SWR2 Lesenswert Magazin - SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE

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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE

SWR2 Lesenswert Magazin
Vom 31.03.2019 (17:05 – 18:00 Uhr)
Redaktion und Moderation: Alexander Wasner

Thomas Sautner: Großmutters Haus

Picus Verlag

ISBN: 978-3-7117-2076-4

252 Seiten

22 Euro

Rezension Claudia Fuchs
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Seit über zehn Jahren ist der ehemalige Journalist Thomas Sautner mit seinen Un-
terhaltungsromanen in Österreich erfolgreich. Sein Debütroman "Fuchserde" über
das fahrende Volk der Jenischen wurde zum Bestseller.

Der 49jährige Schriftsteller lebt auf einem Bauernhof im niederösterreichischen
Waldviertel und die meisten seiner Romane sind in seiner Heimat an der tschechi-
schen Grenze angesiedelt. In dieser Region, bevölkert von Einzelgängern und Ei-
genbrötlern, steht auch das geheimnisvolle Haus der unkonventionellen Großmutter,
die ihrer Enkelin in Sautners aktuellem Roman "Großmutters Haus" Lebenslektionen
erteilt. Oma Kristyna gleicht einer Figur aus einem Alt-68er Bilderbuch: Milde bekifft,
alterslos, souverän und unabhängig pflegt sie inmitten von Blumen- und Kräuter-
beeten ihre zahllosen Liebschaften und bläst aus dem Schaukelstuhl Rauchringe in
die Luft. Ihre Enkelin Malina, aus deren Perspektive die versponnene, handlungs-
arme Geschichte erzählt wird, scheint dagegen spießig, eng und verklemmt. Im idylli-
schen Natur-Paradies des abgelegenen Waldviertels will die Studentin in einer Be-
ziehungskrise bei der Großmutter zu sich selbst finden.
Zitat 1
Großmutter war an keine Äußerlichkeiten gebunden, in diesem Moment er-
kannte ich es. Sie war im Laufe ihres Lebens nicht attraktiv geblieben, sie war
es geworden. Tag für Tag eine neue Schönheit. Kristyna mochte Falten haben,
ihre Wangen mochten nicht mehr die Spannung der Jugend, ihre Muskeln nicht
mehr die Kraft früherer Tage besitzen, doch wie irrelevant. Sie war unbändiger
Sturm, wenn ihr nach Sturm war, und anderntags, ich sah sie an, war sie Leich-
tigkeit, gewebt aus feinem Tuch.

Man ahnt, was Thomas Sautner sagen will. Aber ist das die Sprache, in der eine
junge Frau von heute über ihre bewunderte, rätselhafte Großmutter spricht? Eine
Großmutter, leicht und "gewebt aus feinem Tuch", was soll man sich unter diesem
bemühten Bild vorstellen, das allenfalls den unbedingten Willen zu einer poetischen,
literarischen Sprache vermittelt? Dazwischen dann die Einschränkung "doch wie ir-
relevant", die eher einem Sachbuchtext entnommen sein könnte.

Sprachliche Unsicherheit und Ungenauigkeit lassen den Lesefluss immer wieder sto-
cken. Was hat "unbändiger Sturm" – wie auch immer er sich bei der vitalen Groß-
mutter äußern mag – mit "Leichtigkeit" zu tun? Worin besteht der hier behauptete
Gegensatz? Wann hüllt sich die stürmische Großmutter in feines Tuch? Als Leser
bekommt man keine Idee, was uns die Erzählerin über ihre wohl sehr wandelbare
Großmutter konkret mitteilen will. Man versteht allerdings, dass hier ein Journalist
vergeblich versucht, literarische Höhen zu erklimmen.

Thomas Sautner, der seit 2006 regelmäßig Romane veröffentlicht, schafft in seinem
aktuellen Buch Fantasie-Figuren, aber keine Personen. Dass die flippige Großmutter
ihr Geld mit illegalem Hanfanbau macht und ihre selbst produzierten Cannabis-Zigar-
ren an Stammkunden aus allen Schichten bis zu österreichischen Regierungsmitglie-
dern verkauft, ist eine witzige Idee des Schriftstellers. Nach längerem Nachdenken
hält man sie nicht mehr für unwahrscheinlich. Diesen hintergründigen Humor würde
man sich öfter wünschen. Stattdessen müssen wir mit der sinnsuchenden Enkelin
Malina hochphilosophische Probleme wälzen.

Zitat 2
Fragwürdig ist mir auch die Naturwissenschaft, obwohl sie heute eine uns dis-
ziplinierende Autorität genießt, wie einst seine Heiligkeit, der unfehlbare Papst.
Der Satz des Pythagoras etwa, die Erkenntnisse von Kopernikus und Galilei
oder Newtons Gravitationsgesetz. Ich bezweifle die Allgemeingültigkeit jener
und aller anderen wissenschaftlichen Beweise. ... Sie alle gehen ... von einer
unbewiesenen Prämisse aus: dass wir Menschen real sind. Sind wir es nicht,
befindet sich womöglich alles, was wir Materie, Raum und Zeit nennen, ... le-
diglich in unserem die Dinge träumenden Geist. Und die andere Wirklichkeit,
jene, die weit darüber hinaus besteht, ist uns gänzlich fremd.

Zum Mit- und Nachdenken laden diese in sperrige Partizipkonstruktionen verpackten
Ausführungen nicht ein. Eher schon nähren sie den Verdacht, dass der studierte
Historiker und Politikwissenschaftler Thomas Sautner hier seine Bildung demonstriert
oder selbst den Lebenssinn für sich ergründen will.

So mäandert der Roman zwischen existentiellen Grundsatzfragen und banalen All-
tagsschilderungen. Vierzehn Tage verbringt Malina im Haus der Großmutter, verliebt
sich in den stummen Jakob, der vieldeutige Zettelbotschaften mit ihr austauscht, ent-
liebt sich wieder und entziffert unter kundiger Anleitung der lebensweisen Großmutter
wegweisende Botschaften und Gedichte auf Steinblöcken im sogenannten Tal der
Dichter, mitten im Wald.

Zitat 3
Nichts bleibt Deshalb sieh Deshalb
Fühl Einmal noch

Ohne dich,
die du dies liest,
Wären diese Zeilen nicht.
Klanglos Musik, Bildnis finster.

Man ertappt sich bei der Frage, ob diese Zeilen vielleicht wirklich besser nicht wären.
Thomas Sautners romantisierender Roman über Großmutters Waldhaus, das "einer
einsamen Wolke am weiten Himmel" gleicht, kann man sicher auch als ernst ge-
meinten Anstoß zu einem glücklicheren Leben in der ursprünglichen Natur lesen.
Keiner der Protagonisten hängt hier wie ein Süchtiger am Smartphone, denn dieses
Gerät hat keinen Zutritt zu "Großmutters Haus". Überleben kann man offensichtlich
trotzdem, wie der Autor in einem Interview aus eigener Erfahrung bestätigt. Über sein
heimatliches Waldviertel hat Thomas Sautner schon mehrere Romane und eine Art
Reiseführer geschrieben, wobei das Sachbuch jedem Kitschverdacht entging. Leider
gilt dies nicht für diesen Roman, der stellenweise an eine Werbebroschüre für Ferien
auf dem Bauernhof erinnert. Allzu schablonenhaft und nah am Klischee treten hier
die verunsicherte Enkelin aus der Stadt, der stumme, aber gutwillige Außenseiter
Jakob und die am Rand der Legalität operierende Hippie-Oma auf. Sprachlich kann
Thomas Sautner am ehesten in den Naturschilderungen des verwunschenen Wald-
viertels überzeugen, aber das ist am Ende dann einfach zu wenig. Dass Malina
selbstbewusster und reifer Großmutters Haus verlässt, kann man als eine Art Happy
End lesen.
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