Perspektiven der Strategischen Rüstungskontrolle - Ernst-Christoph Meier* - De Gruyter

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SIRIUS 2021; 5(2): 140–147

Kurzanalysen und Berichte

Ernst-Christoph Meier*

Perspektiven der Strategischen Rüstungskontrolle
https://doi.org/10.1515/sirius-2021-2004                            Obergrenzen mussten nach 7 Jahren erreicht werden, was
                                                                    zum 5. Februar 2018 auch fristgerecht erfolgte. Nach dem
                                                                    Datenaustausch vom 1. September 2018 hieß das:

1 Einleitung                                                       – Dislozierte ICBMs, SLBMs, Schwere Bomber (Ober-
                                                                        grenze 700): USA: 659, Russland: 517
                                                                    – Sprengköpfe auf dislozierten ICBMs, SLBMs, Schwe-
Nach dem Amtsantritt der neuen US-Regierung unter Prä-
                                                                        ren Bombern (Obergrenze 1.550): USA: 1398, Russ-
sident Biden haben sich die USA und Russland noch im
                                                                        land: 1.420.
Januar 2021 zügig auf die Verlängerung des zum 5. Februar
                                                                    – Dislozierte und nicht-dislozierte ICBMs, SLBMs,
2021 auslaufenden New START Vertrags (START – New
                                                                        Schwere Bomber (Obergrenze 800): USA: 800, Russ-
Strategic Arms Reduction Treaty) um fünf Jahre geeinigt.
                                                                        land: 774.
Damit wurde verhindert, dass nach dem Ende des INF-
Vertrags über nukleare Mittelstreckensysteme in Europa
                                                                    New START sieht pro Jahr zehn Vor-Ort-Inspektionen für
2019 und dem Ausstieg der USA aus dem Vertrag über
                                                                    die Zählung von Sprengköpfen und Trägermitteln sowie
den Offenen Himmel 2020 ein weiterer – und damit der
                                                                    acht Inspektionen in nuklearen Lagerstätten vor. Der Aus-
letzte – nukleare Rüstungskontrollvertrag zwischen USA
                                                                    tausch von Telemetriedaten ist auf fünf Raketentestflüge
und Russland zur Disposition gestellt wurde. Diese Ent-
                                                                    pro Jahr begrenzt.
scheidung wurde von den europäischen Verbündeten der
                                                                        Durch die einvernehmliche Verlängerung von New
USA einhellig begrüßt, hatten sie doch über Jahre vergeb-
                                                                    START wurde zum einen eine Phase erheblicher strategi-
lich versucht, die Vorgänger-Regierung zu einem klaren
                                                                    scher Unsicherheit beendet, zum anderen ein Ausgangs-
Bekenntnis zur Fortsetzung der strategischen Rüstungs-
                                                                    punkt geschaffen für einen von beiden Seiten explizit ge-
kontrolle und zu der im Vertrag selbst vorgesehenen Ver-
                                                                    wünschten breiten Dialog über die strategische Stabilität
längerungsmöglichkeit um bis zu fünf Jahren zu bewegen.
                                                                    und ihre – zum Teil neuartigen – Gefährdungen.
     Damit gilt der am 8. April 2010 in Prag durch die
Präsidenten Barack Obama und Dmitri Medwedjew un-
terzeichnete und am 5. Februar 2011 in Kraft getretene
Vertrag mit seinen Obergrenzen für die strategischen Nu-            2 Von SALT zu New START –
klearwaffen beider Seiten zunächst weiter, einschließlich
eines umfassenden Verifikationssystems.
                                                                      Mehr Sicherheit durch nukleare
     New START legt die Obergrenzen für dislozierte Trä-              Rüstungskontrolle
gersysteme – also landgestützte Interkontinentalraketen
(ICBMS), seegestützte Interkontinentalraketen (SLBMs)               In den vergangenen 50 Jahren stand die nukleare Rüs-
und Schwere Bomber – auf 700 fest (plus 100 nicht-dis-              tungskontrolle und Abrüstung hochpriorisiert auf der
lozierte) und die Anzahl der Gefechtsköpfe auf diesen auf           Agenda fast aller US-Präsidenten – mit erstaunlichen Er-
1.550. Jede Seite ist grundsätzlich frei in der Zusammen-           folgen. Die Nuklearwaffenpotentiale beider Seiten wurden
setzung und Struktur ihrer strategischen Offensivkräfte.            bis zum Jahr 2020 auf rund 12.000 reduziert. Mitte der
Die Anzahl der eingelagerten und vorhandenen nuklearen              1980er Jahre lag diese Zahl noch über 65.000. Allein im
Gefechtsköpfe wird durch New START nicht begrenzt. Die              Bereich der strategischen Nuklearwaffen bedeutete dies
                                                                    eine verifizierte Absenkung auf 6.000 dislozierte Spreng-
                                                                    köpfe im Rahmen von START I in den 1990er Jahren und
Anmerkung: Der Artikel gibt die persönliche Meinung des Autors      dann auf 1.550 Sprengköpfe im Jahr 2018 im Rahmen von
wieder, nicht die des Bundesministeriums der Verteidigung.
                                                                    New START.
*Kontakt: Dr. Ernst-Christoph Meier, Referatsleiter für Rüstungs­
                                                                         Die strategische Stabilität wurde hierbei allerdings
kontrolle in der Abteilung Politik im Bundesministerium der Ver-    weniger durch die Verringerung der Potentiale, sondern
teidigung, Berlin; E-Mail: echrismeier@gmail.com                    in erster Linie durch eine Triade von boden-, see- und luft-
Perspektiven der Strategischen Rüstungskontrolle   141

gestützten Interkontinentalsystemen gewährleistet, die        Seiten vertragstreu implementierte New START-Vertrag
beiden Seiten eine gesicherte Zweitschlagsfähigkeit ver-      als nachteilig für die US-Interessen empfunden wurde.
leihen. Stabilität wird aber auch durch ein komplexes und     Die Folge war, dass es nahezu weitere dreieinhalb Jahre
intrusives Verifikationssystem geschaffen, welches für ein    brauchte, bis die USA sich inhaltlich zu der zeitlich immer
hohes Maß an Transparenz und Berechenbarkeit sorgt.           dringlicheren Frage einer Verlängerung des Vertrags po-
     Die Geschichte der strategischen Rüstungskontrolle       sitionierte und zu einigen Gesprächsrunden über inhalt-
zwischen USA und Sowjetunion/Russland ist aber auch           liche Elemente einer Vereinbarung über den 5. Februar
eine Geschichte der Rückschläge, des Misstrauens und          2021 hinaus mit Russland bereit war.
unerfüllter Erwartungen. Gleichwohl fanden beide Seiten            Seit Mitte 2020 wurden eine Reihe hochrangiger Ge-
immer Wege, den Prozess weiter voranzutreiben. Auch           spräche geführt, in denen die USA schließlich zu einer
ohne Inkrafttreten des 1993 ausgehandelten START II-          einjährigen Verlängerung des Vertrags in Verbindung
Vertrags – dieser scheiterte im Jahr 2000, weil Russland      mit einem freeze für die Anzahl aller dislozierten und
auf der Beibehaltung des ABM-Vertrages bestand – blieb        nicht-dislozierten nuklearen Gefechtsköpfe beider Seiten
START I bis 2009 in Kraft. Gespräche zu START III wurden      bereit waren, was aber an der für Russland nicht akzep-
bereits 1997 ins Auge gefasst. Das proklamierte Ende der      tablen Verknüpfung mit deutlich intrusiveren Verifika-
„verhandelten“ Rüstungskontrolle und die Aufkündigung         tionsbestimmungen für diesen freeze (Überprüfung der
des ABM-Vertrags durch die Bush-Administration 2001 ver-      Produktion von Gefechtsköpfen vor Ort) scheiterte. Dabei
hinderte in der Folge nicht den Abschluss des Moskauer        herrschte auf Seiten der amerikanischen Verhandlungs-
Vertrags (SORT) 2002 mit weiteren Absenkungen und             delegation unter Leitung von Sonderbotschafter Marshall
unter Beibehaltung des Verifikationssystems von START         Billingslea bis zum Schluss die Sichtweise vor, dass ein
I. Auch die Trump-Regierung versuchte 2020 nach Jahren        Erhalt von New START vor allem im russischen Interesse
des Zuwartens und der Indifferenz in den letzten Monaten      läge und Russland deshalb auf die US-Vorstellungen
ihrer Amtszeit noch einen konkreten Verhandlungserfolg        einschwenken müsste. Diese Einschätzung erwies sich
mit Russland zu erreichen, was allerdings allein wegen        als unzutreffend. Zuvor hatten die USA ihre langjährige
des Zeitdrucks zu keinem Erfolg führte.                       Forderung nach sofortiger Einbeziehung Chinas in die
                                                              strategische Rüstungskontrolle aufgegeben und auch das
                                                              Ziel der Einbeziehung der neuen russischen strategischen

3 D
   ie Vorgeschichte –                                        Nuklearwaffen zunächst vertagt.

  Implementierung und Stagnation
US-Präsident Barack Obama hatte New START noch als
                                                              4 A
                                                                 uftakt zu Folgeverhandlungen –
„Brückenvertrag“ auf dem Weg zu einer nuklearwaffen-            Strategische Stabilität im Fokus
freien Welt verstanden. In seiner Prager Rede am 5. April
2009 noch vor Abschluss der New START-Verhandlungen           Die im Januar 2021 erfolgte Verlängerung des Vertrags
hatte er die Vision einer Welt ohne Atomwaffen skizziert,     um 5 Jahre schafft einen Rahmen für Folgegespräche
die man schrittweise erreichen wolle. In seiner Rede vor      und –verhandlungen. Diese Verhandlungen liegen im
dem Brandenburger Tor am 19. Juni 2013 hatte er eine          Interesse beider Seiten und sind inhaltlich ambitioniert.
weitere Reduzierung der strategischen Nuklearwaffen um        Mit ihnen werden Kernfragen der strategischen Stabilität
bis zu einem Drittel, also auf rund 1.000 Sprengköpfe, und    und der diese bestimmenden Faktoren in den Mittelpunkt
eine substanzielle Reduzierung auch der taktischen (nicht-    rücken.
strategischen) Nuklearwaffen in Europa vorgeschlagen.             Russland erklärte noch am 21. Januar 2021, dass man
Russland zeigte sich daran aber nicht interessiert, so dass   eine neue security equation anstrebe, die alle Faktoren der
der Dialog über weitere nukleare Abrüstungsschritte zwi-      strategischen Stabilität, einschließlich der Entwicklungen
schen den beiden nuklearen Großmächten für Jahre ver-         im Bereich der Militärtechnologien umfassen müsse. Dazu
siegte.                                                       gehöre auch, dass alle Typen an offensiven und defensi-
     Mit dem Antritt der Trump-Administration im Januar       ven, nuklearen und nicht-nuklearen Waffen mit strategi-
2017 setzte sich die Phase der Stagnation in der strategi-    schen Aufgaben betrachtet werden müssten, genauso wie
schen Rüstungskontrolle fort, auch weil diese Adminis-        der Bereich der Weltraumsicherheit und die Verhütung
tration grundsätzlich der Rüstungskontrolle skeptisch         eines Wettrüstens im All. Die praktische Umsetzung all
gegenüberstand und selbst der zweifelsfrei von beiden         dieser „Ideen“ erfordere ganz offensichtlich „komplexe
142       Ernst-Christoph Meier

und größtenteils innovative Arbeit“. Der noch im Dezem-       der russischen Außen- und Sicherheitspolitik verloren. Die
ber 2020 mit den USA verhandelte freeze sei hierbei aber      strategische Rüstungskontrolle ist für Russland wesent-
kein Thema mehr.                                              lich, um mit der anderen Großmacht USA politisch und
     Die Biden-Regierung ließ ihrerseits noch am 22. Januar   strategisch auf Augenhöhe zu bleiben und Ebenbürtigkeit
2021 ihren Verbündeten mitteilen, dass man New START          zu erhalten. Von SALT bis New START ging es der Sowjet-
verlängern wolle, da der Vertrag im nationalen Sicher-        union bzw. Russland immer auch darum, global als gleich-
heitsinteresse der USA und ihrer Verbündeten liege. Mit       wertiger Akteur wahrgenommen zu werden, indem die
ihm könne das russische Nuklearwaffenprogramm be-             strategische Parität bei den Nuklearwaffen und die russi-
grenzt werden. Zudem erlaubten die Verhandlungen, dass        sche Zweitschlagskapazität gesichert werden konnten.
die US-Administration Informationen über das russische             Bereits Anfang Dezember 2019 ließ Präsident Wladi-
Nuklearwaffenpotential und Zugang zu den russischen           mir Putin verlauten, dass New START ohne Vorbedingun-
Nukleareinrichtungen erhält. Außerdem wurde erklärt,          gen verlängert werden sollte. Die maximal mögliche fünf-
dass der US-Präsident die Verlängerung von New START          jährige Verlängerung blieb fortan die russische Präferenz.
als Beginn von Anstrengungen betrachte, Russland und          Mit der nun vereinbarten Verlängerung von New START
andere Staaten in einem Prozess zu engagieren, der sich       wurde dementsprechend ein wesentliches politisches
mit den Bedrohungen, die von Nuklearwaffen ausgehen           und militärisches Ziel Russlands erreicht. Gleichzeitig
und mit den neuen Herausforderungen der strategischen         hat Russland, befördert durch den Stillstand des stra-
Stabilität beschäftigt. Dabei habe man gleichzeitig die       tegischen Dialogs mit der NATO und den USA seit 2014,
russischen Herausforderungen und die aggressiven rus-         die qualitative Modernisierung seines gesamten Nuklear-
sischen Handlungen im Auge. US-Außenminister Antony           potentials vorangetrieben und damit sowohl seine Mittel
Blinken bestätigte am 22. Februar 2021 im Rahmen der          zur Überwindung der seit Jahren als Bedrohung für die
Genfer Abrüstungskonferenz die Bereitschaft zu Diskus-        Zweitschlagskapazität empfundene US-Raketenabwehr
sionen mit Russland über „arms control and emerging           als auch seine Optionen für mögliche künftige Rüstungs-
security issues“. Von 2017 bis 2020 hatten bereits einige     kontrollverhandlungen deutlich erweitert.
amerikanisch-russische Gesprächsrunden unter dem                   Allerdings haben die USA nur ein begrenztes Arsenal
Namen Strategic Stability Talks bzw. Strategic Security       von Raketenabwehrsystemen und die Präsidenten Barack
Talks mit verschiedenen Themenschwerpunkten statt-            Obama und Donald Trump haben in der Vergangenheit
gefunden, zuletzt fokussiert in drei Arbeitsgruppen zu        keine Absicht erkennen lassen, dieses zu einem umfas-
Verifikation und Transparenz, Doktrinen und Weltraum.         senden System auszuweiten. Das Raketenabwehrsystem
Fortschritte wurden hierbei nicht erzielt.                    ist ausgerichtet auf die Verteidigung gegen eine begrenzte
     Zu Beginn des Jahres 2021 ist der Boden neu bereitet     Zahl von Raketen, die aus dem Iran oder Nordkorea
für einen vermutlich substantielleren und erfolgsträchti-     kommen könnten. Es besteht weitgehend aus dem Ground-
geren Sicherheitsdialog zwischen den USA und Russland.        based missile interceptor (GBI) und den entsprechenden
Es ist davon auszugehen, dass die Vorbereitung der Ge-        Steuerungs- und Leitsystemen.1 Diese Fähigkeit zur Ver-
spräche einige Zeit in Anspruch nehmen wird, was natür-       teidigung gegen eine begrenzte Anzahl von Raketen ist
lich mit an der üblicherweise notwendigen Zeit für sicher-    in mehreren Tests unter Beweis gestellt worden. Aus
heitspolitische reviews aller Art auf Seiten jeder neuen      russischer Sicht kann dieser bislang begrenzte, aber
US-Regierung liegt. Grundsätzlich wird wohl ein eher          durchaus gegen russische ICBMs funktionierende GBI-
breiter strategischer Dialog zur Sondierung von Themen        Schutzschirm, als Ausgangspunkt für einen möglichen
und Interessen begonnen, der dann nach und nach zur           umfassenden Ausbau zur Abwehr russischer strategischer
Eingrenzung auf wirkliche Verhandlungen über die Nu-          Raketen interpretiert werden. Dies erklärt, warum Russ-
klearwaffen und möglicherweise auch andere Themen-            land so starkes Gewicht auf die Hyperschall-Technologie
felder führen wird.                                           gelegt hat.

5 Interessen und Ziele                                       1 Beim Ground-based missile interceptor (GBI) handelt es sich um
                                                              einen mehrstufigen Booster zur Abwehr anfliegender ICBMs in der
                                                              midcourse Phase (hit-to-kill bzw. kinetic kill). Es gibt davon 44 Stück,
Im Gegensatz zur US-Haltung in den Jahren der Trump-          stationiert in Alaska und in Kalifornien. Im Rahmen des Ballistic Mis-
Administration hat auf russischer Seite die nukleare Rüs­     sile Defense Review unter Trump wurde die Erweiterung der Abwehr
                                                              gegen andere Typen von Raketenbedrohungen angewiesen, also
tungskontrolle nie ihren prioritären Stellenwert als Teil
                                                              gegen Marschflugkörper und gegen hypersonische Raketen.
Perspektiven der Strategischen Rüstungskontrolle      143

     Kern des russischen Aufrüstungsprogramms sind die              Eine weitere Absenkung der Sprengköpfe und der
von Präsident Wladimir Putin am 1. März 2019 in seiner         ­ ngriffssysteme wäre absehbar auch mit einer neuen
                                                               A
Rede zur Lage der Nation vorgestellten neuen und neu-          Nuclear Posture Review der Biden-Regierung vereinbar.
artigen Nuklearwaffen, die zumindest teilweise als bargai-     Wesentliches Interesse der USA wird darüber hinaus die
ning chip für Rüstungskontrollverhandlungen betrachtet         Erfassung der neuen russischen Nuklearwaffen sein. Mög-
werden können: Awangard: ein hypersonischer manö-              licherweise wird Russland aber versuchen, dies zum Teil
vrierfähiger Gleiter, der auf eine SS-19-Interkontinental-     im Rahmen des bestehenden New START-Vertrags (Art. V,
rakete montiert werden kann und Ende 2019 in Dienst            XI) zu lösen.
gestellt wurde; Sarmat (SS-29): eine neue „schwere“ Inter-          Von besonderer Bedeutung in Folgeverhandlungen
kontinentalrakete, welche die SS-18 ersetzen und 2021 in       wird aus US-Sicht das Ziel der Einbeziehung der nicht-
Dienst gestellt werden soll; Burewestnik (SSC-X-9, Skyfall):   strategischen Nuklearwaffen, also der Nuklearwaffen in
ein nukleargetriebener Marschflugkörper; Kinschal: eine        Europa sein. Hierfür gibt es drei Gründe.
luftgestützte manövrierfähige Langstreckenrakete mit           1. Die Resolution des US-Senats zur New START Ratifi-
einer Reichweite bis 3.000 km; Poseidon: ein nuklearge-             zierung 2010 enthält in Artikel 12, (A), (i), die Vorgabe,
triebener Langstreckentorpedo. Nach russischen Aus-                 dass die Aministration bestätigen muss, innerhalb
sagen fallen zumindest Awangard und Sarmat unter die                eines Jahres nach Inkrafttreten des Vertrags Ver-
Regeln des New START Vertrags, der sowohl eine Moder-               handlungen mit Russland über ein Abkommen zur
nisierung der strategischen Offensivwaffen zulässt als              Reduzierung der Disparitäten der jeweiligen Arsenale
auch Konsultationen über neue strategische Waffen vor-              an nicht-strategischen (taktischen) Nuklearwaffen
sieht, die noch vom Vertrag erfasst sind.                           anzustreben. Außerdem muss die Administration
     Nachdem Russland am 2. Juni 2020 erstmals seine Nu-            jährlich über die Fortschritte dazu berichten. Ohne
kleardoktrin veröffentlich hatte, möchte Moskau in den Ge-          Erfüllung dieser Vorgabe des Senats wird die Ratifizie-
sprächen mit den USA offenbar zunächst über Bedrohungs-             rung eines neuen Vertrags mit Zweidrittelmehrheit im
perzeptionen und Nukleardoktrinen sprechen, um dann in              Senat so gut wie ausgeschlossen sein. Diese Vorgabe
der Folge Verhandlungsgegenstände festzulegen, die in               war auch Grund für den von der Trump-Regierung
verschiedene Abkommen oder Erklärungen einmünden                    befürworteten freeze für alle Nuklearwaffen, da hier
könnten. Der Fokus in den nuklearen Rüstungskontroll-               erstmals die Nuklearwaffen in Europa einbezogen und
verhandlungen liegt für Russland weiterhin bei den stra-            mittelbar ein cap für die Nuklearwaffen in Europa ein-
tegischen Trägermitteln und den stationierten Gefechts-             gezogen worden wäre.
köpfen. Eine Bereitschaft zu weiteren Reduzierungen lässt      2. Mit dem Ende des INF-Vertrags 2019 und der russi-
sich bislang noch nicht festmachen. Auch zur Begrenzung             schen Aufrüstung im Bereich der nuklearen Mittel-
der Raketenabwehr oder weitreichender konventioneller               streckenwaffen, vor allem durch die Dislozierung des
Systeme (Prompt-Global-Strike System) mit strategischer             weitreichenden, mobilen und schwer bekämpfbaren
Qualität gibt es noch keine spezifizierten russischen Fest-         Marschflugkörpers 9M729 (SSC-8) in Europa, hat sich
legungen. Ein Schwerpunkt wird sicherlich das russische             die Bedrohungslage für alle NATO-Staaten deutlich
Beharren auf dem Verbot von Waffen im Weltraum sein.                verändert. Damit gibt es auch keinerlei rüstungskon-
     Die Biden-Regierung wird ihrerseits, wie in vielen             trollpolitische Begrenzung für Nuklearwaffen mehr.
anderen Feldern, an die Positionen der Obama-Regierung         3. Die Biden-Administration hat sich nach den trans-
anknüpfen, sie wird aber nicht umhinkommen, einem                   atlantischen Verwerfungen der Trump-Jahre enge
doch stark veränderten strategischen Kontext Rechnung               Konsultationen mit den Verbündeten und in der NATO
zu tragen. Dies bedeutet, dass die USA zunächst grund-              auf die Fahnen geschrieben. Dem immer wieder in
sätzlich zu einer weiteren echten Reduzierung der strategi-         den vergangenen Monaten von europäischer Seite
schen Nuklearwaffen bereit sein dürften. Dies entspräche            vorgetragenem Petitum der Einbeziehung der Nu-
der „moralischen Verantwortung“ zur Beseitigung der                 klearwaffen in Europa in die künftige strategische
Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen, die Außen-                Rüstungskontrolle wird man Rechnung tragen wollen.
minister Antony Blinken erst kürzlich betont hat. Damit
will die Biden-Administration auch den Erwartungen der         Russland hat demgegenüber 2020 zur Lösung der INF-
europäischen Verbündeten und anderer internationaler           Frage ein Moratorium für Europa vorgeschlagen, das
Akteure entsprechen, die die Verpflichtungen unter Art.        allerdings von den NATO-Staaten aus vielerlei Gründen
VI des nuklearen Nichtverbreitungsvertrags (NVV) nach          abgelehnt wurde. Ein Moratorium würde den russischen
Verhandlungen über nukleare Abrüstung anmahnen.                Vertragsbruch belohnen, mögliche – auch konventio-
144        Ernst-Christoph Meier

nelle – Gegenmaßnahmen verhindern und das Gesamt-                    Daneben wird die Überprüfung (Verifikation) der
problem der gewaltigen Disparität im Bereich der Kurz-          Bestimmungen künftiger Abkommen im Bereich strate-
und Mittelstreckensysteme unberührt lassen.                     gischer (und nicht-strategischer) nuklearer Rüstungs-
     Ein weiteres Interesse der USA für Folgeverhand-           kontrolle an Bedeutung gewinnen. Der Grund hierfür ist
lungen bleibt die Einbeziehung Chinas in die nukleare           zunächst ein politischer: Die Beziehungen zwischen USA
Rüstungskontrolle. Während die Trump-Regierung die              und Russland haben in den vergangenen Jahren einen po-
Einbeziehung Chinas über dreieinhalb Jahre lang zur Vor-        litischen Tiefpunkt erreicht. Das Vertrauen ist gemeinsam
bedingung eines jeden Rüstungskontrollabkommens mit             mit der Kooperation in der Außen- und Sicherheitspolitik
Russland gemacht und damit jeglichen realen Verhand-            weitestgehend verschwunden. Was rüstungskontroll-
lungsfortschritt verunmöglicht hatte, wird die Biden-Re-        politisch vereinbart wird, wird tendenziell intrusiver ve-
gierung dies als richtiges, aber nur langfristig erreichbares   rifiziert werden. Es gibt keinen Vertrauensvorschuss mehr.
Ziel weiterverfolgen, ohne damit die amerikanisch-russi-        Ronald Reagans vielzitierter Ausspruch im Zusammen-
schen Gespräche zu konditionieren. Russland hat über-           hang mit den START I – Verhandlungen „Trust, but verify“
dies bislang kein aktives Interesse an einer Einbeziehung       erscheint gegenwärtig schon fast zu vertrauensselig. Das
Chinas erkennen lassen, fordert stattdessen die Einbezie-       US-Verhandlungsteam forderte Ende 2020 von Russland
hung der Nuklearwaffenstaaten Frankreich und Groß-              dementsprechend eine weitgehende Überprüfung des
britannien.                                                     vorgeschlagenen freeze für die Nuklearwaffen durch Vor-
     China hat seinerseits am 21. Januar 2021 erneut seine      Ort-Verifikation der Produktion aller nuklearen Gefechts-
rigorose Ablehnung eines trilateralen Dialogansatzes öf-        köpfe.
fentlich bekundet. China besteht auf bilateraler Abrüstung           Eine weitere gewaltige Herausforderung für die Ve-
der beiden großen Nuklearmächte auf sein Niveau und             rifikation wird die potenzielle Einbeziehung der nicht-
wäre nachfolgend bereit, im multilateralen P5-Rahmen            strategischen Nuklearwaffen in Europa mit sich bringen.
Gespräche zu führen.                                            Während im Rahmen des INF-Vertrags vor Ort die vollstän-
                                                                dige Zerstörung aller nuklearen Mittelstreckenraketen ve-
                                                                rifiziert werden musste, würde es nun um die Überprüfung

6 N
   eue Technologien und                                        einer großen Anzahl von hochmobilen, konventionell und
                                                                nuklear bestückbaren Flugkörpern unterschiedlicher
  Verifikation                                                  Reichweiten in den Weiten des russischen Territoriums
                                                                diesseits und wohl auch jenseits des Urals gehen. Hinzu
Zwei weitere Parameter werden die Gespräche von USA             kommt die maritime Komponente, denn viele der Systeme
und Russland absehbar mitbestimmen. Die emerging                kürzerer und mittlerer Reichweite sind auch auf Überwas-
technologies werden direkt oder indirekt eine große Rolle       serschiffen oder U-Booten stationiert.
spielen. Hyperschallschnelle und manövrierbare Flug-
körper, deren Flugstrecke nicht vorhersehbar ist, stellen
im Spannungsfeld zwischen gesicherter Zweitschlags-
kapazität und begrenzter Raketenabwehr eine neue Vari-
                                                                7 G
                                                                   roßmachtrivalität und
able und eine neue Herausforderung für die strategische           Rüstungskontrolle
Stabilität dar. Auch die zunehmende Zahl unbemannter
Systeme und hochpräziser konventionelle Langstrecken-           Die USA und Russland haben kurz nach Amtsantritt von
waffen, die gewachsene Anzahl von Flugkörpern, die              Präsident Joseph Biden New START um die maximal
sowohl nuklear wie auch konventionell eingesetzt werden         mögliche Zeit verlängert. Nach Jahren der Erosion der
können, wachsende Cyberfähigkeiten sowie Gefähr-                konventionellen und nuklearen Rüstungskontrolle und
dungen der Weltraumsicherheit durch boden- oder welt-           der Schwächung einer regelbasierten internationalen
raumgestützte Systeme stellen gegenüber der nuklearen           Ordnung war dies ein Akt der politischen Klugheit. Es
Rüstungskontrolle vergangener Jahre ein Bündel an neuen         bleibt aber die Aufgabe bestehen, nukleare Rüstungskon-
militärischen Wirkfaktoren dar, die in den Verhandlungen        trolle unter veränderten Rahmenbedingungen neu zu ge-
erfasst werden müssten. Diese Aufgabe ist hochkomplex           stalten. Einen freeze und ein weiteres Absenken von Ober-
angesichts der unterschiedlichen Entwicklungsstufen auf         grenzen sind Schritte, die man kurzfristig ins Auge fassen
beiden Seiten. Sie kann nur schrittweise und vermutlich         könnte, ohne die nukleare Abschreckung und die Sub-
auch nur in unterschiedlichen Dialog- und Verhandlungs-         stanz von russischer Nukleardoktrin und Nuclear Posture
formaten angegangen werden.                                     Review der USA zu gefährden.
Perspektiven der Strategischen Rüstungskontrolle   145

    Klar ist, dass nur über bilaterale Fortschritte genügend        In Zeiten der – um China erweiterten – Großmacht-
Druck auf China erzeugt werden kann, sich zu beteiligen        rivalität sind die Aussichten auf ein substanzielles Fol-
und selbst zu begrenzen – und dies wird neben realer           geabkommen zu New START ungewiss. Der vermeintlich
Abrüstung der beiden großen Nuklearmächte weitere              großzügige Zeitrahmen von 5 Jahren wird in der Realität
US-Zugeständnisse bei der Stationierung von Raketen-           gerade mal ausreichen, um im besten Falle einen echten
abwehrsystemen in Japan, Taiwan und Südkorea und Zu-           strategischen Dialog zwischen den USA und Russland bzw.
geständnisse von USA und Russland bei der Stationierung        China zu etablieren und eine Reihe eher begrenzter Ver-
von Mittelstreckenraketen in der Umgebung Chinas erfor-        einbarungen für die Vielzahl der auf dem Tisch liegenden
dern. Es wird sich dann auch schnell die Frage nach einer      strategischen Fragen zu erreichen. Gemessen an den Ver-
Einbindung der Nuklearwaffen und ihrer Trägersysteme           werfungen und der Sprachlosigkeit der vergangenen vier
von Indien und Pakistan stellen.                               Jahre wäre dies aber ein großer Schritt nach vorne zu mehr
                                                               globaler Sicherheit und zu mehr strategischer Stabilität.
146         Ernst-Christoph Meier

Zeittafel: Nukleare Rüstungskontrolle und Abrüstung zwischen den USA
und Russland bzw. der Sowjetunion
Zusammenstellung: Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK)

20.6.1963: Die USA und die Sowjetunion einigen sich auf die Her-             anlassten den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt dazu,
     stellung einer störungsfreien Kommunikationsverbindung, die             angesichts der Aufstellung neuer sowjetischer landgestützter
     unter Krisenbedingungen helfen soll einen Nuklearkrieg zu               Raketen in Europa (SS-20) einen Abbau dieser „Disparitäten
     vermeiden. Zu diesem Zweck unterzeichneten beide Regierun-              parallel zu den SALT-Verhandlungen“ zu fordern um die durch
     gen in Genf ein Memorandum of Understanding Regarding the               die sowjetischen SS-20-Systeme hervorgerufene „Lücke“ in der
     Establishment of a Direct Communications Line.                          nuklearen Abschreckung der NATO zu schließen.
5.8.1963: Unterzeichnung des Nuklearen Teststoppabkommens               12.12.1979: NATO-Doppelbeschluss, der die Stationierung neuer
     durch USA, UdSSR und Großbritannien. Das Abkommen verbi-                nuklearer Mittelstreckenwaffen der NATO – 108 Pershing II-Ra-
     etet Kernwaffentests in der Atmosphäre und unter Wasser.                keten und 464 bodengestützte Marschflugkörper – mit einem
24.8.1967: USA und Sowjetunion legen gemeinsam erarbeitete,                  Angebot an die Sowjetunion zu Rüstungskontrollgesprächen
     identische Vertragsentwürfe für einen nuklearen Nichtver-               über die weitreichenden nuklearen Mittelstreckensysteme
     breitungsvertrag im Genfer 18 Nationen-Ausschuss vor. In                beider Seiten verknüpfte. Die Verhandlungen zwischen den
     den Entwürfen wurde das Thema nuklearer Mitsprache für                  USA und der Sowjetunion begannen formal im November 1981
     die Bundesrepublik Deutschland und anderer nicht-nuklearer              und endeten erfolglos im November 1983. Die Gespräche
     Staaten gelöst. Damit wurde der Weg frei für den Nuklearen              wurden im März 1985 nach dem Amtsantritt von Michail Gor-
     Nichtverbreitungsvertrag.                                               batschow als Generalsekretär der KPdSU wiederaufgenommen
25.5.1972: Die USA und die Sowjetunion unterzeichnen ein Abkom-              und führten zum INF-Vertrag vom 8.12.1987, mit dem erstmalig
     men zur Vermeidung von Zwischenfällen auf Hoher See.                    eine ganze Kategorie von Nuklearwaffen beseitigt wurde.
26.5.1972: Unterzeichnung des ABM Vertrages und des Inter-              8.12.1987: Der Präsident der USA Ronald Reagan und der General­
     imsvertrages zum Abschluss der SALT-Verhandlungen (SALT                 sekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow unterzeichnen
     I) in Moskau durch US-Präsident Richard Nixon und KPdSU                 in ­Washington den INF-Vertrag, der die Entwicklung, die
     Generalsekretär Leonid Breschnew. Der ABM-Vertrag fror die              Erprobung, die Herstellung, den Besitz und den Einsatz land-
     Zahl der zulässigen nuklearen Abwehrsysteme auf zwei (später            gestützter ballistischer Raketen und Marschflugkörper mit
     auf eines) ein und verbot darüber hinaus die Einführung neuer           Reichweiten zwischen 500 und 5.500 km verbot. Alle vorhande-
     Abwehrsysteme. Der Interimsvertrag galt für 5 Jahre und fror            nen Trägersysteme (846 amerikanische und 1.846 sowjetische)
     den Stand der land- und seegestützten Interkontinentalraketen           wurden zerstört, die Zerstörung der Sprengköpfe war nicht
     ein (USA 1.054, Sowjetunion 1.618 Raketen, jeweils noch mal             Gegenstand des Vertrags.
     differenziert nach land- oder seegestützt). Der Interimsvertrag    31.6.1991: Unterzeichnung des START-1 Vertrages durch die Prä-
     bezog strategische Bomber ebenso wenig ein wie die Zahl oder            sidenten der USA, George W. H. Bush und der Sowjetunion,
     Qualität der Sprengköpfe oder nicht strategische Kernwaffen             Michail Gorbatschow, in Moskau. Dieser Vertrag sah eine Ober-
     kürzerer Reichweiten.                                                   grenze für nuklearstrategische Trägersysteme von 1.600 und
18.6.1979: Unterzeichnung des SALT-II Vertrags in Wien durch den             damit verbunden eine Begrenzung der strategischen Nuklear-
     amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und den General-                sprengköpfe auf maximal 6.000 vor, davon maximal 4.900 auf
     sekretär der KPdSU, Leonid Breschnew. Der Vertrag war auf               ICBMs und auf SLBMs. Weitere Restriktionen wurden vorgese-
     6 Jahre begrenzt und sah Obergrenzen für alle strategischen             hen, ebenso ein komplexes Verifikationsregime. Der Vertrag
     Angriffssysteme vor (land- und seegestützte Raketen sowie               bedeutete erstmals die Abrüstung von Kernwaffen im großen
     strategische Bomberflugzeuge). Nach einer Zwischenphase                 Umfang. Nach dem Kollaps der Sowjetunion trat Russland in
     sollte es ab 1982 nur noch 2.250 nuklearstrategische Träger-            die Vertragsverpflichtungen der Sowjetunion ein. Der Vertrag
     systeme geben, davon maximal 1.320 Trägersysteme (ICBM                  war bis 2009 terminiert.
     und SLBM) mit Mehrfachsprengköpfen, und nicht mehr als 820         27.9.1991: US-Präsident George H. W. Bush kündigt einseitige
     ICBM mit Mehrfachsprengköpfen (MIRV). Es wurden weiterhin               Schritte im Bereich nicht-strategischer Kernwaffen an. Die
     Obergrenzen für Mehrfachsprengköpfe in landgestützten und               US-Streitkräfte zogen in der Folgezeit fast alle taktischen Kern-
     seegestützten Interkontinentalraketen sowie Obergrenzen für             waffen aus der Luftwaffe, der Marine und den Landstreitkräften
     die Zahl der in strategischen Bombern mitgeführten Atomwaf-             zurück. Die USA zerstörten vollständig ihre nukleare Artillerie-
     fen festgesetzt. Außerdem wurden eine Reihe von Nebenverein-            munition und alle nuklearen Sprengköpfe für Kurzstreckenra-
     barungen getroffen, darunter das Verbot der Entwicklung neuer           keten. Außerdem zogen sie alle Kernwaffen von Kriegsschiffen
     seegestützter (Überwasserschiffe) Marschflugkörper mit Reich-           und Unterseebooten ab, sofern diese keine strategischen
     weiten über 600 km sowie von luftgestützten Marschflugkör-              U-Boote waren. Bis auf etwa 300 Fliegerbomben des Typs B-61
     pern der gleichen Reichweite, sofern sie Mehrfachsprengköpfe            wurden alle taktischen Nuklearwaffen (ca. 5.000) ausgemustert
     enthielten. Der Vertrag wurde nie ratifiziert, beide Regierungen        und im Laufe der Jahrzehnte auch zerlegt.
     hielten sich aber stillschweigend daran. Die Einigung auf die      5.10.1991: Der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow kündigt
     strategische Rüstungsbegrenzung bei fortbestehenden Dispa-              ebenfalls einseitige Schritte zur Reduzierung der taktischen
     ritäten im konventionellen und nukleartaktischen Bereich ver-           Kernwaffen an. Die Sowjetunion werde sämtliche nukleare
Perspektiven der Strategischen Rüstungskontrolle           147

     Artilleriemunition, nukleare Minen und alle Sprengköpfe von            Vertrag zurück. Zwischenzeitlich hatten beide Seiten versucht
     Kurzstreckenraketen zerstören. Ebenso kündigte er an, dass             eine Verlängerung des Vertrages um 5 Jahre zu erreichen, aber
     die Seestreitkräfte (mit Ausnahme der strategischen U-Boote)           dies wurde durch den Rückzug Russlands hinfällig.
     keine Kernwaffen mehr mit sich führen werden. Diese Verpflich-    24.5.2002: Der amerikanische Präsident George W. Bush und der
     tungen wurden nach dem Ende Sowjetunion vom russischen                 russische Präsident Wladimir Putin unterzeichnen in Moskau
     Präsident Boris Jelzin übernommen. Die Zahl der zerstörten             den SORT-Vertrag (Treaty Between the United States of America
     oder aus dem Verkehr gezogenen Kernwaffen dürfte bei 13.000            and the Russian Federation on Strategic Offensive Reductions).
     gelegen haben. Das genaue Ausmaß der Reduktion blieb aber              Dieser Vertrag galt für zehn Jahre und verpflichtete beide Seit-
     unbekannt. Amerikanische Stellen gehen davon aus, dass                 en, die Zahl ihrer strategischen Angriffswaffen auf ein Niveau
     Russland mehr als 2.000 taktische Sprengköpfe beibehalten              von 1.700 bis 2.200 Sprengköpfe zu verringern. Damit wurde
     und diese auch modernisiert hat.                                       die bisherige Systematik von START und SALT (Orientierung
Dezember 1991: Die USA beginnen nach Verabschiedung des                     auf Trägersysteme) aufgegeben, stattdessen konnte man sich
     Nunn-Lugar-Acts gemeinsam mit Russland und anderen Nach-               nur auf die Reduzierung der nuklearen Gefechtsköpfe verstän-
     folgestaaten der Sowjetunion eine Vielzahl von Projekten, mit          digen. Immerhin wurden die Verifikationsregeln von START I
     denen die Abrüstungsverpflichtungen unter dem START I Ver-             beibehalten.
     trag umgesetzt und weitere damit im Zusammenhang stehende         13.6.2002: Die USA treten aus dem ABM-Vertrag aus. Zur Begründ-
     Probleme angegangen wurden (Cooperative Threat Reduction –             ung wurde von der Administration George W. Bush angeführt,
     CTR). Unter dem CTR Programm wurden bis zu seinem Ende                 dass sich die USA durch die Raketen- und Kernwaffenpro-
     im Jahr 2015 etwa 537 russische Interkontinentalraketen, 459           gramme Nordkoreas und des Iran bedroht sähen und zur
     Silos für Interkontinentalraketen, 11 mobile Raketenabschuss-          Abwehr dieser Bedrohung Raketenabwehrsysteme beschaffen
     gestelle, 128 Bombenflugzeuge, 708 nukleare, luftgestützte             wollten, die nicht mit dem ABM Vertrag kompatibel wären. Die
     Raketen, 408 U-Boot-gestützte Raketenabschussgeräte, 496               russische Seite zweifelte diese Argumentation an.
     U-Boot-gestützte Nuklearraketen, 27 strategische U-Boote          8.4.2010: Der amerikanische Präsident Barack Obama und der rus-
     sowie 194 nukleare Testtunnel zerstört. Außerdem wurden 260            sische Präsident Dmitri Medwedew unterzeichnen in Prag den
     Tonnen nuklearfähigen Materials aus der Abrüstung in 60 dafür          New START Vertrag (New Strategic Arms Reduction Treaty). Er
     hergestellten, gut gesicherten Einrichtungen gelagert und              trat am 5.2.2011 mit 10-jähriger Vertragsdauer in Kraft. Die Zahl
     ein Teil des Waffenplutoniums und des hoch angereicherten              der einsatzbereiten nuklearstrategischen Trägersysteme wurde
     Urans einer zivilen Nutzung zugeführt. Über 58.000 Personen            halbiert und für die einzelnen Trägersysteme Obergrenzen
     aus dem Militärisch-Industriellen Komplex der früheren Sow-            vereinbart. Die Zahl der dislozierten Abschusseinrichtungen
     jetunion erhielten neue Berufsperspektiven im Rahmen meh-              (Raketenstartvorrichtungen zu Land und U-Boot-gestützt, sowie
     rerer, aus amerikanischen Mitteln finanzierter Internationaler         strategische Bomberflugzeuge) für strategische Kernwaffen
     Wissenschaftszentren.                                                  wurde auf 700 begrenzt (plus 100 nicht-dislozierte Systeme als
3.1.1993: Unterzeichnung des START-II Vertrags durch die Präsiden-          strategische Reserve). Beide Seiten dürfen nicht mehr als 1.550
     ten der USA, George H. W. Bush, und Russlands, Boris Jelzin, in        dislozierte nukleare Sprengköpfe für strategische Rollen besit-
     Moskau. Der START-II Vertrag sah vor, dass bis Ende 2002 die           zen. Der Vertrag sieht ein umfassendes Verifikations- und Kon-
     Zahl der nuklearstrategischen Sprengköpfe auf 3.000 bis 3.500          sultationsregime vor. Er wäre am 5. Februar 2021 ausgelaufen,
     für jede Seite abgesenkt wird und dass keine landgestützten            wurde aber im Januar 2021 einvernehmlich um die nach dem
     Interkontinentalraketen mehr Mehrfachsprengköpfe haben                 Vertrag möglichen fünf Jahre verlängert.
     dürfen. Der Vertrag wurde jedoch nicht vollständig implemen-      2.2.2019: Die USA kündigen offiziell den INF-Vertrag, die Kündigung
     tiert. Trotz der 1996 erfolgten Ratifikation im US-Senat und           wird zum 2.8.2019 rechtswirksam. Russland hatte den Vertrag
     trotz einseitiger Umsetzungsmaßnahmen der USA, ratifizierte            durch die Stationierung von neuen nuklearen Mittelstreckenra-
     die Duma in Moskau den Vertrag erst im Jahr 2000 und dann              keten (9M729) gebrochen und war über fünf Jahre nicht bereit,
     unter der Bedingung, dass die USA nicht aus dem ABM-Ver-               den Vertragsbruch zuzugeben oder zu korrigieren. Russland
     trag austreten. Nach dem im Dezember 2001 angekündigten                suspendierte seinerseits den INF-Vertrag zum 3.7.2019.
     Austritt der USA aus dem ABM Vertrag, trat Russland von dem
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