Materialien zur Vorlesung

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                                                 Modelle 2: Nelson Mandela, Materialien
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Prof. Eugen Eichhorn, BHT Berlin
Hiroshima-Nagasaki Peace Study Course 2012s

Materialien zur Vorlesung

      Modelle für Friedenskultur 2: Nelson Mandela, Südafrika

Die folgenden Texte sind dem Buch Nelson Mandela: Bekenntnisse. Piper-Verlag:
München 2012, entnommen. Der Titel des Originals heißt Conversations with Myself
(London 2010). Sie wurden von Martin Lotz ausgewählt. Herr Lotz ist Theologe, war
viele Jahre Pastor in einer Gemeinde im Südwesten Berlins und vor seiner Arbeit in
der Evangelischen Gemeinde Am Buschgraben persönlicher Referent des früheren
Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Er hat einige Male die Vorlesung über Nelson
Mandela gehalten und einen besonderen Kontakt zu den Studierenden gefunden.
Seine anregenden Vorlesungen haben auch mir immer wieder gefallen. Sein Herz-
leiden verhindert leider seit einigen Semestern seine weitere Mitwirkung.
2011 ist ein weiteres Mandela Buch erschienen: Notes to the Future: Words of
Wisdom. Die deutsche Übersetzung ist 2013 erschienen. Sie trägt den m. E. wesent-
lich schlechteren Titel Meine Waffe ist das Wort. Eine Sammlung von kleinen feinen
Texten aus Briefen, Reden, gelegentlichen Äußerungen. Eignet sich auch zum
Verschenken.
Doch zurück zu den hier präsentierten Texte: Die sehr offenen Bekenntnisse des 90-
jährigen Mandela von 2010 ergänzen seine Anfang der 1990er Jahre erschienene sehr
zu empfehlende Autobiographie und rücken manche unzutreffenden Klischees
zurecht.

Im Folgenden sind fünf von sieben Texten wieder gegeben, die Herr Lotz für diese
Vorlesung ausgesucht hat. Von den beiden fehlenden sind als Anregung die Themen
angegeben.

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Inhaltsverzeichnis

1) Selbsterziehung
2) Todesbereitschaft
3) Bewaffneter Kampf
4) Erstreiten besserer Haftbedingungen
5) Das Gute im anderen sehen (hier nicht wiedergegeben)
6) Parabel von Sonne und Wind oder die Überwindung der Gewalt durch Frieden
           (hier nicht wiedergegeben)
7) Bilanz der Präsidentschaft

1) Selbsterziehung

Aus einem Brief an seine Frau Winnie Mandela im Gefängnis von Kroonstad, 1.
Februar 1975

Die Zelle ist der ideale Ort, um sich selbst kennenzulernen, realistisch und
regelmäßig die Entwicklung der eigenen Gedanken und Gefühle zu erforschen. Wenn
wir unser Fortkommen als Individuen beurteilen, konzentrieren wir uns gern auf
äußere Faktoren wie gesellschaftliche Stellung, Einfluss und Beliebtheit, Reichtum
und Bildungsstand. Sie sind selbstverständlich wichtig, um den materiellen Erfolg zu
messen, und es ist völlig verständlich, wenn viele Menschen sich anstrengen, um all
das zu erreichen. Aber innere Faktoren sind für die Beurteilung unserer Entwicklung
als Menschen wohl noch entscheidender. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Einfachheit,
Bescheidenheit, echte Großzügigkeit, das Fehlen von Eitelkeit, die Bereitschaft
anderen zu dienen - Eigenschaften, die für jede Seele leicht zu erreichen sind - ,
bilden die Grundlage unseres geistigen Lebens. Eine Fortentwicklung in diesen
Bereichen ist nur zu bewerkstelligen, wenn man ernsthafte Introspektion betreibt, sich
selbst kennenlernt, seine Schwächen und Fehler. Zumindest gibt einem die
Gefängniszelle die Gelegenheit, täglich sein gesamtes Verhalten zu prüfen, Schlechtes
zu überwinden und zu entwickeln, was gut ist. Regelmäßige Meditation, sagen wir 15
Minuten am Tag vor dem Zubettgehen, kann in dieser Hinsicht sehr fruchtbar sein.
Am Anfang fällt es vielleicht schwer, die negativen Bestandteile seines Lebens zu
erkennen, doch der zehnte Versuch bringt womöglich reichen Lohn. Vergessen wir

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nie, dass ein Heiliger ein Sünder ist, der am Ball bleibt.

2) Todesbereitschaft

Vorbemerkung. 1963/64 fand der Rivonia-Prozess gegen Mitglieder des African
National Congress (ANC) und dessen militärische Abteilung Umkhonto We Sizwe (ein
Zulu-Ausdruck, er bedeutet Speer der Nation, wird mit MK abgekürzt) statt.
Angeklagt waren elf weiße und schwarze Kämpfer, die 222 Sabotageakte mit dem
Ziel verübt hatten, das Apartheid-Regime durch Guerillakampf zu stürzen. Mandela
hielt am 20. April 1964 eine vierstündige Rede zu dieser Frage. Das Urteil gegen die
Kämpfer lautete lebenslange Haft. (Anmerkung: Rivonia ist ein Vorort von
Johannesburg)

Mein Leben lang habe ich mich diesem Kampf des afrikanischen Volkes gewidmet.
Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekämpft und ich habe gegen schwarze
Vorherrschaft gekämpft. Ich habe das Ideal der Demokratie und der freien
Gesellschaft hochgehalten, in der alle Menschen in Harmonie und mit gleichen
Möglichkeiten zusammenleben. Es ist ein Ideal, für das ich zu leben und das ich zu
erreichen hoffe. Doch wenn es sein soll, so bin ich für dieses Ideal auch zu sterben
bereit.
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3) Bewaffneter Kampf.

Vorbemerkung. Im Gespräch mit dem Chefredakteur des Time Magazin Richard
Stengel berichtet Mandela wie es dazu kam, den bewaffneten Kampf vorzubereiten
und zu führen. In der folgenden Passage geht es um Gewaltfreiheit als Prinzip und
Gewaltfreiheit als Taktik, in erheblichem Maß kontrovers im ANC. Es wird deutlich,
dass Mandela, ungeachtet seiner Wertschätzung, den Weg Gandhis in Südafrika nicht
für praktikabel hält.
Zu Richard Stengel: Er arbeitete mit Mandela an dessen Autobiographie Der lange

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Weg zur Freiheit, Fischer Verlag Frankfurt /Main 1994 . Wer Genaueres über Mandela
erfahren will, sollte zunächst diese Autobiographie lesen.

Ich besprach die Angelegenheit mit Genosse Walter Sisulu ... und sagte zu ihm:
"Wenn du in die Volksrepublik China kommst, musst du den Chinesen sagen, dass wir
beabsichtigen, den bewaffneten Kampf aufzunehmen, und dass wir Waffen brauchen",
und dann hielt ich eine Rede in Sophiatown. Ich wurde dafür kritisiert, aber ich war
überzeugt, dass das die richtige Strategie für uns war. Und als ich im Untergrund
war, sprach ich darüber mit Genosse Walter, und wir entschieden, die Frage bei der
nächsten Sitzung des Arbeitskomitees anzusprechen ... Ich zog den Kürzeren, denn
Moses Kotane - der Sekretär der Partei - brachte das Argument, dass die Zeit noch
nicht reif sei ... und alle anderen unterstützten ihn ... Ich sagte zu ihm (Kotane)
freimütig: "Du tust genau dasselbe, was die Kommunistische Partei in Kuba getan
hat - sie sagte immer, dass die Bedingungen für eine Revolution noch nicht gegeben
sind. Nach den alten Methoden, die von Stalin befürwortet wurden, versuchte sie
festzustellen, wann eine revolutionäre Situation vorhanden ist, das heißt nach den
Methoden von Lenin und Stalin. Aber wir hier müssen aus unserer eigenen Situation
heraus entscheiden ... Die Menschen bilden bereits Kampfverbände, um Gewaltakte
zu begehen. Auch wenn wir das nicht tun, werden sie dennoch damit fortfahren. Sie
haben nicht die Mittel, sie haben nicht die Erfahrung, sie haben keinen politischen
Apparat, der eine solche Entscheidung umsetzen kann. Die einzige Organisation, die
das kann, ist der Afrikanische Nationalkongress, auf den die Volksmassen hören" ...
Ich brachte ihn tatsächlich ins Wanken ... Wir fuhren nach Durban zur Sitzung des
Exekutivkomitees des ANC. Dort sprach sich der Häuptling Albert Luthuli ... und
andere vehement gegen unseren Vorschlag aus. Uns wurde klar, dass der Häuptling
eine gänzlich andere Position hatte, er glaubte an die Gewaltlosigkeit als Prinzip,
während wir sie als eine Taktik betrachteten - aber das konnten wir vor dem Gericht
nicht sagen. Vor dem Gericht beim Hochverratsprozess erklärten wir, dass wir
prinzipiell für Gewaltlosigkeit seien, denn wenn wir gesagt hätten, dass sie für uns
nur eine Taktik war, hätte dies dem Staat die Möglichkeit eröffnet, uns jedes Mal,
wenn sie gegen uns vorgingen, vorzuwerfen, wir würden Gewalt anwenden, und das
hatten wir ja praktisch auch getan. Daher vermieden wir das, aber nur aus dem
genannten Grund. Wir betrachteten Gewaltfreiheit immer schon als Taktik. Wo die

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Bedingungen verlangten, dass wir gewaltfrei vorgingen, taten wir das; wo sie
verlangten, dass wir die Gewaltfreiheit aufgaben, taten wir das auch.

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4) Erstreiten besserer Haftbedingungen.

Aus einem auf Januar 1977 datierten Brief, der aus dem Gefängnis geschmuggelt und
Rechtsanwälten in Durban übergeben wurde.
An die Herren Rechtsanwälte Seedat, Pillay und Co., Durban.
Ich beabsichtige beim Obersten Gerichtshof der Kapprovinz Klage gegen das
Departement of Prisons einzureichen. Das Ziel ist eine Erklärung zu unseren Rechten
und ein gerichtliches Verbot, das den Gefängnisbehörden untersagt, ihre Befugnisse
zu missbrauchen und mich und meine Mitgefangenen politischer Verfolgung zu
unterwerfen sowie andere Unregelmäßigkeiten zu begehen ... Ich bat den
Commanding Officer (C.O.), Colonel Roelofse, in einem Schreiben vom 7.Oktober
1976 um die Erlaubnis, meine Rechtsanwälte mit der Klageerhebung beauftragen zu
dürfen. Der Antrag wurde abgewiesen, und mir blieb keine andere Wahl, als diesen
Brief aus dem Gefängnis zu schmuggeln ... Hier ist die Zusammenfassung des
Briefes:

Missbrauch von Befugnissen.
Sowohl Colonel Roelofse als auch Leutnant Prins, der Head of Prison, haben
Mitgefangenen, die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen angehören, im
Einzelzellenbereich, in dem ich lebe, systematisch rassistisches Gedankengut
gepredigt und versucht, gegen uns gerichtete Feindseligkeiten zu schüren ... .

Zensur der Ausgangspost.
Die Geburtstagskarte, die ich meiner Tochter im Dezember 75 schickte, ist, wie das
bereits in der Vergangenheit häufig vorgekommen ist, nicht bei ihr eingetroffen. Im
vergangenen Februar schrieb ich an meine Frau und bedauerte dies. Ich erwähnte
auch die Fotos, die mir meine Tochter wiederholt geschickt hatte und die spurlos
verschwanden. Der Commanding Officer beanstandete diesen Abschnitt. Meine

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Tochter spielt Rugby, und in einem weiteren Briefe riet ich ihr, auf ihre Ernährung zu
achten. Ich wurde gebeten, diese Passage zu entfernen. Meine Großnichte wollte Jura
studieren und strebte einen Abschluss als Bachelor an. Ich schrieb an Mrs. F.
Kentrigde, die in Johannesburg als Anwältin zugelassen ist, und bat sie, die
angehende Studentin zum Rechtswesen als Berufsfeld für Frauen zu beraten.
Leutnant Prins bat mich zunächst, diesen Abschnitt zu entfernen, und einige Wochen
später, nachdem ich den geänderten Brief eingereicht hatte, teilte man mir mit, dass
er ihr nicht zugestellt werde, weil das Department inzwischen Einwände gegen diese
Person erhebe ...

Zensur der Eingangspost.

Die schlimmsten Übergriffe in Sachen Briefzensur betreffen die eingehende
Korrespondenz, und in diesem Bereich sind der C.O. und seine Mitarbeiter weit übers
Ziel hinausgeschossen. Die Zensur ist bösartig und rachsüchtig und ... weder von
Sicherheits- noch von disziplinarischen Überlegungen motiviert, auch nicht vom
Bestreben, unser Wohlergehen zu fördern. Ich sehe sie als Teil einer Kampagne
systematischer politischer Verfolgung und als Versuch, uns über das Geschehen
außerhalb des Gefängnisses in Unkenntnis zu halten, sogar in Bezug auf unsere
eigenen Familien. Der C.O. ist nicht nur bestrebt, uns vom kraftvollen Zustrom der
Freundlichkeit und Unterstützung abzuschneiden, der in den 14 Jahren meiner
Inhaftierung in Form von Besuchen, Briefen, Postkarten und Telegrammen
ununterbrochen hier angekommen ist. Er will uns auch bei unseren Familien und
Freunden in Misskredit bringen, indem er uns als unzuverlässige Personen darstellt,
die weder den Eingang von Briefen bestätigen, die ihnen geschickt wurden, noch sich
mit den wichtigen Dingen beschäftigen, die ihnen von den Briefschreibern mitgeteilt
wurden. Die bei der Briefzensur praktizierte Doppelmoral ist außerdem feige und
darauf angelegt, bei der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, unsere
Ausgangspost würde nicht zensiert. Dabei wird von uns verlangt, dass wir sie neu
schreiben, sobald es irgendeinen Punkt gibt, der den Gefängnisbehörden missfällt,
sodass auch jeder Hinweis wegfällt, dass sie massiv zensiert wurden. Eingehende
Briefe werden grob zusammengeschnitten, Wörter werden ganz nach Belieben des
Zensors weggekratzt. Nichts wird Ihnen das Ausmaß der Beschädigungen

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eingehender Post besser verdeutlichen als eine persönliche Inspektion. Viele Briefe
meiner Frau bestehen aus einzelnen Streifen mit unzusammenhängenden
Informationen, die selbst in einer Akte nur schwer aufzubewahren sind ... Einige ihrer
Briefe wurden vom C.O. des Gefängnisses in Kroonstad, wo meine Frau eine
sechsmonatige Haftstrafe verbüßt, in die Post gegeben, aber noch am selben Ort
massiv zensiert.
Was ich jedoch zutiefst verachte, ist, dass wir zu Zwangsteilnehmern einer Praxis
gemacht werden, die auf schlichter Unehrlichkeit beruht. Es ist unmoralisch, wenn
der C.O. Briefe unserer Familien und Freunde zurückhält oder zerstört und
gleichzeitig verhindert, dass wir ihnen mitteilen, was er tut. Ich finde es gefühllos,
wenn man unsere Leute weiterhin Geld, Zeit, Energie, Wohlwollen und Liebe für
Briefe und Postkarten vergeuden lässt, von denen der C.O. weiß, dass wir sie nie
erhalten werden ... Sie müssen eine öffentliche Erklärung herausgeben, in der Sie die
Politik Ihres Departments eindeutig definieren, genauer darlegen, was Sie für
beanstandenswert halten, und den Personenkreis benennen, der uns nicht schreiben
und auch keine Grußbotschaften schicken darf.

Das Verschwinden von Briefen beim Transport.
Beim Transport verschwinden viel zu viele Briefe, um das noch mit Mängeln im
Postdienst und mit der unvernünftigen und hartnäckigen Weigerung des C.O., uns
den Versand per Einschreiben zu erlauben, erklären zu können. Ich muss hier zu der
Schlussfolgerung kommen, dass ihr Verschwinden kein Zufall ist.

Besuche.
Selbst in diesem Bereich gehen die Maßnahmen, die der C.O. bei der Überwachung
von Gesprächen zwischen Gefangenen und Besuchern ergreift, über die
Sicherheitsanforderungen hinaus. Es ist eine eklatante Form der Einschüchterung,
wenn man einer Besucherin vier, manchmal sogar sechs Wärter an die Seite stellt, die
sie drohend anschnaufen oder anstarren. Es ist meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass
unter meinen Mitgefangenen die Überzeugung weit verbreitet ist, dass bei diesen
Besuchen eine Abhörvorrichtung eingesetzt wird, die alle Gespräche aufzeichnet,
auch die vertraulichen Dinge, die nur Ehemann und Ehefrau betreffen. Sollte das
zutreffen, gibt es kaum noch irgendeine Rechtfertigung für die Machtdemonstration,
die im Allgemeinen mit solchen Besuchen verbunden ist ...

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Verbot der Korrespondenz mit politischen Gesinnungsgenossen.
Leutnant Prins hat mir jetzt mitgeteilt, dass wir mit niemandem kommunizieren
dürfen, der dem Department als unser politischer Verbündeter bekannt ist. Dasselbe
gilt für Verwandte anderer Gefangener, und der Inhalt der Briefe spielt dabei keine
Rolle ... .

Geld, das den Gefangenen zugeschickt wird.
Unter den Gefangenen besteht der allgemeine Eindruck, dass der C.O. und die
Sicherheitspolizei mit unserem Geld eine eigene Kasse führen. Leutnant Prins
schickte am 31. Mai 1976 eine Nachricht, mit der er mitteilte, dass am 5. November
1975 ein von Mr. und Mrs. Matlhaku geschickter Betrag von 30 Rand eingegangen
sei. Es wurde keine Erklärung dafür gegeben, warum er mir dieses Jahr wiederholt
sagte, das Geld sei nicht eingetroffen, noch wusste er zu sagen, warum der Betrag auf
dem Kontoauszug, der mir von der Buchhaltung zuging, nicht als meinem Konto
gutgeschrieben ausgewiesen wurde. Ich muss Ihnen mitteilen, dass die nachlässige
Art, mit der meine Beschwerden behandelt wurden, und die großen Verzögerungen
bei der Beschaffung einfacher Informationen zu im Prinzip treuhänderisch zu
verwaltenden Geldern eine ernsthafte Angelegenheit sind, die Sie so bald wie
möglich untersuchen sollten, um den Ruf Ihrer Behörde zumindest in dieser
besonderen Sache wiederherzustellen ...

Der COP (Commissioner of Prisons) besucht die Gefangenen auf Robben Island
nicht.
Dass Sie die Insel nicht besuchten und uns nicht die Gelegenheit gaben, diese
Probleme mit Ihnen direkt zu besprechen , verschlimmert die oben beschriebenen
Übergriffe noch. Ein Besuch durch andere Behördenvertreter aus dem Hauptquartier
kann - wie auch immer ihr Rang sein mag - kein Ersatz für einen persönlichen
Besuch des Behördenleiters sein ...

Wie in vielen anderen Ländern auch entzweit eine Reihe von Problemen die
Gefangenen und die Vollzugsbeamten. Ich bin mit der Politik der Behörde, die Sie
leiten, nicht einverstanden. Ich verabscheue die weiße Vorherrschaft und werde sie
mit jeder mir verfügbaren Waffe bekämpfen. Aber selbst wenn der Konflikt zwischen

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Ihnen und mir die extremste Form angenommen hat, würde ich mit Ihnen gerne um
Grundsätze und Ideen kämpfen, und zwar ohne persönlichen Hass, sodass ich Ihnen
am Ende der Auseinandersetzung, wie auch immer das Ergebnis ausfallen wird, stolz
die Hand reichen kann, weil ich das Gefühl habe, dass ich es mit einem aufrechten
und ehrenwerten Gegner zu tun hatte, der sich an die Regeln hielt, die Ehre und
Anständigkeit vorgeben. Wenn Ihre Untergebenen sich jedoch weiterhin dieser üblen
Methoden bedienen, wird sich unweigerlich ein Gefühl echter Verbitterung und
Verachtung einstellen ...

Beinahe vergaß ich, Ihnen mitzuteilen, dass mich der C.O. am 9. September davon
unterrichtete, dass er einen auf den 26. August datierten Brief des COP erhalten
habe, in dem dieser erklärte, dass er die Vorgehensweise der Verwaltung auf dieser
Insel für korrekt halte und die Beschwerden von Einzelpersonen, die in den
Gefängnissen des Landes inhaftiert seien, nicht untersuchen könne. Der COP gab mit
dieser Antwort seinen offiziellen Segen zum Missbrauch von Befugnissen, zur
systematischen Verfolgung und zu anderen, in meinem Brief vom 12. Juli erwähnten
Verstößen.

Abschließend möchte ich Sie noch wissen lassen, dass dieser Auftrag nur durch mich
persönlich widerrufen wird, und zwar ... entweder mit meiner Unterschrift oder
direkt während eines Gesprächs mit einem Vertreter Ihrer Kanzlei.

Hochachtungsvoll
N R Mandela 466/64
Januar 1977.
                                                           Bekenntnisse, Seite 195ff
5) ....
6) ....

7) Bilanz der Präsidentschaft

Männer und Frauen, überall in der Welt, Jahrhundert für Jahrhundert, kommen und
gehen. Manche hinterlassen nichts, nicht einmal ihren Namen. Es scheint, als hätte es
sie nie gegeben. Andere lassen etwas zurück: die quälende Erinnerung an Untaten,

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die sie an anderen verübten; schwere Verstöße gegen die Menschenrechte, die nicht
halt machen vor Unterdrückung und Ausbeutung ethnischer Minderheiten ... bis hin
zum Völkermord ... Der moralische Verfall mancher Gemeinschaften in
verschiedenen Teilen der Welt offenbart sich unter anderem darin, dass Taten, die von
der ganzen Welt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt werden, mit dem
Hinweis auf Gott gerechtfertigt werden.

Unter den vielen, die sich im Lauf der Geschichte dem Kampf der Freiheit in allen
Facetten verschrieben haben, sind solche, die eine unbesiegbare Befreiungsarmee
befehligt, aufwühlende Militäraktionen durchgeführt und enorme Opfer gebracht
haben, um ihr Volk vom Joch der Unterdrückung zu befreien und den Menschen zu
einem besseren Leben zu verhelfen, indem sie insbesondere in ländlichen Gebieten
Arbeitsplätze schufen, Häuser, Krankenhäuser und Schulen bauten und Strom und
sauberes, gesundes Wasser zugänglich machten. Ihr Ziel war es, die Kluft zwischen
den Reichen und Armen, den Gebildeten und den Ungebildeten, den Gesunden und
denen, die an vermeidbaren Krankheiten leiden, zu beseitigen. Als die reaktionären
Regimes schließlich gestürzt waren, versuchten die Befreier, so gut sie irgend
vermochten und so weit es ihre Mittel zuließen, diese hehren Ziele umzusetzen und
eine saubere Regierung einzuführen,
die frei ist von jeglicher Korruption. So gut wie jedes Mitglied der unterdrückten
Gruppe war voller Hoffnung, dass die lang gehegten Träume Wirklichkeit würden
und dass sie zu gegebener Zeit Menschenwürde, die ihnen Jahrzehnte oder gar
Jahrhunderte vorenthalten worden waren, wiedererlangen würden.

Aber die Geschichte spielt auch den erfahrensten und berühmtesten
Freiheitskämpfern immer wieder einen Streich. Häufig sind einstige Revolutionäre
der Gier verfallen, und der Drang, öffentliche Gelder zur persönlichen Bereicherung
abzuzweigen, trug am Ende des Sieg davon. Indem sie großen persönlichen Reichtum
anhäuften und die hehren Ziele, die sie einst berühmt gemacht hatten, verrieten,
ließen sie die Massen des Volkes im Grunde im Stich und schlugen sich auf die Seite
der einstigen Unterdrücker, die sich bereichert hatten, indem sie die Ärmsten der
Armen ausbeuteten.

Einmütiger Respekt und sogar Bewunderung gilt all denen, die von Natur aus

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bescheiden und einfach sind und absolutes Vertrauen in alle Menschen haben,
unabhängig von ihrem sozialen Stand. Das sind Männer und Frauen, bekannte oder
unbekannte, die in jeder Form der groben Menschenrechtsverletzung, egal, wo in der
Welt solche Exzesse geschehen, den absoluten Krieg erklärt haben. Sie sind meist
optimistisch und gehen davon aus, dass es in jeder Gemeinschaft auf der Welt gute
Männer und Frauen gibt, die auf der Suche nach dauerhaften Lösungen den Frieden
als mächtigste Waffe betrachten. Die tatsächliche Lage vor Ort rechtfertigt bisweilen
den Einsatz von Gewalt, den auch gute Männer und Frauen nur schwer vermeiden
können. Aber auch in solchen Fällen wäre die Gewalt eine außergewöhnliche
Maßnahme, deren wichtigstes Ziel es ist, das erforderliche Umfeld für friedliche
Lösungen zu schaffen. Auf solchen guten Männern und Frauen ruht die Hoffnung der
Welt. Ihre Bemühungen und Leistungen werden über ihren Tod und auch weit über
die Grenzen ihres Landes hinaus anerkannt; sie werden unsterblich.

Nach der Lektüre einer Reihe von Autobiographien habe ich den Eindruck gewonnen,
dass die Autobiographie nicht nur eine Auflistung von Ereignissen und Erfahrungen
ist, mit denen eine Person zu tun hatte, sondern dass sie auch als Blaupause dient, an
der andere gut ihr Leben ausrichten können.

Dieses Buch erhebt diesen Anspruch nicht, da es nichts zu hinterlassen hat. Als
junger Mann vereinte ich in mir alle Schwächen, Fehler und Unbedachtheiten eines
Jungen vom Land, dessen Sichtweisen und Erfahrungen überwiegend von den
Ereignissen in der Region beeinflusst wurden, in der ich aufwuchs, und in den
Colleges, auf die man mich schickte. Hinter Arroganz versteckte ich meine
Schwächen. Als Erwachsener erhoben meine Genossen mich und andere
Mitgefangene, mit wenigen wichtigen Ausnahmen, aus dem Dunkel entweder zu
einem Schreckgespenst oder zu einem Mysterium, obwohl die Aura, weltweit einer
der am längsten inhaftierten Gefängnisinsassen zu sein, nie ganz verschwand.

Ein Thema, das mir im Gefängnis große Sorge bereitete, war das falsche Bild, das ich
unabsichtlich der Außenwelt vermittelte: dass man mich als Heiligen betrachtete.
Das war ich nie, auch nicht nach einer weltlichen Definition des Heiligen als eines
Sünders, der am Ball bleibt.
                                                           Bekenntnisse, Seiten 405ff

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