Bionik - Die Natur als Inspiration für technische Anwendungen - Die Natur als Inspiration für technische Anwendungen
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Delta Phi B 2020 Bionik – Die Natur als Inspiration für technische Anwendungen PAULA, AGLAS PAULA.AGLAS@AGLAS.AT Zusammenfassung Die naturwissenschaftliche Disziplin Bionik beschäftigt sich mit der Entdeckung von biologischen Phänomenen, deren zugrunde liegenden Prinzipien und deren Übertra- gung auf technische Anwendungen. Der Begriff „Bionik“ wird in dieser Arbeit geklärt und seine Bedeutung für die technische Weiterentwicklung wird aufgegriffen. In weite- rer Folge werden Teilgebiete wie Strukturbionik, Baubionik, Klimabionik, und Kon- struktionsbionik beschrieben. Auf Einsatzmöglichkeiten im Unterricht folgt ein Unter- richtseinstieg in das Thema Bionik einschließlich Begründung. 1 Was ist Bionik? und Anwendung von Konstruktionen, Verfahren und Entwicklungsprinzipien biologischer Sys- Den Begriff „bionics“ führte der amerikanische teme“. (vgl. Hill, 2006) Luftwaffenmajor Jack E. Steele 1960 erstmals Um weitere Teilgebiete der Biologie, Ökologie offiziell auf dem ersten Bionics Symposium zum und Soziobiologie einzubinden, wurde diese Thema „Living Prototypes“ in Ohio ein. Er ist Definition in den darauffolgenden Jahren um eine Verbindung aus dem griechischen Wort folgenden Satz erweitert: „Dazu gehören auch „bios“ (=Leben) und dem Suffix „ionics“ Aspekte des Zusammenwirkens belebter Teile (=Studium von…). Im deutschsprachigen Ge- und Systeme sowie die wirtschaftlich- brauch wird das Kunstwort „Bionik“ als eine technische Anwendung biologischer Organisati- Morphologie zwischen „Biologie“ und „Technik“ onskriterien“. (vgl. Nachtigall, 1998) beschrieben. (vgl. Hill, 2006; Küppers, 2015) Bionik als Lernen von der Natur für technische Die Vorgehensweise in der Bionik entspricht Lösungen ist nicht neu. Frühe Ansätze eines dem Leitsatz von Max Planck: „Dem Anwenden bionischen Gedankengangs sind vor dem Hin- muss das Erkennen vorausgehen“. Eine bioni- tergrund des Traums vom Fliegen entstanden. sche Anwendung erfolgt in folgenden vier Teil- Bereits Leonardo da Vinci entwarf im 15. Jahr- schritten: hundert auf Basis seines Werks „Il codice sul 1. Entdeckung eines biologischen Phänomens volo degli uccelli“ (= Kodex über den Vogelflug) 2. Verständnis des zugrunde liegenden Prinzips Flugmaschinen. In den 1890er Jahren entwi- 3. Übertragung des natürlichen Prinzips auf ckelte Otto Lilienthal nach langen Beobachtun- technische Fragestellungen gen des Storchenflugs erfolgreiche Gleitflieger. 4. Erfindung eines technischen Anwendungs- Die Erfindung des Stacheldrahts ist ebenfalls prozesses Resultat bionischen Denkens. Der Osagedorn (vgl. Hill, 2006; Rüter, 2008) hält durch seine dornenbesetzten Zweige Vieh auf vorgegebenen Plätzen und wurde aus Draht von Michael Kelly 1868 nachgebaut. (vgl. Oertel, Bionik ist somit eine grenzübergreifende Diszip- lin, die Ergebnisse von Grundlagenforschung Grunwald, 2006) weiterentwickelt und für eine technische An- wendung anpasst. Vorbilder aus der Natur wer- 2 Teilgebiete der Bionik den wahrgenommen, jedoch nicht exakt kopiert. Um sich Mechanismen zu Nutze zu machen, So vielfältig die Vorbilder aus der Natur sind, so müssen sie zuerst bis ins kleinste Detail ver- vielfältig sind auch die Einsatzmöglichkeiten standen und an die technischen Fragestellungen der Bionik. Zwischen den verschiedenen Teilbe- angepasst werden. (vgl. Hill, 2006) reichen der Bionik sind Überlappungen wahr- nehmbar und in Zukunft werden sich mit hoher Im Jahr 1993 wurde folgende Definition vom Wahrscheinlichkeit weitere Untergliederungen VDI, Verein Deutscher Ingenieure, festgelegt: von Bionik als zielführend erweisen. „Bionik als Wissenschaftsdisziplin befasst sich systematisch mit der technischen Umsetzung 1
Bionik – Die Natur als Inspiration für technische Anwendungen AGLAS Die Strukturbionik untersucht, beschreibt und stets dem Prinzip von höchster Stabilität und vergleicht biologische Strukturelemente. Zu- geringstem Energie- und Materialaufwand. (vgl. sätzlich werden unkonventionelle Materialien Hill, 2006; Rüter, 2009) auf Eignung für technische Anwendungen getes- tet. (vgl. Hill, 2006; Rüter, 2008) Ziegelsteine mit bienenwabenförmigen Löchern sparen Material ein, ohne die Statik des Gebäu- Zur Strukturbionik gehört unter anderem eines des zu verschlechtern. Das Gewicht reduziert der bekanntesten Phänomene in der Bionik, der sich um 40 Prozent zu herkömmlichen Ziegeln, Lotuseffekt. Dieser Effekt bezeichnet die Selbst- was bereits Transportkosten spart. Die Hohl- reinigung der Blätter der Lotuspflanze, die aus räume sind mit Luft gefüllt und sorgen somit für einer wasserabweisenden Schicht und dem einen guten Schall- und Wärmeschutz. Ein wei- Oberflächenparadoxon resultiert. Lange Zeit terer erwünschter Nebeneffekt ist, dass die gingen Wissenschaftler davon aus, dass nur Hohlräume Platz für das Verlegen von Leitun- besonders glatte Flächen sauber sind. Jedoch gen bieten. (vgl. Rüter, 2009) genau das Gegenteil ist der Fall. Die Blätter der Lotuspflanze sind mit einer Wachsschicht über- zogen, die unterschiedlich große röhrenförmige Kristalle im Bereich von 200 Nanometern bis zwei Millimetern bildet. Ein Wassertropfen bil- det aufgrund seiner Eigenschaften als Dipol die energetisch günstigste Form, eine Kugel, bei der das Volumen am größten und die Oberfläche am geringsten ist. Fällt ein kugelförmiger Wasser- tropfen auf die Wachsschicht, berührt er nur die Spitzen der Kristalle und somit beträgt die Kon- taktfläche 0,7 Prozent. Durch die äußerst gerin- Abb. 2 – Bienenwaben (nach Rüter, 2008) ge Kontaktfläche ist die Adhäsionskraft zwi- schen Blatt und Tropfen sehr gering. Rollt nun Die Klimabionik beschäftigt sich mit passiver ein Wasserstropfen über einen Schmutzpartikel Belüftung, Kühlung und Heizung. Hierzu zählen ist die Adhäsionskraft zwischen Tropfen und die ideale Ausrichtung von Bauten zu Sonne und Schmutz größer als die zwischen Schmutzparti- Wind, Dachformen, Unterkellerung und Luftfüh- kel und Blatt, wodurch der Wassertropfen den rung genauso wie die Luftumwälzung nach Art Schmutz mit abtransportiert (siehe Abb. 1). (vgl. der Termitenbauten. Durch die technische Ein- Hill, 2006; Rüter, 2008) bettung dieser Phänomene in moderne Gebäude könnte ein Großteil der Energie zur elektri- schen Kühlung und Heizung gespart werden. (vgl. Hill, 2006) Präriehunde bauen einen ihrer beiden Ausgän- ge kaminartig erhöht, während der andere niedrig bleibt. Sie nutzen den Effekt, dass der Wind über den erhöhten Ausgang strömt und dort einen Unterdruck erzeugt, wodurch Ver- dunstungskühle in das unterirdische Höhlensys- tem zieht und es durchlüftet. Über Jahrhunderte Abb. 1 – Lotuseffekt (nach Hill, 2006) wurde im mittleren Osten das System eines Kühlturms verwendet. Die Luft wurde zusätz- In der Baubionik werden biologische Leicht- lich über ein Wasserbecken geführt, um die bauten wie Seilkonstruktionen von Spinnennet- Kühlung zu verstärken (siehe Abb. 3). (vgl. Hill, zen, Membran- und Schalenkonstruktionen ge- 2006) nauso wie optimale Flächennutzung von Bie- nenwaben (siehe Abb. 2) studiert. Weiters be- inhaltet die Baubionik die Rückbesinnung auf traditionelle Baumaterialien wie Ton und die Abstimmung von einzelnen Wohnelementen in der Gesamtfläche. Natürliche Bauten folgen 2
Bionik – Die Natur als Inspiration für technische Anwendungen AGLAS Strömungsanpassung von Körperformen, die Oberflächengestaltung und der Antriebsmecha- nismus von Bewegungsorganen stehen im Vor- dergrund. Für die Karosserieform besonders effizienter Fahrzeuge, dient der außerordentlich strömungsförmige Körper eines Pinguins als Vorbild. (vgl. Hill, 2006; Träger, 2014) Die Oberflächenrauigkeit von Haien reduziert beispielsweise ihren Strömungswiderstand. Der Hai ist am ganzen Körper mit Schuppen besetzt. Abb. 3 – Konstruktion eines Kühlturms mit Wenn von vorn nach hinten über den Haikörper Wasserbecken (nach Hill, 2006) gestrichen wird, fühlt er sich glatt an. Beim Streichen in die Gegenrichtung wird sie als rau In der Konstruktionsbionik werden Konstruk- empfunden. Bei den Haischuppen handelt es tionselemente und Mechanismen aus biologi- sich um Schuppenzähne aus Dentin. Diese ver- schen und technischen Bereichen verglichen. Im fügen über eine Rillenstruktur, die so angeord- Fokus liegt der Beitrag einzelner Elemente zur net ist, dass sie sich über den ganzen Körper Funktion eines Ganzen, wie beispielsweise un- erstreckt. Durch die Schuppen wird der Ober- konventionelle Materialeigenschaften. Nach flächenwiderstand bei schnellem Schwimmen dem Prinzip der statischen Verhakung, wie es geringer. Die Rillen erzeugen viele kleine Was- bei Kletten oder bei Würmern ausgebildet ist, serwirbel, die die seitlich gerichteten Kräfte der wurden bereits eine Vielzahl von unterschiedli- turbulenten Strömung verringern und die chen Klettbändern entwickelt. (vgl. Hill, 2006; Bremswirkung reduzieren (siehe Abb. 5). Die Rüter, 2008) Hautschuppen sind beweglich und verhindern somit, dass sich Fremdkörper wie Seepocken- Den ersten Klettverschluss ließ sich George de larven oder Muscheln festsetzen. Ein Bootsan- Mestral 1948 patentieren. Eine Seite des Ver- strich, der nach diesem Vorbild entwickelt wur- schlusses ist mit Schlaufen besetzt, die andere de, weist den sogenannten „Antifouling- Effekt“ mit Widerhaken. Wenn die beiden Seiten aufei- auf, der den Schiffsrumpf frei von Meeresorga- nander gedrückt werden, haften diese aneinan- nismen hält. der (siehe Abb. 4). Bei diesem Modell nützt sich (vgl. Rüter, 2008; Rams, Schlößer, 2016) jedoch der Verschluss durch Ausreißen der Häkchen schnell ab, was den Anstoß zur Wei- terentwicklung gab. Heute sind meist auf beiden Seiten Schlaufen und Häkchen angebracht, wodurch der Verschluss langlebiger ist. (vgl. Hill, 2006) Abb. 5 – Haischuppen (nach Hill, 2006) Der Anthropobionik werden die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Robotik und der Bereich der Mensch-Maschinen-Interaktion zugeordnet. Die Idealkonfiguration eines Fahr- Abb. 4 – Klettverschluss (nach Metz, 2011) rads, mit dem mit hoher Muskeleffizienz gefah- ren werden kann, die bedienungsfreundliche In die Bewegungsbionik fallen Beobachtungen Gestaltung eines Cockpits und die Entwicklung der Hauptbewegungsformen im Tierreich wie von Greifarmsteuerungen gehören dazu. Eine Laufen, Schwimmen und Fliegen hinein. Die wichtige Basis dieses Teilgebiets ist die Be- 3
Bionik – Die Natur als Inspiration für technische Anwendungen AGLAS obachtung der Interaktion des Menschen mit reichen ist naturwissenschaftlich-technisches seiner Umgebung. (vgl. Hill, 2006) Denken unumgänglich. In der Bionik werden Erkenntnisse aus der Biologie in die Technik Sensorik ist die Gesamtheit aller Sinnesorgane übertragen, wodurch sich speziell für den fä- von Lebewesen. Die Sinnesorgane nehmen Rei- cherübergreifenden Unterricht viele Möglich- ze aus der Umgebung auf und leiten sie zur Ver- keiten zur lebendigen Unterrichtsgestaltung arbeitung weiter. Für den Menschen wahr- auftun. (vgl. Rüter, 2015) nehmbare Reize sind entweder visuell, haptisch, Beim entdeckenden Lernen lösen Schüler_innen akustisch, olfaktorisch, oder gustatorisch. Hinzu mit Hilfe ihrer eigenen Kreativität und ihres kommen der Temperatursinn, der Gleichge- Ideenreichtums technische Fragestellungen. Der wichtssinn, die Tiefensensibilität und das Lernstoff wird ihnen nicht präsentiert, sondern Schmerzempfinden. In der Tierwelt finden sich von ihnen entdeckt. Die Lernenden lernen das noch einige weitere Sinne wie der Magnetsinn, Prinzip von Ursache und Wirkung kennen. Beim durch den das Erdmagnetfeld wahrgenommen Experimentieren und Erforschen von Natur- wird. Sensorbionik untersucht Mechanismen phänomenen soll der Aspekt der Nachhaltigkeit, zur Aufnahme, Weiterleitung, Verarbeitung und wie der Umgang mit Rohstoff- und Energieres- Speicherung von chemischen und physikali- sourcen mit einbezogen werden. (vgl. Rüter, schen Reizen sowie Ortung und Orientierung in 2015) der Umwelt. Tasthaare von Katzenartigen wer- den technisch nachgebaut und beispielsweise 4 Einstieg in das Thema „Bionik“ an Erkundungsrobotern befestigt. (vgl. Rüter, 2008) Die Miura-Faltung Die Neurobionik beschäftigt sich mit der Funk- Faltstrukturen gehören zur Baubionik. Sie tre- tion von Neuronen und Nervensystemen als ten in der Natur häufig auf, beispielsweise bei ganze Einheiten, um die Ergebnisse auf elektro- Palmblättern oder bei der Faltung von Blättern nische Informationssysteme zu übertragen. Dies innerhalb Knospen wie bei Blüten und Laub- beinhaltet die Entwicklung sogenannter „Neu- baumblättern. Faltbare Insektenflügel fallen ronaler Schaltkreise“ in der Technik. (vgl. Hill, ebenfalls in diese Kategorie. In den 1970er Jah- 2006; Rüter, 2008) ren entwickelte der japanische Physiker Koryo Miura eine spezielle Falttechnik und nahm sich 3 Bionik in der Schule dabei das Blatt der japanischen Hainbuche zum Vorbild. Angepeilt wurde ein Verwendungs- In mehreren Unterrichtsfächern wird versucht zweck in der Raumfahrt und ein extremes die Umwelt und die darin auftretenden Ereig- Leichtbau-Design (siehe Abb. 7). Um Faltkon- nisse mit unterschiedlichen Methoden zu be- struktionen stabil und beweglich zu gestalten schreiben und zu ergründen. Die Einsichten, die sind X-förmige Falze, die auch die Rolle von vermittelt werden, stehen meist für sich. linearen Gelenken übernehmen, eine spiegel- Der_die Schüler_in kann üblicherweise nicht symmetrische Anordnung von Flächen um eine erkennen, wie sich Mathematik, Physik, Chemie, Falz herum und eine ausschließlich in den Ebe- Biologie und die Geistes- und Sprachwissen- nen der Fläche wirkende Belastung notwendig. schaften zu einem großen Ganzen zusammenfü- Die Faltflächen werden so kombiniert, dass gen. Bionik verbindet Physik, Biologie und auch Nachbarflächen antagonistische Bewegungen Chemie und kann so zu einer grenzübergreifen- ausführen und dadurch wie steife Rahmen funk- den Verzahnung führen, die absolut prägend tionieren, um das mechanische Verhalten der sein kann. (vgl. Nachtigall, 1998) Faltstruktur kontrollieren zu können. So wer- den Flächen nur in ihrer eigenen Ebene belastet Durch Beobachten und Entdecken von Natur- und Verformungen werden vermieden. Miuras phänomenen werden Naturvorgänge für Schü- Entdeckung bietet aufgrund repetitiver Anord- ler_innen verständlicher. Durch eine experi- nung von Flächenelementen eine Möglichkeit, mentelle Herangehensweise an technische Fra- die Konstruktion auf einmal in drei Raumrich- gestellungen wird das Interesse der Lernenden tungen zu öffnen und wieder in ein Faltpaket für biologische Phänomene geweckt. Bionik zusammenzuschieben. Im Gegensatz dazu erfol- erweist sich als Schlüsselprinzip im Bereich gen bei herkömmlicher Faltung von Plänen oder Wissenschaft und Technik. In vielen Lebensbe- Briefen die Faltvorgänge nacheinander. Die ein- 4
Bionik – Die Natur als Inspiration für technische Anwendungen AGLAS zelnen Flächen sind als kinematische Ketten • Hat die Betrachtung des Blatts beim gekoppelt. Eine solche Faltfläche lässt sich zweiten Versuch geholfen, die Kriterien durch einfachen Zug oder Druck entlang der besser zu erfüllen? Wenn ja, wie? Diagonalen auf- und wieder zusammenfalten. • Welche Einsatzmöglichkeiten im Alltag (vgl. Nachtigall, 2013) und in der Technik eröffnet die Miura- Faltung? Das Prinzip entdecken In weiterer Folge wird der Zusammenhang zwi- Um entdeckend in das Thema „Bionik“ einzu- schen Hainbuchenblatt und Miura-Faltung er- steigen, ist die Miura-Faltung gut geeignet, da klärt. Der Begriff „Bionik“ wird eingeführt und als Material DIN A4 Papier gebraucht wird und die Funktionsweise einer bionischen Anwen- die Schüler_innen die Faltung selbst ausprobie- dung erklärt. Sehr bedeutsam ist der Aspekt, ren können. Hierbei wirkt der Aspekt des ent- dass Bionik nicht eine exakte Übertragung der deckenden Lernens. Biologie auf die Technik ist. In dem zuvor durchgeführten Versuch wird klar ersichtlich, Jede_r Schüler_in bekommt im ersten Schritt dass die Hainbuche nur als Vorbild gilt. Das den Auftrag, in fünf Minuten ein Blatt Papier so Prinzip musste erforscht und verstanden wer- klein wie möglich zusammen zu falten. Als zu- den, um die raffinierte und platzsparende Falt- sätzliche Bedingung soll das gefaltete Papier in technik entwickeln zu können. so wenig wie möglich Handgriffen wieder ent- faltet und erneut in die Faltung gebracht wer- Durch selbstständiges Beobachten und Entde- den. Die Ergebnisse werden kurz besprochen. cken kann die Grundlage der Bionik verstanden werden und in Erinnerung bleiben. Nun bekommt jede_r einzelne als Anregung eine offene Knospe und ein Blatt der Hainbuche zur Bionik fällt in den Bildungsbereich „Natur und Betrachtung. Sie erhalten erneut ein Blatt Pa- Technik“ der fächerübergreifend wirkt. Im Un- pier und sollen den Versuch wiederholen. Die terrichtsfach Physik wird der Begriff „Bionik“ Ergebnisse werden wiederum kurz besprochen im Lehrplan nie explizit erwähnt. Das Thema- und mit dem ersten Versuch verglichen (siehe kann jedoch beinahe passend zu jedem The- Abb. 6). menbereich im Physikunterricht in jeder Schul- stufe unterrichtet werden. Im Lehrplan für das Unterrichtsfach „Werkerziehung“ findet sich der Begriff Bionik im Abschnitt für die Oberstufe als Beitrag zu den Bildungsbereichen. (vgl. RIS, 2020) Abb. 6 – Knospe und Blatt einer Hainbuche (nach Rüter, 2009) Im Anschluss daran wird die Anleitung für die Miura-Faltung ausgeteilt (siehe Abb. 7). Die Faltung des letzten Blatt Papiers nach Anleitung wird nun gemeinsam mit der Lehrperson durchgeführt. Folgende Fragen werden an die Klasse gestellt und die Antworten an der Tafel gesammelt: • Wie verändern sich die Eigenschaften des Papiers nach der Faltung? 5
Bionik – Die Natur als Inspiration für technische Anwendungen AGLAS Miura-Faltung Material: 1 DIN A4-Blatt Papier 1. Ein DIN A4-Blatt Papier wird in Längsrichtung in fünf gleich breite Streifen, so wie eine Ziehharmonika gefaltet. 2. Der zusammengefaltete Papierstreifen wird schräg gefaltet und die diagonal gegenüberliegenden Ecken sollen daraufhin nebeneinander liegen. 3. Parallel zur unteren Faltlinie wird der obere Teil von Ecke zu Ecke abgeschnitten. 4. Ebenfalls parallel zur mittleren Falte wird der Streifen so gefaltet, dass acht gleich große Parallelogramme entstehen. 5. Jede Falte wird auch in die Gegenrichtung gefaltet. 6. Das Papier wird geöffnet und die acht Faltspalten werden abwechselnd als Talfalte nach unten (1, 3, 5, 7) und als Bergfalte nach oben (2, 4, 6) gefaltet. 7. Die Reihen werden abwechselnd nach rechts (A, C) und links (B, D) gefaltet während gleichzeitig die Konstruktion zusammengeschoben wird. 8. Die Ecken, die sich diagonal gegenüberstehen, werden geschoben und gezogen um das Paket zu falten und entfalten. Quelle: Belzer, S. (Hrsg.): Bionik-Sigma Education. Darmstadt: Corporate- und Web-Design: Bionik Sigma + designeon-Büro für Gestaltung. Bezogen unter: http://education.bionik-sigma.de Abb. 7 – Arbeitsblatt: Anleitung zur Miura-Faltung (nach Belzer) 6
Bionik – Die Natur als Inspiration für technische Anwendungen AGLAS 5 Zusammenfassung Rüter, M. (2015): Bionik in der Schule. Bezogen unter: https://www.martina-rüter.de/text-fachtexte- naturwissenschaften/bionik/bionik-in-der-schule/ Bionik bringt die Erkenntnisse, die aus den (Letzter Zugriff: 22.02.2020) Phänomenen der Natur gewonnen werden, in Träger, C. (2014): Ohne die Natur wäre die Technik aufge- einen technischen Kontext. Diese Disziplin be- schmissen. Welt. Bezogen unter: https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article12632 schäftigt sich damit, Mechanismen aus der Na- 4380/Ohne-die-Natur-waere-die-Technik- tur zu verstehen und dadurch technische Ver- aufgeschmissen.html besserungen und Neuerungen für die Zukunft (Letzter Zugriff: 22.02.2020) zu entwickeln. Die Natur schafft bei minimalem Material- und Energieeinsatz optimale Struktu- ren und recycelt diese an ihrem Lebensende vollständig. Von einem Stoffkreislauf wie die- sem sind selbst modernste technologische Ent- wicklungen zum jetzigen Zeitpunkt weit ent- fernt. (vgl. Rüter, 2006) Fächerübergreifender Unterricht eignet sich ideal für die Thematik der Bionik. Die Zusam- menarbeit von Physik, Biologie und Chemie, genauso wie ethische Fragen, bilden eine Basis für lebensnahe und lehrreiche Schulstunden. 6 Literatur Belzer, S. (Hrsg.): Bionik-Sigma Education. Darmstadt: Corporate- und Web-Design: Bionik Sigma + designeon- Büro für Gestaltung. Bezogen unter: http://education.bionik-sigma.de (Letzter Zugriff: 22.02.2020) Hill, B. (Hrsg.) (2006): Bionik. Lernen von der Natur. Natur. Mensch. Technik. Berlin: DUDEN PAETEC GmbH Küppers, E. W. U. (2015): Systemische Bionik. Impulse für eine nachhaltige gesellschaftliche Weiterentwicklung. Wiesbaden: Springer Vieweg Metz, M. (Hrsg.) (2011): Bionik (2). Eine Sache mit Haken und Ösen- Der Klettverschluss. Freiburg: Lehrerfreund GmbH. Bezogen unter: https://www.lehrerfreund.de/technik/1s/bionik-2- Eine-Sache-mit-Haken-und-oesen-der- Klettverschluss/3856 (Letzter Zugriff: 15.12.2019) Nachtigall, W. (1998): Bionik. Grundlagen und Beispiele für Ingenieure und Naturwissenschaftler. Berlin Heidel- berg: Springer Verlag Nachtigall, W., Pohl G. (2013): Bau-Bionik.Natur- Analogien-Technik. 2. neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Berlin Heidelberg: Springer Verlag Oertel, D., Grunwald, A. (2006): Potenziale und Anwen- dungsperspektiven der Bionik. Vorstudie. Forschungs- zentrum Karlsruhe in der Helmholtz-Gemeinschaft Rams, S., Schlößer, T. (2016): Bionik. Planet Wissen. For- schung. Bezogen unter: https://www.planet- wissen.de/natur/forschung/bionik/index.html (Letzter Zugriff: 22.02.2020) Rechtinformationssystem des Bundes (RIS) (2020): ge- samte Rechtvorschrift für Lehrpläne – allgemeinbilden- de höhere Schulen, Fassung 23.02.2020. Bezogen unter: https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrag e=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10008568 (Letzter Zugriff: 23.02.2020) Rüter, M. (2008): Bionik. München: Compact Verlag Rüter, M. (2009): Projektmappe Biologie. Bionik. Mühl- heim an der Ruhr: Verlag an der Ruhr 7
Sie können auch lesen