Masterarbeit Zuspiel-Antizipationsfähigkeit von Trainern und

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Masterarbeit Zuspiel-Antizipationsfähigkeit von Trainern und
Zuspiel-Antizipationsfähigkeit von Trainern und
Spielerinnen im österreichischen Damenspitzenvolleyball

                           Masterarbeit

                zur Erlangung des akademischen Grades
                        Master of Science

                 an der Karl-Franzens-Universität Graz

                             vorgelegt von

                        Stephanie WIESMEYR

     am Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit

         Begutachter: Univ.-Prof. Mag. Dr.rer.nat., Markus, TILP

                               Graz, 2021
Masterarbeit Zuspiel-Antizipationsfähigkeit von Trainern und
Erklärung

       Ich erkläre ehrenwörtlich, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig und ohne

fremde Hilfe verfasst, andere als die angegebenen Quellen nicht benutzt und die den

Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht

habe. Die Arbeit wurde bisher in gleicher oder ähnlicher Form keiner anderen

inländischen oder ausländischen Prüfungsbehörde vorgelegt und auch noch nicht

veröffentlicht. Die vorliegende Fassung entspricht der eingereichten elektronischen

Version.

Graz, am _________________                 ___________________________________

                                                          (Unterschrift)
Masterarbeit Zuspiel-Antizipationsfähigkeit von Trainern und
Vorwort

       Diese Masterarbeit entstand im Rahmen meines Sportwissenschaftsstudiums an

der Karl-Franzens-Universität in Graz. Ich spiele selber in der höchsten österreichischen

Damenliga Volleyball und so weckte dieses Thema Interesse in mir. Ein großes

Dankeschön geht an Univ.-Prof. Mag. Dr. rer. nat. Markus Tilp und Mag. rer. nat Norbert

Schrapf für die Ermöglichung dieser Masterarbeit und die sehr gute Betreuung, während

dieser Arbeit. Ich möchte mich außerordentlich bei meinen Eltern und bei meinem

Freund Michael für die Unterstützung und das Verständnis während des gesamten

Studiums bedanken. Weiterer Dank gebührt meiner gesamten Familie und meinen

Freunden und Freundinnen.

       An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass in dieser Masterarbeit keine

geschlechtergetrennten Formulierungen zu finden sind. Da der Damenvolleyball im

Fokus steht, wird in weiterer Folge ausschließlich die weibliche Form verwendet, um den

Lesefluss nicht zu stören.

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Masterarbeit Zuspiel-Antizipationsfähigkeit von Trainern und
Kurzfassung

       Aktionen von Spielern vorab zu erkennen kann in Sportspielen wie Volleyball

entscheidend für den Spielerfolg sein. Studien zeigen, dass es Unterschiede in der

Antizipationsleistung zwischen Novizinnen und Expertinnen gibt. Ob es diesbezüglich

Unterschiede hinsichtlich der verschiedenen Spielerpositionen gibt, ist in der

Wissenschaft nicht gänzlich geklärt. Ziel dieser Masterarbeit ist es deshalb

herauszufinden, ob es Unterschiede in der Antizipationsfähigkeit der Zuspielrichtung

(ZR)   und   der   Zuspielgeschwindigkeit     (ZG)    zwischen   den   unterschiedlichen

Spielerpositionen (Zuspielerin, Mittelblockerin, Außenangreiferin) und Trainern im

österreichischen   Damenspitzenvolleyball     gibt.    Für   diese   Arbeit     wurde   die

Antizipationsfähigkeit von acht Personen untersucht. Es nahmen jeweils zwei

Mittelblockerinnen,   Zuspielerinnen    und     Außenangreiferinnen       der     höchsten

österreichischen Damenvolleyballliga teil. Zusätzlich wurden zwei erfahrene Trainer für

die Studie ausgewählt. Die Probandinnen mussten das Verhalten einer Zuspielerin in 72

Spielszenen vorhersagen, bei denen das Video zwei Bilder vor der Ballberührung der

angehalten wurde. Anschließend mussten die Probandinnen bestimmen, auf welche

Position das Zuspiel gespielt werden wird und mit welcher Geschwindigkeit dies erfolgen

wird. Zwischen den Gruppen konnte in Bezug auf die Zuspielrichtung (p=0.119) und die

Zuspielgeschwindigkeit (p=0.604) keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden.

Die Zuspielerinnen waren sowohl bei der Vorhersage der Zuspielrichtung und

Zuspielgeschwindigkeit mit 68% und 74.5% richtigen Vorhersagen die beste Gruppe. Die

Mittelblockerinnen waren mit 56% und 50% die schlechteste Gruppe.

       Schlüsselwörter: Antizipationsfähigkeit, Sport, Volleyball, Zuspielerinnen

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Masterarbeit Zuspiel-Antizipationsfähigkeit von Trainern und
Inhaltsverzeichnis

VORWORT ........................................................................................................ 3
KURZFASSUNG .................................................................................................. 4
1      EINLEITUNG ............................................................................................... 6
1.1   Das Sportspiel Volleyball ........................................................................ 6
1.1.1   Geschichtliche Entwicklung ................................................................ 8
1.1.2   Österreichischer Volleyball Verband .................................................. 9
1.1.3   Techniken .......................................................................................... 9
1.1.4   Taktiken im Volleyball ...................................................................... 15
1.2       Expertise im Sport................................................................................ 24
2      METHODE................................................................................................ 36
3      ERGEBNISSE ............................................................................................ 39
4      DISKUSSION ............................................................................................ 41
5      LITERATURVERZEICHNIS.......................................................................... 50
6      ABBILDUNGSVERZEICHNIS ...................................................................... 56
7      TABELLENVERZEICHNIS ........................................................................... 56

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Masterarbeit Zuspiel-Antizipationsfähigkeit von Trainern und
1   Einleitung

1.1 Das Sportspiel Volleyball

       Volleyball ist ein Mannschaftssport, bei dem 6 gegen 6 gespielt wird. Zwei

Mannschaften stehen sich getrennt durch ein Netz gegenüber. Der Ball wird durch ein

Service ins Spiel gebracht. Jedes Team darf den Ball maximal dreimal berühren, dann

muss der Ball das Netz überqueren. Als Ausnahme gilt der Block, dieser zählt nicht als

Berührung. Ein Block ist jene Aktion, bei der, durch das über die Netzkante reichen der

Arme versucht wird den gegnerischen Angriff abzuwehren. Nach einer Blockberührung

darf im eigenen Team noch dreimal gespielt werden. Das Ziel ist es, dass der Ball, auf

den Boden des gegnerischen Teams fällt oder einen Fehler der Gegnerinnen zu

erzwingen (Reichelt, 2004).

       Das Rally-Point-System wird als Zählweise im Volleyball seit 1999 verwendet.

Rally kann im Deutschen als Ballwechsel übersetzt werden. Ein Ballwechsel beginnt mit

dem Service und dauert so lange an, bis der Ball aus dem Spiel ist. Nach jedem

Ballwechsel bekommt das Team, welches den Ballwechsel für sich entscheiden konnte,

einen Punkt. Das Servicerecht hat immer das Team, welches den letzten Punkt gemacht

hat. Es wird auf drei gewonnene Sätze bis 25 Punkte, mit zwei Punkten Unterschied

gespielt. Ein Satz kann nur beendet werden, wenn eine Punktedifferenz von mindestens

zwei Punkten vorliegt. Wenn es 2:2 in Sätzen steht, muss ein Entscheidungssatz bis 15

Punkte gespielt werden (FIVB, 2016, p. 22).

       Das gesamte Spielfeld ist 9 x 18 m groß. Es wird durch ein Netz geteilt und eine

Spielhälfte ist 9 x 9 m. Diese Spielhälfte wird in ein Vorderfeld und Hinterfeld unterteilt.

Die Netzhöhe beträgt bei den Damen 2,24 m und bei den Herren 2,43 m. Im Volleyball

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werden die Positionen der sechs Spielerinnen auf dem Spielfeld entgegen dem

Uhrzeigersinn von eins bis sechs bezeichnet. Immer wenn das Servicerecht zurückgeholt

wird, rotieren die Spielerinnen im Uhrzeigersinn um eine Position weiter, siehe

Abbildung 1 (Papageorgiou & Spitzley, 2002, p. 10).

       Da das Volleyballfeld in eine Hinter- und Vorderzone eingeteilt ist, gibt es drei

Vorderfeldangreiferinnen            und         drei       Hinterfeldangreiferinnen.         Die

Hinterfeldangreiferinnen dürfen den Ball im Vorderfeld nicht in die gegnerische

Spielfeldhälfte spielen, wenn der Ball über der Netzkante gespielt wird. Daher kann es

taktisch sinnvoll sein, Positionswechsel innerhalb des Vorder- oder Hinterfeldes

durchzuführen. Diese Positionswechsel innerhalb des Vorder- und Hinterfeldes dürfen

erst stattfinden, wenn die Aufschlagspielerin den Ball beim Service ins Spiel gebracht hat

(Reichelt, 2004, p. 40).

       Abbildung 1: Maße und Positionen des Volleyballfeldes. Die Antennen bilden die
       Verlängerung der Seitenlinien. Mit den Ziffern von 1 bis 6 werden die Positionen
       bezeichnet (modifiziert nach Papageorgiou & Spitzley, 2002, pp. 15).

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1.1.1   Geschichtliche Entwicklung

        Als Vorläufer des Volleyballspiels können alle Arten des Rückschlag-, Hin-,

Hochball- oder Zuschlagspiel wie z.B. das Indiacaspiel der Azteken oder das

mittelalterliche italienische Pallonespiel gezählt werden. 1890-1900 wurden im Rahmen

der Spielplatzbewegung viele Gruppenspiele erfunden. Dazu gehörte das von William G.

Morgan benannte Spiel Mintonette. Die Grundidee war es, einen Ball, ohne, dass er den

Boden berührt (volley), mit den Händen über ein Netz hin- und her zuspielen. Alfred T.

Halstead bezeichnete 1896 dieses Spiel infolge eines Turniers als Volleyball (Christmann

& Deutscher Volleyball-Verband, 1997, p. 17).

        In den nächsten Jahren verbreitet sich diese Sportart über Kanada in der ganzen

Welt. Zu dieser Zeit war das damalige Volleyballspiel dem heutigen noch nicht sehr

ähnlich. Durch unterschiedliche Ideen aus der ganzen Welt veränderte sich die Sportart

sehr oft. Es gab in der ganzen Welt sehr viele verschiedene Regeln. 1947 wurde der

internationale Verband, Federation Internationale de Volleyball (FIVB), gegründet und

somit war die Grundlage für ein gemeinsames Regelwerk geschaffen. Der Franzose Paul

Libaud war der erste Präsident der FIVB. Zu den Gründungsländern gehörten Belgien,

Brasilien, Tschechoslowakei, Ägypten, Frankreich, Niederlande, Ungarn, Italien, Polen,

Portugal, Rumänien, Uruguay, USA und Jugoslawien. Heute sind 220 Nationen der FIVB

angehörig und damit ist er einer der größten Sportfachverbände der Welt. Die erste

Weltmeisterschaft fand für Männer 1949 und für Frauen 1952 statt. Das erste Mal bei

den olympischen Spielen vertreten war Volleyball im Jahre 1964 in Tokio (FIVB, 2011).

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1.1.2 Österreichischer Volleyball Verband

       In Österreich gib es auf Bundesebene die erste Bundesliga (DenizBank AG Volley

League Men and Women) und die zweite Bundesliga. In der Saison 2020 spielen in der

ersten Bundesliga 10 Damen-Teams und 9 Herren-Teams. Die zweite Bundesliga wird

topografisch in 2 Gruppen unterteilt. In der Gruppe 1 spielen 10 Teams und in Gruppe 2

12 Teams. Zusätzlich zu den Bundesbewerben gibt es auch regionale Bewerbe. Diese

Einteilung variiert in den einzelnen Bundesländern (ÖVV, 2020).

1.1.3 Techniken

       Beim Volleyball gibt es unterschiedliche Techniken, dazu gehören das Service,

die Annahme, das Zuspiel, der Angriff, der Block, die Angriffssicherung und die

Verteidigung. Die Spielerin, die auf Position eins steht, führt das Service in der

Servicezone aus und bringt den Ball somit ins Spiel (FIVB (2016), n.d., p. 31). Unter einer

Annahme versteht man immer den ersten Kontakt der Gegnerin nach einem Service. Im

Hallenvolleyball darf die Annahme von oben also pritschend oder von unten baggernd

(siehe 1.1.3.1) durchgeführt werden. Nach der Annahme erfolgt das Zuspiel. Das Zuspiel

dient dazu, eine optimale Bedingung zu schaffen, bei welcher die Angreiferin mit einem

Angriffsschlag einen Punkt erzielen kann. Die Gegnerinnen versuchen einen

Angriffsschlag entweder zu blocken oder zu verteidigen. Der Block ist eine Aktion, die

netznahe über der Netzkante durchgeführt wird. Daher dürfen nur Vorderspielerinnen

blockieren. Falls der Ball durch den Block nicht abgewehrt werden konnte, versuchen

die Verteidigungsspielerinnen den Ball zu verteidigen. Der zu verteidigende Ball wird

normalerweise gebaggert oder gepritscht. Es ist jedoch erlaubt, jeden Körperteil zu

verwenden, um den Ball im Spiel zu halten. Unter einer Angriffssicherung versteht man

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die Bereitschaft aller Spielerinnen, die Bälle zu verteidigen, die vom gegnerischen Block

ins eigene Spielfeld zurückprallen (Christmann & Deutscher Volleyball-Verband, 1997, p.

420).

         Pritschen und Baggern

        Das obere Zuspiel wird auch Pritschen genannt. Es ist eine der Grundtechniken

im Volleyball. Wenn diese Technik richtig ausgeführt wird, verspricht sie die größte

Genauigkeit. Am häufigsten wird das Pritschen von der Zuspielerin angewandt. Diese

Aktion passiert nach der Annahme oder Verteidigung und dient dazu, den Angriff

vorzubereiten (Reichelt, 2004, p. 41).

        Grundsätzlich lässt sich das Pritschen in drei Phasen einteilen, nämlich in die

Vorbereitung, den Ballkontakt und das Abspiel. Eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung

ist das Erreichen einer optimalen Ausgangsposition. Das heißt, dass bevor der Ball

berührt wird, der Körper in die Richtung gedreht ist, in welche abgespielt werden

möchte und die Zuspielerin sich unter dem Ball positioniert. Dies wird durch gute

Beinarbeit erreicht (Reichelt, 2004, p. 41). Der Oberkörper ist aufgerichtet, die Arme und

Beine befinden sich in einer leichten Beugestellung und das Gewicht befindet sich auf

den Zehenspitzen. Kurz bevor der Ball berührt wird, beginnt die Ganzkörperstreckung.

Das Spielen des Balles erfolgt durch eine Streckbewegung der oberen Fingerglieder

(Papageorgiou & Spitzley, 2002, pp. 45–46). Daumen und Zeigefinder tragen die

Hauptlast. Mittel-, Ring und kleiner Finger sind für die stabile Flugbahn nach dem

Abspielen   verantwortlich    (Reichelt,   2004,   p.   41).   Abbildung   2   zeigt   die

Bewegungsabfolge beim Pritschen. Im oberen Teil des Bildes wird der gesamte

Bewegungsverlauf dargestellt. Der untere Teil zeigt die Bewegungen der Arme und

Finger im Detail.

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Abbildung 2: Bewegungsablauf Pritschen (obere Bildhälfte: Ganzkörperbewegung, untere Bildhälfte:
Arm- und Handhaltung) (Reichelt, 2004, p. 41)

        Das Zuspiel kann nicht nur, wie oben beschrieben, im Stand durchgeführt

werden, sondern auch im Sprung, das sogenannte Sprungzuspiel. Im Wesentlichen

unterscheiden sich diese zwei Ausführungen nicht. Abweichend ist die Impulsgebung ,

weil der Beineinsatz entfällt (Papageorgiou & Spitzley, 2002, p. 116).

        Die zweite Grundtechnik im Volleyball ist das Baggern, auch unteres Zuspiel

genannt. Das Baggern kommt als Zuspielvariante, in der Annahme und Verteidigung zum

Einsatz. Im Zuspiel kommt das Baggern meistens nur dann zum Einsatz, wenn der Ball

im Pritschen nicht mehr erreicht werden kann. Dies ist öfter der Fall, wenn nicht hoch

genug angenommen oder verteidigt wird (Papageorgiou & Spitzley, 2002, p. 55).

        Das untere Zuspiel (Abbildung 3 oberes Bild) kann wie beim oberen Zuspiel in die

Phasen Vorbereitung, Ballkontakt und Abspiel eingeteilt werden. Wichtig ist wieder das

Finden einer optimalen Ausgangsstellung durch eine gute Beinarbeit. Eine gute Position

ist hinter dem Ball, nicht zu nahe aber auch nicht zu weit entfernt vom Ball. Die Beine

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sind in Schrittstellung und die Knie stark gebeugt. Die Arme werden nach vorne

gestreckt, sodass die Unterarminnenseite nach oben zeigt und die Hände werden

ineinandergelegt. Kurz bevor der Ballkontakt erfolgt, startet die Ganzkörperstreckung.

Der gesamte Körper wird in einer fließenden Bewegung aufgerichtet und die Ellenbogen

bewegen sich dem Ball entgegen (Reichelt, 2004, p. 43).

        Durch die rasche Entwicklung im Volleyball zu einem immer schnelleren Spiel

haben sich unterschiedliche Techniken des Baggerns entwickelt. Dies trifft vor allem auf

die Annahme des gegnerischen Aufschlages und Angriffes zu. Da der Ball mit einer

mächtigen Wucht auf einen zufliegt, ist keine Körperstreckung nötig, damit dem Ball

keine zusätzliche Beschleunigung mitgegeben wird. Wesentlich für eine gute Abwehr

sind eine tiefe Ausgangsposition und ein stabiler Stand (Abbildung 3 unteres Bild). Es ist

häufig Aufgrund der Geschwindigkeit des Balles nicht möglich, bei der Annahme und

Verteidigung, mit dem Körper hinter dem Ball zu sein. Daher ist es häufig notwendig den

Ball seitlich vom Körper zu spielen.

Abbildung 3: Bewegungsablauf Baggern (obere Bildhälfte: Baggertechnik unteres Zuspiel, untere
Bildhälfte: Baggertechnik Abwehr) (Reichelt, 2004, S. 43-44)

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Über die Jahre wurde auch eine spezielle Abwehraktion entwickelt, der

sogenannte Hechtbagger. Der Hechtbagger kommt zum Einsatz, um einen Ball, der weit

entfernt ist, noch zu erreichen. Wie der Name schon sagt, hechtet die Spielerin aus einer

tiefen Ausgangsposition in Richtung des Balles. Der Hechtbagger kann einarmig oder

beidarmig gespielt werden. Wird er mit einer Hand gespielt, wird diese nach vorne

gestreckt und meist mit dem Handrücken nach oben gespielt. Wenn der Hechtbagger

mit beiden Armen gespielt wird, passiert dies meistens in der Luft, wie in Abbildung 4

dargestellt (Reichelt, 2004, p. 44).

Abbildung 4: Bewegungsabfolge Hechtbagger (Reichelt, 2004, S. 46)

          Angriff

        Wie bereits beschrieben, ist beim Volleyball das Ziel, den Ball auf den Boden zu

bekommen, damit ein Punkt erzielt wird. Um dies zu erreichen, hat sich der

Angriffsschlag entwickelt. Auch beim Angriff gibt es unterschiedliche Varianten. Der

Bewegungsablauf ist jedoch bei allen Varianten weitgehend ähnlich. Generell lässt sich

der Angriff in vier Phasen unterteilen. Zu diesen Phasen gehören der Anlauf und

Stemmschritt, der Absprung, die Aushol- und Schlagbewegung und die Landung. Wie bei

den Grundtechniken ist wieder das Finden einer optimalen Position zum Ball sehr

                                                                                 Seite 13
entscheidend und bestimmt grundlegend über den weiteren Ablauf. Es ist wesentlich,

nach Anlauf und Absprung den Ball über sich und etwas vor dem Körper zu haben.

Normalerweise werden zwischen drei und fünf Schritte vor dem Absprung zurückgelegt,

dabei sind die letzten zwei die wichtigsten (Orientierungs- und Stemmschritt). Der

Orientierungsschritt, dient dazu seinen Körper in die Richtung des Balles zu orientieren.

Der Stemmschritt ist ein großer Ausfallschritt, dabei werden die Arme zu einer weiten

Ausholbewegung nach hinten geführt. Während das zweite Bein beigestellt wird,

schwingen die Arme nach vorne und die Spielerin springt vom Boden weg. Die

Armbewegung wird weitergeführt und die Arme schwingen nach oben bis über den

Kopf. Der Arm, mit dem der Ball geschlagen wird, wird nach oben hinten geführt und

angewinkelt. Der andere Arm zeigt in Richtung des Balles. Durch das Zurückziehen der

Schulter des Schlagarmes entsteht eine Bogenspannung, die schließlich durch ein

peitschenartiges Vorschnellen des Armes entladen wird. Zugleich wird der andere Arm

nach unten gezogen, um den Körper zu stabilisieren. Bei der Schlagbewegung bestimmt

die Spielerin die Richtung und die Geschwindigkeit, mit welcher der Ball das gegnerische

Feld treffen soll. Mit der darauffolgenden Landung wird das Gewicht der Spielerin

möglichst weich abgefangen (Reichelt, 2004, pp. 47–50).

       Um ein Überraschungsmoment zu erzeugen, kann der Angriff im letzten

Augenblick auch als Finte gespielt werden. Dabei wird im letzten Moment der Arm

abgebremst und der Ball aus dem Handgelenk in eine Richtung geschupft (Papageorgiou

& Spitzley, 2002, p. 151)

         Aufschlag

       Der Aufschlag, oder auch Service genannt, dient dazu das Spiel zu eröffnen.

Prinzipiell kann der Aufschlag von oben mit Vorwärtsdrall (Tennisaufschlag) oder ohne

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Drall (Flatterservice) gespielt werden. Das Service mit Vorwärtsdrall entspricht der

Schlagbewegung beim Angriff. Das Flatterservice ist eine beliebte Variante zum

Tennisaufschlag. Ein Vorteil des Flatterservices ist eine unruhige und schwer zu

berechnende Flugbahn des Balles. Wichtig ist hierbei, dass das Handgelenk fixiert ist, die

Finger angespannt sind und der Ball zentral getroffen wird. Kurz nach dem Ballkontakt

wird die Schlagbewegung abgebremst. Beide Aufschlagvarianten können auch im

Sprung durchgeführt werden (Christmann & Deutscher Volleyball-Verband, 1997, pp.

335–338).

       Als Variante kann das Service auch von unten erfolgen. Dies ist jedoch die

Ausnahme und passiert zumeist nur in unteren Ligen und bei Volleyballanfängerinnen.

Dabei wird der Ball aus dem Stand mit einer Hand gehalten und der andere Arm wird

nach hinten geführt, um Schwung zu holen. Nun schwingt der Arm nach vorne und der

Ball wird mit der offenen angespannten Hand berührt und über das Netz gespielt

(Papageorgiou & Spitzley, 2002, p. 63).

1.1.4 Taktiken im Volleyball

       Um die technischen, taktischen, athletischen und psychischen Stärken des

gesamten Teams bestmöglich zu nutzen, gibt es im Volleyball unterschiedliche

Spielsysteme. In den unteren Ligen wird häufig das 0:0:6 Spielsystem gespielt. Die erste

Zahl besagt, wie viele Zuspielerinnen, die zweite, wie viele Angreiferinnen und die dritte,

wie viele Universalistinnen sich am Feld befinden. Wenn nur Universalistinnen am Feld

stehen, spielt jeder jede Position. Vor allem im Nachwuchsbereich wird das 0:0:6 System

oft eingesetzt, damit nicht zu früh eine Spezialisierung stattfindet und die Spielerinnen

möglichst umfangreiche Fähigkeiten ausbilden. Durch das Spielen verschiedener

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Positionen entsteht ein besseres Spielverständnis, weil man sich in andere Positionen

besser hineinversetzen kann. Ein weiteres Spielsystem, das im unteren Bereich

angewendet wird, ist das 2:0:4. Das heißt, hier stehen sich zwei Zuspielerinnen diagonal

gegenüber und die anderen vier Spielerinnen dienen als Angreiferinnen (Papageorgiou

& Spitzley, 2002, pp. 287–288).

       Im höheren und mittleren Leistungsbereich wird zumeist nur mit einer

Zuspielerin gespielt. Hier wird von einem personengebundenen Angriffsaufbau

gesprochen. Es wird zwischen Schnell-, Hinterfeld-, Diagonal- und Außenangreiferin

unterschieden.    Die   zur   Zuspielerin    diagonal    stehende    Spielerin   wird    als

Diagonalangreiferin bezeichnet und im Spitzensport gilt sie als Hauptangreiferin

(Papageorgiou et al., 2000, p. 95).

       Auf Grund der unterschiedlichen Aufgaben der Spielerinnen, ergeben sich

folgende Spielpositionen:

   Ø eine Zuspielerin

   Ø zwei Mittelblockerinnen (Schnellangreiferinnen)

   Ø zwei Außenangreiferinnen

   Ø eine Diagonalangreiferin

   Ø eine Libera

       Die Zuspielerin verteilt die Bälle für die Angreiferinnen. Vorne am Netz spielt sie

auf Position zwei und stellt den Außenblock und hinten in der Feldverteidigung spielt sie

auf Position eins. Die Mittelblockerin ist meistens nur im Vorderfeld aktiv. Dort spielt sie

auf Position drei und hat die Aufgabe Schnellangriffe durchzuführen und die Angriffe der

gegnerischen Mittelblockspielerin zu blockieren. Die Mittelblockerin hat als weitere

Aufgabe, die generische Außen- oder Diagonalangreiferin gemeinsam mit der eigenen

                                                                                    Seite 16
Außenblockerin zu blockieren, das heißt, einen Doppelblock zu stellen. In der

Verteidigung befindet sich die Mittelblockerin nur im Feld wenn sie serviert und begibt

sich danach auf Position fünf. Sobald das eigene Team einen Fehler macht, verlässt die

Mittelblockerin das Spielfeld und die Libera kommt anstelle dieser herein. Die Libera

kann als Annahme- und Verteidigungsspezialist gesehen werden. Die beiden

Außenangreiferinnen stehen sich diagonal gegenüber. Die Außenangreiferin, die gerade

am Netz als Vorderspielerin aktiv ist, kommt als Außenblockspielerin und Angreiferin

zum Einsatz. Diejenige, die gerade im Hinterfeld agiert, steht auf Position sechs und

dient der Feldverteidigung und als Hinterfeldangreiferin. Die Diagonalangreiferin steht

diagonal zur Zuspielerin und dient als Außenblockspielerin. Im Hinterfeld handelt sie auf

Position eins als Feldverteidigerin und Hinterfeldangreiferin.

         Angriffskombinationen

       Generell kann zwischen allgemeinen und speziellen Angriffskombinationen

unterschieden    werden.     Unter    allgemeinen     Angriffskombinationen     ist   das

Zusammenspiel beziehungsweise die Kommunikation zwischen Zuspielerin und

Angreiferin gemeint, sodass, jede Angreiferin weiß, welchen Ball sie bekommt. Zu den

spezielle Angriffskombinationen gehören Spielzüge, bei welchen sich zusätzlich die

Angreiferinnen untereinander abreden müssen, da sich ihre Laufwege kreuzen, damit

es zu keinem Zusammenstoß kommt (Papageorgiou et al., 2000, p. 98).

       Das Zuspiel wird in vier Kategorien, das schnelle (A), halbschnelle (B), halbhohe

(C) und hohe (D) Zuspiel, unterteilt. Für diese Unterscheidung werden vor allem die

Länge, Höhe und Geschwindigkeit des Zuspiels herangezogen (Papageorgiou et al., 2000,

p. 99). In Abbildung 5 sind die vier Zuspielbereiche A, B, C und D für den Außen- und

                                                                                 Seite 17
Diagonalangriff abgebildet. Für das Zuspiel auf der Mittelposition werden dieselben

Bezeichnungen verwendet, welche in Abbildung 6 sichtbar sind.

Abbildung 5: Zuspielkategorien aus Sicht der Außen- und Diagonalangreiferinnen (modifiziert
nachPapageorgiou et al., 2000, p. 99)

Abbildung 6: Zuspielkategorien aus Sicht der Schnellangreiferin (modifiziert nach Papageorgiou et al.,
2000, p. 99)

        Die Angreiferinnen müssen ihren Anlauf und Absprung, je nachdem, wie schnell

der Ball gespielt wird, abstimmen. Spielt die Zuspielerin einen schnellen Ball, so müssen

die Angreiferinnen bereits vor dem Zuspiel abgesprungen sein. Wir ein Halbschneller

Ball gespielt, leitet die Angreiferin ihren Stemmschritt zum Absprung ein, wenn der Ball

bei der Zuspielerin ist. Erfolgt ein halbhoher Ball, so springt die Angreiferin erst nach

                                                                                              Seite 18
dem Zuspiel ab. Bei einem hohen Ball springt die Angreiferin erst ab, wenn der Ball den

höchsten Punkt der Flugkurve überschritten hat (Papageorgiou et al., 2000, pp. 99–101).

        In Tabelle 1 werden die Tempi des Zuspiels in Bezug auf die Zeitspanne zwischen

der Ballberührung der Zuspielerin und der Angreiferin gezeigt.

Tabelle 1: Einteilung des Zuspiels hinsichtlich des Tempos. Das Intervall gibt die Zeit zwischen der
Zuspielaktion und der dazugehörigen Angriffsaktion an (modifiziert nach Papageorgiou et al., 2000, p.
100)

         Abkürzung                         Bezeichnung                             Zeit [sec]
         A                                 Schnell                            0,00 − 0,39
         B                                 Halbschnell                        0,40 − 0,79
         C                                 Halbhoch                           0,80 − 1,20
         D                                 Hoch                                  > 1,2

          Taktik der Schnellangreiferin

        Die Schnellangreiferin (Mittelblockerin) ist eine sehr wichtige Spielerin, weil die

Angriffskombinationen um sie herum und von ihr ausgehen. Sie dient als „Lockvogel“,

da sie die generische Mittelblockerin zum Sprung verleiten soll und somit die

Außenangreiferin und Diagonalangreiferin sich nur gegen einen Einerblock durchsetzen

muss. Es ist wichtig, dass die Außenangreiferinnen und die Diagonalangreiferin der

Schnellangreiferin eine positive Rückmeldung geben und es schätzen, wenn sie sich nur

gegen einen Einerblock durchsetzen müssen. Im Bereich der Athletik müssen die

Schnellangreiferinnen eine sehr gut Reaktivsprungkraft und Sprungkraftausdauer

haben. Weiters müssen sie über kurze Distanzen mit 2-3 Schritten sehr schnell sein. Im

technischen Bereich ist es wichtig, dass sie einen rhythmisch/dynamischen Anlauf

haben, und somit einen perfekten Schnellangriff vor und hinter der Zuspielerin

durchführen können. Es ist bedeutend, dass sie sich gegen einen Einerblock effektiv

durchsetzen und gegen einen Doppelblock keine direkten Fehler machen, indem sie

                                                                                             Seite 19
durch aggressive bzw. gut platzierte Angriffsfinten aus einer glaubhaften

Schlagbewegung einen Punkt erzielen. Durch Angriffsschläge in und gegen die

Anlaufrichtung, durch Handgelenksschläge und Schläge über die Schulter können sie

sich auch gut durch den Doppelblock durchsetzen (Papageorgiou et al., 2000, pp. 119–

120).

        Voraussetzung der Schnellangreiferin ist das rasche Umschalten zwischen

Angriffs- und Blockverhalten. Im unteren Leistungsbereich ist Aufgrund von fehlenden

technischen und taktischen Fertigkeiten die Aufgabe der Schnellangreiferin nicht von

entscheidender Rolle. Die Mittelblockerin spielt sogenannte 1-m- Bälle. Diese sind bei

weitem nicht so schnell und das Zusammenspiel zwischen Angreiferin und Zuspielerin

ist leichter zu erreichen. Im mittleren Leistungsbereich wird bereits versucht, die

Schnellangreiferin in der Funktion, die sie eigentlich hat, einzusetzen. Dies gelingt aber

oft nicht gut genug, da aufgrund von zu wenig Trainingszeit und somit fehlender

Feinabstimmung das Zusammenspiel zwischen Zuspielerin und Angreiferin nicht

gegeben ist. Daher werden auf mittlerem Leistungsniveau sehr oft „unechte“

Schnellangriffe und kurze Pässe gespielt. Dies bedeutet klar weniger Trainingsaufwand

und im Spiel mehr Effektivität (Papageorgiou et al., 2000, pp. 120–122).

         Taktik der Diagonalangreiferin

        Früher war die Diagonalangreiferin eine sehr gute Universalistin mit

Hilfszuspielerfunktion. Heutzutage hat sich die Funktion der Diagonalangreiferin

deutlich verändert und sie kann als Hauptangreiferin gesehen werden. Die

Diagonalangreiferin muss sich meistens gegen einen Doppel- oder Dreierblock

durchsetzen. Daher zeichnet sie sich vor allem durch ihre stark ausgeprägte Schlaghärte

aus. Außerdem ist es wichtig, dass sie unterschiedliche Richtungen schlagen kann. Das

                                                                                  Seite 20
heißt, sie sollte extrem diagonal, halbdiagonal und longline schlagen können. Eine

weitere wesentliche Aufgabe der Diagonalangreiferin ist das Lösen von schwierigen

Situationen nach schlechter Verteidigung oder Annahme. Damit ist gemeint, dass sie in

der Lage sein sollte, ein schlechtes Zuspiel, das auf Grund der schlechten Verteidigung

oder Annahme entstanden ist, auszugleichen und sich durchzusetzen. Meistens wird die

Diagonalangreiferin aus der Annahme genommen, um sich völlig auf den Angriff

konzentrieren zu können. Für den mittleren Leistungsbereich ist die Diagonalangreiferin

vielmehr als Universalistin oder als Hilfszuspielerin zu sehen (Papageorgiou et al., 2000,

pp. 124–125).

         Taktik der Hinterfeldangreiferin

       Die genannten Vorrausetzungen der Diagonalangreiferin gelten auch für die

Hinterfeldangreiferin. Ist die Zuspielerin vorne, gilt die Diagonalangreiferin als dritte

Angreiferin und greift aus dem Hinterfeld an. Außerdem kann auch die

Außenangreiferin, welche gerade hinten ist, als Hinterfeldangreiferin handeln. Im

Frauenbereich kommt es jedoch eher selten vor, dass es zwei planmäßige

Hinterfeldangreiferinnen gibt. Die Hinterfeldangreiferin bekommt unterschiedliche

Varianten von Pässen. Ein halbschneller Pass ist ca. 1,5 bis 2 m vom Netz entfernt. Wird

ein halbhoher Pass gespielt, ist der Ball ca. 2 bis 2,5 m vom Netz entfernt. Als dritte

Variante wird ein hoher Pass gespielt, bei welchem die Distanz ca. 3 m beträgt. Zentrale

Unterschiede im Vergleich zum Netzangriff sind: der schnellere Anlauf und die verkürzte

Stemmphase sowie der erhöhte Anspruch auf die Koordination durch den schnellen

Anlauf mit Absprung nach oben vorne. Im Unterschied zum oberen nationalen und

internationalen Bereich wird im mittleren Bereich ein Hintefeldangriff nur in

                                                                                  Seite 21
Notsituationen gespielt. Er kann eher als Verlegenheitsball gesehen werden

(Papageorgiou et al., 2000, p. 127)

           Taktik der Außenangreiferin

       Auf die Außenangreiferin treffen dieselben Fähigkeiten wie auf die

Diagonalangreiferin zu. Zugleich muss sie auch noch sehr gut in der Annahme sein. Da

sie   in    beiden     Elementen      Höchstleistungen   bringen   müssen,    sind   die

Außenangreiferinnen großem psychischem Druck ausgesetzt. Daher sind die meisten

Außenangreiferinnen sehr gute Universalspielerinnen, die in allen technischen

Bereichen sehr gut abschneiden (Papageorgiou et al., 2000, p. 127).

           Taktik der Zuspielerin

       Die Zuspielerin ist das bindende Glied zwischen den Annahmespielerinnen und

Angreiferinnen. Sie ist fast an jedem Spielzug beteiligt und ist für den Angriffsaufbau

nicht weg zu denken. Eine weitere wichtige Aufgabe, die ihr zugeteilt ist, das Spiel zu

führen und es in die Richtung zu lenken, wie sie es gerne hätte. Das heißt einerseits die

Schwächen in der Genauigkeit des ersten Passes zu korrigieren und anderseits die

Stärken der eigenen Angreiferinnen sowie die Schwächen der gegnerischen

Blockspielerinnen zu nützen. Die Grundlage dafür ist, dass die Zuspielerin alle Varianten

des oberen Zuspieles beherrscht und diese situationsgerecht und präzise verwendet. Je

besser die Qualität und Quantität ihrer Zuspielvarianten, umso besser ist ihr

individualtaktischer Handlungsrahmen. Der Stellenwert der Individualtaktik der

Zuspielerin ist vom Spielniveau abhängig. Im unteren Leistungsbereich wird das

individualtaktische Handeln von den eigenen Fertigkeiten der Zuspielerin und der

Angreiferinnen vorgegeben. Als Mindestanforderung sollte die Zuspielerin fähig sein,

aus gutem erstem Pass zwischen drei Passvariationen zu wählen. Sie sollte einen hohen,

                                                                                 Seite 22
halbhohen Pass und einen 1-m/kurzen Ball spielen können. Im mittleren Bereich sollte

die Zuspielerin in der Lage sein, das Verhalten des gegnerischen Blockes in ihre

Entscheidung mit einzubeziehen. Außerdem sollte sie die Fähigkeit besitzen, schlechte

bzw. ungenaue erste Pässe auszugleichen und halbschnelle und aufsteigende kurze

Pässe zu spielen. Bei gutem erstem Pass sollte sie im Sprung zuspielen können und die

Zuspielerfinte anwenden. Es gibt zwei Arten der Zuspielfinte. Die aggressive, die

beidhändig oder einhändig flach über das Netz abwärts gespielt wird. Dies kommt vor

allem zum Einsatz, wenn kein Block vorhanden ist. Die konservative Zuspielfinte wird

entweder kurz oder lange über den Block in das freie Feld gespielt. Im oberen

Leistungsbereich soll die Zuspielerin die Schwächen des gegnerischen Blockes ausnützen

können und trotz schlechter erster Pässe fähig sein, ein gutes Zuspiel durchzuführen. Sie

sollte, wenn möglich im Sprung frontal, über Kopf und lateral sowie einhändig zuspielen

können und somit das Spiel schneller und verdeckter machen. Die Impulsgebung im

oberen Niveau erfolgt nur aus dem Handgelenk, damit die Zuspielrichtung lange

verdeckt gehalten werden kann. Eine wichtige Fähigkeit, die die Zuspielerin besitzen

sollte, ist das periphere Sehen, da sie immer den Ball im Blick haben muss, aber

gleichzeitig auch die annehmenden Spielerinnen und Angreiferinnen sowie die

Mittelblockerin. Im internationalen Bereich werden größere Zuspielerinnen bevorzugt,

da es von Vorteil ist, weil die Zuspielerin im Block besser agieren kann. Athletisch soll

die Zuspielerin über kurze Distanz sehr schnell sein und über eine exzellente

Orientierungsfähigkeit verfügen. Eine gute Sprungkraft und Sprungausdauer sowie gute

koordinative Fähigkeiten sind ebenfalls wichtig (Papageorgiou & Spitzley, 2002, pp. 112–

116).

                                                                                 Seite 23
1.2 Expertise im Sport

       Expertise bezieht sich auf Qualitäten und Fähigkeiten, die hochqualifizierte

Personen, welche als Expertinnen bezeichnet werden, von weniger qualifizierten

Personen unterscheiden. Expertinnen sind Personen, die in einer gewissen Aufgabe oder

Domäne außerordentlich viel Erfahrung haben. Deren Expertise zeigt sich in der Regel in

zahlreichen Aspekten der menschlichen Leistung, einschließlich Wahrnehmung,

Kognition und motorische Ausführungen (Williams et al., 1999). Im Unterschied zu

anderen   Expertisegruppen,    wie   Mathematikerinnen,     Schachspielerinnen oder

Musikerinnen, spielen im Sport physiologische Voraussetzungen eine wichtige Rolle.

       Der Ursprung der Expertisen-Forschung liegt in den 1965er Jahren. De Groot

(1965) verglich die Fähigkeiten von Schachexperten mit deutlich schlechteren Spielern

und stellte fest, dass Schachexperten sich für bessere Züge entschieden als die

schwächeren Schachspieler. Simon und Chase (1973) stellten fest, dass die Fähigkeit der

Schachexperten schachspezifisch war. Die Schachexperten hatten keine Vorteile

bezüglich der allgemeinen Gedächtnisleistung, sondern sie nutzten sogenannte

Schachmuster, die sie über die Jahre erworben hatten, um ihre Gedächtnisleistung in

Bezug auf Schachwissen deutlich zu steigern.

       Laut Janelle und Hillman (2003) sind für die Entwicklung von Expertise im Sport

technische, kognitive, physiologische und emotionale Fähigkeiten von großer

Bedeutung. Die verschiedenen Faktoren beeinflussen sich in ihrer Entwicklung

gegenseitig. Um diese unterschiedlichen Fähigkeiten auszubilden, benötigt es den

sogenannten Deliberate Practice. Der Deliberate Practice ist ein Konzept, bei dem durch

bewusstes, jahrelanges, gezieltes und aufgabenorientiertes Training Expertise in einer

bestimmten Domäne erreicht werden kann (Ericsson et al., 1993a). Über einige Jahre

                                                                               Seite 24
hinweg wurde geglaubt, dass Expertise fast ausschließlich durch genetische Faktoren

vorbestimmt ist (Sternberg & Wagner, 1999). Doch in den letzten Jahren konnte gezeigt

werden, dass Expertise durch ein spezifisches Training gesteigert werden kann (Silva et

al., 2021). Eines der wesentlichen Merkmale von Expertinnen ist die Zeit und

Anstrengungen, die sie unternommen haben, um diesen Status zu erreichen. So konnte

Simon und Chase (1988) bei der genaueren Betrachtung der Schachprofis feststellen,

dass diese nach etwa zehn Jahren oder 10.000 Trainingsstunden zum Experten wurden.

Daraufhin entstand die „10-Jahres-Regel“ (Simon & Chase, 1988). Ericsson et al. (1993a)

konnten in ihrer Studie zeigen, dass Weltklasse-Violinisten nach ungefähr zehn Jahren

internationales Spitzenniveau erreichten und bestätigte somit die „10 Jahres Regel“ von

Simon und Chase (1988). Die Autoren zeigten auch, dass die besten Violinisten im

Vergleich zu guten Violinisten bis zu ihrem 20. Lebensjahr 2500 Trainingsstunden mehr

aufwiesen. In Disziplinen wie Medizin (Patel & Groen, 1991) und Komponieren von

Musik (Hayes, 1989) konnte auch festgestellt werden, dass das Erlangen von Expertise

zehn Jahre dauert. Dies konnte auch in verschiedenen Sportarten wie Tennis (Monsaas,

1985), Eiskunstlauf (Starkes et al., 1996), Schwimmen (Kalinowski, 1985), Ringen

(Hodges, 1995), Basketball (Baker et al., 2003) und Fußball (Helsen et al., 1998; Ward et

al., 2004) gezeigt werden. In all den oben erwähnten Sportarten brauchten die

Sportlerinnen mindestens zehn Jahre, bis sie nationales oder internationales Niveau

erreichten. Es wurde auch gezeigt, dass es in den unterschiedlichen Sportarten

unterschiedliche Trainingsinhalte gibt, auf denen der Fokus liegen muss, um zur Expertin

in   der   betreffenden    Sportart   zu    werden.    Im    Eiskunstlauf   wurde    ein

Spitzenleistungsniveau vor allem durch eine hohe Anzahl an Einzeltrainingsstunden

erreicht. Im Gegenzug zu Sportarten, bei denen eine Interaktion mit den Gegnerinnen

stattfindet, wurde eine höhere Zahl an Gruppentrainingsstunden durchgeführt. Diese

                                                                                 Seite 25
Erkenntnisse unterstützen die Theorie von Ericsson et al. (1993a), dass ein gezielter,

sportartspezifischer gesteigerter Trainingsumfang für das Erreichen von Expertise

relevant ist. Laut den Autoren sollen auch die Qualität und Quantität des Trainings eine

sehr wichtige Rolle beim Erreichen von Expertise spielen. Auch genetische Dispositionen

spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Expertise, meinen die Autoren

Abernethy et al. (2003). In der Meta-Analyse von Macnamara et al. (2016) wurden 88

Studien, die sich mit Deliberate Practice beschäftigten, analysiert. Die Autorinnen

kamen zu der Erkenntnis, dass Deliberate Practice zu einem Anteil von 18% an der

Verbesserung der sportlichen Leistungsfähigkeit beteiligt ist: zu 26% bei Sportspielen, zu

21% bei Musik und zu 4% bei Bildung. Sie kamen zu dem Entschluss, dass Deliberate

Practice wichtig ist, aber nicht so wichtig, wie dies zuvor von Ericsson et al. (1993b)

argumentiert wurde. Die Autorinnen dieser Metaanalyse stellten ebenso fest, dass die

Auswirkung von Deliberate Practice auf die Leistung bei Aktivitäten, die hoch

vorhersehbar sind (z. B. Laufen), tendenziell größer ist als bei Aktivitäten, die weniger

vorhersehbar sind (z. B. Volleyball).

       Die Diskussion „nature versus nurture“ ist zum jetzigen Zeitpunkt immer noch

aktuell. Es kann gesagt werden, dass sowohl genetische Disposition als auch gezieltes

Training bei der Entwicklung von Expertise eine entscheidende Rolle spielen. Aufgrund

der Diskussion über genetische Disposition und Training ist zu erkennen, wie kompliziert

die Untersuchung von Expertise ist.

       Ericsson und Smith stellten (1991) den sogenannten „Expert Performance

Approach“ vor, mit dem Expertise und ihre Entwicklung systematisch erforscht werden

konnten. Es ist ein Ansatz, in dem die Grundlagen dafür geschaffen wurden, nicht nur

Expertinnen mit Novizinnen zu vergleichen, sondern auch die Mechanismen zu

                                                                                  Seite 26
identifizieren, auf welche Expertenleistungen zurück zu führen sind. Durch diesen

Ansatz wurde es möglich, eine detaillierte Untersuchung von Expertenleistungen

durchzuführen. Der Ablauf gliedert sich in drei Analyseschritte. Am Anfang ist es wichtig,

die Fähigkeiten, die die Expertin ausmachen, zu identifizieren, um weiter die

Mechanismen zu bestimmen, auf die so eine Expertenleistung zurückzuführen ist. Im

dritten Schritt sollen die Erfahrungen und Voraussetzungen gezeigt werden, die bei der

Entwicklung der Expertise eine Rolle spielen. Das Schwierige dabei ist, die Fähigkeiten,

die eine Athletin ausmachen, in realitätsnahen, reproduzierbaren Laboruntersuchungen

nachzubilden, damit die Leistung möglichst objektiv bewertet werden kann. Da

Expertise eine sehr spezifische und komplexe Angelegenheit ist, sind simplifizierte, für

die Probandinnen neuartige Laboraufgaben ungeeignet, da es zu einer Unterschätzung

des Expertinnen-Novizinnen-Unterschiedes und somit zu einer Unterschätzung der

Expertinnen kommt (Farrow & Abernethy, 2003)

       Perzeptuell-kognitive     Expertise    bezieht     sich   auf     die    Fähigkeit,

Umweltinformationen zu identifizieren und zu erwerben. Diese sollen in vorhandenes

Wissen integriert werden und es soll eine geeignete Reaktion ausgewählt und

durchgeführt werden. Außerdem beinhaltet sie das Filtern der wesentlichen

Informationen aus einer Vielzahl an Informationen (Mann et al., 2007). Eine Möglichkeit

der Untersuchung von perzeptuell-kognitiver Expertise wäre zum Beispiel das Zeigen

von Videoclips von Spielszenen aus der entsprechenden Sportart. Die Athletinnen sollen

eine Antwort bezüglich der zu erwartenden Folgeaktion abgeben. Die Antwort der

Testpersonen kann dabei entweder verbal, durch einen Tastendruck oder durch eine

realistische Reaktion aus der jeweiligen Sportart geschehen (Williams et al., 2002).

Sobald nun die spezifischen Expertenleistungen der Athletinnen in Labor- oder in

Felduntersuchungen gezeigt werden können, sollten als nächstes laut Williams &

                                                                                  Seite 27
Ericsson (2005), die Mechanismen identifiziert werden, die solche Leistungen von

Expertinnen zulassen. Dieser zweite Schritt wurde über viele Jahre vernachlässigt, da

anfangs immer nur gezeigt wurde, dass es einen Leistungsunterschied zwischen

Novizinnen und Expertinnen gibt, aber nicht genau analysiert wurde, wo genau dieser

Unterschied liegt. Also was genau macht eine Expertin in dieser spezifischen Situation

zur Expertin? Um diese Mechanismen zu identifizieren, stehen unterschiedliche

Methoden, wie die Okklusionstechnik, Point-Light-Technik oder Eyetracking-Technik zu

Verfügung. Mit diesen Methoden können vor allem außerordentliche Wahrnehmungs-

und Antizipationsleistungen gemessen werden.

       Nach der Festlegung der Mechanismen von Expertiseleistungen lautet die

nächste Frage: Wie haben Expertinnen diese Mechanismen im Laufe der Jahre

entwickelt und welche Anforderungen müssen erfüllt werden? Nach der Theorie von

Ericsson et al. (1993b) hängt die Entwicklung von Fachwissen in erster Linie nicht von

den genetischen Anforderungen ab, sondern von der Quantität und Qualität des

Trainings. Abernethy (1988) zeigte in einer Studie mit Badminton-Anfängerinnen und -

Expertinnen unterschiedlichen Alters, dass die Entwicklung von Fachwissen nicht nur auf

altersbedingte Veränderungen zurückzuführen ist. Nur in der Expertinnengruppe sind

die Leistungen mit dem Alter gestiegen, bei Anfängerinnen wurden jedoch keine

Unterschiede zwischen den verschiedenen Altersgruppen festgestellt. Um die

Auswirkungen des Trainingsprozesses zu bestimmen, wurden außerdem die

Trainingsbiographien von Expertinnen mit denen von Fortgeschrittenen und

Anfängerinnen verglichen (Ericsson et al., 1993a). Die Idee hinter diesem Vergleich ist,

dass Unterschiede in den Biografien identifiziert werden können, die für die

Leistungsunterschiede     zwischen      den     verschiedenen      Expertinnengruppen

                                                                                Seite 28
verantwortlich sind und so Trainingsempfehlungen zu formulieren. Nach der

Formulierung der Trainingsempfehlungen wird ihre Wirksamkeit in Studien überprüft.

       Zum Beispiel haben Williams et al. (2002) in einer Untersuchung mit

Tennisexperten und Amateuren erkannt, dass ein sehr gutes visuelles Suchverhalten ein

entscheidender Grund für eine ausgezeichnete Antizipationsleistung von Experten ist.

Daraufhin wurde eine weitere Untersuchung durchgeführt, in der es eine

Interventionsgruppe,     Kontrollgruppe      und       Placebogruppe   gab.    Bei     der

Interventionsgruppe wurden die Probanden trainiert, genau dieses Suchverhalten der

Experten auch anzuwenden. Die Trainingsintervention umfasste ausschließlich ein 90-

Minuten-Wahrnehmungstraining, das zwischen dem Prä- und Posttest stattgefunden

hat.   Im    Vergleich zur Kontrollgruppe        und    zur Placebogruppe     zeigte   die

Interventionsgruppe nicht nur im Labor, sondern auch unter Feldbedingungen eine

signifikant bessere Antizipationsleistung. Diese Erhebung konnte zeigen, dass Anfänger

schon mit geringem Trainingsaufwand vom geschulten Verhalten der Experten lernen

können. Auch in anderen Studien konnte der gerade beschriebene Effekt gezeigt werden

(Smeeton et al., 2005; Williams et al., 2003).

       Im Folgenden werden Studien vorgestellt, welche die Antizipationsleistungen

von Expertinnen und Novizinnen vergleichen. Außerdem wird der Begriff Antizipation

definiert.

       Im Sport wird Antizipation als die mentale Vorwegnahme einer Handlung, eines

Ereignisses oder eines Erlebnisses bezeichnet. Zukünftiges Verhalten kann durch

Antizipation beeinflusst werden. Antizipation ist somit kein Bewegungsmerkmal und

keine Bewegungseigenschaft, sondern ein psychischer Prozess, da auch das Vorstellen

von beabsichtigten, zukünftigen und geplanten Bewegungen eine Antizipation ist

                                                                                  Seite 29
(Ritzdorf, 1982). Wenn in dieser Masterarbeit von Antizipation gesprochen wird, ist

daher das „Vorwegnehmen einer Handlung“ gemeint. In der Expertiseforschung werden

sehr oft Antizipationsstudien durchgeführt, um den Unterschied zwischen Expertinnen

und Novizinnen zu bestimmen. Es gibt zwei wesentliche Gründe, warum dies der Fall ist:

Erstens spielt die Vorhersage von Handlungen in einigen Sportarten eine entscheidende

Rolle. Besonders in Sportarten, bei denen die Sportlerinnen unter großem Zeitdruck auf

Aktionen ihrer Mit- und Gegenspielerinnen reagieren müssen, ist dies ein

leistungsbestimmender Faktor. Zweitens kann die Antizipationsfähigkeit mit den oben

beschriebenen Methoden sehr gut untersucht werden. Die Antizipationsfähigkeit kann

anhand von Feld- und Laboruntersuchungen verlässlich erforscht werden (Balser, 2014).

       Studien zeigten, dass Expertinnen die Effekte von Handlungsketten besser als

Novizinnen antizipieren können. (Cañal-Bruland et al., 2011; Shangguan & Che, 2018;

Vansteenkiste et al., 2014; Vicario et al., 2017). Die im vorherigen Satz erwähnten

Studien haben sich alle mit Sportspielen beschäftigt. Den Probandinnen wurde eine

Videosequenz gezeigt und sie mussten einschätzen, wie die Flugkurve des Balles

aussehen kann oder wohin der Ball gespielt wird. Das Video wurde, bevor die Flugkurve

des Balles gezeigt wurde, angehalten, und somit war die Flugkurve des Balles nicht

sichtbar. Es konnte festgestellt werden, dass Expertinnen im Vergleich zu Novizinnen

signifikant besser voraussagen können, wohin der Ball gespielt wird. Des Weiteren liegt

es nahe, dass die Probandinnen, da sie die Flugkurve nicht sehen können, auf

kinematische Informationen zurückgreifen, um die korrekte Richtung des Balles

einschätzen zu können (Balser, 2014).

       Die genannten Studien verglichen Expertinnen (aktive Sportlerinnen) mit

Novizinnen. Im Weiteren ist es interessant, ob es notwendig ist, in einer Sportart selbst

                                                                                 Seite 30
Profi zu sein, um bessere Antizipationsleistungen als Beobachterinnen (z.B.

Schiedsrichterinnen) oder Trainerinnen zu erreichen. In der Studie von Canal-Bruland et

al. (2011) untersuchten die Autoren, ob die wahrnehmungsmotorische Erfahrung

zusätzlich zur Beobachtungserfahrung zu einer Verbesserung der Antizipationsfähigkeit

beiträgt. Es wurden acht erfahrene Beachvolleyballspielerinnen (internationale

Spielerfahrung), acht erfahrene Beachvolleyballtrainerinnen (spielten selbst auf

internationalem      Spitzenniveau)      und      acht   erfahrene       Schiedsrichterinnen

(Beobachtungsexpertinnen, welche jedoch selbst nie auf Spitzenniveau gespielt)

ausgewählt. Den Probandinnen wurden Videos von Spielen der Beachvolleyball World

Tour gezeigt. Es wurde das progressive Okklusionsparadigma angewendet, bei diesem

wird die Darstellung einer handelnden Person zu einem ausgewählten Zeitpunkt

verdeckt. Die Probandinnen wurden gebeten, das Ergebnis des Angriffs (Zielort und

Zielrichtung) vorherzusagen. Die Ergebnisse zeigten, dass erfahrene Spielerinnen und

Trainerinnen die Schiedsrichterinnen übertrafen. Obwohl die Schiedsrichterinnen sehr

viel Beobachtungserfahrung haben, scheint es, als würde es nicht ausreichen, nur

Beobachtungserfahrung zu sammeln, sondern als wäre die wahrnehmungsmotorische

Erfahrung auch von großer Bedeutung, um zur Antizipationsexpertin zu werden.

       Weiters     stellt   sich   die   Frage,   inwiefern    sich    eine   ausgezeichnete

Antizipationsfähigkeit in einer Sportart auf eine andere Sportart transferieren lässt?

Diesbezüglich     untersuchten     Moore    und    Müller     (2014)    wie   gut   sich   die

Antizipationsfähigkeit auf strukturell ähnliche Sportarten übertragen lässt.

       In diesem Experiment wurden fünf erfahrene Baseballspieler, sieben mittel

Erfahrene und sieben Novizen (mit Spielerfahrung) untersucht. Das Ziel dieses

Experiments war es, herauszufinden, ob sich die Antizipationsfähigkeit von Baseball auf

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Cricket übertragen lässt. Die Ergebnisse zeigen, dass nur erfahrene Baseballspieler in der

Lage waren, ihre vorausschauenden Fähigkeiten zu übertragen (Moore & Müller, 2014).

Müller et al. (2015) führten eine Studie durch, um herauszufinden, ob sich die

Antizipationsfähigkeit auch auf strukturell unähnliche Sportarten übertragen lässt. Dazu

untersuchten sie, ob Rugbyspieler in der Lage waren, ihre Antizipationsfähigkeit auf

Baseball zu transferieren. Die Auswertung der Ergebnisse zeigte, dass die Rugbyspieler

nicht in der Lage waren, ihre Antizipationsfähigkeiten zu übertragen. Die Ergebnisse der

oben genannten Studien zeigen, dass der Transfer der Antizipationsfähigkeit von

Fachkenntnissen abhängt und auf ähnliche Bereiche beschränkt ist (Müller et al., 2015).

        Um zu klären, ob es Unterschiede in der Antizipationsleistung in Bezug auf die

verschiedenen Spielerpositionen in einer Sportart gibt, untersuchten Wimshurt et al.

(2012) 21 Profi-Feldhockeyspieler. Die Hockeyspieler bekamen elf visuelle Aufgaben zu

lösen. Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen Spielern unterschiedlicher

Positionen. Dies deutet darauf hin, dass die Antizipationsleistung unabhängig von der

Spielposition ist. Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch die Studie von Breed et al. (2018).

Die    Autoren untersuchten in ihrer Studie,           ob es     Unterschiede    in   den

wahrnehmungskognitiven Fähigkeiten von Untergruppen (Mittelfeldspieler und

Schlüsselpositionsspieler) innerhalb eines Elite-Teams (Vollzeitprofi) des australischen

Fußballs gibt. Die Spieler absolvierten einen videobasierten Test zur Messung der

Antizipationsleistung. Es wurden Videoclips aus den Spielen der australischen Football

Liga   2010   gezeigt.   Es   konnten    keine   signifikanten   Unterschiede    in   der

Antizipationsfähigkeit zwischen den Mittelfeldspielern und den Spielern in

Schlüsselpositionen gefunden werden. Im Gegensatz zu Williams und Ford (2008), die

bei einer videobasierten Antizipationsaufgabe feststellten, dass defensive Fußballspieler

bei einer videobasierten Antizipationsaufgabe genauer sind als offensive Fußballspieler.

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In einer Studie von Bruce et al. (2012) wurde die Positionsspezifität in Bezug auf

die Antizipationsleistung im Netball-Sport untersucht. Netball ist ein Basketball

ähnliches     Spiel.   Erfahrene     Offensivspielerinnen,   Mittelfeldspielerinnen    und

Verteidigerinnen sowie weniger qualifizierte (unerfahrene) Netballspielerinnen

bekamen eine videobasierte Antizipationsaufgabe, die sie lösen mussten. Die gezeigten

Videoclips zeigten drei verschiedene Positionsbereiche im Netball (Offensivspielerinnen,

Mittelfeldspielerin    und       Verteidigerin).   Die   Analyse   der     Angriffs-   und

Verteidigungsszenarien ergab, dass die erfahrenen Offensivspielerinnen und

Mittelfeldspielerinnen signifikant besser waren, als die unerfahrenen Spielerinnen,

während sich die erfahrenen Verteidigerinnen nicht von den anderen drei Gruppen

unterschieden (qualifizierte Offensivspielerinnen, qualifizierte Mittelfeldspielerinnen

und Anfängerinnen). Für die Mittelfeld-Szenarien waren die erfahrenen Mittelfeld-

Spielerinnen und -Verteidigerinnen signifikant besser als die unerfahrenen Spielerinnen,

während sich die erfahrenen Offensivspielerinnen von keiner der Gruppen

unterschieden. Es wurden begrenzte Hinweise gezeigt, die die Theorie stützen, dass die

Entscheidungsfindung spezifisch für eine Position ist.

       Wichtige Entscheidungsträgerinnen unter Expertinnen auf einem bestimmten

Gebiet können manchmal anhand ihrer Rolle und Verantwortung identifiziert werden.

Daher wollten Fortin-Guichard et al. (2020) in ihrer Studie herausfinden, ob sich

Spielerinnen mit tragender Funktion (Zuspielerin) in ihren wahrnehmungskognitiven

Fähigkeiten     von    anderen     Volleyball-Expertinnen    (anderen    Spielerpositionen)

unterscheiden. Dazu wurden 26 Zuspielerinnen, 36 Volleyballspielerinnen von anderen

Positionen und 20 Personen, die wenig Volleyball Erfahrung hatten, ausgewählt. Die

Probanden bekamen 50 Videosequenzen gezeigt. Die Sequenzen wurden 120 ms vor

dem Ballkontakt gestoppt und die Probandinnen, deren Augenbewegungen

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