Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein

                                                                                      Peter Kunze

          Die konfessionelle Konfrontation und der Gegensatz der europäischen Mächte führten 1618
          zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Er weitete sich von einem religiösen zu einem poli-
          tischen Kampf um die Vormacht in Europa aus. Bis auf die Eidgenossenschaft waren weite Ge-
          biete am Oberrhein von schweren Zerstörungen und einem dramatischen Bevölkerungsverlust
          betroffen. Erst nach dem Westfälischen Frieden 1648 und den Eroberungskriegen Frankreichs
          begann am Oberrhein eine längere Friedensperiode.

               Historischer Zusammenhang                  Berg und wurde vertrieben. Böhmen wurde
                                                          nun gewaltsam rekatholisiert.
      Der sich verschärfende konfessionelle Ge-
      gensatz zwischen Katholiken und Protes-
      tanten und die gleichzeitigen Kämpfe um die
      Vormacht im Reich und in Europa wurden
      im Dreißigjährigen Krieg auf unterschiedli-
      chen Ebenen und in einem bis dahin unge-
      kannten Gewaltexzess ausgetragen. So stan-
      den sich am Oberrhein bereits seit 1608 die
      Protestantische Union – mit Baden-Durlach,
      der Kurpfalz, Württemberg sowie der Stadt
      Straßburg – und die Katholische Liga – mit
      den Hochstiften Straßburg, Konstanz und
      Speyer – als hochgerüstete Machtblöcke ge-
      genüber.
         Als zehn Jahre danach der König von Böh-
      men, der spätere Kaiser Ferdinand II., die Re-
      formation auf seinen Territorien rückgängig
      machen wollte, kam es zur Revolte protestan-
      tischer Adliger (Prager Fenstersturz am 23.
      Mai 1618) und zur Neuwahl eines Gegenkö-
      nigs, des calvinistischen Kurfürsten Fried-
      rich V. von der Pfalz, auch bekannt als der                   Reiterbildnis des badischen Markgrafen
      »Winterkönig«. Doch schon 1620 unterlag                                  Georg Friedrich (1573–1638)
      dieser dem Kaiser in der Schlacht am Weißen                      (Dreiländermuseum Lörrach, GrPG 6)

       334        Peter Kunze                                                      Badische Heimat 2 / 3, 2020

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
Anschließend verlagerte sich der Krieg von     (1635) zwischen dem Kaiser und den Reichs-
             Böhmen nach Südwestdeutschland (Böh-              ständen einbezogen worden waren, verbün-
             misch-Pfälzischer Krieg). Hier stellte sich       dete sich das katholische Frankreich mit dem
             Markgraf Georg Friedrich von Baden-Dur-           protestantischen Schweden gegen den Kai-
             lach, ein überzeugter Lutheraner und verblie-     ser. So wütete der verheerende Krieg auch am
             bener Bündnispartner des Pfälzers, den Trup-      Oberrhein noch über zehn Jahre weiter.
             pen der Katholischen Liga unter General Tilly
             entgegen. Nach der vernichtenden Niederlage
             bei Wimpfen/Neckar am 6.5.1622 musste Ge-                            Der Krieg im Elsass
             org Friedrich ins Straßburger Exil fliehen.
             Nach seinem Tod 1638 trat sein ältester Sohn      Schon ab 1580 wurde das Unterelsaß zum
             Friedrich V. das schwere Regierungserbe an.       Zentrum der Rekatholisierung. Beginnend
                Inzwischen hatte die Katholische Liga un-      mit der Ansiedlung von Jesuiten in Molsheim
             ter ihrem Feldherrn Albrecht von Wallen-          (Moltzen) wollten die Habsburger ihre Macht
             stein weite Teile des Reiches bis hoch zur Ost-   auch am Oberrhein gezielt ausbauen. Vor al-
             see erorbert. Als Kriegsunternehmer finan-        lem Erzherzog Leopold V. von Österreich-
             zierte Wallenstein seine 50 000 Söldner aus       Tirol – von 1607 bis 1626 selbst Bischof von
             Raubzügen in den besetzten Gebieten. Nun-         Straßburg – ging massiv gegen die protestan-
             mehr selbst auf dem Höhepunkt der Macht,          tischen Universitäten von Straßburg und Ba-
             rief Ferdinand II. zum »Kreuzzug« gegen die       sel vor.
             Protestanten auf. Mit dem sog. Restitutions-         Dieser gegenreformatorischen Politik
             edikt machte er 1629 deren Anerkennung            stellte sich seit 1608 die Protestantische Union
             durch den Passauer Vertrag von 1552 rück-         entgegen. Im Zuge des Jülich-Klevischen Er-
             gängig, eine massive Bedrohung auch für           folgestreites zwischen Kaiser Rudolf II. und
             die erst 1556 in Baden-Durlach eingeführte        den sog. »possedierenden« Fürsten Wolf-
             Reformation. Doch nach seiner Landung in          gang Wilhelm von Pfalz-Neuburg und Jo-
             Vorpommern begann dann Schwedens König            hann Sigismund von Brandenburg, kam es
             Gustav Adolf als »Erlöser der Protestanten«       dabei zur militärischen Auseinandersetzung
             einen Eroberungszug durch das Reich. Unter        auf dem Territorium des Bistums Straßburg.
             den schweren Kriegsgräueln, die von beiden        So rückten im März 1610 Truppen des Her-
             Seiten begangen wurden, grub sich vor allem       zogs Johann Friedrich von Württemberg,
             die Zerstörung der mit Schweden verbünde-         des Markgrafen Georg Friedrich von Baden-
             ten Stadt Magdeburg durch Truppen der Liga        Durlach und Pfalzgrafen Philipp Ludwig von
             (»Magdeburger Hochzeit« 1631) tief ins kol-       Pfalz-Neuburg-Zweibrücken unter dem Kom-
             lektive Gedächtnis der Menschen ein. Nach         mando von Markgraf Joachim Ernst zu Bran-
             dem unerwartet frühen Tod Gustav Adolfs in        denburg-Ansbach ins Elsass ein.
             der Schlacht bei Lützen am 16.11.1632 wollte         Die Belagerung und Eroberung der mit ca.
             Wallenstein einen Frieden mit Schweden aus-       300 kaiserlichen Soldaten besetzten Festung
             handeln, wurde aber vom Kaiser geächtet und       Dachstein am 4. Juni 1610, die zwei Tage da-
             1634 von kaisertreuen Offizieren in Eger er-      nach erfolgende Eroberung Mutzigs sowie
             mordet. Nachdem ausländische Mächte nicht         die Belagerung und Eroberung der Garnison
             in die Verhandlungen zum sog. Prager Frieden      Molsheim am 8.7.1610 zählten zu den siegrei-

              Badische Heimat 2 / 3, 2020                            Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein        335

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
Belagerung und Einnahme der Stadt Molsheim durch die Truppen des Markgrafen Joachim Ernst von
                                       Brandenburg-Ansbach am 8.7.1610 (Dreiländermuseum Lörrach, GrGeXII 6)

       chen Aktionen der protestantischen Unions-             ein, verwüstete das Hochstift Speyer und be-
       truppen.                                               setzte Hagenau. Nachdem es ihm aber nicht
          Im »Vergleich von Willstädt« am 24.8.1610           gelang, im Elsass ein eigenes Fürstentum zu
       konnte Erzherzog Leopold das Territorium               begründen, legten die Truppen des Mans-
       des Hochstifts Straßburg im Elsass wieder-             felders weite Teile des Landes in Schutt und
       erlangen. Allerdings mussten sowohl die                Asche, bevor sie 1622 über Lothringen in die
       erzherzoglichen als auch die unierten Trup-            Niederlande abzogen. Diese Verlagerung des
       pen das Elsass wieder räumen. Dagegen keh-             Krieges nach Norden entlastete das Elsass je-
       ren die zunächst vertriebenen Jesuiten nach            doch nur für kurze Zeit vom unmittelbaren
       Molsheim zurück und begründeten dort 1617              Kriegsgeschehen.
       eine Jesuitenakademie mit eigenem Promoti-                Nachdem Straßburg schon 1621 aus der
       onsrecht.                                              Protestantischen Union austrat, erhielt die
          Nach der Niederlage am Weißen Berg                  schon 1566 gegründete Akademie die Eigen-
       (1620) fiel Graf Ernst von Mansfeld, der Par-          schaft einer Volluniversität mit allen Privile-
       teigänger des geschlagenen »Winterkönigs«              gien. Entgegen dem kaiserlichen Restitutions-
       Friedrich V. von der Pfalz, erneut ins Elsass          edikt von 1629 verhinderte danach die starke

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
politische und wirtschaft liche Stellung Straß-   weitreichende territoriale und strategische
             burgs, dass die Stadt zum katholischen Got-       Folgen.
             tesdienst im Münster zurückkehren und die            So besetzte der jetzt im Dienst Ludwigs
             Kirchengüter zurückgeben musste.                  XIV. stehende lutherische Feldherr Bernhard
                Nach dem Sieg der Schweden über die Trup-      von Sachsen-Weimar 1635 weite Teile des
             pen Tillys am 7.9.1631 bei Breitenfeld schlos-    Elsass. Er hatte bereits 1622 in Wimpfen gegen
             sen sich weitere Reichsfürsten den Schweden       die Katholische Liga und den Kaiser gekämpft
             an, auch Frankreich sicherte Schweden Un-         und war in Nördlingen vernichtend geschla-
             terstützung zu. Erneut kam es zu kaiserlichen     gen worden. 1638 eroberte er u. a. Rheinfel-
             Truppenbewegungen im Elsass, gegen die sich       den, Rötteln, Freiburg i. Br. und schließlich
             Straßburg 1632 unter schwedischen Schutz          Breisach. Nach Bernhards ungeklärtem Tod
             stellte. Die anschließende Besetzung des ge-      in Neuenburg fielen die ihm eroberten Fes-
             samten Elsass durch schwedische Truppen           tungen 1639 an Frankreich.
             führte dann zum Zusammenbruch und zur                Im Westfälischen Frieden 1648 musste
             Flucht der vorderösterreichischen Regierung       Habsburg schließlich alle Rechte und Besit-
             in Ensisheim. Jetzt waren es die Schweden, die    zungen im Elsass an Frankreich abtreten, ein-
             die linksrheinischen Gebiete ausplünderten.       schließlich der unterhalb der Landeshoheit
                Der unerwartete Tod des schwedischen           liegenden Vogteirechte über die Dekapolis
             Königs Gustav Adolf in der Schlacht bei Lüt-      und andere Orte. Dabei handelte es sich um
             zen im November 1632 leitete dann das Ende        letztlich unbestimmte landesherrliche Rechte,
             der schwedischen Vormachtstellung auch            was in der Folge zu einer unklaren Rechts-
             am Oberrhein ein. Schon 1633 marschierte          lage und fortwährenden Konflikten zwischen
             die Armee des Herzogs von Feria ins Ober-         Frankreich und den ehemaligen Reichsstäd-
             elsass ein, um den spanischen Habsburgern         ten im Elsass führte.
             wieder einen ungehinderten Landweg für
             ihre Truppen und Gelder von Norditalien
             aus entlang des Rheins in die Niederlande                        Das Elsass nach 1648
             zu eröff nen.
                All dies rief Frankreichs König Ludwig XIV.       Nach dem Westfälischen Frieden kam es
             auf den Plan, der sich nun auf den Rat seines     ab 1680 zu weiteren Eroberungen im Rah-
             Kardinals Richelieu hin zum »Schutzherr« der      men der französischen Reunionspolitik. Es
             protestantischen und katholischen Gebiete         wurden Reunionskammern eingerichtet, die
             im Elsass erklärte und gleichzeitig den Aus-      die «Wiedervereinigung» der elsässischen
             bau der französischen Positionen bis an den       und anderer nicht-französischer Gebiete un-
             Rhein heran forcierte.                            ter dem Dach Frankreichs legitimieren soll-
                Die Niederlage der Schweden gegen die kai-     ten. Protestantische Gebiete im Elsass kamen
             serlichen Truppen in der Schlacht bei Nörd-       nun erneut unter den Einfluss der katholi-
             lingen (1634) beendete dann die schwedi-          schen Kirche. Im Rahmen der Reunionspoli-
             sche Herrschaft im Elsass, allerdings hatte       tik wurde auch Straßburg 1681 durch Frank-
             der nachfolgende Prager Frieden (1635) und        reich besetzt. Ludwig XIV. kam dabei die mi-
             der aktive Eintritt Frankreichs in den Krieg      litärische Schwäche Kaiser Leopolds I. zugute,
             an der Seite der geschwächten Schweden dort       der in Wien durch den Abwehrkampf gegen

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
Friedrich Kaiser: Einzug Ludwigs IX. in Straßburg nach der Annektierung im Jahre 1681
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      die Türken gebunden war. Angesichts der                       weiterhin herrschte in Straßburg Religions-
      Bedrohung durch französische Truppen be-                      freiheit, doch wurde das bis dahin protestan-
      mühte sich daher der Straßburger Stettmeis-                   tische Münster jetzt wieder zur Kathedrale
      ter Johann Georg von Zedlitz vergeblich um                    des Straßburger Bischofs. Ebenso förderte
      Hilfe aus dem Reich. Um unnötiges Leid zu                     man den Bau neuer Klöster und unterstützte
      vermeiden übergab er am 30. September 1681                    auch aktiv die Mission der Jesuiten in Straß-
      die Stadt Straßburg an den französischen                      burg. Dagegen durfte die lutherisch geprägte
      Generalleutnant und Militärgouverneur des                     Universität Straßburgs weiterbestehen. Auch
      Elsass, Joseph de Montclar. Straßburg wurde                   der Widerruf des Edikts von Nantes (1585)
      besetzt, die Bürgerschaft entwaff net, das                    durch das Edikt von Fontainebleau (1685) –
      Zeughaus übernommen und eine Zitadelle                        und damit das Verbot des Protestantismus in
      zur Sicherung der französischen Herrschaft                    Frankreich – fand im Elsass und in Straßburg
      in der Stadt angelegt.                                        keine Anwendung. Aufgrund dieser Freihei-
         Trotz dieser Annexion sicherten besondere                  ten wurde Straßburg – wie schon einmal im
      Kapitulationsbedingungen Straßburg eine                       16. Jahrhundert – zu einem Zufluchtsort für
      weitgehende Eigenständigkeit zu. So garan-                    Glaubensflüchtlinge.
      tierte Ludwig XIV. den Fortbestand der kirch-                    Im Zuge des Pfälzischen Erbfolgekrie-
      lichen und bürgerlichen Institutionen und                     ges (1688–97) kam es dann unter General
      Freiheiten, etwa der Abgabenfreiheit. Auch                    de Montclar, dem Eroberer Straßburgs, auch

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
Karte des Oberrheins von Basel bis Mannheim mit neun Befestigungsanlagen,
                                                                                      (Dreiländermuseum Lörrach, K 18–27)

             zum Einmarsch Frankreichs in die Pfalz und                 sche Herrschaft über das Elsass, das bis 1789
             zu schweren Verwüstungen am Oberrhein                      faktisch eine ausländische Provinz war (pro-
             (u. a. Zerstörung Heidelbergs 1693). Der Frie-             vince à l’instar de l’étranger effectif), die vom
             den von Rijswijk 1697 bestätigte die französi-             übrigen Frankreich durch eine entlang des

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
Vogesenkamms verlaufende Zollgrenze ge-         Allerdings verwüsteten in den nächsten Jah-
      trennt blieb. Dagegen gab es keine Zollgrenze   ren abwechselnd schwedische und kaiserli-
      gegenüber dem Reich. Auch Stadt und Um-         che Truppen die obere Markgrafschaft . Da-
      land von Straßburg blieben deutschsprachig      bei fiel auch der Verwaltungssitz der Burg
      und kulturell deutsch geprägt.                  Rötteln 1632 in die Hand kaiserlicher Trup-
         Mit dem Frieden von Rijswijk musste          pen, die von Breisach aus ins Wiesental vor-
      Frankreich die besetzten Orte rechts des        gedrungen waren. Mit der Niederlage der
      Rheins (u. a. Breisach, Freiburg im Breisgau)   Schweden bei Nördlingen 1634 brach die
      räumen. Dagegen wurden am linken Rheinu-        Herrschaft Friedrichs V. endgültig zusam-
      fer unter dem Festungsbaumeister Vauban         men. Baden-Durlach wurde von kaiserlichen
      zahlreiche Festungswerke angelegt, so unter     Truppen besetzt, der Markgraf musste – wie
      anderem die Zitadelle bei Straßburg, die Fes-   zuvor schon sein Vater – ins Straßburger Exil
      tung Neuf-Brisach (1699–1703) und die Fes-      fl iehen.
      tung Hüningen bei Basel.                            Durch das »jämmerliche Hausen der Krie-
         Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701–14)        ger« (Grimmelshausen, Simplicissimus) kam
      wollte Österreich nicht nur die Übernahme       es auch in der Markgrafschaft Baden zum
      des spanischen Throns durch einen Anjou         völligen wirtschaft lichen und gesellschaft li-
      verhindern, sondern auch das Elsass für das     chen Zusammenbruch. Zahllose Orte wur-
      Reich zurückerobern. Doch der Frieden von       den niedergebrannt, die Felder blieben un-
      Rastatt 1714 bestätigte den Status quo im El-   bestellt, fast die Hälfte der Bevölkerung kam
      sass, so dass die zuvor eroberten Gebiete nun   ums Leben. Überall bettelte man um Brot;
      auch rechtlich an Frankreich fielen.            manche schlossen sich zu Banden zusammen,
                                                      die die Überlebenden ausraubten. Tausende
                                                      Markgräfler versteckten sich in den Wäldern
                           Die Markgrafschaft         oder flohen nach Basel, wo ihnen die Stadt
                       Baden-Durlach im Krieg         Zuflucht und Schutz gewährte, darunter al-
                                                      lein 32 Pfarrer des Oberlandes mit ihren Fa-
      Nach der Schlacht bei Wimpffen (1620)           milien – und eine Zeit lang auch Markgraf
      wurde die Markgrafschaft Baden-Durlach          Friedrich V.
      von kaiserlichen Truppen be-
      setzt und wieder dem katho-
      lischen Glauben unterwor-
      fen. Die evangelischen Pfar-
      rer verloren ihre Stellen oder
      mussten das Land verlassen.
      Erst nach dem Eingreifen der
      Schweden und dem Sieg über
      den obersten Heerführer der
      Liga, Johann Graf von Tilly,
      bei Breitenfeld wandte sich      Ansicht der Burg Rötteln aus dem Band »Topographia Alsatiae«
      das Blatt 1631 wieder zuguns-                   von Matthias Merian (dem Älteren), nach 1643
      ten von Markgraf Friedrich V.                          (Dreiländermuseum Lörrach, GrLLö 259)

       340        Peter Kunze                                                  Badische Heimat 2 / 3, 2020

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
Historisierende Grisaillemalerei von 1843 zum
                                                                            Thema »Milchsuppe im Kappeler-Krieg 1529«.
                                                                                   Malerei von Albert Kaufmann, Lörrach
                              Ansicht von Basel in der ersten Hälfte             (Dreiländermuseum Lörrach, BKVer 197)
                                              des 17. Jahrhunderts
                            (Dreiländermuseum Lörrach, GrLBa 117)

                Neben Not, Verfolgung und Exil wurde die                        Der Krieg und die Schweiz
             Bevölkerung zwischen 1628 und 1632 aber
             auch von schweren Pestwellen heimgesucht:                 Schon im Jahre 1531 beendete der 2. Kappe-
             allein das Schopfheimer Kirchenbuch ver-                  ler Krieg, bei dem der Zürcher Reformator
             zeichnet für 1629 fast 500 Opfer des »Sterbet«.           Ulrich Zwingli den Tod fand, die Zerreiß-
                Die allgemeine Verrohung und die erzwun-               probe zwischen altgläubigen und refor-
             genen Konfessionswechsel brachten schließ-                mierten Orten der Schweiz im Sinne einer
             lich auch das kirchliche Leben weitgehend                 pragmatischen Entscheidung. Beide Seiten
             zum Erliegen. Man lebte und starb »ohne                   verzichteten für die Zukunft darauf, ihre un-
             Trost und Sakrament«. Es war vor allem diese              terschiedlichen Glaubensüberzeugungen mit
             große geistliche Not der Menschen, die den                militärischen Mitteln auszutragen und da-
             schlesischen Dichter Andreas Gryphius kla-                durch die Einheit der Eidgenossenschaft aufs
             gen ließ: »Doch schweig ich noch von dem,                 Spiel zu setzen. Eine neue »bikonfessionelle«
             was ärger als der Tod / Was grimmer denn die              Ordnung stellte fortan jedem der eidgenössi-
             Pest, und Glut und Hungersnot / Dass auch                 schen Orte die Wahl der Konfession frei. In-
             der Seelen Schatz so vielen abgezwungen«                  dem man damit die Einheit des Bundes über
             (Tränen des Vaterlandes, 1636).                           die konfessionellen Gegensätze stellte, ent-

              Badische Heimat 2 / 3, 2020                                    Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein        341

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
päischen Konflikte und einen erneuten in-
                                                             nerschweizerischen Konfessionskrieg. Denn
                                                             ein Beitritt der reformierten Orte zur Union
                                                             hätte wohl mit Sicherheit den Beitritt der kat-
                                                             holischen Orte zur katholischen Liga ausge-
                                                             löst – mit unabsehbaren Folgen. Daher be-
                                                             mühte sich auch der schwedische König Gus-
                                                             tav Adolf 1632 vergeblich um ein Bündnis mit
                                                             den Eidgenossen.
                                                                Die neutrale Haltung der Eidgenossen-
                                                             schaft brachte dieser aber auch große ökono-
                                                             mische Vorteile, kam es doch durch Lieferun-
                                                             gen in die Kriegsgebiete zu einer regelrechten
                                                             Kriegskonjunktur. Umgekehrt profitierten
                                                             ausländische Mächte von dem eidgenössi-
                                                             schen Reservoir an Söldnern, Lebensmitteln,
                                                             Pferden u. a. mehr. Zugleich hielten die Po-
                                                             litik der strikten Nichteinmischung und die
                                                             abschreckende Verteidigungsbereitschaft der
                                                             Eidgenossen die anderen Kriegsparteien von
                                                             einer militärischen Intervention ab. Aller-
                                                             dings wurden Basel und seine angrenzenden
                                                             Gebiete während des Dreißigjährigen Kriegs
                 Johann Rudolf von Wettstein (1594–1666),    mehrfach durch kaiserliche, schwedische und
                         Bürgermeister von Basel seit 1645
                     (Dreiländermuseum Lörrach, GrPW 38)
                                                             französische Truppenaufmärsche am Ober-
                                                             rhein bedroht. Auch die Grenzräume zum
                                                             Fricktal und zum fürstbischöfl ichen Territo-
       ging man letztlich den zerstörerischen Reli-          rium waren mehrmals von Plünderungen be-
       gionskriegen, wie sie kurz darauf weite Teile         troffen. Zudem sah man sich immer wieder
       Europas erfassten.                                    mit Flüchtlingen aus dem Elsass und der Frei-
          Aber durch die Bildung konfessioneller             grafschaft Burgund konfrontiert. Nach dem
       Bündnisse – 1586 des »Goldenen Bundes« der            Krieg ließen sich dann viele Schweizer in den
       katholischen Orte und 1612 des Bündnisses             entvölkerten Gebieten Süddeutschlands und
       Zürichs und Berns mit Markgraf Georg Fried-           am Oberrhein nieder.
       rich von Baden-Durlach (allerdings ohne Bei-             1648 führte das politische und wirtschaft-
       tritt zur protestantischen Union) – hing der          liche Schutzbedürfnis der reformierten Orte
       Friede für die Schweiz vor Ausbruch des Drei-         zur Entsendung des Basler Bürgermeisters
       ßigjährigen Krieges noch einmal am seidenen           Johann Rudolf Wettstein nach Münster. Der
       Faden.                                                Westfälische Frieden bedeutete für Basel dann
          Letztlich verhinderte nur die erfolgreiche         die endgültige Anerkennung seiner staats-
       Diplomatie des Sich-Abseits-Haltens die Ver-          rechtlichen Zugehörigkeit zur Eidgenossen-
       wicklung der Eidgenossenschaft in die euro-           schaft. Allerdings geriet die Stadt am Rhein-

       342        Peter Kunze                                                        Badische Heimat 2 / 3, 2020

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Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein
knie nun in direkte Nachbarschaft zur auf-
             steigenden Großmacht Frankreich, die mit
             dem Vorrücken ins Elsass und dem Bau der
             Festung Hüningen nach 1681 immer wieder
             eine militärische Bedrohung darstellte.

                   Die Neuordnung der Region
               nach dem Westfälischen Frieden

             Der Dreißigjährige Krieg endete ohne einen
             klaren Sieg der protestantischen oder katho-
             lischen Parteien. Daher verhandelten ab 1645
             Abgesandte aller Kriegsparteien in Münster
             und Osnabrück über eine Friedensordnung,
             mit dem Ziel, einen weiteren Religionskrieg                        Evangelische Kirchenordnung von Baden-
             unmöglich zu machen. Schließlich einigte                          Durlach, hg. von Friedrich V., Markgraf von
                                                                                           Baden-Durlach, Straßburg 1649
             man sich darauf, religiöse Ziele und Werte
                                                                                    (Dreiländermuseum Lörrach, Brel 176)
             künftig dem Primat der Politik zu unterwer-
             fen. Dies bedeutete jedoch auch den Verzicht
             auf die Klärung der Kriegsschuld und die                      Die Reichsstände erhielten nun alle wesentli-
             Bestrafung einzelner Verantwortlicher. Ge-                     chen Hoheitsrechte in geistlichen und weltli-
             gen den heft igen Widerstand von Papst In-                     chen Angelegenheiten. Da man erstmals auch
             nozenz X. bestätigte dann der Westfälische                     den Calvinismus anerkannte, durften die
             Frieden von 1648 den Religionsfrieden von                     Kurpfalz und die evangelischen Kantone der
             1555 und fi xierte dabei die Konfessionsgren-                  Schweiz reformiert bleiben. Katholisch waren
             zen rückwirkend auf dem Stand von 1624.                       weiterhin Baden-Baden, Solothurn und die
                                                                                          verbliebenen Gebiete Vorder-
                                                                                          österreichs. Das Ausscheiden
                                                                                          der Schweiz und der Nieder-
                                                                                          lande aus dem Reichsverband
                                                                                          wurde bestätigt und führte
                                                                                          zur internationalen Aufwer-
                                                                                          tung beider Länder. Vor allem
                                                                                          in den Beschlüssen zum Elsass
                                                                                          zeigte sich jetzt die Anerken-
                                                                                          nung machtpolitischer Inte-
                                                                                          ressen als einzig realistischer
                                                                                          Weg zur Beendigung des Re-
                                                                                          ligionskrieges. So musste das
                                   Wasserschloss Ötlikon, 1638, seit 1650 »Friedlingen«   katholische Österreich den
                                        (Dreiländermuseum Lörrach, GrLF 43 oder 44)       Sundgau an den katholischen

              Badische Heimat 2 / 3, 2020                                     Der Dreißigjährige Krieg am Oberrhein        343

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französischen König abtreten. Umgekehrt er-       durch die Franzosen im Holländischen Krieg
      möglichte dies Frankreich, bis an den Rhein       (1678) lokaler Verwaltungssitz des Oberlan-
      vorzurücken und in den folgenden Jahrzehn-        des. Schloss Friedlingen aber ging 1702 im
      ten seine Vormacht am Rhein mit weiteren          Spanischen Erbfolgekrieg unter.
      Kriegen auszubauen.
         Dank des Beistands Schwedens wurde auch        Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung
                                                        des Dreiländermuseums Lörrach.
      die Markgrafschaft Baden-Durlach restituiert.
      Der wiedereingesetzte Markgraf Friedrich V.
      führte 1649 die leicht modifizierte lutherische                                     Literaturauswahl
      Kirchenordnung von 1556 erneut ein und be-
      gann sofort mit dem Wiederaufbau des zer-         Michel Erbe, (Hrsg.): Das Elsass: Historische Land-
                                                          schaft im Wandel der Zeiten, Stuttgart 2002.
      störten Landes. Als Zeichen seiner Dankbar-
                                                        Armin Kohnle: Kleine Geschichte der Markgraf-
      keit gab er 1650 seinem Weiherschlösschen           schaft Baden, Karlsruhe, 2009
      Ötlikon bei Weil den neuen Namen »Fried-          Thomas Maissen: Geschichte der Schweiz, Baden,
      lingen«.                                            2010.
         Im selben Jahr erneuerte der Markgraf auch
      die im Krieg untergegangene Röttler Land-
      schule, aus der dann 1715 das markgräfliche
      Pädagogium in Lörrach hervorging (heute
      Hebel-Gymnasium Lörrach).
         Die Folgen des Krieges lasteten noch für
      Jahrzehnte auf dem völlig verarmten Land. So
      schätzt man den Gesamtschaden der Kriegs-
      jahre allein für die Herrschaften Rötteln und                         Anschrift des Autors:
      Sausenberg auf fast 750 000 Gulden – nicht                            Dr. Peter Kunze
      eingerechnet die an Basel zurückzuzahlenden                           Läublinstraße 13
      Schulden für Beherbung von Flüchtlingen.                              79576 Weil am Rhein
                                                                            pkweil@t-online.de
      Burg Rötteln blieb noch bis zur Zerstörung

       344        Peter Kunze                                                      Badische Heimat 2 / 3, 2020

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