Stress mindern, Ängste abbauen

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Stress mindern, Ängste abbauen
P SYC H O LO G I E

Die psychologische Diagnostik dient dazu, besondere psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln.

       Stress mindern, Ängste abbauen
                                                                                                                              Foto: iStock / monkeybusinessimages

     Viele Patienten, die am Herzen operiert werden müssen, sind seelisch belastet.
             Die Psychotherapie kann ihnen helfen – auch den Angehörigen.

                                              Katharina Tigges-Limmer

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Stress mindern, Ängste abbauen
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                               V
                                        or einem herzchirurgischen Eingriff sind Patienten
                                        mit unterschiedlichen Gefühlen konfrontiert. Sie
                                        hoffen auf körperliche Genesung und eine besse-
                               re Lebensqualität, zugleich erleben sie großen psychischen
                               Stress. Sie haben Angst zu sterben oder schwere Komplika-
                               tionen zu erleiden, und sie fühlen sich ausgeliefert. Diese
                               Ängste sind nicht pathologisch, sondern als realistische           »Die Grund­
                               Furcht, als „Realangst“ einzuschätzen.
                                                                                                    lage der
                                   Vor einer Bypassoperation beispielsweise, die infolge ver-
                               schlossener Herzkranzgefäße notwendig wird, ist die psy-             psycho­
                               chische Belastung vor der Operation am größten, danach              logischen
                               nimmt sie schrittweise ab. Nach der Operation, belegen die         ­Versorgung
                               meisten Studien, hat sich die Lebensqualität im Vergleich
                                                                                                     ist ein
                               zum Vorniveau verbessert. Mehrere Studien haben einen
                               Zusammenhang zwischen einer Depression, die vor der                vertrauens­
                               Bypassoperation bestand, und einem erhöhten Risiko für            volles Arbeits­
                               Komplikationen und einem weiteren negativen Einfluss auf             bündnis,
                               die nachfolgende Lebensqualität festgestellt. Die Depres-
                                                                                                  eine Allianz
                               sion wird deshalb als ernst zu nehmender unabhängiger
                               Risikofaktor für das Ergebnis nach einer Bypassoperation             mit dem
                               ­betrachtet.                                                       ­Patienten.«
                                   Bei Herzklappenerkrankungen hingegen konnte kein
                                wissenschaftlicher Zusammenhang zwischen erhöhtem
                                psychischem Stress und dem Entstehen oder der Ver-
                                schlechterung der Erkrankung festgestellt werden. Vor der
                                Klappenoperation haben die Patienten verglichen mit der
                                Normalbevölkerung jedoch deutlich erhöhte Angstwerte.
                                Nach spätestens sechs Monaten waren diese Ängste bei den
                                meisten Patienten überwunden.
                                   In der Rhythmuschirurgie wurden psychische Belastun-
                                gen vor allem bei Patienten untersucht, die einen Defibrilla-
                                tor (ICD) erhalten haben. Nach einer ICD-Auslösung kann
                                es zu Depressionen, Angststörungen oder zu einer posttrau-
                                matischen Belastungsstörung kommen. Der Defibrillator
                                wird als Lebensretter implantiert – Mehrfachauslösungen
                                können jedoch als traumatisierend erlebt werden.
                                   Von den Patienten, die mit einem Herzunterstützungs-
                                system versorgt werden müssen, leiden zwei Drittel bereits
                                vor der Implantation unter einer behandlungsbedürftigen
                                psychischen Erkrankung. Im Langzeitverlauf kommen
                                weitere Belastungen hinzu. Technische Probleme mit dem
                                Herzunterstützungssystem können zu Stress, zu Schlafstö-
                                rungen und eingeschränkten Tagesaktivitäten führen. Man-
                                che Patienten irritiert es, dass sie ihren Pulsschlag aufgrund
                                des vom Herzunterstützungssystem erzeugten kontinuierli-
                                chen Blutflusses nicht mehr spüren. Insgesamt gilt es, eine
                                sichtbare Maschine im Herzen emotional zu akzeptieren
                                und ins Körperbild zu integrieren. Besonders gefürchtet bei

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                 den Patienten sind Komplikationen, die ihre           konzentriert sich auf Lärmvermeidung, struk-
                 Hirnleistung beeinträchtigen könnten.                 turierte Orientierungsangebote, das Denken
                                                                       stimulierende Aktivitäten und die Einbindung
                 ZWISCHEN HOFFEN UND BANGEN                            der Angehörigen, die einen wesentlichen posi-
                                                                       tiven Einfluss haben können.
                 Die Herztransplantation ist psychologisch be-            Die psychologische Diagnostik im Rahmen
                 sonders gut untersucht. Die wissenschaftlichen        einer Herzoperation dient dazu, besondere
                 Daten zeigen: Patienten mit einer unbehandelt         psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen
                 gebliebenen Depression haben ein größeres             und adäquat zu behandeln. Ängste können so
                 Risiko, die Wartezeit auf ein neues Herz nicht        umstrukturiert, weitere Belastungen dissoziiert
                 zu überleben. Ihr Risiko, nach der Transplan-         (abgespalten) und ein Unterstützungsplan ent-
                 tation zu versterben, ist ebenfalls erhöht. In der    wickelt werden. Psychologische Interventionen
                 Zeit des Wartens auf ein Spenderherz äußern           können den Patienten dabei helfen, Stress zu
                 die ­Patienten häufig die Befürchtung, dass das       mindern und Ängste abzubauen. Sie können
 »Nach der       eigene kranke Herz vor dem erlösenden neu-            Mut machen und innere Kräfte mobilisieren.
Operation ist    en Herz „aufgeben“ könnte. Sie spüren ihren              Die Grundlage der psychologischen Versor-
                 eigenen Leistungsabfall und sind von der Un-          gung ist ein vertrauensvolles Arbeitsbündnis,
 es psycho­      gewissheit des Transplantationszeitpunkts be-         eine Allianz mit dem Patienten. Sie wird durch
     logisch     lastet. Einige sorgen sich, mit dem gespende-         eine patientenzentrierte Kommunikation ge-
 wichtig, die    ten Herzen auch Charakterzüge des Spenders            stärkt und zeigt nachhaltig positive Effekte
                 zu übernehmen. Die auf der höchsten Dring-            sowohl auf die Zufriedenheit als auch auf die
 emotionale
                 lichkeitsstufe der Warteliste stehenden Patien-       „Adhärenz“, das Einhalten der von Patient und
Bewältigung      ten beschreiben ein Spannungsfeld zwischen            Arzt gemeinsam verabredeten Therapieziele.
des Gesamt­      Todesangst und Lebenshoffnung. Nach der               Das dient dem Behandlungserfolg. Elemente
 geschehens      Transplantation kommt die Angst hinzu, dass           der patientenzentrierten Kommunikation kom-
                 das Herz abgestoßen werden oder nicht richtig         men aus der sogenannten klientenzentrierten
     Herzope­
                 funktionieren könne.                                  Psychotherapie und beinhalten Techniken wie
     ration zu      Eine herzchirurgisch gefürchtete Komplika-         „Reaktionen abwarten können“, „Schlüsselaus-
 ­forcieren.«    tion ist das „postoperative Delir“, ein nach der      sagen wiederholen“, das „empathische Spiegeln
                 Operation zeitlich begrenzter Zustand geistiger       von Emotionen“ und ein verständnissicherndes
                 Verwirrung mit Orientierungsverlust, Kon-             Zusammenfassen. Mit diesen Methoden lassen
                 zentrations-, Merk- und Schlafstörungen, Sin-         sich leichte depressive oder ängstliche Sympto-
                 nestäuschungen und Wahnideen. Das Delir ist           me im herzchirurgischen Alltag gut auffangen.
                 ein relevante Vorhersagegröße für verlängerte
                 Aufenthalte im Krankenhaus, eine längere Zeit         EMOTIONEN BRAUCHEN RAUM
                 auf der Intensivstation, für das Fortbestehen
                 von kognitiven Defiziten, eine verminderte            Bei der sogenannten Psychoedukation werden
                 Lebensqualität und eine erhöhte Erkrankungs-          Informationen über die Herzerkrankung und
                 und Sterberate. Neben dem operativen Eingriff         die Operation, über mögliche psychische Re-
                 selbst können die Ursachen für ein postopera-         aktionen und Verhaltensempfehlungen durch
                 tives Delir in der Vorgeschichte des Patienten        schriftliches Material ergänzt. Dieses Vorgehen
                 liegen, beispielsweise psychische Vorerkran-          erweist sich insbesondere bei der Integration
                 kungen, Missbrauch von Alkohol, Schlafmitteln         eines möglichen deliranten Erlebens als hilf-
                 und Psychopharmaka oder Risikofaktoren, die           reich; sowohl für die Patienten als auch deren
                 mit dem Aufenthalt auf der Intensivstation ver-       ­Angehörige.
                 bunden sind, etwa Schmerzen, häufige Alarme,             In einigen Zentren findet die medizinische
                 ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus und Iso-            Hypnose Einsatz in der Herzchirurgie. Mit ihrer
                 lation. Die nicht medikamentöse Behandlung             Hilfe wird ein besonderer Bewusstseinszustand

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               induziert (Trance) und eine größere Entspan-        ren. Der Einsatz von Antidepressiva, Anxioly-
               nung, mehr innere Ruhe, Gefühle der Sicher-         tika, von Tranquilizern (kurzzeitig) sowie von
               heit und eine bessere Stressbewältigung werden      hoch- und niedrigpotenten Neuroleptika ist
               angestrebt.                                         zudem stets unter Berücksichtigung der Wech-
                  In der klinischen Praxis ist es hilfreich, die   selwirkung mit anderen Medikamenten, dem
               Patienten vor der Herzoperation anzuleiten, die     Wirk- und Zielprofil sowie den Nebenwirkun-
               eigene Ängstlichkeit vor der OP anzunehmen          gen abzuwägen. Der Verlauf muss engmaschig
               – und nicht etwa schamhaft zu verdrängen. Es        psychiatrisch begleitet werden. Vorrangig sind
               tut den Patienten gut, wenn sie sich konkre-        die Behandlung der akut vitalen psychischen
               te und individuelle Ziele für die Zeit nach der     Störungen und der psychologische Zugang
               Operation ausmalen und Belohnungen für die          zum Patienten.
               überstandenen Herausforderungen überlegen.
               Hilfreich ist es für die Patienten auch, wenn sie   WAS HILFT’S?
               sich die soziale Unterstützung bewusst machen,
               die sie während der Krise Herzoperation erfah-      Die zusammenfassende Betrachtung der aktu-
               ren haben, wenn sie einen Ort der inneren Ruhe      ellen Studienlage zeigt, dass psychotherapeuti-
               und Gelassenheit imaginieren und sich die ei-       sche Interventionen Angst, Depression, psychi-
               gene emotionale Leichtigkeit und Entlastung         schen Stress, den Gebrauch von Schmerzmitteln
               nach der Operation vorzustellen.                    und die Zeit bis zur Extuba­tion (Entfernung des
                  Nach der Herzoperation ist es psychologisch      Beatmungsschlauches) von herzchirurgischen
               wichtig, die emotionale Bewältigung des ge-         Patienten wirksam reduzieren können. In einer
               samten Geschehens anzugehen: Eine mög­liche         Übersichtsarbeit konnte darüber hinaus gezeigt
                                                                                                                       Dr. Katharina
               psychische Anspannung darf die körperliche          werden, dass sich Depressionen und Ängste im        Tigges-Limmer ist
               Genesung nicht stören, sie soll im psychi-          Zusammenhang mit einer herzchirurgischen            Psychologin und
               schen System verbleiben und dort bewältigt          Operation besser abmildern lassen, wenn die         leitet die medi-
                                                                                                                       zinpsychologische
               werden. Emotionen brauchen Raum für ­einen          psychologischen Interventionen länger andau-
                                                                                                                      ­Abteilung der
               Ausdruck: Dies gelingt vor allem, indem man         ern und die Patienten nach der Operation von        Klinik für Thorax-
               über emotionale Erlebnisinhalte spricht. Da-        erfahrenen Psychologen betreut werden. Eine         und kardiovasku-
               rüber hinaus haben sich im klinischen Alltag        Reduktion der Depression zeigte sich besonders      läre Chirurgie im
               ressourcen- und zukunftsorientierte Verfah-         bei Bypasspatienten, eine Reduktion der Angst       HDZ NRW in Bad
                                                                                                                       Oeynhausen.
               ren bewährt, mit denen Genesungsziele in            eher bei Patienten mit Defibrillator.               Kontakt:
               Erinnerung gerufen und in gangbare Schritte            Eine Herzoperation zu bewältigen erfordert      ­KTigges-Limmer@
               umgesetzt werden können. Entspannungs­              vom Patienten große psychische Anpassungs-          hdz-nrw.de
               verfahren, etwa autogenes Training, Selbst-         leistungen. Es ist deshalb empfehlenswert, Psy-
               hypnose oder progressive Muskelrelaxation,          chologen in die herzchirurgischen Teams zu         Literatur:
               müssen jeweils an die körperliche Situation         integrieren. Wenn ein Patient bereits an einer
               angepasst werden. Nach der Implantation eines       psychischen Störung leidet oder wenn er eine       Tigges-Limmer K.
                                                                                                                      Sitzer M. Gummert
               Herz­unterstützungssystems findet eine Fokus-       außerordentlich große seelische Belastung im       J. (2021): Periope-
               sierung auf das veränderte Körperbild statt –       Zusammenhang mit seiner Herzoperation er-          rative Psychological
                                                                                                                      Interventions in
               nach der Herztransplantation liegt der Schwer-      lebt, sollte unbedingt eine psychotherapeu-        Heart Surgery. doi:
               punkt der psychologischen Behandlung auf der        tische Versorgung angeboten werden. Auch           10.3238/arztebl.
                                                                                                                      m2021.0116
               Organ­integration.                                  Angehörige mit hohem Stresserleben sollten
                  Psychoaktive Medikamente werden in der           psychologische Hilfe bekommen. Leider muss         Ziehm S. et al.
               Herzchirurgie nur in Ausnahmefällen und zeit-       abschließend festgehalten werden, dass sich        (2017): Psycho-
                                                                                                                      logical interven-
               lich begrenzt verabreicht. Sie sollten nur einge-   diese wichtige Mitversorgung der Patienten         tions for acute
               setzt werden, wenn der Patient beispielsweise       aktuell noch nicht im Vergütungssystem wider-      pain after open
Foto: privat

                                                                                                                      heart surgery. doi:
               nach der Operation rasch behandelt werden           spiegelt – hier braucht es dringend auch eine      10.1002/14651858.
               muss, um eine Eigengefährdung zu reduzie-           finanzielle Abbildung.                             CD009984.pub3

               H E R Z h e u t e 1 / 2 02 2                                                                                            39
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