EVENTISIERUNGSDRUCK Nachhaltige Nutzung öffentlicher Freiräume als Veranstaltungsorte - am Beispiel Berlin

Die Seite wird erstellt Dirk Wilke
 
WEITER LESEN
EVENTISIERUNGSDRUCK Nachhaltige Nutzung öffentlicher Freiräume als Veranstaltungsorte - am Beispiel Berlin
EVENTISIERUNGSDRUCK
                  Nachhaltige Nutzung öffentlicher Freiräume
                  als Veranstaltungsorte – am Beispiel Berlin

                  Entwicklung eines kriterienbasierten Bewertungsverfahrens
                              und von Handlungsempfehlungen

                                           vorgelegt von

                                        Dipl.-Ing. Birte Jung
                                           geb. in Berlin

                         von der Fakultät VI – Planen – Bauen – Umwelt
                              der Technischen Universität Berlin
                           zur Erlangung des akademischen Grades

                              Doktor der Ingenieurwissenschaften
                                           – Dr.-Ing. –

                                     genehmigte Dissertation

Promotionsausschuss:

Vorsitzende: 		     Prof. Undine Giseke
Gutachterin: 		     Prof. Cordula Loidl-Reisch
Gutachterin: 		     Prof. Dr.-Ing. Birgit Kröniger

Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 02. Juli 2019

                                            Berlin 2019
EVENT
ISIERUNGS
DRUCK
Nachhaltige Nutzung
öffentlicher Freiräume
als Veranstaltungsorte
– am Beispiel Berlin
INHALT

1 EINLEITUNG                                                                                17
1.1 Problemstellung und Ausgangslage                                                        18
1.2 Stand der Forschung                                                                     22
 1.2.1 Der öffentliche Freiraum als Veranstaltungsort                                       22
 1.2.2 Verträglichkeit von Veranstaltungen auf Grünflächen                                  22
 1.2.3 Nachhaltige Events / Veranstaltungsauswirkungen                                      23
 1.2.4 Umweltmanagement und nachhaltige Bewertungssysteme                                   24
 1.2.5 Handlungsempfehlungen und Leitfäden für ein nachhaltiges Veranstaltungsmanagement    24
 1.2.6 Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte                                                  25
 1.2.7 Management und Koordinierung von Veranstaltungen (Verwaltung)                        25
 1.2.8 Diplomarbeit Freiraum und Veranstaltung                                              26
 1.2.9 Auswertung des Forschungsstandes                                                     26
1.3 Zielsetzungen und Fragestellungen der Arbeit                                            27
1.4 Aufbau der Kapitel                                                                      28

2 FORSCHUNGSDESIGN                                                                          31
2.1 Methodisches Vorgehen                                                                   32
 2.1.1 Kennzeichen eines qualitativen Forschungsprozesses                                   32
 2.1.2 Ergänzung durch Mixed Methods (Kombination qualitativer und quantitativer Daten)     33
 2.1.3 Berlin als Untersuchungsraum und Auswahl der Fallstudien                             33
2.2 Allgemeine angewandte qualitative Methoden                                              35
 2.2.1 Literatur-, Medien- und Dokumentenrecherche                                          35
 2.2.2 Leitfadengestützte Experteninterviews                                                36
 2.2.3 Ergänzende Methoden (Beobachtungen, Fotodokumentationen, Befragungen)                38
 2.2.4 Situations-Maps und typologische Analyse                                             39
2.3 Quantitative Recherche: Onlinebefragung von Gartenamtsleiter*innen                      39
 2.3.1 Methodik und Aufbau der Umfrage                                                      39
 2.3.2 Information über Onlineumfrage und Stichprobenerhebung                               40
 2.3.3 Umfragezeitraum                                                                      40
 2.3.4 Schwierigkeiten und mögliche Fehlerquellen                                           40
 2.3.5 Analyse und Auswertung der Ergebnisse mit SPSS                                       41
2.4 Entwicklung eines Erfahrungskatalogs                                                    42
2.5 Bewertungsmethodik: Nutzwertanalytisches Verfahren                                      42
2.6 Gesamtüberblick: Recherche-, Analyse und Auswertungsmethoden                            43

3 DER ÖFFENTLICHE FREIRAUM ALS VERANSTALTUNGSORT                                            45
3.1 Der öffentliche Freiraum – Begrifflichkeiten                                            46
 3.1.1 Morphologischer und physikalischer Raumbegriff in der Stadt- und Freiraumplanung     46
 3.1.2 Widmung und Eigentumsverhältnisse von öffentlichen Freiräumen                        47
 3.1.3 Soziologischer Raumbegriff aus der Nutzerperspektive                                 47
 3.1.4 Eingrenzung des Raumbegriffs in der Forschungsarbeit                                 48
3.2 Konflikte und Probleme – öffentlicher Freiraum als umkämpfter Raum                   48
 3.2.1 Kommerzialisierung und Privatisierung                                             48
 3.2.2 Eventisierung und Festivalisierung                                                49
 3.2.3 Pflegedefizite und Übernutzung von öffentlichen Grünflächen                       50
3.3 Der öffentliche Freiraum als Ort für Veranstaltungen                                 52
 3.3.1 Veranstaltungen in „Möglichkeitsräumen“ und „Arenen“                              52
 3.3.2 Geschichte und Entwicklung von Veranstaltungen im öffentlichen Freiraum           53
3.4 Charakteristik und Klassifizierung von öffentlichen Freiräumen                       54
 3.4.1 Lage und Umfeld                                                                   54
 3.4.2 Nutzung und Funktion                                                              54
 3.4.3 Raumstruktur, Größe und Grenzen                                                   55
 3.4.4 Äußere Erschließung und Anbindung                                                 56
 3.4.5 Innere Erschließung                                                               56
 3.4.6 Gestaltung, Ausstattung und Vegetation                                            57
 3.4.7 Atmosphäre und landschaftsarchitektonischer Wert                                  57
 3.4.8 Bedeutung und Raumkontext                                                         57
 3.4.9 Gesetze und Widmung                                                               58
3.5 Typen von öffentlichen Freiräumen                                                    58
 3.5.1 Haupttyp Straße                                                                   59
 3.5.2 Haupttyp Platz                                                                    59
 3.5.3 Haupttyp Grün                                                                     60
 3.5.4 Untertyp Repräsentation                                                           60
 3.5.5 Untertyp Infrastruktur                                                            61
 3.5.6 Untertyp Nachbarschaft                                                            61
3.6 Zwischenfazit Kapitel 3                                                              64

4 VERANSTALTUNGEN IM ÖFFENTLICHEN FREIRAUM                                               65
4.1 Begrifflichkeiten Veranstaltungen und Events                                         66
 4.1.1 Definition Veranstaltung                                                          66
 4.1.2 Definition Event                                                                  66
 4.1.3 Kritik am Begriff „Event“ und seine Verwendung                                    67
4.2 Nachhaltige Veranstaltungen und nachhaltiges Veranstaltungsmanagement                68
 4.2.1 Begriffsdefinition Nachhaltige Entwicklung                                        68
 4.2.2 Nachhaltigkeitsdimensionen                                                        69
 4.2.3 Definition nachhaltige Veranstaltungen / nachhaltiges Veranstaltungsmanagement    70
 4.2.4 Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriff in der Arbeit                               72
4.3 Veranstaltungsauswirkungen auf den Freiraum und dessen Umgebung                      73
 4.3.1 Unterscheidungsmerkmale von Veranstaltungsauswirkungen                            73
 4.3.2 Ökologische Auswirkungen                                                          74
 4.3.3 Soziokulturelle und ästhetische Auswirkungen                                      78
 4.3.4 Ökonomische und politische Auswirkungen                                           81
4.4 Klassifizierung von Veranstaltungen (Veranstaltungsaspekte)                          86
 4.4.1 Arten und Themen von Veranstaltungen                                              86
4.4.2 Veranstaltungsmotiv                                                              86
 4.4.3 Angemeldete vs. unangemeldete Veranstaltungen (Free-Open-Airs)                   87
 4.4.4 Zeit, Dauer und Häufigkeit von Veranstaltungen                                   88
 4.4.5 Bezug zum Ort                                                                    88
 4.4.6 Bedeutung und öffentliches Interesse von Veranstaltungen                         89
 4.4.7 Veranstaltungsgröße                                                              90
 4.4.8 Sicherheitsrelevante Unterscheidungsmerkmale und soziodemographische Aspekte     90
 4.4.9 Bewegung und Dynamik einer Veranstaltung                                         91
 4.4.10 Einzugsbereich einer Veranstaltung                                              92
 4.4.11 Zugang und Freizügigkeit                                                        92
4.5 Veranstaltungszonierung im Freiraum                                                 92
4.6 Akteure – Interessen, Anforderungen und Konflikte                                   93
4.7 Rechtliche Vorgaben, Genehmigungen, Auflagen und Normen                             96
 4.7.1 Versammlungen auf öffentlichen Straßen – Versammlungsgesetz                      96
 4.7.2 Sondernutzungserlaubnis und straßenverkehrsrechtliche Erlaubnis                  97
 4.7.3 Ablauf eines Genehmigungsverfahren                                               98
 4.7.4 Ausnahmegenehmigung für Veranstaltungen in Grünanlagen                           99
 4.7.5 Baurechtliche Vorgaben und Fliegende Bauten                                      99
 4.7.6 Musterversammlungsstätten-Verordnung (MVSättVO)                                 100
 4.7.7 Umwelt- und denkmalschutzrechtliche Vorgaben                                    100
 4.7.8 Immissionsschutzrechtliche Bestimmungen (Drittschutz)                           103
 4.7.9 Kultur- und Denkmalschutz                                                       105
4.8 Nachhaltige Veranstaltungsdurchführung nach ISO, EMAS und Co                       106
4.9 Zwischenfazit Kapitel 4                                                            107

5 KONFLIKTFELD ÖFFENTLICHE GRÜNFLÄCHEN ALS VERANSTALTUNGSORTE                          109
5.1 Umfrageergebnisse I: Stimmungsbild und Erfahrungen der GALK mit Veranstaltungen    110
 5.1.1 Die Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) – Begriffserklärung               110
 5.1.2 Rücklauf der Umfrage und Verteilung nach Bundesländern und Größenklassen         111
 5.1.3 Veranstaltungsorte auf öffentlichen Grünflächen                                 112
 5.1.4 Veranstaltungshäufigkeit                                                        112
 5.1.5 Veranstaltungstypen                                                             112
 5.1.6 Bezug zum Ort                                                                   113
 5.1.7 Veranstaltungsauswirkungen auf Grünflächen                                      113
 5.1.8 Ein erstes Stimmungsbild                                                        114
5.2 Umfrageergebnisse II (Positiv- und Negativbeispiele )                              118
 5.2.1 Nutzungen und Zugänglichkeit der Grünflächen                                    118
 5.2.2 Vorhandensein von Infrastruktur                                                 118
 5.2.3 Veranstaltungstyp / -thema                                                      119
 5.2.4 Anzahl der Veranstaltungsbesucher                                               120
 5.2.5 Nutzungsentgelt und Kaution                                                     120
 5.2.6 Veranstaltungsauswirkungen                                                      120
 5.2.7 Auflagen und Maßnahmen                                                          121
5.2.8 Durchführung von (Pflege-)Maßnahmen nach der Veranstaltung                        123
5.3 Zwischenfazit zur Onlineumfrage                                                      123
5.4 Erfahrungskatalog: Beispiele von Veranstaltungsfolgen/-schäden                       125
 5.4.1 Bremer Kindertag – Bürgerpark (Bremen)                                            126
 5.4.2 Das Fest – Günther-Klotz-Anlage (Karlsruhe)                                       130
 5.4.3 Hessentag – Colchesteranlage (Wetzlar)                                            134
 5.4.4 Diverse Veranstaltungen – Friedrichsplatzanlage (Mannheim)                        138
 5.4.5 Lichterfest – Stadtpark (Lahr)                                                    142
 5.4.6 Public Viewing – Französischer Garten (Celle)                                     146
 5.4.7 Umsonst & Draußen – Toskanapark (Lindau)                                          150
5.5 Zwischenfazit zum Erfahrungskatalog                                                  154

6 NACHHALTIGE NUTZUNG ÖFFENTLICHER FREIRÄUME ALS VERANSTALTUNGSORTE                     157
6.1 Ziele einer nachhaltigen Nutzung öffentlicher Freiräume als Veranstaltungsorte       158
6.2 Anwendungsbereich und Anforderungen an das kriterienbasierte Bewertungsverfahren     161
 6.2.1 Anwendungsbereich und Zielgruppen                                                 161
 6.2.2 Anforderungen an ein Bewertungssystem und an die Bewertungskriterien              162
6.3 Ablauf und Durchführung einer Bewertung                                              163
6.4 Entwicklung und Auswahl von Bewertungskriterien                                      165
6.5 Kriterien für eine nachhaltige Veranstaltungsnutzung öffentlicher Freiräume          167
 6.5.1 Bewertungskriterien Ökologische und Umwelt-Aspekte 168
 6.5.2 Bewertungskriterien Funktionale und technische Aspekte 183
 6.5.3 Bewertungskriterien Soziokulturelle und ökonomische Aspekte 202
6.6 Zwischenfazit Kapitel 6                                                              214

7 FALLBEISPIEL BERLIN: ANWENDUNG DES BEWERTUNGSVERFAHRENS                               215
7.1 Straße des 17. Juni                                                                  218
7.2 Gneisenaustraße                                                                      224
7.3 Dunckerstraße                                                                       228
7.4 Gendarmenmarkt                                                                      232
7.5 Alexanderplatz                                                                      236
7.6 Nettelbeckplatz                                                                     240
7.7 Platz der Republik                                                                  244
7.8 Tempelhofer Feld                                                                     248
7.9 Preußenpark                                                                         254
7.10 Rückschlüsse und Verallgemeinerungen für die Freiraumtypen                         262
 7.10.1 Haupttyp Straße                                                                  262
 7.10.2 Haupttyp Platz                                                                   263
 7.10.3 Haupttyp Grün                                                                    263
 7.10.4 Untertyp Repräsentation                                                          264
 7.10.5 Untertyp Infrastruktur                                                           265
 7.10.6 Untertyp Nachbarschaft                                                           265
7.11 Zwischenfazit Kapitel 7                                                            268
8 HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN FÜR EINE NACHHALTIGE VERANSTALTUNGSNUTZUNG                                    269
8.1 Veranstaltungsbezogene Maßnahmen                                                                  270
 8.1.1 Schutz der natürlichen Umwelt                                                                  272
 8.1.2 Lärm- und Lichtemissionen                                                                      276
 8.1.3 Sicherheit und Freiraumkapazität                                                               279
 8.1.4 Verkehr und Mobilität                                                                          282
 8.1.5 Energie und Infrastruktur                                                                      284
 8.1.6 Tragfähigkeit und Belastbarkeit                                                                285
 8.1.7 Abfall und Entsorgung                                                                          286
 8.1.8 Kultur- und Denkmalschutz                                                                      290
 8.1.9 Zugänglichkeit und Barrierefreiheit                                                            291
 8.1.10 Zusammenarbeit mit der Verwaltung / Kontrolle                                                 292
 8.1.11 Nachhaltiges Engagement und Management einer Veranstaltung                                    294
8.2 Wiederherstellungs-und Pflegemaßnahmen                                                            295
 8.2.1 Vegetationsschäden und verdichte Bodenflächen                                                  295
 8.2.2 Koordinierung von Sanierungs- und Pflegearbeiten in Freiräumen mit hohem Nutzungsdruck         296
 8.2.3 Reinigung des Freiraums und Abfallentsorgung                                                   296
 8.2.4 Schäden am Freiraummobiliar                                                                    296
8.3 Freiraumplanerische Maßnahmen / Adaptierung von Freiräumen                                        296
 8.3.1 Allgemeine planerische Aspekte zur Neuplanung und Umgestaltung von öffentlichenFreiräumen mit
   		 Veranstaltungsnutzung                                                                           297

 8.3.2 Schutzgüter: Verbesserung der Empfindlichkeit und Belastbarkeit                                300
 8.3.3 Technische Infrastruktur und Ausstattung                                                       303
8.4 Koordinierung von Veranstaltungen und verwaltungstechnische Maßnahmen                             307
 8.4.1 Entwicklung von Nutzungsregeln /-plänen /-zeiten                                               308
 8.4.2 Veranstaltungsflächen für Free Open Airs und eine vereinfachte Genehmigungspraxis              309
 8.4.3 Rechtliche Regelungen und Gesetzesänderungen                                                   311
 8.4.4 Entwicklung und Anpassung einer transparenten Gebührenordnung                                  312
 8.4.5 Koordinierungsstelle für Veranstaltungen                                                       312
8.5 Zwischenfazit Kapitel 8                                                                           314

9 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK                                                                        315
9.1 Zusammenfassung und Fazit                                                                         316
9.2 Ausblick                                                                                          320

10 LITERATURVERZEICHNIS                                                                               323

A ANHANG                                                                                              349
A.1 Übersicht über interviewte Expert*innen                                                           350
A.2 Interviewleitfaden                                                                                351
A.3 Übersicht GALK Ansprechpartner*innen aus den Landesgruppen (Stand 2014)                           352
A.4 Web-Survey-Fragebogen 								                                                                     353
A.4 Weitere Ergebnisse aus der Onlineumfrage                                                          358
A.5 Tabelle Erfahrungskatalog                                                                         360
KAPITEL 1

                  1
             EINLEITUNG
Einleitung                17
1.1 Problemstellung und Ausgangslage

     Öffentliche Freiräume – Straßen, Plätze oder           Stadt entwickelt (vgl. Anders & Wittstock 2013,
     Grünflächen – werden als frei zugänglich, multi-       91). Eine nachhaltige Veranstaltungsnutzung, die
     funktional, nutzungsoffen definiert; sie schließen     nicht dauerhaft zulasten anderer Freiraumfunktio-
     keine Gruppen aus und erfüllen unterschied-            nen geht, steht im Fokus der Forschungsarbeit.
     liche Funktionen (vgl. Breuer 2003, 5ff.; Klamt
     2012, 777ff.; Petrow 2012, 806): Für Menschen          Anhand des Beispiels Berlins wird einleitend dar-
     sind sie Verbindungswege, Erholungs- und Auf-          gestellt, wo Veranstaltungen in der deutschen
     enthaltsorte, Treffpunkte oder Orte der sozialen       Hauptstadt stattfinden und welche Probleme
     Begegnung. Sie sind zugleich Lebensräume für           sich daraus ergeben. Öffentliche Grünflächen,
     Tiere und Pflanzen und wirken sich positiv auf         Straßen und Plätze sind auch in Berlin Orte für
     Umwelt und Klima aus. Öffentliche Freiräume            Veranstaltungen. Hier sind zum einen die Park-
     sind auch Veranstaltungsorte, um die es in der         anlagen wie der Mauerpark zu nennen. Dieser
     vorliegenden Promotionsarbeit gehen wird.              zieht an schönen Sonntagen tausende von
                                                            Menschen in den Park, zum Picknick oder zum
     In dicht bebauten Städten ist öffentlicher Freiraum    Karaoke im Amphitheater. Der Preußenpark im
     knapp und wird daher als besonders schützens-          Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ist
     wert betrachtet (vgl. Ermer, Hoff & Mohrmann           zum touristischen Treffpunkt für thailändisches
     1996, 57; Pauleit, Sauerwein & Breuste 2016, 2ff.;     Essen geworden. Große Grün- und Erholungs-
     Anders, Hauber & Pustal 2013, 127). Der öffentliche    anlagen wie das Tempelhofer Feld oder der
     Freiraum ist also auch „umkämpfter Raum“, in dem       Treptower Park werden zur Musikbühne von
     unterschiedliche Nutzerinteressen und-bedürf-          internationalen Festivals wie dem Lollapalooza.
     nisse aufeinandertreffen (vgl. Klamt 2012, 792).       Die Straße des 17. Juni wird als die „Veranstal-
     Natürliche Ressourcen sind dazu begrenzt ver-          tungsmeile“ in Berlin bezeichnet (vgl. Knierbein
     fügbar und erfordern einen schonenden Umgang           2010, 225). Ob als Fanmeile beim Livestream von
     (vgl. Hauff 2014, 31ff.). „Nachhaltige Entwicklung“    Fußball- Welt- oder Europameisterschaften, als
     wird deshalb seit mehreren Jahren auch in der          Demonstrationsstrecke vom Christopher Street
     Stadtentwicklung und in Diskussionen zu urbanen        Day, für Sportveranstaltungen wie dem Ber-
     Freiräumen thematisiert (u.a. Dangschat 1997; Dril-    lin-Marathon sowie als Ort für Straßenfestivals
     ling & Schnur 2012; Wehrheit 2002; Breuste 2016,       wie dem Umweltfestival, diese Straße beherbergt
     207ff.; Chiesura 2004, 129ff.; Bott, Grassl & Anders   jedes Jahr zahlreiche Veranstaltungen. Aber auch
     2018, 11ff.). Als nachhaltige Entwicklung wird         auf anderen Straßen der Stadt wird gefeiert,
     eine dauerhafte oder zukunftsfähige Entwick-           wie auf der Gneisenaustraße zum Straßenum-
     lung beschrieben, die nicht auf Kosten anderer         zug des Karnevals der Kulturen. Zum nachbar-
     Menschen, Räume oder nachfolgender Genera-             schaftlichen Myfest auf Kreuzberger Straßen
     tionen gehen darf (vgl. Hauff 2014; Kap. 4.2). Dies    kommen Anwohner*innen und Tourist*innen
     bedeutet übertragen auf städtische Freiräume,          zusammen. Die Karl-Marx-Allee wird zur Renn-
     dass deren nachhaltige Entwicklung und Nutzung         strecke der Formel E. Öffentliche Plätze wie
     unterschiedliche Nutzerbedürfnisse und Freiraum-       der Alexanderplatz sind zugleich auch Orte für
     funkionen einschließt und erhält, und öffentliche      Weihnachts- und Ostermärkte oder Oktoberfes-
     Freiräume zu zukunftsfähigen, lebenswerten und         te. Der Pariser Platz war lange Zeit das Zuhause
     anpassungsfähigen Orten in einer nachhaltigen          der Mercedes Benz Fashion Week. Während des

18
Evangelischen Kirchentags wurde im Jahr 2017             zungsdruck und bewirken, dass aufgrund hoher

                                                                                                                      KAPITEL 1
der Gendarmenmarkt zur Open-Air-Kirche.                  Belastungen durch Veranstaltungsbesucher*in-
                                                         nen und Eventverkehr Rasenflächen abgetragen,
Nicht nur in Berlin zeigt sich dieses Bild, sondern      Böden verdichtet, Pflanzen geschädigt werden
in vielen Städten der Welt werden öffentliche            und eine große Menge Abfall beispielsweise nach
Straßen, Plätze oder Parks auch als urbane               dem Wochenende im Park verbleibt (vgl. Kap.
Veranstaltungsorte angesehen (vgl. Betz, Hitz-           4.3). Der Treptower Park konnte während des
ler & Pfadenhauer 2011, 9ff.; Kröniger 2005;             kostenpflichtigen Musikfestivals Lollapalooza nur
Pegels & Berding 2013, 9; Opaschowski 2000, 16ff.).      in Teilen öffentlich genutzt werden und wird so
Besonders historische Gärten und Stadtplätze             seiner ursprünglichen Funktion als Erholungsort
sind aufgrund ihrer zentralen Lage oder Attraktivi-      während dieser Zeit nicht gerecht (vgl. Schmidl
tät bevorzugte Veranstaltungsorte (vgl. Formann          2016b). Anwohner*innen entlang dieser Grünflä-
2015; Pegels & Berding 2013; Flierl 2002, 18ff.).        chen beklagen sich über zunehmende Geräusch-
                                                         emissionen (vgl. Schmidl 2016c; Hönicke 2018).
Veranstaltungen bereichern den öffentlichen
Freiraum und bieten die Möglichkeit für unterhalt-       Auf der Straße des 17. Juni oder anderen Straßen-
same Freiraumkultur und Freizeitgestaltung, die          zügen kommt es während Großveranstaltungen,
zugleich das Freiraumbild verändern (vgl. Gehrcke        wie dem Fest zur Deutschen Einheit 2018, zu
2001a, 326; Kröniger 2005,6). Großveranstaltungen,       Straßensperrungen und Nutzungseinschränkun-
wie das Fest zur Deutschen Einheit (2018), insze-        gen (vgl. Hasselmann 2011; Piontek 2018). Wäh-
nieren sich im öffentlichen Raum und in den Medi-        rend sich die einen über die autofreien Straßen
en vor dem Brandenburger Tor, wirken identitäts-         und das Erlebnisangebot freuen, beklagen sich
stiftend und Image steigernd für eine Stadt (vgl.        andere, dass sie den Verkehrsweg nicht mehr
Häußermann & Siebel 1993, 28; Pegels & Berding           nutzen können (vgl. Hasselmann 2011). Das tra-
2013,9). Sie besitzen eine wichtige gesellschafts-       ditionelle Myfest hat sich von einem geplanten
politische Rolle (vgl. Betz, Hitzler & Pfadenhauer       Stadtteilfest hin zu einem touristischen Party-
2011, 9ff.) und wirken als Tourismusmagnet (vgl.         highlight und „Ballermann“ am 1. Mai entwickelt
Richards & Wilson 2004, 1931ff.). Folglich kann der      (vgl. Studnik 2018): Das Besucheraufkommen
öffentliche Raum als Bühne betrachtet werden,            ist so groß, dass Zugänge zum Fest aus Sicher-
die bespielt wird (vgl. Kröniger 2005, 6). Als „Motor“   heitsgründen temporär gesperrt werden müssen,
einer Stadt können sie Infrastrukturentwicklungen        Anwohner*innen Probleme haben, in ihre Wohnun-
unterstützen und die Wirtschaft durch Tourismus          gen zu gelangen (vgl. Salmen 2015; Hasselmann
und Entstehung neuer Arbeitsplätzen ankurbeln            2015). Nach dieser Veranstaltung sind Straßen
(vgl. Häußermann & Siebel 1993, 17; Ritchie 1984).       des Festgeländes und in der Umgebung vermüllt
                                                         (vgl. Salmen 2015; Mallwitz & Kraetzer 2018).
Doch obwohl diese Veranstaltungen positive
Effekte für eine Stadt oder ein Quartier mit sich        Plätze wie der Pariser Platz oder der Gendarmen-
bringen, zeigen sich auf der anderen Seite zuneh-        markt werden für die Berliner Fashion Week oder
mend Schäden und Konflikte in öffentlichen               für den Evangelischen Kirchentag durch Absper-
Freiräumen. Das Karaoke-Event im Mauerpark, die          rungen und Sicherheitskontrollen ganz oder
Thaiwiese im Preußenpark und andere – zum Teil           teilweise in ihrer Zugänglichkeit begrenzt und ver-
unangemeldete – Veranstaltungen auf Berliner             lieren zumindest zum Teil ihre Funktion als öffentli-
Grünflächen führen zu einem erhöhten Nut-                cher Raum. Der Alexanderplatz ist an 120 Tagen

Einleitung | PROBLEMSTELLUNG UND AUSGANGSLAGE                                                                    19
im Jahr mit Veranstaltungen belegt: Weihnachts-         mit Prominenz zur abgesperrten und kontrollierten
     oder Ostermarkt, Oktoberfest, veganes Sommer-           „Sicherheitszone“ (Dinger 2017) und „Spazieren im
     fest oder das Internationale Berlin Lacht Straßen-      Tiergarten [ist] verboten“ (Görke & Törne 2015).
     theaterfestival, es gibt nur noch wenige Wochen
     im Jahr, an denen dort keine Veranstaltungen            Viele Akteure sind am Zustandekommen und
     stattfinden (vgl. Kap. 7.5; Seeling 2017). Die Sym-     Gelingen einer Veranstaltung beteiligt (vgl. Heinze
     bolik, Ästhetik und charakteristische Funktionen        2004b, 36). Es treffen verschiedene Interessen und
     dieser öffentlichen Freiräume werden durch zahl-        Vorstellungen aufeinander, was nicht zuletzt die
     reiche Events überlagert, gestört oder verdrängt.       Anforderungen an den Veranstaltungsfreiraum
                                                             betrifft. In Berlin kommt es in den letzten Jahren
     Einige dieser negativen Veranstaltungsauswirkun-        zunehmend zu Konflikten – zwischen Erlebnis- und
     gen – ob im Berliner Freiraum oder auf Grün- und        Ruhebedürftigen, zwischen Umweltbehörden
     Freiflächen anderer Städte – sind von kurzer,           und Wirtschaftsverwaltungen sowie zwischen
     andere von langer Dauer oder zeigen sich erst           Anwohner*innen und Eventbesucher*innen –,
     viel später, wenn beispielsweise Vegetation (v.a.       wenn Veranstaltungen auf Straßen, Plätzen oder
     Sträucher und Bäume) zerstört oder Böden ver-           in Parkanlagen stattfinden (vgl. Kap. 4.6). Zustän-
     dichtet werden (vgl. IOC 2005, 9; Balder 2002, 13ff.;   dige Behörden sehen sich mit Genehmigungs-
     Millward, Paudel & Briggs 2011). Nicht jede Veran-      wünschen aus verschiedenen Interessenlagern
     staltung ist vergleichbar und verursacht Schäden        konfrontiert und haben Bescheide auszustellen.
     im öffentlichen Raum. Die verschiedenen Arten           Veranstalter*innen wiederum sind auf Genehmi-
     von Veranstaltungen variieren in ihren Auswir-          gungen zuständiger Behörden angewiesen (vgl.
     kungen (vgl. Kap. 4.4). Besonders wiederkehrende        Risch & Kerst 2011, 441). Es bestehen Unklarheiten,
     Großveranstaltungen besitzen ein hohes Scha-            aber Entscheidungen müssen getroffen werden,
     denspotenzial (vgl. Heinzel & Zimmermann 1990;          welche Veranstaltung wann und an welchem Ort
     Cierjacks, Behr & Kowarik 2012, 328ff.; Cierjacks,      stattfinden darf. Häufig dienen dabei nicht einheit-
     Teichert & Diefenbacher 2008, 17). Dabei unter-         liche, gerechte Kriterien als Entscheidungsgrund-
     scheiden sich Freiräume in ihrer Empfindlichkeit.       lage, sondern es zählt der politische Wille und der
                                                             Wunsch durch internationale Großveranstaltun-
     Vor allem Veranstaltungsauswirkungen wie                gen mehr Touristen in die Hauptstadt zu locken
     Nutzungseinschränkungen bei Straßensperrun-             (vgl. Kap. 3.2.2; Knierbein 2010, 224ff.). Schäden
     gen, erhöhtes Abfallaufkommen oder Vegeta-              an öffentlichen Freiräumen, vor allem auf Grün-
     tionsschäden (vgl. Case 2013, 55ff.; Bowdin et al.      flächen, werden dabei in Kauf genommen (vgl. Kap.
     2011, 79ff.; Ritchie 1984, 4ff.; Gibson & Wong 2011,    5.; Schönig 2006, 22f.). Die Genehmigungspraxis
     93ff. ) führen zu einem Negativbild von Events          ist dazu häufig intransparent und langwierig (vgl.
     im öffentlichen Freiraum (vgl. Kröniger 2005, 13;       Kap. 4.7.3 / 4.6). Viel zu oft bestehen zahlreiche,
     Seeling 2017). Die Eventisierung des öffentlichen       widersprüchliche Interessen, wie zum Beispiel bei
     Raums (vgl. Betz, Hitzler & Pfadenhauer 2011, 9ff.;     der Loveparade 2010 in Duisburg, bei der es durch
     Hitzler 2011) führt verstärkt zu Kontroversen in der    zu große Menschenmassen zu einer Massenpanik
     Stadt. Dies spiegeln bereits seit mehreren Jah-         mit 21 Todesopfern kam (vgl. Helbing & Mukerji
     ren Schlagzeilen verschiedener Tageszeitungen           2012; Bolsmann 2010): Trotz vorheriger Sicher-
     wider: Zum Beispiel „werden Straßen und Plätze          heitsbedenken aufgrund unzureichender Flucht-
     […] gnadenlos verramscht“ (Matzig 2008) oder der        möglichkeiten sowie nicht vorhandener Sicherung
     öffentliche Raum wird bei Großveranstaltungen           von potenziellen Gefahrenquellen wurde die

20
Veranstaltung wegen der erwarteten Image-             Bowdin et al. 2011, 156ff.). Dies betrifft vor allem

                                                                                                                  KAPITEL 1
steigerung für die Stadt genehmigt (vgl. Bols-        Großereignisse wie die Olympischen Spiele
mann 2010; Diehl & Röbel 2010; Helbing & Mukerji      oder Fußball-Weltmeisterschaften (vgl. Bowdin
2012). Städte stehen unter Eventisierungsdruck        et al. 2011, 157ff.). Aber auch einige Straßenfes-
(Betz, Hitzler & Pfadenhauer 2011, 9ff.).             te und andere Freiluftevents berücksichtigen
                                                      Nachhaltigkeits- und Umweltmaßnahmen in der
Die zentralen öffentlichen Freiräume im Berliner      Veranstaltungsdurchführung (vgl. Große Ophoff
Innenstadtring werden mit Bezug auf eine Sonder-      2016, 12). Auf Großveranstaltungen, wie dem
nutzungserlaubnis besonders nachgefragt (vgl.         Berliner Karneval der Kulturen im Bezirk Fried-
Aulich 2009; Bezirksamt Mitte von Berlin 2010).       richshain-Kreuzberg, wird beispielsweise Abfall
Eine solche ist erforderlich, um individuelle Ver-    eingespart, indem Mehrweggeschirr verwendet
anstalterinteressen mit den öffentlichen Interes-     wird; eine „Grüne Meile“ informiert über nach-
sen im Sinne des Gemeinwohls abzuwägen (vgl.          haltige Themen (vgl. Haus des Karnevals 2018).
Knierbein 2010, 60). Im Jahr 2012 gab es beispiels-
weise viele Genehmigungsanfragen zur Straße           Auch in öffentlichen Freiräumen werden Ver-
des 17. Juni in Berlin. Neben dem Christopher         anstaltungsaspekte in der Planung berück-
Street Day und der Fanmeile zur Fußballeuropa-        sichtigt, wie im Fall der Straße des 17. Juni, die
meisterschaft sollten in diesem Sommer fast zur       durch Veranstaltungsinfrastruktur nachgerüstet
gleichen Zeit Fashion Week und das Velothon           worden ist (vgl. Kap. 7.1). In Parkanlagen, wie
Radrennen stattfinden (vgl. Stollowsky 2012). Nur     im Berliner Gleisdreieckpark, werden multi-
durch einen Kompromiss – die Fashion Week zog         funktionale Bereiche mit Stromanschlüssen
an die Siegessäule – konnten sich alle Veranstal-     geschaffen, die auch temporäre Veranstal-
ter*innen einigen (ebd.). 2018 musste der Berliner    tungsbühnen sein können (vgl. Kap. 8.3.1).
Marathon auf dieser Straße um zwei Wochen vor-
verlegt werden, weil er sich sonst mit den Aufbau-    Trotz dieser zunehmenden Bemühungen, Ver-
arbeiten für das Einheitsfest auf der Straße des      anstaltungen nachhaltig durchzuführen oder
17. Juni überschnitten hätte (vgl. Gandzior 2018).    öffentliche Freiräume an Veranstaltungen anzu-
                                                      passen, reichen diese nicht immer aus, um
Veranstalter*innen versuchen auf die negativen        negative Auswirkungen zu verhindern: Öffentliche
Veranstaltungsauswirkungen zu reagieren. Es           Freiräume unterscheiden sich in ihrer Eignung für
werden nicht nur verstärkt Sicherheitsaspekte in      Veranstaltungen. Es bedarf einer ganzheitlichen
der Veranstaltungsplanung berücksichtigt, auch        Betrachtung und Bewertung der öffentlichen
ökologische, ökonomische und soziokulturelle          Freiräume, wie sie auch als Orte für Veranstal-
Aspekte – im Sinne eines nachhaltigen Veran-          tungen nachhaltig genutzt werden können.
staltungsmanagements – spielen in den letzten         Dadurch können dem Eventisierungsdruck von
Jahren eine zunehmende Rolle (vgl. Holmes et          „oben“ belastbare Kenngrößen und sinnvolle
al. 2015, 5; Holzbaur 2016; Abele & Holzbaur 2011;    Maßnahmenpakete entgegengesetzt werden.
Jones 2018, Raj & Musgrave 2009; Große Ophoff
2016, 11). Ziele einer nachhaltigen Entwicklung,
wie der Erhalt natürlicher Ressourcen, werden
verstärkt in die Veranstaltungsplanung integriert
und umgesetzt (vgl. Abele & Holzbaur 2011, 7;
Große Ophoff 2016, 11ff.; Raj & Musgrave 2009, 3;

Einleitung | PROBLEMSTELLUNG UND AUSGANGSLAGE                                                                21
1.2 Stand der Forschung

     Dem Thema wurde – trotz seiner Aktualität              Parkanlagen für Veranstaltungen und deren
     und Relevanz – in der Forschung bisher nur             Auswirkungen beschäftigt. Zum Beispiel nennt
     wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Einzelne                Gehrcke (2001a) Kriterien, um die Eignung von
     Aspekte des Forschungsgegenstandes wur-                Veranstaltungen oder Festivals in Parks zu
     den in verschiedenen Wissenschaften aus                bewerten. Diese Kriterien beziehen sich auf
     unterschiedlichen Perspektiven betrachtet.             Veranstaltungstypen, das Schadenspotenzial
     Diese werden im Nachfolgenden vorgestellt.             einer Veranstaltung, die Schadensempfind-
                                                            lichkeit und Größe einer Parkanlage sowie die
     1.2.1 Der öffentliche Freiraum als Veranstaltungsort   Intensität einer Veranstaltungsnutzung.
     Bislang gibt es nur wenige Untersuchun-
     gen und Studien darüber, die sich explizit             Balder (2002) setzt sich mit Schäden durch
     mit öffentlichen Räumen beschäftigen, die              Großveranstaltungen in öffentlichen Grün-
     für Veranstaltungen genutzt werden.                    flächen auseinander. Er beschreibt Veran-
                                                            staltungsauswirkungen auf die Vegetation
     Hierzu zählt in erster Linie die Dissertation der      und auf den Boden, gibt erste Maßnahmen-
     Landschaftsarchitektin Birgit Kröniger (2005),         vorschläge und bewertet deren Effizienz.
     die sich in ihrem Forschungsvorhaben „Der Frei-
     raum als Bühne – Zur Transformation von Orten          Auch Henze (2016) beschäftigt sich mit Strategien
     durch Events und inszenierte Ereignisse“ aus           zu Events auf Grünflächen. Sie plädiert dafür,
     freiraumplanerischer und sozial-kulturwissen-          Leitbilder für diese Freiräume zu entwickeln,
     schaftlicher Perspektive mit der Eventisierung         die Aspekte wie Grünflächentyp, Flächengrö-
     von Freiräumen und deren Auswirkungen auf              ße, Gestaltungselemente sowie Denkmal- und
     den öffentlichen Raum beschäftigt hat.                 Naturschutzaspekte berücksichtigen (vgl. Henze
                                                            2016, 34). Henze betont des Weiteren die Wich-
     Die Eventisierung und Festivalisierung von öffent-     tigkeit, die freie Zugänglichkeit für alle Nutzer-
     lichen Räumen spielt auch in Knierbeins Disserta-      gruppen, auch während einer Veranstaltung, und
     tion (2010) „Die Produktion zentraler öffentlicher     den öffentlichen Charakter der Grünflächen zu
     Räume in der Aufmerksamkeitsökonomie“ eine             erhalten. Außerdem empfiehlt sie einen ausrei-
     Rolle. Großveranstaltungen werden hier als ein         chenden zeitlichen Abstand zwischen den Events
     Mittel der medialen Stadtinszenierung betrachtet       und eine Maximalanzahl einzuhalten (ebd.).
     (vgl. Knierbein 2010, 218ff.). In Knierbeins Arbeit
     werden weitere Aspekte wie Kommerzialisierung          Formann (2015) gibt allgemeine Handlungsemp-
     und Privatisierung von öffentlichen Freiräumen         fehlungen für Veranstaltungen in historischen
     in Berlin thematisiert, die für das vorliegende        Gärten. Sie betont die Notwendigkeit einer Eig-
     Forschungsthema eine Rolle spielen (vgl. Kap. 3.2).    nungsprüfung der Parkanlage, um abzuschätzen,
                                                            ob eine konkrete Veranstaltung mit der denkmal-
     1.2.2 Verträglichkeit von Veranstaltungen auf          gerechten Nutzung eines Freiraums vereinbar ist.
     Grünflächen                                            Neben Nutzungsgrenzen und Tabuzonen sollten
     Einige in Fachzeitschriften der Freiraum- und          laut Formann Maßnahmenvorschläge vertraglich
     Grünflächenplanung erschienene Untersuchun-            für den Veranstalter*in festgeschrieben sein.
     gen haben sich mit der Eignung von öffentlichen

22
Der Arbeitskreis „Historische Gärten“ in der            Eine der wenigen aktuellen deutschsprachigen

                                                                                                                KAPITEL 1
Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und              Lehrbücher zum Thema nachhaltiges Event-
Landschaftskultur (DGGL) hat eine Checklis-             management stellen die Werke von Große
te entwickelt, mit Hilfe derer die verantwort-          Ophoff (2016) und von Holzbaur (2016) dar.
lichen Denkmaleigentümer, Fachbehörden                  Holzbaur gibt in dem Grundlagenbuch allge-
oder Verwaltungen die Verträglichkeit einer             meine Informationen zum Thema nachhaltige
Veranstaltung in Gartendenkmälern über-                 Events, Leitfäden für die Konzeption und Umset-
prüfen können (vgl. Müller-Glaßl 2000).                 zung und stellt allgemeine Checklisten vor.

1.2.3 Nachhaltige Events / Veranstaltungsauswirkungen   Das Handbuch „Sustainable Event Manage-
Viele Studien betrachten dagegen Nachhaltig-            ment: A practical guide“ von Jones (2018),
keits- oder Umweltsaspekte bei Veranstaltungen,         das bereits in einer 3. aktualisierten Ausgabe
welche eine wichtige Rolle für die Forschungs-          erschienen ist, richtet sich insbesondere an
thematik spielen. Diese Aspekte werden zuneh-           Veranstalter*innen. Es liefert neben allgemeinen
mend auch im Veranstaltungsbusiness berück-             Hintergrundinformationen vor allem praktische
sichtigt (vgl. Brooks, Magnin & O’Halloran, 2009;       Hilfestellungen für Veranstaltungsorganisa-
Dickson & Arcodia 2010; Getz & Andersson 2008;          tor*innen, wie sie eine nachhaltige Organisation
Jones 2018; Musgrave & Raj 2009; Große Ophoff           von Events und Festivals umsetzen können.
2016). Eine nachhaltige Veranstaltungsdurchfüh-
rung wird in Kapitel 4.2 ausführlich thematisiert.      Veranstaltungsauswirkungen / Einzelaspekte
                                                        Verschiedene Studien und Aufsätze wid-
Nachhaltige Veranstaltungen                             men sich den Veranstaltungsauswirkungen
Eins der ersten deutschen Werke zum Thema               oder thematisieren – auch für diese Arbeit
stellt das Handbuch „Umweltschonende Groß-              – wichtige Einzelaspekte (u.a. Balder 2002,
veranstaltungen“ von Heinzel und Zimmermann             Heinzel & Zimmermann 1990; Case 2013; Die-
(1990) dar. Darin werden umweltbedingte Aus-            nel & Schmithals 2004; Dávid 2009; Tassio-
wirkungen von Großveranstaltungen untersucht            poulos & Johnson 2009; Paul et al. 2014).
und darauf aufbauend Maßnahmenvorschläge
für eine umweltschonende Veranstaltungs-                Eines der wichtigen englischsprachigen Wer-
durchführung für Veranstaltungsorte in                  ke stammt von Robert Case (2013). Dieser
Gebäuden und im Freien (sowohl im innerört-             beschäftigt sich in seiner Monographie „Events
lichen Raum als auch Außenraum) gegeben.                and the Environment“ umfassend mit Umwelt-
                                                        auswirkungen durch Events auf Makro- (z. B.
Ein umfassendes englischsprachiges Werk zur             Luftverschmutzungen) und Mikroebene (z. B.
Nachhaltigkeit im Eventmanagement haben                 Bodenverdichtungen). Er nennt erste Kriterien,
Musgrave & Raj mit „Events and Sustainability“          die ein Veranstaltungsort im Außenraum erfül-
(2009) herausgebracht. Neben allgemeinen                len sollte, wie zum Beispiel eine gute Anbin-
Informationen zur Nachhaltigkeit und zum                dung an das Öffentliche Nahverkehrsnetz,
nachhaltigen Veranstaltungsmanagement und               vorhandene Stellplatzflächen für PKWs, einer
zu politischen Leitlinien, werden positive und          geeigneten und verfügbaren sowie belastbaren
negative Veranstaltungsauswirkungen identi-             Flächengröße und Standorte, welche Umwelt-
fiziert, Werkzeuge und Indikatoren für ein „Sus-        auswirkungen wie Lärm, Müll, Licht oder Vanda-
tainable Event Management“ vorgestellt.                 lismus per se reduzieren (vgl. Case 2013, 35).

Einleitung | STAND DER FORSCHUNG                                                                           23
Die Herausgeber*innen Dienel und Schmithals          Einen weiteren theoretisch-konzeptionellen
     (2004) sowie Bernhard (2003) beschäftigten sich      Ansatz zur Messung von Nachhaltigkeit bei
     mit Eventverkehren und Verkehrsauswirkungen          Events haben Wall und Behr (2010) in ihrer Arbeit
     durch (Groß-)Veranstaltungen. Besonderheiten         entwickelt. Sie stellen qualitative und quantita-
     des öffentlichen Freiraums und des behördlichen      tive Indikatoren zur Bewertung der Nachhaltig-
     Genehmigungsablaufs werden beschrieben.              keitsleistung einer Veranstaltung auf. Wall und
                                                          Behr beschränken sich nicht auf Indikatoren zur
     Sicherheitsaspekte greifen die Herausgeber*innen     ausschließlichen Messung der Nachhaltigkeit
     Paul, Ebner, Klode und Sakschewski (2014) in ihrem   von Events, sondern ergänzen diese um Indi-
     Grundlagenwerk „Sicherheitskonzepte für Veran-       katoren zur Messung, inwiefern Events einen
     staltungen“ auf und geben wichtige Informationen     Teil zur nachhaltigen Entwicklung beitragen.
     zu Sicherheitsaspekten bei Veranstaltungen auch
     im öffentlichen Freiraum. Best-Practice-Beispiele    Nachhaltige Bewertungssysteme mit Bezug zum Freiraum
     für Sicherheitskonzepte von Veranstaltungen          Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und
     werden in dem nachfolgenden Buch von Sak-            Stadtentwicklung (vgl. Loidl-Reisch, Richter & Zim-
     schewski, Klode und Paul (2016) aufgezeigt, das      mermann 2012) hat die Broschüre „Nachhaltig
     auch Genehmigungsabläufe und die Genehmi-            geplante Außenanlagen auf Bundesliegen-
     gungspraxis von Veranstaltungen thematisiert.        schaften“ herausgegeben, die unter anderem
                                                          Planungsempfehlungen gibt, die dazu motivieren
     1.2.4 Umweltmanagement und nachhaltige               sollen, die Prinzipien des nachhaltigen Bauens im
     Bewertungssysteme                                    Planungsprozess zu berücksichtigen. Es wurde
     Bewertung und Messung von Veranstaltungsauswirkun-   ein nachhaltiges Bewertungssystem entwickelt,
     gen und Umweltmanagementsysteme                      das die Gegebenheiten eines Standortes berück-
     Einige Großveranstaltungen wie der Evan-             sichtigt und sowohl die ökologische, ökonomi-
     gelische Kirchentag haben eigene Umwelt-             sche, soziokulturelle oder funktionale Qualität als
     oder Nachhaltigkeitsmanagementsysteme                auch die technische Qualität oder Prozess- und
     etabliert, um Veranstaltungsauswirkungen             Standortqualität einer Außenanlage betrachtet
     zu kontrollieren und Lärm- und CO2-Emis-             (vgl. Loidl-Reisch, Richter & Zimmermann 2012).
     sionen zu reduzieren (vgl. Cierjacks , Tei-
     chert & Diefenbacher 2008; Kap. 4.2.3).              1.2.5 Handlungsempfehlungen und Leitfäden für ein
                                                          nachhaltiges Veranstaltungsmanagement
     Des Weiteren haben Gibson und Wong (2011)            In den letzten Jahren entstanden viele Leit-
     Umweltauswirkungen von Festivals bewer-              fäden und Handlungsempfehlungen für ein
     tet und stellen Messwerkzeuge für die spezi-         nachhaltiges Veranstaltungsmanagement,
     fische Anwendung auf Musikfestivals zur              die sich insbesondere an Veranstalter*innen
     Verfügung – wie z. B. die ökologische Fuß-           richten. Die Tabelle 1 zeigt Themenfelder von
     abdruckmethode (vgl. Wong 2005).                     Handlungsempfehlungen für ein nachhaltiges
                                                          Veranstaltungsmanagement auf, die in Leit-
     Lamberti, Fava und Noci (2009, 119ff.) zeigen        fäden, Checklisten etc. berücksichtigt wor-
     in ihrem Aufsatz „Assessing and Monitoring           den sind. Sie ordnet diese Leitfäden zu, die
     the Performances of a Sustainable Event“,            in der vorliegenden Promotionsarbeit beson-
     welche Rolle es spielt, Veranstaltungen hin-         dere Berücksichtigung gefunden haben.
     sichtlich ihrer Nachhaltigkeit zu messen.

24
Tab. 1: Übersicht
HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN                                                                                            Handlungsempfeh-
                                     BMUB & UBA     BEHR ET AL.     BMU & DOSB                        JONES
NACHHALTIGE                                                                         BMU 2009                     lungen für ein nach-

                                                                                                                                             KAPITEL 1
                                        2015           2013           2007                             2018      haltiges Veranstal-
VERANSTALTUNGEN
                                                                                                                 tungsmanagement
THEMENFELDER

Mobilität / Transport                    X              X                X                 X             X

Energie / Klimaschutz                    X              X                X                 X             X

Catering / Verpflegung                   X              X                X                 X             X

Veranstaltungsort                        X              X                X                 X             X

Lärm                                                    X                X

Natur / Landschaft                                      X                X                               X

Abfall / Ressourcenschutz                X              X                X                 X             X

Wasser / Sanitär                         X              X                X                 X             X

Soziale Aspekte / Barrierefreiheit       X

Kommunikation / Bildung                  X              X                                  X             X

Einige dieser Leitfäden bzw. Handlungsempfeh-               altonale oder das Niedersächsische Landesturn-
lungen sind hauptsächlich auf Veranstaltungs-               fest evaluieren den Erfolg von Nachhaltigkeits-
orte in geschlossenen Räumen ausgerichtet                   maßnahmen in Umweltdokumentationen oder
(vgl. BMUB & UBA 2015) und berücksichtigen                  Nachhaltigkeitsberichten (vgl. Evangelischer
deshalb keine Empfindlichkeiten und Beson-                  Kirchentag 2017; Hansen 2017; Fritsch & Platta
derheiten von Veranstaltungsorten im öffentli-              2012). Diese werden zum Teil in der Forschungs-
chen Freiraum. Lärmaspekte, die eine wichtige               arbeit berücksichtigt, da sie Hinweise auf
Rolle bei Veranstaltungen im Freien spielen,                erfolgreiche Maßnahmen für eine nachhal-
werden seltener benannt. Ausnahmen stellen                  tige Veranstaltungsdurchführung geben.
hierfür der von Sounds for Nature Foundation
e.V. herausgegebene und auf Festivals ausge-                1.2.7 Management und Koordinierung von
richtete „Leitfaden für die umweltverträgliche              Veranstaltungen (Verwaltung)
Gestaltung von Open-Air-Veranstaltungen“                    Auch die Stadtverwaltungen verschiedener euro-
dar (vgl. Behr et al. 2013). Ein anderes Beispiel           päischer Städte versuchen Lösungen zu finden,
ist der vom Deutschen Sportbund (DOSB) und                  wie mit der zunehmenden Eventisierung öffent-
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz                   licher Freiräume und den daraus resultierenden
und Reaktorsicherheit (BMU) herausgebende                   Problemen im Stadtraum umgegangen werden
Leitfaden für umweltfreundliche Sportgroß-                  kann. Dazu zählen Best-Practice-Beispiele wie
veranstaltungen „Green Champions“. Diese                    Veranstaltungskontingente und Bespielungsre-
Leitfäden beinhalten sowohl Maßnahmen zur                   geln in Basel, ein Veranstaltungsbüro in Stuttgart
Reduzierung von Lärmemissionen und von Aus-                 oder eine Umweltberatungstelle für Großveran-
wirkungen auf die Umwelt und den Naturschutz.               staltungen in Wien, die alle separat in Kapitel 8
                                                            vorgestellt werden. Ein für zentrale öffentliche
1.2.6 Umwelt- und Nachhaltigkeitsberichte                   Freiräume in Berlin-Mitte wichtiges Kriterien-
Einige Veranstaltungen wie der Evangelische                 raster wird im Nachfolgenden dargestellt.
Kirchentag, das Hamburger Straßenfestival

Einleitung | STAND DER FORSCHUNG                                                                                                        25
Berlin: Positiv- / Negativkatalog                     (vgl. Jung 2010, 97ff.). Die Bewertungsergebnisse
     In Berlin hat das Bezirksamt Mitte (2010) einen       legen Handlungsempfehlungen nahe, die die Ver-
     Positiv-und Negativkatalog erarbeitet. Dieser         anstaltungseignung eines Freiraums verbessern
     befasst sich mit prominenten öffentlichen Plätzen     können (vgl. Jung 2010, 115ff.). Der Nachhaltigkeits-
     und Straßen im zentralen Bereich von Berlin,          aspekt spielte, im Gegensatz zur vorliegenden
     wie der Straße des 17. Juni, Pariser Platz oder       Forschungsarbeit, in dieser Abschlussarbeit nur
     Bebelplatz, die, wie bereits beschrieben, auch        eine untergeordnete Rolle. In der Diplomarbeit
     beliebte Veranstaltungsorte sind. Der Positiv-/       liegt der Fokus auf einer Veranstaltung, die einen
     Negativkatalog definiert Ausschlusskriterien für      öffentlichen Freiraum nutzt. Eine nachhaltige Nut-
     Veranstaltungen, so werden zum Beispiel keine         zung öffentlicher Freiräume und nachhaltige Ver-
     Werbeveranstaltungen genehmigt, und benennt           anstaltungsdurchführung werden nicht bzw. nur
     Besonderheiten und Merkmale spezifischer Orte         am Rande thematisiert. Diesen Aspekt rückt nun
     im öffentlichen Raum, die ausschlaggebend für         die vorliegende Promotionsarbeit in den Vorder-
     die Art und Weise der Nutzung sind. Des Weite-        grund, was auch eine erweiterte und umfassende
     ren werden in dem Katalog allgemeine Kriterien        Literaturrecherche zu neuen Forschungsaspekten
     vorgeschlagen, die bei der Bewertung von neuen        voraussetzt. Dadurch verändern sich Frage- und
     Veranstaltungen berücksichtigt werden sollen.         Zielstellung und Ergebnisse der Forschungs-
     Hierzu zählen örtliche Belange, wie die historische   arbeit. Die vorangegangene Abschlussarbeit dient
     oder nationale Bedeutung eines Freiraums, öffent-     somit lediglich als Ausgangsgrundlage, deren
     liches Interesse und Schutzbelange wie Sicher-        Ergebnisse an einigen Stellen in die Arbeit ein-
     heits- oder Naturschutzaspekte oder verkehrsbe-       fließen. Diese werden entsprechend markiert.
     dingte Auswirkungen. Diese Aspekte müssen im
     Genehmigungsverfahren berücksichtigt werden.          1.2.9 Auswertung des Forschungsstandes
                                                           Im Forschungsstand wurde aufgezeigt, dass
     1.2.8 Diplomarbeit Freiraum und Veranstaltung         es bereits verschiedene Studien, Forschungen,
     Im Gegensatz zu dem im Forschungstand dis-            Fachliteratur und Best-Practice-Beispiele zu
     kutierten Schriften hat sich die unveröffentlichte    unterschiedlichen Forschungsaspekten gibt,
     Diplomarbeit der Verfasserin Birte Jung (2010)        die für die vorliegende Arbeit von Relevanz sind.
     bereits ausführlicher mit der Thematik „Eignung       Insbesondere der Aspekt der Nachhaltigkeit in
     von öffentlichen Freiräumen als Veranstaltungs-       Bezug auf Veranstaltungen ist mehrfach unter-
     orte“ beschäftigt und gibt deshalb einen wichtigen    sucht worden. Es wird jedoch festgestellt, dass
     Input für die vorliegende Forschungsarbeit. In        es gänzlich an wissenschaftlichen Arbeiten
     dieser Diplomarbeit wurde eine erste Bewertungs-      und Forschungsliteratur fehlt, die die Beson-
     methodik entwickelt, mit der überprüft werden         derheiten des öffentlichen Freiraums als Ver-
     kann, inwiefern sich ein öffentlicher Freiraum        anstaltungsort in Verbindung mit dem Nach-
     für Veranstaltungen eignet (Jung 2010). Dieses        haltigkeitsaspekt in den Vordergrund stellen:
     Verfahren basiert auf einer Vielzahl von Kriterien,
     die sowohl gestalterische, technische als auch        Die Studien und Untersuchungen zur Verträg-
     ökologische Aspekte eines Freiraums und einer         lichkeit von Veranstaltungen auf Grünflächen
     Veranstaltung berücksichtigen (vgl. Jung 2010,        (u.a. Gehrcke 2001; Balder 2002; Formann 2015)
     67ff.). Anhand der Großveranstaltung des Karne-       beschränken ihre Ergebnisse nur auf diese
     vals der Kulturen in Berlin wurde die Methodik ein    und sind nicht auf andere städtische Räume
     erstes Mal auf ihre Anwendbarkeit hin überprüft       wie Straßen oder Stadtplätze übertragbar.

26
Konkrete Kriterien mit Bezug zu einer nach-         berücksichtigen, um so die Eignung und nach-

                                                                                                              KAPITEL 1
haltigen Veranstaltungsplanung fehlen.              haltige Nutzung öffentlicher Freiräume als
                                                    Veranstaltungsort bestimmen zu können.
Fachliteratur zum Thema nachhaltige Events
(u.a. Heinzel & Zimmermann 1990; Raj & Musgra-      Leitfäden einer nachhaltigen Veranstaltungs-
ve 2009; Holzbaur 2016; Jones 2018) fokussiert      durchführung (u.a. BMUB & UBA 2015; Behr
größtenteils auf eine nachhaltige oder umwelt-      et al. 2013) geben keine konkreten oder nur
freundliche Veranstaltungsdurchführung und          wenige Hilfestellungen für nachhaltige Ver-
berücksichtigt nur am Rande oder lediglich Teil-    anstaltungen im öffentlichen Freiraum.
aspekte von öffentlichen Freiräumen, die auch
als Veranstaltungsort dienen. Untersuchungen        Die Diplomarbeit der Verfasserin (Jung 2010)
zu Veranstaltungsauswirkungen (u.a. Case 2013;      sowie die Dissertation von Kröniger (2005)
Dienel & Schmithals 2004; Dávid 2009) beschrän-     thematisieren zwar den öffentlichen Frei-
ken sich auf einzelne Aspekte und nennen keine      raum als Veranstaltungsort, die Verknüpfung
oder nur teilweise Lösungsmöglichkeiten, die        zu einer nachhaltigen Nutzung und ausführ-
auf den öffentlichen Raum übertragbar sind.         liche Handlungsempfehlungen fehlen jedoch.

Die dargestellten nachhaltigen Bewertungs-          Mit der vorliegenden Arbeit soll diese Forschungs-
ansätze (u.a. Loidl-Reisch, Richter & Zimmer-       lücke geschlossen und das Thema umfassend
mann 2012; Cierjacks, Teichert & Diefenba-          aus freiraum- und stadtplanerischer sowie aus
cher 2008; Wall & Behr 2010) beinhalten keine       nachhaltiger Sichtweise und veranstaltungs-
Methoden, die umfassend und alle Aspekte            planerischer Perspektive betrachtet werden.
eines Veranstaltungsortes in einer städti-          Verschiedene Lösungsmöglichkeiten für eine
schen Umgebung mit infrastrukturellen,              nachhaltige Veranstaltungsnutzung sollen dafür
sozialen und umweltbedingten Gegebenheiten          in öffentlichen Freiräumen entwickelt werden.

1.3 Zielsetzungen und Fragestellungen der Arbeit

Die soeben dargestellte Problemstellung und Aus-    als Veranstaltungsort beurteilt und verbessert
wertung des Forschungsstandes verdeutlichen         werden kann. Dadurch sollen negative Auswir-
die Relevanz fehlender Bewertungsinstrumente,       kungen durch Veranstaltungen im Freiraum und
Richtlinien und Handlungsempfehlungen, die          in seiner Umgebung vermieden oder reduziert
öffentliche Freiräume hinsichtlich ihrer Empfind-   werden. Unter Berücksichtigung der Ziele einer
lichkeit und Eignung als Orte für Veranstaltungen   nachhaltigen Entwicklung und der Nachhaltig-
und unter Berücksichtigung ihres gesetzlichen       keitsdimensionen werden sowohl ökologische,
Status, ihrer Nutzung und vegetativ-baulich-ma-     ökonomische, soziokulturelle als auch technische
teriellen Elemente überprüfen. Hieraus ergibt       Aspekte in der vorliegenden Forschungsarbeit
sich das Hauptziel der Forschungsarbeit, ein auf    diskutiert (vgl. Kap. 4.2). Nicht nur Eignung und
Sachverständnis und Erfahrungen basierendes,        Belastungspotenzial von Freiräumen, auch Art und
verständliches und nachvollziehbares Bewer-         Zweck einer Veranstaltung werden in der Arbeit
tungsverfahren zu entwickeln, mit Hilfe dessen      berücksichtigt. Gleichfalls spielen Anforderungen
eine nachhaltige Nutzung öffentlicher Freiräume     und Vorstellungen von Genehmigungsbehörden,

Einleitung | ZIELSETZUNG UND FRAGESTELLUNGEN                                                             27
Fachverwaltungen und Veranstaltungsorgani-                                 Dabei gilt es herauszufinden, wann sich ein öffent-
     sator*innen an einen Veranstaltungsort, unter-                             licher Freiraum als Veranstaltungsort eignet und
     schiedliche Empfindlichkeiten von Freiräumen und                           welche Kriterien zu berücksichtigen sind. Des Wei-
     Veranstaltungsauswirkungen eine wichtige Rolle.                            teren muss definiert werden, wann eine Nutzung
                                                                                von öffentlichen Freiräumen als Veranstaltungsort
     Ein qualitatives Bewertungsverfahren soll hier-                            als nachhaltig bezeichnet werden kann, sowohl
     für Transparenz bezüglich einer nachhaltigen                               unter ökologischen, ökonomischen als auch unter
     Veranstaltungsnutzung schaffen, indem jeder                                soziokulturellen Gesichtspunkten. Abschließend
     Bewertungsschritt dargestellt und die Eignung                              steht die Beantwortung der Frage nach Hand-
     einer Veranstaltung für einen konkreten Ort                                lungsstrategien und temporären oder langfristige
     veranschaulicht wird. Ergänzt wird das Bewer-                              Maßnahmen für eine nachhaltige Veranstaltungs-
     tungsinstrument durch Maßnahmen- und Pla-                                  nutzung im öffentlichen Freiraum im Mittelpunkt.
     nungsvorschläge zur Anwendung durch Ver-                                   Diese zentralen Forschungsfragen, weitere
     waltung, Veranstaltungsorganisator*innen und                               Nebenfragestellungen sowie eine zusammen-
     Landschaftsarchitekt*innen, mit deren Hilfe eine                           fassende Problemstellung und daraus abgeleitete
     nachhaltige Veranstaltungsnutzung in öffent-                               Thesen werden in der Tabelle 2 veranschaulicht.
     lichen Freiräumen temporär oder langfristig
     verbessert oder besser koordiniert werden soll.

     1.4 Aufbau der Kapitel

     Die dargelegte Problemstellung und Ausgangslage                            lichen Freiraums näher definiert und relevantes
     verbunden mit den spezifischen Ziel- und Frage-                            Hintergrundwissen zu Problemen und Konflikten
     stellungen bedingen die Struktur der vorliegenden                          erläutert. Außerdem erfolgt eine Klassifizierung
     Arbeit und erfordern eine interdisziplinäre Heran-                         von Freiräumen und es werden Freiraumtypen
     gehensweise, da sie sich an den Schnittstellen                             voneinander abgegrenzt (Kapitel 3). Das anschlie-
     von Stadt- und Freiraumplanung, Nachhaltigkeits-                           ßende Kapitel 4 fokussiert das Thema Veran-
     forschung und Veranstaltungswissenschaften
                   1
                                                                                staltungen im öffentlichen Freiraum, erläutert
     („event studies2“) bewegt. Gleichzeitig ergibt sich                        Grundbegriffe zur (nachhaltigen) Veranstaltung,
     aus der Fragestellung die Notwendigkeit einer                              nennt veranstaltungsbedingte Auswirkungen
     engen Verschränkung von Theorie und Praxis.                                im Freiraum und stellt Akteure und rechtliche
                                                                                Vorgaben der Veranstaltungsplanung dar.
     Die Arbeit untergliedert sich grob in vier Haupt-
     bereiche (vgl. Abb. 1), einem Grundlagen- und                              Die theoretischen Erläuterungen der wesentlichen
     Praxisteil (1), einem Bewertungsabschnitt (2),                             Begrifflichkeiten werden mittels der Ergebnisse
     einem anwendungsorientietem Aufgabenteil (3)                               einer Onlineumfrage unter Gartenamtsleiter*innen
     und einem Maßnahmenteil (4). Nach der Erläute-                             durch Erfahrungen aus der Praxis ergänzt. Dabei
     rung von Forschungsdesign und methodischem                                 rücken die Grünflächen in den Vordergrund und
     Vorgehen (Kapitel 2) wird der Begriff des öffent-                          es werden Probleme mit Events in Parkanlagen

     1 siehe u.a. Nölting , Voß & Hayn (2004): Nachhaltigkeitsforschung – jenseits von Disziplinierung und anything goes.

     2 siehe Getz (2012): Event studies. Theory, Research and Policy for Planned events

28
Tab. 2: Darstellung Probleme, Thesen, Fragestellungen

                                                                                                                                                     KAPITEL 1
   NR.        PROBLEME                                   THESEN                                       FRAGESTELLUNGEN

   1          Es finden viele Veranstaltungen in         Öffentliche Freiräume werden in Folge        Wann eignet sich ein öffentlicher Frei-
              öffentlichen Freiräumen statt.             des Eventisierungsdrucks durch Veran-        raum als Veranstaltungsort? Wie viele
              Gleichzeitig besteht ein hoher             staltungen oft fehlgenutzt, übernutzt und    Veranstaltungen verträgt ein Freiraum?
              Nutzungsdruck.                             in ihrer Qualität beeinträchtigt, weil sie
                                                         nicht mit Bedacht ausgewählt wurden.         Wann ist eine Nutzung von öffentlichen
                                                                                                      Freiräumen als Veranstaltungsort
                                                                                                      nachhaltig – ökologisch, ökonomisch und
                                                                                                      soziokulturell?

   2          Veranstaltungen führen zu verschiedenen    Das Ausmaß von Veranstaltungsauswir-         Welche Veranstaltungsauswirkungen
              (negativen) Auswirkungen und Schäden       kungen variiert je nach Veranstaltungs-      beeinträchtigen besonders öffentliche
              in öffentlichen Freiräumen und in ihrer    und Freiraumtyp und unterschiedlichen        Freiräume?
              Umgebung.                                  (Nutzungs-) Ansprüchen der Akteure.
                                                         Aus diesem Grund müssen öffentliche          Welche Freiraum- und Veranstaltungs-
                                                         Freiräume und Veranstaltungen in ihrer       typen eignen sich besser bzw. schlechter
                                                         Art differenziert betrachtet werden.         für Veranstaltungen?

   3          Es fehlen Bewertungsinstrumente für        Ein Bewertungsverfahren und Bewertungs-      Welche Kriterien sollte ein Bewertungs-
              eine nachhaltige Veranstaltungsnutzung     kriterien können eine nachhaltige            verfahren für eine nachhaltige Veranstal-
              in öffentlichen Freiräumen.                Nutzung öffentlicher Freiräume als           tungsnutzung beinhalten?
                                                         Veranstaltungsorte fördern und Schäden
                                                         am Freiraum vermeiden.                       Was sind Ausschlusskriterien für
                                                                                                      Freiräume oder Veranstaltungen?

                                                                                                       Wie sollte ein Bewertungsverfahren auf-
                                                                                                      gebaut sein, damit eine breite Anwen-
                                                                                                      dung und Nutzbarkeit bei unterschied-
                                                                                                      lichen Akteuren möglich ist?

   4          Es bestehen Diskrepanzen zwischen          Ein einfaches und transparentes Bewer-       Wie kann ein Bewertungsverfahren dazu
              (Fach-) Verwaltungen und                   tungsverfahren erleichtert Verwaltungen      beitragen, Entscheidungen bei der
              Veranstalter*innen sowie eine zum Teil     Entscheidungen bei der Genehmigungs-         Genehmigungsvergabe zu erleichtern?
              intransparente Genehmigungspraxis          vergabe und fördert Akzeptanz und
                                                         Kompromissbereitschaft innerhalb der         Wie tragen Bewertungsverfahren und
                                                         Genehmigungspraxis.                          Kriterien zur Akzeptanz von Genehmi-
                                                                                                      gungsentscheiden bei?

   5          Öffentliche Freiräume sind nicht an die    Die systematische Adaptierung von            Wie sehen temporäre und langfristige
              Veranstaltungsnutzung angepasst.           öffentlichen Freiräumen an die Veranstal-    Maßnahmen für eine nachhaltige
                                                         tungsnutzung sowie Auflagen und Maß-         Veranstaltungsdurchführung in öffentli-
                                                         nahmen für eine Veranstaltung können         chen Freiräumen aus?
                                                         eine nachhaltige Veranstaltungsnutzung
                                                         unterstützen und negative Auswirkungen       Wie sollten Freiräume, in denen viele
                                                         dadurch vermeiden .                          Veranstaltungen stattfinden, gestaltet
                                                                                                      werden?

                                                                                                      Wie können Veranstaltungen besser
                                                                                                      koordiniert werden?

Einleitung | AUFBAU DER KAPITEL                                                                                                                 29
Sie können auch lesen