Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW

Die Seite wird erstellt Finn-Luca Fink
 
WEITER LESEN
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
Entwicklung und
                                                                            Evaluation effizienter
                                                                        Trainingsmaßnahmen für
                                                                       ältere Verkehrsteilnehmer
                                                                              zur Förderung ihrer
                                                                                  Fahrkompetenz

                         Heft M 309
                         Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen

                                                                                            Berichte der
                                                                        Bundesanstalt für Straßenwesen
                                                                                Mensch und Sicherheit   Heft M 309
ISSN 0943-9315
ISBN 978-3-95606-558-3
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
Entwicklung und
     Evaluation effizienter
 Trainingsmaßnahmen für
ältere Verkehrsteilnehmer
       zur Förderung ihrer
           Fahrkompetenz

                                                         von

                                           Stefanie Schoch
                                                Ruth Julier
                                   Ramona Kenntner-Mabiala
                                          Yvonne Kaussner

 Würzburger Institut für Verkehrswissenschaften (WIVW GmbH)
                                                Veitshöchheim

                      Berichte der
  Bundesanstalt für Straßenwesen
                 Mensch und Sicherheit         Heft M 309
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
Die Bundesanstalt für Straßenwesen
veröffentlicht ihre Arbeits- und Forschungs-
ergebnisse in der Schriftenreihe Berichte der
Bundesanstalt für Straßenwesen. Die Reihe
besteht aus folgenden Unterreihen:
A - Allgemeines
B - Brücken- und Ingenieurbau
F - Fahrzeugtechnik
M - Mensch und Sicherheit
S - Straßenbau
V - Verkehrstechnik
Es wird darauf hingewiesen, dass die unter
dem Namen der Verfasser veröffentlichten
Berichte nicht in jedem Fall die Ansicht des
Herausgebers wiedergeben.
Nachdruck und photomechanische Wieder-
gabe, auch auszugsweise, nur mit Genehmi-
gung der Bundesanstalt für Straßenwesen,
Stabsstelle Presse und Kommunikation.
Die Hefte der Schriftenreihe Berichte der
Bundesanstalt für Straßenwesen können
direkt bei der Carl Ed. Schünemann KG,
Zweite Schlachtpforte 7, D-28195 Bremen,
Telefon: (04 21) 3 69 03 - 53, bezogen werden.
Über die Forschungsergebnisse und ihre
Veröffentlichungen wird in der Regel in Kurzform im
Informationsdienst Forschung kompakt berichtet.
Dieser Dienst wird kostenlos angeboten;
Interessenten wenden sich bitte an die
Bundesanstalt für Straßenwesen,
Stabsstelle Presse und Kommunikation.
Die Berichte der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt)
stehen zum Teil als kostenfreier Download im elektronischen
BASt-Archiv ELBA zur Verfügung.
https://bast.opus.hbz-nrw.de

Impressum

Bericht zum Forschungsprojekt 82.0650
Entwicklung und Überprüfung effizienter Trainingsmaßnahmen
für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz
Fachbetreuung
Hardy Holte
Referat
Grundlagen des Verkehrs- und Mobilitätsverhaltens
Herausgeber
Bundesanstalt für Straßenwesen
Brüderstraße 53, D-51427 Bergisch Gladbach
Telefon: (0 22 04) 43 - 0
Redaktion
Stabsstelle Presse und Kommunikation
Druck und Verlag
Fachverlag NW in der
Carl Ed. Schünemann KG
Zweite Schlachtpforte 7, D-28195 Bremen
Telefon: (04 21) 3 69 03 - 53
Telefax: (04 21) 3 69 03 - 48
www.schuenemann-verlag.de
ISSN 0943-9315
ISBN 978-3-95606-558-3
Bergisch Gladbach, Februar 2021
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
3

Kurzfassung – Abstract

Entwicklung und Evaluation effizienter                  Development and evaluation of efficient
Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteil-             training procedures for elderly road users to
nehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz                support their driving competenc

Evaluierte Trainingsmaßnahmen zur Verbesserung          Evaluated training measures for the improvement of
der Fahrkompetenz älterer Menschen führen mitun­        driving competency of elderly drivers lead to
ter zu beachtlichen Leistungsverbesserungen.            considerable improvement in driving performance.
Deren Durchführung ist aber durchwegs sehr auf­         However, conducting such trainings is both very
wändig und nicht ohne weiteres flächendeckend           time­consuming and costly making its nationwide
anbietbar. Im vorliegenden Projekt wurde ein modu­      implementation difficult. Thus, the aim of the present
lares Trainingsprogramm entwickelt und evaluiert,       project was to develop and evaluate a modular
das so konzipiert ist, dass es einfach, kostengünstig   training program for elderly drivers, which is easy,
und wenig zeitintensiv durchzuführen ist. Anhand        low­cost and time efficient. Based on a personalized
eines persönlichen Profils der fahrbezogenen Leis­      profile including driving related performance deficits
tungsdefizite und des individuellen Mobilitätsbe­       and the individual need for mobility of the elderly
dürfnisses der älteren Autofahrenden erfolgt die Zu­    driver, a personalized training schedule is compiled.
sammenstellung des individuellen Trainingsplans,        It includes specific driving exercises, group sessions
der neben spezifischen Fahrübungen auch Grup­           to refresh knowledge of traffic rules, as well as
pensitzungen zur Auffrischung des Verkehrswis­          consultation and training for the compensation of
sens sowie Beratung und Schulung zur Kompensa­          age­related restrictions and the use of driver
tion altersbedingter Einschränkungen und zum Nut­       assistance systems. Training sessions in familiar
zen ausgewählter Fahrerassistenzsysteme um­             and limited areas are offered for persons who
fasst. Stärker eingeschränkten Personen, die das        cannot or can no longer safely manage driving in an
Fahren in ungewohntem Umfeld nicht (mehr) sicher        unknown environment. For the evaluation of the
bewältigen können, wird ein Training in begrenz­        training program, a pre­post­design with N = 30
tem, bekanntem Umkreis angeboten. Für die Eva­          subjects was realized. The pre­post ratings of
luationsstudie wurde ein Vorher­Nachher­Mess­           driving competency and the subjective ratings (of
Design mit N = 30 Personen realisiert. Kriterium für    test subjects, driving instructors and psychologists)
den Gesamterfolg des Trainingskonzepts war der          were used as criteria for the success of the training.
Vorher­Nachher­Vergleich der Fahrkompetenz so­          The driving competency measured through different
wie der subjektiven Bewertungen (durch Teilneh­         performance parameters increased through the
mende, Fahrlehrer und Psychologinnen). Sowohl           participation. The driving instructors found the
auf Konzept­ als auch auf Modulebene verbesserte        program to be useful and feasible. Participants were
sich die Fahrkompetenz gemessen anhand unter­           very satisfied with the concept of the training and
schiedlicher Leistungsparameter durch die Trai­         evaluated it as being helpful. Therefore, this training
ningsteilnahme deutlich. Die Fahrlehrer fanden das      concept seems to be promising for further use
Trainingskonzept nützlich und praktikabel im Fahr­      beyond the project work. A scientifically accompanied
schulalltag. Die Teilnehmenden waren mit den Trai­      introduction of the training concept to several driving
ningsmaßnahmen sehr zufrieden und schätzten sie         schools, supported by the development of marketing
als sehr hilfreich ein. Somit erwies sich das Trai­     and information campaigns, is recommended
ningskonzept als sehr vielversprechend für einen
Einsatz über die Projektarbeit hinaus. Es wird eine
wissenschaftlich begleitete Einführung des Trai­
ningskonzepts an mehreren überregionalen Fahr­
schulen empfohlen Flankierend sollten Marketing­
und Informationskampagnen erarbeitet werden.
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
4

Summary                                                  or functional areas (e.g. specifying and choosing
                                                         goals, rearranging ones’ goal hierarchy) becomes
                                                         necessary due to a limitation of resources within
                                                         the person. Selected resources are acquired or
Development and evaluation of efficient                  developed through the process of optimization (e.g.
training procedures for elderly road users               practice or acquiring new abilities). To maintain a
to support their driving competence                      functional level a loss of goal­relevant resources
                                                         must be compensated (e.g. using external help or
                                                         substituting resources).
Introduction
                                                         Transferring the SOK­model to the development of
Driving is of great importance for the elderly as it     a training concept for elderly road users, the
enables individual mobility, a high quality of life as   strategies can be applied as follows:
well as psychological health. Driving oftentimes
compensates the decreasing physical mobility and         •   Selection of drives, routes or conditions which
is therefore an important resource for autonomous            should generally be avoided by the older driver
living. However, increasing age makes the                    due to his performance profile or which he is
occurrence of driving related impairments (e.g.              ready to avoid (e.g. unknown routes, highway
failing eyesight, cognitive slowing, physical                etc.),
limitations, chronic illness) more probable.             •   optimization through consultation and training
Elderly drivers tend to avoid demanding driving              (e.g. driving lessons focused on relevant points
tasks. However, a lack of practice leads to an               for the senior driver),
increase in insecurity of the elderly drivers while      •   compensation through the mediation and appli­
driving. Scientific studies show that training can           cation of strategies (e.g. driving with navigation
sustain and even expand cognitive function                   system in case of problems with orientation,
throughout the ageing process. The largest success           avoiding driving at night, driving slower).
of training can be seen in skills that were trained
directly.                                                Figure 1 shows a graphical overview of the training
                                                         concept. The training concept is made up of three
Although there are some evaluated trainings that         parts: anamnesis with a needs analysis and perfor­
lead to substantial increases in performance of the      mance diagnostics, training with measures adapted
elderly driver, conducting such trainings is both very   to performance and needs, as well as an evaluative
time­consuming and costly making its nationwide          final assessment. The needs analysis offers an
implementation difficult.                                insight into the mobility profile and need for mobility
This project uses previous findings to develop and       of the individual. Through a representative and, if
evaluate a short and extensively applicable training     necessary, individualized driving performance
program. Thereby the heterogeneity of the group of       assessment by a driving instructor it is tested if
elderly drivers was valued offering subgroup­            the person can reach their mobility goal. If any
oriented measures.                                       discrepancies between the driving performance
                                                         and the mobility goal become apparent, further
                                                         measures can be defined using the personalized
                                                         training plan. The training should target areas
The training concepts                                    where deficits become apparent, and if necessary
                                                         and feasible offer concrete and practical practice.
The SOK-model from BALTES, LANG and WILMS                Different modules can be chosen to treat specific
(1998), previously used by multiple study groups for     deficits (figure 2). The main goal is the improvement
the implementation of trainings, was used as basis       of driving performance of the elderly driver and
for the development of this concept. The general         the transfer of knowledge to sensitize for the
model of successful development implies that a           consequences of performance deficits. At the end
successful adaptation to age­related cognitive and       another driving performance assessment by a
bodily changes can be achieved through three             driving instructor is conducted to review the learning
strategies: selection, optimization and compen­          success. The program was designed to be held
sation. The theory proposes that a selection of goals    by trained driving instructors. Elaborate material
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
5

was developed for both participants and driving                   two sessions and approximately 2.5 h no further
instructors.                                                      measures become necessary. Participants who
                                                                  require a lot of training and need all modules have
The time cost of this program is demand­oriented.                 the largest time cost with approximately 10 hours
Participants without discrepancies between their                  and 7 sessions.
performance diagnostic and their mobility goal have
the lowest time cost. With except of the performance
diagnostic and the feedback discussion made up of
                                                                  Evaluation
                                                                  For the evaluation of the training program, elderly
                                                                  road users, who are active drivers but have doubts
                                                                  concerning their fitness to drive, were recruited
                                                                  using advertisements and mouth­to­mouth propa­
                                                                  ganda. At the end of the study period data of 30 fully
                                                                  trained participants should be analyzed.

                                                                  All prospective participants were asked about
                                                                  their current mobility and their mobility goals by
                                                                  means of a semi­structured interview. Following, the
                                                                  par­ticipants completed an assessment of driving
                                                                  performance by a driving instructor and a blinded
                                                                  psychologist. Furthermore, they took a vision test,
                                                                  psychometric performance test and a theoretical
                                                                  test concerning traffic knowledge. All participants
                                                                  received feedback and suggestions for further
                                                                  measures after their driving performance assess­
                                                                  ment.

                                                                  Participants who only showed slight noticeable
                                                                  behavior (rating of 4 or better on a 11­point fitness­
                                                                  to­drive scale: 0­3 normal behavior, 4­6 noticeable
                                                                  behavior, 7­10 critical behavior) and don’t need
Fig. 1: The training concept MOVE-IT according to the SOK        further measures besides the feedback talk, only
         model of BALTES et al. (1998)                            completed an evaluation form but were excluded

Fig. 2: The different training modules can be chosen and combined adaptively as needed
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
6

Fig. 3: Driving competence ratings of the psychologist during amnestinc and closing drive

from the evaluation study. For the remaining                        •   Driving lessons with a driving instructor inclu­
participants, an individual training plan based on the                  ding consultation,
semi­structured interview, the driving performance
                                                                    •   Selection of driving tasks,
assessment and the performance test was devel­
oped.                                                               •   Group sessions regarding the refreshing of traf­
                                                                        fic knowledge.
Another driving performance assessment by a
driving instructor and a blinded psychologist was                   The mean of the driving competency during the
held after completion of the training. The pre­post                 anamnestic drive rated by the psychological
design was chosen as the individually adaptive                      experimenter was M = 5.5, SD = 1.358. This
manner of the program can hardly be tested with a                   corresponds to noticeable driving behavior. After
control group design. The participants’ ratings                     completion of the program the mean rating of driving
regarding perceived usefulness and feasibility for                  competency by the experimenter was M = 3.93,
everyday life, are of great importance, alongside to                SD = 1.363, matching normal to slightly noticeably
the effectiveness of the program, measured through                  driving. The difference between anamnestic drive
different driving performance parameters. Further                   and final drive is significant (t(29) = 5.32; p < .001,
distribution of this program beyond this project work               d = 1.151). The mean of driving competency rated
largely relies on the acceptance of participants and                by the driving instructor during the anamnestic drive
driving instructors. Evaluation is conducted on two                 was M = 6.03, SD = .999, which signifies noticeable
levels: the concept­ and modular level, which will be               driving. After completion of the training the driving
described in further detail below.                                  instructor rated the driving competency of the
                                                                    participants in mean with M = 3.7, SD = 1.149 which
The difference in performance between the                           matches normal to slightly noticeable driving. The
anamnestic and the final driving assessment is the                  difference in ratings between anamnestic and final
basis for the evaluation. Driving competency at both                drive was significant (t(29) = 10.30, p < .001, power
times is rated by a driving instructor, the driver and              d = 2.162). Therefore, the training showed a large
a blinded psychologist. To give a detailed feedback                 positive effect on the overall improvement of driving
about which aspects of driving competency were                      competency on the concept level.
majorly improved throughout the training, driving
mistakes were registered and classified by the                      In general, the participants were very satisfied with
psychologist using the tablet­application S.A.F.E.                  the program. The duration of the program was rated
for real traffic in both drives.                                    as being appropriate. Most participants would be
                                                                    willing to pay for such a program in the future. They
The following training blocks were evaluated                        would be willing to pay between 20 and 90 € per
separately on modular level:                                        session (M = 44.63; SD = 14.21).
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
7

The evaluation on the modular level also showed a           The news coverage regarding elderly drivers so far
positive effect for all modules. The effectiveness of       is mainly filled with sensational articles following few
the training block „driving lesson“ can be seen in the      serious individual crashes with elderly road users.
theme­ and situations specific analysis of the driving      Oftentimes, the discussions regarding the topic are
mistakes and competency ratings: specific driving           biased negatively toward the elderly driver. An
mistakes decreased with targeted training. For              objective and balanced media coverage in regional
example, an increase in driving competency in               and national media would be necessary.
urban areas could be seen if drives in the city were
provided.

An overall increase of driving competency could be
seen by the driving instructor from driving lesson to
driving lesson. Acceptance for this module was
rated as very high by the participants. The individual
consultation was rated as useful. The groups
sessions regarding traffic knowledge lead to an
improvement in a traffic knowledge test compiled of
official test questions (post­training vs. pre­training).

Discussion
The evaluation using a small sample of N = 30
seniors showed that the training concept is effective
and a promising approach for further use beyond
the project work. However, based on the small
number of persons that were trained and evaluated
in this program, generalizations should be kept
to a minimum. Therefore, the authors propose
implementing the concept at several driving schools
nationwide with scientific supervision. The main
question should be whether the results of this study
can be generalized for:

•   Other driving schools,

•   A larger sample,

•   Other regions and

•   Other routes.
Additionally, exploring the question of long­term
positive effects of the training on the driving
performance of the elderly road user would be of
interest.

Furthermore, marketing strategies and information
campaigns should be developed to increase
attraction and reach the target group. Information
and consultation are of great significance. For most
elderly patients their general practitioner is confidant
and first contact for many issues. Therefore, general
practitioners play an important role in the consultation
of elderly road users regarding their road safety.
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
Entwicklung und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahrkompetenz - hbz NRW
9

Inhalt

Abkürzungen .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .              10   5             Diskussion  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .               55

1           Einleitung  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .           11   6             Weiterführende Empfehlungen  .  .  .  .  .                                              57

2           Literaturanalyse  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                    12   Literatur  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .      59

2 .1        Hintergrund .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .           12
                                                                                                        Bilder  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .   64
2 .2        Einflussfaktoren auf das
            Mobilitätsverhalten  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                    13   Tabellen  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .       65
2 .3        Klassifikationsansätze für
            Subgruppen älterer Fahrerinnen
            und Fahrer  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .           15   Der Anhang A – C zum Bericht ist im elektronischen
                                                                                                        BASt-Archiv ELBA unter http://bast .opus .hbz-nrw .de
2 .4        Trainingsmaßnahmen für ältere
                                                                                                        abrufbar .
            Autofahrerinnen und Autofahrer  .  .  .  .  .  .                                       19

3           Trainingskonzept  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                       23

3 .1        Überblick  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .         23

3 .2        Operationalisierung der
            Subgruppen  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .              24

3 .3        Hintergrund des Trainings-
            konzepts  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .       25

3 .4        Beschreibung der Anamnese  .  .  .  .  .  .  .  .                                      26

3 .5        Beschreibung der Trainings-
            module  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .      32

3 .6        Zeitlicher Aufwand des Trainings-
            programms  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .            35

3 .7        Testung und Anpassung des
            Trainingskonzepts MOVE-IT  .  .  .  .  .  .  .  .                                      36

4           Evaluationsstudie .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                       39

4 .1        Rekrutierung und Studien-
            einschluss .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .         39

4 .2        Ablauf  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .   41

4 .3        Evaluationskonzept  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .                        44

4 .4        Ergebnisse  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .  .           47
10

Abkürzungen

ADAS         Advanced Driving Assistance
             Systems
FAS          Fahrerassistenzsystem
FIS          Fahrerinformationssystem
FtD Rating   Fitness to Drive Rating;
             Fahrkompetenzbeurteilung
MMSE         Mini Mental State Examination
SOK-Modell   Selektion, Optimierung,
             Kompensation
S.A.F.E.     Standardized Application for
             Fitness to Drive Evaluations
TMT-B        Trail-Making Test B
WIVW         Würzburger Institut für
             Verkehrswissenschaften
11

1     Einleitung                                       Zeiten des demografischen Wandels die Fahreig­
                                                       nung älterer Menschen nicht als Alles­oder­Nichts­
Autofahren ist für ältere Menschen eine wichtige       Kriterium zu betrachten ist, sondern gerade im
Ressource, um auch in höherem Alter möglichst un­      Graubereich der Fahreignung individualisierte, be­
abhängig zu bleiben sowie eine hohe Lebensquali­       dürfnis­ und fähigkeitsorientierte Lösungsansätze
tät und damit einhergehend die psychische Ge­          notwendig werden.
sundheit möglichst lange aufrecht zu erhalten. Oft­
mals dient das Autofahren dabei auch der Kompen­       Im Rahmen des vorliegenden Projekts „Entwicklung
sation nachlassender körperlicher Beweglichkeit        und Evaluation effizienter Trainingsmaßnahmen für
und ist so eine wichtige Ressource für eine autono­    ältere Verkehrsteilnehmer zur Förderung ihrer Fahr­
me Lebensführung. Allerdings wird mit zunehmen­        kompetenz“ wurden vorliegende Erkenntnisse ge­
dem Alter das Auftreten fahrrelevanter Leistungs­      nutzt, um ein kurzes, großflächig einsetzbares Trai­
einschränkungen (z. B. nachlassendes Sehver­           ningsprogramm zu entwickeln und zu evaluieren.
mögen, kognitive Verlangsamung, körperliche Ein­       Im Rahmen einer Literaturanalyse wurden bereits
schränkungen, chronische Krankheiten) wahr­            bestehende Trainingsmaßnahmen gesichtet sowie
scheinlicher (z. B. ANSTEY, HOFER & LUSZCZ,            Erkenntnisse hinsichtlich der Identifizierung von
2003), wobei hier jedoch eine sehr große inter­        Mobilitätscharakteristiken und Mobilitätssubgrup­
individuelle Heterogenität zu beobachten ist. Damit    pen gesammelt. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse
einhergehend neigen ältere Autofahrerinnen und         wurde ein individualisierbares, adaptives, modula­
Autofahrer dazu, für sie schwierige Fahraufgaben       res Trainings­ und Beratungskonzept abgeleitet,
zu meiden. Mangelnde Übung führt aber dazu, dass       das einfach und relativ wenig zeitintensiv in der
die Unsicherheiten von Seniorinnen und Senioren        Praxis umzusetzen ist. Das Training kann von Fahr­
beim Autofahren immer stärker zum Tragen kom­          lehrerinnen und Fahrlehrern selbstständig durch­
men.                                                   geführt werden. Da die Zielgruppe hinsichtlich ihres
                                                       Mobilitätsbedürfnisses und ihrer Leistungsein­
Gleichzeitig haben Studien gezeigt, dass der           schränkungen sehr heterogen ist, wurde im Rah­
Mensch auch im hohen Alter noch lernfähig bleibt,      men dieses Trainingskonzepts gerade diese He­
wobei sich die Verbesserung vor allem auf die trai­    terogenität berücksichtigt und die durchzuführen­
nierten Fähigkeiten beschränkt (OSWALD, 2004;          den Trainingsmaßnahmen individuell angepasst.
POSCHADEL, 2013). Um die eigenständige Mobili­         Mithilfe dieses modularen Trainingskonzepts sollen
tät mit dem Pkw möglichst lange Zeit zu ermögli­       gezielt die individuellen, fahrrelevanten Schwächen
chen, sollte das Autofahren, d. h. die Fahraufgabe     einer Person angesprochen werden.
selbst, trainiert und geübt werden. Entsprechend
konnte in mehreren Studien gezeigt werden, dass        Die Trainingskonzept wurde anhand einer Stich­
ältere Autofahrende von spezifischen Fahrtrainings     probe von N = 30 älteren autofahrenden Personen
bis ins hohe Alter profitieren können (KORNER­         evaluiert. Grundlage für die Evaluation der Trai­
BITENSKY, 2009; POSCHADEL, BÖNKE, BLÖ­                 ningsmaßnahme bildete die Leistungsveränderung
BAUM & RABCZINSKI, 2012; KAUSSNER &                    der Teilnehmenden in einer Abschlussfahrt im Ver­
KENNTER­MABIALA, 2015).                                gleich zu einer Anamnesefahrt. Darüber hinaus
                                                       werden Befragungsdaten zur Akzeptanz und wahr­
Zwar gibt es einige evaluierte Trainingsprogramme,     genommenen Nützlichkeit der Trainingsmaßnahme
die auch zu Leistungsverbesserungen von älteren        seitens der Teilnehmenden und der beteiligten
Autofahrenden führten, doch deren Durchführung         Fahrlehrer ausgewertet. Hieraus wurde abgeleitet,
ist sehr aufwändig und nicht ohne weiteres flächen­    inwieweit das Konzept als Ganzes hinsichtlich einer
deckend anbietbar. Um die Individualmobilität von      tatsächlichen Leistungsverbesserung erfolgreich ist
älteren Autofahrenden über einen möglichst langen      und von Fahrlehrern und Fahrlehrerinnen sowie
Zeitraum sicherstellen zu können und so auch die       Teilnehmenden als nützlich wahrgenommen wird.
allgemeine Verkehrssicherheit zu erhöhen, ist es je­   Zusätzlich sollten aber auch die einzelnen Trai­
doch notwendig, ein praktikables, wenig zeitinten­     ningsbausteine hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und
sives und ökonomisch realisierbares Trainingskon­      Akzeptanz evaluiert werden, um ineffektive oder nur
zept für Seniorinnen und Senioren zu entwickeln,       wenig akzeptierte Bausteine gegebenenfalls an­
dessen Effekte auf den Realverkehr übertragbar         passen zu können.
sind und das flächendeckend eingesetzt werden
kann. Des Weiteren gilt zu berücksichtigen, dass in
12

2     Literaturanalyse                                  absolute Unfallbeteiligung, daher liegen hierzu nur
                                                        wenige aktuelle Datensätze vor. Die Berechnungen
Inhalt der folgenden Literaturanalyse ist zunächst      von HOLTE (2018) zeigen, dass die Gruppe der
die Darstellung verschiedener Subgruppen von äl­        Jüngeren das größte Risiko hat, als Pkw­Fahrende
teren Personen in Bezug auf ihre Mobilität. Im An­      einen Unfall mit Personenschaden zu verursachen.
schluss wird ein Überblick zu derzeitig auf dem         Dieses Risiko wird bis zu einem Alter von etwa 25
Markt verfügbaren und in der Wissenschaft einge­        Jahren immer geringer, verbleibt dann auf diesem
setzten Trainings für ältere Autofahrende gegeben.      niedrigen Niveau und steigt dann ab einem Alter
Hieraus erfolgt die Erarbeitung eines Konzepts für      von 65 Jahren wieder an. Personen ab einem Alter
ein subgruppenorientiertes Kurztraining für ältere      von 75 Jahren liegen bei dieser Risikobetrachtung
Autofahrende.                                           auf dem Niveau der 21­ bis 24­Jährigen und deut­
                                                        lich unter dem Niveau der Fahranfänger und Fahr­
                                                        anfängerinnen.
2.1 Hintergrund                                         In den letzten Jahren wurde für junge Autofahrende
Für ältere Menschen stellt Autofahren eine wichtige     in Deutschland eine Reihe von Maßnahmen zur Er­
Ressource dar, um sich einen autonomen Lebens­          höhung der Fahrsicherheit eingeführt, wie das be­
stil bis ins hohe Lebensalter zu bewahren. Aufgrund     gleitete Fahren ab 17 und die Null-Promille-Grenze
der mit zunehmendem Alter einhergehenden ge­            für Fahranfängerinnen und Fahranfänger. Der Er­
sundheitlichen, körperlichen und kognitiven Ein­        folg dieser Maßnahmen wurde wissenschaftlich
schränkungen wird aber die Eignung hochbetagter         belegt (SCHADE & HEINZMANN, 2010; HOLTE,
Menschen, ein Fahrzeug sicher führen zu können,         ASSING, PÖPPEL-DECKER & SCHÖNEBECK,
immer wieder angezweifelt. Es wird daher immer          2010). Im Gegensatz dazu wurde in den letzten
wieder gefordert, flächendeckende Maßnahmen             Jahren keine flächendeckende Maßnahme zur Er­
zur Erhöhung der Verkehrssicherheit älterer Men­        höhung der Verkehrssicherheit älterer Autofahren­
schen einzuführen.                                      der eingeführt. Um älteren Menschen auch in Zu­
                                                        kunft eine eigenständige (Auto­)Mobilität zu ermög­
Dabei handelt es sich beim Alterungsprozess aber        lichen, ohne dabei die allgemeine Verkehrssicher­
nicht um einen universellen und generellen Abbau­       heit zu gefährden, ist es sinnvoll, auf die Zielgruppe
prozess, der alle Personen gleichermaßen betrifft       der Älteren zugeschnittene, wissenschaftlich evalu­
(LEHR, 1988 und SCHAIE, 1993 zitiert nach MET­          ierte Maßnahmen zur einer sicheren Teilnahme im
KER, GELAU & TRÄNKLE, 1994). Vielmehr ist die           Straßenverkehr einzuführen.
Gruppe der älteren Menschen insbesondere was
ihre funktionalen Fähigkeiten und Einschränkungen       Ziel solcher Maßnahmen muss es sein, die eigen­
betrifft sehr heterogen (NEUMANN, 2016). Mit zu­        ständige Mobilität zu fördern und nicht unnötig zu
nehmendem Alter steigt jedoch die Wahrscheinlich­       beschränken. Wichtig ist es hierbei, auf den Res­
keit für altersbedingte Abbauprozesse in verschie­      sourcen Älterer aufzubauen und subgruppenorien­
densten Funktionsbereichen und für alterskorrelier­     tiert – d. h. zielgruppenorientiert – auf die jeweilige
te Erkrankungen (für einen Überblick siehe FAL­         Person zuzuschneiden. So ist belegt, dass die meis­
KENSTEIN & KARTHAUS, 2017; GELAU, MET­                  ten älteren Autofahrenden mit zunehmendem Alter
KER & TRÄNKLE, 1994; KAISER & OSWALD,                   von sich aus ihr Fahrverhalten mit dem Ziel einer
2000; METKER et al., 1994).                             Risikoreduktion anpassen. Auf der anderen Seite
                                                        gibt es aber auch eine Gruppe älterer Autofahren­
Die Annahme, dass die Fahreignung hochbetagter          der, die dysfunktional kompensieren, indem sie ver­
Autofahrender häufig eingeschränkt ist, wird durch      suchen, Leistungsmängel zu ignorieren und ihr ge­
Unfallstatistiken teilweise unterstützt. So sind zwar   wohntes Fahrverhalten weiterzuführen (BRIELER,
gemessen am Anteil an der Gesamtbevölkerung             2016). Während Mitglieder der ersten Gruppe durch
Seniorinnen und Senioren als Beteiligte bei Pkw­        mobilitätsfördernde Maßnahmen eher ermutigt wer­
Verkehrsunfällen unterrepräsentiert (Statistisches      den sollten, sich nicht zu sehr zurückzunehmen und
Bundesamt, 2017). Entscheidend für die Beurtei­         unter Anleitung auch für sie schwierige Fahrsituatio­
lung des Sicherheitsaspekts ist jedoch das fahrleis­    nen zu üben, stehen bei der zweiten Gruppe Bera­
tungsbezogene Risiko einer Unfallbeteiligung. Die       tung und Aufklärung im Vordergrund, um dann in ei­
Berechnung des fahrleistungsbezogenen Risikos           nem nächsten Schritt das Fahrverhalten an das ver­
der Unfallbeteiligung ist jedoch aufwändiger als die    änderte Leistungsniveau anzupassen.
13

Der nachfolgende Literaturüberblick befasst sich         voneinander zu differenzieren, um daraus entspre­
daher zunächst mit wissenschaftlichen Studien zu         chende Interventionsansätze bzw. passende tech­
Unterscheidungsmerkmalen unterschiedlicher Sub­          nische Konzepte für einzelne Personen zu entwi­
gruppen von Seniorinnen und Senioren in Bezug            ckeln (HARGUTT et al., 2019). Dies legen beispiel­
auf ihre Mobilität, wobei hier in erster Linie die       weise die Ergebnisse von POSCHADEL et al.
Pkw­Mobilität gemeint ist. Im Anschluss wird ein         (2012) nahe, die zeigen konnten, dass leistungs­
Überblick zu wissenschaftlich evaluierten Trainings­     stärkere Personen sowohl von Rückmeldefahrten
maßnahmen und zu derzeitig auf dem deutschen             als auch von Trainings profitieren, während leis­
Markt verfügbaren Trainingsprogrammen für ältere         tungsschwächere Personen insbesondere von Trai­
Autofahrende gegeben. Hieraus erfolgt die Erarbei­       nings, aber kaum von Rückmeldefahrten profitie­
tung eines Konzepts für eine subgruppenorientierte       ren, was bedeutet, dass je nach Gruppenzugehö­
Kurzinterventionsmaßnahme zur Erhöhung der in­           rigkeit unterschiedliche Maßnahmen erfolgreicher
dividuellen und der allgemeinen Verkehrssicherheit.      sein können. Obwohl sich einige Forschungsprojek­
                                                         te dem Thema der Klassifizierung widmen, lässt
                                                         sich anhand der Literatur keine eindeutige Klassifi­
2.2 Einflussfaktoren auf das                             zierung der Älteren in verschiedene Subgruppen
    Mobilitätsverhalten                                  hinsichtlich ihrer Mobilität identifizieren, zumal eine
                                                         Abgrenzung nur aufgrund des kalendarischen Al­
Die Gruppe der älteren Kraftfahrer und Kraftfahre­       ters aufgrund der Heterogenität wenig Sinn zu ma­
rinnen ist hinsichtlich ihrer altersbedingten Entwick­   chen scheint. Da das Projekt zum Ziel hat, Seniorin­
lung, sprich ihrer funktionalen Fähigkeiten und Leis­    nen und Senioren insbesondere in ihren Fahrfähig­
tungseinschränkungen, sehr heterogen, wodurch            keiten mit dem Pkw zu stärken, ist in den folgenden
die in der Literatur berichteten Leistungsverschlech­    Darstellungen und Überlegungen mit Mobilität in
terungen lediglich Mittelwerte sein können, deren        erster Linie die Fortbewegung mit dem Pkw ge­
Streuung mit zunehmendem Alter immer größer              meint.
wird (NEUMANN, 2016; RUDINGER & KOCHER­
SCHEID, 2011; SCHLAG, 2008). Gerade die psy­             Um die Mobilität älterer Personen zu charakterisie­
chologische Alternsforschung findet keinen gene­         ren, ist zunächst zu überlegen, welche Faktoren ge­
rellen (alle Leistungsbereiche umfassenden) oder         nerell einen Einfluss auf das Mobilitätsverhalten ha­
universellen (alle Personen betreffenden) Leis­          ben können, um dann die für die Entwicklung eines
tungsabbau (BALTES, 1999; RUDINGER & KO­                 Trainingsprogramms relevanten Variablen ableiten
CHERSCHEID, 2011). Hinsichtlich fahrrelevanter           zu können. Einigkeit herrscht darüber, dass das in­
Leistungseinbußen bedeutet dies, dass sich in der        dividuelle Mobilitätsverhalten von unterschiedlichen
Gruppe der älteren Autofahrenden sowohl Perso­           Personen­ und Umweltfaktoren determiniert wird
nen befinden, die nur wenig fahrrelevante Leis­          (z. B. MILLONIG et al., 2012; JANSEN et al., 2001;
tungsdefizite aufweisen, als auch Personen, bei de­      MOLLENKOPF, OSWALD & WAHL, 1999). Nach
nen relativ starke fahrrelevante Einschränkungen         MILLONIG et al. (2012) hängt die Mobilität älterer
gegeben sein können (HARGUTT, KENNTNER-                  Personen von körperlichen und mentalen Charakte­
MABIALA, KAUSSNER & NEUKUM, 2019). Variie­               ristiken (z. B. Fähigkeit, komplexe Systeme zu ver­
ren die Personen hinsichtlich ihrer Fähigkeiten sehr     stehen), sowie von emotionalen (z. B. Angst, sich
stark, lässt sich daraus schließen, dass auch ihre       zu verirren oder zu verletzen) oder lebensstilbezo­
Bedürfnisse im Hinblick auf Aktivität und Mobilität      genen (z. B. Motivation, außerhäuslichen Aktivitä­
sehr unterschiedlich sein können.                        ten nachzugehen) Aspekten ab. MOLLENKOPF et
                                                         al. (1999) kennzeichnen die außerhäusliche Mobili­
Um bei der Entwicklung eines möglichst ökonomi­          tät durch personelle sowie strukturelle Einflussfak­
schen und großflächig einsetzbaren Trainingspro­         toren. Personelle Faktoren beinhalten Ressourcen,
gramms dieser Heterogenität gerecht zu werden            Kompetenzen und Bedürfnisse einer Person, wobei
und die spezifischen individuellen Schwächen älte­       eine der wichtigsten personellen Voraussetzungen
rer Verkehrsteilnehmer und ­Teilnehmerinnen ge­          die Gesundheit oder generelle körperliche Verfas­
zielt ansprechen zu können, ist es hilfreich, ver­       sung darstellt, die die außerhäusliche Bewegungs­
schiedene Subgruppen hinsichtlich ihres individuel­      fähigkeit oder Motivation zu Unternehmungen ent­
len Mobilitätsverhaltens in Kombination mit der tat­     scheidend beeinflussen kann. Doch auch die bio­
sächlichen Leistungsfähigkeit möglichst trennscharf      grafischen Erfahrungen und die Bildung sowie der
14

gewohnte Lebensstil können die Mobilität mitbe­          bungsbedingt und finanziell, wobei Geschlecht, Kul­
stimmen. Die Höhe des Einkommens kann die Ver­           tur und persönliche Lebensbiografie wichtige Ein­
wirklichung außerhäuslicher Aktivitäten erleichtern      flussfaktoren sein können. Diese Determinanten
oder erschweren. Weiter kann die Verfügbarkeit ei­       setzen sich aus einer Reihe von Faktoren zusam­
nes Pkws die Mobilität unterstützen, da hierdurch        men, deren jeweilige relative Wichtigkeit vom spezi­
beispielsweise körperliche Einschränkungen, ein          fischen Mobilitätskontext einer Person abhängt.
niedriges Sicherheitsgefühl oder die schlechte Er­       Des Weiteren stehen die Hauptdeterminanten in
reichbarkeit von Dienstleistungen ausgeglichen           gegenseitiger Wechselbeziehung – kommt es zu ei­
werden können. Ein wichtiger struktureller Faktor ist    ner Veränderung in einer Dimension, kann es auch
der Wohnort. So wird die Notwendigkeit, mobil zu         zu Veränderungen in anderen Kategorien kommen.
sein, stark davon beeinflusst, ob dieser sich in einer   Leistungsdefizite können somit durch Kompensa­
ländlichen Gegend oder in der Stadt befindet. Damit      tion, als Veränderungen auf anderen Ebenen, aus­
zusammen hängt die Verfügbarkeit und Erreich­            geglichen werden.
barkeit von Dienstleistungs­ und Versorgungsein­
richtungen, persönlichen Bezugspersonen, sowie           Um mobilitätsrelevante Motive zu ermitteln, wurden
öffentlichen Verkehrsmitteln.                            im Rahmen des BMBF­geförderten Projekts FRA­
                                                         ME (RUDINGER, HOLZ-RAU & GROTZ, 2004)
Im von der Bundesanstalt für Straßenwesen geför­         4.500 Seniorinnen und Senioren in urbanen, subur­
derten Projekt AEMEIS orientierten sich JANSEN et        banen und ländlichen Gebieten hinsichtlich ihrer
al. (2001) bei der Entwicklung ihres Fragebogens         Mobilität befragt. Ziel war, umwelt­ und sozialver­
zu aktuellem und zukünftigem Mobilitätsverhalten         trägliche sowie wirtschaftlich tragfähige Mobilitäts­
an einem heuristischen Schalenmodell, in dem die         angebote für Freizeitaktivitäten älterer Menschen
für das Mobilitätsverhalten als relevant erachteten      zu entwickeln. Von den Teilnehmenden wurden auf
Einflussfaktoren verschiedenen Ebenen zugeord­           die Frage, was bei der Entscheidung für die Ver­
net werden. Die zentrale Ebene ist das tatsächliche      kehrsmittelwahl wichtig sei, letztlich zwei gleicher­
Verkehrsverhalten (Fahrverhalten allgemein, Ge­          maßen wichtige Arten von Kriterien genannt: funk­
schwindigkeits­, Fehlverhalten, (Beinahe­)Unfälle).      tional quantitative Aspekte zur effektiven Zielerrei­
An diese Ebene schließen verkehrsbezogene affek­         chung (z. B. Sicherheit, Geschwindigkeit, Verfüg­
tive, kognitive und behaviorale Personenmerkmale         barkeit, Pünktlichkeit, Kosten, Erreichbarkeit, Zu­
(Risikowahrnehmung und -bereitschaft, Wahrneh­           verlässigkeit, Zeit, Funktionalität, Anschlussmög­
mung von Fahrkompetenz, Fehlern und Kontrolle,           lichkeiten, Transportmöglichkeiten) sowie gestalte­
Attributionen, Heuristiken, Einstellungen) an. Eine      risch-qualitative Aspekte, also der Wunsch nach
weitere Ebene stellen die individuellen verkehrsbe­      Genuss und Erleben der Fortbewegung (z. B. Be­
zogenen Rahmenbedingungen dar (Führerschein­,            quemlichkeit, Unabhängigkeit, Flexibilität, Mobilität,
Autobesitz, Pkw­Verfügbarkeit, Mobilitätsbedarf,         Bewegung).
Wohnen, verkehrsbezogene Erfahrungen). Die vier­
te Ebene beinhaltet die globalen Personenmerkma­         Die beispielhaft genannten Ansätze zeigen, dass
le (Lebensstil, Lebenszufriedenheit, soziale Interak­    eine Vielzahl von Faktoren die Mobilität beeinflus­
tionen, Intelligenz, generalisierte Kompetenzerwar­      sen kann, was dementsprechend in eine große He­
tung, Sensation Seeking, Selbstbild, wahrgenom­          terogenität und Komplexität der Gruppe resultiert.
mene Fähigkeiten). Die soziodemografische Struk­         In einer Reihe von Studien wurde daher versucht,
tur (Alter, Geschlecht, Bildung, Herkunft, finanzielle   für die älteren Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer
Situation) bildet die fünfte Ebene. Die äußerste         möglichst homogene Subgruppen hinsichtlich ihres
Schicht besteht aus Umwelteinflüssen und gesell­         Mobilitätscharakters zu identifizieren, um daraus
schaftlichen Rahmenbedingungen (Politik, gesell­         Aussagen für künftiges Mobilitätsverhalten und da­
schaftliche Normen, Sanktionssysteme, wirtschaft­        mit einhergehende Maßnahmen bzw. Interventions­
liche Entwicklung, technischer Fortschritt, Gestal­      möglichkeiten abzuleiten. Dabei wird der Schwer­
tung der Umwelt, Freizeitangebote).                      punkt der Charakterisierung in Abhängigkeit der
                                                         Projektintention jeweils auf unterschiedliche Fakto­
Bei WEBBER, PORTER und MENEC (2010), die                 ren gelegt. Im Folgenden sollen einige Studien, die
mit ihrem Modell gezielt auf die Komplexität der Ein­    sich gezielt mit einer Mobilitätscharakterisierung
flussfaktoren auf die Mobilität von Senioren auf­        auseinandersetzen, dargestellt werden.
merksam machen wollen, gibt es fünf Hauptdeter­
minanten: kognitiv, psychosozial, körperlich, umge­
15

2.3 Klassifikationsansätze für Sub-                         schuldig, mit Teilschuld oder mit ungeklärter
    gruppen älterer Fahrerinnen und                         Schuld in einen Unfall verwickelt waren. Perso­
    Fahrer                                                  nen mit den niedrigsten Werten in den Berei­
                                                            chen Risikowahrnehmung, Einzelerkrankungen,
Je nach Zielsetzung und Intention der Studien wur­          Medikamente und Anzahl der Unfälle.
de der Schwerpunkt jeweils auf andere Faktoren
                                                        •   Die „älteren Schuldigen“ (> 75 Jahre; ca. ein
zur Mobilitätsanalyse gelegt. Dabei wurden zur
                                                            Viertel der Teilnehmenden). Personen, die nach
Analyse teilweise umfangreiche Befragungsdaten
                                                            eigenen Angaben die Alleinschuld am Unfall tru­
verwendet, teilweise wurden aufgrund theoretischer
                                                            gen. Die höchsten Werte bei Kompensationsver­
Überlegungen Vorschläge zu einer potenziell sinn­
                                                            halten, Risikowahrnehmung, Erkrankungen und
vollen Aufteilung der Gruppe Älterer gegeben. Im
                                                            Medikamente bei niedrigster jährlicher km­Fahr­
Folgenden werden einige, für die Entwicklung eines
                                                            leistung. Die Unfallzahl über die Lebensspanne
Trainingsprogramms interessante, Ansätze bei­
                                                            im mittleren Bereich.
spielhaft dargestellt.
                                                        •   Die „jüngeren Schuldigen“ (65-75 Jahre; ca. ein
So wurde im Rahmen der von der Bundesanstalt für
                                                            Viertel der Teilnehmenden). Personen, die nach
Straßenwesen geförderten Studie PROSA (Profile
                                                            eigenen Angaben die Alleinschuld am Unfall
von Senioren mit Autounfällen, BIRCK, 2011; POTT­
                                                            tragen. Niedrige Werte bei Erkrankungen, Medi­
GIESSER, KLEINEMAS, DOHMES, SPIEGEL,
                                                            kamenten und Risikowahrnehmung, geringste
SCHÄDLICH & RUDINGER, 2012) der Einfluss al­
                                                            Ausprägung von kompensatorischem Verhalten,
tersbedingter Leistungseinbußen auf das Unfallrisi­
                                                            höchste jährliche km­Fahrleistung, höchste An­
ko differenziert betrachtet, um Gruppen von verun­
                                                            zahl an Unfällen über die Lebensspanne.
fallten Seniorinnen und Senioren zu identifizieren,
sich mit den verkehrspsychologisch­medizinischen        Gerade für die Gruppe der älteren Schuldigen hält
Profilen weiter auseinandersetzen und differenzier­     BIRCK (2011) Interventionen im Sinne von Ver­
te Interventionsempfehlungen ableiten zu können.        kehrssicherheitsmaßnahmen, die am aktuellen Ver­
Von besonderem Interesse war, ob in einer Gruppe        halten ansetzen, für am vielversprechendsten, da
von schuldhaften Verunfallten bestimmte Merkma­         sich hier weniger ein Einstellungsproblem als viel­
le, die zur Verursachung des Unfalls geführt haben      mehr ein Problem des Leistungsniveaus zu zeigen
könnten, stärker ausgeprägt sind als in einer Grup­     scheint. Da sich diese Gruppe hinsichtlich des kom­
pe von unschuldig Verunfallten. 180 Personen mit        pensatorischen Verhaltens trotzdem nicht signifi­
einem Mindestalter von 65 Jahren, die innerhalb         kant von den anderen Gruppen unterscheidet,
der fünf Jahre vor der Studie als Pkw­Fahrende an       scheint es hier noch weitere Kompensationsmög­
einem Unfall beteiligt gewesen sind, wurden zu          lichkeiten zu geben, beispielsweise durch stärkere
Fahrverhalten, Selbstbild beim Autofahren, Ge­          Selektion der Fahrten oder den Einsatz von techni­
sundheit, Risikowahrnehmung und Unfallgeschich­         schen Hilfsmitteln.
te interviewt. Mit einer Teilstichprobe von 50 Perso­
nen wurden außerdem eine verkehrsmedizinisch­           In anderen Studien werden Ältere im Hinblick auf
psychologischen Untersuchung sowie eine standar­        ihre Fähigkeit zur Kompensation von möglichen
disierte Fahrverhaltensprobe durchgeführt, um ob­       Leistungseinbußen betrachtet bzw. in Gruppen auf­
jektive Informationen über den Gesundheitszustand       geteilt. SEEGER (2005; zitiert nach BIRCK, 2011)
und das tatsächliche Fahrverhalten zu erhalten. In      beispielsweise nimmt auf Grundlage von Untersu­
der durchgeführten Clusteranalyse wurden alle           chungen älterer Pkw­Fahrender unter Berücksichti­
potenziell risikomodulierenden Einflussfaktoren         gung der Faktoren Kompensation und Krankheit
berücksichtigt: Kompensatorisches Verhalten, ver­       eine Unterteilung in drei Gruppen vor. Die Gruppe
kehrsbezogene Risikowahrnehmung, aktuelle jähr­         der gesunden Betagten bis zu einem Alter von 80
liche km­Leistung, Anzahl aller Einzelerkrankungen,     bis 85 Jahren kann demnach altersbedingte, phy­
Anzahl der Medikamente, Altersklassen, Schuldfra­       siologische Einschränkungen gut kompensieren
ge des Hauptunfalls sowie Anzahl der Unfälle über       und ist in der Fahreignung meist nicht einge­
die Lebensspanne. Daraus ergaben sich drei Clus­        schränkt. Personen der Gruppe der gesunden
ter:                                                    Hochbetagten ab einem Alter von 80 bis 85 Jahren
                                                        erkennen in der Regel ihre Defizite und verzichten
•   Die „Unschuldigen aller Altersklassen“ (ca. die     freiwillig auf das Fahren, sobald sie erkennen, dass
    Hälfte der Teilnehmenden). Personen, die un­        sie ihre Leistungsgrenzen erreicht haben. Die dritte
16

Gruppe besteht aus verkehrsmedizinisch Kranken.       pensationsverhalten von Bedeutung, wobei eventu­
Diese Personen sind nicht mehr in der Lage, Leis­     elle Beweggründe für das Verhalten zu berücksich­
tungsmängel zu kompensieren, sodass eine Fahr­        tigen sind. Ein dysfunktionaler Kompensationsstil
eignung nicht mehr oder nur noch eingeschränkt        führt zwar nicht zwangsläufig zu einer erhöhten Un­
gegeben ist. Dies sei insbesondere bei Demenz­Er­     fallbeteiligung, aber diese Personen geben tenden­
krankungen der Fall, da hier die Voraussetzungen      ziell vermehrt an, die Teil­ oder Alleinschuld an ei­
für eine erfolgreiche Kompensation fehlen (z. B.      nem Unfall gehabt zu haben, d. h. das Unfallrisiko
Störung der realitätsgerechten Wahrnehmung, der       scheint erhöht zu sein. Generell scheinen sich dys­
geteilten Aufmerksamkeit oder des Reaktionsver­       funktional Kompensierende durch eine höhere Risi­
mögens).                                              kobereitschaft bei geringerer Risikowahrnehmung
                                                      und stärkere Sensation Seeking Ausprägung aus­
Innerhalb des Projekts AEMEIS (JANSEN et al.,         zuzeichnen, halten sich selbst für „bessere“ Auto­
2001) wurden im Rahmen einer Befragung von ins­       fahrer oder Autofahrerinnen und fühlen sich ver­
gesamt 2.032 Personen im Alter zwischen 55 und        stärkt jung geblieben, wobei sie die eigenen Leis­
94 Jahren Subgruppen abgeleitet, die die Teilneh­     tungseinbußen als wenig verkehrsrelevant betrach­
menden anhand ihrer Mobilitätsbedürfnisse, ihres      ten. Hier müsste beispielsweise im Rahmen von
Mobilitäts­ und Verkehrsverhaltens sowie ihrer Un­    Schulungen oder praktischen Übungen die man­
fallgefährdung charakterisierten, wobei das Kom­      gelnde Einsicht bezüglich der eigenen Fähigkeiten
pensationsverhalten für die Bildung der Subgrup­      sowie die Risikowahrnehmung adressiert werden.
pen von besonderem Interesse war. So wurden von       Allerdings ist zu berücksichtigen, dass sich die dys­
den Autoren fünf (subjektive) Kompensationsgrup­      funktional Kompensierenden vor allem in der Grup­
pen gebildet:                                         pe der Männer zwischen dem 54. und dem 64. Le­
•    Angemessenes Verhalten: keine Veränderung        bensjahr befinden (JANSEN et al., 2001).
     des Fahrverhaltens in Form von Vermeidung        Die SENIORLIFE­Studie (HOLTE, 2018) knüpft in­
     schwieriger Situationen oder Aneignung eines     haltlich und methodisch an dem Projekt AEMEIS an
     defensiveren Fahrstils, keine verkehrsrelevan­   und besteht aus einer Repräsentativbefragung von
     ten Leistungseinbußen.                           2.066 Personen ab 55 Jahren. Mithilfe einer Clus­
•    Präventives Verhalten: Verbesserung des eige­    teranalyse konnten sechs Lebensstilgruppen von
     nen Fahrverhaltens durch Vermeidung schwieri­    Seniorinnen und Senioren identifiziert werden, die
     ger Situationen und/oder Aneignung eines de­     sich hinsichtlich der Gefährdung im Straßenverkehr
     fensiveren Fahrstils, keine verkehrsrelevanten   deutlich voneinander unterscheiden. HOLTE (2018)
     Leistungseinbußen.                               schlussfolgert, dass eine Identifizierung von Risiko­
                                                      gruppen innerhalb der heterogenen Gruppe von
•    Funktionale Kompensation: Verbesserung des       Senioren und Seniorinnen auf Basis von Lebenssti­
     eigenen Fahrverhaltens durch Vermeidung          len sehr vielversprechend sei. Dagegen ist eine
     schwieriger Situationen und/oder Aneignung ei­   Segmentierung ausschließlich nach Lebenslagen
     nes defensiveren Fahrstils, wahrgenommene        (Einkommen, Gesundheit, Wohnen, Bildung) nicht
     verkehrsrelevante Leistungseinbußen.             zu empfehlen.
•    Dysfunktionale Kompensation: keine Anpassung     Einen völlig anderen Ansatz bieten BROBERG und
     des eigenen Fahrverhaltens durch Vermeidung      DUKIC WILLSTRAND (2014) in einer Studie zur
     schwieriger Situationen und/oder Aneignung ei­   Selbst­ und Fremdeinschätzung hinsichtlich der
     nes defensiveren Fahrstils, wahrgenommene        Fahrkompetenz. Der Gedanke der Studie war, dass
     verkehrsrelevante Leistungseinbußen.             individuelle Unterschiede in der Bewertung der ei­
                                                      genen Fahrkompetenz beeinflussen, inwieweit Per­
•    Kompensationsgüte unklar: Merkmalskombina-
                                                      sonen ihre Mobilität selbst begrenzen bzw. sich
     tionen, denen keine eindeutige Kompensations­
                                                      selbst riskanten Situationen verstärkt oder vermin­
     güte zugeordnet werden kann (z. B. defensive­
                                                      dert aussetzen. 40 Personen von mindestens 70
     rer Fahrstil, keine wahrgenommenen Leistungs­
                                                      Jahren absolvierten eine Realfahrt sowie Leistungs­
     einbußen, aber kritische Situationen werden
                                                      tests und nahmen an einer eingehenden Befragung
     häufiger erlebt).
                                                      zur Selbsteinschätzung ihrer Fahrkompetenz und
Personenzentrierte Maßnahmen sind insbesondere        ihres Fahrverhaltens teil. Die Leistung während der
für Personengruppen mit unangemessenem Kom­           Studienteilnahme wurde sowohl von ihnen selbst
17

als auch von Expertinnen und Experten beurteilt. Es           fahrenden; bewerten ihre Möglichkeiten, das
wurden vier Gruppen gebildet: Personen, die ihre              Haus für Unternehmungen zu verlassen, besser
Fahrkompetenz als angemessen bewerteten, ent­                 als die anderen Gruppen; höchste Aktivitätsrate
weder im positiven oder negativen Sinne, und Per­             der drei Gruppen;
sonen, die ihre eigene Fahrkompetenz über­ oder
                                                          •   Körperlich leicht eingeschränkt: überwiegend in
unterschätzten. Die Personen, die ihre eigene
                                                              der älteren Altersgruppe; im Ruhestand; meist
Fahrkompetenz überschätzten, zeigten nach ent­
                                                              Mehrpersonenhaushalt; hohe Zufriedenheit mit
sprechendem Feedback die geringste Einsicht.
                                                              Gesundheitszustand, da kaum körperliche Be­
BROBERG und DUKIC WILLSTRAND (2014) leiten
                                                              einträchtigungen; bevorzugen zu Fuß Gehen
aus den Ergebnissen ab, dass je nach Gruppenzu­
                                                              und Fahrradfahren;
gehörigkeit andere Maßnahmen nötig sind, um die
Verkehrssicherheit für alle zu erhöhen. So schlagen       •   Körperlich stark eingeschränkt: älter als 70 Jah­
sie vor, dass die Personen, die ihre eigene Fahr­             re; Einpersonenhaushalt; unzufrieden mit eige­
kompetenz unterschätzen und das Fahren unnöti­                nem Gesundheitszustand, da häufig körperliche
gerweise einschränken oder aufgeben, von ent­                 Beeinträchtigungen; bevorzugen öffentliche Ver­
sprechenden Trainingsprogrammen und prakti­                   kehrsmittel; niedrigste Aktivitätsrate.
schen Fahrstunden profitieren könnten, um mehr
Vertrauen in ihre Leistung zu bekommen. Ein ähnli­        Ebenfalls im Rahmen des ERA­NET Projekts „Keep
cher Ansatzpunkt sollte für Personen gewählt wer­         Moving“ leitet van BEEK (2010) zwei Subgruppen
den, die ihre eigene Leistung angemessen schlecht         ab, die auf Annahmen bezüglich der künftigen Mo­
einschätzen. Die Personen, die ihre Leistung ange­        bilität älterer Personen im Hinblick auf drei Faktoren
messen gut einschätzen, könnten an Auffrischungs­         beruhen: ökonomisch, räumlich und Aktivitätsmus­
fahrschulkursen teilnehmen oder Fahrerinforma­            ter. Van BEEK (2010) unterscheidet zwischen zwei
tionssysteme zur Unterstützung nutzen, um mög­            Gruppen mit jeweils mindestens 65 Jahre alten Zu­
lichst lange in dieser Leistungsgruppe bleiben zu         gehörenden:
können. Aufgrund möglicher fehlender Einsicht
                                                          •   „Senior Cosmopolitan“: international orientiert,
könnte die Personengruppe der „Überschätzer“ laut
                                                              wenig pflegebedürftig, aktiv in die Gesellschaft
BROBERG und DUKIC ILLSTRAND (2014) am
                                                              involviert, viele kurze und lange Strecken wer­
ehesten von Fahrerinformations­ oder Fahrerassis­
                                                              den mit allen Verkehrsmitteln zurückgelegt, städ­
tenzsystemen profitieren, um in komplexen oder kri­
                                                              tisches Wohngebiet, höher-klassige Wohnung;
tischen Situationen die Kontrolle zurückzuerhalten.
                                                          •   „Future Traditional“: regional/lokal orientiert, von
In einer Reihe von Studien wird jedoch ein komple­            Pflege durch Familie/Nachbarschaft abhängig,
xerer Ansatz gewählt, d. h. es werden deutlich mehr           wenig Teilnahme in der Gesellschaft, viele kurze
Faktoren, wie Wohnort, soziales Netzwerk und Akti­            Strecken mit Fahrrad und Auto, ländlicher Wohn­
vität, in die Mobilitätsanalyse einbezogen (siehe             ort, Wohnung der Mittelklasse.
MILLONIG et al., 2012) für einen beispielhaften
Überblick). So wurden im Rahmen des Projekts              Ein weiteres Projekt, das auch bei MILLONIG et al.
SZENAMO (Szenarien zukünftiger Mobilität älterer          (2012) Erwähnung findet, ist der „Mobilitätsszena­
Personen; BELL et al., 2010; innerhalb des Projekts       rienkatalog – Projekt MOTION55+ Mobilitätszukunft
ERA­NET „Keep moving“) mobilitätsrelevante Fak­           für die Generation 55+“ (AIGNER-BREUSS et al.,
toren Älterer auf der Basis von Telefoninterviewda­       2010). Dieses beschäftigt sich auf der Grundlage
ten von 1.500 Personen im Alter von 62 bis 95 Jah­        von Befragungsdaten mit der Entwicklung von Mo­
ren identifiziert und evaluiert. Grundlage für die        bilitätsszenarien für die Zielgruppe der über 55­Jäh­
Analyse war die Annahme von Subruppen, die aus            rigen im ländlichen Raum, um zukünftige Planun­
aktiv Handelnden und keinen passiven Opfern be­           gen im Verkehrssystem, die Gestaltung von Mobili­
stehen und somit ihre eigene Form der Mobilität ge­       tätslösungen und den Einsatz von angemessenen
stalten. Mithilfe einer Cluster Analyse, die die Fakto­   Verkehrstechnologien zu unterstützen. In diesem
ren Gesundheitszustand, Haushaltsstruktur und             Zusammenhang wurden drei Mobilitätstypen abge­
Beschäftigungsstatus einbezog, wurden drei Grup­          leitet, die sich in ihrer Pkw­Nutzung unterscheiden:
pen identifiziert:
                                                          •   Vorwiegende Pkw-NutzerInnen: 66-73 Jahre alt;
•   Voll mobil: jünger als 70 Jahre; berufstätig; meist       verheiratet, durchschnittliches Einkommen, teil­
    Mehrpersonenhaushalt; höchster Anteil an Auto­            weise Mobilitätseinschränkungen durch körperli­
Sie können auch lesen