Lesen verbindet Generationen - Eine Handreichung für Vorlesepatinnen und -paten - www.mgffi.nrw.de - Von-Ketteler-Schule

 
Lesen verbindet Generationen
Eine Handreichung für Vorlesepatinnen und –paten

                                          www.mgffi.nrw.de
Inhaltsverzeichnis                               Seite
Lesen verbindet Generationen                      3
   • Vorlesepaten/ Was ist ein Vorlesepate?       4
   • Was möchte ein Vorlesepate erreichen?        4
   • Wie werde ich Vorlesepate?                   5
   • Wahl des Vorleseortes                        6
   • Kontaktaufnahme                              7
   • Absprache mit der Einrichtung                7

Planung der Lesung                                8
   • Zeiten                                       8
   • Häufigkeit                                   8
   • Dauer                                        8
   • Gruppengröße und –Zusammensetzung            8-9
   • Themen                                       9
   • Raum                                         9-10
   • Pausen                                      10

Textauswahl                                      11
   • Bilderbücher                                11
   • Kinderbücher                                12
   • Romane                                      12
   • Kurzgeschichten und Anekdoten               12-13
   • Gedichte                                    13
   • Märchen                                     13
   • Lieder                                      13
   • Sachbücher                                  14

Praktische Vorbereitung/ Vorlesetechnik          15
   • Mimik und Gestik                            15-16
   • Einsatz der Stimme                          16
   • Pausen, Sprechtempo und Blickkontakt        16
   • Einbeziehung der Zuhörerinnen und Zuhörer   17
   • Zeigen von Illustrationen                   17
   • Persönlicher Stil                           18
   • Rituale                                     18
   • Motto                                       18
   • Dialogisches Vorlesen                       19
   • Einsatz von Gegenständen                    19
   • Der richtige Schluss                        20

Lesen verbindet Generationen

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Bücher sorgen für Lese- und Gesprächsstoff. Mit Menschen anderer Generationen
ins Gespräch zu kommen, das ist das Ziel von Lesen verbindet Generationen, dem
Kooperationsprojekt von Stiftung Lesen und dem nordrhein-westfälischen Ministeri-
um für Generationen, Familie, Frauen und Integration.

Schon im Jahre 2020 wird ein Drittel der über 65-Jährigen keine Kinder oder Enkel
haben. Noch leben Jüngere und Ältere weitgehend harmonisch zusammen. Doch
das gute Miteinander ist keine Selbstverständlichkeit. Es muss immer wieder neu ge-
festigt und für die Zukunft gesichert werden. Mit Lesen verbindet Generationen
entstehen generationenübergreifenden Begegnungen, die Altersunterschiede über-
brücken, unterschiedliche Wertvorstellungen und Lebensentwürfe erklären und in ei-
ne neue Balance bringen können.

Astrid Lindgren hat in ihren Erinnerungen geschrieben, dass Bücher uns den Weg
zum größten aller Abenteuer weisen: dem Leseabenteuer. Natürlich kann man die-
sen Weg auch alleine finden und beschreiten. Aber nicht jeder findet ohne Hilfe Zu-
gang. Außerdem bietet dieses Abenteuer zusammen mit anderen noch viel mehr. Es
fördert Austausch und Dialog, es regt zum Nachdenken und Fragen an, es kann
Grundlage dazu sein, eigene Interessen und Anliegen vorzutragen.

Literatur und Geschichten sind ideale Medien für den Dialog zwischen Jung und Alt.
Denn Bücher speichern Erfahrungen und Werte, verleihen den Anliegen der Men-
schen unterschiedlicher Alterstufen Ausdruck und bieten die Möglichkeit, generatio-
nenübergreifend ins Gespräch zu kommen.

Jeder Dialog bedarf der Impulsgeber und Lesen verbindet Generationen braucht
Menschen, die bereit sind vorzulesen und mit Menschen anderer Generationen über
das Gelesene zu sprechen. Für diese Vorlesepaten hält die Handreichung Informati-
onen, Tipps und Tricks bereit und gibt ganz praktische Unterstützung, damit span-
nende Lesungen und gute Gespräche zustande kommen.

Vorlesepaten
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Was ist ein Vorlesepate?

Sie lesen gerne und lassen sich selbst gerne von Geschichten verzaubern? Sie mö-
gen den Umgang mit anderen Menschen und suchen das Gespräch? Sie bringen
Neugier für die Einstellungen und Reaktionen alter und junger Menschen mit? Sie
möchten Ihre Begeisterung für Bücher teilen und weitergeben? Dann wäre eine Be-
teiligung am Projekt „Lesen verbindet Generationen“ das Richtige für Sie.

Die folgenden praxisnahen Tipps sollen Ihnen den Einstieg in diese schöne und
wichtige Tätigkeit erleichtern.

Lieblingsbücher von Generationen

Hat Sie in Ihrer Kindheit ein ganz bestimmtes Buch besonders begeistert? Oder gibt
es ein aktuelles Buch, dem Sie möglichst viele Leserinnen und Leser wünschen?
Liegen Ihnen Themen am Herzen, die Menschen unterschiedlicher Altersgruppen
betreffen oder interessieren könnten? Dann haben Sie als Vorlesepatin oder Vorle-
sepate eine wunderbare Gelegenheit dies weiterzugeben. Und umgekehrt werden
auch Sie einiges an Neuem und Überraschendem von Ihren Zuhörern erfahren.

Was möchte ein Vorlesepate erreichen?

Im Kern geht es immer darum, Lesen und Verstehen zu fördern. Beim Mehrgenerati-
onenlesen besteht die zusätzliche Chance, dies im Gespräch mit Alt und Jung zu er-
reichen und darüber Besonderheiten und Ähnlichkeiten in Einstellungen, Vorstellun-
gen und Prägungen der verschiedenen Generationen gleich mit kennen zu lernen.

Vorlesenpatinnen und -paten fördern:

   -   das genaue Hinhören, das Nachfragen und damit den Austausch über das
       Gehörte

   -   die Erweiterung von Wortschatz und Ausdrucksfähigkeit

   -   die Besinnung auf eigenes Wissen und die Weitergabe persönlicher Erfahrun-
       gen

   -   die Konzentration und das Gedächtnis

   -   die Vermittlung von Werten

   -   den persönlichen Kontakt zwischen Vorleserin oder Vorleser und Zuhörern

   -   die Bildung und Äußerung individueller Gedanken und Standpunkte und

   -   Verständnis und Toleranz gegenüber anderen Einstellungen und Prägungen.

Wie werde ich Vorlesepate?

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Sie können zunächst eines der Seminare besuchen, die im Rahmen des Projekts
„Lesen verbindet Generationen“ angeboten werden. Im Rahmen dieser eintägigen
Seminare lernen Sie neben der Einübung praktischer Fähigkeiten, wie sich eine Vor-
lesestunde gestalten, eine lesefreundliche Atmosphäre schaffen und geeignete Lite-
ratur für unterschiedliche Altersgruppen auswählen lässt. Hinzu kommen Tipps zur
generationenübergreifende Gesprächsgestaltung nach der Lesung.

Wenden Sie sich an einen der Regionalen Ansprechpartner der Stiftung Lesen in
Nordrhein-Westfalen. Dort wird man Sie in Ihrem Vorhaben unterstützen und unter
Umständen haben Sie die Möglichkeit ganz unverbindlich in Lesungen bereits aktiver
Patinnen und Paten „hineinzuschnuppern“. Kontakt zu den Regionalen Ansprech-
partnern und zu Stiftung Lesen bekommen Sie über die Internetseiten
www.stiftunglesen.de oder auf der Internetseite des Generationenministeriums Nord-
rhein-Westfalen www.mgffi.nrw.de/generationen/.

Vor der Aufnahme einer Tätigkeit als Vorlesepatin oder Vorlesepate sollten Sie sich
darüber klar werden, für welche Zielgruppen Sie vorlesen möchten. Hier bieten sich
ganz unterschiedliche Möglichkeiten an. Sie können

   -   als älterer Mensch Kindern und Jugendlichen vorlesen und eventuell dazu
       Kontakt mit Kindergärten, Schulen oder Jugendeinrichtungen aufnehmen,

   -   als junger oder jüngerer Mensch Lesungen oder einen Lesezirkel für ältere
       Erwachsene und Kinder anbieten,

   -   sich dem Vorlesen für ältere Menschen in Seniorenwohnheimen widmen und
       vielleicht eine örtliche Jugendeinrichtung dazu gewinnen oder

   -   in jedem Alter themenbezogene Lesungen für alle Generationen durchführen.

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Wahl des Vorleseortes

Am Anfang steht die Wahl des Vorleseortes, die sowohl für Sie, als auch für Ihre Zu-
hörerschaft gut zu erreichen ist.

Hier eine kleine Auswahl der Möglichkeiten:

   -   Kindertagesstätten

   -   Horte

   -   Schulen

   -   Bibliotheken

   -   Krankenhäuser

   -   Jugendtreffs

   -   Kirchengemeinden

   -   Seniorenclubs, -heime u.ä.

   -   Gemeindezentren

   -   Mehrgenerationenhäuser oder

im Sommer vielleicht einfach einmal unter freiem Himmel im Garten oder in der be-
nachbarten Parkanlage.

Die Bedingungen für das Vorlesen sind jeweils ganz unterschiedlich. Eine Lesung
lässt sich meist relativ unkompliziert in den Alltag von Kindertagesstätten oder Schu-
len einbinden. In Bibliotheken werden überwiegend altersgemischte Gruppe ange-
sprochen und im Krankenhaus kann das Vorlesen für einen Einzelnen im Vorder-
grund stehen. In Senioreneinrichtungen sollte gezielt auf die individuellen Vorausset-
zungen der einzelnen Teilnehmer eingegangen werden können.

Überlegen Sie sich im Vorfeld der Kontaktaufnahme mit einer Einrichtung, welche
Bedingungen Ihnen entgegenkommen.

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Kontaktaufnahme

Sollte es in Ihrer Nähe einen Regionalen Ansprechpartner der Stiftung Lesen geben,
kann man Ihnen dort eventuell bei der Suche nach einem geeigneten Leseort behilf-
lich sein. Andernfalls bietet es sich an, auf eigene Kontakte (Kindertagesstätte oder
Schule, die die eigenen Kinder oder Enkel besuchen, Bücherei am Ort, Senioren-
wohneinrichtung in der Nachbarschaft, Mehrgenerationenhaus oder Familienbil-
dungsstätte etc.) zurückzugreifen. Sollten Sie noch keine Kontakte haben, sehen Sie
sich entsprechende Einrichtungen in der Nähe einfach einmal an.

Wenn Sie eine Einrichtung gefunden haben, die Ihnen zusagt und für Sie gut er-
reichbar ist, nehmen Sie vielleicht zunächst telefonisch Kontakt mit der Leitung auf.
Schildern Sie kurz Ihr Vorhaben, vergewissern Sie sich des gemeinsamen Interesses
und vereinbaren einen Termin für ein persönliches Gespräch.

Für dieses Gespräch können Sie auf Informationsmaterial zum Projekt „Lesen ver-
bindet Generationen“ zurückgreifen. Wenn Sie bereits Pate oder Patin bei der Stif-
tung Lesen sind, nehmen Sie am besten Ihre Paten-Urkunde und vielleicht einen
kleinen, vorbereiteten „Steckbrief“ mit persönlichen Daten und einem Foto mit, um
das gegenseitige Kennenlernen zu erleichtern.

Austausch

Der Austausch mit anderen Vorlesepatinnen und Vorlesepaten kann Bestätigung,
Hilfestellung und Anregung für Ihre Tätigkeit bedeuten. Rufen Sie in Absprache mit
Ihrem Regionalen Ansprechpartner ein Austauschtreffen ins Leben. Auch hier kommt
es nicht auf die Häufigkeit, sondern auf die Regelmäßigkeit an. Neue Interessentin-
nen oder Interessenten erhalten bei einem Austauschtreffen aktiver Vorlesepaten
Motivation und Starthilfe.

Absprache mit der Einrichtung

Wenn im Anschluss an das einführende Gespräch von beiden Seiten Interesse und
Sympathie besteht, sollten Sie die Rahmenbedingungen Ihrer Vorlesetätigkeit festle-
gen. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sowohl eigene Wünsche und Vorstel-
lungen vorzubringen als auch auf Anforderungen und Möglichkeiten der Einrichtung
einzugehen. Mit gutem Willen und Kompromissbereitschaft lässt sich meist ein für
beide Seiten gangbarer Weg finden.

Es ist für eine erfolgreiche und für alle Beteiligten befriedigende Tätigkeit von großer
Bedeutung, dass die Vorlesepatin bzw. der Vorlesepate in der Einrichtung einen fes-
ten und zuverlässigen Ansprechpartner findet. Hier muss die berühmte „Chemie“ ein-
fach stimmen!

Sie sollten sich im Vorfeld über Ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen im Klaren
sein. Gehen Sie keine Verpflichtungen ein, die Sie auf Dauer überfordern könnten.

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Planung der Lesung

Folgende Aspekte sollten bei der Planung berücksichtigt werden:

   -   Zeiten

       Hier sollten Sie sich an den Möglichkeiten der Einrichtung orientieren. In Kin-
       dertagesstätten, Senioreneinrichtungen und Bibliotheken besteht häufig be-
       reits ein großes Angebot an verschiedenen Aktivitäten. Besonders die Vormit-
       tage sind oft bereits mit anderen Angeboten belegt. In Büchereien müssen die
       Öffnungszeiten berücksichtigt werden. Entscheidend ist, dass die Vorlese-
       stunden immer zu festen Zeiten stattfinden.

   -   Häufigkeit

       Wichtigste Anforderung ist, dass die Vorlesestunden regelmäßig stattfinden,
       möglichst immer am gleichen Wochentag in einem regelmäßigen Rhythmus,
       z.B. jeden zweiten Donnerstag oder jeden ersten Mittwoch im Monat etc. Es
       kommt weniger auf die Häufigkeit, sondern mehr auf das verlässliche zeitliche
       Ritual der Lesung an. Damit können sich die Beteiligten langfristig auf einen
       Termin einstellen und die Vorlesestunde wird schnell zu einer von allen ge-
       schätzten festen Einrichtung.

       Selbstverständlich können zusätzlich auch Lesungen zu besonderen Anlässen
       wie Weihnachten, Ostern, Bücherwochen, Schulabgangs- oder Stadtfesten
       stattfinden. Das hängt von Ihrer persönlichen Zeitplanung und natürlich auch
       vom Spaß an solchen Aktionen ab.

       Eine schöne Möglichkeit ist es auch, von Anfang an mit anderen Vorlesepaten
       zusammenzuarbeiten, so dass man sich auch einmal vertreten kann.

   -   Dauer

       Eine Vorlesestunde sollte normalerweise den Rahmen einer Zeitstunde nicht
       überschreiten. Auf die reine Vorlesezeit sollten hierbei nicht mehr als max. 15-
       20 Minuten entfallen (siehe auch Ausgestaltung von Vorlesestunden). Bei jün-
       geren Kindern und auch bei Zuhörerinnen und Zuhörern mit Beeinträchtigun-
       gen (z.B. mangelnde Konzentrationsfähigkeit) ist häufig auch eine halbe Stun-
       de ausreichend. Natürlich sind dies nur Richtzeiten. Sie entwickeln schnell ein
       Gespür dafür, wie viel Zeit Sie sich und Ihren Zuhörern geben möchten und
       können.

   -   Gruppengröße und -zusammensetzung

       Die Zahl der Zuhörer hängt natürlich auch von der Art der Lesung und der
       Raumgröße ab. Allgemein gelten 10 Personen als gute Gruppengröße. Gera-
       de, wenn für kleinere Kinder oder beeinträchtigte Zuhörer gelesen wird, ist es
       ratsam, die Gruppengröße zu begrenzen. In einer kleinen Gruppe gestalten

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sich Lesung und Gespräch oft schöner und nachhaltiger. Letztlich hängt die
       Gruppengröße natürlich auch von Ihrer persönlichen Belastbarkeit ab.

       Je größer die Gruppe ist, desto eher kommt es zu Unruhe und Ablenkung.
       Wenn man sich aber mit Texten und Ausgestaltung darauf einstellt, kann Vor-
       lesen auch für größere und heterogene Gruppen gut gelingen. In altersge-
       mischten Gruppen etwa sind die Anschlussgespräche erfahrungsgemäß be-
       sonders facetten- und ertragreich. Für solche Gruppen empfiehlt sich beson-
       ders, die reine Vorlesezeit relativ kurz zu halten und stärker auf das Erzählen
       und das Gespräch mit den Teilnehmern zu setzen.

Umgang mit Schwierigkeiten

Störungen gibt es überall – auch beim Vorlesen! Es entsteht schon einmal Unruhe,
es mangelt an Konzentration oder Zuhörbereitschaft. Dann gilt es, die Ruhe zu be-
wahren und unruhige Zuhörer mit freundlicher, direkter Ansprache in die Vorlesesitu-
ation einzubeziehen. Auch kleine Aufträge oder die Bitte um Hilfe bei Vorbereitung
und Gestaltung der Vorlesestunde geben einzelnen Zuhörern gezielt das Gefühl,
wahrgenommen und eingebunden zu werden. Und das Gemeinschaftsgefühl wird
ganz nebenbei auch noch gestärkt.

   -   Themen

       Normalerweise bestimmt der Lespate das Thema der Vorlesestunde durch die
       Auswahl des Textes. Genauso gut können Sie auf Anregungen aus der Ein-
       richtung eingehen und vielleicht laufende Projekte einer Schule oder eines
       Kindergartens (z.B. Märchenwochen, Umweltaktionen) thematisch aufgreifen,
       Wünsche aus dem Teilnehmerkreis oder auch jahreszeitliche Themen einbe-
       ziehen.

   -   Raum

       Der Raum, in dem Sie vorlesen, sollte vor allen Dingen ruhig sein. Es ist nicht
       so wichtig, dass die Räumlichkeiten perfekt ausgestattet oder besonders ge-
       mütlich sind. Die Atmosphäre wird letztlich durch die Geschichte vermittelt.
       Aber Störungsfreiheit sollte garantiert sein. Nicht nur Kinder lassen sich
       schnell ablenken und eine spannende Geschichte läuft ins Leere, wenn stän-
       dig die Tür aufgeht oder nebenan permanente Unruhe herrscht.

       Der ideale Raum ist ruhig und hell. Es sollte feste Sitzgelegenheiten für alle
       Teilnehmer geben, Seniorinnen und Senioren sind für Stühle mit Armlehnen

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dankbar. Der Raum sollte gut zu lüften sein. Nicht ratsam ist es, den Vorlese-
       raum ständig zu wechseln. Auch hier kommt es darauf an, ein Ritual zu entwi-
       ckeln. Die Zuhörer sollten im Idealfall im Halbkreis vor Ihnen sitzen, so dass

       Sie möglichst mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern Blickkontakt herstel-
       len können.

Leseatmosphäre

Grundsätzlich soll der vorgelesene Text die Leseatmosphäre schaffen. Aber zusätzli-
che Gestaltungselemente wie z.B. Blumen, die perfekt in ein bestimmtes Märchen
passen, Kerzenlicht bei einer Gruselgeschichte oder passende Musik von Kassette
oder CD als Einstieg in eine Erzählung aus früheren Zeiten können die besondere
Stimmung einer Vorlesestunde verstärken. So lässt sich aus einem nüchternen
Mehrzweckraum im Nu ein gemütliches Lesezimmer schaffen.

   -   Pausen

       Vor allem bei Vorlesestunden für Ältere sollte eine kleine Pause eingeplant
       werden, die zu Beginn der Vorlesestunde angekündigt wird. Bei Vorlesestun-
       den für Kinder können ein Bewegungsspiel, ein Lied oder auch ein Gespräch
       die Pause ersetzen. In manchen Einrichtungen und bei einigen Veranstal-
       tungsformen (z.B. dem Lesecafé) werden Getränke oder Gebäck angeboten.
       Hier sollte man darauf achten, dass dies nicht während der Lesung selbst er-
       folgt, sondern vor der Veranstaltung oder im Anschluss an die Vorlesesituati-
       on. Ansonsten werden die Zuhörer zu stark abgelenkt und es entsteht unwei-
       gerlich Unruhe.

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Textauswahl

Für eine stimmige Vorleseaktion ist es wichtig, dass der Text Ihnen selbst gefällt. Nur
so kann sich die eigene Freude an der Lektüre auf Ihre Zuhörer übertragen. Aller-
dings sollte man bei der Auswahl des Textes auch immer die Zielgruppe, d.h. Zu-
sammensetzung, Alter und Interessenlage der Anwesenden berücksichtigen. Bei re-
gelmäßigen Vorleseaktionen lernen Sie Ihre Zuhörer mit der Zeit immer besser ken-
nen und entwickeln schnell ein Gefühl für passende Vorlesetexte und auch für die
mögliche Dauer der Lesung.

Wenn Sie unsicher sind, welcher Text sich für ein bestimmtes Alter eignet, können
Sie eine einfache Faustregel anwenden: Meist ist der Held oder die Heldin eines Bu-
ches ungefähr so alt wie die angesprochene Zielgruppe und beschäftigt sich mit
Problemen oder Themen, die für die Altersgruppe der Zuhörer interessant sind.

So eignen sich etwa Geschichten über Freundschaft oder ungleiche Freunde ganz
besonders für Kindergarten- und Schulkinder, die ja in einer neuen Umgebung
Freunde finden möchten. Autobiografische Texte sprechen insbesondere Seniorin-
nen und Senioren an, die sich gerne an die Zeit ihrer Kindheit und Jugend erinnern.
Aber natürlich kann man auch heitere Schulgeschichten für Jung und Alt lesen, Mär-
chen eignen sich für Kinder und Erwachsene gleichermaßen und auch Lieder, Verse
und Sprachspielereien begeistern ein altersgemischtes Publikum.

Eine Auswahl von klassischen und neuen Vorlesebüchern für altersgemischte Le-
sungen bietet die Broschüre „Lesespaß für alle“, die im Rahmen des Projekts „Lesen
verbindet Generationen“ erschienen ist.

Oder Sie gehen zum Stöbern in eine Bibliothek. Dort finden Sie eine reiche Auswahl
an Vorlesestoff und fachkundige Beratung. Was wird von den unterschiedlichen Al-
tersgruppen häufig ausgeliehen? Was ist seit Generationen bewährt und was gibt es
an schöner neuer Vorleseliteratur?
Zum Vorlesen kommen unter anderem in Frage:
   -   Bilderbücher

       Es ist gerade bei Bilderbüchern nicht ganz einfach, die angesprochene Alters-
       gruppe festzustellen. Sehr wichtig ist die Art und Weise, in der das Buch vor-
       gelesen wird. Bei lebhaftem Vortrag, Fragen an die Zuhörer, ggf. auch Kür-
       zungen des Textes kann ein Bilderbuch für ältere Kinder auch für die Kleine-
       ren schon interessant sein. Oder ein einfaches Buch für die Jüngsten begeis-
       tert auch Ältere.
       Generell gilt: Je älter die Kinder sind, desto mehr steht der Text im Vorder-
       grund, während das Bild lediglich der Auflockerung und Verdeutlichung dient.
       Bei kleineren Kindern hingegen sollte der Text in der Hauptsache eine Ergän-
       zung ausdrucksstarker Bilder sein. Wagen Sie ruhig einmal das Experiment,
       ein besonders schönes Bilderbuch mit ausdrucksstarken Bildern für eine al-
       tersgemischte Vorlesestunde einzusetzen. Viele Bilderbücher richten sich heu-
       te auch an eine erwachsene Leserschaft.
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-   Kinderbücher

       Für Vorleseaktionen eignen sich vor allem abgeschlossene Erzählungen. Wer
       möchte schon gerne wochenlang auf den Ausgang einer spannenden Ge-
       schichte warten? Ideal sind Vorlesebücher, die eine Sammlung von kurzen
       Geschichten bieten, die häufig unter einem bestimmten Thema zusammenge-
       stellt sind wie Tiergeschichten, Abenteuer- oder Schulgeschichten oder auch
       Märchen. Zudem können Sie besonders lustige oder spannende Textstellen
       aus Kinderromanen vorlesen, wenn sie die passende Länge haben. Am An-
       fang der Vorlesestunde sollten Sie dann eine kurze Einführung in das Buch
       geben. Ob Sie den Schluss verraten oder es den Zuhörern ans Herz legen,
       den Ausgang der Geschichte selbst nachzulesen, bleibt Ihnen überlassen.

   -   Romane

       Auch hier gilt es, eine aussagekräftige, spannende oder witzige Textstelle
       auszusuchen, die auf keinen Fall zu umfangreich sein sollte. Mit eigenen Wor-
       ten können Sie dann den Anfang der Handlung zusammenfassen, ein Stück
       vorlesen, eventuell noch einmal einen Teil des Buches erzählen und den
       Schluss offen lassen oder ebenfalls vorlesen. Nicht nur bei älteren Zuhörerin-
       nen und Zuhörern ist es wichtig, die Handlung einfach und verständlich wie-
       derzugeben, dabei nicht zu sehr zwischen einer Vielzahl von Personen oder
       auch unterschiedlichen Zeitebenen hin und her zu springen und ggf. auch
       einmal etwas mit eigenen Worten zu erklären. Das Vorlesen eines Roman-
       auszugs erfordert daher eine gewisse Vorbereitungszeit.

Vorlesetexte

Was macht ein gutes Vorlesebuch aus? Keinesfalls muss es unbedingt ein literari-
sches Meisterwerk sein. Auch so genannte „leichte“ Literatur, wie z.B. Reihenromane
für Kinder oder Unterhaltungsromane für Erwachsene können sich gut zum Vorlesen
eignen. Ein gelungener Spannungsbogen, eine überraschende Wendung oder Pointe
am Schluss und ein Text, der frei ist von Ausdrücken oder Schilderungen, die Zuhö-
rer befremden oder verletzen könnten, sind natürlich wichtige Voraussetzungen.
Schöne und stimmige Illustrationen spielen bei der Auswahl von Büchern für jüngere
Zuhörer ebenfalls eine große Rolle.

   -   Kurzgeschichten und Anekdoten

       Hier ist der Aufwand bei der Vorbereitung geringer, da die Texte gar nicht oder
       nur geringfügig gekürzt werden müssen. Kurzgeschichten und Anekdoten sind
       zudem häufig so aufgebaut, dass am Schluss eine unerwartete Wendung, ei-
       ne Überraschung oder eine Pointe steht. Dadurch eignen sie sich besonders
       gut zum Vorlesen. Viele Kurzgeschichten kann man auch für eine altersge-
       mischte Gruppe vorlesen. Insbesondere, wenn es etwa um das Verhältnis der
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Generationen zueinander – z.B. zwischen Eltern oder Großeltern und Kindern
       oder Enkeln – geht. So wird Jung und Alt die Möglichkeit zur Identifikation o-
       der auch zur Erinnerung gegeben.

   -   Gedichte

       Verse, Reime und Gedichte eignen sich wunderbar als Einstieg in ein Thema,
       als Auflockerung oder heiterer Abschluss einer Vorlesestunde. Schon die Al-
       lerkleinsten lieben Reime und Wiederholungen und bei älteren Zuhörern wird
       durch klassische Gedichte und Balladen vieles wieder wach, was in der Kind-
       heit erlernt wurde.

   -   Märchen

       Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, die Märchen von Hans
       Christian Andersen oder Wilhelm Hauff, die Geschichten aus 1001 Nacht oder
       die zahllosen Volksmärchen aus den verschiedensten Ländern führen Vorle-
       ser und Zuhörer in verzauberte und fantastische Welten. Hier siegt praktisch
       immer das Gute über das Böse, der scheinbar Unterlegene über den Mächti-
       gen – und gerade bei Kindern wird so ein grundlegendes Bedürfnis angespro-
       chen und befriedigt. Für Erwachsene bieten Märchen die Rückbesinnung auf
       Kindheitstage und auch das Wiederentdecken einer wunderbaren Sprache.
       Kleinere Kinder sind allerdings gerade durch diese, häufig etwas altertümliche
       Sprache sowie durch die Länge mancher Märchen und gelegentlich auch
       durch die Inhalte überfordert. Wunderbar vorzulesen sind Märchen daher ab
       dem Grundschulalter. Vorher sollte man auf kurze, heitere und einfache Mär-
       chen zurückgreifen. Wie wäre es beispielsweise mit der „Prinzessin auf der
       Erbse“ oder auch dem „Dicken, fetten Pfannkuchen“?

Märchen

Kinder brauchen Märchen! Und Erwachsene finden in Märchen zu ersten Lese- und
Vorleseerlebnissen zurück. Die klare Unterscheidung von Gut und Böse, die Mög-
lichkeit, sich mit realen Ängsten in einem märchenhaften Rahmen auseinanderzuset-
zen und die beruhigende Erfahrung des immer positiven Ausgangs sind Teil ihrer
Faszination. Märchen sind zudem Vorlage und Inspiration zahlloser Geschichten, die
es später zu entdecken gilt – und damit wichtiger Bestandteil literarischer Bildung.

   -   Lieder

       Die Freude am Singen verbindet Alt und Jung. Ein Liederbuch mit Kinder- und
       Volksliedern ist eine perfekte Ergänzung für die Ausrüstung von Vorlesepaten.
       So kann ein Lied am Anfang oder Schluss einer Vorlesestunde die Stimmung
       auflockern, das Gemeinschaftsgefühl fördern und durchaus auch Themen
       bzw. Gesprächsanlässe vorgeben. Sie singen nicht gerne? Dann überlassen
       Sie es doch einfach Ihren Zuhörern. Gerade Ältere verfügen häufig über ein
       großes Repertoire und freuen sich, wenn sie etwas beitragen können.
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-   Sachbücher

    Sachbücher kann man nicht vorlesen?! Das ist ein verbreiteter Irrtum. Natür-
    lich bietet es sich nicht gerade an, aus einem Lexikon vorzulesen. Aber es gibt
    wunderschöne, opulent bebilderte Sachbücher, in denen man zu Themen vor-
    gelesener Geschichten etwas nachschlagen oder nachlesen kann. Oder man
    lässt sich von einem attraktiven Sachbuch zum Thema einer Erzählung leiten.
    Besonders männliche Zuhörer mögen Geschichten, die einen Sachbezug ha-
    ben. Das Spektrum reicht hier vom Sachbilderbuch über den Zeitungsaus-
    schnitt, den Bildband und die Biografie bis zum historischen Roman. Und Ge-
    schichten über Tiere, Naturphänomene oder fremde Länder sprechen sowohl
    Jungen als auch Mädchen verschiedener Altersgruppen an. Viele Verlage tra-
    gen dem Rechnung und bieten Verbindungen von Sachbuch und Erzählung
    an.

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Praktische Vorbereitung

Für eine gelungene Vorleseaktion ist es von großer Bedeutung, dass Sie den Text
genau kennen. Sie sollten also Ihren ausgewählten Text zu Hause mehrfach laut le-
sen. Nur so erfassen Sie die Stimmung des Textes, können den Sinn der Geschichte
wiedergeben und sind für eventuelle Fragen gewappnet. Ideal wäre es, wenn Sie die
Geschichte im Vorfeld bereits jemandem vorlesen könnten, um etwas über die Reak-
tion auf den Text zu erfahren. Nicht jeder Text, der Ihnen spontan gefällt, ist auch
zum Vorlesen geeignet! Beim lauten Lesen hingegen bekommen Sie schnell ein Ge-
fühl dafür.

Eine gute Möglichkeit ist es, die eigene Lesung zu Hause z.B. auf eine Kassette auf-
zunehmen und der eigenen Stimme kritisch zuzuhören.

Im Zuge dieser Vorbereitung wird Ihnen auffallen, ob ein Text gekürzt werden muss,
wo Pausen angebracht sind oder man das Vorlesen unterbrechen könnte, um Fra-
gen an die Zuhörer zu stellen. In eigenen Büchern können Sie entsprechende Stellen
mit Bleistift markieren, ansonsten bieten sich Klebezettel an. Mit einem so präparier-
ten Text gehen Sie viel gelassener in die Vorlesesituation hinein.

Die Vorleseabschnitte sollten auf keinen Fall zu lang sein. Für Zuhörer, die Vorlesesi-
tuationen nicht kennen oder sich nicht lange konzentrieren können, genügen oft
schon wenige Minuten. Gerade, wenn man eine Gruppe noch nicht kennt, bietet sich
ein Wechsel aus Vorlesen und Erzählen an, bei dem man sich mehr auf die Zuhörer
einstellen kann.

Wenn Sie ein bestimmtes Thema für Ihre Vorlesestunde gewählt haben, können Sie
nach geeigneten weiteren Texten, Gegenständen, Zeitungsausschnitten, Liedern etc.

suchen, die zu Ihrer Vorlesegeschichte passen. Ob Sie diese dann in der Vorlese-
stunde auch einsetzen, hängt ganz von der Stimmung bzw. der Reaktion der Zuhörer
ab. Vielleicht entwickelt sich schon ganz am Anfang eine lebhafte Diskussion und Sie
kommen nur zu einem Teil Ihres „Programms“? Dann haben Sie auf jeden Fall Ihr
Ziel erreicht! Denn es geht ja nicht um einen Vortrag, sondern um Austausch und
Kommunikation.

Vorlesetechnik

Ob Sie einen Romanauszug oder ein Bilderbuch vorlesen, ein Gedicht vortragen o-
der ein schönes Sachbuch präsentieren – immer sollte Ihre eigene Freude am Vorle-
sen und Erzählen spürbar sein. Denn diese überträgt sich unmittelbar auf Ihre Zuhö-
rer.

   -   Mimik und Gestik

       Mimik und Gestik sollten dosiert eingesetzt werden. Im Vordergrund steht im-
       mer die Geschichte und nicht der Vorlesende selbst. Wichtig ist aber, dass
       Ausdruck, Gesicht und Körperhaltung des Vorlesenden die Stimmung des
                                                                                    15
Textes spiegeln und dadurch unterstützen. Ein deutlicher, aber sparsamer
       Einsatz von Mimik und Gestik erleichtert gerade jüngeren Kindern oder Zuhö-
       rerinnen und Zuhörern mit Beeinträchtigungen das Verständnis und die Auf-
       nahme des Textes.

   -   Einsatz der Stimme

       Ihre Stimme ist neben Mimik und Gestik das wichtigste Ausdrucksmittel beim
       Vorlesen und Erzählen. Bringen Sie stimmliche Mittel zum Einsatz, indem Sie
       den Hauptcharakteren der Handlung verschiedene Tonlagen zuordnen, sie
       lauter oder leiser sprechen lassen, ihnen eine stimmliche Persönlichkeit ge-
       ben. Es ist jedoch nicht unbedingt nötig, insbesondere nicht bei einem Text mit
       mehreren Personen, jeder Figur eine eigene Stimme zu geben. Als Vorleser
       können Sie dabei schnell durcheinander geraten. Beinahe noch wichtiger ist,
       der Stimmung der Charaktere Ausdruck zu verleihen. Geben Sie den Gefüh-
       len (Freude, Angst, Wut, Enttäuschung) hinter einer Äußerung eine Stimme.
       Am besten erreicht man dies, durch mehrfaches lautes Lesen, weniger durch
       gewolltes „Einstudieren“.

Und: Lassen Sie sich von den Bildern und der Stimmung der Geschichte erfüllen.
Wenn Sie die Handlung sozusagen vor Ihrem inneren Auge sehen und auch nach-
fühlen, fällt es Ihnen leichter, sie mit Ihrer Stimme, Ihrer Gestik und Mimik zu veran-
schaulichen.

   -   Pausen, Sprechtempo und Blickkontakt

       Zentrale Bedeutung beim Vorlesen haben Pausen und häufiger Blickkontakt.
       Eine kurze dramatische Pause kann die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte
       Textstelle richten. Eine Pause mit Fragen (z.B. „Kann sich jemand vorstellen,
       wie es weitergeht?“) beugt Unaufmerksamkeit und mangelnder Konzentration
       seitens der Zuhörer vor.

       Sprechen Sie langsam und deutlich, laut und verständlich. Denn nur Sie ken-
       nen den Text. Bei den Zuhörern dagegen muss erst ein Bild im Kopf entste-
       hen. Wenn zu schnell vorgelesen wird, schalten gerade ungeübte Zuhörer,
       kleine Kinder oder Ältere schnell ab. Besser ist es, eher langsam zu lesen und
       den Text bei Bedarf zu kürzen oder erzählend zusammenzufassen.

       Sehr effektvoll kann es sein, Lautstärke oder auch Geschwindigkeit zu variie-
       ren. Bewusst leises oder auch ganz langsames Lesen kann eine Textstelle
       besonders hervorheben und die Aufmerksamkeit erhöhen. Dauerhaft zu
       schnelles Lesen überfordert die Zuhörer bald und führt leicht zum „Ausstieg“
       aus der Geschichte.

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-   Einbeziehung der Zuhörerinnen und Zuhörer

       Betrachten Sie das Vorlesen immer als eine kommunikative Situation, als ei-
       nen Dialog zwischen Ihnen und den Zuhörern. Der Text sollte daher möglichst
       nicht in einem Stück vorgelesen oder erzählt werden. Die direkte Ansprache
       einzelner Zuhörer (z.B. „Wie würden Sie/würdest du dich denn hier verhal-
       ten?“; besonders reizvoll dabei: gleiche Fragen an unterschiedliche Alters-
       gruppen) bindet die Aufmerksamkeit und macht die Vorlesesituation lebendi-
       ger. Aus den Reaktionen erfahren Sie auch, ob die Zuhörer das Gelesene
       verstehen, ob es sie interessiert oder langweilt. Kinder, aber auch erwachsene
       Zuhörer wollen und sollen Fragen und eigene Gedanken einbringen können.
       Haben Sie Geduld und betrachten Sie Zwischenfragen und Äußerungen nicht
       als Störung, sondern als Anregung. Ermöglichen Sie das Gespräch gerade
       zwischen den Generationen. Sollte sich eine so lebhafte Diskussion entwi-
       ckeln, dass die Geschichte in den Hintergrund zu geraten droht, führen Sie
       behutsam auf den Vorlesetext zurück („Jetzt wollen wir doch einmal sehen,
       wie es weitergeht“). Fassen Sie den letzten Teil des Gelesenen noch einmal
       kurz zusammen, lesen Sie weiter und kommen Sie vielleicht nach dem Vorle-
       sen noch einmal auf das Gespräch zurück. Sollte es zu unruhig werden und
       die Zuhörbereitschaft abnehmen, kürzen Sie den Text spontan, indem Sie mit
       eigenen Worten einen Teil zusammenfassen und nur den Schluss vorlesen.
       Bei Kindern bietet es sich auch an, den Schluss offen zu lassen und den Kin-
       dern Gelegenheit zu geben, einen eigenen Schluss zu finden und zu erzählen.

   -   Zeigen von Illustrationen

       Wenn Ihr Vorlesetext Illustrationen enthält, sollten Sie diese abschnittsweise,
       also nach dem Lesen der entsprechenden Seite bzw. Doppelseite, zeigen.
       Jüngere Kinder oder Zuhörerinnen und Zuhörer mit geringen Deutschkennt-
       nissen brauchen häufig Illustrationen, um dem Text folgen zu können. Wenn
       die Bilder bereits während des Lesens gezeigt werden, kann dies die Zuhörer
       eher vom Text ablenken. Sie sollen sich das Gelesene ja zunächst vorstellen
       und dann das Bild in ihrem Kopf mit dem Bild im Buch vergleichen können.
       Ausnahmen sind z.B. Kniereiterbücher oder Bilderbuchkinos, die man für be-
       sondere Vorleseanlässe nutzen kann.

Kniereiter und Bilderbuchkinos

Bei so genannten Kniereiterbüchern kann das Bild zu einer Geschichte, die der Vor-
lesende auf dem Schoß hält, nach vorne herunter geklappt werden, so dass die Zu-
hörer das Bild während des Vorlesens sehen können. Bei einem Bilderbuchkino -
das man in größeren Büchereien ausleihen kann - wird das Bild zur gelesenen Hand-
lung mit Hilfe eines Diaprojektors an die Wand geworfen. So können die jungen Zu-
hörer alle Details entdecken und gleichzeitig der Geschichte folgen. Für große Grup-
pen oder für einen besonderen Anlass kann ein Bilderbuchkino eine reizvolle Alterna-
tive zum "klassischen" Vorlesen sein.

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-   Persönlicher Stil

    Jeder liest in seiner eigenen, unverwechselbaren Art und Weise vor. Und das
    soll auch so sein! Versuchen Sie nicht, jemanden zu kopieren oder stilistische
    Mittel zu nutzen, die Ihnen nicht liegen. Sie sollen sich in der Vorlesesituation
    wohl fühlen. Finden Sie Ihren Stil und Ihre persönliche Note, die Ihnen als Vor-
    leserin oder Vorleser Authentizität und Unverwechselbarkeit verleihen.

-   Rituale

    Nicht nur Kinder mögen und brauchen Rituale. Wenn Sie im Rahmen von re-
    gelmäßigen Vorlesestunden immer wieder auf bestimmte Elemente wie ein
    bestimmtes Eingangs- oder Schlussritual zurückgreifen, schaffen Sie für die
    Lesung einen schönen Rahmen und geben der Stunde eine Struktur und Wie-
    dererkennungswert. Die Zuhörer wissen dann, was sie erwartet, können sich
    darauf einstellen und sich besser konzentrieren.

    Sie können z.B. die Stunde immer mit dem Läuten einer kleinen Glocke, dem
    Klang einer Klangschale oder dem Anzünden einer Kerze beginnen. Sie kön-
    nen eine Handpuppe oder ein Stofftier in die Begrüßung einbauen, immer ein
    bestimmtes Kleidungsstück, etwa einen besonderen Schal, tragen oder auch
    jedes Mal ein Gedicht oder kurzes Lied an den Anfang stellen. Auch als Aus-
    klang eignen sich Lieder, kleine Anekdoten oder Reime. In erster Linie muss
    ein solches Ritual aber zu Ihnen und Ihrer Zielgruppe passen. Ihrer Fantasie
    sind dabei keine Grenzen gesetzt.

-   Motto

    Besonders schön lässt sich eine Vorlesestunde gestalten, wenn Sie bei der
    Vorbereitung ein übergreifendes Thema oder Motto wählen. So können Sie
    z.B. eine Vorlesestunde einem bestimmten Tier widmen und eine kleine Ge-
    schichte, in der das Tier eine Rolle spielt, mit einem passenden Sachbuch,
    Zeitungsausschnitten, Fotos, Liedern oder Gedichten kombinieren. Gute The-
    men für das Generationenlesen sind auch „Magische Wesen“, „Farben“, „Na-
    tur“, „Frühere Zeiten“, „Familie“ oder „Freundschaft“.

    Ergänzen Sie Ihre Geschichte mit passenden Elementen. Nehmen Sie den
    Maulwurfskuchen etwa zur Geschichte vom kleinen Maulwurf hinzu, dessen
    Lieblingsspeisen Sie außerdem im Tierlexikon nachschlagen können. Oder ein
    Korb voller Birnen mitten auf dem Tisch leitet das altbekannte Gedicht vom
    Herrn Ribbeck von Ribbeck im Havelland ein, vielleicht ergänzt um einen Aus-
    zug über eine Kindheit auf dem Land aus einem autobiografischen Roman.
    Werden Sie kreativ! Ihre Zuhörer und auch Sie selbst werden viel Freude an
    dem Ergebnis haben.

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Vorbildfunktion

Es gibt ganz sicher Leseratten, deren Liebe zu Büchern nie gefördert wurde und
auch nicht gefördert werden musste. Aber in den Zeiten scheinbar unbegrenzter Me-
dienvielfalt hat es das Buch nicht immer leicht. Die Bilder zu einer Geschichte im
Kopf entstehen zu lassen, ist nun einmal schwieriger als einfach auf einen Knopf zu
drücken und sich perfekte, bebilderte und vertonte Geschichten liefern zu lassen.
Umso wichtiger ist es, dass Sie vorlesen und damit zum Botschafter des Lesever-
gnügens werden. Der Weg zum Buch funktioniert nicht über Zwang oder gutes Zure-
den, sondern einzig und allein über die Freude am Lesen und Zuhören.

   -   Dialogisches Vorlesen

       Das Vorlesen sollte nur der Anlass dazu sein, mit anderen ins Gespräch zu
       kommen. Halten Sie also keinen „Vortrag“, sondern binden Sie Ihre Zuhörer
       immer wieder ein. Sprechen Sie besonders ruhige oder vielleicht auch schüch-
       terne Zuhörer einfach einmal an, fragen Sie sie um ihre Meinung oder bitten
       Sie um eine kleine Hilfe. Manche Zuhörer brauchen etwas Ermutigung. Ziel ist
       immer, dass ein lebendiger Austausch zu Stande kommt.

       Wenn Ihre Zuhörer ein Gedicht mitsprechen, die zweite und dritte Strophe ei-
       nes Liedes auch noch singen wollen, etwas fragen oder etwas aus eigener Er-
       fahrung zum Thema beitragen wollen, so ist das genau das, was die Vorlese-
       stunde bezweckt. Natürlich kann es sein, dass Sie unter diesen Umständen
       ein perfekt vorbereitetes Konzept über den Haufen werfen müssen. Aber dann
       bringen Sie nicht verwendete Elemente vielleicht einfach beim nächsten Mal
       mit. Ihre Zuhörer werden es Ihnen danken, wenn Sie einfach mal spontan rea-
       gieren.

   -   Einsatz von Gegenständen

       Kinder und auch Erwachsene können Sie durch mitgebrachte Gegenstände
       neugierig auf eine Geschichte oder ein Thema machen. Eine schöne Schach-
       tel, ein altertümliches Kistchen oder ein kleiner Koffer kann mit verschiedenen
       Gegenständen gefüllt werden, die zu bestimmten Geschichten passen. Steine,
       Federn, Muscheln, Modeschmuck, kleine Plastiktiere, Münzen, alte Schlüssel,
       Nüsse, Murmeln und ähnliches lassen sich in Zusammenhang mit Geschich-
       ten bringen.

       Sie können Gegenstände auslegen und die Zuhörer raten lassen, in welcher
       Art von Geschichte sie vorkommen. Oder Sie lassen Kinder einen bestimmten
       Gegenstand aussuchen und erzählen dann seine Geschichte. Sie können fan-
       tasievollen Krimskrams auch einfach nur zur Dekoration einsetzen, aber gera-
       de für Kinder wird eine Geschichte durch „greifbare“ Elemente viel plastischer
       und eindrücklicher. Die Geschichte bleibt dann nicht abstrakt, sondern die Zu-
       hörer können sie mit ihrem Alltag, aber auch mit ihren Träumen und ihrer Fan-
       tasie in Bezug setzen.
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-   Der richtige Schluss

    Lesen Sie eine Geschichte nicht um jeden Preis zu Ende, wenn Sie das Ge-
    fühl haben, dass Ihre Zuhörer Ihnen nicht mehr folgen können oder die Ge-
    schichte nicht so gut ankommt. Kürzen Sie dann einfach ein bisschen ab, er-
    zählen Sie den Schluss mit eigenen Worten und wählen Sie für das Ende der
    Stunde noch ein heiteres Gedicht oder auch eine kurze Lieblingsgeschichte
    Ihrer Zuhörer. Wiederholungen sind hier durchaus erlaubt.

    Beenden Sie die Vorlesestunde nicht direkt nach dem Vorlesen, sondern pla-
    nen Sie immer noch Zeit für ein Gespräch, für Reaktionen und Fragen ein.
    Lassen Sie sich von gelegentlicher Kritik an Vorlesetexten nicht verunsichern.
    Einen einheitlichen Lesegeschmack gibt es ebenso wenig wie „Das gute
    Buch“. Nehmen Sie am Ende der Stunde ruhig auch einmal Anregungen,
    Wünsche oder Ideen der Teilnehmer auf und lassen Sie sich für das nächste
    Mal inspirieren. Mit einem anregenden Gespräch, einigen persönlichen Be-
    merkungen und Ihrem individuellen Abschlussritual wird die Vorlesestunde
    immer zu einem schönen Erlebnis für alle Beteiligten.

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Impressum

Herausgeber

Stiftung Lesen
Römerwall 40
55131 Mainz
www.stiftunglesen.de

Ministerium für Generationen, Familie,
Frauen und Integration
des Landes Nordrhein-Westfalen (MGFFI)
Horionplatz 1, 40213 Düsseldorf
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Ansprechpartnerinnen für Stiftung Lesen:

Referatsleitung Familie und Kindertagesstätte
Sigrid Strecker

Projektkommunikation
Sabine Bonewitz

Tel.: 06131/ 28890-18
Fax: 06131/ 28890-49

Für MGFFI:

Referat Generationenübergreifende Fragen,
Demografischer Wandel
Elke Käufer

Email: elke.kaeufer@mgffi.nrw.de

Text:
Christine Kranz

Redaktion:
Sarah Rickers

© Stiftung Lesen 2007

© 2007/ MGFFI

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