Zukunftsfaktor bürgerschaftliches Engagement - ENGAGIERT in NRW
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Dokumentation
Ralph Bergold/Annette Mörchen (Hrsg.)
Zukunftsfaktor
bürgerschaftliches
Engagement
Chance für kommunale
Entwicklung
Beispiele und Perspektiven
Workshop – 9. und 10. Dezember 2009 im
Katholisch-Sozialen Institut in Bad HonnefDokumentation
Ralph Bergold/Annette Mörchen (Hrsg.)
Zukunftsfaktor bürgerschaftliches Engagement
Chance für kommunale Entwicklung
Beispiele und Perspektiven
Workshop – 9. und 10. Dezember 2009 im
Katholisch-Sozialen Institut in Bad HonnefBibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiografie; detaillierte bibliografische Daten sind im
Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Diese Veröffentlichung und das zugrunde liegende Vorhaben wurden im Rahmen des KSI-Projektes „Förderung bürgerschaftlichen
Engagements als Ressource für kommunale Entwicklungsprozesse“ unter dem Förderkennzeichen 24.17.01-64-V42A-3667 vom
Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.
ISBN 978-3-927566-45-3
2010
Katholisch-Soziales Institut
Selhofer Str.11,53604 Bad Honnef
Internet: www.ksi.de
Gestaltung und Satz: K. Pagel, davis creativ media GmbH
2
publik_zukunftsfaktor_2010_neu.indd 2 24.03.2010 15:24:05 UhrInhalt
Vorwort 5
Bürgerschaftliches Engagement – ein Zukunftsprojekt 6
Ralph Bergold und Annette Mörchen
Ansätze kommunaler Engagementförderung in Deutschland und in den Niederlanden
Auf dem Weg zur Bürgerkommune – Stadt Essen 10
Klaus Wermker und Monika Hanisch
Lokale Engagementpolitik zwischen Vielfalt und Verlässlichkeit – Das Zentrum Aktiver Bürger in Nürnberg 15
Thomas Röbke
Ansätze kommunaler Engagementförderung in den Niederlanden 22
Henk Kinds
Gelungene Beispiele der Engagementförderung vor Ort
Engagementförderung mit SINN: Implementierung eines Engagement-Netzwerkes am Beispiel der Stadt Ahlen 27
Ursula Woltering
Arnsberger Allianzen: Kommunale Engagementförderung in der Stadt Arnsberg 33
Petra Vorwerk-Rosendahl
Zukunftsbüro Wabe Holthausen-Biene: Bürgerschaftliches Engagement entwickeln – stärken – vernetzen 37
Petra Diepenthal und Katharina Mehring
Engagementförderung als kommunale Pflichtaufgabe wahrnehmen: 42
Einrichtung und Arbeitsweise der Stabsstelle Bürgerengagement in Rheine
Wiebke Gehrke und Siegmar Schridde
Strukturen der Engagementförderung in den Kommunen – Eine Zwischenbilanz 46
Gisela Jakob
Perspektive: Bürgerkommune
Förderung bürgerschaftlichen Engagements – eine kommunale Pflichtaufgabe?! 50
Hans-Josef Vogel
Stadtentwicklung und Stadtpolitik in Zeiten der Bürgerkommune 55
Konrad Hummel
Förderung bürgerschaftlichen Engagements als Ressource für kommunale Entwicklungsprozesse – Ergebnisse 63
Elisabeth Bubolz-Lutz
Die Neuvermessung des öffentlichen Raumes – Ein Tagungsbericht 70
Reinhard Hohmann
Kommunen auf dem Weg in die Bürgergesellschaft – Strategische Weiterentwicklung 74
bürgerschaftlichen Engagements in Städten, Gemeinden und Kreisen
Ulrike Sommer und Petra Zwickert
Anhang
Leitbild zur Förderung des gesellschaftlichen Engagement. Arnsberger Allianzen 79
Förderung bürgerschaftlichen Engagements – thematischer Bestandteil des Leitbildprozesses der Stadt Rheine 83
Zusammenstellung Wiebke Gehrke und Siegmar Schridde
Workshop-Einladung und Tagungsprogramm 87
3Vorwort
Mit der vorliegenden Publikation präsentieren wir erste Er- Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation des
gebnisse des Projektes „Förderung bürgerschaftlichen En- Projektes lag in Händen von Prof. Dr. Elisabeth Bubolz-
gagements als Ressource für kommunale Entwicklungspro- Lutz (Universität Duisburg-Essen). Sie hat ihre langjährige
zesse“. Es wurde vom Katholisch-Sozialen Institut (KSI) in Erfahrung bei der Förderung freiwilligen Engagements ein-
Bad Honnef getragen und vom Ministerium für Generatio- gebracht und das Projekt vor diesem Hintergrund immer
nen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein- wieder „auf den Punkt“ und damit zugleich vorangebracht.
Westfalen gefördert. Ihr sei ebenso herzlich gedankt!
Die Dokumentation richtet sich vor allem an die Mitwir- Hans-Josef Vogel, Bürgermeister von Arnsberg, hat in
kenden des Workshops „Zukunftsfaktor bürgerschaftliches seinem Impulsreferat darauf hingewiesen, dass die Kom-
Engagement – Chance für kommunale Entwicklung. Bei- munen zusehends politische Gestaltungsmöglichkeiten
spiele und Perspektiven“ am 9. und 10. Dezember 2009. einbüßen und stattdessen die Verteilung knapper werdender
Darüber hinaus spricht sie Fachleute an, die sich für Fragen Ressourcen zur Kernaufgabe wird. Vor diesem Hintergrund
der kommunalen Engagementförderung interessieren. heißt bürgerschaftliches Engagement fördern auch, Bürge-
Vertreterinnen und Vertretern von Politik und Verwal- rinnen und Bürger als Koproduzentinnen und Koproduzen-
tung in Städten, Gemeinden und Kreisen bietet die Publi- ten für wichtige Leistungen zu gewinnen und zugleich die
kation Argumentations- und Entscheidungshilfen für eine Kommune – als politisches Gemeinwesen – neu zu beleben.
strategische Weiterentwicklung der lokalen Engagement- Den Kommunen, das hat das Projekt deutlich gezeigt, geht
förderung und darüber hinaus eine Fülle konkreter An- es nicht allein um ein instrumentelles Know-how, wie sich
regungen für die Förderung bürgerschaftlicher Prozesse. die Zahl von Engagierten und ihrer Aktivitäten erhöhen
Kommunen, die überlegen, ob und auf welche Weise sie das lässt. Sie suchen vielmehr nach Möglichkeiten, politische
Engagement ihrer Bürgerschaft unterstützen sollten, kön- Gestaltungsoptionen wiederzugewinnen – nach Gelegen-
nen diese Praxisbeispiele helfen, eigene Visionen zu entwi- heiten, gemeinsam die Bedeutung des Engagements für die
ckeln. Städte, Gemeinden und Kreise, die bereits Erfahrun- Lebensqualität in der Kommune zu reflektieren, neue Wege
gen mit der Förderung bürgerschaftlichen Engagements der gesellschaftlichen Inklusion bzw. Integration zu entde-
haben, finden Anregungen, das eigene Instrumentarium cken bzw. zu entwickeln, kurz: die Kommune zukunftsfä-
zu verfeinern und zu erweitern oder sich neue Felder der hig zu machen.
Engagementförderung zu erschließen. Wir wünschen uns, dass dieses weite Verständnis von
Ein zentraler Bestandteil des Projektes war der oben ge- bürgerschaftlichem Engagement verstärkt Eingang findet
nannte Workshop „Zukunftsfaktor bürgerschaftliches En- in die „Denkstuben“, wo derzeit über die Sicherung der Zu-
gagement – Chance für kommunale Entwicklung“, zu dem kunft von Städten, Gemeinden und Kreisen nachgedacht
das KSI landesweit die politisch-administrativen Spitzen, wird.
das heißt Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie Die Teilnehmenden haben deutlich gemacht, dass und
Landräte, und Fachpersonal aus der Verwaltung eingeladen wie sie von der Veranstaltung profitiert haben. Sie haben
hatte. Die Impulsbeiträge dieser Veranstaltung sind von den zugleich den Wunsch nach einer Fortsetzung des Prozesses
Expertinnen und Experten für den vorliegenden Band auf- und nach einer Begleitung bei der Entwicklung und För-
bereitet worden. derung des Engagements in ihren jeweiligen Kommunen
Mit der Publikation verbinden wir unseren Dank an geäußert.
die Mitwirkenden eines intensiven, auf Partizipation an- Das Katholisch-Soziale Institut versteht sich als kirch-
gelegten Forschungs- und Entwicklungsprozesses. Vertre- liche Bildungseinrichtung, die gesellschaftliche Entwick-
terinnen und Vertreter aus Kommunen, aus der Landes- lungen nicht nur aufgreifen und diskutieren, sondern aktiv
regierung sowie aus Wissenschaft und Forschung haben mitgestalten will. Wo es um Beteiligung Einzelner an „ih-
aus ihrer jeweiligen Perspektive und vor ihrem jeweiligen rem“ Gemeinwesen geht, befinden wir uns im Zentrum
Erfahrungshintergrund den Prozess auf sehr konstruktive der Sozialethik und bei einer Kernaufgabe des Instituts.
gemeinschaftliche Weise gefördert. Das Projekt „Kommunale Engagementförderung“ ist uns
Dankbar sind wir Ulrike Sommer, Petra Zwickert, Kari- deshalb ein Herzensanliegen, das wir auch weiter verfolgen
na Conconi und Regina Mehl vom Ministerium für Gene- möchten.
rationen, Familie, Frauen und Integration, Referat Bürger-
schaftliches Engagement, gesellschaftliches Engagement Prof. Dr. Ralph Bergold Annette Mörchen
von Unternehmen. Sie haben unser Vorhaben in jeder Phase Direktor des Katholisch- Projekt- und Tagungsleitung
mit Interesse und Engagement unterstützt. Sozialen Instituts
5Bürgerschaftliches Engagement –
ein Zukunftsprojekt
Ralph Bergold und Annette Mörchen
Die Kommunen in Deutschland befinden sich derzeit in männlichen, besitzenden Bürgern vorbehalten blieb.
einer angespannten Situation – das gilt für Nordrhein-West- Ging es dem Freiherrn vom Stein noch darum, gegen-
falen ebenso wie für die anderen Bundesländer. Ihre Finanz- über dem König eine neue Städteordnung zu begründen,
lage zwingt zu drastischen Sparmaßnahmen. Zugleich es- so gilt es für die Kommunen heute, das Verhältnis zwischen
kaliert der Streit zwischen Bund, Ländern und Kommunen der Bürgerschaft und ihrer Gemeinde neu auszutarieren.
über die Verteilung der finanziellen Lasten. Kommunen haben, so wie zu Zeiten des Freiherrn, allesamt
Doch haben die Kommunen damit ihre Möglichkeiten, noch beträchtliche „schlafende Kräfte“, die, wenn sie denn
auf die Krise zu reagieren, schon ausgereizt, alle Potenzi- angezapft würden, sich gar noch zusätzlich steigern ließen.
ale ausgeschöpft – auch die verborgenen Schätze gehoben? Pierre Bourdieu hat dieses Potenzial unter dem Begriff „so-
Haben sie damit schon alle Ressourcen, alle Gestaltungs- ziales Kapital“ gefasst (1983).
spielräume genutzt? Eine besondere Form dieses sozialen Kapitals ist das
Vor etwas mehr als 200 Jahren schuf Reichsfreiherr vom bürgerschaftliche Engagement. In einer demokratischen
und zum Stein die Grundlagen der kommunalen Selbstver- Gesellschaft leistet es einen wesentlichen Beitrag zur Ver-
waltung. Ausgehend von der Leitidee, das Bürgertum in die besserung der Lebensqualität vor Ort. Was Engagement und
Verantwortung für das Wohl der Gemeinden einzubinden, Engagementbereitschaft der Bürger betrifft, zeichnet sich
gehörte zu seinen erklärten Zielen die „Belebung des Ge- in den vergangenen zehn Jahren eine positive Tendenz ab:
meingeistes und des Bürgersinns (und) die Benutzung der Während auf der einen Seite staatlich vorgehaltene Infra-
schlafenden … Kräfte und zerstreut liegenden Kenntnisse“ strukturen und soziale Leistungen abgebaut werden, ist die
(Nassauer Denkschrift 1807). Er hatte erkannt, wann ein zivilgesellschaftliche Beteiligung zunächst weiter gewach-
Mensch bereit ist, sich für die Allgemeinheit zu engagieren: sen (1999-2004) und hat sich zwischenzeitlich bei 37% in
dann „… wenn er nicht ein Unterthan ist, dem befohlen wird, Westdeutschland (Ostdeutschland: 31% ) stabilisiert.2 Zu-
sondern ein freier Bürger, der selbst mitzubestimmen hat sätzlich zu den Frauen und Männern, die sich ehrenamt-
und für das Wohlergehen des Staates mitverantwortlich ist“1. lich in der freiwilligen Feuerwehr, einem Sportverein oder
Rahmenbedingungen und einer Partei einbringen,
damit konkrete Gelegenhei- engagieren sich immer
ten für Selbstbestimmung mehr Menschen mit Blick
und (politische) Teilhabe auf konkrete Interessen
zu schaffen, die Schlüssel und Bedarfe z.T. in lokalen
zu Verantwortungsüber- Initiativen: Sie gründen
nahme und bürgerschaftli- selbst ein Seniorenbüro,
chem Engagement sind, ist eine Bürgerstiftung, tun
ein altes Prinzip. Es hat bis sich zu einem Trägerverein
heute nichts an beflügeln- zusammen, um die Schlie-
der Kraft eingebüßt. ßung einer Bibliothek zu
Der Begriff des Ehren- verhindern, oder sorgen
amtes kommt übrigens selbst dafür, dass es wei-
genau aus diesem Kontext, terhin einen Laden im Ort
und bezeichnet das Amt gibt und schaffen Anreize
der kommunalen Selbstver- z.B. für die Niederlassung
waltung, dessen Wahrneh- eines Arztes wie im Projekt
mung damals freilich den DORV3.
6Bürgerengagement ge- von Gemeinden betrach-
horcht auch der Not. Zu- tet Engagementförderung
gleich aber entspricht diese bereits als „konstitutives
Entwicklung einem sich Element“ moderner kom-
wandelnden Gesellschafts- munaler Selbstverwal-
verständnis, nach dem Bür- tung und also als selbst
gerinnen und Bürgern sich gewählte „Pflichtaufgabe
direkt in die Gestaltung der der Kommunen“ (vgl. Vo-
Gesellschaft einmischen gel in diesem Band). Dabei
sollten, wenn sie Hand- reicht die Förderpalette von
lungsbedarf sehen. Inso- gezielten Maßnahmen öf-
fern markiert es Anspruch fentlicher Anerkennung
auf Teilhabe, stellt eine Ge- freiwilligen Engagements
genbewegung gegen eine (wie mit der landeswei-
verwaltete, institutionenlas- ten Ehrenamtskarte) über
tige Lebenswelt dar und ist Weiterbildungsangebote
ein Zeichen dafür, dass die bis zur Einrichtung von
Verantwortung zwischen Freiwilligenagenturen und
dem Staat, seinen Bürgerin- Geschäfts- oder Stabsstel-
nen und Bürgern sowie der len Engagementförderung
Wirtschaft für die Gestaltung der Zukunftsaufgaben derzeit in der Kommunalverwaltung. In anderen Kommunen ha-
neu ausbalanciert wird. Schließlich speist sich das bürger- ben sich die Verantwortlichen (noch) nicht näher mit der
schaftliche Engagement aus dem Wunsch nach Selbstver- Reformperspektive einer „aktivierenden“ Bürgerkommune
wirklichung im Sozialen, im Kulturellen o.ä. Wer sich en- befasst bzw. haben (noch) nicht die Entwicklungspotenzi-
gagiert, pflegt soziale Kontakte und lernt neue Menschen ale für ihr Gemeinwesen erkannt, die mit einer Förderung
kennen, kann seine Kompetenzen zur Geltung bringen, auch neuer Engagementformen freiwilligen Engagements
seine Kreativität entfalten und womöglich trotz zusätzlicher verbunden sind. 4
Verpflichtungen mehr Lebensfreude gewinnen. Eine Zusammenschau der Befunde zeigt, dass sich auch
Dieses Motivbündel zusammengenommen macht ver- in Zeiten knapper Ressourcen ungehobenes Potenzial fin-
ständlich, weshalb wachsendes bürgerschaftliches Enga- det, auf Seiten der Bürgerinnen und Bürger ebenso wie auf
gement auf Seiten der Kommunen nicht nur willkommen Seiten der Städte, Gemeinden und Kreise. Ein Potenzial,
ist, sondern immer wieder auch kritisch betrachtet wird. das auch deshalb so wertvoll ist, weil sich die Qualität des
Bürgerschaftliches Engagement ist aus seinem Selbstver- Zusammenlebens und der bereitgehaltenen Leistungen ver-
ständnis heraus spontan, kreativ, emotional und kann au- ändert, wenn Bürger zu Koproduzenten werden. Zudem
ßerordentlich gruppenegoistisch sein – wie die Initiative bedeutet das Engagement der Bürgerinnen und Bürger
gegen ein Heim für Behinderte, gegen eine forensische Kli- auch eine Rückgewinnung der Beteiligungsdimension, die
nik oder für freies Parken. Als ein Kapital „mit Eigensinn“ ursprünglich – siehe Freiherr vom Stein – konstitutiv für die
widerspricht es der Logik des Verwaltungshandelns, das kommunale Selbstverwaltung war.
auf Verlässlichkeit, Langfristigkeit, Konstanz und Konsens Um dieses Potenzial produktiv nutzen zu können, bedarf
setzt. Reibungsverluste sind deshalb vorprogrammiert bis es nachhaltiger Konzepte zur Unterstützung der kommuna-
hin zu dem Punkt, dass eine Initiative frustriert ihr Vorha- len Engagementförderung. Bislang fehlten allerdings:
ben aufgibt – bisweilen sogar bevor sie überhaupt mit der (1) eine hinreichende Motivation der Kommunen, sich auf
Realisierung begonnen hat. solche Konzepte einzulassen, sowie eine geschützte Platt-
Es gibt eine Reihe von Städten, Gemeinden und Kreisen, form, auf der sich Erfahrungen austauschen, Impulse holen
die sich nicht davon haben „schrecken“ lassen. Nach dem und Visionen entwickeln lassen;
Motto „Gestalten statt Verwalten“ schaffen sie mit guten (2) wissenschaftlich fundiertes Wissen über die speziellen
Rahmenbedingungen Raum für bürgerschaftliches Enga- Ausgangslagen und Bedarfe in einzelnen Kommunen. Die
gement und pflegen eine Kultur der Anerkennung. Hier von Stark et al. 2008 vorgelegte Studie „Engagementförde-
zeigen sich die positiven Effekte ebenso eindrücklich wie rung in NRW: Infrastruktur und Perspektiven“ bietet mit
nachhaltig: Zahlen aus einer Sonderauswertung des Frei- ihrem Ergebnisteil zwar gute Anknüpfungspunkte, für sich
willigensurvey 2004 für Nordrhein-Westfalen (Gensicke et allein ist ihre Aussagekraft jedoch beschränkt;
al. 2005) lassen darauf schließen, dass zusätzlich zu den (3) ausgefeilte Konzepte und die Erprobung passgenauer
35% bereits Engagierter rund ein Drittel der Bevölkerung Anreiz- und Unterstützungsstrategien. Hierzu sind zwar
grundsätzlich offen dafür ist, sich in Zukunft zivilgesell- auf Bundesebene erste Ansätze entwickelt worden (z.B. in
5
schaftlich einzubringen. Dies stellt für Kommunen und den vom BMBF geförderten Modellprojekten LernEXPERT ,
ihre weitere Entwicklung ein großes Potenzial dar. Lernnetzwerk Bürgerkompetenz6 und Lernort Gemeinde7).
Die Kommunen und ihre Engagementförderung unter- Diese sind jedoch in der Praxis bisher noch nicht „angekom-
scheiden sich in Nordrhein-Westfalen erheblich: Eine Reihe men“.
7Bei den beiden erstgenannten Lücken hat das KSI-Projekt • Wo zeichnen sich konkrete Bedarfe und Ansatzpunkte
„Förderung bürgerschaftlichen Engagements als Ressource ab?
für kommunale Entwicklungsprozesse“ angesetzt und sich Die gewonnenen Informationen sollten schließlich doku-
gezielt an Städte, Gemeinden und Kreise gerichtet, die eher mentiert, wissenschaftlich aufbereitet und zu Empfehlun-
am Anfang der Engagementförderung stehen. Angespro- gen an das Land Nordrhein-Westfalen für die strategische
chen wurden (Ober-)Bürgermeisterinnen und Bürgermeis- Weiterentwicklung kommunaler Engagementförderung
ter, Beigeordnete sowie Fachreferentinnen und Fachreferen- verdichtet werden.
ten und/oder Leitungen von Stabs-/Geschäftsstellen, Büros Über die Ergebnisse hinaus ist der Workshop von Bad
für Engagement u.ä.. Honnef selbst ein Ereignis bürgerschaftlichen Engage-
Mit dem Projekt wurde eine dreifache Zielsetzung ver- ments gewesen und in der Form dem nahe gekommen,
folgt. Zum einen sollten Kommunalvertreterinnen und -ver- was für den Umgang mit dem Thema in der Kommu-
treter zur Förderung zivilgesellschaftlichen Engagements ne wünschenswert erscheint. Tagungen dieser Art wol-
motiviert und ermutigt werden. Zum anderen ging es dar- len nicht nur Probleme auf die Agenda setzen und – im
um, ihren Unterstützungsbedarf festzustellen. Dazu wur- besten Falle – lösen helfen, sie wollen auch einen Erfah-
den sie als „Expertinnen in eigener Sache" befragt: rungsraum bieten, in dem nachgedacht, nachgefragt und
• Welches bürgerschaftliche Engagement findet sich be- debattiert werden kann. Bürgerschaftliches Engagement
reits in den Kommunen – Quantität und Qualität? (Ist- ist bunt und vielfältig, und so war auch der Workshop
Stand) Welche Engagementfelder sind bereits erschlos- geplant. Mit Präsentationen von Beispielgemeinden, Er-
sen? (Stärken-Schwächen-Analyse) fahrungs- und Entwicklungsrunden im geschützten Rah-
• Was hat bislang das Engagement von Bürgerschaft und Un- men kleiner Arbeitsgruppen, einem Fishbowl, Experten-
ternehmen gefördert und was hat es be- bzw. verhindert? befragungen und kontroversen Debatten sollte er zeigen,
• Gibt es Bereiche und Themenfelder, in denen aus kom- dass Engagementförderung passende, einladende Formen
munaler Perspektive ein besonderer Bedarf an bürger- braucht, damit sich jede und jeder nach Kräften beteiligen
schaftlichem Engagement besteht? kann.
• Welche Unterstützung wünschen sich Städte, Gemein- Wir hoffen, dass das KSI als eine Art intermediärer Ak-
den und Kreise bei der kommunalen Engagementförde- teur seine guten Dienste geleistet und viele Teilnehmende
rung, auch durch das Land? motiviert und ermutigt hat, im eigenen Umfeld und darü-
8ber hinaus das bürgerschaftliche Engagement als Zukunfts- Prof. Dr. Ralph Bergold: Privatdozent
faktor sui generis immer wieder auf die Tagesordnung zu für Religionspädagogik an der Universi-
setzen. tät Bamberg und Direktor des Katho-
lisch-Sozialen Instituts, Bad Honnef.
Literatur Kontakt: bergold@ksi.de
Bluszcz, O., Rüttgers, M., Stark, W. (2008): Studie: Enga-
gementförderung in Nordrhein-Westfalen: Infrastruktur
und Perspektiven. Mit einer Landkarte zur Engagement-
förderung in Nordrhein-Westfalen, Essen.
BMFSFJ (2010): Informationen zum 3. Freiwilligensurvey
(1999-2009). www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Inter-
netredaktion/Pdf-Anlagen/freiwilligensurvey-3,property Annette Mörchen: Erwachsenen- und
=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf Zugriff: Weiterbildnerin. Seit 1994 in leiten-
17.02.2010. der Funktion in verschiedenen vom
Gensicke, T.; Geiss, S.; Lopez-Dias, K. (2005): Der Freiwilli- Bundesministerium für Bildung und
gensurvey 2004. Ergebnisse und Trends für Nordrhein- Forschung geförderten Projekten u.a.
Westfalen. TNS Infratest Sozialforschung 19.7.2005. mit der Initiierung und Begleitung
Download unter http://www.engagiert-in-Nordrhein- bürgerschaftlichen Engagements be-
Westfalen.de/pdf/freiwilligensurvey20041.pdf Zugriff fasst; dazu Entwicklung neuer parti-
am 01.02.2010. zipationsförderlicher Lern- und Ent-
Lammert, Norbert (2008): Bürgerengagement in Deutsch- wicklungsarrangements (z.B. „Lernort Gemeinde“).
land. In: Der Landkreis. Zeitschrift für kommunale Kontakt: annette.moerchen@t-online.de
Selbstverwaltung. 78. Jahrgang. Dezember 2008.
LernEXPERT (2003): Lernfeld Bürgerengagement. Ab-
1 Zit. nach Norbert Lammert (2008)
schlussbericht des Projektes LernEXPERT. Unveröffent- 2 Vgl. Ergebnisse des 3. Freiwilligensurveys (1999-2009), eine Befragung im
lichtes Manuskript. Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFS-
FJ). Darin wird eine wachsende Bereitschaft zum Engagement bei aktuell nicht
Mörchen, Annette; Tolksdorf, Markus (Hrsg.) (2009): Lern- Engagierten konstatiert, und dieses Ansteigen des Engagementpotenzials von 26%
ort Gemeinde. Ein neues Format der Erwachsenenbil- (1999) über 32% (2004) auf 37% (2009) als „stark verbessertes Engagementklima“
interpretiert.
dung. Bielefeld. 3 DORV steht für Dienstleistung und Ortsnahe RundumVersorgung. Mehr dazu
PROGNOS; Generali (2009): Engagement Atlas 09. Daten. z.B. unter www.regiomanagement.de/dorvcms/front_content.php?idcat=30; weitere
Beispiele auf kommunaler Ebene z.B. beim letztjährigen Robert Jungk-Preis [Dezem-
Hintergründe. Volkswirtschaftlicher Nutzen. http://zu- ber 2009]; vgl. www.robertjungkpreis.nrw.de.
kunftsfonds.generali-deutschland.de/internet/csr/csr_in- 4 Aktuelle Anhaltspunkte für die Verbreitung des bürgerschaftlichen Engage-
ments speziell in NRW sind im „Engagementatlas“ Prognos/Generali (2009)
ter.nsf/ContentByKey/MPLZ-7L3EHX-DE-p/$FILE/En- vorgelegt worden. Eine von Bluszcz, Rüttgers und Stark (2008) erstellte Landkarte
gagementatlas%202009_PDF_Version.pdf Zugriff am zur Engagementförderung in NRW zeigt darüber hinaus u.a. spezielle Entwick-
lungsbedarfe auf. Insgesamt wird deutlich, dass sich bürgerschaftliches Engagement
01.02.2010. nicht quasi „von selbst“ entwickelt, sondern dass es Impulse und Anreizstrukturen
Voesgen, H. (Hrsg.) (2006). Brückenschläge. Neue Partner- sowie eine entsprechende förderliche Infrastruktur braucht.
5 Vgl. LernEXPERT (2003)
schaften zwischen institutioneller Erwachsenenbildung 6 Vgl. Voesgen (2006)
und bürgerschaftlichem Engagement. Bielefeld. 7 Vgl. Mörchen und Tolksdorf (2009)
9Auf dem Weg zur Bürgerkommune –
Stadt Essen
Klaus Wermker und Monika Hanisch
Der Titel dieses Beitrages könnte (miss-)verstanden werden Vielmehr gab es einzelne Menschen mit der Grundüber-
als der Weg. Dieser hat einen Anfang, einen wie auch immer zeugung, dass Willy Brandt mit seiner Forderung „… mehr
beschaffenen Belag, ein Ziel und er kann begangen werden, Demokratie wagen…“ von 1969 bis heute aktuell ist. Diese
langsam oder schnell, von Menschen oder menschlichen Menschen haben andere mitgenommen, überzeugt, haben
Institutionen bzw. Organisationen. Gelegenheiten genutzt, die Voraussetzungen für die Gele-
Die sehr komplexe Institution, deren Weg hier beschrie- genheiten geschaffen etc.
ben werden soll, ist die kommunale Selbstverwaltung (Po- Die nebenstehende Abbildung zeigt die derzeitigen von
litik und Verwaltung), aber auch die Stadtgesellschaft, die uns wahrgenommenen Dimensionen der Bürgerkommune
ganz eigensinnig, oft auch sehr selbstständig ihren eigenen Essen, von denen einige unten vertieft erläutert werden.
Weg geht – gelegentlich mit der Stadtverwaltung bzw. -poli- Wir wissen aber auch, dass es eine Fülle bürgerschaftli-
tik. Der Chronist war über 30 Jahre Teil dieser Stadt Essen, cher Aktivitäten gibt, die wir gar nicht wahrnehmen. Dazu
aber auch Bürger – und er hat einen eigenen Blick auf die gehört das breite Feld nachbarschaftlicher Aktivitäten, die
Ereignisse, natürlich bei allem Bemühen um Objektivität. auch mit den herkömmlichen Befragungen nicht ermittelt
Das Ziel ist nicht genau zu bestimmen – weder zeit- werden.
lich, noch inhaltlich – und der Weg ist besser mit einem Die Stadt ist sowohl „lokaler Staat“ als auch fördernder
Bild zu beschreiben: Man stelle sich einen unregulierten Staat, ist aber auch Unternehmen. Der Bürger ist Souverän,
Fluss vor, der Hauptströmungen hat, aber auch langsame- von Entscheidungen des lokalen Staates betroffener Bürger,
re Seitenströmungen und Stillgewässer, gelegentlich auch Kunde als Empfänger von Dienstleistungen und aktiver,
Rückströmungen. Damit soll gesagt sein, dass es keinen ehrenamtliche Leistungen erbringender Bürger.
ausgeklügelten Plan, keine „roadmap“ gab, die, über Jahre
beharrlich verfolgt, zu dem heutigen Zustand geführt hat. Personalentwicklung und Transfer bei der
Stadt Essen/Corporate Citizenship
Es gibt in Essen eine verpflichtende Fortbildung für Füh-
rungskräfte (Sachgebiets- bzw. Gruppenleitungen sowie
Abteilungsleitungen), in der seit 2004 der Baustein Enga-
gement wecken und Mitarbeiter motivieren eingeführt wurde.
Dem liegt die Überlegung zugrunde, dass eine erfolgrei-
che Bürgerbeteiligung, sei sie gesetzlich verpflichtend oder
freiwillig, voraussetzt, dass auch im Inneren des Systems
Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Ko-
operation ermöglicht wird.
Zugleich werden die Auszubildenden an das Thema he-
rangeführt: Seit 2006 können sie sich unter Anrechnung
ihrer Arbeitszeit im Rahmen des Projektes ESSEN.aktiv an
drei Tagen ehrenamtlich engagieren. Die Einsätze werden
von der Ehrenamt Agentur Essen e.V. vermittelt, jeder Aus-
zubildende hat einen Mentor aus der Verwaltung. Dieses
Engagement wird von den Azubis dokumentiert und prä-
sentiert; die Form ist frei zu wählen. 2008 haben sich 136
Auszubildende beteiligt. Die Idee zu diesem Projekt wurde
10aus Nürtingen übernommen. Die Städte Leipzig und Bre- Kürzlich hat der Oberbürgermeister für die Erarbeitung
men wiederum übernahmen dieses Projekt von Essen. Von eines Konzeptes zur Anerkennungskultur stadtweit unter
2010 an wird dieses Projekt auf alle Beschäftigten der Stadt der Federführung des städtischen Büro Stadtentwicklung
Essen ausgedehnt: ESSEN.aktiv für die Kulturhauptstadt. grünes Licht gegeben. Der Logik der Aufgabe folgend wird
Mitwirkenden werden hierfür zwei bezahlte Arbeitstage zur das Konzept gemeinsam mit Unternehmen, die sich bür-
Verfügung gestellt. gerschaftlich engagieren, mit Ehrenamtlichen aus verschie-
Der Ruhrdax ist ein regionaler Markplatz – die Idee denen Bereichen, Trägern und anderen bürgerschaftlich
stammt aus den Niederlanden –, auf dem sich Unterneh- engagierten Gruppen und Institutionen erarbeitet. Es ist
men der Region mit gemeinnützigen Vereinen und Insti- die Absicht, eine von allen Akteuren getragene Anerken-
tutionen treffen und Leistungen austauschen. Geldleis- nungskultur für die Stadt Essen zu entwickeln.
tungen sind prinzipiell ausgeschlossen. Konkret heißt das
z.B.: Das Büro Stadtentwicklung der Stadt Essen als Teil Kooperation mit Akteuren der
des Konzerns Stadt gestaltet eine Gartenanlage in einem Stadtgesellschaft
Wohnheim für geistig Behinderte in Oberhausen um. 18
Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen arbeiten an einem Sams- Ein bewährtes Beispiel für diese Kooperationen ist der
tag acht Stunden. Dieser Einsatz und alle anderen werden Essener Konsens. Er verkörpert seit 1994 eine institutio-
nach ihrem monetären Wert geschätzt und auf dem Markt- nen- bzw. systemübergreifende Kooperation von Akteuren
platz vertraglich vereinbart und öffentlich verkündet: Ei- der Arbeitsmarktpolitik. Konkret geht es darum, Projekte
ne Werbeagentur gestaltet die Webseite eines Vereins etc. zu entwickeln, bei deren Umsetzung Arbeitslose (um-)
Der Ruhrdax wird von der Gemeinschaft der Freiwilligen- qualifiziert oder Jugendliche auf einen Beruf vorberei-
agenturen im Ruhrgebiet organisiert, eine RWE-Tochter tet werden. Die Projekte müssen gemeinnützig sein, der
finanziert die Veranstaltungen, von denen es bislang vier Träger muss einen Eigenanteil leisten, es müssen bei der
gab (in Essen, Mülheim an der Ruhr, Recklinghausen und Umsetzung zusätzliche Aufträge für die Wirtschaft ent-
Oberhausen). Auf dem letzten Ruhrdax wurden von 70 stehen, alle sicherheitsrelevanten Arbeiten (z.B. Elektro-
Unternehmen mit 67 gemeinnützigen Organisationen 129 arbeiten) müssen von Fachfirmen durchgeführt werden.
Kontrakte mit einem geschätzten Wert von rund 140.000
Euro abgeschlossen.
Im Projekt Dafür engagiere ich mich werden ehrenamt-
liche Engagements von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
der Stadt Essen im städtischen Intranet und Internet vorge-
stellt. Dies stellt ein Stück Anerkennungskultur für die vie-
len engagierten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dar – und
die Möglichkeit, sie einmal aus einer anderen Perspektive
wahrzunehmen und kennenzulernen.
Wir berichten regelmäßig im Intranet, im Internet und
im städtischen Mitteilungsblatt über all diese Themen und
Aktionen. Diese offensive Öffentlichkeitsarbeit verfolgt ne-
ben der reinen Information auch den Zweck, dass sich die
Mitarbeiter mit dem Themenfeld Engagement vertraut ma-
chen und sich damit identifizieren.
Bürgerservice
Seit Juli 2008 gibt es den Internetservice Bürgerengagement.
Hier werden Engagementmöglichkeiten in städtischen Ein- Die Akteure, die den Essener Konsens organisieren, sind:
richtungen und auf öffentlichen Flächen, z.B. in Biblio- die Stadt Essen, die Industrie- und Handelskammer für
theken, auf Spielplätzen und auf Grünflächen angeboten Essen, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen zu Essen (sic!),
und dargestellt. Darüber hinaus sind dort aktuelle Beteili- die Kreishandwerkerschaft, der Deutsche Gewerkschafts-
gungsmöglichkeiten zu finden, ebenso wie das Beschwer- bund, die Essener Wirtschaftsförderungsgesellschaft, die
demanagement der verschiedenen Fachbereiche, aktuelle kommunale Beschäftigungsgesellschaft. Alle Institutio-
Pressemeldungen zum Thema Bürgerengagement sowie nen werden von ihren Chefs im sogenannten Lenkungs-
Informationen zum Thema Ehrenamt – in Essen und über- kreis vertreten, auch der Oberbürgermeister nimmt gele-
regional. Der Internetservice Bürgerengagement ist nicht gentlich daran teil.
nur ein wichtiges Informationsmedium für die Bürger, Der Essener Konsens ist keine Institution, keine Rechts-
sondern schafft auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitar- persönlichkeit, sondern eine Grundüberzeugung. Deshalb
beitern der Stadtverwaltung das Bewusstsein, gemeinsam gibt es auch keine Satzung, nicht einmal Sitzungsprotokolle.
an dem Thema Bürgerengagement/ Bürgerkommune teil- Er hat auch kein eigenes Geld. Falls etwas benötigt wird, wie
zuhaben. zur Feier des 15-jährigen Bestehens, werden die Broschüre
11zum Festakt, der Raum und die Bewirtung der Städte durch Das Hearing endete mit der Empfehlung, auch in Essen
eine Sammelaktion in der Stadtgesellschaft finanziert. eine Freiwilligenagentur aufzubauen. Der Rat folgte dieser
Rund 100 Projekte sind seit 1994 realisiert worden, über- Empfehlung mit Beschluss im selben Jahr.
wiegend Bauprojekte: Die Maßnahmen reichen vom Um- Das Büro Stadtentwicklung übernahm die Federführung
bau von zwei Bahnhöfen zu Bürger- und Kulturzentren, dieses Projektes und richtete eine Arbeitsgruppe mit Politik
dem Neubau von 25 Wohneinheiten im sozialen Wohnungs- (alle Fraktionen) und einer ehrenamtlich tätigen Bürgerin
bau, der Restaurierung der Jüdischen Trauerhalle und von ein. Diese begleitete die Konzeptbearbeitung, die wesentlich
Schloss Borbeck, über die Aufbesserung und Neunutzung von einer mit Honorarvertrag ausgestatteten Geschäftsfüh-
mehrerer Zechenstandorte, Bau- und Gestaltungsmaßnah- rerin einer kleinen privaten gemeinnützigen Unterneh-
men im Grünbereich bis zur Organisation eines Senioren- mensstiftung übernommen wurde. Finanziert wurde dieser
Begleitservice im öffentlichen Nahverkehr. Honorarvertrag durch eine andere Stiftung, ergänzt durch
Finanziert werden die Projekte u.a. durch Leistungen der weitere private Mittel von Sponsorinnen und Sponsoren.
Agentur für Arbeit, durch Städtebaufördermittel des Landes Der Rat der Stadt hatte die Vorgabe gemacht, dass es keine
NRW, durch städtische Mittel, aber auch ganz maßgeblich dauerhafte Finanzierung durch die Stadt geben würde. Als
durch Stiftungen und Sponsoren. Ergebnis entstand das Konzept einer Freiwilligen-/Ehren-
Über die Maßnahmen des Essener Konsens werden fi- amtagentur, die auf drei Säulen beruht:
nanzielle Mittel mobilisiert, die sonst nicht geflossen wären. • Vermittlung von Menschen in ehrenamtliche Tätigkeiten
Es werden Menschen qualifiziert und in den sogenannten in Projektform
ersten Arbeitsmarkt vermittelt, und es entstehen neue wert- • Entwicklung von eigenen Projektideen
volle Infrastrukturen. Die verantwortlichen Schlüsselperso- • Entwicklung von CSR-Projekten für Firmen.
nen engagieren sich weit über die Pflichten hinaus, die ih-
nen ihre Institutionen auferlegen. Die Transaktionskosten Finanziert wird diese Arbeit seit Gründung des Vereins 2003
der system-übergreifenden Zusammenarbeit sind gering. durch Mitgliedsbeiträge (natürliche und juristische Personen
Das sind die Erfolgsvoraussetzungen des Essener Konsens – auch die Stadt Essen ist Mitglied, wie auch einige ihrer Be-
(www.essen.de/essenerkonsens). teiligungsunternehmen und andere Unternehmen), durch
Mittel, die von Stiftungen eingeworben werden und/oder
Unterstützung von aktiven Bürgern durch öffentliche Mittel (z.B. „Soziale Stadt“ – Bund-Länder-
und Bürgergruppen Programm) sowie durch Sponsoring. Die Räume der Agentur
werden durch ein Beteiligungsunternehmen der Stadt Essen
Hier soll beispielhaft die Ehrenamt Agentur Essen e.V. kostenfrei zur Verfügung gestellt. In der Regel unterstützt die
vorgestellt werden. Der Rat der Stadt Essen hat 2001 die Stadt die Arbeit mit zwei überplanmäßigen Kräften.
Verwaltung (Büro Stadtentwicklung) beauftragt, ein öf- Im Jahre 2009 hat die Ehrenamt Agentur 579 Vermitt-
fentliches Hearing zum bürgerschaftlichen Engagement lungen von Essener Bürgerinnen und Bürgern ins Ehren-
durchzuführen. Politik, Verwaltung, Unternehmen und amt bei 436 gemeinnützigen Organisationen erreicht. Diese
Wohlfahrtsverbände sowie Bürgerinnen und Bürger folgten Ehrenamtlichen werden bei Bedarf ausgebildet und beglei-
der Einladung und diskutierten das Thema, angeregt durch tet. Ihrem Einsatz geht eine eingehende Beratung voraus.
Impulsvorträge von Warnfried Dettling, einem Vertreter Derzeit laufen elf eigene Projekte, einige schon seit Jah-
der Freiwilligenagentur Bremen und der Firma Mc Kinsey. ren, wie:
12• Freunde für Kinder: Kinder bzw. Jugendliche aus sozial gegründet. Ziel ist es, eine gemeinsame Plattform von Pa-
prekären Lebensverhältnissen erhalten einen Paten oder tenprojekten vornehmlich im Bildungsbereich zu schaffen.
eine Patin und verbringen einen Tag im Monat mit ge- Es geht darum, gemeinsame Anliegen zu bündeln, eine
meinsamen Gruppenaktivitäten (Zoobesuch, Ausflüge gemeinsame Qualifizierung/ Fortbildung für die Patinnen
ins Museum, Picknick etc.). Nicht wenige dieser so ge- und Paten zu konzipieren, die Rahmenbedingungen für
stifteten Beziehungen werden von den Paten über den die einzelnen Projekte zu optimieren und das individuelle
Projektzeitraum hinaus weiter gepflegt. Profil der einzelnen Patenprojekte zu stärken. Essener Pa-
• Kulturbotschafter: Jugendliche erhalten Informationen tenschaftsprojekte sind z.B.:
über Kultureinrichtungen, um diese dann in ihrer „peer • Das Projekt Welcome der katholischen Familienbildungs-
group“ weiterzugeben. stätte entlastet junge Familien während der ersten Monate
• Sprachpartnerinnen: Deutsche (Mittelschichts-) Frauen nach Geburt eines Kindes.
lernen ausländische Frauen kennen und treffen sich zu • Die Bildungspaten der Arbeiterwohlfahrt unterstützen
gemeinsamen Aktivitäten mit dem vordringlichen Ziel, Kinder in der Kita und der Grundschule im Bildungs-
Sprachkenntnisse zu vermitteln. prozess.
Weitere Projekte wie alle übrigen Detailinformationen sind • Das Essener Lesebündnis mit ca. 170 Patinnen und Pa-
dem Jahresbericht 2009 der Ehrenamt Agentur Essen e.V. ten ist in allen Essener Stadtteilen in Kindergärten und
zu entnehmen: www.ehrenamtessen.de. Grundschulen aktiv und eröffnet Kindern den Zugang
Darüber hinaus organisiert und führt die Ehrenamt Agentur zu Büchern.
Veranstaltungen durch. Beispiele aus 2009: • Das Projekt Lernen wie man lernt des Essener Kinder-
• Schüler trifft Ehrenamt: Im Oktober 2009 trafen rund schutzbundes unterstützt stadtweit rund 400 Kinder und
100 Schülerinnen und Schüler 40 gemeinnützige Ein- Jugendliche in ihrer schulischen Laufbahn.
richtungen, mit denen sie Absprachen über ein soziales • Bei dem Projekt Paten für Arbeit in Essen betreuen rund
Engagement treffen konnten. 80 „matches“ wurden ge- 160 Paten und Patinnen etwa 190 Auszubildende aus so-
schlossen. Partner dieses Projektes waren die Stadt Essen, zial schwierigen Verhältnissen.
die Allbau AG, die E.ON Ruhrgas AG, die SNT Deutsch-
land AG. Resümee
• Über den Ruhrdax wurde bereits oben berichtet.
• Tag des Dialogs: Einer weiteren Idee aus den Niederlan- Hier sind nun einige Stationen auf dem Weg zur Bürger-
den folgend organisierte die Ehrenamt Agentur im Jahr kommune Essen skizziert worden, die – so hoffen wir –
2009 gemeinsam mit dem Kulturhauptstadtbüro der deutlich machen, dass die Stadt Essen als politische Akteu-
Stadt Essen, der RAA – Büro für interkulturelle Ange- rin diesen Weg begeht, dass eine eigensinnige Stadtgesell-
legenheiten und dem Initiativkreis den Tag des Dialogs. schaft ebenfalls unterwegs ist und dass beide immer wieder
Dort diskutierten Vertreterinnen und Vertreter von Verei- kooperieren.
nen, Unternehmen etc. an 35 Tischen
mit von ihnen eingeladenen Mitbür-
gerinnen und Mitbürgern über das
Thema „Kulturhauptstadt 2010“. Ziel
dieses Dialogs, der bereits zum drit-
ten Mal unter einem jeweils anderen
Themenschwerpunkten stattfand, ist
es, miteinander ins Gespräch zu kom-
men und Chancen zu eröffnen, an der
Gestaltung der Stadt mitzuwirken. Die
Gastgeber werden von speziell für die-
sen Tag geschulten Moderatorinnen
und Moderatoren unterstützt.
• Meet the Volunteer fand erstmals im
Mai 2009 statt, initiiert von der Eh-
renamt Agentur Essen und der RWE
Rhein-Ruhr AG. Hier wurde interes-
sierten Bürgern die Möglichkeit gege-
ben, mit ehrenamtlich tätigen Bürgerinnen und Bürgern Die hier dargestellten Elemente einer zukünftigen Bür-
sowie Organisationen in Kontakt zu kommen. gerkommune machen deutlich, dass es eine lebendige und
Die oben skizzierten Veranstaltungen wird es auch im Jahr innovative Szene bürgerschaftlichen Engagements gibt und
2010 wieder geben. dass es möglich ist, dafür Unterstützung der kommunalen
Ein anderes Beispiel für aktive Unterstützung: 2009 hat Selbstverwaltung zu gewinnen. Die politische Wertschät-
sich der Runde Tisch – Vernetzen der Patenschaftsprojekte zung des bürgerschaftlichen Engagements hat zweifellos in
auf Initiative des Büro Stadtentwicklung der Stadt Essen den letzten Jahren zugenommen. Das ist auch der Tatsache
13zuzuschreiben, dass kommunale Leistungen immer mehr ger nicht nur zu Opfern von Sparpolitik macht. Hier wie in
eingeschränkt werden und dass bürgerschaftliches Enga- anderen Feldern könnten Politikerinnen und Politiker auch
gement als Ersatz dafür genommen wird. Die kommunale neue Legitimation gewinnen, indem sie Impulsgeberinnen
Selbstverwaltung steht ungeachtet ihrer grundgesetzlichen und Impulsgeber oder Moderatorinnen und Moderatoren
Garantie vor dem Aus. Die strukturelle Unterfinanzierung von Beteiligungsprozessen werden. Wie notwendig das ist,
der Kommunen – durch die jüngsten Steuersenkungspläne erkennen wir u.a. daran, dass die Wahlbeteiligung – die
noch einmal verschärft – steht in einem grotesken Missver- einfachste Beteiligungsform – nicht nur auf kommunaler
hältnis zu den aktuellen und künftigen Herausforderun- Ebene beständig sinkt.
gen, mit denen die Städte konfrontiert sind. Ohne eine Ausweitung bürgerschaftlicher Beteiligung
Der demografische Wandel und die zunehmende soziale ist die Bürgerkommune als Ziel nicht zu erreichen. Demo-
Spaltung der Gesellschaft mit ihren daraus resultierenden kratische Beteiligung braucht aber auch Gegenstände, loh-
Integrationsaufgaben, um nur zwei Beispiele zu nennen, nende Handlungsfelder. Eine Kommune, die nichts ande-
sind aber nur lokal zu bewältigen. Die Bereitschaft, dar- res mehr ist als ein Ausführungsorgan staatlicher Ebenen,
auf mit bürgerschaftlichem Engagement zu reagieren, ist bietet keine Handlungsspielräume für bürgerschaftliche
erkennbar. Dem steht die immer noch prekäre Finanzie- Beteiligung.
rung der Strukturen des bürgerschaftlichen Engagements
entgegen. „Kurzatmige“ öffentliche Förderung, wie wir sie Prof. Klaus Wermker: Leiter des Bü-
z.B. aus dem Programm „Soziale Stadt“ kennen, ist die Re- ro Stadtentwicklung der Stadt Essen
gel. Das Einwerben von privaten und/oder Stiftungsmitteln (1985-2009). Sprecher des nordrhein-
stellt eine weitere, nicht zu vernachlässigende Finanzie- westfälischen Netzwerkes Soziale Stadt
rungsquelle dar, die aber (auch) nur durch beträchtlichen und selbst bürgerschaftlich engagiert.
professionellen Personalaufwand zu erschließen ist. Hochschulbeauftragter, Honorarpro-
Eine nachhaltige Kommunalpolitik ist nur gemeinsam fessor der Universität Duisburg-Essen
mit den Bürgerinnen und Bürgern zu machen – es dominiert Kontakt:
aber die Praxis, Kommunalpolitik für die Bürger zu machen. wermker@paykowski.de
Anders als in den 1970-er Jahren gibt es dazu momentan
auch keine breite kommunalpolitische Debatte. Die Kommu-
nen scheinen sich in ihrem Elend eingerichtet zu haben und
lassen sich von den Reflexen braver Untertanen leiten. Das
immer noch propagierte Leitbild vom „Unternehmen Stadt“,
dem, dieser Logik folgend, der Bürger als Kunde gegenüber- Monika Hanisch: Dipl. Verwaltungs-
steht, ist das Gegenmodell zur Bürgerkommune. wirtin. Mitarbeiterin des Büro Stadt-
Eine Ausweitung kommunaler Beteiligungsrechte tut not entwicklung der Stadt Essen
– übrigens auch eine Rekommunalisierung verschiedener Kontakt:
Aufgaben. Denken wir nur an einen Bürgerhaushalt, der monika.hanisch@stadtentwicklung.
diesen Namen auch verdient, der die Bürgerinnen und Bür- essen.de
14Lokale Engagementpolitik zwischen
Vielfalt und Verlässlichkeit
Das Zentrum Aktiver Bürger in Nürnberg
Thomas Röbke
Nachhaltige kommunale Infrastrukturen mentmöglichkeiten vor Ort nicht immer zum gegensei-
sind gefragt tigen Vorteil ausgestaltet zu sein. Vielerorts besteht noch
Misstrauen gegenüber diesen neuen Infrastrukturformen,
Das bürgerschaftliche Engagement in Deutschland ist tradi- das sich etwa in der Vermutung äußert, die Infrastruktu-
tionell von einem reichhaltigen Vereins- und Verbandsleben reinrichtungen könnten Ehrenamtliche aus traditionellen
sowie von politischen Parteien und Kirchen geprägt. Dane- Engagementfeldern „abziehen“.
ben lässt sich seit etwa 30 Jahren der Aufstieg eines neuen Umso dringlicher wurde in den letzten Jahren die Ent-
Typus von Infrastruktur beobachten. Es handelt sich dabei wicklung einer lokalen Engagementpolitik, die auf Bünde-
vor allem um Anlaufstellen zur Engagementförderung im lung und Vernetzung der Engagementlandschaft ausgerich-
lokalen Raum, die neben der Vermittlung freiwilliger Tä- tet ist. Mit dieser können auf einer pragmatischen Arbeitse-
tigkeiten und der Verbesserung der öffentlichen Wahrneh- bene die Kooperationschancen einer wachsenden Schar von
mung zivilgesellschaftlicher Anliegen vor allem eine große Akteurinnen und Akteuren im Feld des bürgerschaftlichen
Kreativität bei der Entwicklung neuer Engagementmöglich- Engagements ausgelotet werden. Netzwerklösungen im Be-
keiten bewiesen haben. Parteilich und konfessionell meist reich des bürgerschaftlichen Engagements nehmen zu mit
ungebunden verstehen sich diese Initiativen jeweils als Platt- dem Wunsch, der bunten und an manchen Stellen auch
form und sozialer Ort für engagierte und Engagement inter- wuchernden Engagementlandschaft eine „Geschäftsgrund-
essierte Bürgerinnen und Bürger sowie für Organisationen, lage“ zu geben. Es gilt, gemeinsame Projekte voranzubrin-
die mit Engagement befasst sind. Bürgerstiftungen, Mehr- gen, Doppelarbeit zu vermeiden und die Schnittstellen zu
generationenhäusern, Freiwilligenagenturen, Seniorenbü- Partnern außerhalb des Dritten Sektors (Wirtschaft, Politik,
ros, Selbsthilfekontaktstellen, Lokale Agenda 21-Initiativen, Verwaltung) zu gestalten, denn diese verlangen in der Regel
Stadtteilbüros und ähnlichen Einrichtungen zur lokalen nach strategisch handlungsfähigen Partnern, die „mit einer
Engagementförderung ist gemeinsam, dass sie Aktivitäten Stimme“ sprechen können. Netzwerke scheinen für diese
bürgerschaftlichen Engagements bündeln, befördern und Aufgabe besonders geeignet, weil sie die Selbstständigkeit
die Zugangswege dahin ebnen. ihrer Mitglieder auf Augenhöhe wahren und dennoch wich-
Dieser neue Typus von Einrichtungen steht für das Be- tige Koordinierungsarbeit leisten können.
streben, das bürgerschaftliche Engagement in seiner Breite Vor diesem Hintergrund bedarf es einer ordnungspoli-
und Vielfalt im Gemeinwesen sichtbar und fruchtbar zu tischen Sicht auf den Engagementbereich. Diese soll nach-
machen. Nicht zufällig entstanden und entstehen diese Ein- haltige und effiziente Arbeitsstrukturen mit möglichst ge-
richtungen in einer Phase wachsender gesellschaftlicher ringen Reibungsverlusten garantieren. Sie ist vor allem auch
Individualisierung, in der immer mehr Menschen eine deshalb nötig, weil beim Aufbau der neuen Engagement-
Vielzahl von Handlungsoptionen (auch für ihr freiwilliges strukturen sozialräumliche Aspekte sträflich vernachläs-
Engagement) erwarten und sich zugleich weltanschauliche sigt wurden. Welchen lokalen Umgriff sollte eine eigenstän-
Bindungen zunehmend lockern. In der Fachdebatte besteht dige Freiwilligenagentur haben? In München gab es zum
Einigkeit, dass dieser Typus von Einrichtungen für die Ge- Beispiel über Jahre nur die zentrale Agentur Tatendrang als
staltung einer kommunalen Engagementlandschaft unver- eingeführte Adresse, bis die Caritas auf einen Schlag fünf
zichtbar ist. Freilich haben viele dieser Anlaufstellen bis weitere Agenturen eröffnete. Die Diakonie zog nach, wobei
heute keine ausreichende und nachhaltige Finanzierungs- ihre eigene Agentur nur kurz überlebte. Das mag für eine
grundlage sicherstellen können. Auch scheint der Bezug Stadt dieser Größe sinnvoll sein – richtig koordiniert war
zu den vielfältigen, oft traditionell verwurzelten Engage- dieser Gründungsboom sicher nicht.
15erklären, die Nürnberg überstehen musste: Massiv wurden
altindustrielle Arbeitsplätze abgebaut, das letzte bundesweit
bekannte Beispiel war die Schließung des AEG-Werkes. Vie-
le Menschen, die fit und kompetent waren und natürlich ein
wichtiges Reservoir für bürgerschaftliche Aktivitäten bil-
deten, wurden dadurch zwangsweise in den Vorruhestand
geschickt.
Über die Jahre entstanden im ZAB rund zwanzig Enga-
gementfelder aus unterschiedlichen Gründungsinitiativen.
Manchmal brachte eine Gruppe Ehrenamtlicher eine Idee
ein, die dann gemeinsam mit Hauptamtlichen realisiert
werden konnte, manchmal griffen Hauptamtliche interes-
sante Projekte auf, die andernorts entstanden waren, um sie
auch in Nürnberg anzusiedeln. Schließlich äußerten kom-
Man kann versuchen, diese wachsende Unübersicht- munale Sozialpolitikerinnen und Sozialpolitiker auch ganz
lichkeit durch größere Internetportale in den Griff zu be- konkrete Wünsche.
kommen. So wie es vorbildlich in Berlin (mit dem neuen Im Laufe der Zeit kristallisierten sich Engagementbe-
Auftritt auf den Seiten von www.berlin.de) gelungen ist. reiche heraus, die für viele Ehrenamtliche attraktiv waren,
Wie aber können integrierte Lösungen auf dem flachen sich aber auch deswegen besser als andere entwickelten,
Land aussehen, wo sich manchmal Gemeinden mit 5.000 weil sie durch öffentliche Finanzierungen entsprechend
Einwohnerinnen und Einwohnern eine Freiwilligenagentur gut ausgestattet waren. Heute hat das ZAB elf hauptamt-
leisten, obwohl ein paar Kilometer weiter schon ein nächster liche und über 500 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und
Stützpunkt besteht? Macht das Sinn? Mitarbeiter, von denen mehr als zwei Drittel in Projekten
Es kann sinnvoll sein, vorausgesetzt, die Agentur ist gut tätig sind, die sich der Bildung von Kindern und Jugendli-
in die örtlichen Gegebenheiten der Engagementlandschaft chen sowie der Unterstützung von Familien widmen: Mit
eingebunden. Von Kontext zu Kontext, von Fall zu Fall wird Patenschaften wird überforderten Familien unter die Arme
diese Einbettung anders aussehen, in Berlin anders als in gegriffen. Ehrenamtliche in Kindergärten und Schulen un-
Marktheidenfeld. Das Plädoyer sollte aber eindeutig lauten: terstützen durch individuelle Hilfen die Bildung der Kinder.
Wir brauchen, mehr denn je, einen ordnungspolitischen Bildungspatinnen und -paten begleiten Jugendliche in der
Blick auf das Engagement. Über diese nun anstehende Auf- Zeit der Berufsfindung. Im Projekt Betreuter Umgang kann
gabe sollte man sich nicht mit wohlklingenden Floskeln wie das Umgangsrecht im Scheidungsfall mit Hilfe einer ehren-
„Buntheit“ und „Vielfalt“ hinwegmogeln. amtlichen, neutralen Begleitperson ausgeübt werden.
Die Arbeit des ZAB wurde anfangs überwiegend durch
Das Zentrum Aktiver Bürger Nürnberg zeitlich begrenzte Modellprojekte finanziert. Seit etwa zwei
Jahren allerdings hat die Stadt die kommunalen Haushalts-
Vor diesem Hintergrund sind die Nürnberger Erfahrungen mittel massiv aufgestockt. Das ZAB erhält an die 300.000
sicher für andere Städte anregend, auch wenn, wie bereits Euro Zuschuss; das dürfte für eine deutsche Stadt dieser
betont, Lösungen in jedem sozialen Kontext anders aussehen Größenordnung wohl einmalig sein. Mit weiteren Projektfi-
werden. Sicher ist, dass alle sich eine ordnende und über- nanzierungen und den Aktivitäten des ZAB im Bereich des
blickende Perspektive zueigen machen müssen, um damit corporate volunteering betrug der Gesamtetat im Jahr 2009
die Spontaneität des bürgerschaftlichen Engagements zu über eine halbe Million Euro.
zügeln, nicht aber zu ersticken. Der Begriff der Ordnungs-
politik, der sich aus der Theorie der sozialen Marktwirtschaft Bürgerengagement als Ressource
herleitet, scheint hier übertragbar. Er stellt den Versuch dar, strategischer Sozialpolitik
den spontanen und autonomen Kräften des Marktes (hier:
des bürgerschaftlichen Engagements) eine zurückhaltende, Diese Entwicklung wurde nur möglich dank einer enge-
staatliche Rahmung zu geben. Nicht um ihre Spontaneität ren Verknüpfung der Projekte des ZAB mit den Zielen der
abzuwürgen, sondern um sie möglichst gemeinwohlorien- Nürnberger Sozialpolitik, die seit Jahren sehr ernsthaft das
tiert und ressourcenschonend umzusteuern. bürgerschaftliche Engagement in ihre strategischen Überle-
Vor 13 Jahren wurde in der zweitgrößten bayerischen gungen einbezieht. Im Dezember 2005 verabschiedete der
Großstadt mit über 500.000 Einwohnern das Zentrum Stadtrat den „Orientierungsrahmen für eine nachhaltige Fa-
Aktiver Bürger (ZAB) gegründet. Im Gegensatz zu ande- milien-, Bildungs- und Sozialpolitik“, der einen Paradigmen-
ren Freiwilligenzentren, die zu dieser Zeit ihren ersten wechsel einläutete. Vor dem Hintergrund neuer sozialer
Gründungsboom erlebten, setzte das ZAB nicht auf Ver- Probleme und angesichts einer schwierigen Haushaltslage
mittlung in bestehende, sondern auf Entwicklung neuer plädierte Nürnbergs Sozialreferent Reiner Prölß für eine
Engagementfelder. Als Freiwillige wurden insbesondere Neuausrichtung, die die Handlungsfelder der sogenannten
Menschen in der nachberuflichen Phase gewonnen. Dies drei A (Aufwachsen, Armut, Alter) mit einem deutlich so-
lässt sich nicht zuletzt mit den sozialen Schwierigkeiten zialräumlichen Bezug kombinieren sollte. Damit war eine
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