So wird ein Team ein Team

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So wird ein Team ein Team
SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG

   So wird ein Team
   ein Team
   Wie wird aus einer Gruppe ein Team? Durch Differenzmanagement. Das sagen
   zumindest Nele Graf und Andre M. Schmutte, die in einem groß angelegten Stu-
   dienprojekt Teamarbeit erforscht haben. Im ersten Teil dieser Serie über Syner­
   getische Teamführung stellen sie die fünf Disziplinen des Differenzmanage-
   ments vor.

                                         W
   Preview                                         ann ist ein Team ein Team und           träge bisweilen recht abstrakt sind, es also
                                                   keine Gruppe? Dann, wenn sich           um etwas geht, das „Interpretationsraum“
    Sinnempfinden  durch                         die Mitglieder als Einheit begreifen,   lässt. In diesen Fällen gelingt es oft nicht, das
   Klarheit: Teamziele päzise            als solche agieren, nach außen geschlossen        Ziel zu spezifizieren und für alle Teammit-
   entwickeln                            auftreten und trotzdem Individualität zu-         glieder klar und eindeutig zu umreißen. Häu-
                                         lassen. Und was ist der zentrale Unterschied      fig liegt es auch schlicht und einfach daran,
    Das  Wir gewinnt: ­                zwischen einer Gruppe und einem Team?             dass sich das Team keine Zeit nimmt, sich
   Mit Wertearbeit und Regel­            Die Gruppenleistung ist die Summe der             dezidiert über Zielsetzungen auszutauschen.
   vereinbarungen den Team­              Leistungen ihrer Mitglieder. Bei Teams geht          Die Führungskraft sollte daher das Thema
   geist stärken                         die Rechnung anders. Die Teamleistung ist         „Teamziele“ (immer wieder) auf die Agenda
                                         mehr als die Summe der Einzelleistungen,          setzen und es so zum Teil der normalen
    EinTeam – eine Stim-               was mit Synergieeffekten zusammenhängt,           Kommunikation werden lassen. Bei der
   me: Die Außengrenzen                  die in Teams und bei Teamarbeit entstehen.        gemeinsamen Zieldiskussion wird in der
   des Teams abstecken und               Um diesen wünschenswerten „Teamsta-               Regel deutlich, dass das Thema komplexer
   Schnittstellen koordinieren           tus“ zu erreichen, müssen Gruppen einen           ist, als man zuerst denken mag. Denn zu-
                                         bestimmten Prozess durchlaufen, bei dem           meist gibt es nicht nur wenige Einzelziele,
    Individualitätim Kollek-           der Teamleiterin bzw. dem Teamleiter eine         sondern vielmehr einen ganzen Zielkatalog.
   tiv: Stärken Raum bieten              besondere Rolle zukommt. Da es in diesem          So gehören etwa zu den typischen Zielen
   und individuellen Topics              Prozess im Wesentlichen um Grenzziehun-           eines Projektteams nicht nur die bestmög-
   Rechnung tragen                       gen geht, nennen wir ihn „Differenzmanage-        liche Erledigung des Kundenauftrags und
                                         ment“. Dieses besteht aus fünf Disziplinen.       die exakte Ausschöpfung des Budgets (da
    Entstressende  Selbst-                                                               sonst in der folgenden Periode Kürzungen
   führung: Persönlichkeit               1. Ziele klären, KPI identifizieren               vorgenommen werden könnten), sondern
   und Rolle trennen und die                                                               auch Nebenziele wie „Ressourcen schonen“,
   eigenen Trigger erkennen              Ohne Zielklarheit keine Zielerreichung – so       „Lerneffekte generieren“ oder „Prestige beim
                                         einleuchtend und selbstverständlich dieser        Kunden aufbauen“.
                                         Zusammenhang scheint, so verwunderlich               Der Zielrahmen, in dem ein Team agiert,
   Grafiken: supanut piyakanont/iStock
                                         ist es auf den ersten Blick, wie viele Teams      wird durch die strategischen und operativen
                                         es in der Praxis gibt, die keine klaren Ziel-     Unternehmensziele bestimmt, aus denen
                                         vorstellungen formuliert haben. Das hängt         sich letztlich der Teamauftrag ableitet. Auf
                                         vor allem damit zusammen, dass Teamauf-           der Grundlage dieser Vorgaben – sie sollten

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So wird ein Team ein Team
SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG

   jedem Teammitglied unbedingt bekannt
   sein – gilt es, die Teamziele gemeinsam zu
   entwickeln. Am besten initiiert die Füh-                       Das Modell der synergetischen Führung
   rungskraft dazu einen Teamworkshop, in
   dem die sogenannten Geschäftstreiber,                      Klassische Führungsmodelle konzentrieren sich entweder auf die
   deren Beziehungen und Wechselwirkungen                     Führung einzelner Personen oder auf die Führung von Unterneh-
   definiert werden. Oder einfacher formuliert:               men. Spezielle Modelle für die Teamführung gibt es bisher kaum.
   Das Team sucht die Stellschrauben, an denen                Vor diesem Hintergrund haben Nele Graf, Stephanie Rascher und
   es drehen muss, um die externen Vorgaben                   Andre M. Schmutte in einem aufwendigen Forschungsprojekt jene
   zu erreichen. Wenn das Team diese erfolgs-                 Führungsaufgaben identifiziert, die aus einfachen Gruppen leis-
   kritischen Einflussgrößen ermittelt hat,                   tungsfähige Teams machen.
   kann es bestimmen, wie sie zu messen sind,
   entsprechende Schlüsselkennzahlen, soge-                  Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte
   nannte Key Performance Indicators (KPI),                   Projekt lief über insgesamt vier Jahre und umfasst mehrere quan­
   definieren und für diese konkrete, messbare                titative Befragungen von insgesamt über 1.000 Führungskräften,
   und terminierte Zielwerte festlegen.                       qualitative Befragungen, eine Delphi-Studie, Testsimulationen sowie
      Um Zusammenhänge, Redundanzen und                       die Beobachtung von 15 Teams in ihrem realen Umfeld. Im Ergebnis
   auch Widersprüche zu erkennen, sollten                     wurden sechs Dimensionen identifiziert, die für erfolgreiche Team­
   die Ziele klassifiziert werden, am besten                  führung besonders wichtig sind
   in Leistungsziele, Zeit-/Terminziele und
   Kostenziele, die dann mit Unterzielen prä-

                                                                         06
   zisiert werden. Dazu werden besagte Ne-
   benziele ergänzt. Eins der wichtigsten
   Nebenziele ist das Beziehungsziel. Es
   sollte thematisiert werden, wie das
   gemeinsame Verständnis von Zu-                                     ENTWICKLUNG
                                                                                                        DIFFERENZ               01
                                                                                                           Sinn stiften
   sammenarbeit aussehen soll.
                                                                  Teilaufgaben outsourcen                   Teamgeist stärken
   So werden nicht irgendwel-
                                                        Auf nächsthöherer Ebene eskalieren                   Teamexterne Schnitt­
   che Ziele „aus dem Bauch
                                                      Projekt abschließen und Projekt auflösen                 stellen koordinieren
   heraus“ vage festgelegt
                                                                                                                    Mitarbeiter­ indi­
   – wie das in der Praxis tat-
                                                                                                                     viduell führen
   sächlich oft der Fall ist –,
                                                       REFLEXION                                                        Selbst-          RES-
   sondern scharfe Ziele
                                               Leistungsprobleme                                                       führung        SOURCEN
   formuliert, die präzise
   auf die Erfüllung der
   für den Auftrag rele-
                                          05    interpretieren und
                                                            lösen                6 Funktionen
                                                                                                                                       Team
                                                                                                                                         
                                                                                                                                     zusammenstellen
                                                   Team per­
   vanten Richtmarken
                                           manent     heraus­
                                                                               SYNERGETISCHER                                        Ressourcen­
   einzahlen.                                                                                                                    bedarf    ermitteln
                                                   fordern                        FÜHRUNG                                           Ressourcen
                                                                                                                                                       02
      Eine gemeinsame                                                                                                            
   Auseinandersetzung                     Monitoring                                                                       akquirieren
   mit den Zielen bringt                   relevanter                                                                        Ressourcen intern
   neben ihrer Notwen-                       Daten                                                                       verteilen
                                                          PROZESS               Quelle: Nele Graf, Stephanie
   digkeit für die Zielerrei-                                                                                          Team entwickeln
                                                        Selbstmanage­         Rascher, Andre M. Schmutte
   chung noch einen weite-
                                                       ment und Flexibilität
   ren entscheidenden Vorteil
                                                   fördern
                                                                                      STRUKTUR
   mit sich: Sie stiftet „Sinn“ und                                                      Arbeit strukturieren
                                                        Standardprozesse
   hilft den Teammitgliedern,                                                               Verantwortlichkeiten definieren
                                                                implementieren
   sich mit ihrem Team und dem                                                                  Teamrollen aushandeln
                                                                    Operatives

                                                         04
   Grund, warum das Team über-                                                                    Das soziale Gebilde be­
                                                                        Vorgehen
   haupt besteht, zu identifizieren. Das                                                             obachten
                                                                            ­definieren
   ist eine wichtige Voraussetzung, damit
   das Team für seine Mitglieder als Einheit
                                                                                                                 03
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SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG

   Werteliste zur Werteklärung
   Die gemeinsamen Werte zu klären, ist für das Wir-Gefühl in einem Team extrem wichtig. Diese Liste, die sich bei Bedarf
   ­natürlich beliebig ergänzen lässt, kann als Anregung für eine teaminterne Werte-Diskussion dienen.

   Abenteuer               Bescheidenheit           Gelassenheit              Klarheit i. A.          Phantasie
   Achtsamkeit             Besonnenheit             Gemütlichkeit             Klugheit                Pragmatisch

                                                                                                                                  Quelle: www.managerseminare.de; Nele Graf, Stephanie Rascher, Andre M. Schmutte:
   Agilität                Dankbarkeit              Gerechtigkeit             Konservativ             Präsenz
   Aktivität               Demut                    Gesundheit                Kontrolle               Pünktlichkeit
   Aktualität              Diskretion               Glaubwürdigkeit           Kreativität             Realismus
   Akzeptanz               Disziplin                Großzügigkeit             Leidenschaft            Resilienz
   Altruismus              Effektivität             Güte                      Leichtigkeit            Respekt
   Anerkennung             Effizienz                Harmonie                  Liebenswürdigkeit       Rücksichtsnahme
   Andersartigkeit         Ehrlichkeit              Hilfsbereitschaft         Loyalität               Sicherheit
   Anmut                   Empathie                 Hingabe                   Mitgefühl               Solidarität

                                                                                                                                  Teamlead – Führung 4.0, Springer Gabler 2020.
   Ansehen                 Entscheidungsfreude      Hoffnungsvoll             Motivierend             Sorgfalt
   Anstand                 Fairness                 Höflichkeit               Mut                     Sparsamkeit
   Ästhetik                Fleiß                    Humor                     Nachhaltigkeit          Spaß
   Aufgeschlossenheit      Flexibilität             Idealismus                Nächstenliebe           Sympathie
   Aufmerksamkeit          Freiheit                 Innovativ                 Neugier                 Transparenz
   Ausgeglichenheit        Freude                   Inspirierend              Neutralität             Treue
   Ausgewogenheit          Frieden                  Integrität                Offenheit               Tüchtigkeit
   Authentizität           Fröhlichkeit             Intelligent               Optimismus              Unabhängigkeit
   Begeisterung            Fürsorglichkeit          Interesse                 Ordnungssinn            Verlässlichkeit
   Beharrlichkeit          Geduld                   Intuition                 Pflichtgefühl           Vertrauen

      Ein Team ist erst             „erlebbar“ werden und sich ein Zugehö-           der Teammitglieder und große Einsatzbe-
    dann ein Team und               rigkeits- und Wir-Gefühl entwickeln kann.        reitschaft sind weitere deutlich signifikan-
                                                                                     te Effekte.
   keine Gruppe, wenn               2. Werte klären, Regeln definieren                  Einen starken Impact auf den Teamgeist
     es sich als Einheit                                                             haben die Werte eines Teams. Es gilt: Je kla-
    begreift, als solche            Das zeigt nicht nur die Teamforschung, son-      rer die Werte eines Teams sind und je stär-
                                    dern lehrt auch schon die Praxis: Ein starker    ker die Teammitglieder diese verinnerlicht
    agiert, nach außen              Teamgeist ist für den Erfolg eines Teams         haben, desto größer ist ihr Zusammenge-
   geschlossen auftritt             essenziell. Zum einen führt er dazu, dass        hörigkeitsgefühl. Die Beachtung, die der
   und trotzdem Indivi­             sich die Mitglieder aufeinander einlassen        Faktor „Werte“ für den Teamgeist hat, steht
                                    und sich untereinander fair und hilfsbereit      im frappierenden Gegensatz zu dessen Be-
       dualität zulässt.            verhalten. Zum anderen sind die Mitglieder       rücksichtigung bei der Teamführung in der
                                    in Teams mit einem starken gemeinsamen           Praxis: Das Thema wird dort oft komplett
                                    Spirit eher bereit, die eigenen Ziele hinter     links liegen gelassen.
                                    die des Teams zu stellen, wenn diese mitei-         Noch dysfunktionaler, als das Thema
                                    nander kollidieren. Dies kommt besonders         „Werte“ im Team überhaupt nicht zu be-
                                    gut dadurch zum Ausdruck, dass man vom           arbeiten, ist es, zu versuchen, bestimm-
                                    Teamgeist oft auch als Wir-Gefühl spricht,      te Werte a priori zu bestimmen, die für
                                    das „Wir“ steht im Vordergrund, nicht das        ein bestimmtes Team – oder sogar alle
                                    „Ich“. Eine konsequente Ausrichtung an den       Teams im Unternehmen – für alle Ewigkeit
                                    gemeinsamen Teamzielen ist tatsächlich           gelten sollen. Im besten Fall werden solche
                                    auch eine der signifikantesten Folgen eines      „Wertevorgaben“ ignoriert, im schlechtes-
                                    starken Teamgeists. Eine hohe Motivation         ten behindern sie das Zusammenwachsen

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SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG

   des Teams. Die Führungsaufgabe besteht          Das Problem: Werden die Außengrenzen
   vielmehr darin, die tatsächlichen Team-         des Teams nicht klar abgesteckt, besteht
   werte zu klären bzw. – bei der Neubildung       immer die Gefahr, dass das Kollektiv aus-
   eines Teams – jene Werte zu identifizie-        einanderwabert. Hinzu kommt, dass in die-
   ren, die unter den Teammitgliedern den          sem Fall oft unterschiedliche Vorstellungen
   größten gemeinsamen Nenner haben. Im            über Teamzugehörigkeiten entstehen, die
   Klärungs- bzw. Diskussionsprozess erweist       wiederum zu unterschiedlichen (implizi-
   sich eine einfache Werteliste oft als sehr      ten) Erwartungen führen: „Ich hätte nicht
   hilfreich, weil der Begriff „Wert“ für viele    gedacht, dass sie uns hier hängen lässt
   recht abstrakt ist oder manche Werte auch       ...“ vs. „Fast schon unverschämt, mich
   so selbstverständlich sind, dass niemand        das zu bitten, schließlich ist das ja ein Job
   daran denkt, sie zu benennen (siehe Kasten      des Teams“.
   „Werteliste zur Werteklärung“).                    Ist jedem Teammitglied glasklar, wer wie
     Mit der Klärung der Teamwerte sollte          dazugehört – denkbar ist auch, neben
   an das Thema „Werte“ jedoch kein Haken          einem inneren Zirkel einen äußeren Zirkel
   gemacht werden. Genauso wie über die            mit teilweise anderen Rechten, Pflichten
   Teamziele, gilt es, auch über die Werte des     und Regeln zu definieren –, geht es bei der
   Teams immer wieder zu sprechen. Denn            Teamführung darum, sicherzustellen, dass
   Werte können sich verschieben und ver-          das Team nach außen hin einheitlich auf-
   ändern. Idealerweise werden die Werte           tritt. Dadurch wird das Team nicht nur in
   ins Selbstbild des Teams eingebaut, das bei     der Kommunikation stärker und klarer,
   Entscheidungen und Diskussionen im Team         sondern es entsteht auch Erwartungssi-
   dann immer wieder eine Rolle spielt. Bei-       cherheit im doppelten Sinne. Die „ande-
   spiel: „Ich finde, dieser Weg passt am besten   ren“ wissen, welches Verhalten sie von den
   zu unserem Verständnis eines demokratisch
   agierenden Teams.“
     Neben den gemeinsamen Werten soll-
   ten zudem die gemeinsamen Regeln der                 Die Teamregeln festlegen
   Zusammenarbeit geklärt werden. Nicht
   nur, weil solche die gemeinsame Arbeit er-           Klare Regeln erleichtern nicht nur die Zusammenarbeit im Team, sondern
   heblich erleichtern können. Sondern auch             fördern auch den Teamgeist. Ein einfacher dreistufiger Prozess hat sich
   deshalb, weil sie unmittelbar auf den Team-          bei der Ferstlegung der Teamregeln bewährt:
   geist einzahlen: Die Gewissheit, sich an
   dieselben Regeln gebunden zu fühlen,                           1. Vorschläge sammeln und diskutieren: Alle Teammitglieder
   wirkt verbindend.                                              notieren Vorschläge für gemeinsame Regeln auf Moderations­
                                                                  karten und pinnen diese an eine Stellwand. Dann wird über die
   3. Außengrenzen definieren, Schnitt-                 Vorschläge gesprochen. Welche Regeln erscheinen uns besonders wich­
   stellen koordinieren                                 tig, und welche wären eher nice to have?

   Die Frage klingt auf den ersten Blick banal,             2. Regeln auswählen und ggf. ausformulieren: Wenn sich
   was wahrscheinlich auch der Grund ist,                   das Team über eine Regel nicht einig ist, sollte diese nicht
   warum sich in der Praxis über sie so wenig            aufgenommen werden. Es gilt der Grundsatz „Im Zweifelsfall
   Gedanken gemacht wird: Wer gehört ei-                 gegen die Regel“. Nur die wichtigsten Regeln werden in einen – möglichst
   gentlich zum Team und wer nicht? Gehört                kurzen – Regelkatalog gegossen. Auch über mögliche Konsequenzen bei
   der eingekaufte Experte, mit dem wir seit                          Regelverstößen sollte in diesem Schritt gesprochen werden.
   zwei Monaten eng zusammenarbeiten,
   dazu? Wie verhält es sich mit der Kollegin,                    3. Regeln offiziell beschließen: Alle Teammitglieder unterschrei­
   die eigentlich einem anderen Projektteam                       ben den Regelkatalog. Sofern die räumlichen Voraussetzungen
   angehört, de facto aber mehr in diesem als                     das zulassen, kann das unterschriebene Dokument auch gut
   im anderen mitarbeitet? Und was ist mit              sichtbar aufgehängt werden.
   der Ideengeberin des Projekts, die offiziell         Quelle: www.managerseminare.de; Nele Graf, Stephanie Rascher, Andre M. Schmutte: Teamlead – Führung
   zwar operativ nicht mitspielt, dennoch aber          4.0, Springer Gabler 2020.
   immer noch einen großen Einfluss ausübt?

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SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG

                                                 Teammitgliedern erwarten können und die                 Anforderungen parallel zu handeln, erweist
                                                 Teammitglieder wissen, welches Verhalten                sich in der Praxis oft als die größte Heraus-
                                                 die „anderen“ von ihnen als Teammitglie-                forderung für Teamleiter.
                                                 der erwarten. Die gemeinsamen äußeren
                                                 Erwartungen, die an sie gerichtet werden,               4. Raum für Stärken schaffen, individu-
                                                 zahlen dabei übrigens auch auf das Wir-Ge-              elle Topics berücksichtigen
                                                 fühl der Teammitglieder ein.
                                                   Ein weiterer zentraler Teamführungsjob                Teams verfügen jedoch nicht nur über
                                                 im Kontext der Grenzziehung besteht darin,              Außengrenzen, sondern auch über Gren-
                                                 die Schnittstellen des Teams nach außen                 zen nach innen. Gemeint sind hiermit die
                                                 zu koordinieren – zu anderen Bereichen                  Grenzen der einzelnen Teammitglieder, die
                                                 der Organisation oder etwa nächsthöheren                sogenannten Innenumwelten. Das bedeutet:
                                                 Unternehmensebenen. Zu den wichtigsten                  Ganz gleich, wie hoch das Wir-Gefühl in
                                                 Aufgaben gehört es dabei, äußeren Druck                 einem Team auch ist, kein Teammitglied ge-
                                                 zu filtern und das Team von äußeren Stör-               hört jeweils mit Haut und Haaren dazu.
                                                 faktoren so weit als möglich abzuschirmen.              Stattdessen bringen alle nur Teile ihrer
                                                 Gleichzeitig gilt es aber genauso, die Vernet-          persönlichen Fähigkeiten, ihres Wissens
                                                 zung des eigenen Teams in der Organisation              und ihres Engagements ein.
                                                 zu fördern. Beide in Teilen gegensätzliche                 Wie viel die einzelnen Teammitglieder
                                                                                                         von ihren „jobrelevanten Teilen“ ins Team
                                                                                                         einbringen, hängt von mehreren Faktoren
                                                                                                         ab. Am wichtigsten sind eine Atmosphäre,
   Den eigenen Glaubenssätzen auf der Spur                                                               die durch Wertschätzung geprägt ist, Frei-
                                                                                                         raum, ein positiver Umgang mit Fehlern
   Innere Antreiber respektive Glaubenssätze beeinflussen unsere Wahrneh­                                und vor allem die Möglichkeit, die eigenen
   mung und prägen unser Verhalten. Bei diesen handelt es sich um verallge­                              Stärken zum Einsatz zu bringen. In der
   meinerte Vorannahmen mit Absolutheitsanspruch, die wir während unse­                                  Praxis werden Teams oft ausschließlich
   rer Kindheit internalisiert haben. Die häufigste Quelle dieser Vorannahmen                            aufgabenorientiert geführt: „Wer aus mei-
   sind Forderungen und Botschaften der Eltern.                                                          nem Team ist für diese Aufgabe am besten
                                                                                                         geeignet?“ Eine (zusätzlich) stärkenorien-
   Je bewusster wir uns unserer Glaubenssätze sind, desto besser können                                  tierte Teamführung bringt nachweislich die
   wir unser Verhalten steuern und Alternativen zu dysfunktionalen Verhal­                               besseren Ergebnisse – und zwar solche, die
   tensmustern entwickeln, die aus diesen resultieren. Ein einfacher Weg, um                             die Erwartungen oft deutlich übertreffen
   ihnen auf die Schliche zu kommen: die eigene Kindheit Revue passieren                                 oder Mehrwert schaffen, an den vorher
   lassen und sich dabei fragen, ob es gewisse Forderungen oder Botschaf­                                nicht einmal gedacht wurde: „Wo liegen
   ten gibt, die besonders häufig genannt wurden bzw. die einem noch be­                                 die besonderen Stärken dieses Teammit-
   sonders gut in Erinnerung sind.                                                                       glieds, und bei welchen Aufgaben und in
                                                                                                         welchem Kontext können diese am besten
   Klassischerweise werden fünf Antreiber unterschieden:                                                zum Tragen kommen?“
   Sei perfekt! Der Anspruch, dass man alles noch besser machen muss                                      Darüber hinaus entscheidend für
   und es nie gut genug ist.                                                                             den Umfang, mit dem sich ein Teammit-
   Mach schnell! Die Überzeugung, dass man schnell sein muss, da man                                   glied einbringt, ist die Berücksichtigung
   sonst nicht fertig wird.                                                                              seiner individuellen (jobrelevanten) Inte-
   Streng Dich an! Die Ambition, sich immer anzustrengen, egal um wel­                                 ressen – die sich übrigens nicht zwangs-
   che Angelegenheit es geht.                                                                            läufig mit seinen Stärken decken –, seiner
   Mach es allen recht! Die Empfindung, es immer allen recht machen zu                                 individuellen Ziele – etwa in puncto Karri-
   müssen, um geliebt zu werden.                                                                        ere und Selbstverwirklichung – und seiner
   Sei stark! Der Ehrgeiz, immer stark sein zu müssen und die Überzeu­                                persönlichen Lebenssituation, die etwa
   gung, dass man keine Gefühle zeigen darf.                                                             durch Kinder oder zu pflegende Eltern-
                                                                                                         teile geprägt ist. Je besser es gelingt, Ar-
   Quelle: www.managerseminare.de; Nele Graf, Stephanie Rascher, Andre M. Schmutte: Teamlead – Führung   beitsprozesse und -bedingungen (immer
   4.0, Springer Gabler 2020.
                                                                                                         wieder aufs Neue) auszuhandeln, die diese
                                                                                                         Faktoren integrieren, desto mehr wird sich

   22                                                                                                                                 | Heft 276 | März 2021
SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG SYNERGETISCHE TEAMFÜHRUNG

   das Teammitglied einbringen und desto
   besser ist in der Regel auch sein Verhält-
   nis zur Führungskraft.
                                                          i       Mehr zum Thema
   5. Die eigenen Grenzen ziehen, persön-
   liche Trigger erkennen
                                                       Nele Graf, Stephanie Rascher, Andre M. Schmutte: Teamlead – Führung 4.0.
   Selbstverständlich verfügen nicht nur              Springer Gabler 2020, 39,99 Euro.
   Mitarbeitende über Innenumwelten mit               Ein umfassendes Modell, wie sich Teams so zusammenstellen, entwickeln
   entsprechenden Grenzen, sondern auch                und führen lassen, dass Synergien entstehen und so die Teamleistung über
   Führungskräfte. Diese bedürfen ebenfalls            die Summe der Leistungskraft der einzelnen Teammitglieder hinauswächst.
   eines speziellen „Managements“, sie machen          Benannt werden sechs zentrale Dimensionen, die mit 23 Führungsaufgaben
   Selbstführung erforderlich. Zu den wichtigs-        verknüpft sind. Dazu gibt es viele Tipps für den Teamführungsalltag.
   ten Disziplinen der Selbstführung gehört es
   in diesem Kontext, die eigenen Rollen im             Peter  Koning, Rolf Dräther: Ownership im Team entwickeln – Frame-
   Privaten und Beruflichen zu verstehen und           work für Freiheit.
   zu lernen, diese voneinander abzugrenzen.           www.managerseminare.de/MS270AR02
   So ist es als Teamleiterin oder Teamleiter          In Situationen, die agiles Handeln erfordern, ist sie besonders gefragt: die
   etwa essenziell, sich klarzumachen, dass            Selbstverantwortung von Teams. Wenn Teammitglieder motiviert Heraus­
   besagte widersprüchliche Anforderungen              forderungen angehen und eigenständig Lösungen finden, ist die Vorausset­
   und Erwartungen nicht an einen selbst als           zung hierfür vor allem eine Haltung: Ownership. Heißt: Die Teams betrach­
   Person gestellt werden, sondern an die be-          ten ihre Aufgaben als „ihr Ding“. Wie sich Ownership fördern lässt.
   rufliche Rolle. Tut man dies nicht, ist die
   Gefahr groß, dass Rollenkonflikte schnell
   zu persönlichen Konflikten werden – und
   in der Folge zu Stressreaktionen führen,       besagter Syenergie-Effekt eintritt und das
   die das Verhältnis der Führungskraft zu        Team in seiner Leistungsfähigkeit über
   den anderen Teammitgliedern belasten           die Summe der Einzelleistungen seiner
   und mitunter die Atmosphäre im gesamten        Mitglieder hinauswächst.​
   Team regelrecht vergiften können.                             Nele Graf, Andre M. Schmutte​
     Um Stressreaktionen zu vermeiden
   und die Führungsrolle ausgeglichen und
                                                                                                                                    Foto: Nele Graf
   selbstgesteuert ausfüllen zu können, ist
                                                       Die Autoren: Dr. Nele Graf ist Profes­
   es zudem hilfreich, die eigenen Trigger zu
                                                        sorin für Personal und Organisation
   kennen. Was treibt mich an? Was ist mir
                                                       an der Hochschule für angewandtes
   besonders wichtig? Was löst bei mir sofort
                                                            Management (HAM) in Ismaning
   Widerwillen aus? Welches Verhalten trifft
                                                       und leitet dort das CompetenceCen­
   bei mir einen sensiblen Punkt? ... Das Kon-
                                                          tre of Innovations & Quality in Lea­
   zept der Glaubenssätze und Antreiber aus
                                                           dership & Learning (CILL). Zudem
   der Transaktionsanalyse, das nicht von un-
                                                        leitet sie das vom BMBF geförderte
   gefähr eines der meistgenutzten Konzepte in
                                                               Forschungsprojekt Teamlead.
   der Führungskräfteweiterbildung ist, kann
   in diesem Prozess wertvolle Unterstützung
                                                                                                                                    Foto: Andre M. Schmutte

   bieten (siehe dazu Kasten „Den eigenen
   Glaubenssätzen auf der Spur“).
                                                          Dr. Andre M. Schmutte lehrt an
     Letztlich sind es also zwei große The-
                                                        der HAM als Professor für markt­
   menstränge, die das Differenzmanagement
                                                       orientierte Unternehmensführung,
   bestimmen: „Ziel- und Werteklarheit“ sowie
                                                         ist Mitglied des CILL-Teams und
   „Grenzbildung“. Beide Aspekte sind eng
                                                        stellv. Leiter des Forschungspro­
   miteinander verwoben und bilden zusam-
                                                           jekts. Kontakt: www.teamlead.
   men das Fundament für Gruppenkohäsion
                                                                  partners/forschung.php
   und dauerhafte Motivation im Team – die
   beiden wichtigsten Voraussetzungen, damit

               | Heft 276 | März 2021                                                                                          23
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