Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten von Männer*schutz- und Unterstützungseinrichtungen - CORA
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Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz Erna-Berger-Str. 17 E-Mail: 01097 Dresden info@maennergewaltschutz.de Telefon: Web: 0049-351-27566889 www.maennergewaltschutz.de Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten von Männer*schutz- und Unterstützungseinrichtungen Nummer 2 der Publikationsreihe Männer*gewaltschutz Erarbeitet von: Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz Jana Peters, Dr. Anne-Marie B. Gallrein Erstellung: April 2021 * Wir berücksichtigen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt.
Inhalt
Vorwort 2
1. Männer*spezifische Barrieren der Hilfesuche 3
2. Niedrigschwelligkeit von Männer*schutz- und Unterstützungseinrichtungen 4
2.1 Räumliche Niedrigschwelligkeit 6
2.2 Inhaltlich-interaktive Niedrigschwelligkeit 8
2.3 Personale Niedrigschwelligkeit 9
2.4 Situative Niedrigschwelligkeit 12
3. Öffentlichkeitsarbeit 14
4. Netzwerkarbeit 16
5. Fazit 17
6. Ausblick 19
Abkürzungsverzeichnis 20
Literaturverzeichnis 21
1Vorwort
Männer*! Ihr Fehlen wird in nahezu jedem sächsischen Lagebild „Häusliche Ge-
Unterstützungsangebot beklagt, sei es walt“ von 2019, das Gewalt im sozialen
Gesundheitsvorsorge, (Sozial-)Beratung, Nahraum berücksichtigt, waren 29,5 %
männer*spezifische Beratung, Psychothe- der Betroffenen ab 18 Jahren männlich.3
rapie etc. Sie seien nicht erreichbar und Der Anteil betroffener Männer* ist, auch
„finden sich erst dann in Beratungsein- wenn sich der Großteil häuslicher Gewalt
richtungen ein, wenn die Ehe bereits ge- gegen Frauen* richtet, alles andere als
schieden, der Arbeitsvertrag Gegenstand gering, zumal diese Zahlen nur Vorfälle
juristischer Auseinandersetzungen, die Er- abbilden, die polizeilich zur Anzeige ge-
krankung diagnostiziert, die Unfallfolgen bracht wurden. Das Dunkelfeld wird um
bekannt, der Konkurs angemeldet oder einiges größer sein, denn auch heute fällt
1
Christ; Mitterlehner der Kontakt zu den Kindern verloren ist.“1 es vielen Männern* noch schwer, sich
2013, S. 163 Hilfe zu holen, wenn sie Opfer von Ge-
2
Bundeskriminal-
Dieser Problematik müssen sich auch walttaten geworden sind, v. a. wenn sie
amt 2020, S. 6 Männer*schutzeinrichtungen (MSE) und von häuslicher Gewalt betroffen sind.4
Beratungsstellen mit dem Fokus Män-
Landeskriminalamt
Wie kann man nun (gewaltbetroffene)
3
ner*gewaltschutz stellen. MSE bieten von
Sachsen 2020
häuslicher Gewalt betroffenen Männern* Männer* erreichen? Im Rahmen der On-
4
Vgl. Fiedeler 2020, und deren Kindern vorübergehend Wohn- line-Fachtagung Männer*gewaltschutz
S. 254 raum und Schutz. Begleitende Beratung in Deutschland 20205 tauschte sich die
und Unterstützung in den MSE ermöglicht BFKM mit Praktiker*innen aus dem Tä-
5
Bundesfach- und
Koordinierungsstelle es den Männern* sich mit ihren Problemen tigkeitsfeld Männer*gewaltschutz zu die-
Männergewalt- auseinanderzusetzen, Handlungsalterna- ser Thematik aus. Im Workshop Niedrig-
schutz 2020b; tiven zu entwickeln und ggf. die gewalt- schwelligkeit6 der Fachtagung wurden
2020e
belastete Beziehung zu verlassen. Derzeit weitere Erfahrungen dazu mit den Teil-
6
Bundesfach- und gibt es in Deutschland neun MSE mit ins- nehmenden diskutiert und zusammenge-
Koordinierungsstelle gesamt 29 Plätzen in Baden-Württemberg, tragen. Dabei wurde angenommen, dass
Männergewalt-
Bayern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfa- es neben allgemeinen Hürden, die Ge-
schutz 2020c
len und Sachsen. Das Bundesministerium waltbetroffene egal welchen Geschlechts
für Familie, Senioren, Frauen und Jugend daran hindern können Hilfe zu suchen,
(BMFSFJ) unterstützt seit Oktober 2019 auch spezifische Mechanismen gibt, die
die bundesweite Errichtung weiterer MSE v. a. Männer* daran hindern können, sich
und fördert dazu die Bundesfach- und Ko- als Betroffene* häuslicher Gewalt Unter-
ordinierungsstelle Männergewaltschutz stützung zu suchen. Deswegen braucht
(BFKM) und somit auch die vorliegenden es Überlegungen zu männer*spezifischen
Fachempfehlungen. Beratungsangebo- niedrigschwelligen Zugänge für die Arbeit
te mit dem Fokus Männer*gewaltschutz mit gewaltbetroffenen Männern* in MSE
sprechen Männer direkt als Zielgruppe an und Beratungsstellen mit dem Fokus Män-
und sind spezialisiert darauf, Jungen* und ner*gewaltschutz. Die Ideen, Erkenntnisse
Männer*, denen (häusliche) Gewalt wider- und Ansätze des Online-Fachtags wurden
fahren ist, zu unterstützen. durch eine Literaturrecherche angerei-
chert und in den nachfolgend ausgearbei-
Im Jahr 2019 sind laut Bundeskriminal- teten Fachempfehlungen dargestellt.
amt 19,0 % der Betroffenen von Part-
nerschaftsgewalt Männer*.2 Das sind Dabei wurden möglichst vielfältige
26.889 betroffene Männer*. Nach dem Männlichkeiten und unterschiedliche
2 Niedrigschwelligkeit in Hilfeangebotenmännliche* Lebenswelten berücksich- Rahmenbedingungen ebenso niedrig-
tigt. Dennoch liegt es auch in der Natur schwellig für Frauen* sein könnten. Die
der Sache, an mancher Stelle zu ver- vorliegenden Empfehlungen sind daher
einfachen, um konkrete Empfehlungen keinesfalls abschließend gemeint, son-
zu ermöglichen. Selbstverständlich ist dern sollen vielmehr dazu anregen sich
nicht jedes Angebot passend für jeden mit den eigenen Vorstellungen zur Er-
Mann*. Es gilt auch zu betonen, dass reichbarkeit der eigenen Einrichtung aus-
„männer*spezifische niedrigschwellige“ einanderzusetzen.
1. Männer*spezifische Barrieren
der Hilfesuche
Verschiedene individuelle und gesell- sein für diese Thematik. Dadurch nehmen
schaftliche Barrieren können dazu führen, viele Betroffene an, sie seien die einzigen,
dass häusliche Gewalt verschwiegen wird denen häusliche Gewalt widerfahren kann.
und Männer* Schwierigkeiten haben Hilfe Eine Untersuchung aus Niedersachsen
in Anspruch zu nehmen. Neben Mecha- legt nahe, dass viele betroffene Männer*
nismen, die unabhängig vom Geschlecht sich nicht einmal im eigenen Umfeld einer
der betroffenen Person wirken (z. B. Hoff- dritten Person (z. B. Freund*innen, Famili-
nung, dass der*die gewalttätige Part- enangehörigen, Bekannten) anvertrauen.8
ner*in sich ändert oder der Wunsch, dass Zeitgleich scheinen Männer* Gewalthand-
die Familie zusammenbleibt), deuten sich lungen in der Beziehung nicht immer als
einige männer*spezifische Barrieren an.7 solche wahrzunehmen und betrachten 7
Vgl. Walter u. a.
So präg(t)en in unserer Gesellschaft tra- diese als normalen „Beziehungsstress“.9 2007, S. 142 f.
ditionelle Geschlechtervorstellungen die Hinzu kommt bei vielen Betroffenen auch 8
Vgl. Pfeiffer; Seifert
bisherige Sozialisation vieler Männer*: die Angst, dass ihnen beim Aufsuchen von 2014, S. 26
Männer* seien u. a. stark, unverletzlich, Hilfe nicht geglaubt wird („Täterschaft ist
3
Vgl. Fiedeler 2020,
mächtig und Macher, die ihre Probleme männlich und Opferschaft ist weiblich“10).
S. 256; Walter u. a.
selbst lösen würden. Opfer (häuslicher Eine weitere Angst männlicher Betroffe- 2007, S. 142
Gewalt) könnten Männer* daher allein ner* in heterosexuellen Beziehungen be-
schon auf Grund ihrer körperlichen Grö- steht darin, dass die Partnerin Maßnah- 10
Walter u. a. 2007,
S. 143
ße und Überlegenheit nicht sein. Hilfsbe- men ergreift, denen gegenüber sich die
dürftig oder gar ein Opfer zu sein, gilt zu- Betroffenen* auf Grund ihres Geschlechts 11
Vgl. ebd., S. 143
dem als unmännlich. Die Zuwendung zu ohnmächtig und machtlos fühlen, z. B.
Unterstützungs- und Hilfsangeboten ist Entzug der Kinder oder Gegenvorwürfe,
für Männer* besonders schambehaftet, denen in Augen der Betroffenen* dann
kommt sie doch in vielen Augen einem mehr Glauben geschenkt werden würde.11
Eingeständnis von Schwäche und einem Außerdem scheinen die wenigsten Män-
Verlust der Männlichkeit gleich. Zusätz- ner* zu wissen, dass es männer*spezi-
lich werden Männer* als Opfer häuslicher fische Hilfeangebote, wie z. B. MSE oder
Gewalt in der Gesellschaft kaum sichtbar, Beratungsstellen mit dem Fokus Män-
d. h. es gibt wenig öffentliches Bewusst- ner*gewaltschutz gibt.
Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten 32. Niedrigschwelligkeit von
Männer*schutz- und Unterstüt-
zungseinrichtungen
Der Begriff Niedrigschwelligkeit (wie auch Jungnitz und Willi Walter (Trio Virilent).14
Hochschwelligkeit) bezieht sich inhaltlich Ihre Erkenntnisse leiteten sie u. a. aus
auf die „Bedingungen des Zugangs zu einer Beratungsaktion für Männer* zum
und der Inanspruchnahme von Hilfeange- Thema Sexualität in den 90ern in Berlin
boten oder -maßnahmen für KlientInnen auf dem Breitscheidplatz ab. Das Span-
12
Mayrhofer 2012, bzw. AdressatInnen“12 Die Metapher der nende war: Trotz anhaltenden Regens
S. 147 Schwelle verdeutlicht, dass der Zutritt zu entstand nach kurzer Zeit eine Schlan-
13
Vgl. ebd., S. 147
Hilfe- und Unterstützungsangeboten mehr ge beratungswilliger Männer*. Auch in
oder weniger schwer sein kann, je nach- den Gesprächen selbst wurde ein gro-
14
Jungnitz u. a. dem wie hoch bzw. niedrig die Schwelle ßer Beratungsbedarf sichtbar, obwohl
1995; Trio Virilent
ist, die Adressat*innen beim Eintritt be- die damals in Berlin existierenden Män-
2001. Das Trio Viri-
lent ist nicht mehr hindert. Niedrigschwellige Angebote bzw. ner*beratungsangebote eher unbesucht
in dieser Formation Maßnahmen sind im übertragenen Sinne blieben.
aktiv. Alle Beteilig- daher möglichst voraussetzungsarm und
ten verfügen über
richten niedrige Anforderungen an Betrof-
anerkannte Exper-
tise im Bereich Män- fene, um Zugang zur Unterstützungsleis-
ner*gewaltschutz, tung zu erhalten. Dabei muss beachtet
Männer*beratung werden, an wen sich die Angebote rich-
und Männer*ge-
sundheit.
ten sollen, denn während manche Perso-
nen(gruppen) eine Schwelle problemlos
15
Trio Virilent 2001, überschreiten können, schaffen dies an-
S. 251
dere nicht.13
16
Vgl. ebd., S. 252 f.
Niedrigschwelligkeit bedeutet in die-
sen Fachempfehlungen demnach die Abbildung 1: Ironische Aktion des Trio Virilent, Berlin
schnelle, voraussetzungsarme, leichte, 1993 (Quelle: Jungnitz u. a. 1995, S. 15)
möglichst unbürokratische Zugänglich-
keit zu und Erreichbarkeit von Hilfean- Daraufhin konstatierten die Autoren*: „Um
geboten für gewaltbetroffene Männer* sich zu öffnen und über intime Themen
und nicht die Barrierefreiheit für Men- persönlich reden zu können oder sich be-
schen mit Behinderungen. Es handelt raten zu lassen, brauchen Männer män-
sich um begünstigende Rahmenbedin- nerspezifische Rahmenbedingungen.“15
gungen und Gestaltungen von Hilfepro- Sie definierten vier Aspekte der Niedrig-
zessen, die den einzelnen, Hilfe oder schwelligkeit für Männer*beratung, die
Rat suchenden Mann* zum Erstkontakt unterschiedliche Ansatzpunkte män-
motivieren und aktivieren können. ner*spezifischer Rahmenbedingungen
beschreiben: die räumliche, die inhaltlich-
Mit Abstand die Ersten, die beschrie- interaktive, die personale und die situative
ben, wie Unterstützungsangebote für Niedrigschwelligkeit.16
Männer* niedrigschwellig gestaltet wer-
den können, waren Stefan Beier, Ludger
4 Niedrigschwelligkeit in HilfeangebotenSpätere Betrachtungen von Niedrig- Diese lassen sich den vier beschriebe-
schwelligkeit in der Sozialen Arbeit nen Kategorien zuordnen und es zeigt,
haben keinen spezifischen Bezug zur dass die Unterteilung in verschiedene
männlichen* Zielgruppe, kommen jedoch Dimensionen von Niedrigschwelligkeit
teilweise zu ähnlichen Umsetzungsdi- vor allem ein hilfreiches Gedankengerüst
mensionen.17 Auch in den Feldern der ist, um Überlegungen zur Erreichbarkeit Vgl. Mayrhofer
17
Gesundheitsprävention, psychosozialen der eigenen Einrichtung für Männer* zu 2012, S. 159 f.
Beratung und Psychotherapie18 wird rege erleichtern. Konkrete Maßnahmen sind 18
Vgl. Sonnenmoser
diskutiert, inwieweit Unterstützungsan- daher nicht immer trennscharf zuzuord- 2011, S. 405; Christ;
gebote männer*spezifisch und niedrig- nen, sondern können mehrere Aspekte Mitterlehner 2020,
S. 38; Eichenberg
schwellig gestaltet werden müssen, um der Niedrigschwelligkeit berühren.
2020, S. 174
betroffene Männer* besser zu erreichen.
Abbildung 2: Vier Dimensionen der Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten von Männer*schutz- und Unterstützungs-
einrichtungen (Quelle: BFKM 2021)
Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten 52.1 Räumliche Niedrigschwelligkeit
Räumliche Niedrigschwelligkeit heißt im wohnung weiterhin gewahrt wird.
Allgemeinen, dass es keine oder sehr Die Beratungsörtlichkeiten sind eben-
geringe Voraussetzungen gibt, um das erdig und leicht zugänglich. Große
Unterstützungsangeboten räumlich zu Schaufenster ermöglichen noch vor
erreichen bzw. sich in einem bestimm- Betreten der Räume einen Blick ins
19
Mayrhofer 2012, ten Raum aufzuhalten.19 Männer* bevor- Innere. Weitere Räume für Beratun-
S. 147 zugen im speziellen für persönlich nahe- gen und Büroarbeiten befinden sich in
Vgl. Trio Virilent
20 gehende Gespräche den halböffentlichen nicht direkt sichtbaren Zimmern.
2001, S. 252 f. Raum, seien das doch Orte, in denen In offenen, ohne Anmeldung zu-
sich Männer* gewohnter Weise unterei- gänglichen Warte- oder Aufenthalts-
21
Vgl. Mayrhofer
nander austauschen (bspw. im Sportver- räumen liegt Informationsmaterial
2012, S. 163
ein, in Bars und Kneipen).20 Beratungen aus, so dass sich Betroffene und
22
Vgl. Christ; unter vier Augen können einen gewissen Interessierte informieren aber auch
Mitterlehner 2013, Aufmerksamkeitsdruck vermitteln oder zurückziehen können, ohne dass sie
S. 182 f. ;Mayrhofer
Redepausen mit peinlicher Stille provo- dabei ihr Gesicht verlieren (vgl. auch
2012, S. 163
zieren, denen sich Männer* eher ungern inhaltlich-interaktive Niedrigschwel-
23
WUKI Kriseninter- aussetzen. Orte im sozialräumlichen Um- ligkeit). Eine offene, einfache Raum-
vention gUG o. J feld bieten somit Ablenkungs- und Rück- struktur (z. B. keine verwinkelten
zugsmöglichkeiten bei unangenehmen Gänge) erleichtert sofort im „richtigen“
Gesprächsthemen. Hier können Inhalte Raum anzukommen.21
anderer Gespräche potenziell mitgehört Es gibt bestenfalls regelmäßig offe-
werden. Anders herum können die eige- ne Angebote in den Beratungsräum-
nen Gesprächsinhalte natürlich ebenso lichkeiten, z. B. Cafébetrieb an einem
von Dritten mitgehört werden. Gerade Nachmittag der Woche (Beratungsca-
zum Einstieg in einen späteren vertrau- fé). Hier ist es den Männern* möglich,
licheren Beratungsprozess können sich in das Thema hinein zu schnuppern
solche Gegebenheiten eignen. Dies be- und die Berater*innen und Örtlichkei-
deutet übertragen auf Hilfeangeboten von ten unverbindlich kennen zu lernen.
Männer*schutz- und Unterstützungsein- Die Räume der Beratung sowie der
richtungen folgendes: Schutzwohnung sollten für Männer*
ansprechend gestaltet sein und an ver-
Die Beratungsräume wie auch die traute Raumtypen „andocken“ (z. B.
Schutzwohnung sind infrastruktu- Warteräume, Geschäftsräume, Gast-
rell gut angebunden. Erstere sind für stuben, Wohnräume).22 Dabei sollten
Laufkundschaft gut auffindbar. Bera- vielfältige männliche* Lebenswelten
tungsangebote und Schutzwohnun- abgebildet werden. Beispiele können
gen sind auch im ländlichen Raum u. a. Bilder von Vätern* mit Kindern
verfügbar, so dass im Idealfall das oder Männern* in der Natur sein.
nächstgelegenste Angebote mit öf- In den Beratungsräumlichkeiten kann
fentlichen Verkehrsmitteln innerhalb männer*spezifische Literatur auslie-
von 60 Minuten zu erreichen ist. gen. Im Projekt WUKI Kriseninterven-
Die Beratungsräume sind örtlich von tion gUG23 wurde zudem erprobt, Kin-
der Schutzwohnung getrennt. So kön- derbücher zu Themen wie häusliche
nen diese Räume beworben und öf- Gewalt, Trennung, Erziehung u. ä. auf
fentlich zugänglich gemacht werden, männliche* Betroffenheit hin umzu-
wobei die Anonymität der Schutz- schreiben. Originale Bücher dazu seien
6 Niedrigschwelligkeit in Hilfeangebotenkaum verfügbar und die Umschrei- Beratungsstellen, Kooperationspart-
bung sei nach den Beobachtungen ner*innen, Ärzt*innen, Ämter, Bars
der Wuki gUG wirksam für Väter* und und Kneipen, Foyers von Einkaufs-
Kinder. zentren, Autohäuser, Orte im Frei-
Mit einem virtuellen Rundgang oder zeitbereich, wie Fitnesszentren und
mindestens Fotos der Wohnung und Vereine, Wettstudios, Spielotheken,
der Beratungsräume im Internet kön- Lions-Club u. ä., Kirchen, Züge oder
nen sich interessierte Männer* vorab Straßenbahnen sind gute Orte, um In-
ein Bild von der Einrichtung machen. formationsmaterial auszulegen. Dies
Für manche Männer* ist es hilfreich, muss vorab mit den Betreibenden ab-
das Angebot auf Webseiten oder Fly- gesprochen werden.
ern so zu formulieren, dass das Erst- Aufsuchende Beratungsangebote
gespräch in einem selbst gewählten z. B. Informationsstände in vertrauten
Setting (z. B. in einem Café oder eines Settings wie in Sportclubs und Bars,
Spaziergang) stattfinden kann. auf Stadtfesten und Marktplätzen, in
Flyer und Informationsmaterial befin- Kinovorräumen, bei Unternehmen, in
den sich auch vor der Eingangstür der Kirchen u. v. m. holen die Männer* dort
Beratungsräumlichkeiten – also bes- ab, wo sie jeweils gerade sind.
tenfalls direkt am öffentlichen Fußweg.
Checkliste räumliche Niedrigschwelligkeit
Gute infrastrukturelle Anbindung auch im ländlichen Raum
Trennung von Beratungsräumen und Schutzwohnungen
Offene, gut einsehbare Warte- bzw. Aufenthaltsräume ohne Anmel-
dung, Informationsmaterial drinnen und vor der Tür
Geschützte nicht direkt sichtbare Beratungsräume
Beratungsräume und ggf. Schutzwohnungen online mit Fotos präsentieren
Regelmäßige offene Angebote in den Beratungsräumen (z. B. Bera-
tungscafé)
Ansprechende Gestaltung der Räumlichkeiten unter Beachtung viel-
fältiger Männlichkeiten
Auslegen männer*spezifischer Literatur
Angebot selbstgewählter Beratungssettings (z. B. Spaziergang)
Aufsuchende Beratungsangebote in vertrauten Settings (z. B. Stadt-
feste, Kinovorräume, Sportclubs, etc.)
Informationsmaterial dort auslegen, wo Männer* sind
Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten 72.2 Inhaltlich-interaktive Niedrigschwelligkeit
Männer* sind leichter für Beratung zu kennenlernen. Dadurch wird auch das
gewinnen, wenn sie in einem mehrstu- Umfeld sensibilisiert und Freund*in-
figen Prozess an die Beratung herange- nen und Bekannte können stark ge-
24
Vgl. Trio Virilent führt werden.24 Eine Kontaktaufnahme macht werden, von Gewalt betroffene
2001, S. 253 f. kann z. B. sachbezogen erfolgen, um Personen anzusprechen und ihnen zu
25
Ebd., S. 255
so zunächst über etwas Drittes, d. h. helfen.
ein Sachthema, „nebeneinander“ ins Ge- Das bundesweit verfügbare Männer-
26
Vgl. Mayrhofer spräch zu kommen. So kann Vertrauen hilfetelefon27 bzw. weitere regionale
2012, S. 169
aufgebaut werden, und langsam von ei- Hilfetelefone28 bieten eine Möglich-
27
Ministerium für nem „Nebeneinander“-Setting zu einem keit zum anonymen Erstkontakt (vgl.
Heimat, Kommuna- „face-to-face“-Setting gewechselt wer- personale Niedrigschwelligkeit).
les, Bau und Gleich- den, was auch persönlichere Beratung Online-Formate werden oft als nied-
stellung des Landes
zu intimen Themen zulässt. Die Mehr- rigschwellig wahrgenommen, da Kli-
Nordrhein-Westfalen;
Bayerische Staats- stufigkeit ermöglichte eine „schritt- ent*innen selbst bestimmen können,
ministerium für weise ‚Steigerung‘“25 des Kontakts und wie viel sie wann preisgeben.29 Der
Familie, Arbeit und einen problemlosen Ausstieg ohne das Kontakt kann vorerst anonym und zu
Soziales 2020
Gesicht zu verlieren, sollte es den Män- einem Zeitpunkt aufgenommen wer-
28
SKM Bundesver- nern* zu nah werden. Im Laufe der Be- den, wenn es Mann* passt. Ein Aus-
band e. V. 2021a ratung werden keine Ziel- oder Erfolgs- stieg scheint jederzeit möglich. Es
erwartungen an den Mann* gestellt.26 gibt bereits Online-Beratungsangebo-
29
Vgl. Stanik; Maier-
Gutheil 2020, S. 114 Auch werden prinzipiell alle Männer* te verschiedenster Anbieter.30
angesprochen, ohne dass es direkt um Sinnvoll ist es auch, die Männer*be-
30
Für Übersichten zu ein spezifisches Problem des Mannes* ratung unabhängig von der Unterbrin-
männer*spezifischer
geht. Für die Rahmenbedingungen von gung in der Schutzwohnung anzu-
Angebote siehe:
Bundesfach- und Männer*schutz- und Unterstützungs- bieten. Nicht jeder betroffene Mann*
Koordinierungs- einrichtungen lässt sich folgendes ab- benötigt eine Unterkunft, aber viele
stelle Männerge- leiten: vielleicht ein Gespräch (vgl. auch
waltschutz 2021;
Schultheis 2020
räumliche Niedrigschwelligkeit).
Als Einstiegshilfe in ein Beratungs- Es bestehen keine Erwartungen bzgl.
gespräch können Fragebögen ge- bestimmter Ziele oder Erfolge (z. B.
nutzt werden, welche die Betroffe- die gewalttätige Beziehung verlas-
nen zum Download auf der Webseite sen) an die Männer*. Sie entschei-
der Einrichtung finden oder die in den selbst, was Sie aus dem Hilfean-
Wartebereichen zum Ausfüllen aus- gebot mitnehmen.
liegen.
Öffentliche Informationsveranstaltun-
gen werden in Firmen (große Firmen
haben ggf. eine*n Gleichstellungs-
oder Gesundheitsbeauftragte*n),
Vereinen, Volkshochschulen, Kran-
kenkassen, Fitnesszentren, Bars,
Kneipen und Cafés oder über Gewerk-
schaften angeboten und dienen als
Einstieg ins Thema. Eventuell Betrof-
fene können die Beratenden und das
Hilfeangebot dadurch unverbindlich
8 Niedrigschwelligkeit in HilfeangebotenCheckliste inhaltlich-interaktive Niedrigschwelligkeit
Fragebögen als Einstiegshilfe in der Beratung; ggf. über Sachthemen
Vertrauen aufbauen
Öffentliche Informationsveranstaltungen
Anonyme Erstkontakte ermöglichen mittels Telefon- und/oder Online-
Beratung
Beratung unabhängig von einem Aufenthalt in der Schutzwohnung
Keine festen Ziel- oder Erfolgserwartungen an die Männer*
2.3 Personale Niedrigschwelligkeit
Diese Dimension bezieht sich im Allge- beeinflussen kann. Eine Erhebung des
meinen auf die Art der Beziehung zwi- Projekt A4 aus Thüringen zum Bedarf an Vgl. Mayrhofer
31
schen Klient* und Berater*in.31 Aus män- Unterstützung für Männer bei Betroffen- 2012, S. 170
ner*spezifischer Perspektive erleichtert heit von häuslicher Gewalt ergab, dass Vgl. Trio Virilent
32
ein vorheriger Einblick in den Vorgang 15 - 29 % der befragten Einrichtungen 2001, S. 255
der Beratung deren Inanspruchnahme. der Meinung waren, dass die Beratung
Die Wahlmöglichkeit zwischen unter- Vgl. Mosser 2016,
durch einen Mann* stattfinden sollte.34
33
S. 185
schiedlichen Berater*innen kann dies zu- Die förderlichen Aspekte einer berateri-
sätzlich erleichtern.32 Mann* – wie auch schen Mann*-Mann*-Beziehung im Be- 34
Vgl. Reistel;
Frau* – möchte und kann sich nicht jedem reich der Männer*beratung wurden bis- Teschner 2017,
S. 37
Menschen gegenüber mit jedem Thema her wenig beleuchtet. Eine Diplomarbeit
öffnen. Es gibt Personen, die einem be- an der Fachhochschule St. Pölten gibt 35
Kraxberger 2009,
sonders sympathisch sind, andere sind erste Hinweise, dass aus Sicht der be- S. 20 f.
einem wiederum eher unsympathisch. ratenen Männer* Gespräche von Mann*
Umso besser ist es, wenn sich der ratsu- zu Mann* eine besondere Qualität ha-
chende Mann* schon vorab ein Bild von ben können.35 Im Gespräch mit einem
den Beratenden machen und bestenfalls Mann* könne man sich auf die vermeint-
aus einem Berater*innenteam frei wählen lich gleiche Sozialisation und ähnliche
kann. lebensweltliche Erfahrungen berufen.
Männliche Berater* sprächen die gleiche
Zur Frage des Geschlechts der Beraten- Sprache, wodurch eine vertraute Um-
den gibt es diverse Ansichten. Es liegt gebung für emotionale Befindlichkeiten
nahe, dass die Interaktion zwischen be- entstehe. Sie seien somit in der Lage, ein
ratenen Männern* und Berater*innen im- tiefes Verständnis für den betroffenen
mer auch eine „Interaktion zwischen Ge- Mann* zu entwickeln. Besonders in be-
schlechtern“33 ist, die den Hilfeprozess stimmten Bereichen (z. B. Beziehungsge-
Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten 9staltung, Erziehung und Sexualität) sinke Berater*innen werden mit Bild und
daher die Hemmschwelle, auch über kurzer Beschreibung auf dem Flyer
schwierige Themen zu sprechen. Außer- oder der Website vorgestellt.40
dem sei die Gefahr der Schönfärberei mit Ebenso sollte der Ablauf eines Be-
weiblichen Beraterinnen* größer, d. h. die ratungsgespräches bzw. des Hilfe-
Klienten* würden sich in einem besseren angebots transparent gemacht werden
Licht präsentieren und manche Aspekte (z. B. Transparenz der Kosten oder
lieber nicht ansprechen. zur Kostenübernahme durch die
Krankenkasse, mögliche Aufent-
Anderseits berichtete Björn Süfke vom haltsdauer; vgl. Öffentlichkeitsar-
Hilfetelefon Gewalt an Männern auf beit).
dem Online-Fachtag Männer*gewalt- Die Einrichtungsleitung achtet auf
schutz in Deutschland 2020 im Rahmen geschlechtliche Vielfalt bei der Be-
der Podiumsdiskussion, dass etwa je- setzung der Stellen, sodass Betrof-
der fünfte Mann*, der sich dort meldet, fene zwischen Berater*innen wählen
lieber mit einer Frau* sprechen möchte. können.
In der österreichischen Prävalenzstu- Bereits während des ersten Kon-
die zur Gewalt an Frauen und Männern takts sollte eine professionelle Bera-
zeigte sich, dass Männer* eher von Ge- tungsbeziehung aufgebaut werden,
walterfahrungen berichteten, wenn sie die eine potenziell tiefergehende
von Frauen* und nicht von Männern* Beratung ermöglicht. Das erfolgt
Vgl. Kapella u. a.
36
interviewt wurden.36 Im Bereich der Psy- durch eine wertschätzende und ver-
2011, S. 288 chotherapieforschung gibt es bisher trauensbildende Gesprächsführung,
37
Vgl. Löffler-Stast-
keine eindeutigen Ergebnisse, die eine die durch die Verwendung speziell
ka 2012, S. 55 Überlegenheit der gleichgeschlecht- angepasster Leitfäden unterstützt
lichen Passung zwischen Klient*innen werden kann.41
38
Vgl. Schigl 2012,
und Therapeut*innen zeigen.37 Die Er- Freiwilligkeit, Anonymität und Ver-
S. 95
fahrungen bzw. Präferenzen können auf traulichkeit gelten als Basis für ein
39
Vgl. Löffler-Stast- individueller Ebene sehr unterschied- Beratungsgespräch bzw. für die Hilfe-
ka 2012, S. 57 lich ausfallen. Bewusst oder unbewusst leistung.42 Die Kommunikation findet
können z. B. Gender(vor-)urteile der Be- auf Augenhöhe mit professioneller
40
Siehe bspw. die
Beraterübersicht troffenen* beeinflussen, welche Bera- Balance zwischen Nähe und Distanz
des SKM Bundes- ter*innen bevorzugt werden und wie der statt.
verband e. V. 2021b Beratungsprozess beurteilt wird.38 Darü- Erfahrungen aus der Beratung und
41
Vgl. Schmiedel
ber hinaus können zudem noch weitaus Therapie legen nahe, dass Männer*
2020, S. 5; Fiedeler mehr Variablen die Beziehung zwischen und Frauen* im Beratungsprozess
2020, S. 258 f. Berater*in und Klient* beeinflussen (eth- unterschiedlich kommunizieren und
nische Zugehörigkeit, Bildung, Einstel- Symptomatiken bzw. Sachverhalte
42
Vgl. Mayrhofer
2012, S. 170 f. lungen, etc.).39 Sinnvoll erscheint daher mit unterschiedlichem Vokabular
eine Ausgewogenheit bei der Vertretung beschreiben.43 Daher benötigen die
43
Vgl. Grossmann der Geschlechter in der Beratungsland- Berater*innen genderspezifisches
2016, S. 63; Christ;
schaft. Daher befürwortet die BFKM ein Hintergrundwissen (z. B. zur männ-
Mitterlehner 2013,
S. 163 f. Wunsch- und Wahlrecht für Betroffene*, lichen Sozialisation, männliche
sodass sie selbst entscheiden können, Scham- und Schuldgefühle) und
Vgl. Schmiedel mit welcher beratenden Person sie spre- sollten regelmäßig ihre eigene So-
44
2020, S. 5; Christ;
Mitterlehner 2013,
chen möchten. zialisation und deren Auswirkung
S. 175 f. auf den Beratungsprozess reflektie-
Dies heißt für Hilfeangeboten von Män- ren (z. B. eigene Annahmen darüber,
ner*schutz- und Unterstützungseinrich- wie Männer* leiden).44
tungen z. B. folgendes:
10 Niedrigschwelligkeit in HilfeangebotenMitmännlichkeit45, kritische Partei- Männer* würden favorisieren, wenn sie 45
„Mitmännlichkeit
lichkeit oder geschlechtsspezifische entscheiden können, worüber gespro- ist ein positiver Bias,
der an die Stelle der
Empathie46 sind notwendige fachliche chen wird und wenn sich die Berater*in- bisher oft unterent-
Grundhaltungen der Berater*innen. nen eher als Coach bzw. Mentor*innen wickelten empathi-
Gewaltbetroffene Männer* sollten denn als Expert*innen darstellen.51 schen Grundhaltung
so betrachtet werden, dass der gan- Laut einer Umfrage des Projekt A4 von Männern
für Männer tritt“,
ze Mann* mit all seinen Nebenthe- in Thüringen wünschen sich von Wolfgang Rosenthal
men im Zentrum des Hilfeprozesses häuslicher Gewalt betroffene Män- (MännerWohnHilfe
steht und er z. B. nicht auf seine Op- ner* von den Beratenden52: e. V.) beim Online-
Fachtag Män-
ferrolle reduziert wird.47 • allgemeine Beratungsfähigkeiten
ner*gewaltschutz
Männer* schätzen meist Ehrlichkeit, (52%), in Deutschland,
Offenheit und Respekt.48 Sie wün- • therapeutische (21%) bzw. Bundesfach- und
schen sich oft Direktheit im Umgang sozialarbeiterische (19%) Koordinierungsstel-
le Männergewalt-
miteinander (Stichwort: liebevolle Qualifizierung, schutz 2020d
Konfrontation49). • Netzwerk- (21%) und
Berater*innen berichten häufiger, Öffentlichkeitsarbeit (7%), 46
Vgl. Brandes;
dass Männer* klare Beratungszie- • themenspezifisches (17%), Bullinger 1996, S. 9;
Fiedeler 2020, S.
le, Tipps und Ratschläge bevorzu- rechtliches (10%) und män- 256
gen.50 So könnten sie aktiv handeln, ner*spezifisches Wissen,
sich selbst kontrollieren und spüren • Selbstreflektion zur eigenen 47
Vgl. Kraxberger
2009, S. 25 f.
ihre Selbstwirksamkeit – passend Rolle als Berater*in (10%) und
zum (zurzeit noch) vorherrschenden • Reflektiertheit bzgl. der Täter- 48
Vgl. Christ; Mitter-
männlichen Selbstbild. Opfer-Konstellation (7%). lehner 2013, S. 182
Vgl. Süfke 2010, S.
49
169 f.
50
Vgl. Christ; Mitter-
Checkliste personale Niedrigschwelligkeit lehner 2013, S. 183 f
51
Vgl. ebd.
Vorstellung der Berater*innen auf der Webseite 52
Vgl. Reistel;
Teschner 2017,
Transparenz über Ablauf der Beratungs- und Unterstützungsprozesse
S. 37
Ausgewogenheit bei der Vertretung der Geschlechter im Beratungsteam
Professionelle Beratungsbeziehung u. a. durch die Verwendung spe-
ziell angepasster Leitfäden
Betonen von Freiwilligkeit, Vertraulichkeit und Anonymität des Angebots
Gender- und männer*spezifisches Hintergrundwissen und Reflektion
Geschlechtsspezifische Empathie bzw. Kritische Parteilichkeit als
fachliche Grundhaltung
Gewaltbetroffene Männer* nicht auf „Opfer-Status“ reduzieren
Direkte Kommunikation („liebevolle Konfrontation“), klare Beratungs-
ziele, Handlungsorientierung, Tipps und Ratschläge
Verständnis der Berater*innen als Coach bzw. Mentor*in
Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten 112.4 Situative Niedrigschwelligkeit
Situative Niedrigschwelligkeit bedeutet, zwingend im Mittelpunkt und der Mann*
dass das Setting von Unterstützungsan- kann zu jeder Zeit selbst entscheiden,
geboten Definitions- und Interpretations- ob, wann und inwieweit er sich öffnet
spielraum bietet sowie eine Anpassung und (s)ein Problem anspricht oder nicht.
an die Bedürfnisse des Klienten möglich Themen können angesprochen wer-
ist. Der Zugang zu Hilfe- und Unterstüt- den, ohne sofort darauf „festgenagelt“
zungsangeboten ist für Männer* leichter, zu werden.55 Hieraus ergeben sich für
wenn „sie die Art der Situation für sich Hilfeangebote von Männer*schutz- und
selbst definieren können. So können Unterstützungseinrichtungen folgende
Sie sowohl [den] eigenen Bedürfnis[sen] Bedingungen:
als auch den ‚männlichen‘ Normen und
Spielregeln gerecht werden.“53 Bei der Männer* können prinzipiell frei ent-
situativen Niedrigschwelligkeit zählt scheiden, in welchem Ausmaß sie
also die wählbare innere Einstellung des von persönlichen Problemen, der
Mannes* sowie auch immer wieder die strittigen Situation bzw. der häus-
Irritation dieser. Manche Situationen lichen Gewalt erzählen wollen oder
unterstützen diese „Rollendiffusität“54 (z. nicht (vgl. inhaltlich-interaktive Nied-
B. Gespräch zwischen Kunden*/Klient* rigschwelligkeit).
und Tresenpersonal/Berater*in im Be- Im Erstgespräch sollte der gewalt-
ratungscafé) und können es erleichtern betroffene Mann* Entscheidungsal-
Beratungsgespräche zu führen, ohne ternativen haben und z. B. nicht zu
diese als solche definieren zu müssen einem Einzug gedrängt werden (vgl.
(vgl. räumliche Niedrigschwelligkeit). inhaltlich-interaktive Niedrigschwel-
So stehen persönliche Probleme nicht ligkeit).
53
Trio Virilent 2001,
S. 257
54
Mayrhofer 2012,
S. 166
55
Vgl. Trio Virilent
2001, S. 258 Abbildung 3: Beispielsituation Männer*beratung (Quelle: Istockphoto.com)
12 Niedrigschwelligkeit in HilfeangebotenDie Öffnungszeiten und die (telefo- Persönliche Ansprache ist wichtig
nische) Erreichbarkeit müssen auch und Flyer sollten dann verteilt wer-
außerhalb der werktägigen Arbeits- den, wenn Männer erreichbar sind,
zeiten liegen, denn Männer* sind und dort, wo sich bei Männern* ein
überwiegend in Vollzeit berufstätig.56 Gefühl der Langeweile einstellen
Unterstützung sollte ohne vorherige kann: in Warteräumen, im Zug oder 56
Statistisches
Terminvereinbarung möglich sein. in der Straßenbahn. Bundesamt 2020
Um das Gefühl einer alltäglichen Flyer können in Situationen verteilt 57
Vgl. Fiedeler 2020,
Wohnsituation zu wahren, sollte der werden, in welchen Männer* eher S. 254 f.
Aufenthalt in den Schutzwohnungen dazu bereit sind über ihre Bezie-
58
Kavemann; Grie-
nur die nötigsten Vorgaben bspw. in hungsgestaltung nachzudenken z.
ger 2006
Form einer Hausordnung aufweisen B. mit Kindern auf dem Spielplatz
und z. B. nicht in die zeitliche Tages- (vgl. auch räumliche Niedrigschwel- 59
Vgl. Trio Virilent
struktur der Männer* eingreifen. ligkeit). 2001, S. 275
Der in verschiedenen Bundesländern Öffentliche Aktionen mit spieleri-
zwischen Beratungs- und Interven- schen Elementen (z. B. Wettbewerbe,
tionsstellen vereinbarte proaktive Umfragen, Preisausschreiben, Be-
Beratungsansatz sollte ausgebaut lohnungen) können Aufmerksamkeit
werden. Nach Übermittlung des Ein- erregen und Zugänge zum Hilfesys-
satzberichts in einem Fall häuslicher tem für Männer* erleichtern59 (vgl.
Gewalt durch die Polizei können be- auch Öffentlichkeitsarbeit).
troffene Männer von Berater*innen
proaktiv kontaktiert und dadurch
besser erreicht werden, wie u. a. die
Erfahrungen des Männerbüros Han-
nover e. V. zeigen.57 Bei zeitnaher
telefonischer Kontaktaufnahme ist
die Wahrscheinlichkeit Betroffene zu
erreichen besonders hoch.58
Checkliste situative Niedrigschwelligkeit
Männern* die Definition der Situation überlassen
Öffnungszeiten außerhalb der Zeiten typischer Werktätigkeit
Unterstützung auch ohne Termin
Möglichst wenig Vorgaben für Aufenthalt in der Schutzwohnung
Proaktive Beratungsangebote
Männer* während freier Zeit oder in Wartesituationen erreichen z. B.
mittels der Verteilung von Flyern
Informations-Aktionen mit spielerischen Elementen versehen
Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten 133. Öffentlichkeitsarbeit
Eine zentrale Erkenntnis der Podiums- da das Angebot vermeintlich nicht für ihn
diskussion der Online-Fachtagung bestimmt war.
Männer*gewaltschutz in Deutschland ist,
dass die „öffentliche Präsenz von Hilfe- Deshalb müssen auch Männer* als Be-
angeboten, wie MSE, Beratungsstellen troffene häuslicher Gewalt vermehrt in
und Hilfetelefonen […] bei Männern* ein den Blick genommen, abgebildet und di-
wichtiges Gefühl [erzeugt]: Männer* dür- rekt angesprochen werden. Informations-
fen von Gewalt betroffen sein, und als materialen und Webseiten entsprechen-
60
Bundesfach- und Betroffene sind sie damit nicht allein.“60 der Hilfsangebote sollten daher auch für
Koordinierungsstel- So werden auch diese Männer* aus dem Männer* ansprechend gestaltet seit (z. B.
le Männergewalt-
schutz 2020e
bisherigen Dunkelfeld sichtbar, weil sie mittels bestimmter Designelemente).62
sich melden. Um sich zu melden, müssen Öffentlichkeitsarbeit sollte weiterhin
61
Bundesfach- und die MSE und Unterstützungsangebote flächendeckend über unterschiedliche
Koordinierungsstel- den betroffenen Männern* bekannt sein Kanäle betrieben werden. Social media
le Männergewalt-
schutz 2020c
und die betroffenen Männer* müssen erleichtert das Erreichen spezifischer
einen Bezug zwischen ihren Problemen Zielgruppen ungemein, so dass Männer*
62
Vgl. Eichenberg und den Angeboten der Einrichtungen auf die Angebote aufmerksam gemacht
2020, S. 174
herstellen. Demnach braucht es neben werden können. Darüber hinaus sollten
männer*spezifischen niedrigschwelligen nicht nur betroffene Männer*, sondern
Rahmenbedingungen von Hilfeangeboten auch deren Umfeld informiert sowie sen-
der MSE darüber hinaus eine angepasste sibilisiert werden. Das Ziel bleibt, mit dem
Öffentlichkeitsarbeit, mit der sich auch Themen „Gewalt gegen Männer*“ und
von häuslicher Gewalt betroffene Män- „Männer*gewaltschutz“ in die Mitte des
ner* angesprochen und mitgemeint füh- gesellschaftlichen Diskurses zu gelan-
len. Ansätze hierfür wurden im Workshop gen, damit es auch für Männer* „selbst-
Niedrigschwelligkeit61 der Fachtagung verständlich“ wird, im Bedarfsfall Hilfe in
mitdiskutiert. Anspruch zu nehmen.
Viele Hilfs- und Unterstützungsangebote Übertragen auf Hilfeangebote von Män-
sind aus historischen Gründen tenden- ner*schutzeinrichtungen bedeutet das:
ziell stärker auf Frauen* (oder allgemein
Betroffene von häuslicher Gewalt) zuge- Die Werbung sollte ganzheitlich ge-
schnitten, richten sich jedoch nicht gezielt staltet sein. Sie soll thematisieren
an betroffene Männer*. Das betrifft v. a. und konfrontieren, ohne zu skanda-
die Außendarstellung der Angebote, etwa lisieren. Der ganze Mann* mit sei-
die Gestaltung von Informationsmateria- nen Widersprüchlichkeiten sollte im
len und Webseiten. Häufig werden z. B. Zentrum stehen. Dabei sollten unter-
ausschließlich Bilder von (gewaltbetroffe- schiedliche männliche Lebenswelten
nen) Frauen* gezeigt, „Häusliche Gewalt“ dargestellt werden.
wird u. a. als ein Unterthema von „Frauen“, Die Erfahrungen bisheriger Öffent-
„Frauenhäusern“ oder „Schwangerschaft lichkeitsarbeitsmaßnahmen zeigen:
und Familie“ eingeordnet oder die Bera- Eine Ansprache der Männer* mit „Du
tungsstellen sind bei Vereinen mit Namen sollst/ musst…“ ist kontraproduktiv.
wie „Frauen helfen Frauen“ angesiedelt. Stattdessen sollte der Mehrwehrt
Nicht selten ist zu vernehmen, dass ein einer Kontaktaufnahme (z. B. emo-
suchender Mann* hier aufgegeben hat, tionale Entlastung, mögliche Tipps
14 Niedrigschwelligkeit in Hilfeangebotensowie Hilfen für den Alltag und für Beispiele beziehen, sondern auch
Stresssituationen) hervorgehoben subtilere Formen der Gewalt be-
und auf die Stärken der Männer* nennen. So wird bspw. in Flyern des
gesetzt werden, wie z. B. beim Bera- Weisser Ring e. V. dezidiert psychi-
tungsangebot des SKM Bundesver- sche Gewalt inklusive konkreter Be-
band für Jungen* und Männer* mit schreibungen (z. B. Demütigungen,
dem Slogan „Echte Männer reden“.63 Beleidigungen, Einschüchterungen) 63
SKM Bundesver-
Die Angebote sollten zudem für Män- definiert.69 band e. V. 2021a
ner* ansprechend gelabelt sein und Für immer mehr Menschen gehört 64
Bundesfach- und
negative Konnotationen vermieden digitale vermittelte Kommunikation Koordinierungsstel-
werden. Entsprechende Ideen auf dem zum Alltag.70 Auch Männer* sind gut le Männergewalt-
Online-Fachtag der BFKM64 waren auf digitalen Endgeräten erreichbar schutz 2020c
z. B.: und stehen der Digitalisierung offen 65
Vgl. Puchert u. a.
• Gespräch/ Coaching statt gegenüber71. Sie suchen u. a. primär 2007, S. 15 f.
Beratung, über das Internet Informationen zu
66
Vgl. Fiedeler 2020,
• Service/ Inspektion statt Hilfeeinrichtungen nach Gewalt-
S. 256
Hilfeleistung, erfahrungen.72 Öffentlichkeitsarbeit
• Betroffener von Gewalt statt Opfer, muss daher auch digital erfolgen. 67
Weisser Ring e. V.
• Aufgaben und Tipps statt Verbote Auf Facebook (und ggf. anderen 2019
und Regeln, Portalen) gibt es Gruppen, in de- 68
Opferhilfe Sach-
• professionelle Beratung wird oft nen sich von häuslicher Gewalt sen e. V. 2020
als Hemmschwelle wahrgenom- Betroffene austauschen – hier
men. könnte erfragt werden, ob die Mo-
69
Weisser Ring e. V.
2019
derator*innen die Informationen zu
Nicht jedem betroffenen Mann* ist bestehenden Männerschutz- und 70
Vgl. Stanik; Maier-
klar, dass ihm häusliche Gewalt wi- beratungsangeboten (z. B. die Über- Gutheil 2020, S. 111
derfährt. So kann es passieren, dass sichten der BFKM oder des Bundes- 71
Vgl. Initiative D 21
Gewalthandlungen subjektiv nicht forum Männer e. V.)73 in mitlaufende e. V.; Kompetenz-
als solche wahrgenommen bzw. Slider oder in Menüunterpunkte auf- zentrum Technik-
erkannt werden, da sie zur „männ- nehmen können. Diversity-Chancen-
gleichheit e. V. 2020,
lichen Normalität“ gehören.65 Auch Die Informationen zu den Hilfean- S. 7 f.
Bagatellisierung unter dem Begriff geboten auf Flyern und Webseiten
„Beziehungsstress“ sind keine Sel- sollten genau bzw. vollständig sein. 72
Vgl. Helfferich;
tenheit.66 In solchen Fällen, kann ein Webseiten sollten übersichtlich Kavemann 2012
direkt ansprechendes Angebot (z. B. strukturiert und über Suchmaschi- 73 Bundesfach- und
Flyer für Männer*, die häusliche Ge- nen leicht auffindbar sein. Koordinierungs-
walt erfahren) helfen. Dort können Öffentlichkeitsarbeit sollte sich stelle Männerge-
waltschutz 2020a;
einschlägige Gewalthandlungen nicht ausschließlich an Betroffene,
2021; Bundesforum
konkret benannt werden (z. B. im sondern auch gezielt an „helfende Männer e. V. 2019
Flyer des Weisser Ring e. V. „Angrif- Dritte“74 richten und so das soziale
fe, Körperverletzung, Demütigungen, Umfeld stärker mit einbeziehen (vgl. Vgl. GiG-net 2008,
74
S. 141
Beleidigungen“67), um den Spielraum inhaltlich-interaktive Niedrigschwel-
subjektiver Gewaltinterpretationen ligkeit). 75
Weisser Ring e. V.
zu verkleinern. Mit Hilfe prominenter Mitstreiter*in- 2017
Andere Männer* benötigen ein eher nen kann das Thema weiter in die Ge- 76
UFA GmbH u. a.
umschreibendes Angebot, z. B. Burn- sellschaft getragen werden, wie z. B. 2020
Out-Beratung, Männersprechstunde68, Kampagnen des Weisser Ring e. V.75
Strategiegespräch. und des Projekts „Initiative gegen
Öffentlichkeitsarbeit sollte sich häusliche Gewalt“ (#sicherheim)76
nicht ausschließlich auf drastische zeigen.
Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten 15Öffentlichkeitsarbeit sollte zudem Einrichtungen (z. B. Polizei-
77
Landesfachstel- vielschichtig gedacht werden, z. B.: dienststellen, Ämter, Kranken-
le Männerarbeit • mittels Flyer oder Miniklappkarten häuser),
Sachsen 2019;
Landesfachstelle
(vor der Tür des Angebotes), • über Werbung in Apps, die von
Männerarbeit Sach- • postalische Wurfsendungen, Männern*80 bzw. deren sozialem
sen 2020 • über Plakate auf WCs in Umfeld häufig verwendet werden,
kulturellen und gastronomischen • über Hilfsangebote auf offiziel-
78
Landesfachstelle
Männerarbeit Sach- Einrichtungen oder in len regionalen Internetseiten
sen 2019 Straßenbahnen,77 (ortsname.de u. ä.),
• durch Hilfsangebote auf Geträn- • mit Hilfe von Podcasts, Werbefil-
79
NDR 2020c
keuntersetzern,78 men81, Radiospots,
80
Bundesfach- und • über Lebensmittelverpackungen, • über Zeitungsartikel (z. B. Tages-
Koordinierungsstel- die mit Werbung bespielt werden zeitungen82, Fachzeitschriften83),
le Männergewalt- wie z. B. bei der Kampagne „Ge- Reportagen und Nachrichtenbei-
schutz 2020f
walt kommt nicht in die Tüte“,79 träge84 zum Thema „Häusliche
81
Bundesministe- • mittels auffälliger Aufsteller mit Gewalt gegen Männer*“
riums für Familie, Informationsmaterial im öffent- • mittels öffentlicher Diskussionen
Senioren, Frauen
lichen Raum und öffentlichen in Talkshows.85
und Jugend 2020;
Bundesministe-
riums für Familie,
Senioren, Frauen
4. Netzwerkarbeit
und Jugend 2013;
Frauenberatungs-
und Kontakstelle
Gelsenkirchen 2018
82
Staiger 2020;
Pfeifer 2020; Stege-
Um gemeinsam und gezielt das Thema Menschen, denen das Vorhandensein von
mann 2020 „häusliche Gewalt gegen Männer“ poli- MSE oft nicht bewusst ist und die mit an-
tisch und gesellschaftlich voranzubringen, deren Beratungsthemen Hilfe in Anspruch
83
Sonnenmoser
ist eine langfristig angelegte und verläss- nehmen. So finden bspw. auch im psycho-
2017
liche Netzwerkarbeit mit unterschiedlichs- therapeutischen Bereich Männer* häu-
84
Y-Kollektiv 2020; ten Akteur*innen des Gewaltschutzes fig über Umwege (z. B. Hausärzt*innen,
ZDF 2020a; ZDF unabdingbar. Zudem können Informa- Arbeitgeber*innen) in das Hilfesystem.86
2020b; PULS Repor-
tionsdefizite die Schwelle für Betroffene Das Netzwerk sichert auch die Anschluss-
tage 2020
erhöhen, wenn kontaktierte Fachkräfte fähigkeit, indem Übergänge zu Angebo-
85
NDR 2020b; NDR über Unterstützungsangebote anderer ten der Nachbetreuung fließend gestaltet
2020a Anbieter*innen nicht richtig Bescheid wis- werden können. Einige Vorschläge zu Ko-
86
Vgl. Christ; Mitter-
sen. Denn gerade aus vernetzten Bera- operationspartner*innen sind in den Quali-
lehner 2020, S. 36 tungs- und Hilfsangeboten erfolgen viele tätsstandards für Männer*schutzeinrich-
Vermittlungen der von Gewalt betroffenen tungen der BFKM aufgeführt.87
87
Peters u. a. 2021,
S. 18
Abbildung 4: Beispielsituation Männer*beratung (Quelle: Istockphoto.com)
16 Niedrigschwelligkeit in HilfeangebotenCheckliste Öffentlichkeitsarbeit und Netzwerkarbeit
Männer* als von Gewalt betroffene sichtbar machen
Unterschiedliche männliche Lebenswelten darstellen
Männer* mit ihren Stärken ansprechen
Mehrwert der Hilfsangebote hervorheben
Angebote männer*spezifisch labeln (z. B. Coaching statt Beratung)
Häusliche Gewalt (auch subtile Formen) konkret benennen
Umschreibende Angebote gestalten (z. B. Männersprechstunde, Stra-
tegiegespräch)
Digitale Öffentlichkeitsarbeit betreiben (z. B. In-App-Werbung, regionale
Webseiten, etc.)
Informationen über die Hilfeangebote möglichst vollständig zugänglich
machen
Das soziale Umfeld stets mitsensibilisieren
Vielfältiges Informationsmaterial anfertigen (Flyer, Bierdeckel, Mini-
klappkarten, Taschentücher, etc.)
Mit prominenten Unterstützer*innen Kampagnen ein Gesicht geben
(Lokale) Medien einbeziehen z. B. Tageszeitungen, Reportagen und
Nachrichtenbeiträge, Talkshows, Podcasts
Vernetzung mit unterschiedlichsten Akteur*innen aus u. a. Gewalt-
schutz, Sozialen Bereichen, Medizin und Politik
Inhalte und Handlungsspielräume der Angebote der Netzwerkpart-
ner*innen kennen und weiterempfehlen
5. Fazit
Die vorliegenden Fachempfehlungen ent- einrichtungen niedrigschwellig gestaltet
halten eine umfassende, aber auf keinen werden kann. Fokussiert wird, wie betrof-
Fall abgeschlossene Sammlung an Ideen, fene Männer* im Bedarfsfall schnell und
wie der Zugang für gewaltbetroffene unkompliziert, kostenfrei und auf Wunsch
Männer* zu MSE und Männer*beratungs- anonym kompetente und unbürokratische
Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten 17Unterstützung erfahren können. Diese sinnvoll angeboten werden kann. Wich-
muss nicht zwingend weitreichende Ver- tig ist: Niemand darf gefährdet werden,
änderungen oder Entscheidungen nach weder die Klienten* noch die Berater*in-
sich ziehen, kann aber dazu ermutigen. nen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, Zu bedenken ist auch, dass nicht alle
dass die einzelnen Empfehlungen in der Beratungen en-passant oder zwischen
Umsetzungspraxis nicht immer ganz Tür und Angel passieren können. Sol-
trennscharf sind und eng miteinander che Ad-hoc-Beratungen können eher
zusammenhängen, sich gegenseitig als Möglichkeit betrachtet werden, noch
fördern aber auch mitunter gegenseitig unentschlossenen Männer* den Über-
88
Vgl. Mayrhofer begrenzen.88 So kann ein Beratungsca- gang in eine persönlichere Beratung
2012, S. 176 fé räumlich niedrigschwellig wirken, da oder (auch) eine Schutzwohnung zu er-
89
Vgl. GiG-net 2008,
die Café-Räume an alltagsnahe Räume leichtern. Auch hier stellt sich die Frage,
S. 141 erinnern und zeitgleich unterschiedliche wie solche Angebote durch MSE selbst
Möglichkeiten bieten, die Situation zu geleistet werden können oder inwieweit
90
Vgl. Walter u. a.
interpretieren (situative Niedrigschwel- zusätzliche niedrigschwellige Angebote
2007, S. 142
ligkeit: „Trinke ich nur einen Kaffee (z. B. weitere Hilfetelefone) bundesweit
oder nehme ich ein Beratungsangebot geschaffen werden müssen, um vermit-
wahr?“). Zeitgleich können MSE und teln zu können.
Unterstützungseinrichtungen in eini-
ger Hinsicht niedrigschwellig sein (z. B. Es soll auch noch einmal betont wer-
durch regelmäßige Erreichbarkeit) und in den, dass nicht alle Empfehlungen je-
anderer Hinsicht wieder höherschwellige den Mann* ansprechen werden. Oft
Eigenschaften aufweisen (z. B. die bis- zeigen sich bei genauer Betrachtung
her weithin geläufige Komm-Struktur). doch erheblich größere Unterschiede
Ansätze der Niedrigschwelligkeit wer- innerhalb eines Geschlechts – also zwi-
den daher immer ihre Grenzen haben: schen Männern* – als zwischen den Ge-
So wird nicht jede MSE bzw. Beratungs- schlechtern. Dennoch kann auf Grund
einrichtung jede Empfehlung umsetzen der bisherigen Sozialisation der meis-
können oder wollen. Einige bedürfen ten Männer* in unserer Gesellschaft
zusätzlicher finanzieller und personeller davon ausgegangen werden, dass es
Ressourcen (z. B. für aufsuchende Be- geschlechtsspezifische Unterschiede
ratungen oder umfassende Öffentlich- in den Zugängen zum Hilfesystemen
keitsarbeit). Dann ist die Politik gefragt, gibt.90 Entsprechend kann es hilfreich
Rahmenbedingungen zu schaffen, die sein, manche Gender(vor)urteile zu be-
die Gestaltung eines niedrigschwelligen dienen (z. B. Informationsveranstaltun-
Angebotes ermöglichen. gen mit Wettbewerbscharakter), um
über sie den Zugang ins Hilfesystem zu
Weiterhin muss Niedrigschwelligkeit erleichtern. In einer umfassenden und
immer vor dem Hintergrund der Arbeits- persönlichen Beratung bzw. Aufarbei-
prinzipien der entsprechenden Einrich- tung können entsprechende (Vor)Urteile
tung diskutiert werden.89 So können dann auch in Frage gestellt werden.
besonders niedrigschwellige Angebote
(weithin bekannt, schnell zugänglich,
etc.) entsprechend wenig Schutz für ge-
waltbetroffene Männer* und auch die
Berater*innen bieten. Hier gilt es dem-
nach abzuwägen, was vor dem Hinter-
grund des Auftrags der Einrichtung
18 Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten6. Ausblick
Einige Fragen zur Niedrigschwelligkeit einer speziellen sozialen Schicht (z. B.
sind während der Online-Fachtagung Akademiker*) erreichen. Gibt es dort au-
Männer*gewaltschutz in Deutschland tomatisch keine Betroffenen oder muss
(noch) unbeantwortet geblieben. So ist das Angebot oder die Ansprache noch
nicht abschließend geklärt, was Männer* modifiziert werden und wenn ja, in wel-
in ihrer Betroffenheit brauchen. Sind es cher Form?
Beratungen, Schutzwohnungen oder noch Inwieweit sich die sichtbar werdende Be-
ganz andere Formate der Hilfe? So wird troffenheit von Männern* und auch deren
in den existierenden MSE häufig festge- Ansprache in den nächsten Jahren verän-
stellt, dass viele Anfragen von Männern* dern kann und wird, steht dabei auf einem
nicht auf eine Unterkunft in einer Schutz- ganz anderen Blatt. Der aktuelle gesell-
wohnung hinauslaufen und nicht einmal schaftliche Wandel trägt dazu bei, dass
zwingend mit häuslicher Gewalt in Verbin- eine individuelle Identitätsentwicklung
dung stehen. Dennoch ist auf Seiten der abseits traditioneller Männlichkeitsbilder
Männer* ein hoher Unterstützungsbedarf zunehmend besser möglich wird. Wie
da, der bisher nicht abgedeckt werden das Hilfesystem in Zukunft dieser Viel-
kann, da bundesweit noch keine flächen- falt an Männlichkeiten gerecht werden
deckende Männer*beratungslandschaft kann, sollte weiter diskutiert werden. Die
vorliegt. Hier zeigt sich Handlungsbedarf, vorliegenden Empfehlungen zur Niedrig-
um die Männer, die die Schwelle ins Hil- schwelligkeit sind daher nur ein Anfang
fesystem genommen haben, nicht zu ver- und sollten vor diesem Hintergrund stetig
prellen. weiterentwickelt werden.
Unklar ist bisher auch, über welche Such- Zweifelsohne gehört dazu auch eine brei-
begriffe betroffene Männer* in ihrer On- te gesellschaftliche und politische The-
line-Recherche zu entsprechenden Un- matisierung häuslicher Gewalt gegen
terstützungsangeboten gelangen und Männer*. Es muss breiter diskutiert wer-
inwieweit Männer* über Nachbarthe- den, welchen Einfluss bestimmte Vor-
men angesprochen werden können, z. B. stellungen von Geschlechterrollen und
Burn-Out, Depression, oder (psycho)so- Beziehungen auf die Entstehung häus-
matische Symptome. So finden Männer licher Gewalt haben (z. B. „Eine Ohrfeige
häufig über somatische Symptome (z. B. bekommt doch jeder Mann einmal. Das
Tinnitus, Bluthochdruck)91 oder Stress auf ist „normaler Beziehungsstress“?).92 Eine 91
Vgl. Christ; Mitter-
der Arbeit ihren Weg in die Psychothera- wesentliche Aufgabe der BFKM wird es lehner 2020, S. 36
pie - aber wie verhält es sich beim Thema daher sein, eine bundesweite, niedrig- 92
Vgl. Fiedeler
häuslicher Gewalt? Hier gilt es, weiterfüh- schwellige Öffentlichkeitsarbeit weiter 2020, S. 256
rende Überlegungen und wissenschaftli- voran zu treiben, um Tabuisierung und
che Untersuchungen anzustellen. Weiter- Unkenntnis von Unterstützungsangebo-
hin bleibt offen, wie es dazu kommt, dass ten entgegen zu wirken.
einige Einrichtungen kaum Männer* aus
Niedrigschwelligkeit in Hilfeangeboten 19Sie können auch lesen