PRESS REVIEW Tuesday, August 17, 2021 - Daniel Barenboim Stiftung Barenboim-Said Akademie & Pierre Boulez Saal - Index of
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PRESS REVIEW
Daniel Barenboim Stiftung
Barenboim-Said Akademie & Pierre Boulez Saal
Tuesday, August 17, 2021PRESS REVIEW Tuesday, August 17, 2021 Berliner Zeitung, DB In Krisenzeiten möchte auch die Kunst etwas zu sagen haben. Ausblick auf die Konzertsaison The Guardian, DB Thomas Quasthoff: „From birth, my mum felt guilty. I had to show her I made the best of my life” Der Tagesspiegel Das Orquestra del Lyceum de la Habana macht aus dem Finale von Young Euro Classic eine Fiesta Der Tagesspiegel Die Pläne des Berliner Rundfunk- Sinfonieorchesters DLF Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ in Salzburg. Brutalität und ein Publikum, das sich nicht angesprochen fühlt Frankfurter Allgemeine Zeitung Morton Feldmans Oper „Neither“ packt, Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ gerät öde Frankfurter Allgemeine Zeitung Bei den Salzburger Festspielen zeigt Martin Kušej eine einfallsarme Inszenierung von Schillers „Maria Stuart“
17.8.2021 https://epaper.berliner-zeitung.de/webreader-v3/index.html#/938164/12-13
Dienstag, 17. August 2021, Berliner Zeitung /
Ernste Musik
In Krisenzeiten möchte auch die Kunst etwas zu sagen haben.
Ausblick auf die Konzertsaison
https://epaper.berliner-zeitung.de/webreader-v3/index.html#/938164/12-13 1/317.8.2021 https://epaper.berliner-zeitung.de/webreader-v3/index.html#/938164/12-13
PETER UEHLING
D
as Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, geleitet von Vladimir Jurowski,
bringt in seinen Plänen zur kommenden Konzertsaison ein Unbehagen auf
den Punkt: Die neue Reihe „Mensch, Musik!“ soll „über Musik und mit Hil‐
fe interdisziplinärer Kunstelemente zu Themenkreisen wie Klima, Grenzen,
Zukunft oder Migration“ gelangen. „Das RSB möchte sein Publikum ganz direkt und un‐
mittelbar mit den drängenden und aktuellen Fragen unserer Zeit ansprechen und auf
diesem Weg zu mehr Reflexion und Mitverantwortung anregen.“
Kunst scheint dem Ernst der Lage, wie sie in den „Themenkreisen“ umrissen wird, nicht
mehr angemessen, deswegen soll sie sich nach den „drängenden Fragen“ strecken –
schwierig, wenn größtenteils Musik aus einer Zeit gespielt wird, in der andere Fragen
drängten. So wird zum Beispiel die Weltschmerz-Musik von Schubert und Mahler dazu
verwendet, das Thema „Migration“ zu beleuchten. Die romantischen Wanderer suchten
ein besseres Leben im Wissen, dass sie es nie finden würden, denn das Glück war im‐
mer „dort, wo du nicht bist“ – mit so einer Einstellung jedoch würden sich Menschen
aus Regionen, die von Krieg und Klimawandel verheert wurden, allerdings nicht auf ihre
lebensgefährlichen Wanderungen machen.
„Mehr Mitverantwortung“
So passt es nie wirklich richtig; die Musik der Vergangenheit wird zur Staffage der „drän‐
genden Frage“, und so wird ein weiteres Unbehagen ausgelöst: Gibt es eventuell kultu‐
relle Formate, die effektiver zu „mehr Reflexion und Mitverantwortung“ in Klima- und
Migrationsfragen anregen könnten als ausgerechnet Sinfoniekonzerte?
Die Selbstreflexion des Individuums, die Kunst leistet und anregen könnte, steht unter
Weltflucht-Verdacht, und so liest man das Saisonprogramm etwa der Staatskapelle mit
Grausen: Daniel Barenboim wendet sich in der kommenden Saison, warum auch im‐
mer, mal wieder Robert Schumann zu, dabei überlässt er ihm unbekannte oder heikle
Repertoirepunkte anderen Dirigenten: Das Oratorium „Das Paradies und die Peri“ etwa
Simon Rattle, der es bei den Philharmonikern mehrfach dirigiert hat, das umstrittene
Violinkonzert leitet Daniele Gatti.
https://epaper.berliner-zeitung.de/webreader-v3/index.html#/938164/12-13 2/317.8.2021 https://epaper.berliner-zeitung.de/webreader-v3/index.html#/938164/12-13
Aber auch das RSB spielt im Prinzip, was der Dirigent will, und Vladimir Jurowski liegt
das russische Repertoire, deswegen dirigiert er dreimal mehr Tschaikowsky, Prokofjew
oder Schostakowitsch als nicht-russische Werke; als „composer in residence“ ist Jelena
Firssowa verpflichtet worden, von der er mehrere Uraufführungen dirigiert.
Das Deutsche Symphonie-Orchester feiert 75-jähriges Bestehen, will aber mit der Wahr‐
nehmung drängender Fragen auch nicht abseits stehen, wenn es im Dezember unter
dem Motto „Neues vom Tage“ ein „Programm mit tagesaktuellem Bezug“ ankündigt,
das „kurzfristig bekannt gegeben wird“: „Gerade in Krisenzeiten hat Kunst etwas zu sa‐
gen“, heißt es reichlich vage. Ansonsten will man gerade in einer Jubiläumssaison eher
nicht von Krisen sprechen. So wird man in der DSO-Saison reichlich Vertrautes finden
und das in vertrauter Weise: Zu seinen zahlreichen ehemaligen Chefdirigenten hält das
Orchester auch in dieser Saison Kontakt, Tugan Sokhiev dirigiert wieder Russisches und
Französisches, Robin Ticciati pflegt seine komponierenden Bekanntschaften Helen Gri‐
mes und Julian Anderson, und sogar der ehemalige Intendant und Komponist Peter Ru‐
zicka kommt vorbei und dirigiert ein Konzert – und da wird es merkwürdig: Der sonst
nur bei Hölderlin und Celan Betriebstemperatur erreichende Ruzicka lässt sich nach ei‐
genem Werk und Varèses „Arcana“ zu einer selbst zusammengestellten „Star Wars“-Sui‐
te nach John Williams herab.
Jede Menge Film
Filmmusik sickert in erstaunlicher Weise in die Programme ein: Das RSB spielt Schosta‐
kowitschs Musik zum „Panzerkreuzer Potemkin“ und zeigt dazu Eisensteins Film, das
DSO widmet sich außer Williams auch dem klassischen Hollywood mit einem Korngold,
Max Steiner, Miklós Rósza und Bernard Herrmann gewidmeten Konzert, außerdem
kombiniert der Chefdirigent Robin Ticciati Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ mit
Musik aus „Batman“ von Hans Zimmer. Und bei den Berliner Philharmonikern ist ein
Konzert mit Musik von John Williams unter seiner eigenen Leitung bereits an allen drei
Abenden ausverkauft.
Das also, was sie schon kennen und keinesfalls schwer eingeht, wollen „die Leute“ of‐
fensichtlich hören. Warum sollte der Konzertsaal auch von der übliche Schizophrenie
ausgenommen sein: Gesellschaftliches Engagement ja, aber nur bis zur Grenze des eige‐
nen Hedonismus.
Die Arbeit an der ästhetischen Wahrnehmung wird in den Programmen der Orchester
gleichwohl weiter angeboten. Der Anteil abgespielten Repertoires scheint abzunehmen:
Man trifft nicht allzu oft auf Beethoven, Brahms, Bruckner, Mahler oder Strauss. Statt‐
dessen setzt das DSO mit Rebecca Saunders und das RSB mit der Firssowa und das Kon‐
zerthausorchester mit Sarah Nemtsov zeitgenössische Komponistinnen eher kompro‐
missloser Modernität aufs Programm, wirbt Kirill Petrenko bei den Philharmonikern
weiter für die komplexe Musik von Josef Suk und mit „Jolanthe“ und „Pique Dame“ für
den Opernkomponisten Tschaikowsky.
https://epaper.berliner-zeitung.de/webreader-v3/index.html#/938164/12-13 3/317.8.2021 Thomas Quasthoff: ‘From birth, my mum felt guilty. I had to show her I made the best of my life’ | Classical music | The Guardian
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Classical music
Interview
Thomas Quasthoff: ‘From birth, my mum felt
guilty. I had to show her I made the best of my life’
Stephen Moss
Tue 17 Aug 2021 06.00 BST
Thomas Quasthoff has been retired from classical music for nearly a decade now.
The German bass-baritone was in his early 50s when he made the shock
announcement – an age when singers of his type are still in their prime. His elder
brother Michael had been diagnosed with lung cancer in 2010, and that diagnosis
and his brother’s subsequent death had left Quasthoff temporarily physically
incapable of singing.
https://www.theguardian.com/music/2021/aug/17/thomas-quasthoff-from-birth-my-mum-felt-guilty-i-had-to-show-her-i-made-the-best-of-my-life 1/717.8.2021 Thomas Quasthoff: ‘From birth, my mum felt guilty. I had to show her I made the best of my life’ | Classical music | The Guardian
“Three days after being told that my brother would not live longer than nine
months I lost my voice,” he recalls. “Doctors looked at my throat and said:
‘Everything is fine.’ But my heart was broken, and if the heart is broken ...” he
pauses. “The voice is the mirror of the soul.”
Ill health was cited as the reason for his retirement in 2012, but he had been voicing
disquiet with the sterility and formality of the classical world for some time, and
though his brother’s death was the trigger it may be that such a move was already
brewing.
“I always wanted to belong to the group of singers who retired early enough,” he
tells me over video call from his home in Berlin. “I never wanted to hear people say
of me: ‘Oh, you should have heard him three years ago.’” But his decision was a
blow to audiences – Quasthoff was one of the world’s finest lieder singers, acclaimed
for the range and colours of his voice, for his attention to detail and exceptional
directness as a performer. In 2009, the Royal Philharmonic Society awarded him the
gold medal, its highest honour. Previous recipients have included Brahms, Elgar,
Stravinsky, Bernstein, Barenboim, Jessye Norman and Sir Simon Rattle.
https://www.theguardian.com/music/2021/aug/17/thomas-quasthoff-from-birth-my-mum-felt-guilty-i-had-to-show-her-i-made-the-best-of-my-life 2/717.8.2021 Thomas Quasthoff: ‘From birth, my mum felt guilty. I had to show her I made the best of my life’ | Classical music | The Guardian
‘I preferred to play kings and ministers’ ... Quasthoff as Amfortas in Wagner’s opera Parsifal in Vienna in 2004.
Photograph: Herwig Prammer/Reuters
That Quasthoff had any career as a classical singer, let alone one this successful, was
little short of amazing. While she was pregnant with him in 1959, his mother had
taken the anti-morning sickness drug thalidomide and he developed phocomelia,
which left him with stunted limbs. He is just over 4ft tall and life has been a
constant physical struggle, yet he is not just completely without self-pity but is a
force of nature – exuberant, loud, uncompromising.
He turned down offers to sing the hunchback Rigoletto. 'I prefer to
play kings'
During his classical career, he wanted no allowances made for his disability. “It’s a
fact, not a problem,” he says. “I reached everything in my life that I wished. I was
successful as a singer; I got a [music] professorship; I have been married for 15 years
and have a wonderful, incredible, smart stepdaughter; we live in a beautiful house
in Berlin. What shall I say? I know a lot of colleagues who are much less satisfied
than I am.”
Quasthoff was determined never to allow his disability to define him. “I was
educated like this,” he explains. “My parents and my brother never treated me like a
disabled person. My brother’s friends were my friends. I was always part of a normal
family life.” He likes to quote a line from his wife, Claudia Stelzig: “Tommy, for me
you are not disabled, you are only smaller. That’s all.”
https://www.theguardian.com/music/2021/aug/17/thomas-quasthoff-from-birth-my-mum-felt-guilty-i-had-to-show-her-i-made-the-best-of-my-life 3/717.8.2021 Thomas Quasthoff: ‘From birth, my mum felt guilty. I had to show her I made the best of my life’ | Classical music | The Guardian
Placido Domingo conducts as Quasthoff sings during dress rehearsals of the inauguration concert to mark the opening of
the Theater an der Wien in Vienna in 2005. Photograph: Robert Newald/EPA
He accepts that some of his audience may have come because they were intrigued
by his personal story, but believes they were a small minority. “Most came to hear
me,” he says, “because they were entertained in a high-quality way. I wanted to be
accepted as an artist who was disabled, not seen as a disabled person who was an
artist.” He realised audiences would never be blind to his disability – “If I come on
stage, one metre 35 [tall], with short legs, short arms and seven fingers, who shall
ignore it?” he says with his deep, resonant laugh – but hoped that once he opened
his mouth in a lieder recital they would forget about it.
Quasthoff exudes self-confidence and resilience, but says this wasn’t always the
case. “In the first 18 years there were more dark than positive sides,” he says,
“especially during puberty when boys get girlfriends; I was standing [on the
sidelines]. I wanted to study music, but the university said I was not allowed
because I could not play an instrument.” He studied singing privately instead. The
key, he says, is “not that these negative things are happening but how do you deal
with them and what are you taking out of the situation?” He treated every obstacle,
every setback, every dull job he had to do to pay for his singing tuition as a
challenge and something from which to learn.
https://www.theguardian.com/music/2021/aug/17/thomas-quasthoff-from-birth-my-mum-felt-guilty-i-had-to-show-her-i-made-the-best-of-my-life 4/717.8.2021 Thomas Quasthoff: ‘From birth, my mum felt guilty. I had to show her I made the best of my life’ | Classical music | The Guardian
There was one overriding motivation driving him as he studied for more than a
decade and a half and built a career. “I never wanted my mother feeling guilty,” he
says, “and she did – from the moment I was born she felt guilty [for having taken
thalidomide]. Even if I said 100 times that she should not, she still did, so I tried to
show her that I had made the best out of my life and talent.”
New groove … Thomas Quasthoff with his jazz quartet at the Kurt Weill festival in Dessau last year. Photograph:
Sebastian Gündel
Since leaving the classical world and the return of his voice, Quasthoff has switched
to jazz, which he had always enjoyed, and had dipped into even in his classical days:
he had made a well-received jazz album in 2007. “I had done it very rarely in my
classical time because it’s a different kind of singing, but I have now learned a new
instrument – the microphone – and I love it.” He finds singing jazz and being part of
a quartet a wonderfully relaxed form of music-making – intimate, pressure-free,
music produced by a group of friends.
This month’s Edinburgh festival will showcase Quasthoff in three guises: singing
jazz with his quartet, as a teacher, and performing in a semi-staging of Richard
Strauss’s opera Ariadne auf Naxos. The latter does not, though, constitute a fully
fledged return to the classical stage – he will play the spoken role of the pompous
major-domo.
At the first meeting, the director asked what can I do. I told her
everything that you want except making myself naked
https://www.theguardian.com/music/2021/aug/17/thomas-quasthoff-from-birth-my-mum-felt-guilty-i-had-to-show-her-i-made-the-best-of-my-life 5/717.8.2021 Thomas Quasthoff: ‘From birth, my mum felt guilty. I had to show her I made the best of my life’ | Classical music | The Guardian
Although he was to be found mainly in the concert hall as a recitalist, Quasthoff did
sing some opera during his classical career, but his roles were restricted by his
disability. In part, the restrictions were self-imposed – he rejected Daniel
Barenboim’s liberating notion that he should sing Leporello in Don Giovanni,
worrying about the moment in the opera when he would have to swap clothes with
the Don, who was being played by the hulking Bryn Terfel. He turned down offers to
sing the hunchback Rigoletto and the evil dwarf Alberich in Wagner’s Ring – casting
that he thought a little too obvious. But he did play Don Fernando, the minister who
secures Fidelio’s release from prison, and had a considerable success as Amfortas in
Parsifal at the Vienna State Opera. “I preferred to play kings and ministers,” he says
with another deep-hued laugh.
Quasthoff denies that he found opera unduly physically taxing. “I was in good
condition,” he says. “At the first meeting, the director [of Parsifal] asked what can I
do. I told her everything that you want except making myself naked. This is not
going to happen, for two reasons. I do not want it, and I do not want that the
audience is leaving in seconds!”
But his first love was always singing lieder. In opera, he says, he worried that his
disability would become the focal point of the audience’s attention; in recitals, he
was able to get audiences to suspend their disbelief. “As a lied singer, you have to be
a very good actor,” he says. “I think that is missing at the moment”: he worries that
singers today put beauty of tone above characterisation. “You have these mini-
scenes that you have to fill with expression and colours. In opera, you can hide
behind your clothes and the scenery.”
What about the classical world he has left behind? Does he have
any qualms about resisting his agents’ blandishments to return? “I loved what I did,
but the business is very superficial. You have a number of stars that I can count on
my right hand – and my right hand is not very big! I had my time and was in a
wonderful situation where I was able to have a world career. As a concert singer, to
win six Echos and three Grammys is very rare.”
But he insists he doesn’t miss it. “I have nothing to prove any more.”
The Thomas Quasthoff Quartet is at the Edinburgh international festival on 24
August. Quasthoff gives masterclasses on 29 August, and performs in Ariadne auf
Naxos, 25 to 29 August, available online 29 August to 27 February.
https://www.theguardian.com/music/2021/aug/17/thomas-quasthoff-from-birth-my-mum-felt-guilty-i-had-to-show-her-i-made-the-best-of-my-life 6/717.8.2021 https://epaper.tagesspiegel.de//webreader-v3/index.html#/476855/20-21
Dienstag, 17.08.2021, Tagesspiegel / Kultur
Cuba libre
Das Orquestra del Lyceum de la Habana macht aus dem Finale von
Young Euro Classic eine Fiesta
Von Frederik Hanssen
© Kai Bienert
Das geht in die Füße. Hornistin Sarah Willis (rechts) tanzt spontan im Konzerthaus mit Dirigent José
Antonio Méndez Padrón, einer Musikerin und einem Musiker.
„Es ist wirklich ein Wunder, dass es geklappt hat!“, ruft Sarah Willis in den Saal. Die
Hornistin der Berliner Philharmoniker freut sich unbändig darüber, dass sie zum
Abschluss von Young Euro Classic am Sonntag mit dem Orquestra del Lyceum de la
Habana im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auftreten kann, und zwar gleich zwei-
fach, als Matinee und abends. Jugendorchester aus Portugal und Spanien, aus Russ-
land und den Niederlanden hatten kurzfristig ihre Teilnehme an dem Festival absa-
gen müssen, weil die Entwicklung der Pandemie ihre Einreise vereitelte. Die Gäste
aus Kuba dagegen haben es geschafft, konnten, mit Hilfe der deutschen Botschaft in
Havanna, im Direktflug den Atlantik überqueren und ihre schon für 2020 geplante
Tournee absolvieren. Nach Stationen beim Rheingau Festival, in Darmstadt, Kassel
und Mainz präsentieren sie in Berlin nun „Mozart y Mambo“.
https://epaper.tagesspiegel.de//webreader-v3/index.html#/476855/20-21 1/217.8.2021 https://epaper.tagesspiegel.de//webreader-v3/index.html#/476855/20-21
So heißt auch das fantastische Album, das sie im vergangenen Jahr mit Sarah Willis
herausgebracht haben. Erst seit 2009 gibt es das Lyceum-Orchester überhaupt, 2016
kam ihre Debüt-CD heraus, mit der Pianistin Simone Dinnerstein, die ebenfalls Mo-
zart gewidmet war. Eine unglaubliche Musikalität sprang den Hörer schon aus den
Aufnahmen an: Unbedeutende Stimmen gibt es nicht, ob Melodie oder Begleitung,
kein Ton wird routiniert abgeliefert, alle wollen ihr Maximum beitragen zum kollek-
tiven Klang.
Dieser Teamgeist ist auch im Konzerthaus zu erleben. Con fuoco jagen die jungen
Leute unter der Leitung ihres Dirigenten José Antonio Méndez Padrón durch die Ou-
vertüre zu Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“, wie auf Händen getragen
darf sich Sarah Willis anschließend im 3. Hornkonzert des Komponisten fühlen.
Gerne hätte man noch mehr von der Mozart-Kompetenz der Kubaner gehört, die mit
ihrem hierarchiefreien Spiel die Rokoko-Rhetorik so wunderbar verlebendigen kön-
nen. Doch Sarah Willis hatte schon zu Beginn die Parole ausgegeben, dass dieses Ab-
schlusskonzert eine Party werden sollte.
Und darum übernehmen jetzt die Perkussionisten das Kommando, eine Frau und
drei Männer, wobei Yuniet Lombida Prieto auch mal zum Saxofon greift, um im Solis-
tendoppel mit Sarah Willis vorzuführen, wie Mozart das Rondo seines 3. Hornkon-
zerts wohl komponiert hätte, wenn er auf Kuba groß geworden wäre. Der Trompeter
des Lyceum-Orchesters wiederum wird für die charmant moderierende Philharmo-
nikern zum Duettpartner bei zwei kubanischen Klassikern, „Dos Gardenias“ und „El
Manisero“.
Neben den Samba-, Conga- und Mambo-Rhythmen, die von den Musiker:innen auf
der Bühne spielend mitgetanzt werden, und im zunehmend euphorisierten Saal zu
wippenden Fußspitzen führen, prägt Improvisationslust die Performance der Gäste
aus der Karibik. Wie beim Jazz tritt immer wieder jemand aus der Gruppe hervor,
auf die Spitze treibt es die Geigerin Jenny Pena Campo, wenn sie sich ein wahres
Violinvirtuosenduell mit dem Konzertmeister liefert, in der von ihr arrangierten
Nummer „Samba Son“.
Und während das Publikum sich bei diesem unbeschwerten Happening zwei Zuga-
ben erjubelt, dürfte von der Festivalmacherin Gabriele Minz und ihrem Team der
Stress abgefallen sein, den es bedeutete, in diesen Zeiten ein international besetztes
Orchesterfestival auf die Beine zu stellen. Nach der kammermusikalischen Version
von 2020 hat Young Euro Classic wieder in gewohnter Klangpracht stattgefunden, die
17 Konzerte waren zu 98 Prozent ausverkauft, viele Abende sind noch in Mediathe-
ken verfügbar (Infos dazu unter www.young-euro-classic.de). Die Spielwütigen aus
Havanna geben am Sonntagabend noch lange nicht Ruhe. Nachdem sie in einer Polo-
naise aus dem Saal marschiert sind, feiern sie weiter in der Berliner Tropennacht.
Frederik Hanssen
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Dienstag, 17.08.2021, Tagesspiegel / Kultur
Die Pläne des Berliner Rundfunk-
Sinfonieorchesters
In der kommenden Spielzeit möchte das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin auf viel-
fältige Weise zum Brückenbauer werden: Bei der neuen Konzertreihe „Mensch, Mu-
sik!“ sollen die Besucher ganz direkt ansprochen werden, wenn Themen wie Klima-
krise, Grenzen, Zukunftsvisionen oder Migration interdisziplinär mit Musik zusam-
mengedacht werden. Im Mai 2022 wird das RSB unter dem Motto „Ein Orchester ex-
plodiert“ eine Woche lang in kleinen Formationen in die Stadt ausschwärmen. Am 17.
Juni begleitet das RSB in der Waldbühne die isländische Sängerin Björk. Mit dem
Modellprojekt „Konzert für alle“ schließlich will das Orchester Teilhabe für Men-
schen mit Behinderungen ermöglichen.
Chefdirigent Vladimir Jurowski, der seinen Vertrag jüngst bis 2027 verlängert hat,
widmet sich schwerpunktmäßig russischen Werken. Als „Komponistin in residence“
konnte er Jelena Firssowa gewinnen. Außerdem führt Jurowski sein Orchester auf
Tourneen nach Spanien sowie China und Korea.
Drei Konzerte leitet Karina Canellakis, die Erste Gastdirigentin des RSB, zu den Gast-
künstlern gehören in der Saison 2021/22 unter anderem die Geigerin Julia Fischer,
der Cellist Alban Gerhardt, der Bariton Thomas Hampson, der Schlagzeuger Alexej
Gerassimez und der Dirigent Andrew Davis. F. H.
https://epaper.tagesspiegel.de//webreader-v3/index.html#/476855/18-19 1/18/17/2021 Luigi Nonos "lntolleranza 1960" in Salzburg - Brutalität und ein Publikum, das sich nicht angesprochen fühlt
Programm Audios Musikliste
Seit 10:05 Uhr Lesart Live
TONART I Beitrag vom 16.08.2021
Luigi Nonos „lntolleranza 1960" in Salzburg
Brutalität und ein Publikum, das sich
nicht angesprochen fühlt
Christoph Schmitz im Gespräch mit Carsten Beyer
Beitrag hören
„lntolleranza"-lnszenierung bei den Salzburger Festspielen. Regisseur Jan Lauwers erzählt eine
Migrations- und Flüchtlingsgeschichte von heute. (© SF / Maarten Vanden Abeele)
Luigi Nonos „lntolleranza 1960" hat bei den Salzburger Festspielen Premiere gefeiert.
Damit steht ein Werk auf dem Programm eines der teuersten Festivals, in dem
Klassenkampf und Revolution verhandelt werden. Auch Migration ist ein großes
Thema.
Luigi Nonos „lntolleranza 1960" hat bei den Salzburger Festspielen in der
Felsenreitschule Premiere gefeiert. Obwohl das 1960 uraufgeführte Werk für ein
atonales Stück relativ häufig gespielt wird, mag die Entscheidung der Festspielleitung
für das Werk manchen Beobachter überrascht haben, schließlich gibt es ganz
explizite antikapitalistische, klassenkämpferische und sogar revolutionäre Untertöne -
und das für ein Publikum der Reichen und Schönen bei einem Festival, das mit die
höchsten Ticketpreise aufruft.
Auswanderergeschichte
Es geht in Nonos Werk um eine Auswanderergeschichte in den 195Oer-Jahren, wie
unser Kritiker Christoph Schmitz erläutert: ,,Ein Auswanderer kommt irgendwo aus
Südeuropa nach Nordeuropa als Bergarbeiter; er findet Arbeit, wohl in Belgien, hat
aber großes Heimweh; er will nach Hause zurück, gerät dabei zufällig in eine linke
Friedensdemo, wird von der Polizei verhaftet, geschlagen; nun will er statt zurück in
die Heimat lieber die Freiheit wieder: Er bricht aus dem Gefängnis aus, entwickelt
revolutionäre Ideen, am Ende steht er vor einem Hochwasser am Grenzfluss und geht
unter", fasst Schmitz die Handlung zusammen: ,,Hier werden also auch heute noch
aktuelle Themen wie Migration, Umweltkatastrophe und Einwanderungspolitik
,.,. -
verhandelt."
https://www.deutschlandfunkkultur.de/1 uigi-nonos-intolleranza-1960-in-salzburg-brutalitaet-und .2177.de. html?dram:article_id=501768 1/48/17 /2021 Luigi Nonos "lntolleranza 1960" in Salzburg - Brutalität und ein Publikum, das sich nicht angesprochen fühlt
Musikalisch sei es im Grunde ein riesiger, schriller Aufschrei, sagt Schmitz: ,,Sehr
schmerzhaft, wirklich laut. Es tut manchmal in den Ohren weh." Fünf große Trommeln
und vier Pauken allein; obwohl schon 60 Jahre alt, sei das Werk noch heute
schockierend und irritierend: ,,Mit einer ungeschminkten Gewalt ist hier komponiert
worden", bringt es Schmitz auf den Punkt.
Ingo Metzmacher und die Wiener Philharmoniker führten sehr klar und sicher durch
die zerklüftete, abgründige und gefährliche Partitur. ,,Sie entfesseln vollkommen
ungeschminkt die Klangwelt des Terrors", urteilt Schmitz. Es gebe aber auch kleine
Momente von Stille und Zärtlichkeit.
Tänzer statt Kulisse
Regisseur Jan Lauwers erzählt eine Migrations- und Flüchtlingsgeschichte von heute
mit Massen, die herumströmen. Statt Kulisse gebe es Tanz: ,,Die Tänzer sind als
Bergwerksarbeiter kostümiert, als Arbeiter, als zerlumpte Arbeitsmigranten,
Menschen auf der Flucht, aber auch als Militärs, Polizei - unsere Heute-Zeit."
Die Tänzer mischten sich unter die Chorsänger und Solisten und integrieren alle
Beteiligten in diesen Tanz, alles sei ständig in Bewegung, auf der Flucht, auf der
Suche, auf Demos, vertrieben, gefangengenommen. ,,Diese Brutalität der Musik ist in
Bewegungsgewalt übertragen worden", erklärt unser Kritiker.
Die Tänzer werden z ur Kulisse bei der Insz enierung von Jan Lauwers. (© SF / Maarten Vanden Abeele)
Die Gewalt, das Leiden und die Unterdrückung, die Geschichte der Migranten wirkten
durch den Tanz etwas stilisiert, so dass der brutale Realismus von Luigi Nano etwas
eingedampft sei, findet Schmitz, Allerdings gebe es eine Folterszene, wo ein Opfer „1
can't breathe" rufe wie der Amerikaner George Floyd unter dem Knie des Polizisten:
,,So ein paar aktuelle Bezüge gibt es also dann schon noch."
„Das Publikum war mäßig begeistert", sagt Schmitz zu der Reaktion der Besucher auf
diese „lntolleranza 1960 ". ,,Es fühlte sich auch nicht so ganz angesprochen", vermutet
unser Kritiker. ,,Es kamen ein paar kleine Buhs gegen Jan Lauwers, aber ansonsten
wurde das Recht zufrieden aufgenommen."
(mfu)
https://www.deutschlandfunkkultur.de/1 uigi-nonos-intolleranza-1960-in-salzburg-brutalitaet-und .2177 .de. html?dram:article_id=501768 2/417.8.2021 https://zeitung.faz.net/webreader-v3/index.html#/467499/11
F.A.Z. - Feuilleton Dienstag, 17.08.2021
Gut gesponserte Kapitalismuskritik
Morton Feldmans Oper „Neither“ packt, Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ gerät öde /
Von Jan Brachmann, Salzburg
Es gibt Fortschritte der Freundlichkeit in Salzburg, zumindest äußerlich. Noch zu den Pfingstfestspielen
war der Ton der Durchsagen für die Corona-Maßregeln im Saal so barsch wie von einer Frühsporttrai-
nerin im kulturrevolutionären Umerziehungslager. Nach ihrem „Enjoy the performance!“ konnte man
gar nicht anders, als mit strammen Gesäßbacken folgsam und freudig zu sein.
Jetzt hat, äußerst gewinnend, die Festspielleitung selbst die Durchsagen eingesprochen: Helga Rabl-
Stadler auf Deutsch, Markus Hinterhäuser auf Englisch. „Außerdem ersuchen wir Sie, den Ihnen zuge-
wiesenen Platz nicht zu wechseln“ – das klingt nach einer Verhandlungsgrundlage. Denn welchen Sinn
sollte es haben, streng auf Einhaltung der Sitzplatzzuweisung zu pochen, wenn man Vorstellungspausen
mit Publikumsbewegung gestattet, die jede Infektionskettenverfolgung unmöglich machen?
Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Als ein Mann in der Kollegienkirche beim Morton-Feld-
man-Konzert des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien den ihm zugewiesenen Platz nicht annehmen
kann, weil er für ihn zu eng ist und er Schmerzen beim Sitzen bekommt, bietet er an, sich hinter das
Publikum an den Pfeiler zu stellen. Freundliche Frauen des Saalpersonals versuchen, eine Lösung zu
finden, bis ihr Vorgesetzter den Gast einfach aus der Kirche hinauswirft. Dass „der Mensch dem
Menschen ein Helfer“ sei, wie es in Bertolt Brechts „An die Nachgeborenen“ am Ende von Luigi Nonos
„Intolleranza 1960“ heißt, ist zu ihm noch nicht vorgedrungen. Corona hat Umgangsformen und Empa-
thiegrade verändert. Ein hässliches Vorspiel zu einem packenden Konzert.
Das Minguet Quartett spielt gemeinsam mit dem Orchester Feldmans „String Quartet and Orchestra“.
Roland Kluttig, einer der wenigen Dirigenten weltweit, der neueste Musik genauso versiert aufführen
kann wie Beethoven, Wagner und Sibelius, entwickelt daraus eine delikat abgemischte Studie in Silber-
grau mit flanellener Textur, über die Matthias Diener, der Cellist des Quartetts, seidig glänzende Oktav-
flageoletts zieht.
„Neither“ hingegen, Feldmans unkonventioneller Gattungsbeitrag zur Oper nach einer Textvorlage von
Samuel Beckett, wird zur Beschreibung einer Beklemmung. Pendelnde Wechselnoten im Orchester zu
den starr gejammerten Tonwiederholungen des Solosoprans nehmen bildhaft das „vor und zurück,
gelockt und abgewiesen“ des Textes auf – nicht als Tändelei, sondern als zum Psychoterror gesteigerte
Irritation. Feldmans Farbkombinationen aus brummenden Celli und hoher Soloflöte könnten direkt aus
der „Grande messe des morts“ von Hector Berlioz kommen. Sarah Aristidou singt beim Ausbruch in
weite Melismen so ausdrucksstark, als sei ihr Gesang direktes Ventil des Schmerzes. Sie steigert ihre
Gestaltungskraft bis zum Höhepunkt: dem Abreißen der Stimme vor dem Verstummen. Wo das Erha-
bene einst als das galt, was den Menschen einschüchtern und vernichten, durch Kunst jedoch gefasst
werden kann, hebt Aristidou die Erhabenheit durch Kunst auf als Andeutung einer Kapitulation der
Singenden vor Größerem – vor dem, was die Fassbarkeit durch Kunst übersteigt.
So unmittelbar berührend diese Auseinandersetzung mit Feldman ist, so öde wird der Versuch einer
Aktualisierung von Luigi Nonos szenischer Aktion „Intolleranza 1960“ in der Felsenreitschule. Ingo
Metzmacher am Pult der Wiener Philharmoniker gibt sich gemeinsam mit der Konzertvereinigung
Wiener Staatsopernchor, bewundernswert einstudiert von Huw Rhys James, alle erdenkliche Mühe, die
aufrüttelnde Kraft, die Nonos Musik vor sechzig Jahren gehabt haben dürfte, wachzurufen. Natürlich
sind die harschen Blechbläserakkorde mit Schlagwerk Signaturen der Unbarmherzigkeit, denen die
feinen Streichergespinste die Zartheit und Versehrbarkeit utopischer Formen des Menschlichen entge-
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gensetzen. Aber was der Regisseur Jan Lauwers und der Choreograf Paul Blackman aus Nonos Vorlage
machen, versackt in Lächerlichkeit.
Die Geschichte eines Gastarbeiters, der Ausgrenzung, Folter, erneute Flucht und den Untergang in
einer Naturkatastrophe erlebt, hätte ja die Vorlage für eine intelligente Aktualisierung bieten können.
Stattdessen sieht man eine ermüdende Zappel- und Wimmelchoreografie aus aktionistischen Posen des
Fliehens und Folterns. Das, was Brecht von aufklärerischem Theater verlangte, nämlich, „die Vorgänge
hinter den Vorgängen“ zu zeigen, unterbleibt hier völlig. Lauwers fällt weit hinter den Stand der Kunst
und der Erkenntnis zurück. Über die weltweite Menschenschinderei hat uns der Film „Workingman’s
Death“ von Michael Glawogger viel schockierender aufgeklärt.
Und wer etwas über Ausbeutung in unserem eigenen Land erfahren will, über totalitäre, an Folter gren-
zende Methoden der Mitarbeiteroptimierung, über „Potenzanalyse“ und „Talenteinschätzung“ im
Human-Ressources-Management, über den Durchbau der Unternehmensloyalität bis in die Innerlich-
keit der Mitarbeiter und die Funktionalisierung der Empfindsamkeit, der schaue sich Carmen
Losmanns Film „Work Hard – Play Hard“ an. Von dieser analytischen Präzision oder etwa der intellek-
tuellen Brillanz eines Frédéric Beigbeder in dessen Roman „99 Francs“ ist Lauwers weit entfernt.
Man kann den Tenor Sean Panikkar als ebenso kraftvollen wie zarten Flüchtling, kann Sarah Maria Sun
als erdig warme und eigensüchtig böse Gefährtin und Anna Maria Chiuri als Frau, deren Gesang zum
Vorschein einer besseren Welt wird, bewundern. Die Inszenierung selbst ist denkfauler, aktionistischer
linker Kitsch. Die Kapitalismuskritik der Salzburger Festspiele wird uns übrigens präsentiert mit
freundlicher Unterstützung von Audi, Siemens, Kühne Foundation, BWT und Rolex. Sportliche Luxusli-
mousinen des Hauptsponsors in leuchtendem Rot, der einstigen Farbe der Arbeiterbewegung, warten
nach der Vorstellung, höchst ansehnlich aufgereiht, in der Hofstallgasse.
Salzburger Festspiele
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F.A.Z. - Feuilleton Dienstag, 17.08.2021
Wären da nicht die Nackerpatzln gewesen
Bei den Salzburger Festspielen zeigt Martin Kušej eine einfallsarme Inszenierung von
Schillers „Maria Stuart“.
Von Martin Lhotzky, Salzburg
Die Premiere von Schillers „Maria Stuart“ bei den Salzburger Festspielen als Koproduktion mit dem
Wiener Burgtheater, in Szene gesetzt von dessen Direktor, Martin Kušej, war bereits für das Vorjahr
geplant und musste wegen der Pandemie auf dieses Jahr verschoben werden. Also reist man eben heuer
zur Perner-Insel nach Hallein, wo die erste Aufführung der „Neuinszenierung“, wie das Programmheft
beinahe schamhaft vermeldet, stattfand. Nun, wer sich allzu viel „Neues“ erwartet haben sollte, könnte
ein bisschen enttäuscht werden. Annette Murschetz – seit Langem und immer wieder arbeitet sie mit
Kušej zusammen – hat ein äußerst spärliches Bühnenbild kreiert: der Boden befüllt mit graublauem
Sand, die Wände wohl dreieckige Drehelemente, die je nach Szene zu einer weißen, beigen, hellblauen
oder spiegelnden Rundumwandung gemacht werden. Darüber noch eine Reihe erstaunlich-erfreulich
dezenter rechteckiger Scheinwerfer. Irgendwann bleiben noch rötliche Leine und Halsband, an welche
die abgesetzte schottische Königin in Gestalt von Birgit Minichmayr gekettet war, einfach am Boden
liegen. Das war’s dann auch schon mit Bühnengestaltung. Voilà, viel Platz fürs Schauspiel!
Die letzten Tage im Leben von Maria Stuart hat Schiller bekanntlich extrem in einem schier endlosen
Hin und Her aus Gesprächen, Streitereien, Kabalen und wenig Liebe verdichtet. Wozu der historischen
Elisabeth I. von England und ihrer französisch-katholisch geprägten Rivalin beinahe achtzehn Jahre
Zeit blieben, nämlich ihren Hass gegeneinander zu pflegen, sieht man hier in fünf Aufzügen, konkreter
gesagt, in ziemlich genau zwei Stunden und vierzig Minuten. Ob bei der Übernahme im Burgtheater
dann bereits mit Pause gespielt werden darf, was in Salzburg wegen der Anti-Corona-Maßnahmen –
nach wie vor auch Maskentragepflicht fürs Publikum! – nicht erlaubt ist, steht noch in den Sternen.
Elisabeth, verkörpert von der muskulös-sehnigen – man darf das stets bestaunen, wenn sie gezwungen
ist, sich ihres Oberteiles (Kostüme: Heide Kastler) zu entledigen – Bibiana Beglau, kann sich nie sicher
sein, wer nun ihr zugehört oder für die Stuart intrigiert, vielleicht ihre Ermordung plant. Zuckt gar der
Mörderdolch schon in Mortimers Hand? Franz Pätzold muss diesen das bitter bereuen lassen, den
Dolch wird er sich selbst in die Kehle rammen, bevor er seinen Mortimer dem Widersacher Baron von
Burleigh zur grausamen Folter und anschließender Hinrichtung ausliefern soll. Diesen Burleigh legt
Norman Hacker wunderbar verschlagen, boshaft und entwaffnend ehrlich zugleich an. Ja, er steht zu
Elisabeth, eigentlich eher gegen die Stuart-Erbin, halb aus dem Hause de Guise, denn er als überzeugter
Antipapist hat, wie übrigens auch seine Königin, noch das Massaker der Bartholomäusnacht grauenvoll
im Gedächtnis. Außerdem, so ist er sich gewiss und lässt das alle, ob Freund, ob Feind, wissen, weiß er
eh alles besser.
Alles strebt in diesem Trauerspiel auf eine historisch nicht nur nicht bekannte, sondern tatsächlich wohl
nicht stattgefunden habende persönliche Begegnung der beiden Königinnen zu. Das wohl entscheiden-
de Gespräch von Angesicht zu Angesicht – ihm widmete nicht nur der Dichter, nein, ihm lässt auch
Regisseur Kušej viel Raum. Die Minichmayr wirft sich in den Sand, die Beglau zeigt ihr mal die kalte
Schulter, mal bemitleidet sie sie, vortrefflich und ausführlich in Schillers kaum, ja, gar nicht gekürzten
Worten, spielen die beiden mit-, nein, eher gegeneinander und doch nie aneinander vorbei.
Es wirkt, wie fast am ganzen langen Abend, dass Kušejs Zutat bloß die nun leider zu einem – seinem –
Markenzeichen gewordenen, scheinbar bedeutungsschwangeren, in Wahrheit jedoch manchmal einem
klitzekleinen Umbau dienenden, meist jedoch einfach pathetisch anmutenden Schwarzblenden nach
gefühlt jeder Szene sind. Braucht man dafür wirklich noch einen Spielleiter?
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Wären da nicht die Nackerpatzln! Ganz zu Beginn, damit auch niemand, nicht einmal in den Ranglo-
gen, vergisst, dass wir in interessanten Zeiten leben, stehen die dreißig Herren mit Atemmasken vor
dem Mund und Sauerstoffflaschen in der Hand, laut atmend, einfach in der Szene herum. Danach, nach
einer Schwarzblende, sind Masken und Röhren weggeräumt, bilden die Männer, fast immer zu fünft,
mal zu sechst gruppiert, in beinahe jeder Szene eine Menge mit wenig Bedeutung. Mag sein, dass sich
mal einer der Haupt- oder auch Nebencharaktere in der Masse versteckt, um heimlich zu lauschen, mag
sein, dass die nackten Männer für wenige Momente graue Mäntel überstreifen, um vielleicht das
„gesunde Volksempfinden“ zu repräsentieren. Ihre wahre Bedeutung für das Stück bleibt den ganzen
Abend rätselhaft. Das einzige Rätsel freilich dieser ansonsten doch sehr einfallsarmen, hochwohlan-
ständigen, um nicht zu sagen: vorhersehbaren Inszenierung.
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