-
ist“.30 Mittlerweile sind wir über die Ver-    scher Fähigkeiten übertragen. Zweitens
wandtschaftsverhältnisse im „Affenreich“       sieht er diese beim Menschen nicht als et-
natürlich viel besser unterrichtet, und es     was grundsätzlich Neues: Sie finden sich
kann kein Zweifel mehr daran bestehen,         in Vorstufen auch bei anderen Tieren.

Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009                                              13
Als noch wichtiger erscheint mir im vor-       aber an eine „Höherentwicklung“ vor al-
liegenden Zusammenhang aber folgendes.         lem beim Menschen. Er glaubte daher
Darwin, der den Wettbewerb überall in der      auch, dass, so wie sich das moralische
Natur zu „würdigen“ wusste, war sich           Gefühl aus sozialen Instinkten entwickelt
durchaus darüber im Klaren, dass in der        habe, diese durch die Kultur noch bestän-
sozialen Evolution kooperatives und hel-       dig verbessert werden können. Dieses „mo-
fendes Verhalten die entscheidenden An-        ralische Argument“ spielte bei seiner Kon-
triebskräfte sind. Nur diejenigen, die Dar-    zeption der Abstammung des Menschen
wins Ideen als „Dschungeldarwinismus“          eine bedeutende Rolle,33 und er sah darin
missverstanden und sich nie die Mühe ge-       sogar einen Trost für all jene, denen der
macht haben, seine Arbeiten wirklich zu        Gedanke an die niedere Abkunft des Men-
lesen, sondern ihn von vornherein nur          schen unwillkommen und unangenehm
ideologisch vereinnahmen wollten, haben        war. So bemerkte er folgendes:
diese sehr wichtigen Aspekte seines Wer-
kes völlig übersehen. Hier ist auch noch         „Es ist begreiflich, daß der Mensch ei-
einmal über den Menschen Darwin zu               nen gewissen Stolz empfindet darüber,
sprechen. Darwin war Humanist, er war            daß er sich, wenn auch nicht durch sei-
beispielsweise gegen die Sklaverei (im Vik-      ne eigenen Anstrengungen, auf den Gip-
torianischen England keine Selbstverständ-       fel der organischen Stufenleiter erho-
lichkeit), worüber es schon mit seinem Ka-       ben hat; und die Tatsache, daß er sich
pitän auf der „Beagle“ zu Meinungsver-           so erhoben hat, anstatt von Anfang an
schiedenheiten und Streitigkeiten kam. Es        dorthin gestellt zu sein, mag ihm die
ist wahrscheinlich, dass auch sein wissen-       Hoffnung auf eine noch höhere Stellung
schaftliches Interesse früh unserer Spezi-       in einer fernen Zukunft erwecken.“34
es und ihren Fähigkeiten galt und dass er
seine (Selektions-)Theorie durch gleich-       Wer so schreibt, möchte kein pessimisti-
zeitige Beurteilung des menschlichen Ver-      sches Menschenbild entwerfen, sondern
haltens erstellte.32 Auf die ihm eigene Vor-   sieht sich eher veranlasst, demjenigen, der
sicht und Zurückhaltung ist der Umstand        an den (moralischen) Fähigkeiten seiner
zurückzuführen, dass er viele Gedanken         Gattung zweifelt, beruhigende Worte zu
und Notizen darüber lange Jahre sozusa-        spenden.
gen unter Verschluss hielt und erst 1871       Es ist keine Frage, dass Darwin die Ab-
veröffentlichte. Dabei war es ihm bewusst,     stammung des Menschen auf naturalisti-
dass er, indem er den Menschen gleich-         scher Grundlage erklären wollte – was ihm
sam vom Thron stürzte und ihn seiner           auch bestens gelungen ist. Auf dieser Grund-
Ebenbildlichkeit Gottes beraubte, nicht we-    lage bleibt für die viel beschworene Son-
nige seiner Artgenossen verletzen würde.       derstellung des Menschen in der Welt der
Insbesondere ist hier zu erwähnen, dass        Lebewesen kein Platz mehr. Gewiss ver-
seine Frau ein sehr frommer Mensch war,        fügt unsere Spezies über bestimmte, ihr
und es muss ihn bedrückt haben, gerade         eigene Merkmale, aber schließlich ist jede
ihre religiösen Gefühle zu verletzen.          der Millionen von Organismenarten ein-
Beseelt von der zu seiner Zeit verbreite-      malig. Und nach den Ergebnissen der neu-
ten Idee des Fortschritts glaubte Darwin       eren Evolutionsbiologie, Verhaltensfor-

14                                             Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009
schung usw. ist die traditionellerweise an-    ell sind wie damals und den denkenden
genommene „Mensch/Tier-Grenze“ längst          Menschen seit alters beschäftigen: Wer
verwischt.35 Aber das wusste schon Dar-        sind wir? Woher kommen wir?
win und bedauerte, dass seine Schlussfol-      Zu den hervorragenden Leistungen Dar-
gerung „für viele ein großes Ärgernis sein     wins, die in geistesgeschichtlich großen
[wird]“.36 Um diese gleichsam zu neutra-       Dimensionen zu bemessen sind, gehört
lisieren, baute er das „moralische Argu-       zum einen die endgültige Ablösung eines
ment“ ein und gab sich der Hoffnung hin,       statischen durch ein dynamisches Welt-
dass dem Menschen noch eine große Zu-          bild und (damit zusammenhängend) zum
kunft beschieden sein könne. Dies steht        zweiten die Verabschiedung des typolo-
gewissermaßen im Widerspruch zu der            gischen Denkens zugunsten eines Denkens
Konsequenz, die sich eigentlich aus sei-       in Variationen. Darwin betonte die Einma-
ner (Selektions-)Theorie ergibt, nämlich,      ligkeit des Individuums innerhalb jeder
pointiert gesagt: Die Evolution geht nir-      Art39 – und schuf damit die Basis für eine
gendhin – und das recht langsam.37 Das         Denkweise, die wir besonders heute drin-
freilich will noch verkraftet werden. Da       gend nötig hätten: Es ist nicht der „statis-
Darwin selbst, wie gesagt, vom Fortschritts-   tische Durchschnitt“ der zählt, sondern die
gedanken inspiriert war und an eine Er-        Individualität, das kreative Potential des
leuchtung des menschlichen Geistes durch       Einzelnen! Im übrigen lernen wir von Dar-
den Fortschritt in den Wissenschaften glaub-   win, dass die Evolutionstheorie – ganz im
te, wäre ihm diese Konsequenz fremd ge-        Gegenteil zu ihren sozialdarwinistischen
wesen. Aber das wollen wir ihm nicht an-       Fehlinterpretationen – dem Rassismus den
kreiden. Hätte er gewusst, dass das 20.        Boden entzieht. Denn wer eingesehen hat,
Jahrhundert der Menschheit zwei Weltkrie-      dass alle heute lebenden Menschen sozu-
ge bescheren wird, dann hätte er wohl auch     sagen auf dem gleichen Stammbaumast
seine Idee vom moralischen Fortschritt re-     sitzen, also miteinander verwandt sind,
vidiert oder zumindest relativiert.            und sich obendrein eben nur individuell
                                               voneinander unterscheiden, kann rassisti-
Noch ein paar (Schluss-)Bemerkungen            schen Gedanken nichts mehr abgewinnen.
Dass Darwin einer der bedeutendsten Na-        Schließlich ist in diesem Zusammenhang
turforscher aller Zeiten war, ist nicht zu     nochmals auf Darwins „Abrechnung“ mit
bestreiten. Ich habe bereits darauf hinge-     der Teleologie zu verweisen: Wenn es kei-
wiesen, dass er auch unabhängig von sei-       nen übergeordneten „Weltenzweck“ gibt,
ner Theorie der Evolution durch natürli-       dann gibt es auch keine bevorzugten „Ras-
che Auslese in den Naturwissenschaften         sen“ und Völker; die Evolution hat keine
Großes geleistet hat. Dennoch kann es          Lieblingskinder. Diese wenigen Bemerkun-
heute nicht mehr darum gehen, ihn im Sin-      gen mögen genügen, um Darwin und sei-
ne einer Hagiographie darzustellen, son-       ne Gedankenwelt mit einem (säkularen) Hu-
dern als einen Menschen zu sehen, der          manismus in Verbindung zu bringen.
eingebettet war in das geistige und gesell-    Im Anschluss an Darwin erfuhr der Evo-
schaftliche Leben seiner Zeit38 – vor de-      lutionsgedanke maßgebliche Erweiterun-
ren Hintergrund er allerdings Antworten        gen. Wenngleich dabei über weite Stre-
auf Fragen entwickelte, die heute so aktu-     cken bloß ein naiver Evolutionismus sei-

Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009                                               15
ne Anhänger fand, so konnte in neuerer         det und den Tod unzähliger unschuldiger
und jüngster Zeit die Evolutionstheorie auf    Menschen bei Vulkanenausbrüchen und
verschiedenen Gebieten außerhalb der Bio-      Erdbeben in Kauf nimmt. Das Ableben sei-
logie, in den Kultur- und Sozialwissenschaf-   ner Tochter nahm ihm den letzten Rest
ten, fruchtbar gemacht werden.40               religiösen Glaubens. Dem Humanisten Dar-
In mancher Hinsicht stehen wir dabei aber      win war vor allem die Vorstellung eines stra-
wieder am Anfang, weil „antievolutionis-       fenden Gottes höchst zuwider.43 Daher
tische“ Stimmen eben seit Darwin nicht         wandte er sich vom Christentum ab. Sei-
verstummt sind und heute, wie es scheint,      ne Haltung zur „Gottesfrage“ lässt sich
wieder lauter werden. Es sind „Anti-Auf-       meiner Meinung nach letztlich zwischen
klärer“, die da ihre Häupter recken und        einem Agnostizismus und einem Atheis-
ihre Stimmen erheben, Moralisten und           mus ansiedeln. Ein antireligiöser Fanati-
moralische Rigoristen, die partout daran       ker war er freilich nicht, so wie ihm jeder
festhalten, dass diese Welt von einem in-      Fanatismus und Fundamentalismus fremd
telligenten Planer gesteuert sei, der das      waren. (Kurioserweise unterstützte er das
Richtige vorgibt.                              Pfarrhaus seiner kleinen Gemeinde.)
Ich habe Darwin einmal als „stillen Revo-      Zugleich war Darwin bemüht, auch das
lutionär“ bezeichnet,41 was auf sein zu-       Phänomen der Religiosität evolutionstheo-
rückgezogenes Leben und sein zurückhal-        retisch zu interpretieren und wurde damit
tendes Wesen hinweist, aber nicht heißen       zu einem Wegbereiter moderner psycho-
soll, dass er sich der Bedeutung seiner        logischer und evolutionsbiologischer Er-
Ideen nicht bewusst war. Auch die Ver-         klärungen der Religionen und ihrer Funk-
breitung dieser Ideen war ihm durchaus         tionen im menschlichen Leben. Das „Ge-
wichtig, und gewiss verspürte er Genug-        fühl religiöser Ergebung“ sei sehr kompli-
tuung über das Echo, das seine Bücher          ziert, so meinte er und sah es zusammen-
fanden (wobei ihm die Vereinnahmung            gesetzt „aus Liebe, vollkommener Unter-
durch ideologisch orientierte Richtungen       werfung unter ein erhabenes, geheimnis-
wiederum nicht behagte). Tatsache ist auch,    volles Etwas, einem starken Abhängig-
dass seine persönliche Gelassenheit und        keitsgefühl, Furcht, Ehrfurcht, Dankbar-
sein geordnetes Privatleben im Gegensatz       keit, Hoffnung auf ein Jenseits“.44 Er bet-
zu den geistigen und gesellschaftlichen        tete also den religiösen Glauben ein in die
Turbulenzen stehen, die sein Werk hervor-      Entwicklung psychischer und geistiger Fä-
rief.42 Aus seiner persönlichen Biographie     higkeiten des Menschen, die natürlich
ist allerdings ein trauriges Ereignis zu er-   nichts über die Existenz Gottes aussagt,
wähnen, das seine Gedankenwelt entschei-       wohl aber über die Metaphysikbedürftig-
dend mitprägte: der frühe Tod seiner älte-     keit eines verunsicherten Lebewesens in
sten Tochter Annie (das Mädchen wurde          einer unberechenbaren Welt. Doch selbst
im Alter von nur zehn Jahren von einer         diese (menschliche) Eigenschaft sah Dar-
heimtückischen Krankheit hinweggerafft).       win nicht als sprunghaft entstanden an,
Schon während seiner Weltreise hatte er        sondern fügte sie ein in die Kontinuität der
sich gefragt, wie ein gütiger und weiser       Entwicklung seelischer Phänomene in der
Gott die vielen Grausamkeiten in der Welt      Tierwelt: Einen, „wenn auch sehr schwa-
zulassen kann, warum er die Sklaverei dul-     chen Anklang“ an den Gemütszustand der

16                                             Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009
Religiosität sah er „in der treuen Liebe ei-            war nicht der Entdecker der Evolution, natur +
nes Hundes zu seinem Herrn, die eben-                   kosmos, Januar 2009, S. 50-51.
                                                         6
                                                           Vgl. E. Mayr, Darwin’s Influence on Modern
falls mit der vollständigsten Unterord-
                                                        Thought, Scientific American 283 (1), 2000, S.78-
nung, einiger Furcht und vielleicht noch                83.
anderen Gefühlen verknüpft ist.“45 Das                   7
                                                            E. Oeser: Psychozoikum. Evolution und Me-
sind interessante Worte, die auch in unse-              chanismus der menschlichen Erkenntnisfähig-
rer Zeit, in der sich viele Menschen von –              keit, Berlin 1987, S. 9.
nicht nur religiösen, sondern auch staatli-
                                                         8
                                                           Vgl. G. G. Simpson, This View of Life. The World
                                                        of an Evolutionist, New York 1963, S. 26 ff.
chen – Führern gern „gängeln“ lassen, ihre               9
                                                           Satan himself is the originator of the concept
volle Bedeutung haben. Man sollte dar-                  of evolution, so der Kreationist Henry M. Morris.
über nachdenken.                                        Zit. in M. Ruse, Darwinism Defended. A Guide
Alles in allem: Es ist höchst lohnend, sich             to the Evolution Controversies, London 1982, S.
mit Darwins Gedankenwelt zu beschäfti-                  XVIII.
gen; sie gehört unserer Gegenwart an!
                                                         10
                                                            Darwins Reise mit der Beagle wurde jüngst von
                                                        Jürgen Neffe in einem Zeitraum von sieben Mona-
Und es ist an der Zeit, diese Gedanken-
                                                        ten „nacherlebt“ und ausführlich beschrieben. Vgl.
welt richtig zu verstehen und sie von all               J. Neffe, Darwin. Das Abenteuer des Lebens,
den vielen Fehldeutungen, die ihr anhaf-                München 2008. Darwin hatte übrigens die Kosten
ten, zu befreien. Ich hoffe, hier in diesem             für diese Reise selbst zu berappen – genau gesagt
Sinne einen kleinen Beitrag geleistet zu                zahlte sein Vater (nur seine Verpflegung ging auf
haben. Die folgenden Beiträge tun das Ihre              Kosten der Admiralität) –, genoss aber dadurch auf
                                                        dem Schiff eine relative Unabhängigkeit und hatte
zum besseren Verständnis von Darwins
                                                        als einziges Besatzungsmitglied engeren Kontakt zum
Ideen, ihren Voraussetzungen und Kon-                   Kapitän. Darwins eigener Reisebericht (A Natura-
sequenzen.                                              list’s Voyage, London 1839) gehört zu den Klassi-
                                                        kern der Reiseliteratur.
Anmerkungen                                              11
                                                            Zu seinen eigentlichen Lehrern zählten der Geo-
1
   Quelle: Der Standard (Wien), 17. 12. 2008.           loge Adam Sedgwick und der Botaniker John Ste-
2
   Und nicht nur sie, sondern beispielsweise auch       vens Henslow. Letzterer allerdings war zugleich auch
der Wiener Kardinal Schönborn.                          Geistlicher.
 3
   Vgl. z. B. D. Graf, Kreationismus vor den Toren       12
                                                            Über Darwins Leben und seine intellektuelle Ent-
des Biologieunterrichts?, in: Ch. Antweiler et al.      wicklung sind wir sehr gut unterrichtet. Er selbst hin-
(Hrsg.), Die (un)erschöpfte Theorie. Evolution          terließ eine Autobiographie, die von seiner Enkelin
und Kreationismus in Wissenschaft und Gesell-           Nora Barlow herausgegeben wurde. Vgl. Ch. Dar-
schaft, Aschaffenburg 2008, S. 17-38; Ch. Lam-          win, The Autobiography of Charles Darwin, New
mers, Vom Streitfall Evolution und dem „Bil-            York 1958. (Eine neue deutsche Ausgabe erschien
dungsmarkt“, in: Ch. Antweiler et al. (Hrsg.)., ebd.,   2008 im Insel-Verlag). Darwins Leben und Werk
S. 39-63. Siehe ferner den umfassenden Band U.          wird in einer großen Zahl von – teils sehr umfang-
Kutschera (Hrsg.), Kreationismus in Deutschland.        reichen, teils knapper gehaltenen – Büchern darge-
Fakten und Analysen, Berlin 2007.                       stellt. Unter den neueren Büchern siehe z. B. R. W.
 4
   Der volle Titel des Werkes lautet: On the Origin     Clark, Charles Darwin. Biographie eines Man-
of Species by Means of Natural Selection, or the        nes und einer Idee, Frankfurt/M. 1985; A. Des-
Preservation of Favoured Races in the Struggle          mond und J. Moore, Darwin, Reinbek 1994; A.
for Life. Verschiedene deutsche Übersetzungen lie-      Desmond, J. Moore und J. Browne, Charles Dar-
gen vor, unter anderem bei Reclam in Stuttgart.         win – kurz und bündig, Heidelberg 2008; J. Gribbin
 5
   Gemeint ist das 1809 erschienene Werk Philoso-       und M. White, Darwin. A Life in Science, London
phie zoologique (Zoologische Philosophie). Sie-         1995; J. Hemleben, Charles Darwin mit Selbst-
he zur knappen Übersicht F. M. Wuketits, Darwin         zeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 2000;

Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009                                                                  17
J. Howard, Darwin. Eine Einführung, Stuttgart          29
                                                           Zit. in H. Querner, Stammesgeschichte des
1996; E. Mayr, … und Darwin hat doch recht.            Menschen, Stuttgart 1968, S. 26. Im gleichen Jahr
Charles Darwin, seine Lehre und die moderne            veröffentlichte Huxley sein Buch Man’s Place in
Evolutionstheorie, München 1994; F. M. Wuketits,       Nature.
Darwin und der Darwinismus, München 2005.               30
                                                           Ch. Darwin, Anm. 28, S. 200. („Anthropomor-
 13
    Zur Übersicht siehe F. M. Wuketits, Charles Dar-   phe“ Affen = Menschenaffen, einschließlich Gib-
win (1809-1882) und seine Verdienste als Natur-        bons.)
forscher außerhalb der Evolutionstheorie, Naturwis-     31
                                                           Ebd., S. 268.
senschaftliche Rundschau 62, 2009, im Druck.            32
                                                           Vgl. A. Desmond, J. Moore und J. Browne, Anm.
 14
    E. Mayr, Anm. 13, S. 16.                           12.
 15
    T. Junker und U. Hoßfeld, Die Entdeckung der        33
                                                           Vgl. R. T. Pennock, Moral Darwinism: Ethical
Evolution. Eine revolutionäre Theorie und ihre         Evidence for the Descent of Man, Biology & Phi-
Geschichte, Darmstadt 2001, S. 75. Zur Geschichte      losophy 10, 1995, S. 287-307.
des Evolutionsdenkens vor Darwin siehe auch B.          34
                                                           Ch. Darwin, Anm. 28, S. 274.
Glass, O. Temkin und W. L. Strauss (Hrsg.), Fore-       35
                                                           Vgl. z.B. V. Sommer, Darwinisch denken. Ho-
runners of Darwin 1745-1859, Baltimore 1959            rizonte der Evolutionsbiologie, Stuttgart 2007.
sowie W. Zimmermann, Evolution. Die Geschichte          36
                                                           Ch. Darwin, Anm. 28, S. 273.
ihrer Probleme und Erkenntnisse, Freiburg 1953.         37
                                                           M. Ruse, Taking Darwin Seriously: A Natura-
 16
    Ch. Darwin, Die Entstehung der Arten, Stutt-       listic Approach to Philosophy, Oxford 1986, S.
gart 1967, S. 638.                                     203. (Evolution is going nowhere – and rather
 17
    Ebd., S. 24.                                       slowly at that.)
 18
    Ebd., S. 678.                                       38
                                                           Vgl. A. Desmond, J. Moore und J. Browne, Anm.
 19
    Vgl. G. Heberer, Charles Darwin. Sein Leben        12.
und sein Werk, Stuttgart 1959.                          39
                                                           Siehe vor allem E. Mayr, Anm. 12.
 20
    Vgl. F. Fellmann, Darwins Metaphern, Archiv         40
                                                           Vgl. z.B. D. Oldroyd und I. Langham (Hrsg.),
für Begriffsgeschichte 21, 1977, S. 285-297.           The Wider Domain of Evolutionary Thought,
 21
    Vgl. F. M. Wuketits, Lob der Feigheit, Stuttgart   Dordrecht 1983; F. M. Wuketits und Ch. Antweiler
2008.                                                  (Hrsg.), Handbook of Evolution I: The Evoluti-
 22
    Vgl. F. J. Ayala, In Willam Paley’s Shadow:        on of Human Societies and Cultures, Weinheim
Darwin’s Explanation of Design, Ludus Vitalis XII      2004; Ch. Buskes, Evolutionär denken. Darwins
(21), 2004, S. 53-65.                                  Einfluß auf unser Weltbild, Darmstadt 2008.
 23
    Ch. Darwin, Anm. 16, S. 476 f.                      41
                                                           F. M. Wuketits, Charles Darwin. Der stille
 24
    Siehe auch F. M. Wuketits, Die Selbstzerstö-       Revolutionär, München 1987. Der amerikanische
rung der Natur. Evolution und die Abgründe des         Evolutionsbiologie Rose spricht, durchaus auch zu-
Lebens, Düsseldorf 1999.                               treffend, von Darwin als einem „Revolutionär wider
 25
    Vgl. F. Gregory, Darwin and the German Theo-       Willen“. Vgl. M. R. Rose, Darwins Schatten. Von
logians, in: W. R. Woodward und R. S. Cohen            Forschern, Finken und dem Bild der Welt, Stutt-
(Hrsg.), World Views and Scientific Discipline         gart 2001.
Formation, Dordrecht 1991, S. 269-278.                  42
                                                           Siehe auch A. Desmond, J. Moore und J.
 26
    Siehe auch F. M. Wuketits, (Un-)Intelligent De-    Browne, Anm. 12.
sign? Bemerkungen zur aktuellen Diskussion über         43
                                                           Vgl. Ch. Darwin, Anm. 12.
Evolution und Sinn, Aufklärung und Kritik 12 (2),       44
                                                           Ch. Darwin, Anm. 28, S. 120.
2005, S. 7-17. Warum das Konzept des intelli-           45
                                                           Ebd.
gent design keine ernsthafte Alternative zur Evolu-
tionstheorie ist, zeigt z.B. auch E. Sober, What is    Zum Autor:
Wrong With Intelligent Design, The Quarterly Re-
                                                       Prof. Dr. Franz M. Wuketits, geb. 1955,
view of Biology 82 (1), 2007, S. 3-8.
 27
    Ch. Darwin, Anm. 16, S. 676.                       lehrt Wissenschaftstheorie mit dem
 28
    Ch. Darwin, Die Abstammung des Menschen,           Schwerpunkt Biowissenschaften an der
Stuttgart 1966, S. 262.                                Universität Wien, ist Vorstandsmitglied

18                                                     Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009
des Konrad Lorenz Instituts für Evolu-
tions- und Kognitionsforschung und im
Wissenschaftlichen Beirat der Freien
Akademie sowie der Giordano-Bruno-
Stiftung. Er ist Autor zahlreicher Bücher.
Zuletzt erschienen „Der freie Wille – die
Evolution einer Illusion“(2007) und
„Lob der Feigheit“ (2008) (beide bei
Hirzel in Stuttgart). Demnächst erschei-
nen „Evolution ohne Fortschritt“ und
„Charles Darwin und die Frage nach
dem Sinn“ (beide bei Alibri in Aschaf-
fenburg).

Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009    19
Darwin ca. 1850                      Die Beagle in der Magellanstraße

                            Die Reiseroute der Beagle

 Darwins Studierzimmer in Down House                     Darwin ca. 1878

20                                         Aufklärung und Kritik, Sonderheft 15/2009
Sie können auch lesen