Wörterbuch der Soziologie

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Günter Endruweit, Gisela Trommsdorff, Nicole Burzan (Hg.)

          Wörterbuch
          der Soziologie
          3., völlig überarbeitete Auflage

          UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz
          mit UVK/Lucius · München

Endruweit/Trommsdorff/Burzan (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Dr. Günter Endruweit war Professor für Soziologie an der Universität des Saarlandes, der Technischen Uni­
        versität Berlin, der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Stuttgart und lehrte bis zu seiner Emeritierung
        an der Universität Kiel sowie als Gast an der Istanbul Üniversitesi und der Northwestern University in den
        USA. Er hatte zudem zahlreiche Ämter in der Selbstverwaltung in Bochum, Stuttgart (Dekan), Saarbrücken
        (Vizepräsident der Universität) und Kiel (Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät) inne.

        Gisela Trommsdorff ist Forschungsprofessorin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Sozio-
        oekonomisches Panel (SOEP), Berlin sowie Leiterin der Arbeitsgruppe für Entwicklungspsychologie und
        Kulturvergleich an der Universität Konstanz. Sie bekam 2008 das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienst­
        ordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen und ist Mitglied der Akademie Gemeinnütziger Wissen-
        schaften in Erfurt.

        Nicole Burzan ist Professorin für Soziologie an der Universität Dortmund. Sie wurde 2013 in den Vorstand der
        DGS (Deutsche Gesellschaft für Soziologie) gewählt und ist dort stellvertretende Vorsitzende und Schatzmeis-
        terin. 2003–2007 war sie Junior-Professorin für »Sozialstrukturanalyse und empirische Methoden« an der
        FernUniversität in Hagen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Soziale Ungleichheit, Inklusion, Zeitsoziologie,
        Methoden der Sozialforschung.

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        2. Auflage: © Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart 2002 (ISBN 3-8252-0172-5)

        © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
        Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
        Lektorat: Claudia Hangen, Hamburg
        Satz und Layout: Claudia Wild, Konstanz
        Druck: fgb · freiburger graphische betriebe, Freiburg

        UVK Verlagsgesellschaft mbH
        Schützenstr. 24 · D-78462 Konstanz
        Tel.: 07531-9053-0 · Fax 07531-9053-98
        www.uvk.de

        UTB-Band Nr. 8566
        ISBN 978-3-8252-8566-1

Endruweit/Trommsdorff/Burzan (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Inhaltsverzeichnis

          Vorwort                                   9   Elite                                             89
          Abhängigkeit                             11   Emanzipation                                      90
          Abhängigkeitstheorien                    11   Emergenz                                          91
          Aggregat, soziales                       12   Emotionen                                         92
          Aggression                               13   Empirie                                           92
          Aktionsforschung                         14   Entscheidung                                      94
          Akzeptanz und Sozialverträglichkeit      15   Entwicklung                                       95
          Alltagswissen                            15   Entwicklungssoziologie                            97
          Alterssoziologie                         16   Erbe-Umwelt-Theorie                              100
          Anomie                                   22   Erklärung                                        101
          Anspruchsniveau                          23   Ernährungssoziologie (Soziologie des Essens) 	   102
          Arbeiterbewegung                         23   Erwünschtheit, soziale                           103
          Arbeitsbeziehungen                       25   Ethnomethodologie                                104
          Arbeitssoziologie                        26   Ethnologie                                       107
          Arbeitsteilung                           30   Ethnozentrismus                                  108
          Arbeitswissenschaft                      32   Evaluation                                       109
          Architektursoziologie                    34   Evolutionstheorie                                111
          Aristokratie                             35   Experiment                                       114
          Armut und Reichtum                       37   Explorationsstudie                               118
          Ausbeutung                               40   Familiensoziologie                               120
          Auswahlverfahren                         41   Feldforschung                                    124
          Autorität                                43   Feldtheorie                                      126
          Bedürfnis                                45   Forschung                                        127
          Befragung                                45   Freizeit                                         128
          Beobachtung                              48   Fremdenfeindlichkeit                             129
          Berufssoziologie                         51   Führung                                          132
          Bevölkerungssoziologie und Demographie   56   Funktion                                         137
          Bewegung, soziale                        60   Gemeinschaft                                     140
          Beziehungen, soziale                     61   Generationen                                     141
          Bias                                     64   Gerechtigkeit                                    143
          Bildungssoziologie                       64   Geschichte der Soziologie                        144
          Biographieforschung                      68   Geschlechterforschung                            147
          Boykott                                  70   Gesellschaft                                     152
          Bürgertum                                70   Gewalt                                           154
          Bürokratie                               71   Gewohnheit                                       155
          Charisma                                 75   Globalisierung                                   156
          Clique                                   75   Grounded Theory                                  157
          Datenanalyse                             76   Gruppe                                           158
          Definition der Situation                 76   Gütekriterien                                    164
          Differenzierung                          77   Habitus                                          166
          Diskriminierung                          80   Handeln, soziales                                167
          Dunkelziffer                             81   Handlungstheorien                                168
          Ehe                                      83   Herrschaft                                       169
          Ehre                                     84   Hypothese                                        170
          Ehrenamt                                 85   Identität                                        172
          Eigentum                                 86   Ideologie                                        175
          Einstellung                              87   lmage                                            176
          Einzelfallstudie                         89   Indikator                                        176

Endruweit/Trommsdorff/Burzan (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
                                                                                             5
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Inhaltsverzeichnis

        Indikatoren, soziale                       177   Marginalität                                      280
        Individualisierung                         179   Markt                                             282
        Individualismus, methodologischer          181   Marktforschung                                    283
        Individuum                                 183   Masse                                             284
        Industriesoziologie                        184   Materialismus, dialektischer und historischer 	   285
        Inferenz, statistische                     189   Matriarchat                                       286
        Inhaltsanalyse                             192   Medizin- und Gesundheits­soziologie               287
        Initiation                                 198   Mensch-Tier-Sozialität                            293
        Inklusion/Exklusion                        198   Messung                                           294
        Innovation                                 199   Methoden, qualitative                             298
        Institution                                200   Methoden, quantitative                            302
        Integration                                201   Methodologie                                      305
        Intellektuelle/Intelligenz                 203   Migration                                         308
        Interdisziplinarität                       204   Milieu                                            310
        Interesse                                  205   Militärsoziologie                                 314
        Jugendsoziologie                           207   Minderheit                                        319
        Kapital                                    212   Mobilität                                         321
        Kapital, soziales                          213   Mode                                              325
        Kapitalismus                               214   Modernisierung                                    326
        Kaste                                      219   Musiksoziologie                                   330
        Katalysator, sozialer                      220   Nachahmung                                        334
        Kindheit                                   220   Nachbarschaft                                     335
        Klasse                                     222   Nationalcharakter                                 335
        Kodierung                                  226   Netzwerk                                          336
        Kohäsion                                   226   Norm und Sanktion                                 338
        Kollektiv                                  226   Operationalisierung                               343
        Kolonialismus                              228   Organisationssoziologie                           343
        Kommunikations- und Mediensoziologie       229   Organismustheorie                                 347
        Konflikttheorie                            236   Persönlichkeit(sentwicklung)                      349
        Konsens                                    240   Phänomenologie                                    352
        Konservativismus                           240   Politiksoziologie                                 356
        Konsistenz                                 241   Position                                          360
        Konstruktivismus                           241   Positivismus                                      361
        Konsumsoziologie                           242   Praxis                                            364
        Kontrolle, soziale                         245   Prestige                                          364
        Konvergenztheorie(n)/Konvergenztheorem(e) 	248   Pretest                                           366
        Körpersoziologie                           250   Probleme, soziale                                 366
        Korrelation                                251   Professionalisierung                              368
        Kultursoziologie                           252   Prognose                                          369
        Kunstsoziologie                            257   Proletariat                                       371
        Kybernetik                                 260   Prozess, sozialer                                 372
        Land- und Agrarsoziologie                  263   Qualifikation                                     373
        Längsschnittuntersuchung                   265   Rasse                                             374
        Lebenslaufforschung                        266   Rational Choice Theorie /
        Lebensstil                                 268     Theorie der rationalen Wahl                     374
        Leistungsgesellschaft                      269   Rationalisierung                                  379
        Lernen                                     271   Rationalismus, Kritischer                         384
        Liberalismus                               272   Rationalität                                      389
        Literatursoziologie                        273   Raum, sozialer                                    390
        Macht                                      278   Raumforschung und Raumplanung                     394
        Makro- und Mikrosoziologie                 279   Rechtssoziologie                                  396

Endruweit/Trommsdorff/Burzan
       6                     (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Inhaltsverzeichnis

          Reduktionismus                               400   Symbol                                           524
          Regressionsanalyse                           401   Symbolischer Interaktionismus                    525
          Reiz                                         403   Systemtheorie                                    528
          Religionssoziologie                          403   Tabellenanalyse                                  535
          Revolution                                   408   Tabu                                             537
          Risiko                                       409   Tausch                                           537
          Ritual                                       410   Taylorismus                                      539
          Rolle                                        411   Techniksoziologie                                539
          Rückkopplung                                 415   Thanatosoziologie                                543
          Schicht, soziale                             417   Theorie                                          545
          Segregation                                  420   Theorie des Handelns                             546
          Sekundäranalyse                              422   Theorie des kommunikativen Handelns              551
          Sexualität                                   422   Theorie, kritische                               557
          Sippe                                        425   Theorie, strukturell-funktionale                 561
          Skalierung                                   425   Tradition                                        566
          Sozialarbeit                                 427   Umweltsoziologie                                 567
          Sozialdarwinismus                            429   Ungleichheit, soziale                            571
          Sozialethik                                  430   Utopie                                           573
          Sozialgeographie                             433   Verband                                          575
          Sozialgeschichte                             439   Verfahren, multivariate                          576
          Sozialisation                                444   Verfahren, nichtreaktive                         579
          Sozialkunde                                  451   Vergleich, interkultureller, intersozietärer     580
          Sozialökologie                               454   Vergleich, sozialer                              583
          Sozialpädagogik                              457   Verhalten, abweichendes                          585
          Sozialphilosophie                            463   Verhalten, konformes                             590
          Sozialpolitik                                467   Verhalten, prosoziales                           591
          Sozialpsychologie                            471   Verhaltensmuster                                 592
          Sozialstruktur                               475   Verhaltenstheorie                                595
          Sozialwissenschaften                         480   Verstädterung                                    599
          Soziologie                                   482   Vorurteile                                       600
          Soziologie, Allgemeine und Spezielle         487   Wahrnehmung, soziale                             602
          Soziologie, marxistische                     488   Wahrscheinlichkeit                               602
          Soziologie, mathematische                    491   Wandel, sozialer                                 603
          Soziologie, strukturell-individualistische   493   Werbung                                          607
          Soziologie, verstehende                      494   Wert/Wertewandel                                 610
          Soziologie, visuelle                         496   Wertfreiheit/Werturteilsproblem                  616
          Soziometrie                                  496   Wirtschaftssoziologie                            618
          Soziotechnik                                 497   Wissenschaft                                     623
          Sportsoziologie                              498   Wissenschaftssoziologie                          624
          Sprachsoziologie                             503   Wissenschaftstheorie                             627
          Stadtsoziologie/Gemeindesoziologie           507   Wissenssoziologie                                632
          Stand                                        511   Zeit                                             638
          Ständegesellschaft                           513   Zensus                                           639
          Statistik                                    514   Zivilgesellschaft                                641
          Status                                       517   Zivilisation                                     642
          Struktur                                     518   Zukunftsforschung                                644
          Strukturalismus                              519
          Studie, komparative                          520   Register                                         647
          Subjekt, soziales                            521   Autorenverzeichnis                               659
          Subkultur                                    522
          Sukzession                                   523

Endruweit/Trommsdorff/Burzan (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
                                                                                             7
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Sozialgeographie

             ethischen Legitimation. Es geht um unternehme-           113–164. – Heimach-Steins, Marianne (Hg.), 2004: Christli-
             rische Strategien, aber auch um Institutionen wie        che Sozialethik. Ein Lehrbuch, 2 Bde., Regensburg. –
             Familie oder Bildung, sofern sie formal organi-          Hengsbach, Friedhelm, 2001: Die andern im Blick. Christli-
                                                                      che Gesellschaftsethik in den Zeiten der Globalisierung,
             siert, rechtlich strukturiert und in Form von be-
                                                                      Darmstadt. – Herms, Eilert, 1991: Gesellschaft gestalten.
             stimmten Verhaltenserwartungen fixiert und so-
                                                                      Beiträge zur evangelischen Sozialethik, Tübingen. – Korff,
             fern sie als je abgrenzbare soziale Einheit (als         Wilhelm, 1993: Institutionstheorie: Die sittliche Struktur
             Betrieb, Schule, Familie) identifizierbar sind.          gesellschaftlicher Lebensform; in: Hertz, Anselm et al.
          3. Die Ebene sozialer Systeme umgreift noch ein-            (Hg.): Handbuch der christlichen Ethik, Bd. 1, Freiburg. –
             mal die Zuweisungsebenen von Person und Insti-           Ders., 1998: Art. Sozialethik; in: Lexikon der Bioethik. Bd. 3,
             tution. Gemeint sind die ausdifferenzierten Teil-        Gütersloh. – Nell-Breuning, Oswald von, 1990: Den Kapita-
             systeme der Gesellschaft wie Recht, Wirtschaft,          lismus umbiegen. Schriften zu Kirche, Wirtschaft und Ge-
             Politik, Wissenschaft, Medien. Sie heben sich von        sellschaft. Ein Lesebuch (hg. von Hengsbach, Friedhelm),
             den Institutionen oder Organisationen dadurch            Düsseldorf. – Nida-Rümelin, Julian (Hg.), 2005: Ange-
                                                                      wandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische
             ab, dass sie nunmehr eine bestimmte Sachlogik
                                                                      Fundierung. Ein Handbuch. 2 akt. Aufl., Stuttgart. – Rawls,
             voneinander unterscheidet. Ethisch greifbar wer-
                                                                      John, 1975: Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a. M. –
             den sie in den Rahmenordnungen. Wie steuert              Suchanek, Andreas, 2001: Ökonomische Ethik, Tübingen. –
             die Abgrenzung von Sachbereichen – Wirtschaft            Vogt, Markus, 2009: Prinzip Nachhaltigkeit. Ein Entwurf
             ist nicht Wissenschaft, Wissenschaft ist nicht Po-       aus theologisch-ethischer Perspektive, München. – Wil-
             litik –, wie prägen die Wirtschafts- oder Sozial-        helms, Günter, 2010: Christliche Sozialethik, Paderborn.
             ordnung unser Verhalten? Wann sind bestehende
             Ordnungen als gerecht zu qualifizieren? Diese                                                       Günter Wilhelms
             Ebene ist am abstraktesten und hat sich am wei-
             testen von der individuellen Ebene entfernt –
             und spiegelt sich doch im individuellen Verhalten        Sozialgeographie
             dann, wenn der Einzelne eine bestimmte Rolle zu
             übernehmen hat oder ökonomisch sachgerecht               Sozialgeographie (engl. social geography) ist ein
             handeln will.                                            spezifischer Arbeitsbereich der Humangeographie
          4. Seit den 1970er Jahren ist schließlich die Umwelt        (Geographie des Menschen), die sich im Gegensatz
             als eigener Gegenstandsbereich konstitutiver Be-         zur naturwissenschaftlich ausgerichteten Physischen
             standteil der sozialethischen Reflexion. Dass Sozi-      Geographie als Sozial- und Wirtschaftswissenschaft
             ales, Ökonomisches und Ökologisches untrenn-             versteht. Die Positionierung der Sozialgeographie in
             bar miteinander verknüpft sind, dass die Zeit,           der Systematik des Gesamtfaches wird unterschied-
             d. h. die künftigen Generationen und ihre Le-            lich bewertet. Für manche Autoren stellt die Sozi-
             bensgrundlagen, unverzichtbarer Bestandteil ethi-        algeographie eine von mehreren Teildisziplinen der
             schen Reflektierens sein soll, diese Einsichten sind     Humangeographie dar; überwiegend wird seit
             dem Bewusstsein der ökologischen Krise erwach-           H. Bobek (1948) jedoch die Auffassung vertreten,
             sen, folgen aber auch aus dem Wissen um die              dass die Sozialgeographie eine ausdrückliche Sonder-
             Komplexität und Krisenhaftigkeit moderner Ge-            stellung einnimmt und als verbindende Klammer für
             sellschaft insgesamt (vgl. Vogt).                        die anderen Teildisziplinen der Humangeographie
                                                                      anzusehen ist. Manche Autoren sind sogar der Mei-
          Auf allen diesen Normierungsebenen sucht die Sozi-          nung, dass Sozialgeographie als Synonym für den Ge-
          alethik nach Möglichkeiten, dass der Mensch »wie-           samtbereich der Humangeographie zu verstehen sei.
          der weniger Objekt und mehr Subjekt« (Nell-Breu-               Wie die meisten Humanwissenschaften weist
          ning, 352) sein kann.                                       auch die Sozialgeographie seit einiger Zeit eine aus-
                                                                      geprägt multiparadigmatische Struktur auf. Es exis-
                                                                      tiert also kein einheitliches und für das gesamte Fach
          Literatur                                                   verbindliches Lehrgebäude oder Theoriesystem. Un-
          Hausmanninger, Thomas, 2004: Problemgeschichte philo-       ter dem Label »Sozialgeographie« werden vielmehr
          sophischer Ethik; in: Heimbach-Steins, Marianne (Hg.):      mehrere unterschiedliche und weitgehend inkompa-
          Christliche Sozialethik. Ein Lehrbuch, Bd. 1, Regensburg,   tible Konzeptionen der Disziplin vertreten, die je-

Endruweit/Trommsdorff/Burzan (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
                                                                                            433
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Sozialgeographie

        weils auf der Grundlage konkurrierender Theorien       Sozialbrache oder Aufforstung), mit deren Hilfe sol-
        und erkenntnistheoretischer Positionen operieren.      che Prozesse – gleichsam im Sinne eines »Spurenle-
        Gemeinsam ist ihnen jedoch ein spezifisches Er-        sens« – erfasst werden können. Auf der Grundlage
        kenntnisobjekt, das sich abstrakt mit zwei Grundfra-   der Arbeiten Bobeks und Hartkes entwickelte sich
        gen umschreiben lässt (vgl. B. Werlen 2008, 11):       die Wien-Münchener Schule der Sozialgeographie,
        Wie sehen die räumlichen Strukturen und Konstitu-      deren Ausrichtung im ersten deutschsprachigen
        tionsbedingungen der Gesellschaft aus, und welche      Lehrbuch (J. Maier et al. 1977) zusammenfassend
        Auswirkungen haben gesellschaftliche Prozesse und      dargestellt ist. Als Schlüsselkonzept dieser Entwick-
        Phänomene auf die Räumlichkeit der Welt?               lungslinie des Faches wurden in Anlehnung an Bo-
                                                               beks »Funktionskreise menschlicher Daseinsäuße-
                                                               rungen« die »Grunddaseinsfunktionen« Wohnen,
        Die Begründung der Sozialgeographie durch
                                                               Arbeiten, Sich-Versorgen, Sich-Bilden, Sich-Erho-
        Hans Bobek und die Wien-Münchener-Schule
                                                               len, Verkehrsteilnahme und in Gemeinschaft Leben
        Der Begriff »Sozialgeographie« wird seit langer Zeit   eingesetzt. Es wurde postuliert, dass diese Funktio-
        verwendet. Es gab in der Vergangenheit auch eine       nen das »anthropogene Kräftefeld« bilden und die
        ganze Reihe von Autoren, die Überlegungen zum          Grundlagen für die räumliche Lebensentfaltung des
        Verhältnis von Gesellschaft und Raum anstellten und    Menschen darstellen. Weil diese Daseinsfunktionen
        die damit als Vorläufer der Sozialgeographie gelten    spezifische Raumansprüche sowie »verortete« Ein-
        können. Mit dem Anspruch, die Sozialgeographie         richtungen besitzen, deren räumlich differenziertes
        als eigenständige Teildisziplin der Geographie zu      Muster die Sozialgeographie erfassen und erklären
        etablieren, ist jedoch erstmals der Wiener Geograph    müsse, sei die Kulturlandschaft ein »komplexes
        Hans Bobek in einem Vortrag am Bonner Geogra-          Gefügebild räumlicher Strukturmuster der … Da-
        phentag 1947 aufgetreten (publiziert 1948). Er ging    seinsfunktionen der Gesellschaft eines Gebietes«
        davon aus, dass gesellschaftliche Phänomene bislang    (J. Maier et al. 1977, 18). Wegen der ausdrücklichen
        in der Geographie weitgehend ignoriert worden          Bindung an das klassische Landschaftskonzept, an
        seien und dass es keine Auseinandersetzung mit der     landschaftlich »sichtbare« Indikatoren und die Fo-
        Nachbardisziplin Soziologie gebe. Seine Begrün-        kussierung auf Reste agrargesellschaftlicher Struktu-
        dung einer Sozialgeographie erfolgte über die da-      ren war eine Erfassung der raumstrukturellen Gege-
        mals das Gesamtfach dominierende Grundkonzep-          benheiten aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen
        tion der Landschaftskunde und deren funktionale        im Rahmen dieser Entwicklungslinie nicht mög-
        Perspektive. Diese postuliert, dass bestimmte mate-    lich. Da die klassische Sozialgeographie der Wien-
        rielle Strukturen, wie Siedlungen oder Verkehrsein-    Münchener-Schule auch keine Anschlussfähigkeit
        richtungen, spezifische Aufgaben oder Funktionen       an die benachbarten Sozialwissenschaften entwi-
        für menschliche Bedürfnisse und daraus resultie-       ckeln konnte, erscheinen ihre Ansätze und Konzepte
        rende Nutzungen erfüllen. Bobeks zentrales Axiom       aus heutiger Sicht weitgehend obsolet.
        für die Begründung der Sozialgeographie lautete:
        Jede Funktion bedarf eines Trägers. Bobek schreibt
                                                               Die makroanalytische Sozialraumanalyse
        diese Funktionsausübung nun nicht dem Einzel-
        menschen, sondern sozialen Gruppen zu. Unter           Die Sozialraumanalyse ist der älteste Ansatz der
        »Gruppen« versteht Bobek dabei Aggregate gleichar-     raumbezogenen Sozialforschung. Sie geht auf die So-
        tig handelnder Menschen. Die Auffassung Bobeks,        zialökologie der Chicagoer Schule der Soziologie und
        nur Gesellschaften und Gruppen seien sozialgeogra-     die Social Area Analysis zurück. In der Geographie
        phisch relevant, nicht aber menschliche Individuen,    wurden derartige Ansätze frühzeitig aufgegriffen
        wurde von den Fachvertretern seiner Zeit uneinge-      und – nicht zuletzt wegen der engen Bindung des
        schränkt akzeptiert und hielt sich mehrere Jahr-       Faches an die Kartographie und neuere Entwicklun-
        zehnte als unwidersprochenes Dogma. Als zweiter        gen der Geodatenverarbeitung (vor allem im Bereich
        »Gründervater« der klassischen deutschsprachigen       der Geographischen Informationssysteme) – auch
        Sozialgeographie gilt Wolfgang Hartke. Er sah die      erheblich weiterentwickelt. Die Sozialraumanalyse
        Landschaft als »Registrierplatte« sozialer Prozesse    geht davon aus, dass viele soziale Phänomene veror-
        und suchte nach »Indices« bzw. »Indikatoren« (z. B.    tet sind und eine räumliche Position besitzen. Damit

Endruweit/Trommsdorff/Burzan
       434                   (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Sozialgeographie

          weisen sie räumlich definierbare Erscheinungsmuster        werden auch Hypothesen über subjektive Hand-
          (wie Dispersion oder Clusterung) und Relationen zu         lungsmotive, Einstellungen, Präferenzen oder Geis-
          anderen sozialen (oder nichtsozialen) Phänomenen           teshaltungen geäußert, die auf der Grundlage statis-
          auf (Nähe, Ferne, Konnektivität). Allerdings lassen        tisch fassbarer Trends (z. B. Wanderungsströme)
          sich damit nur solche sozialen Phänomene fassen, die       indirekt erschlossen werden (»revealed space prefe-
          in irgendeiner Form an physisch-materielle Dinge           rences«). Die Ergebnisse der Raumstrukturforschung
          oder Körper gebunden sind. Der generelle Algorith-         sind von der Datenverfügbarkeit, dem Auflösungsni-
          mus der Erkenntnisgewinnung ist bei derartigen An-         veau und der räumlichen Form der verwendeten
          sätzen sehr einfach. Empirische Beobachtungen oder         Zähleinheiten (Zählraster, Baublöcke, statistische
          Daten über soziale Phänomene werden in räumlich            Zählsprengel, Zählbezirke, Gemeinden, Bezirke etc.)
          differenzierter Form aufbereitet und in Karten (oder       abhängig und müssen als methodische Artefakte an-
          Tabellen mit räumlich definierten Zähleinheiten)           gesehen werden. Zahlreiche sozialwissenschaftlich
          dargestellt, wodurch die räumliche Variation des Da-       relevante Problemstellungen können im Rahmen
          tenmaterials zum Ausdruck kommt und nach räum-             dieses Ansatzes gar nicht behandelt werden, weil dazu
          lichen Bezugseinheiten dargestellt oder visualisiert       keine ausreichenden Datengrundlagen zur Verfü-
          werden kann. Dabei können räumliche Verteilungs-           gung stehen. Viele bedeutsame Parameter gesell-
          muster von Einzelphänomenen, Verhältniszahlen,             schaftlicher Systeme wie Werte, Sinn, Bedeutung,
          aber auch komplexe soziale Indikatoren verwendet           Intention oder Normen lassen sich im Rahmen dieser
          werden. Es kommen oft auch aufwändige Verfahren            Perspektive nicht oder nur indirekt darstellen. Den-
          der analytischen Statistik zum Einsatz. Aus der räum-      noch kann die makroanalytische Sozialraumanalyse
          lichen Variation der in den Daten repräsentierten          wichtige Einblicke in die räumliche Struktur sozialer
          sozialen Phänomene werden dann Aussagen über die           Phänomene und Prozesse vermitteln und stellt ein
          Struktur, Funktionsweise oder Entwicklung der be-          wichtiges Instrument der Hypothesenfindung dar.
          treffenden sozialen Gegebenheiten abgeleitet. Dabei
          sind zwei Haupttypen von Aussagen möglich. Beim
                                                                     Mikroanalytische Ansätze
          ersten Typus können soziale Gegebenheiten durch
          räumliche Attribute charakterisiert werden: »Das so-       Eine ganz andere Zugangsweise zur sozialen Welt
          ziale Phänomen x besitzt die Eigenschaft, in räumli-       und ihrer Räumlichkeit haben die mikroanalyti-
          cher Nachbarschaft des sozialen oder nichtsozialen         schen Ansätze der Sozialgeographie. Ausgangspunkt
          Phänomens y mit höherer Wahrscheinlich aufzutre-           ist hier die Annahme, dass die mentalen Prozesse der
          ten als anderswo.« »Gastarbeiter haben ihren Wohn-         Umweltwahrnehmung und der Umweltbewertung
          sitz überproportional häufig in statistischen Zählbe-      menschlicher Individuen sowie deren Intentionalität
          zirken, die gleichzeitig einen hohen Besatz an             für die Erfassung sozialgeographischer Erscheinun-
          Substandardwohnungen aufweisen.« Beim zweiten              gen im Vordergrund stehen müssten. Die Räumlich-
          Typus von Aussagen werden Raumeinheiten (Zähl-             keit sozialer Systeme soll in diesen Arbeitsrichtun-
          sprengel, Gemeinden, Bezirke, Regionen …) durch            gen also auf dem Weg über die Analyse der mentalen
          soziale Attribute charakterisiert: »X ist eine Arbeiter-   Repräsentation sozialer Existenz inhaltlich erfasst
          siedlung«, »Der Stadtteil Y ist ein Oberschicht-           werden. Damit wenden sich die mikroanalytischen
          Wohnquartier«.                                             Ansätze direkt jenen Werthaltungen, Bedeutungsin-
              Mit der neopositivistischen Wende, für die in der      halten, kognitiven und intentionalen Strukturen zu,
          deutschsprachigen Geographie der deutsche Geogra-          die in der Raumstrukturforschung nur indirekt er-
          phentag in Kiel (1969) als Symbol angesehen werden         schlossen werden können. Die unterschiedlichen
          kann, wurde diese Entwicklungslinie der Sozialgeo-         Ansätze der Mikroanalyse unterscheiden sich vor al-
          graphie zu einem Mainstream des Faches. Man be-            lem darin, welche Rolle dem menschlichen Subjekt
          fasste sich mit choristischen und chorologischen           zugebilligt wird und welche Aspekte seiner kogniti-
          Analysen und stützte sich auf die Interpretation der       ven Operationen und Bewusstseinszustände thema-
          räumlichen Kovariation von sozialen Phänomenen             tisiert werden.
          (vgl. Bartels 1970). Aus der räumlichen Koinzidenz             Bereits Mitte der 1940er-Jahre begann sich im
          sozialer Phänomene werden Vermutungen über kau-            englischen Sprachraum der Behavioral Approach
          sale Verursachungszusammenhänge abgeleitet. Dabei          (»Wahrnehmungsgeographie«) zu entwickeln. Die-

Endruweit/Trommsdorff/Burzan (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
                                                                                            435
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Sozialgeographie

        ser Ansatz der Sozialgeographie geht davon aus, dass    det sich sehr wesentlich von den anderen Ansätzen
        menschliches Tun durch Stimuli der Außenwelt            dieser Gruppe. Ihre Besonderheit besteht darin, dass
        angestoßen wird. Das (räumliche) Verhalten des          menschliches Tun ausdrücklich als Handeln, das
        Menschen hängt dabei nicht von »objektiven« Gege-       heißt, als bewusstes, vom Subjekt autonom getrage-
        benheiten der Außenwelt, sondern von subjektiv          nes Agieren, als zielgerichtete, intentional begründete
        wahrgenommenen Strukturen der Realität ab. Um           und sinnbezogene Tätigkeit dargestellt wird. Die
        das »räumliche« Verhalten von Menschen verstehen        handlungszentrierte Sozialgeographie greift das auch
        und erklären zu können, sei es daher erforderlich,      in anderen Sozialwissenschaften sehr prominente
        die Wahrnehmungen und Vorstellungen über räum-          handlungstheoretische Paradigma auf und kritisiert
        liche Gegebenheiten zu untersuchen. Erst vor die-       ausdrücklich sowohl die Wahrnehmungsgeographie
        sem Hintergrund der Wahrnehmungs- und Bewer-            als auch die Raumstrukturforschung. Die Entwick-
        tungsprozesse könne das beobachtbare »overte«           lungslinie der handlungszentrierten Sozialgeogra-
        Verhalten erklärt werden (R. M. Downs 1970). We-        phie wurde von B. Werlen begründet, der unter
        gen der starken Wirksamkeit des Bobek’schen Dog-        Rückgriff auf verschiedene Handlungstheorien sowie
        mas von der Bedeutungslosigkeit des Individuums         auf andere Sozialtheorien (vor allem A. Giddens’
        wurde die Wahrnehmungsgeographie im deutschen           Strukturationstheorie) in zahlreichen Veröffentli-
        Sprachraum sehr spät rezipiert und nur von wenigen      chungen seit Mitte der 1980er-Jahre sein Konzept
        Fachvertretern in empirischen Studien umgesetzt.        der »alltäglichen Regionalisierungen« entwickelte
        Die Bezeichnung »Behavioral Approach« trägt diese       (vgl. z. B. 20072). Er unterscheidet produktiv-kon-
        Entwicklungslinie der Sozialgeographie eigentlich       sumtive, politisch-normative und informativ-signifi-
        zu Unrecht, weil die grundlegenden Konzepte (vor        kative Bereiche alltagsweltlicher Regionalisierungen.
        allem bei den sogenannten »organismischen Kogni-        Nach Auffassung der handlungszentrierten Sozial-
        tionsmodellen«) auf kognitive Prozesse und ver-         geographie sind die räumlichen Konfigurationen von
        schiedene intervenierende Variablen (wie soziokul-      Artefakten auf der Erdoberfläche, die kultur-, wirt-
        turelle Faktoren) Bezug nehmen, was nach den            schafts- und sozialräumlichen Gegebenheiten, also all
        strikten Stimulus-Response-Konzepten des Behavio-       das, was in der klassischen Geographie mit dem Be-
        rismus nicht zulässig ist. Vielmehr ist eine Nähe zu    griff »Kulturlandschaft« umschrieben wurde, als Er-
        den Vorstellungen der Gestaltpsychologie zu erken-      gebnis menschlichen Handelns anzusehen. Sie sind
        nen. Während Fragen der raumbezogener Kognition         somit als intendierte und nicht intendierte Folgen
        und die Rekonstruktion von Mental Maps auch aus         vergangener und gegenwärtiger Handlungen zu er-
        heutiger Sicht als bedeutsame Problemstellungen         klären. Ein wichtiger Vorzug der handlungszentrier-
        angesehen werden, wird die Erklärungskraft der          ten Sozialgeographie besteht darin, dass im Rahmen
        wahrnehmungsgeographischen Ansätze für das              dieser Entwicklungslinie dezidiert auch der soziale
        overte Verhalten mit guten Gründen bezweifelt.          Kontext der alltäglichen Regionalisierungen sowie
            Eine im deutschen Sprachraum wenig beachtete        die Rückwirkungen der so produzierten Räumlich-
        Variante der mikroanalytischen Sozialgeographie ist     keit auf soziale Systeme berücksichtigt werden.
        die Humanistic Geography (vgl. z. B. A. Buttimer
        1976). Die Vertreter dieses Ansatzes führten den Be-
                                                                Emanzipatorische Entwicklungslinien
        griff »place« in die Fachdiskussion ein und betonen
        die subjektive oder gruppenspezifische emotionale       Als ausdrückliche Gegenposition zum Spatial
        Bedeutung spezifischer existenziell wirksamer           Approach der Raumstrukturforschung sowie zur
                                                                ­
        »Raumeinheiten«, deren Sinn- und Bedeutungsdi-          Wahrnehmungsgeographie entwickelte sich seit den
        mensionen im Forschungsprozess rekonstruiert wer-       1970er-Jahren eine marxistische Variante der Sozial-
        den sollen. Als erkenntnistheoretische Hintergrund-     geographie, die sich als Radical Geography, Welfare
        positionen werden hier vor allem Phänomenologie,        Geography oder Critical Geography versteht und
        Existenzialismus und Hermeneutik wirksam.               neben der Verfolgung spezifischer Fragestellungen
            Die wohl bedeutsamste Entwicklungslinie der mi-     auch ausdrücklich gesellschaftsverändernde Ambiti-
        kroanalytischen Ansätze stellt die handlungstheoreti-   onen vertritt. Hier wird – ausgehend von den Arbei-
        sche Sozialgeographie dar. Sie war eine Innovation      ten Henri Lefebvres und David Harveys (z. B.
        der deutschsprachigen Geographie und unterschei-        1973) – die gesellschaftliche Produktion des Raumes

Endruweit/Trommsdorff/Burzan
       436                   (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Sozialgeographie

          thematisiert und dessen Bedeutung für Kapitalakku-         drücklich kritische Attitüde gekennzeichnet. Die
          mulation, Ausgrenzung, Zugangsbeschränkungen,              Kritik bezieht sich hier aber mehr auf die erkennt-
          Ausbeutung und die Produktion sozialräumlicher             nistheoretischen Zugangsweisen des Faches. Ge-
          Disparitäten analysiert. Im Vordergrund stehen ka-         sucht wird eine »andere Geographie«, die nur durch
          pitalismuskritische Analysen der Raumproduktion            eine »Veränderung des Blicks« (J. Lossau 2003) ge-
          und der ökonomischen Instrumentalisierung raum-            funden werden könne. Diese beiden Entwicklungs-
          struktureller Gegebenheiten. Die gesellschaftspoliti-      stränge der Sozialgeographie sind sehr stark aufein-
          sche Abstinenz des Mainstreams der Sozialgeogra-           ander bezogen und weisen trotz einiger Differenzen
          phie wird kritisiert, und es treten Analysekategorien      große Ähnlichkeiten auf. Sie können am ehesten
          wie Klassen, Macht, Herrschaft, Konflikt, Gewinn           durch den Grad der Radikalität unterschieden wer-
          und Profit, »accumulation by dispossesion« oder so-        den, nach dem sie ihre zentralen Thesen auf sich
          ziale Kosten in den Vordergrund. Zeitschriften wie         selbst anwenden. Als übergreifende Metapher lässt
          Antipode oder ACME: An International E-Journal             sich für beide Entwicklungslinien jene der »Verunsi-
          for Critical Geographies verstehen sich als Sprach-        cherung« erkennen. Die Arbeiten, die im Rahmen
          rohr dieser Entwicklungslinie der Sozialgeographie.        dieser beiden Entwicklungslinien vorgelegt wurden,
              Eine dezidiert emanzipatorische Grundhaltung ist       wollen irritieren, die Leser auf unreflektiert als
          auch für die feministische Sozialgeographie charakte-      selbstverständlich angesehene Voraussetzungen von
          ristisch. Im Rahmen dieser Entwicklungslinie geht          Wissenschaft aufmerksam machen und Grundstruk-
          man davon aus, dass »Geschlecht« eine soziale Katego-      turen des abendländischen Denkens in Frage stellen.
          rie darstellt, deren normative Kraft sehr hoch ist (vgl.   Sie wollen Verwerfungen gängiger geographischer
          D. Wastl-Walter 2010, 9). Dabei werden unter-              Weltdeutungen erkennbar machen und setzen dazu
          schiedliche Konzepte von Geschlecht und Sexualität         oft auch einen ästhetisierenden und ausdrücklich
          in Hinblick auf wirksame Raumbezüge und deren              antirationalistischen und antiszientistischen Stil ein.
          Konsequenzen analysiert, wobei vor allem das sozial,          Die Rezeption der Neuen Kulturgeographie
          praktisch und diskursiv hergestellte Geschlecht            setzte im deutschen Sprachraum mit deutlicher Ver-
          (Gender) als Analysekategorie für sozialräumliche          spätung ein. Als wichtiger Denkanstoß kann das
          Differenzierungen im Vordergrund steht. Man kann           2003 erschienene Sammelwerk »Kulturgeographie«
          zwischen einer ausdrücklich politisch-emanzipato-          gelten (H. Gebhardt et al.). 2004 wurde in Leipzig
          risch engagierten Feministischen Geographie im en-         eine Tagungsreihe zum Thema »Neue Kulturgeogra-
          geren Sinne und den stärker theoretisch und plu-           phie« begründet, die jährlich an wechselnden Orten
          ralistisch orientierten Gender Geographien mit             weitergeführt wird (vgl. http://kulturgeographie.
          ebenfalls emanzipatorischen Attitüden unterschei-          org/) und sich in der Zwischenzeit zu einer festen
          den. Geschlecht und Raum werden als einander be-           Institution des Faches entwickelt hat. Die Neue Kul-
          dingende Kategorien angesehen. Zentrale Themen             turgeographie kann als Aufgreifen der verschiedenen
          sind geschlechtsspezifische und räumliche Ein- und         Varianten des »Cultural Turns« durch die Sozialgeo-
          Ausschlussprozesse in verschiedenen Bereichen des          graphie interpretiert werden. Kultur wird dabei als
          alltäglichen Lebens vor dem Hintergrund hierarchi-         »Textur des Sozialen« gesehen, als Prozess, durch den
          sierender Ungleichheit zwischen den Geschlechtern          die soziale Welt in ihrer Räumlichkeit konstruiert
          in unterschiedlichen räumlichen Kontexten. Wegen           und konstituiert wird. Kultur wird als grundlegende
          der ausdrücklichen Bezugnahme auf poststruktura-           Funktionskategorie und adäquater Beschreibungs-
          listische und postkoloniale Konzepte und Theorien          modus des Sozialen verstanden. Durch den Einsatz
          können die verschiedenen Varianten der Gender-             eines derart übergreifend konzipierten und ganz-
          Geographien auch der folgenden Gruppe von Ent-             heitlichen Kulturverständnisses kam es zu einer aus-
          wicklungslinien zugeordnet werden.                         geprägten Vernetzung und Verknüpfung zwischen
                                                                     den verschiedenen Teildisziplinen der Humangeo-
                                                                     graphie, die – ganz im Sinne der Visionen von Hans
          Poststrukturalismus und Neue Kulturgeographie
                                                                     Bobek – nun unter dem Dach einer Sozialgeogra-
          Auch die vom Poststrukturalismus inspirierte Sozial-       phie qua Neue Kulturgeographie zusammengebun-
          geographie und jene Variante, die sich als »Neue           den werden. Diese Entwicklungslinie der Sozialgeo-
          Kulturgeographie« versteht, sind durch eine aus-           graphie ist ausdrücklich konstruktivistisch orientiert,

Endruweit/Trommsdorff/Burzan (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
                                                                                            437
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
Sozialgeographie

                                                                                                              Poststruktura-
                                                                                                              lismus, Neue
                                                                                                              Kulturgeographie
           THEORETISCHE

                                                                                                Systemtheorie
             SCHAFTS-
              GESELL-

                                                            Feministische Geographie

                                                   Radical Geography, Welfare Geography
                                 PERSPEKTIVE

                                                                                       Handlungstheoretische Sozial-
                                                                                       geographie
                                               Behavioral
        MIKRO-

                                               Approach
                                                                 Kognitionsmodelle
                 ANALYTISCHE

                                                 Stimulus-Wahrnehmungs-
                                                 Reaktions-Modelle

                                »Raumstrukturforschung«
        MAKRO-

                                Wien-Münchener Schule

                               1950                                             1980                                     2000

        zielt darauf ab, die in raumbezogenen Diskursen                    Literatur
        vorgenommenen Weltdeutungen zu dekonstruieren
                                                                           Bartels, Dietrich (Hg.), 1970: Wirtschafts- und Sozialgeo-
        und als hegemoniale Sprachspiele um Raum und                       graphie, Köln/Berlin. – Bobek, Hans, 1948: Stellung und
        Macht zu entlarven.                                                Bedeutung der Sozialgeographie; in: Erdkunde 2, 118–
           Als eigenständige Entwicklungslinie hat sich auch               125. – Buttimer, Anne, 1976: Grasping the Dynamism of
        eine systemtheoretische Sozialgeographie entwi-                    Lifeworld; in: Annals of the Association of American Geo-
        ckelt, deren Vertreter die Theorie sozialer Systeme                graphers 66, 277–292. – Downs, Roger M., 1970: Geogra-
        von Niklas Luhmann für die Humangeographie                         phic Space Perception. Past Approaches and Future Pros-
        nutzbar machen wollen. Nach einem frühen Ver-                      pects; in: Progress in Geography 2, 65–108. – Egner, Heike,
        such von Helmut Klüter (1986), Raum »als Element                   2008: Gesellschaft, Mensch, Umwelt – beobachtet, Stutt-
                                                                           gart. – Gebhardt, Hans et al. (Hg.), 2003: Kulturgeographie.
        sozialer Kommunikation« im Sinne von Luhmann
                                                                           Aktuelle Ansätze und Entwicklungen, Heidelberg/Berlin. –
        zu deuten, werden seit einigen Jahren Fragestellun-
                                                                           Harvey, David, 1973: Social Justice and the City, Balti-
        gen der Sozialgeographie aus der Perspektive Luh-                  more. – Klüter, Helmut, 1986: Raum als Element sozialer
        manns reformuliert und neu interpretiert (vgl.                     Kommunikation, Gießen. – Lossau, Julia, 2003: Geographi-
        H. Egner 2008).                                                    sche Repräsentationen: Skizze einer anderen Geographie;
           In der Abbildung werden die wichtigsten Ent-                    in: Gebhardt, Hans et al. (Hg.), 101–111. – Maier, Jörg et al.,
        wicklungslinien der Sozialgeographie nach ihren                    1977: Sozialgeographie, Braunschweig. – Wastl-Walter, Do-
        Entwicklungsverläufen und wechselseitigen Beein-                   ris, 2010: Gender Geographien. Geschlecht und Raum als
        flussungen (Pfeile) dargestellt.                                   soziale Konstruktionen, Stuttgart. – Weichhart, Peter, 2008:
                                                                           Entwicklungslinien der Sozialgeographie. Von Hans Bobek
                                                                           bis Benno Werlen, Stuttgart. – Werlen, Benno, 2007: Globa-
                                                                           lisierung, Region und Regionalisierung. Sozialgeographie
                                                                           alltäglicher Regionalisierungen, Bd. 2, 2. Aufl., Stuttgart. –
                                                                           Ders., 2008: Sozialgeographie: Eine Einführung, Bern.

                                                                                                                       Peter Weichhart

Endruweit/Trommsdorff/Burzan
       438                   (Hg.): Wörterbuch der Soziologie, 3., völlig überarbeitete Auflage,
ISBN 978-3-8252-8566-1, © UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2014
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