MAGAZIN - GRUNDRENTE - ERSTE BESCHEIDE VERSCHICKT SOVD GIBT ANTWORTEN AUF DIE WICHTIGSTEN FRAGEN - SOZIALVERBAND DEUTSCHLAND

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MAGAZIN - GRUNDRENTE - ERSTE BESCHEIDE VERSCHICKT SOVD GIBT ANTWORTEN AUF DIE WICHTIGSTEN FRAGEN - SOZIALVERBAND DEUTSCHLAND
Juli | August
                                                           2021

                             Magazin
         Herausgegeben vom Sozialverband Deutschland

Grundrente – erste Bescheide verschickt
  SoVD gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen
MAGAZIN - GRUNDRENTE - ERSTE BESCHEIDE VERSCHICKT SOVD GIBT ANTWORTEN AUF DIE WICHTIGSTEN FRAGEN - SOZIALVERBAND DEUTSCHLAND
2    Über uns                                                                                                                                                                       Inhalt       3

    Eine starke Gemeinschaft                                                                 Gerechtigkeitslücke geschlossen

    Der Sozialverband Deutschland (SoVD)        rungssysteme ein. Der Sozialstaat ist ein    Mit dem Beginn der Auszahlung der
    vertritt die Interessen der Rentner, der    wichtiges Auffangnetz für die Menschen       Grundrente gibt es Zulagen für Gering-
    Patienten und gesetzlich Krankenversi-      – das zeigt sich gerade in Zeiten wirt-      verdienende.
    cherten sowie der pflegebedürftigen und     schaftlicher Krisen. Uns geht es auch um                               Seite 4–11
    behinderten Menschen. Wir setzen uns für    Chancengleichheit, zum Beispiel um die
    Ihre Rechte ein und bie-                                    Bildung und Ausbildung,                                                             Pflegereform reicht nicht aus
    ten unseren Mitgliedern                                     die unsere Gesellschaft
    Beratungsstellen in ganz                                    behinderten und benach-                                                             SoVD kritisiert verabschiedete Reform –
    Deutschland. Dort erhal-                                    teiligten Kindern und Ju-                                                           Kostensteigerungen auf dem Rücken der
    ten sie Hilfe bei Fragen                                    gendlichen bietet.                                                                  Patient*innen.
    zur gesetzlichen Kranken-,                                  Der SoVD ist eine starke
    Renten- und Pflegeversicherung oder in      Gemeinschaft mit rund 600.000 Mitglie-                                                                                          Seite 12–19
    behindertenrechtlichen Dingen. Soziale      dern. Bei uns können Sie sich engagieren
    Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt un-      und mit anderen gemeinsam aktiv wer-         Stubenhocker wider Willen
    serer Arbeit. Wir setzen uns für den Aus-   den. Einer von über 2.000 Ortsverbänden
                                                                                             Kinder und Jugendliche verpassen im
    bau und den Erhalt der sozialen Siche-      befindet sich bestimmt auch in Ihrer Nähe.
                                                                                             Lockdown wichtige Entwicklungsschritte.

                                                                                                                                     Seite 30–41

                                                                                                                                                    20 Jahre SGB IX

                                                                                                                                                    Das Gesetz sollte vor allem für mehr Teil-
                                                                                                                                                    habe sorgen. Nun ist es an der Zeit, eine
                                                                                                                                                    Bilanz zu ziehen.
                                                                                                                                                                                Seite 20–23

                                                                                             Miete frisst Einkommen

                                                                                             Arme Haushalte müssen einen großen
                                                Die bundesweit über 600.000 Mitglieder des
                                                SoVD bilden eine starke Gemeinschaft.
                                                                                             Teil ihres verfügbaren Geldes für die
                                                                                             Mietzahlungen aufbringen.
                                                                                             
                                                                                                                        Seite 42–45
                                                                                             Foto Titelbild: cicisbeo / Adobe Stock
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4   Titelthema                                                                                                                     Titelthema            5

                                Zulagen für Geringverdienende – SoVD begrüßt Beginn der Grundrentenzahlungen

                                           Gerechtigkeitslücke geschlossen

      Seit Januar 2021 ist die Grundren-
      te in Kraft. Beschlossen wurde das
      Gesetz bereits im Sommer 2020.
      Noch ist aber kein Geld geflossen.
      Ab Juli sollen nun die ersten Be-
      scheide verschickt werden. Doch
      wer ist überhaupt anspruchsbe-
      rechtigt? Wann und wie erfahren
      Rentner*innen die Höhe eventu-
      eller Zulagen? Und in welchem
      Zeitrahmen erfolgt die Auszah-
      lung? Der SoVD, der die Grund-
      rente im Kern sehr befürwortet,
      gibt Antworten auf diese und an-
      dere Fragen.

                                                                                                                           Foto: absolut / Adobe Stock

                                                                                                       Jahrelange Erziehungs- und Pflegeleis-
                                                                                                       tungen werden mit der Grundrente stär-
                                                                                                       ker anerkannt. Die ersten Bescheide ge-
                                                                                                       hen im Juli raus.
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6   Titelthema                                                                                            Titelthema            7

                                                                                                  Foto: absolut / Adobe Stock

     Die Grundrente ist ein Plus zur be-    Auszahlungen. Bauer betont, dass    neintritts bereits gestellt wurde
     stehenden Rente. Mit ihr erhalten      es dabei auch darum gehe, Erzie-    oder noch zu stellen ist. Die Prü-
     Geringverdienende, die 33 Jahre        hungs- und Pflegeleistungen stär-   fung erfolgt automatisch, ebenso
     Pflichtbeiträge aus Beschäftigung,     ker anzuerkennen. Diese leisten     die Auszahlung.
     Kindererziehung oder Pflegetätig-      nach wie vor überwiegend Frauen.    Künftige Ruheständler*innen er-
     keit vorweisen können, individu-       Um einen Grundrentenzuschlag        halten mit ihrem ersten Renten-
     elle Zuschläge auf ihre knappen        zu erhalten, kann und muss kein     bescheid zugleich die Information,
     Altersbezüge.                          gesonderter Antrag gestellt wer-    ob ein Anspruch auf eine Zulage
     Von bundesweit insgesamt 21            den. Es reicht der normale Ren-     aus der Grundrente besteht und in
     Millionen Rentner*innen haben          tenantrag, der für die normale      welcher Höhe.
     laut Schätzungen etwa 1,3 Milli-       Altersrente zu Beginn des Rente-    Für alle, die bereits in Rente sind,
     onen Anspruch darauf – unabhän-                                            wird der Zuschlag rückwirkend
     gig davon, ob sie sich bereits im                                          zum 1. Januar 2021 gezahlt. Die
     Ruhestand befinden oder der Ren-                                           Überprüfung startet mit den älte-
     teneintritt noch bevorsteht.                                               ren Jahrgängen; die jüngeren fol-
     Rentenzuschläge für Niedrigver-                                            gen nach. Rentner*innen, die nicht
     dienende und Freibeträge in den                                            anspruchsberechtigt sind, erhal-
     Grundsicherungssystemen        ent-                                        ten keinen gesonderten Bescheid.
     sprechen langjährigen Forderun-
     gen des SoVD.                                                              Zeiten von Kindererziehung
     „Nach jahrzehntelanger Arbeit und                                          und Pflege zählen dazu
     Erziehungs- oder Pflegeleistungen                                          Insgesamt prüft die Deutsche
     müssen Menschen darauf bauen                                               Rentenversicherung (DRV) rund
     können, dass ihre Rente zum Leben                                          26 Millionen Bestandsrenten auf
     reicht – gerade, wenn sie bereits in                                       Zulagenansprüche und rechnet
     der Erwerbsphase zu gering ent-                                            auch deren Höhe aus.
     lohnt wurden. Sie verdienen im Al-                                         Die DRV addiert Zeiten, in denen
     ter mehr als Menschen, die wenig                                           Pflichtbeiträge aus Berufstätig-
     oder gar nicht gearbeitet haben“,                                          keit oder Selbstständigkeit ge-
     begrüßt SoVD-Präsident Adolf                                               zahlt wurden. Aber auch Zeiten für
     Bauer deshalb die nun startenden                                           Kindererziehung und Pflege von
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8   Titelthema                                                         Titelthema             9

     Angehörigen sowie Phasen von         Stunde würde mit einem monat-
     Krankheit und Rehabilitation zäh-    lichen Einkommen in Vollzeit von
     len. Nicht berücksichtigt werden     1.536 Euro somit zu Grundrenten-
     hingegen Zeiten der Arbeitslosig-    ansprüchen führen.
     keit mit Bezug von Arbeitslosen-     Auf die gleiche Weise werden
     geld I oder II (Hartz IV).           alle anderen „Grundrentenbewer-
                                          tungszeiten“ geprüft. Da so viele
     Persönliche Einkommen im             Renten überprüft werden müssen,
     Vergleich zum Durchschnitt           kann dies in Einzelfällen bis Ende
     Eine weitere Voraussetzung lautet:   2022 dauern.
     Der persönliche Durchschnittsver-
     dienst muss über den gesamten        Freibeträge in der
     Zeitraum, der für die Berechnung     Grundsicherung
     der Grundrente relevant ist, min-    Die Grundrentenzuschläge kön-
     destens 30 Prozent und höchs-        nen nicht für alle Geringverdie-
     tens 80 Prozent des allgemeinen      nenden sicherstellen, dass die
     Durchschnittsverdienstes betra-      Altersbezüge den Lebensunter-
     gen haben.                           halt im Alter abdecken. Das kann
     Ob in Vollzeit oder als Nebenbe-     zum Beispiel der Fall sein, wenn
     schäftigung, ist dabei nebensäch-    die Miete relativ hoch ausfällt, die
     lich. Geringfügige Beschäftigun-     laut Gesetz zu den individuellen
     gen erfüllen die Voraussetzungen     Bedarfen gerechnet wird.
     nicht.
     Legt man als Beispiel den durch-
     schnittlichen Verdienst des Jahres
     2020 von 3.379 Euro brutto zu-
     grunde, liegt die Spanne für das
                                                         Foto: industrieblick / Adobe Stock
     vergangene Jahr zwischen 1.013
                                          Jahrzehnte prekär entlohnt und kein
     und 2.703 Euro.                      Auskommen im Alter? Mit der Grund-
     Eine Beschäftigung zum aktuellen     rente erhalten Geringverdienende in-
     Mindestlohn von 9,60 Euro pro        dividuelle Zuschläge auf ihre knappen
                                          Altersbezüge.
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10   Titelthema                                                        Titelthema            11

      Für Menschen, die mindestens        zialen Ungerechtigkeit auf. Denn
      33 Jahre an Grundrentenzeiten       Einkommen und Vermögen kamen
      vorweisen können, aber trotz der    vorher im Rahmen der – dem Er-
      Zuschläge auf Grundsicherungs-      halt von Grundsicherung vorge-
      leistungen angewiesen sind, hat     lagerten – Bedürftigkeitsprüfung
      der Gesetzgeber Freibeträge für     zum Abzug. Jetzt führt jeder ein-
      die gesetzliche Rente eingeführt.   gezahlte gesetzliche Rentenbei-
      Solche Freibeträge werden dann      trag zu einem Gesamteinkommen
      nicht auf die Grundsicherung an-    oberhalb der Grundsicherungs-
      gerechnet.                          grenze.
      Aus Sicht des SoVD räumen die       Der SoVD wird sich auch weiter-
      Freibeträge mit einer großen so-    hin dafür einsetzen, das Vertrauen
                                          in die gesetzliche Rentenversiche-
                                          rung wieder zu stärken. Denn die-
                                          se ist für viele Menschen die zen-
                                          trale Einkommensquelle im Alter.

                                                        Foto: Ingo Bartussek / Adobe Stock

                                          Der SoVD kämpft für eine sichere Ver-
                                          sorgung im Ruhestand
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12   Sozialpolitik                                                                                                             Sozialpolitik 13

             SoVD kritisiert die verabschiedeten Pflegepläne – Kostensteigerungen auf dem Rücken der Pflegebedürftigen

                         Pflegereform, die den Namen nicht verdient

       Auf den letzten Metern vor der Wahl hat die Koalition für die dringend benötig-
       ten Pflegekräfte doch noch eine Ausgestaltung der Löhne nach Tarif auf den Weg
       gebracht. Zumindest sehen dies die Pläne vor, auf die sich die Bundesminister
       Hubertus Heil (SPD) und Jens Spahn (CDU) letztlich einigen konnten. Der SoVD
       bewertet das Ergebnis als „äußerst enttäuschend“. Von der angekündigten und
       lange versprochenen „Reform“ könne keine Rede mehr sein.

                                                                                                                 Foto: bilderstoeckchen / Adobe Stock

                                                                                                    Pflegekräfte in Altenheimen müssen
                                                                                                    künftig nach Tarif oder tarifähnlich
                                                                                                    bezahlt werden.
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14   Sozialpolitik                                                                                             Sozialpolitik 15

       Greifen sollen die nun im Bundes-
       kabinett beschlossenen Vorhaben,
       die als Änderungsanträge zum
       laufenden Gesetzgebungsverfah-
       ren in die Debatte eingebracht
       wurden, ab September 2022. Al-
       ten- und Pflegeheime sollen ab
       dann nur noch eine Zulassung er-
       halten, wenn sie Tariflöhne oder
       zumindest tarifähnlich bezahlen.
       Damit Tarifverträge über dem re-
       gional üblichen Niveau zustan-
       de kommen, gibt es für Arbeitge-
       ber*innen und Betreiber*innen
       einen zusätzlichen Anreiz: Die
       Pflegekassen sind gehalten, nicht
       tarifgebundenen Arbeitgeber*in-
       nen den in der Region geltenden       tige ab Januar 2022 Zuschläge,
       Durchschnitts-Tariflohn zuzüglich     die den Eigenanteil für die reine
       zehn Prozent zu erstatten.            Pflege senken. Bei den geplanten
       Zur Gegenfinanzierung soll der        Entlastungszuschlägen für Pflege-
       Zuschlag für Kinderlose beim          bedürftige (wie berichteten in der
       Pflegebeitrag um 0,1 Punkte auf       Juni-Ausgabe) gab es zuletzt noch
       künftig 0,35 Prozentpunkte an-        Änderungen: So soll der Eigenan-
       gehoben werden. Damit steigt          teil für die reine Pflege jetzt schon
       der Beitrag für sie von 3,3 auf 3,4   im ersten Jahr im Heim um 5, im
       Prozent des Bruttolohns. Der Bund     zweiten dann um 25, im dritten um
       soll darüber hinaus ab 2022 eine      45 und ab dem vierten Jahr um 70
                                                                                                   Foto: reddragonfly / Adobe Stock
       Milliarde Euro für die Pflegeversi-   Prozent sinken. Zunächst waren
                                                                                     Die bessere Bezahlung von Pflegekräf-
       cherung zuschießen.                   Zuschüsse erst ab dem zweiten           ten war im Koalitionsvertrag verabre-
       Zugleich erhalten Pflegebedürf-       Jahr geplant.                           det worden.
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16   Sozialpolitik                                                                                        Sozialpolitik 17

       Zuschüsse schützen nicht vor stei-   zahlen müssen. Die Zuschüsse         Lohnsteigerungen kalkuliert wür-
       genden Pflegekosten                  schützen sie keineswegs vor stei-    den, nicht die steigenden Kosten
       Ziel der Zuschüsse ist es, Pflege-   genden Pflegekosten insgesamt“,      insgesamt. So begrüßt der SoVD
       bedürftige von steigenden Kosten     betont SoVD-Präsident Adolf          es zwar, dass die Zuschüsse zu-
       zu entlasten. Doch genau dieses      Bauer. Zumal bei den Zuschüssen      mindest im stationären Bereich
       Ziel wird aus Sicht des SoVD weit    allein die auf Basis der Tarifver-   Langzeitpflegebedürftige in den
       verfehlt. „Pflegebedürftige werden   handlungen steigenden Kosten         Heimen erheblich entlasten. „Als
       künftig in jedem Falle mehr Geld     für mehr Personal und überfällige    Teilkostenversicherung mit be-
                                                                                 grenzten Zuschüssen je Pflege-
                                                                                 grad tragen Pflegebedürftige je-
                                                                                 doch weiterhin im Wesentlichen
                                                                                 Kostensteigerungen selbst. Das
                                                                                 bedeutet ein Armutsrisiko.“
                                                                                 Darüber hinaus bemängelt der
                                                                                 SoVD, dass für ambulant Versorgte
                                                                                 und pflegende Angehörige keine
                                                                                 Entlastungen oder Verbesserun-
                                                                                 gen vorgesehen sind.

                                                                                 Heimbewohnende zahlen
                                                                                 auch für Unterkunft und Kost
                                                                                 Die bessere Bezahlung dringend
                                                                                 benötigter Pflegekräfte war er-
                                                                                 klärtes Ziel der Großen Koalition.
                                                                                 In der Altenpflege mit rund 1,2

                                                                                                Foto: haily_copter / Adobe Stock

                                                                                 Für Pflegebedürftige werden die Kos-
                                                                                 ten steigen, kritisiert der SoVD.
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18   Sozialpolitik                                                                                       Sozialpolitik 19

       Millionen Beschäftigten bekommt
       laut Arbeitsministerium derzeit
       nur knapp die Hälfte Tariflohn.
       Auf der anderen Seite steigen die
       selbst zu zahlenden Anteile für
       Pflegebedürftige in Heimen seit
       Jahren. Zuletzt lagen sie bei 2.068
       Euro pro Monat im Bundesschnitt,
       wobei es große regionale Unter-
       schiede gibt.
       Enthalten ist in den Kosten vor
       allem der Eigenanteil für die rei-
       ne Pflege. Denn die Pflegeversi-
       cherung trägt – anders als es bei
       der Krankenversicherung der Fall
       ist – nur einen Teil der Kosten. Für
       Heimbewohner*innen         kommen
       aber auch noch Kosten für Unter-
       kunft und Verpflegung hinzu. Auch
       Investitionen in die Einrichtungen
       werden anteilig auf sie umgelegt.

       Refinanzierung viel zu
       knapp bemessen                         des demografischen Wandels sei
       „Mit einer Pflegereform hat das        die Refinanzierung viel zu knapp
       alles wenig zu tun“, resümiert So-     bemessen. „Und zwar gerade, weil
       VD-Präsident Adolf Bauer. „Es ist      unbedingt zusätzliches Pflegeper-
       nicht mal die viel zitierte Pflege-    sonal benötigt wird. Die Folgen
       reform ‚light‘.“ Angesichts des an-    müssen die Pflegebedürftigen
                                                                                                     Foto: Kzenon / Adobe Stock
       haltenden Pflegepersonalnotstan-       und ihre Angehörigen ausbaden“,
                                                                                  Kosten für Unterkunft und Verpflegung
       des, steigender Pflegekosten und       so der SoVD-Präsident.              bleiben Sache der Heimbewohner*innen.
20   Sozialpolitik                                                                                                              Sozialpolitik 21

             Weg von der Fürsorge, hin zur Teilhabe: Sozialleistungen für Menschen mit Behinderungen noch mit Defiziten

                        20 Jahre SGB IX – mehr Selbstbestimmung?

       Es ist Zeit für eine Bilanz. Am 1. Juli 2001, vor 20 Jahren, trat das Neunte Buch
       Sozialgesetzbuch (SGB IX) in Kraft. Es fasste das Verfahrensrecht für Rehabilitati-
       on zusammen, regelt nun, wie Menschen mit Behinderungen an ihre Leistungen
                                                                                                               Foto: Andi Weiland / Gesellschaftsbilder
       kommen und die Träger sich abstimmen müssen. Auch sollte es für einen Perspek-
                                                                                                     Echte Teilhabe für Menschen mit Be-
       tivwechsel sorgen: von der Fürsorge zur Teilhabe. Dieses Ziel verfolgten später               hinderungen heißt auch Inklusion am
       auch Reformgesetze. Ist das gelungen? Nur zum Teil, meint der SoVD.                           ersten Arbeitsmarkt.
22   Sozialpolitik                                                                                           Sozialpolitik 23

                                                                                 (BTHG) wurde das SGB IX erstmals
                                                                                 auch Leistungsrecht, statt nur Ab-
                                                                                 läufe und Verfahren zu regeln. In
                                                                                 vier Stufen von 2017 bis 2023
                                                                                 strukturierte es das Gesetzbuch
                                                                                 um und fasste es neu.
                                                                                 Das BTHG schärfte die Zusam-
                                                                                 menarbeit und Transparenz im
                                                                                 Reha-Prozess und machte Vorga-
                                                                                 ben zur Bedarfsermittlung. 2020
                                                                                 löste es die Eingliederungshilfe
                                                                                 aus der Sozialhilfe des SGB XII
                                                                                 und fügte sie ins SGB IX ein. Der
                                                                                 SoVD kritisiert aber, dass hier die
       Sozialpolitisch sollte es dazu füh-   Arbeitsleben geht es darum, die     Einkommens- und Vermögensan-
       ren, dass Menschen mit Behinde-       Eingliederung am Jobmarkt zu för-   rechnung weiter besteht und ein
       rungen selbstbestimmt leben und       dern und passende Arbeitsplätze     Kostenvorbehalt das Wunsch- und
       umfassend an der Gesellschaft         zu schaffen.                        Wahlrecht begrenzt.
       teilhaben können. Die neuen Ver-      Das SGB IX stärkte Schwerbehin-     Auch im gerade erst beschlos-
       fahrensregeln sollten Gleichbe-       dertenvertretungen in Betrieben,    senen     Teilhabestärkungsgesetz
       rechtigung fördern und Benach-        ebenso die Integrationsämter. In    (TSG) betrifft vieles das SGB IX. Ei-
       teiligung bekämpfen. Das SGB IX       diesen und vielen beratenden        nige Änderungen sieht der SoVD
       setzte das Benachteiligungsver-       Gremien ist der SoVD vertreten.     durchaus positiv. Das gilt etwa für
       bot aus Artikel 3 des Grundgeset-     Bis heute begleiten Verbände die    das ausgeweitete Budget für Aus-
       zes um, der erst 1994 um „Behin-      Gesetzgebung. Zur vollen Teilhabe   bildung und die Ausgestaltung
       derung“ erweitert worden war.         und Selbstbestimmung ist es noch
       Darum erhalten schwerbehinder-        ein Weg.
       te Menschen zusätzlich zu allge-
                                                                                             Foto: Andi Weiland / Gesellschafsbilder
       meinen Leistungen besondere           Bundesteilhabegesetz und
                                                                                 Das SGB IX regelt Hilfen für die beruf-
       Hilfen, um Nachteile und Mehr-        Teilhabestärkungsgesetz             liche Integation von Menschen mit Be-
       aufwendungen auszugleichen. Im        Mit dem Bundesteilhabegesetz        hinderung.
24   Sozialpolitik                                                                                              Sozialpolitik 25

       des leistungsberechtigten Perso-                                                    der Arbeitgeber, schwerbehin-
       nenkreises in der Eingliederungs-                                                   derte Menschen zu beschäftigen
       hilfe. Doch beim neu eingeführten                                                   – hierfür dauerhaft zusätzliche
       Gewaltschutz, an sich zu begrüßen,                                                  Informationsangebote zu finan-
       sind dringend Konkretisierungen                                                     zieren, erscheint kaum einsichtig“,
       nötig.                                                                              sagte SoVD-Präsident Adolf Bauer.
       Auch sonst sieht der SoVD noch                                                      Zudem soll die Finanzierung aus
       Nachbesserungsbedarf.       Gerade                                                  der Ausgleichsabgabe der Betrie-
       im Bereich Arbeit bleibt das Ge-                                                    be kommen. Künftig könnte also
       setz vieles schuldig. Die Zahl der                                                  noch weniger Geld da sein für För-
       Betriebe mit null Prozent schwer-                                                   derprojekte. „Die unterlassene Er-
       behinderten Angestellten nimmt                                                      höhung der Ausgleichsabgabe ist
       nicht ab, sondern seit Jahren kon-                                                  umso bitterer für die Betroffenen“,
       tinuierlich zu.                                                                     so Bauer.
       Statt dafür zu sorgen, dass Unter-                                                  Da der Gesetzgeber der SoVD-Kri-
       nehmen die Beschäftigungsquo-                                                       tik nicht folgte, geht es nun um die
       ten erfüllen, schuf das TSG „Ein-                                                   Umsetzung in den Bundesländern.
       heitliche Ansprechstellen“.                                                         Die Landesverbände sollten da-
                                                                                           für eintreten, dass wenigstens die
       Einheitliche Ansprechstellen sto-                                                   Integrationsfachdienste den Zu-
       ßen auf SoVD-Kritik                                                                 schlag erhalten. Sie haben Erfah-
       Sie sollen Arbeitgeber beim Aus-                                                    rung und eine „Scharnierfunktion“
       bilden, Einstellen und Beschäfti-                                                   zwischen Unternehmen und Be-
       gen schwerbehinderter Menschen                                                      schäftigten. Der SoVD gehört den
       beraten und unterstützen. Offen                                                     Beiräten der Integrationsämter an,
       ist, wer die Aufgabe vor Ort über-                                                  die über die Vergabe entscheiden.
       nimmt. Genannt sind sowohl die                                                      „Begleiten wir die neuen Entwick-
                                                             Foto: Firma V / Adobe Stock
       Integrationsfachdienste als auch                                                    lungen weiter kritisch-aufmerk-
                                            Der SoVD fordert eine höhere Aus-
       „andere geeignete Träger“.           gleichsabgabe für Unternehmen, die
                                                                                           sam!“, rief der SoVD-Präsident auf.
       Der SoVD sieht das kritisch. „Es     keine Menschen mit Behinderung ein-
       gibt bereits eine Gesetzespflicht    stellen.
26   Aus dem Verband                                                                                                        Aus dem Verband                   27

                                 Versicherungszeiten werden nicht gelöscht: SoVD-Mitglied mit beispielhaftem Fall

                                              Sieg vor Bundessozialgericht

      Ein SoVD-Mitglied übernahm für mehrere Jahre die Pflege seines Sohnes mit Be-
      hinderung. Vor Gericht ging es um die Frage nach der Rechtmäßigkeit der daraus
      entstandenen Rentenansprüche. Es urteilte wie bereits die Vorinstanzen – für das
      SoVD-Mitglied.

      Konkret ging es in dem Fall um
      Pflege in den Jahren 1995 bis
      2006 für den 1987 geborenen
      Sohn. Das Mitglied stellte 1996
      bei der Pflegeversicherung des
      Sohnes einen Antrag auf Versiche-
      rungspflicht als nicht erwerbsmä-
      ßig tätige Pflegeperson. Die Pfle-
      gekasse übermittelte daraufhin
                                                                                                                          Foto: benjaminnolte / Adobe Stock
      Entgelte für die Pflegetätigkeit
                                                                                                            Aus der Pflege von Angehörigen mit Be-
      an die Rentenversicherung des                                                                         hinderung können sich Rentenansprüche
      SoVD-Mitgliedes.                                                                                      ergeben.
28   Aus dem Verband                                                                             Aus dem Verband                  29

      Nach einer (vom Mitglied ver-          angeordnete Fiktion gilt auch für
      anlassten) Überprüfung des Ver-        von der Pflegekasse zu Unrecht
      sicherungsverlaufes stellte die        entrichtete Pflichtbeiträge zur
      Pflegekasse fest, die Beiträge zu      Rentenversicherung wegen nicht
      Unrecht gezahlt zu haben. Es habe      erwerbsmäßiger Pflege (BSG, Az.:
      keine Rentenversicherungspflicht       B 5 RE 5 / 20 R).
      bestanden, da die wöchentliche
      Pflegezeit weniger als 14 Stunden
      betrug. Die Zeiten sollten aus dem
      Versicherungsverlauf       gelöscht
      werden.
      Dagegen erhob das SoVD-Mit-
      glied Widerspruch. Es argumen-
      tierte, dass es auf die bestehende
      Versicherungspflicht vertraut und
      dementsprechende Entscheidun-
      gen zur Altersvorsorge getroffen
      habe. Mehrfach über die elf Jahre
      der Pflegetätigkeit hatte es Be-
      scheide und Renteninformatio-
      nen der Pflegekasse zugeschickt
      bekommen. Eine Rückabwicklung
      nach so langer Zeit verstoße ge-
      gen den Vertrauensschutz.
      Wie schon das Sozialgericht und
      das Landessozialgericht folgte
      in der mündlichen Verhandlung
      auch das Bundessozialgericht die-
                                                                                                     Foto: mjowra / Adobe Stock
      ser Auffassung. Die Beiträge gel-
                                                                                 Das Gericht bestätigte die Rechtsauffas-
      ten gemäß § 26 Abs 1 Satz 3 SGB                                            sung des SoVD-Mitglieds, das so seine
      IV als zu Recht entrichtet. Die dort                                       Rentenansprüche behalten konnte.
30   Sozialpolitik                                                                                                                   Sozialpolitik 31

                                    Kinder und Jugendliche verpassen im Lockdown wichtige Entwicklungsschritte

                                      Stubenhocker statt Weltentdecker

       Kitas, Schulen und Sportvereine blieben geschlossen,
       Kontakt zu Gleichaltrigen gab es allenfalls virtuell.
       Der Mangel an Austausch und Bewegung infolge der
       Corona-Pandemie zeigt bei Kindern und Jugendli-
       chen deutliche Folgen: Sie leiden vermehrt unter
       Angstzuständen und Depressionen. Kinder- und Ju-
       gendärzt*innen fordern daher die schnelle Rückkehr
       in ein normales soziales Leben.

                                                                                                                       Foto: 24K-Produktions / Adobe Stock

                                                                                                           Kinder lernen im sozialen Kontakt
                                                                                                           untereinander, Beziehungen aufzu-
                                                                                                           bauen und sich zu behaupten. Was
                                                                                                           bedeutet der durch das Coronavirus
                                                                                                           erzwungene „Stubenarrest“ für ihre
                                                                                                           Entwicklung?
32   Sozialpolitik                                                                                         Sozialpolitik 33

       War die pauschale Schließung von      zeitig hin. Schon zu Beginn der
       Schulen und Kitas in der ersten       Pandemie forderte Bundesfrau-
       Phase der Pandemie noch nach-         ensprecherin Jutta König, Familien
       vollziehbar, mehrt sich nun die       eine Perspektive zu bieten. Nach
       Kritik am politischen Vorgehen.       anderthalb Jahren „Zwangspau-
       Der Berufsverband der Kinder-         se“ brauchen Kinder und Jugend-
       und Jugendärzte (BVKJ) etwa warf      liche diese sowohl in der Schule
       der Bundesregierung vor, Kinder       als auch im Freizeitbereich umso
       und Jugendliche massiv vernach-       mehr.
       lässigt zu haben. Selbst Bundes-
       bildungsministerin Anja Karliczek
       (CDU) erklärte kürzlich, die Lage
       der jungen Generation stehe im-
       mer noch viel zu wenig im Mittel-
       punkt der Diskussion.
       Wie sehr die Maßnahmen zur Ein-
       dämmung des Coronavirus Kinder
       und Heranwachsende belasten,
       merken zunehmend auch die psy-
       chiatrischen Einrichtungen. War
       der Bedarf an Therapie schon vor
       der Krise hoch, ist eine stationäre
       Behandlung mittlerweile nur noch
       in Extremfällen möglich, etwa bei
       einer Suizidgefahr. Immer häufiger
       leiden Kinder und Jugendliche da-
       bei unter Ängsten, Zwängen oder
       Essstörungen.
       Auf zu befürchtende Probleme bei
                                                                                                  Foto: pridannikov / Adobe Stock‚
       der Entwicklung von Kindern und
                                                                                  Freizeitangebote und Aktivitäten bra-
       Jugendlichen wies der SoVD früh-                                           chen in der Pandemie weg.
34   Sozialpolitik                                                                                                                      Sozialpolitik 35

                                       Interview mit Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Prof. Dr. Julia Asbrand

                                     „Zu wenig auf die Kinder geachtet“

                                                                                                                       Prof. Dr. Julia Asbrand

       Prof. Dr. Julia Asbrand ist Professorin für klinische Kinder- und Jugendlichenpsy-
       chologie und Psychotherapie. Bei ihren Forschungen beschäftigt sich die Wis-
       senschaftlerin vor allem mit Angststörungen. Zudem ist sie in der Lehre tätig
       und bildet an der Humboldt-Universität zu Berlin Studierende in klinischer Kin-
       derpsychologie aus. Seit Juni leitet Prof. Dr. Asbrand zudem eine neu geschaffene
       Spezialambulanz für Kinder, Jugendliche und Familien. Wir sprachen mit der Kin-                                          Foto: Ricochet64 / Adobe Stock

       der- und Jugendpsychotherapeutin über die Auswirkungen der Corona-Pandemie                              Bei Kindern und Jugendlichen gibt es in
       auf Kinder und Jugendliche.                                                                             der Corona-Krise einen deutlich erhöh-
                                                                                                               ten psychologischen Beratungsbedarf.
36   Sozialpolitik                                                                                                                                          Sozialpolitik 37

                                                                                                                                                 Foto: Maria Sbytova / Adobe Stock

       ___Was war der Anlass, eine Spe-                                                                                           der Debatte zu sehr um Bildungs-
       zialambulanz für Kinder, Jugendli-                                                                                         defizite ging. Darüber, dass Kinder
       che und Familien zu gründen?                                                                                               und Jugendliche in der Schule auch
       Zum einen verbinden wir damit die                                                                                          sozio-emotionale Erfahrungen ma-
       bei uns betriebene Lehre und For-                                                                                          chen, die ein ganz entscheidender
       schung mit der Therapie. Zum ande-                                                                                         Teil ihrer persönlichen Entwick-
       ren hat das aber natürlich auch mit                                                                                        lung sind, haben wir seit Beginn der
       dem Bedarf zu tun. Erwachsene war-                                                                                         Pandemie dagegen zu wenig ge-
       ten in Deutschland durchschnittlich                                                                                        sprochen. Jetzt wird überlegt, Lern-
       vier Monate auf einen ambulanten                                                                                           rückstände in den Sommerferien
       Psychotherapieplatz, bei Kindern                                                                                           aufzuholen. Bevor wir von Kindern
       dauert es oft noch länger.                                                                                                 sofort die nächste Leistung einfor-
                                                                                                                                  dern, würde ich erst einmal fragen,
       ___Hat sich dieses Problem durch                                                                                           wie es ihnen überhaupt geht.
       die Pandemie zusätzlich ver-
       schärft?                                                                                                                   ___Was den Stress infolge der Co-
       Für diesen Zeitraum liegen noch                                                                                            rona-Krise angeht, würden wohl
       keine Studien vor. Aber es gibt einen                                                                                      auch Erwachsene diese Herange-
       deutlichen Anstieg an Nachfragen        lastbare Daten. Ein Risikofaktor kann      an Rückzugsmöglichkeiten. Es gibt ei-   hensweise begrüßen.
       für Therapien und Erstgespräche         eine frühere psychische Störung sein.      gentlich nie diesen einen Faktor, der   Ich fände es generell großartig,
       bei niedergelassenen Kolleginnen        Wer das System schon einmal kennen-        alles erklärt. Aber umso mehr Dinge     wenn wir das Thema psychische Ge-
       und Kollegen sowie in Kliniken. Die     gelernt hat, weiß allerdings auch, wen     zusammenkommen, desto höher ist         sundheit insgesamt mehr im Blick
       Praxen sind also voll. Darunter sind    man ansprechen kann und wo man             das Risiko, dass sich eine psychische   hätten. Die Grundvoraussetzung für
       auch Kinder und Jugendliche, die        Hilfe bekommt. Gerade fehlendes Wis-       Störung entwickelt.                     Erfolg ist ja, dass es uns gut geht.
       vorher schon einmal in Behandlung       sen ist oft eine Hürde zur Aufnahme                                                Da sind wir wieder bei der Leistung.
       waren und nun wiederkommen, es          einer Psychotherapie.                      ___Haben wir Jugendliche und Kin-       Meiner Meinung nach unterschät-
       gibt aber auch viele Neuanfragen.       Bei anderen Faktoren muss man eben-        der während der Pandemie vernach-       zen wir oft, wie wichtig es eigent-
                                               falls differenzieren. So können finanzi-   lässigt?                                lich für das Funktionieren unserer
       ___Sind bestimmte Gruppen hier-         elle Sorgen innerhalb der Familie zu       Ich würde sagen, wir haben auf jeden    Gesellschaft ist, dass es Menschen
       von besonders betroffen?                Konflikten führen. Lebt man in einer       Fall zu wenig auf sie geachtet. Mich    langfristig nicht nur körperlich, son-
       Auch hier fehlen uns leider noch be-    kleinen Wohnung, fehlt es zusätzlich       persönlich hat gestört, dass es bei     dern eben auch psychisch gut geht.
38   Sozialpolitik                            Sozialpolitik 39

                     ___Seelische Erkrankungen sind
                     doch aber immer noch ein Ta-
                     buthema, oder?
                     Da hat sich schon viel gewandelt
                     und ich bin eigentlich recht optimis-
                     tisch. Angesichts einer steigenden
                     Zahl von psychischen Erkrankungen
                     wird oft gefragt, woran das liegt. Ich
                     glaube, ein entscheidender Punkt
                     ist einfach, dass wir aufmerksamer
                     geworden sind. Es gibt mittlerweile
                     auch in diesem Bereich ein höheres
                     Bewusstsein dafür, sich im Zwei-
                     felsfall Hilfe zu holen. Aber an vie-
                     len Stellen herrscht leider trotzdem
                     noch die Idee vor, eine psychische
                     Erkrankung habe etwas mit Schwä-
                     che zu tun und man müsse sich qua-
                     si einfach mal zusammenreißen. Auf
                     so eine Idee würde jemand, der zum
                     Beispiel an Diabetes erkrankt ist, nie
                     kommen.

                                      Foto: New Africa / Adobe Stock

                     Auf die Belange von Kindern wurde in
                     der Pandemie zu wenig Rücksicht ge-
                     nommen, sagt die Kinderpschychothe-
                     rapeutin Julia Asbrand.
40   Sozialpolitik                                                                                                                                                   Sozialpolitik 41

                                                                         Beratungsstellen helfen weiter

                                                            Auswege aus der Krise
       Unter der Corona-Pandemie leiden Kinder und Jugend-                                                                                      de ins Gespräch kommen. Im Hin-
       liche besonders. Kontaktverluste und Perspektivlosig-                                                                                    tergrund wirken hauptamtliche
       keit führen laut Expert*innen immer häufiger zu psychi-                                                                                  Fachkräfte mit. Die Kontaktaufnah-
       schen Problemen – bis hin zu Selbsttötungsgedanken.                                                                                      me erfolgt anonym über die Web-
       Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nahmen                                                                                        seite.
       sich im Jahr 2019 insgesamt 22 Kinder im Alter zwi-                                                                                        Die Beratung unter www.
       schen 10 und 15 Jahren in Deutschland das Leben. Im                                                                                      nethelp4u.de funktioniert nach dem
       Vergleich zu Erwachsenen ist diese Zahl zwar deutlich                                                                                    gleichen Prinzip. Über einen Link
       geringer, aber kaum weniger erschreckend. Das Deut-                                                                                      geht es von dort direkt und anonym
       sche Ärzteblatt wies 2017 auf Untersuchungen hin,                                                                                        zu einer sicheren E-Mail-Plattform.
       nach denen über ein Drittel der Schüler*innen bereits                                                                                      Ein offenes Ohr für Menschen
       einmal Suizidgedanken hatten. Bis zu neun Prozent von                                                                                    jeden Alters hat die Telefonseel-
       ihnen berichteten sogar von einem konkreten Selbsttö-                                                                                    sorge. Die ehrenamtlichen Mitar-
       tungsversuch.                                                                                                                            beiter*innen dort sind unter Tel.:
                                                                                                                                                0800 / 11 10 111 erreichbar.
                                                                                                                                                  Wer nicht älter als 19 Jah-
                                                                                                                                                re ist, kann die Internetseite
                                                                                                                                                www.jugendnotmail.de besuchen.
       Mit Sorgen und Nöten                         raten lassen.                                                                               Dort beraten Psycholog*innen und
       nicht allein bleiben                           Unter www.krisenchat.de ist rund                                                          Sozialpädagog*innen zu diversen
       Wenn Kinder und Jugendliche Hil-             um die Uhr eine professionelle Be-                                                          Themen.
       ferufe senden, sollten Eltern zu-            ratung erreichbar. Kommuniziert                                                               Wer einer anderen Person hel-
       nächst das Gespräch suchen, im               wird über den Nachrichtendienst                                                             fen möchte, kann sich unter
       Zweifelsfall aber ärztlichen Rat             WhatsApp.                                                                                   www.dubistmirwichtig.de Tipps ho-
                                                                                                        Foto: Valerii Honcharuk / Adobe Stock
       einholen. Doch auch die jungen                 Mit Gleichaltrigen kann man da-                                                           len, wie man dabei am besten vor-
                                                                                             Bei dunklen Gedanken gibt es viele
       Menschen selbst können sich be-              gegen unter www.u25-deutschland.         Hilfsangebote.
                                                                                                                                                geht.
42   Sozialpolitik                                                                                                             Sozialpolitik 43

                             Haushalte an der Armutsgrenze zahlen fast die Hälfte des Einkommens für Warmmiete

                            Mieten in Großstädten belasten Ärmere

        Nicht erst die Debatten um den gekippten Berliner „Mietendeckel“ und die                       In deutschen Großstädten bleibt
        bundesweite „Mietpreisbremse“ haben vor Augen geführt, dass die Wohn-                          die Lage für Mieter*innen ange-
        kosten immer mehr zur sozialen Frage werden. Eine neue Studie zeigt jetzt                      spannt. Nach einer Studie der
        auf, dass arme Menschen in deutschen Großstädten einen großen Teil ihres                       Hans-Böckler-Stiftung muss na-
        Einkommens für die Miete aufbringen müssen.                                                    hezu die Hälfte der rund 8,4 Mil-
                                                                                                       lionen Haushalte, die in Deutsch-
                                                                                                       lands Großstädten zur Miete
                                                                                                       wohnen, mehr als 30 Prozent ihres
                                                                                                       Nettoeinkommens für die Warm-
                                                                                                       miete ihrer Wohnung ausgeben.
                                                                                                       Dies sind mehr als 4 Millionen
                                                                                                       Haushalte, in denen insgesamt 6,5
                                                                                                       Millionen Menschen leben. Unter-
                                                                                                       stützende Maßnahmen wie Wohn-
                                                                                                       geldbezug und Sozialtransfers
                                                                                                       sind dabei schon eingerechnet.
                                                                                                       Weitere Kosten, beispielsweise für
                                                                                                       Strom, Telefon- und Internetan-

                                                                                                                           Foto: James Qube /pixabay

                                                                                                       Das Leben in der Großstadt zieht
                                                                                                       viele an. Doch mit niedrigem Einkom-
                                                                                                       men wird es immer schwerer, eine Blei-
                                                                                                       be zu bezahlen.
44   Sozialpolitik                                                                                      Sozialpolitik 45

       schluss sind dagegen noch nicht      ter ausgestatteten Wohnungen        Wohnungsbau allein löst
       eingespreist und belasten die        nutzen, müssen Mieter*innen mit     das Problem nicht
       Haushalte zusätzlich.                geringen Einkommen einen über-      Nach Ansicht der Wissenschaft-
                                            durchschnittlichen Anteil davon     ler*innen der Humboldt-Universi-
       Problematische Quote wird            für die Bruttowarmmiete aufwen-     tät rund um den Soziologen Andrej
       häufig überschritten                 den. Haushalte an der Armutsgren-   Holm ist Neubau allein nicht die
       Mehr als ein Viertel der Haushalte   ze müssen in den Großstädten 46     Lösung für das Problem mangeln-
       in den 77 deutschen Großstädten      Prozent ihres Einkommens für die    den Wohnraums in Städten. Ne-
       muss mindestens 40 Prozent sei-      Miete ausgeben. Miethaushalte       ben einer Verstärkung des sozi-
       nes Einkommens für Warmmie-          mit einem hohen Einkommen von       alen Wohnungsbaus sei es nötig,
       te und Nebenkosten aufwenden,        mehr als 140 Prozent des Medians    Instrumente zu entwickeln und zu
       knapp 12 Prozent oder fast eine      zahlen dagegen nicht einmal ein     nutzen, die dafür sorgen, dass be-
       Million Haushalte sogar mehr als     Fünftel ihres Einkommens für die    stehende Mieten nicht zu schnell
       die Hälfte. Zu den Großstädten       Warmmiete.                          steigen. Wichtig sei es auch, durch
       zählen dabei alle Städte mit mehr                                        höhere Löhne das Haushaltsein-
       als 100.000 Einwohner*innen.                                             kommen der Mieter*innen zu stei-
       Eine Belastungsquote von mehr                                            gern.
       als 30 Prozent des Haushaltsein-
       kommens sehen Sozialwissen-
       schaftler*innen und Immobili-
       enexpert*innen besonders bei
       Menschen mit niedrigem Ein-
       kommen als problematisch an, da
       dann nur noch wenig Geld für die
       sonstige Lebensführung und ge-
       sellschaftliche Teilhabe bleibt.
       Für ärmere Haushalte ist die Mie-
       te ein besonders großes finanziel-
       les Problem. Obwohl sie im Schnitt
                                                                                                   Foto: Kadir Celeb /unsplash
       spürbar weniger Wohnraum und
                                                                                Ärmere Haushalte geben bis zur Hälfte
       diesen in älteren und schlech-                                           ihres Einkommens für die Miete aus.
46   Kinder- Jugendseite                                                                                                                            Kinder- Jugendseite                    47

                                                                                    Voll durchgeblickt

                     Kann eine Steuer den Klimawandel stoppen?

       Wer einfach nicht „auf einen grünen Zweig kommt“, dem ist in seinem Leben we-
       Um Erfolg
       der unser noch
                   KlimaGlück
                          zu schützen,  müssen
                              beschieden.         wir unser
                                            Hinweise        Verhalten
                                                      auf diese       ändern. finden
                                                                Redewendung    Schrittsich
                                                                                       für        Die meisten Autos fahren mit Ben-     stoffe schrittweise teurer werden.
       Schritt soll
       bereits      daher
               in der      über
                      Bibel.    dieauch
                             Doch    nächsten  Jahreeines
                                        beim Kauf    etwaGrundstückes
                                                           das Autofahren teurer
                                                                       spielte einwerden.
                                                                                   grüner         zin oder Diesel. Bei der Verbren-     Einigen Politiker*innen dauert das
       Eine hierfür
       Zweig  früher vorgesehene
                     eine nicht ganzSteuer ist jedoch
                                      unerhebliche     zwischen den politischen Parteien
                                                    Rolle.                                        nung dieser Kraftstoffe entsteht      jedoch zu lange. Sie sagen, um den
       umstritten: Während die einen sie für sozial ungerecht halten, sehen die anderen           das Gas Kohlenstoffdioxid (CO2).      Klimawandel aufzuhalten, müssen
       darin die letzte Chance, den Klimawandel doch noch aufhalten zu können.                    Das gilt auch für viele Wohnungen,    wir so schnell wie möglich damit
                                                                                                  die mit Öl oder Gas beheizt wer-      aufhören, Öl oder Gas zu verbren-
                                                                                                  den. In den letzten Jahrzehnten ist   nen. Sie fordern daher eine höhere
                                                                                                  auf diese Weise immer mehr CO2        CO2-Steuer. Menschen mit einem
                                                                                                  entstanden. Das wiederum führ-        geringen Einkommen sollen dabei
                                                                                                  te weltweit zu einem Anstieg der      eine Unterstützung erhalten. Da
                                                                                                  Durchschnittstemperatur. Diese        in wenigen Monaten eine Bundes-
                                                                                                  Erderwärmung bezeichnet man           tagswahl stattfindet, wird dieses
                                                                                                  auch als Klimawandel.                 Thema wohl eine wichtige Rolle
                                                                                                  Wer CO2 verursacht, muss daher        spielen.
                                                                                                  seit Beginn dieses Jahres hierfür
                                                                                                  zusätzlich Steuern bezahlen. Da-
                                                                                                  durch wurden Benzin und Diesel
                                                                                                  teurer. Damit wollen die politisch
                                                                                                  Verantwortlichen erreichen, dass
                                                                                                  mehr Menschen auf klimafreund-
                                                                                                  liche Energien umsteigen. Dafür
                                                                                                                                                      Foto: Daniel Jędzura / Adobe Stock
                                                                                                  müssten die sich dann aber zum
                                                                                                                                        Autos, die mit Benzin oder Diesel fah-
                                                                                                  Beispiel ein neues Auto kaufen.       ren, schaden dem Klima. Sollten diese
                                                                                                  Weil hierfür aber nicht jede*r auch   Kraftstoffe also schneller als geplant
                                                                                                  genügend Geld hat, sollen Kraft-      teurer werden?
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Das Online-Magazin erscheint monatlich in Ergänzung zur Mitglie-
derzeitung „Soziales im Blick“. Gelesen werden kann es online un-
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Redaktion: Veronica Sina (verantwortlich), Joachim Schöne, Brigitte Grahl, Sebastian
Triesch, Denny Brückner, Eva Lebenheim.
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