Sinn aus dem Chaos schöpfen

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Sinn aus dem Chaos schöpfen
Sinn aus dem Chaos schöpfen | norient.com                                 19 Oct 2021 08:05:13

    Sinn aus dem Chaos schöpfen
    by Thomas Burkhalter

    In der zeitgenössischen Musik der arabischen Welt werden
    «Authentizität», «Herkunft» und «Lokalität» nicht nur durch
    Instrumente und Klangfolgen evoziert – es gesellen sich
    Geräusche und akustische Erinnerungen hinzu.

    Ein Imperium hat er sich noch nicht gerade aufgebaut, aber Mahmoud Refat
    kann heute zumindest von seiner Kunst leben – auch wenn er seine CDs nur
    in einer Auflage von hundert Stück auf den Musikmarkt streut. Soundkünstler
    Refat lebt meistens in Kairo. Dort betreibt er sein Musiklabel «100copies». Ich
    habe Refat 2003 während einer Recherche über subkulturelle und
    experimentelle Musik zum ersten Mal getroffen. Er zeigte mir seinen Stapel
    Mini- Discs voller Feldaufnahmen aus Ägypten: Strassengeräusche, das
    Plätschern des Wassers in einer Oase, ein Sandsturm in der Wüste. Daneben
    lag ein Haufen Mikrofone. Die habe er alle selber gebaut, sagte er: «Jede der
    Soundlandschaften habe ich mit einem speziellen Mikrofon eingefangen.»

    Ein Jahr später arbeitete Refat auf Einladung der Kulturstiftung Pro Helvetia
    drei Monate in der Schweiz, wo er auf den Klangforscher und
    Installationskünstler Zimoun traf. Auf dessen Label «Leerraum»
    veröffentlichte Refat seine erste CD Shift (2004), inzwischen folgten weitere
    Alben. Die Abreise aus der Schweiz gestaltete sich unerwartet schwierig:
    Refats Koffer, vollgestopft mit den neuesten Sound-Geräten und Kabeln,

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    waren beim Check-in in Zürich zu schwer und dem Zoll in Ägypten suspekt –
    entschlossen seine Karriere zu lancieren, hatte sich der Künstler mit viel zu
    viel Material eingedeckt.

    Seit der Gründung von «100copies» organisiert Refat jährlich ein Festival für
    elektronische Musik und tritt an internationalen Medien-, Kunst- und
    Musikanlässen von Beirut bis Berlin auf. Sein Soundstudio besteht aus einem
    Apple-Laptopcomputer voller Spezialsoftware. Mit ähnlicher Ausrüstung
    arbeiten auch Hassan Khan, Charbel Haber, Raed Yassin und andere
    Soundkünstler in Kairo und Beirut. Die Software tauschen sie untereinander
    aus oder holen sie sich in irgendeiner kostenlosen Form aus dem Internet. Die
    Künstler der elektroakustischen Musik nutzen die neuen Möglichkeiten der
    digitalen Welt sehr gezielt.

    Gut verstecktes Blutbad
    «The ants have megaphones», schreibt Chris Anderson in seinem Buch The
    Long Tail (2007), das auf die wachsende Bedeutung kleiner und kleinster
    Nischen aufmerksam macht: Dank Internet und globaler Zugänglichkeit sind
    die Möglichkeiten zur Selbstdarstellung – auch zur kommerziellen – für alle
    stetig gewachsen. Das ist der aktuellen Generation von Musikern und
    Künstlern in der arabischen Welt nicht verborgen geblieben. Sie gestalten mit
    Anleihen aus dem Westen eigene Kreationen und Sound-Erinnerungen und
    legen Wert darauf, dass es sich um arabische Musik handelt. Mit ihren neuen
    ästhetischen Formen stellen die Künstler damit auch die herkömmliche
    Definition von «Lokalität» in Frage. Die Szene ist sehr vielfältig. Checkpoint
    303, das Netzwerk Ramallah Underground und die Rapper DAM mischen in
    Palästina Rap, elektroakustische Experimente und Feldaufnahmen zu

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    politisch brisanten Botschaften. Dank ihrer Websites werden die Gruppen
    weltweit wahr genommen. Das Label «Those Kids Must Choke» des
    Gitarristen Charbel Haber produziert in Libanon experimentellen Lo-Fi-Rock.

    Die Paradeband Scrambled Eggs spielt ihren improvisierten Noise und
    geradlinigen Punk dank guter Vernetzung auch auf amerikanischen Bühnen.
    Weeping Willow ist eine von vielen Metal Bands im Nahen Osten. Sie spielt

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    abgrundtiefen Death Metal und schreibt ihre Songs auf Englisch. Die Lieder
    behandeln soziale und politische Themen – oft ziemlich versteckt. Das Stück
    «Remains of a Bloodbath» ist ein traumatisches Porträt von Beirut: eine wirre
    und verwirrende Zusammenstellung von Satzfragmenten und Wörtern wie
    «men at war», «dead in a bloodbath» oder «emptying your firing kit». Der
    Gitarrist und Anführer der Band, Garo Gdanian, erklärt: «Wir alle haben noch
    immer Albträume von unseren traumatischen Erlebnissen im libanesischen
    Bürgerkrieg. Wir sind aber auch fasziniert von Horrorfilmen und schauen sie
    rund um die Uhr. Unsere Musik ist deshalb halb real und halb fiktiv.» Und
    ergänzt: «Wir sind mental geschädigt, wie alle unsere Landsleute. Sie suchen
    Halt bei religiösen Führern und alten, korrupten und machtgeilen Clan-
    Politikern finden ihn aber nicht.»

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    Die Zensur hinkt hinterher

    Andere arabische Künstler bekunden im Internet abweichende Meinungen zu
    ihren Regimes oder zur Weltpolitik. Wer von muslimhiphop. com oder von
    myspace.com/lethalskillz lossurft, taucht in eine transnationale Szene von
    Rappern ein, die im Guerilla-Look, aber im amerikanischem Slang die Vorzüge

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    des Islam preisen. Daneben gibt es Provokationen wie die libanesische Black
    Metal Band Ayat, die auf ihrer Website erklärt: «Ayat unterstützt die völlige
    Vernichtung der Menschheit, die Misshandlung von Frauen, die Folterung
    derer, die es verdienen, und die Verstümmelung quer durch alle Nationen,
    Religionen und Rassen der Erde.» Die Zensurbehörden arabischer Staaten
    hinken der Entwicklung oft hinterher. Aber nicht immer: Xardas aka 20SV
    experimentiert in der libanesischen Stadt Tripoli seit einigen Jahren mit
    abstrakten Frequenzen und Noise. Die Polizei wurde auf seinen «Krach»
    aufmerksam, bezichtigte ihn des Satanismus und räumte sein Haus. Mit der
    Konzentration auf globale Nischenmärkte sind viele Einschränkungen
    überwindbar: Weil Refats «100copies» so klein ist, nimmt die sonst strenge
    ägyptische Zensurbehörde das Label nicht allzu ernst. Es besitzt keine Lizenz
    zum CD-Verkauf in ägyptischen Läden, braucht sie aber auch nicht, denn die
    CD dient in erster Linie der Promotion. Refat verschickt sie weltweit und
    hofft auf Aufträge für Konzerte, finanzierte Projekte und Co-Produktionen
    mit ausländischen Soundkünstlern. Um seine CDs zu exportieren, muss Refat
    jeweils selbst bei der Zensurbehörde vorsprechen. «Ein Beamter hört sich die
    CD in seinem Büro an. Befindet er sie gut für den Export, packt er das DHL-
    Paket gleich selber und sichert es mit einem offiziellen Metalldraht. So kann
    ich beim Verschicken keine weiteren Waren hinzupacken.»

    Die neuen Nischenstars aus der arabischen Welt haben sich international gut
    vernetzt. Sie formieren sich zu transnationalen Wissens- oder
    Geschmacksgemeinschaften und revolutionieren auf diese Weise das
    Musikgeschäft. Dank Internet sind sie vom Zwang befreit, eigene und fremde
    Werke auf physischen Datenträgern zu verschicken. Und sie können heute
    nicht mehr bloss über die neuesten Trends lesen, sie können diese Musik

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    endlich auch hören. Der israelische Musikwissenschaftler Motti Regev
    bemerkte 2007 dazu, dies führe zu einem neuen «emotionalen Wissen» und
    präge die Musikszene an der vermeintlichen Peripherie der Welt.

    Wenn ein Jingle die Hörer schockt
    Zu den neuen Soundkünstlern gehören Mazen Kerbaj und Raed Yassin in
    Beirut. Beide sagen deutlich, dass ihre stilistischen Haupteinflüsse aus
    Europa und den USA stammen. Kerbaj nennt als erstes prägendes
    Musikerlebnis das Album Machine Gun – Automatisches Gewehr zum
    schnellen und kontinuierlichen Abfeuern des deutschen Freejazzers Peter
    Brötzmann. Weiteren Vorbilder sind Freejazzer und Pioniere der Freien
    Improvisierten Musik wie etwa Albert Ayler, Evan Parker, Michel Doneda,
    Vinko Globokar, Axel Dörner und Franz Hautzinger. Das Gestell von Yassin in
    Beirut ist gefüllt mit CDs zeitgenössischer Komponisten von Karlheinz
    Stockhausen über Iannis Xenakis bis zu den Pionieren der Musique Concrète,
    Pierre Schaefer und Luc Ferrari. Yassin hört aber, im Gegensatz zu Kerbaj,
    auch arabische Musik: libanesische Rockmusik und Jazz-Rock aus den
    1960er- und 1970er-Jahren und den ägyptischen Gitarristen Omar Khorshid,
    der den Surf-Gitarrenstil aus San Francisco mit den Rhythmen des
    Bauchtanzes verband. Die beiden Künstler arbeiten mit Themen oder
    akustischem Material aus ihrer lokalen und regionalen Umgebung. Besonders
    deutlich wird dies in den audiovisuellen Arbeiten von Yassin. In seiner
    zwanzigminütigen Sound-Collage CW Tapes verarbeitet er Tonmaterial aus
    seiner Kindheit: Propagandalieder, die politischen Reden der verschiedenen
    Fraktionen, dazu Radiojingles, Werbelieder, Pop-Hits aus dem Krieg und alte
    Tonaufnahmen aus der Stadt. All das vermischt er zu einem kontroversen
    Stück Ton- und Zeitgeschichte. «Diese akustischen Erinnerungen aus dem
    Bürgerkrieg haben sich tief in unser Gedächtnis eingebrannt. Sie bleiben
    frisch und sind jederzeit abrufbar, auch wenn viele Libanesen alles
    daransetzen, sie zu verdrängen oder auszuradieren», sagt Yassin. Wenn er
    seine Sound-Collage Hörern in Beirut vorspielt, reagieren diese oft geschockt.
    Besonders der News-Jingle aus dem Radio von damals lässt sie aufschrecken:
    Denn wann immer diese Erkennungsmelodie das Programm unterbrach, war
    wieder etwas Schreckliches geschehen. Der Jingle ist übrigens auch im
    Westen bekannt – in einem ganz anderen Zusammenhang: Er stammt aus
    dem Soundtrack des amerikanischen Actionfilms Shaft (Gordon Parks, 1971),
    geschrieben von Isaac Hayes.

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    Authentische Ohren
    Das Ohr spielte im Krieg eine wichtige Rolle, dies betonen viele Libanesen
    ungefragt. Yassin und Kerbaj erkennen noch heute alle Kriegswaffen am
    blossen Geräusch. Sie hören, von wo nach wo eine Rakete zischt. Sie wurden
    zudem von den zweihundert Radiosendern geprägt, die während des Krieges
    nonstop gehört wurden und auf denen jede Kriegsmiliz berichtete, wer
    getötet worden war, welche Strassen offen waren und welche man meiden
    sollte. Unter Musikern macht inzwischen die sarkastische Frage die Runde:
    «Schärft der Krieg das Gehör?»

    Kerbaj experimentiert auf seinem jüngsten Soloalbum brt vrt zrt krt t mit den
    ungewöhnlichsten Geräuschen, die er seiner Trompete entlockt. Vor Jahren
    hatte Hautzinger zu ihm gesagt: «Deine Trompetensounds klingen wie
    Helikopter und Maschinengewehre. » Das wühlte Kerbaj auf: «Ich ging zurück
    zu meinen frühen musikalischen Einflüssen und fragte mich: Warum habe ich
    gerade die CD Machine Gun von Brötzmann so sehr gemocht?» Es ist die
    Frage nach dem Einfluss des akustischen Inputs aus der Kindheit auf das
    spätere Werk eines Künstlers. «Ich habe eine spezielle Beziehung zur Stille»,
    erzählt Kerbaj, «ich hatte immer grosse Angst davor. Denn wenn es still war,
    warteten wir immer auf den nächsten Bombenhagel.»

    Die Übertragung der Kindheits-Geräuschwelt in die Musik eines Künstlers
    geschieht sowohl bewusst wie unbewusst. Für das Unterbewusste erklärt die
    Sound-Psychologie und -Sozialogie, dass die ersten Lebensjahre prägend sind
    für unsere Fähigkeiten, Sound zu hören, zu geniessen und später damit zu
    arbeiten. Viele dieser Fähigkeiten, fand der Musikforscher Leonard B. Meyer
    heraus, sind tief in der Persönlichkeit eines Musikers verborgen und bilden
    den «Kern» seiner Musik. Durch diese biografische Prägung wird sie etwas

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    sehr Persönliches. Die bewusste Ebene dagegen zwingt uns, nicht-
    musikalische Faktoren in Betracht zu ziehen. Es fällt auf, dass Kerbaj die
    Beziehungen seiner Musik zu den Kriegsgeräuschen erstmals in einem
    Interview mit einem ausländischen Journalisten thematisierte. «Zuerst
    lachten meine Freunde und ich über meine Antwort», sagt er. – Handelte es
    sich vielleicht nur um eine Strategie, die bohrenden Fragen der Journalisten,
    Geldgeber und Musikschüler nach «Authentizität» ein für allemal
    auszuräumen? «Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir,
    dass es sich um weit mehr als einen Witz handelte.» Die Werke von Kerbaj
    und Yassin lassen sich als Audio- Erzählungen hören und interpretieren.
    Dabei hören wir nicht nur ihre aktuelle Umgebung, sondern auch, wie sie sich
    selber im lokalen und globalen Zusammenhang positionieren: Es sind
    Insidergeschichten über das Leben und Arbeiten zweier Künstler im Libanon
    des 21. Jahrhunderts.

    Opfer der Geschichte
    Musik wird auf verschiedene Weisen gehört und verstanden, abhängig vom
    Hintergrund des Zuhörers, seiner Position und seiner Persönlichkeit. Die
    Interpretation ist deshalb eine Herausforderung – ich erlebte während meines
    Aufenthalts in der arabischen Welt eine ganze Reihe davon. Auch wenn die
    Künstler kulturelle Klischees vermeiden und im Gespräch immer wieder
    betonen, dass sie die Vorliebe für «kulturelle Differenz» von Europäern,
    Musikethnologen und Weltmusik-Produzenten nicht befriedigen wollen, ist
    das nur zum Teil ein bewusster Entscheid. Zum anderen sind diese Musiker,
    die sich selber gerne als Individualisten geben, ganz einfach auch Opfer der
    libanesischen und arabischen Geschichte. Die historische Perspektive ist eine
    von mehreren Erklärungen dafür. Demnach folgen die Musiker einem Trend

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    von arabischen Modernisten und Intellektuellen, die seit einigen Jahren die
    kulturellen Formen der arabischen Welt heftig kritisieren. Die Kritik zielt
    darauf, dass die arabische Musik ausschliesslich emotional gesteuert sei.
    Gerade Intellektuelle kritisieren ihre endlosen Wiederholungen und das
    andauernde Zirkeln um einige wenige Zentraltöne als rational
    unterentwickelt. Sie vergleichen die arabische Musik mit der arabischen
    Politik: Auch diese wiederhole sich endlos und käme nie auf den Punkt.
    Inzwischen unterrichten fast sämtliche Musikschulen und Konservatorien
    nach europäischen Lehrmethoden. Die arabische Musik wird heute von
    grossen Orchestern gespielt und nur noch selten von kleinen Ensembles. Die
    Heterophonie in untemperierten arabischen Vierteltonskalen weicht oft
    simpler Harmonik. Die Improvisation ist fixen Melodien gewichen, und die
    Musik wird in grossen Konzertsälen gespielt – für eine «mehrheitlich
    dekadente hohe Gesellschaft», das jedenfalls finden Kerbaj und Yassin. Die
    Folge: Viele Musiker der äusserst vitalen Beiruter Subkulturszene
    interessieren sich wenig für die arabische Musik und wissen auch wenig über
    sie. Und auch wenn sie diese am Nationalen Libanesischen Konservatorium
    erlernen wollen, lernen sie nicht all ihre ästhetischen Dimensionen kennen.

    Sinn im Chaos

    Die psychologische Perspektive bietet andere Erklärungen. Man könnte
    argumentieren, dass die Künstler die Musik für die Selbsttherapie ihrer
    traumatischen Kriegserfahrungen benutzen. Musik ist zwar keine Flucht aus
    dem «realen» Leben, aber eine Möglichkeit, die menschlichen Erfahrungen zu
    ordnen und Sinn ins Chaos zu bringen – das sagte der 2001 verstorbene
    britische Psychiater Anthony Storr. Das könnte gut auf Mazen Kerbaj
    zutreffen. Auf einer soziopolitischen Ebene könnte man behaupten, dass
    Kerbaj, Yassin und ihre Kollegen einen Kampf für die Veränderung im Libanon
    führen. Sie tun es mit nicht-kommerzieller und nicht-programmatischer
    Musik in einer konsumorientierten und politisierten Gesellschaft. Mit der
    Thematisierung des Bürgerkriegs nähern sie sich zudem einem Tabu: Es war
    für Yassin alles andere als einfach, etwa das akustische Archiv der
    verschiedenen Milizen zusammenzustellen, und es brauchte Mut, ihnen die
    fertigen CDs zuzustellen. Diese Künstler versuchen, eine starke persönliche
    musikalische Identität zu schaffen, jenseits von Selbst- Exotisierung,
    Propaganda und Kommerz. Ihre Musik ist verwurzelt in ihrem unmittelbaren
    Umfeld, aber offen gegenüber dem Rest der Welt.

    Die nüchtern-globale Sicht wiederum zeigt Musiker, die in ihren
    Nischenkulturen äusserst kompetent agieren. Sie wollen sich mit den Szenen
    der frei improvisierten und der elektroakustischen Musik weltweit messen –
    und zwar durch Qualität und nicht aufgrund ihrer exotischen Herkunft. Diese
    Musiker sind nicht «verwestlicht », wie einige Kritiker in Europa, den USA,
    aber auch im Libanon vorschnell urteilen. Sie interagieren bewusst und
    unbewusst, offen und versteckt mit ihrer Geschichte. Eine letzte
    Interpretation stammt von Yassin selber. Nachdem ich die verschiedenen

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    Techniken des Editierens und der Soundmanipulation in seiner Arbeit
    analysiert hatte, fragte ich ihn, warum darin keine grundsätzliche ästhetische
    Idee zu finden sei, die das Stück zusammenhalte. «Das ist einer der
    Hauptunterschiede zur elektroakustischen Musik aus Europa», sagte Yassin.
    «Ich bin ein arabischer Künstler. Ich bin in einer chaotischen Welt
    aufgewachsen.»

    Neudefinition des Lokalen
    Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen all diesen Sichtweisen. Die akustischen
    Erzählungen zwingen dazu, genau und aus verschiedenen Standpunkten
    hinzuhören und die Musiker nicht vorschnell einer Kategorie zuzuschlagen.
    Die Vielseitigkeit des Materials, der verwendeten Sounds, ihr Arrangement
    und die Verknüpfungen führen zum Kern ihrer Musik. Diese Prägung der
    Musik durch die Persönlichkeit und die Biografie des Künstlers muss gerade
    in einer globalisierten und digitalisierten Welt, in der jede Musik aus jeder
    möglichen Nische auf Mausklick bereitsteht, bei der Charakterisierung
    einbezogen werden. Ein Musiker wählt einen gewissen Stil vielleicht nur aus,
    um einen bestimmten Markt zu bedienen oder in den Genuss internationaler
    Förderung zu kommen. Seine bewusste Strategie ist kurzfristig. Im
    unbewussten Kern verändert sich sein Musizieren hingegen viel langfristiger.
    2006, im Krieg zwischen Israel und der Hisbollah, nahm Kerbaj das Stück
    Starry Night auf seinem Balkon auf und stellte es als MP3-File ins Internet.
    Wir hören seine Trompete und die Explosionen in der Stadt. Er nannte das
    Stück «eine minimalistische Improvisation von Mazen Kerbaj (Trompete) und
    israelische Luftwaffe (Bomben)». Zwei Jahre nach dem Krieg ist Kerbaj nicht

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    mehr glücklich über seine Aufnahme: «Lokalität sollte im Kern der Musik
    verborgen sein», sagt er. «Das Lokale laut rauszuposaunen macht eine Musik
    exotisch, oft oberflächlich, und meistens kurzlebig.»

    In der zeitgenössischen Musik der arabischen Welt werden «Authentizität»,
    «Herkunft» und «Ort» nicht mehr nur durch arabische Instrumente und
    Klangfolgen evoziert. Es gesellen sich Geräusche und akustische
    Erinnerungen hinzu. Eine steigende Zahl von Musikern fokussiert dabei auf
    die eigene Biografie. Sie kreieren ihre Musik, und es ist ihnen egal, ob sie für
    den Rest der Welt «arabisch» klingt oder nicht. Sie argumentieren, dass die
    arabische Identität in der Struktur, der Mischung und der Spielweise ihrer
    Werke enthalten ist. «Das ist unsere Art des Widerstands gegen den
    Niedergang der arabischen Welt», sagt der Soundkünstler Tarek Atoui. «Wir
    wollen Qualitätsmusik produzieren, und zeigen: Die arabische Welt hat mehr
    zu bieten als kommerziellen Pop und Terrorismus.»

    So suchen beispielsweise der ägyptische Geiger Riad Abdel- Gawad, der in
    Bern lebende libanesische Oud-Spieler, Gitarrist und Komponist Mahmoud
    Turkmani oder auch das Ensemble Thilges aus dem Kanon der arabischen
    Musik heraus neue Wege. Die Palästinenserin Kamilya Jubran und der Berner
    Werner Hasler bringen arabischen Gesang mit differenzierter Elektronika
    zusammen. Die ägyptische Sängerin und Tänzerin Karima Nayt, das
    libanesische Duo Soap Kills und die Londoner DJ-Kollektive MazaJ und dajjah
    bringen neue Sounds in die Clubs in West und Ost. Sie alle verarbeiten lokale
    und globale Einflüsse zu eigenständiger Musik und agieren weitgehend
    unabhängig von den Marketingideen des Mainstreams. Ihre Musik kommt
    den Stereotypen und Orientalismen, mit denen die arabischen Länder ständig
    konfrontiert werden, um viele Takte oder Zeiteinheiten zuvor.

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    Selbstbewusstsein im globalen Rahmen
    Die meisten Mitglieder dieser losen globalen Bewegung von Soundkünstlern
    und Musikern leben an den vermeintlichen Rändern der Welt, oder sie sind
    von diesen nach Europa oder in die USA migriert. Aber sie werden immer
    selbstbewusster. Noch vor ein paar Jahren habe ich bei zahlreichen
    Reportagen als Musikjournalist in Belgrad, Kairo, Bamako oder Istanbul vor
    allem Frustration vorgefunden. «Wir haben bloss Chancen auf eine
    internationale Karriere, wenn wir unsere Musik mit den Melodien und
    Rhythmen der Roma-Musik kreuzen», erklärten etwa Rapper, Freejazzer und
    Elektronika-Produzenten in Belgrad. Inzwischen setzen sie sich aber – wie
    Kerbaj und Yassin – immer stärker durch: Für sie ist «Authentizität» nicht
    zwingend an die «traditionelle» Musik der Region geknüpft, dafür umso mehr
    an die Umweltgeräusche der Gegenwart oder ans persönliche akustische
    Gedächtnis. Leider werden sie dabei wenig gefördert. Der Welt musik- Markt
    ist heute in erster Linie ein Geschäft – wenn auch kein besonders lukratives.
    Die Institutionen der Kulturförderung setzen im Ausland gerne entweder auf
    grosse Repräsentationsprojekte, oder sie fördern vor allem eigene Musiker
    und bringen sie mit Musikern aus fernen Ländern zusammen, die anders
    klingen und musikalische «Differenz» produzieren. Solange die traditionellen
    Medien von Dubai bis Beirut ausschliesslich auf kommerzielle Produkte
    setzen und eine Kulturförderung nicht oder höchstens in Ansätzen
    funktioniert, müssen sich Künstler wie Refat weiter nach Europa und in die
    USA ausrichten. Refat kann nach Europa fliegen, wenn seine Reise direkt oder
    indirekt von einem ausländischen Kulturförderer bezahlt wird. Er bekommt
    sein Visum, wenn er in Ägypten kein rotes Tuch ist und ein Veranstalter in
    Europa für ihn bürgt. Während der virtuelle Raum diesen Musikern weit offen
    steht, wird das Reisen über reale Grenzen seit 9/11 aber immer schwieriger.
    Die Unabhängigkeit, welche das globale Netz suggeriert, ist in der realen Welt
    noch längst nicht gegeben.

    Dieser Beitrag ist erschienen im Kulturmagazin «Du», Nr. 793, Februar 2009,
    zum Thema: «Auf der Suche nach dem Orient. Das Gesicht von 1001 Nacht bei
    Tageslicht». Information und Bestellung: www.du.magazin.com oder Telefon
    +41 (0)55 220 81 90.

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    The co-edited book is finally out! Ten articles about new musical positions in the Arab World.

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    Golden Beirut – New Sounds from Lebanon
    €18.00
    The first CD release by norient and Outhere Records focuses on a young generation of
    musicians from Beirut that is tired of war, fed up with politics, sick of religious madness, and

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Sinn aus dem Chaos schöpfen | norient.com                                       19 Oct 2021 08:05:13

    angry about Euro-American exoticism.

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    → Published on June 11, 2009

    → Last updated on September 22, 2020

    Thomas Burkhalter is an ethnomusicologist (PhD), interdisciplinary artist, and
    music journalist from Bern (Switzerland). He is the founder and director of Norient,
    the Norient Space (Norient.com), and the Norient Film Festival (NFF). He co-
    directed documentary films (e.g. «Contradict», Berner Filmpreis 2020 + Al-Jazeera
    Witness) and AV/theatre/dance performances, is the author and co-editor of
    several books, teaches regularly at universities, and runs workshops for arts
    institutions. His experimental radio feature, «Gqom Edits – A Durban Visit», was
    nominated for Prix Europa in 2017. Currently, Burkhalter is working on a new music
    project, and on the experimental podcast series «South Asian Sound Stories» with
    musicians from the UK, Bangladesh, India, and Pakistan.

    → Topics

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             Censorship
            Music Business
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    → Specials
    Cities: Cairo, Countries: Lebanon

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