2020 Ein hartes Jahr - monat Die Zeitschrift - Österreichischer Behindertenrat
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Die Zeitschrift
monat
Ausgabe 4/2020
2020 - Ein hartes Jahr
behindertenrat • www.behindertenrat.at • Aboservice Tel.: (01) 513 1 533 • Abo: 24,00 Euro/Ausland + Portoeditorial
Foto: Privat
Liebe Leser*innen!
D
er zweite Lockdown liegt nun schon hinter uns, doch anders als
im Frühsommer stehen nicht sorglosere Monate mit immer mehr
Lockerungen vor uns. Wir alle müssen uns darauf einstellen, das
noch einige Zeit wenig Sozialkontakte, Abstandhalten, Händewaschen
und Mund-Nasenschutz-Tragen unser Leben bestimmen wird.
Daher hat auch die COVID-19 Pandemie wieder seinen inhaltlichen Platz
in unserer Zeitschrift „monat“. Wie es Menschen mit Behinderungen in
der COVID-19 Pandemie ergeht, lesen Sie auf den Seiten 16-17, Fokus
auf psychische Belastungen wird auf den Seiten 14-15 gelegt.
Gemeinsam können wir am besten für die Rechte von Menschen mit
Behinderungen kämpfen. Es freut mich daher besonders, drei wichtige
Organisationen zum Thema Behinderung als neue Partner begrüßen
zu dürfen.
• Ninlil Empowerment & Beratung für Frauen mit Behinderung (S. 7)
• BIZEPS Zentrum für Selbstbestimmtes Leben (S. 8)
• WAG Assistenzgenossenschaft gemeinnützige e.Gen (S. 9)
Behindertenpolitik ist dann erfolgreich, wenn es ein breites Bündnis
gibt. Ich freue mich auf die nun noch intensivere Zusammenarbeit.
Ich bin sehr zuversichtlich, dass 2021 ein besseres Jahr für uns alle
wird und das jene Menschen mit Behinderungen, die zur COVID-19
Risikogruppe gehören, frühzeitig die Möglichkeit bekommen, durch
eine Impfung geschützt zu werden (wenn sie das möchten).
Herzliche Grüße
Herbert Pichler
www.behindertenrat.at 3Anzeigen Ausgabe 4/2020
HARNWEGSINFEKTIONEN: EINE HÄUFIGE
UND LÄSTIGE BEGLEITERSCHEINUNG
Preiselbeeren gegen wiederkehrende Infektionen
Neu:
Preisel-Caps D-Mannose
Aktivstoffe aus der Preisel/
Cranberry mit D-Mannose
wirken synergistisch sowohl
im Akutfall, als auch in Fäl-
len, wo der Cranberry-Ext-
rakt allein keine ausreichen-
de Schutzwirkung in der
langfristigen Anwendung
S
eit etwa 25 Jahren Neben den bewährten PREI- erreichte.
werden PREISELSAN SELSAN Tabletten gibt es die
Lutschtabletten von vie- geschmacksneutralen Prei- Wichtig ist die regelmäßige
len Querschnittgelähmten sel-Caps, eine Kombination Einnahme von 2-3 Tages-
erfolgreich gegen HWI ein- eines besonders angerei- dosen über den gesamten
gesetzt. In der Zwischenzeit cherten Cranberry-Extrak- Zeitraum des HWI-Risikos
wurden von Caesaro Med tes mit dem bewährten – auch jahrelanger Einsatz
bewährte Formen weiterent- Acerola-Vitamin C und führt zu keinen Resistenzen
wickelt und neue eingeführt Magnesium. oder anderen nachteiligen
um den Bedürfnissen der Effekten.
Betroffenen noch besser zu Preisel-Caps Döderlein
entsprechen: ist eine Kombination des be- Die beschriebenen Prei-
währten Cranberry-Extraktes selbeerpräparate sind in
Wer ein herbes, durst- mit Bakterien zur Unterstüt- Apotheken oder per direkter
löschendes Getränk zung einer gesunden Darm- Zusendung erhältlich.
bevorzugt, dem sei der und Vaginalflora: Wenn man Gratis Kostproben,
Preiselbeersaft Caesaro mal um das Antibiotikum Informationen oder
Med empfohlen: Dies ist ein nicht herumkommt und Beratung: 0732 677164
reiner 100% Fruchtsaft ohne sowohl der Wiederkehr E-Mail info@caesaro-med.at
Zucker, der für die Einnah- des Infektes als auch der www.caesaro-med.at
me mit Wasser gemischt Zerstörung der Darmflora
wird. Erhältlich als 100% Saft entgegenwirken möchte.
(in der 1/2 l Glas lasche) Besonders bewährt bei
oder als 6-fach Saft-Konzent- Frauen, deren Vaginalflora
rat (0,25 l). bei Dysbiosen üblicherweise
von Candida-Pilzen heimge-
Anzeige
sucht wird.
4 www.behindertenrat.atAus dem Inhalt Ausgabe 4/2020
Editorial 3
DAS BAND: Wohnprojekt TBW24 10
Wie gelingt (politische) Teilhabe? 12
Der Stress unserer Zeit 14
2020: Ein hartes Jahr 16
Auf dem Weg zur Pflegereform 18
LEGO für alle! 22
Inspiration für mehr Inklusion:
UNIKATE 24
Frauen mit Behinderungen
am Land 26
Buchrezensionen 32
Foto: Pixabay Foto: Pixabay
D E
Gefördert aus den Mitteln des ie psychischen Auswirkungen in hartes Jahr liegt hinter
Sozialministeriums der COVID-19 Pandemie werden Menschen mit Behinderungen.
immer augenscheinlicher. Umso wichtiger ist der Einsatz
Wie ist die Situation und was kann für Selbstbestimmung und Partizi-
man tun? pation.
Seiten 14 bis 15 Seite 16 bis 17
IMPRESSUM: Medieninhaber: Österreichischer Behindertenrat · Herausgeber: Herbert Pichler · Redaktion:
Gabriele Sprengseis (gs) - Heidemarie Egger (he) · Adresse: 1100 Wien, Favoritenstraße 111/11, Tel.: 01 513
1533, Mail: presse@behindertenrat.at · Website: www.behindertenrat.at · Offenlegung nach dem Mediengesetz:
www.behindertenrat.at/impressum · Gestaltung, Anzeigenverkauf, Layout und Druck: Die Medienmacher GmbH · 8151
Hitzendorf · Filiale: 4800 Attnang-Puchhheim, 07674 62 900, www.diemedienmacher.co.at · Cover: Peter Lechner/HBF ·
Nachdruck nur nach ausdrücklicher, schriftlicher Genehmigung der Redaktion gestattet. · Nicht alle Artikel entsprechen
unbedingt der Meinung der Redaktion. Wir haben das Ziel, eine möglichst breite Diskussionsbasis für behindertenpolitische
Themen und Standpunkte zu schaffen und die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen zu erhöhen. · Bankverbindung:
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www.behindertenrat.at 5Ausgabe 4/2020
DAS FEHLT Hofrat Harald Gruber
Von Neuer Leiter des Sozialministeriumservice
Gabriele Sprengseis sozialministeriumservice.at
I n unserer Nachbarschaft hat
A
sich ein Familienvater er- m 30.9.2020 übernahm Harald
hängt, in meiner Familie gab Gruber die Amtsleitung des
es vor kurzem einen Suizidver- Sozialministeriumservice. Die
such. Die Corona-Pandemie ist Amtsleitung koordiniert und sichert
längst auch eine psychosoziale ein einheitliches Vorgehen der Lan-
Pandemie. Doch darüber wird in desstellen. Durch geeignete organisa-
der Öffentlichkeit kaum gespro- torische und personelle Maßnahmen
chen. Dabei haben Aggression unterstützt die Amtsleitung die Lan-
und Gewalt, Angststörungen desstellen, damit die Aufgaben des
und Depressionen, Alkohol- und Sozialministeriumservice optimal er-
Nikotinkonsum und das Gefühl füllt werden können. Die Amtsleitung
von Überforderung stark zuge- ist auch zuständig für die Qualitätssi-
nommen. Dies und die massiven cherung und die Öffentlichkeitsarbeit
Einschränkungen der persönli- des Sozialministeriumservice.
chen Freiheit hinterlassen tiefe Foto: privat
Spuren. Bei etwa einem Viertel Harald Gruber ist seit 1982 in der
der Bevölkerung hat sich die nachgeordneten Dienststelle des Soziales und Behindertenwesen
psychische Gesundheit stark Sozialministeriums tätig und war ab (Sozialministeriumservice) ist es mir
verschlechtert. 1987 mit unterschiedlichen Leitungs- wichtig, durch Schaffung geeigneter
Ein weiteres Viertel der Men- funktionen betraut. In seiner Funkti- Rahmenbedingungen wie z.B. die
schen in Österreich muss mit on als Supportleiter und Stellvertre- erforderliche technische Ausstattung
weniger Geld auskommen und ter des Amtsleiters hat er bereits seit und die entsprechenden Organisati-
ist wirtschaftlich belastet bis Jahren wesentliche Entscheidungen onsabläufe, die operative Aufgaben-
bedroht. Rund ein Sechstel der für das Sozialministeriumservice (mit) wahrnehmung der Landesstellen zu
Menschen in Österreich leidet getroffen. Die nunmehrige Bestellung unterstützen und damit die best-
Corona-Pandemie-bedingt unter zum Leiter ist ein Zeichen für Konti- mögliche Leistungserbringung für
körperlichen Belastungen. nuität und eine Bestätigung für den unsere Kunden und Kundinnen zu
Diese Belastungen werden von bisherigen Kurs der Organisation. ermöglichen."
der öffentlichen Krisenkommuni- "Ich freue mich, dass ich gemeinsam
kation noch verstärkt. Eine gute mit den Mitarbeiterinnen und Mitar-
Krisenkommunikation muss die beitern sowie allen Partnerinnen und Infobox
Resilienz bzw. die Widerstands- Partnern des Sozialministeriumservice
fähigkeit der Menschen stärken. den bisherigen erfolgreichen Weg der Sozialministeriumservice -
Mittel dazu sind, die Dinge, die Behörde weiter fortsetzen kann," so Zentrale
gelingen, in den Fokus zu stellen Harald Gruber zu seiner neuen Rolle. Babenbergerstraße 5
und die Menschen zu selbstver- 1010 Wien
antwortlichem Handeln im Sinne Des Weiteren beschreibt Harald www.sozialministeriumservice.at
Tel: 01/588 31
der Pandemie-Begrenzung zu Gruber das Verständnis seiner Rolle:
befähigen. Wünschenswert ist „Als Leiter des Bundesamtes für
auch ein Blick auf das Schöne in
dieser Welt.
Gelassene Feiertage wünscht
Gabriele Sprengseis
6 www.behindertenrat.atNeue Partnerorganisation Ausgabe 4/2020
Ninlil – Empowerment und Beratung
für Frauen*1 mit Behinderung* Von Isabell Naronnig / Elisabeth Udl
D
er Verein Ninlil wurde 1996 erleben nämlich, dass ihnen oft die Gewalt vor kurzem passiert ist
gegründet und besteht seit nicht gut oder gar nicht zugehört oder ob die Erfahrung schon lange
mittlerweile fast 25 Jahren. wird. Oder dass das, was sie sagen, her ist. Die Frauen*, die in die
Eine gute Zusammenarbeit mit dem nicht ernst genommen wird. Die Beratung kommen, können über
Österreichischen Behindertenrat Beratungsgespräche verlaufen nicht ihre Erfahrungen mit Gewalt und
gibt es bereits seit mehreren Jahren immer gleich. Das hängt davon über ihre Probleme im Alltag reden.
durch die gemeinsame Arbeit im ab, was die Frauen* an dem Tag Außerdem gibt es bei Kraftwerk
Kompetenzteam Frauen mit Behin- brauchen, wie es ihnen geht und verschiedene Gruppen-Angebote:
derungen. Das ist einer der Gründe, worüber sie sprechen wollen. Viele Es gibt eine Empowerment-Gruppe
wieso wir uns heuer dazu entschlos- der Frauen*, die zu uns kommen, für Frauen*, die sich regelmäßig
sen haben, offiziell Partnerorganisa- sind auf Unterstützung in ihrem austauschen wollen. Es gibt auch
tion zu werden. Alltag angewiesen. Fast immer ist eine therapeutische Gruppe für Frau-
diese Unterstützung viel zu wenig en*, die Gewalt erlebt haben. Und
Ninlil besteht seit 2012 aus zwei Ar- und reicht für ein selbstbestimmtes es gibt an den Wochenenden Empo-
beitsbereichen: Zeitlupe – Peer-Be- Leben nicht aus – sowohl im Modell werment-Seminare. Die Empower-
ratung für Frauen* mit Behinderung der Persönlichen Assistenz als auch ment-Seminare sind für Frauen* mit
und Kraftwerk gegen sexuelle Gewalt innerhalb betreuter Strukturen. Der Lernschwierigkeiten*, die gemeinsam
an Frauen* mit Lernschwierigkeiten*. wichtigste Grundsatz in der Beratung spüren und lernen wollen, wie sie im
und Begleitung durch Zeitlupe ist, Alltag stärker werden können.
Zeitlupe: Peer Beratung dass die Kundinnen* Expertinnen* Wichtig ist uns bei allen Angeboten
Die Zeitlupe, das sind zwei Peer- für ihr eigenes Leben sind! Darüber von Kraftwerk: Die Bedürfnisse der
Beraterinnen*, die Frauen* mit sprechen wir auch in Vorträgen, Frauen* selbst stehen im Mittel-
Behinderung* zu vielen verschie- auf Tagungen oder im Austausch punkt.
denen Themen beraten. Beide mit anderen Beratungsstellen und
Beraterinnen* haben selber eine Vernetzungspartner*innen. Unsere Arbeit wird von verschie-
Behinderung*. Frauen*, die zu uns denen Fördergeberinnen finanziert
in die Beratung kommen (wir nen- Kraftwerk: Gegen Gewalt (FSW, Frauenservice der Stadt Wien,
nen sie Kundinnen*), sprechen mit Kraftwerk ist der zweite Arbeits- Frauenministerin). Deshalb können
uns über Persönliche Assistenz, ihre bereich von Ninlil. Anders als bei alle Angebote von Zeitlupe und Kraft-
Wohnsituation, ihre Partnerschaften Zeitlupe steht bei Kraftwerk ein werk kostenlos genutzt werden.
(oder den Wunsch danach), Sexu- bestimmtes Thema im Mittelpunkt:
alität, Mutterschaft / Elternschaft, Wir arbeiten auf verschiedene Arten
Behörden, Betreuer*innen, Eltern, gegen sexuelle Gewalt an Frauen* Infobox
Wünsche, Erlebnisse und noch vieles mit Lernschwierigkeiten*2. Bei www.ninlil.at / office@ninlil.at
mehr. Den Frauen* ist es wichtig, Kraftwerk gibt es zum Beispiel Ein- Kraftwerk: +43 1 714 39 39
dass wir ihnen gut zuhören – und zelberatung für Frauen*, die Gewalt Zeitlupe: +43 1 236 17 79
das machen wir! Fast alle von ihnen erlebt haben. Dabei ist es egal, ob
1
Mit dem Sternchen weisen wir darauf hin, dass die üblichen Zuschreibungen und Kategorisierungen des damit gekennzeichneten Begriffs in Frage
gestellt, erweitert und neu überdacht werden sollten.
2
In Anlehnung an die Begriffswahl der People-First-Bewegung verwenden wir den Begriff Lernschwierigkeiten* als Empowerment-Begriff gegenüber
dem Begriff der sogenannten geistigen Behinderung*.
www.behindertenrat.at 7Neue Partnerorganisationen
BIZEPS - Zentrum für
Foto: BIZEPS
Selbstbestimmtes Leben
Werden kritische Haltung und Wissen einbringen Von Martin Ladstätter
B
IZEPS - Zentrum für Selbstbestimmtes Leben wurde dem European Network on Independent Living, dem
vor ungefähr 30 Jahren von engagierten Menschen Klagsverband, der Österreichischen Liga für Menschen-
aus der Behindertenbewegung gegründet und rechte sowie Selbstbestimmt Leben Österreich.
betreibt seit 1992 eine Beratungsstelle für Menschen
mit Behinderungen und deren Angehörige. BIZEPS war BIZEPS hat schon jahrzehntelang mit dem Österreichi-
das erste Zentrum für Selbstbestimmtes Leben in Öster- schen Behindertenrat zusammengearbeitet. Dabei zeigte
reich. Menschen mit Behinderungen werden beraten und sich, dass sich der Österreichische Behindertenrat vor
unterstützt auf ihrem individuellen Weg in ein selbstbe- allem während der letzten Jahre immer stärker für die
stimmtes Leben. Themen Selbstbestimmtes Leben, Inklusion, Persönliche
Assistenz und Diskriminierungsschutz eingesetzt hat.
Die qualifizierten Beraterinnen und Berater arbeiten Gerade diese Zeit hat gezeigt, wie wichtig eine gute und
nach der Methode des Peer Counseling, das heißt Be- fruchtbare Zusammenarbeit ist. BIZEPS ist hoch erfreut,
troffene beraten Betroffene. Dabei werden die eigenen die Zusammenarbeit mit dem Behindertenrat durch diese
Erfahrungen an andere Menschen mit Behinderungen in Partnerschaft noch verfestigen zu können.
einer ähnlichen Situation weitergegeben. Ein wichtiges
Ziel der Organisation ist es, Rahmenbedingungen zu schaf- Die Stimme der Selbstbestimmt Leben Bewegung soll
fen, damit Menschen mit Behinderungen ein selbstbe- durch die Partnerschaft mit dem Behindertenrat weiter
stimmtes Leben mit Persönlicher Assistenz führen können. gestärkt werden. Als Organisation behält BIZEPS weiter-
Dabei unterstützt BIZEPS Menschen mit Behinderungen hin eine kritische Haltung bei und bringt sein Wissen aus
bei der Organisation von Persönlicher Assistenz. Gleich- jahrzehntelanger Arbeit in den Behindertenrat mit ein.
zeitig beteiligt sich BIZEPS aktiv am politischen Leben, Erfolgreiches Eintreten für die Rechte von Menschen mit
um sich für eine umfassende Gesetzgebung zur Gleich- Behinderungen geht nur gemeinsam.
stellung von Menschen mit Behinderungen einzusetzen,
auf deren Bedürfnisse und Rechte hinzuweisen und
gegen Benachteiligung und Diskriminierung aufzutreten.
Wir betreiben seit 25 Jahren den größten Nachrichten-
dienst für die Behindertenbewegung in Österreich auf
www.bizeps.or.at. Infobox
BIZEPS - Zentrum für Selbstbestimmtes Leben
Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung Schönngasse 15-17/4, 1020 Wien
Vernetzung ist ein wichtiger Teil der Arbeit von BIZEPS. office@bizeps.or.at / www.bizeps.or.at
BIZEPS ist Teil von vielen weiteren Organisationen wie
8 www.behindertenrat.atAusgabe 4/2020
WAG Assistenzgenossenschaft
Gemeinsam für ein selbstbestimmtes Leben Von Michaela Mallinger
D
ie WAG Assistenzgenossenschaft Schachinger. In den Geschäftsstellen
ist seit November Partner- Wien und Niederösterreich arbeiten
organisation des Österreichi- knapp 40 Mitarbeiter*innen und rund
schen Behindertenrat. „Für uns war 550 Persönliche Assistent*innen für
das ein logischer Schritt.“, erklärt ca. 350 Kund*innen.
Roswitha Schachinger, geschäftsführ-
ende Vorständin der WAG Assistenz- Dienstleistung der WAG
genossenschaft. „Herbert Pichlers Das Erfolgsgeheimnis der WAG ist
großes Ziel ist es, die Rechte von die Peerberatung. Menschen in
Menschen mit Behinderungen und gleichen Lebenssituationen beraten
somit die Idee eines selbstbestimm- Gleichgesinnte. Die WAG unterstützt
ten Lebens in der politischen Arbeit Kund*innen je nach Bedarf z.B. bei
des Behindertenrat umzusetzen. So der Antragstellung oder bei der As-
bekommt dieser Ansatz endlich eine sistent*innensuche. Die Persönlichen
größere Öffentlichkeit. Das möchten Assistent*innen der Kund*innen sind
wir unterstützen.“ bei der WAG Assistenzgenossenschaft
Foto: WAG Assistenzgenossenschaft/Martin Datzinger angestellt. Diese übernimmt somit
Selbstbestimmt Leben auch die Gehaltsverrechnung.
Persönliche Assistenz (PA) erlaubt Menschen mit Be-
hinderungen ein selbstbestimmtes Leben. Persönliche Gebündelte Kräfte
Assistent*innen leisten individuelle Unterstützung Die aktuelle Corona-Situation zeigt, dass das Leben mit
wann, wo und wie sie benötigt wird. „Schlafen gehen - Persönlicher Assistenz in Zeiten einer Pandemie mehr
wann ich will“, „auf die Toilette gehen - wann ich muss.“ Sicherheit bietet als das Leben in Einrichtungen. „Deshalb
oder „Die Freizeit gestalten – wie ich mag.“ eine Familie fordern wir auch jetzt, eine bundesweit einheitliche Re-
gründen, einer Arbeit nachgehen oder studieren. Eigene gelung für bedarfsgerechte Persönliche Assistenz“, meint
Wünsche leben und Ziele erreichen wird so möglich. die Vorständin. „Es ist wichtig, dass behinderte Menschen
selbst entscheiden können, wie sie leben. Hier ist der
Ursprungsidee aktueller denn je Behindertenrat ein wichtiger Partner, der diese Forder-
Die WAG Assistenzgenossenschaft war der erste Anbieter ung voll mitträgt. Kräfte zu bündeln und gemeinsam mit
von Persönlicher Assistenz im Osten Österreichs. Sie wurde dem Österreichischen Behindertenrat dieses Anliegen in
2002 als gemeinnützige Genossenschaft von und für die Politik zu tragen, wird eine wichtige Aufgabe dieser
Menschen mit Behinderungen gegründet. Kooperation sein“, ist Roswitha Schachinger überzeugt.
Die Hauptaufgabe besteht darin, behinderte Menschen
dabei zu unterstützen, ihre Persönliche Assistenz zu orga- Das politische Ziel der WAG als Interessenvertretung ist
nisieren und somit ein selbstbestimmtes Leben führen zu es, bedarfsgerechte, bundesweit einheitliche Persönliche
können. Die WAG arbeitet nach den selbstbestimmt- Assistenz mit Rechtsanspruch zu erreichen – unabhängig
Leben-Prinzipien. In der Beratung, im Vorstand und in von Art der Behinderung, Alter, Einkommen oder Vermö-
der Genossenschaft sind ausschließlich Menschen mit gen sowie die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskon-
Behinderungen tätig. 2004 brachte die WAG Assistenz- vention in Österreich.
genossenschaft wesentliche Erfahrungen in die Gestal-
tung der Richtlinie „zur Förderung der Persönlichen Infobox
Assistenz am Arbeitsplatz“ (PAA) ein. Diese regelt seither WAG Assistenzgenossenschaft gemeinnützige e.Gen
PAA für das Berufsleben, die Arbeitssuche sowie im Stu- www.wag.or.at
dium in ganz Österreich. Derzeit besteht der Vorstand aus Tel: +43 1 798 53 55 – 101 / office@wag.or.at
Mag. Christoph Dirnbacher, Jasna Puskaric und Roswitha
www.behindertenrat.at 9Wohnen
Neues inklusives Wohnprojekt
TBW24 von DAS BAND Von Esther Scheer
Gemeinschaftsraum am Betreuungsstützpunkt Alle Fotos: DAS BAND Spatenstich Fontanastr.: Erkinger, Schmid, Leibetseder, Gehbauer
S
elbstbestimmtes Wohnen ist zu ermöglichen. Das neue Projekt Genossenschaftswohnung angemie-
auch im Jahr 2020 für tau- Teilbetreutes Wohnen 24 (TBW24) tet. Im Zentrum des Wohnkomplexes
sende Menschen in Österreich ist ein Baustein auf dem Weg hin zur steht ein rund um die Uhr betreuter
keine Selbstverständlichkeit. Für Erfüllung der UN-Behindertenrechts- Stützpunkt von DAS BAND, der diesen
Menschen mit Behinderungen oder konvention für Personen, die nicht 12 Bewohner*innen je nach individu-
psychischen Erkrankungen gibt es allein wohnen können, aber nicht ellem Betreuungsbedarf zur Verfü-
oft nur fremdbestimmtes Wohnen - in einer Wohngemeinschaft wohnen gung steht.
aus dem einfachen Grund, weil die wollen“, meint der Geschäftsführer
Voraussetzungen und das Verständ- von 'DAS BAND – gemeinsam vielfäl- TBW24 Stützpunkt
nis für ihre Bedürfnisse fehlen. DAS tig' Dr. Tom Schmid. Zentrales Herzstück und sozialer
BAND schafft gemeinsam mit der Mittelpunkt ist der Stützpunkt (Cen-
Wohnbauvereinigung für Angestellte Zielgruppenorientiertes ter). Dort befindet sich nicht nur der
mit einem innovativen Wohnprojekt Herzensprojekt Arbeitsplatz der Betreuer*innen,
eine Alternative. In Wien leben derzeit etwa 2.000 sondern auch ein geräumiger Kom-
Menschen in betreuten WGs und munikations- und Essbereich sowie
In Artikel 19 der UN-Behinderten- weitere rund 2.000 in teilbetreuter ein gemütlicher Multifunktions-
rechtskonvention von 2008 „Selbst- Form in eigenen Wohnungen. Für raum. Um kurzfristig auftretende
bestimmt Leben und Inklusion in viele Menschen mit Behinderungen Krisen abfangen zu können, wurde
die Gemeinschaft“ heißt es, dass und psychischen Erkrankungen ist ein betreutes Krisenzimmer einge-
Menschen mit Behinderungen das eine Wohngemeinschaft nicht der richtet. Ein buntes Freizeitprogramm
gleiche Recht auf die gleichen Wahl- Wohnort ihrer Wahl. Sie brauchen ergänzt das Betreuungsangebot und
möglichkeiten des Lebens haben aber mehr Unterstützung als im schafft größtmögliche Normalität.
müssen wie alle anderen Menschen. üblichen teilbetreuten Wohnen, das „Es gibt von unserer Seite eine
Sie dürfen nicht verpflichtet wer- die Betreuung nur werktags von Vielzahl an Programmangeboten,
den, in besonderen Wohnformen 8.00 bis 18.00 zur Verfügung stellen die gerne in Anspruch genommen
zu leben. „Das Ziel unseres Vereins kann. Genau für diese Zielgruppe ist werden. Viele entstehen auch durch
ist es seit Jahrzehnten, unseren TBW24 gedacht. 12 Bewohner*innen die Bewohner*innen selbst“, so der
Nutzer*innen eine gleichgestellte haben in einem neuen Wohnprojekt Projektleiter Christoph Wilhelmer.
Teilhabe in allen Lebensbereichen in Wien Oberlaa ihre eigene kleine „Sie leben selbstbestimmt, aber
10 www.behindertenrat.atAusgabe 4/2020
auch als Gemeinschaft. Oft wird ge- psychisch kranken Personen Wohn- So sind Betreuungseinrichtungen
meinsam gekocht. Da kann es schon freiheit mit einem fußnahen Stütz- wie DAS BAND in der Lage, auch in
mal vorkommen, dass 12 Bewoh- punkt, der rund um die Uhr besetzt dieser Krise neue innovative Projek-
ner*innen entscheiden, was heute ist. Es ist immer jemand da, wenn te wie dieses durchzuführen.
auf den Tisch kommen soll.“ Hilfe gebraucht wird und die Freiheit
der eigenen vier Wände gegeben, Senkung des
Der lange Weg wenn keine Hilfe benötigt wird.“ Die Betreuungsbedarfs
Es war ein langer, teils beschwerli- traumhafte Lage von TBW24 im neu- Das erklärte Hauptziel von DAS
cher Weg von der engagierten Idee en Stadtentwicklungsgebiet Oberlaa BAND war von Anfang an die Selbst-
bis zur ersten Schlüsselübergabe. verspricht eine Vielzahl an Freizeit- ständigkeit der Nutzer*innen in die
Doch im Sommer 2020 war es möglichkeiten. Dies wird jedoch erst Tat umzusetzen. Im Fokus steht die
soweit. Die ersten Bewohner*innen nach Ende der Coronakrise voll zur Ermöglichung von gleichgestelltem
konnten ihre eigenen Wohnungen Geltung kommen, aber bereits unter Wohnen und zeitgleich die langfris-
beziehen. Dem vorangegangen Bedingungen des beschränkten Aus- tige Senkung des Betreuungsbe-
sind Jahre des intensiven Planens, ganges genießen die Bewohner*in- darfs. In diesem Projekt bleiben die
Grübelns, Kalkulierens und Verhan- nen und ihre Betreuer*innen die Bewohner*innen auch dann Mie-
delns bis zum Rande des Verzwei- Lage am grünen Stadtrand Wiens. ter*innen in der eigenen Wohnung,
felns. Aber Aufgeben kam für die wenn sie keinen Betreuungsbedarf
Verantwortlichen nie in Frage. Von COVID-19 Situation mehr haben. Sie sind dort zu Hause,
Beginn an wurde das Projekt vom Natürlich hat COVID-19 auch TBW24 wo sie betreut werden, solange sie
Fonds Soziales Wien, der Wohnbau- seinen Stempel aufgedrückt. Gemein- dies benötigen.
vereinigung für Privatangestellten sames ist nur unter Wahrung nötiger
und den beiden anderen beteiligten Hygienemaßnahmen möglich. Aber Mit der WBV-GPA als gemeinnüt-
Genossenschaften (Gesiba, GWG) die notwendige – und in der Corona- zigem Bauträger, der mit maßge-
unterstützt. Schmid betont: „TBW24 krise umso stärker nachgefragte – schneiderten Bauprojekten dazu
ist ein persönliches Herzensprojekt. Betreuung ist ungebrochen rund beitragen konnte, jene baulichen
Unser Ziel ist es, gerade für psy- um die Uhr aufrecht. Die enormen Voraussetzungen zu schaffen, damit
chisch kranke Menschen das teil- Herausforderungen, vor denen DAS selbstbestimmtes Wohnen funk-
betreute Angebot langfristig weiter BAND während der Pandemie-Zeit tionieren kann, wurde ein idealer
auszubauen. Man darf die Gefahren steht, sind beachtlich. Das Aufrecht- Kooperationspartner gefunden. So
der Überversorgung nicht unter- erhalten von Betreuungs- auch mit den beiden anderen Genos-
schätzen. Rund um die Uhr betreut, angeboten mit zeitgleicher Einhal- senschaften (Gesiba, GWG). Geför-
lassen Menschen sich teilweise in tung aller Schutzmaßnahmen ist ein dert wird TBW24 vom Fonds Soziales
Abhängigkeit fallen, obwohl dies gar ständiger Kraftakt, dessen Bewäl- Wien (FSW).
nicht nötig ist. Unser neues Projekt tigung den Ehrgeiz aller Mitarbei-
in der Fontanastraße bietet 12 ter*innen fordert.
Infobox
DAS BAND ist eine Einrichtung
für Menschen mit Behinde-
rungen und/oder psychischen
Erkrankungen in Wien. Gefördert
vom FSW betreut DAS BAND der-
zeit rund 317 Personen. Das An-
gebot umfasst Werkstätten und
Tagesstrukturen, Vollbetreutes
und Teilbetreutes Wohnen, sowie
das Arbeitsintegrationsprojekt
HAUS AKTIV.
S. Heinen (FSW), T. Schmid (DAS BAND), H. Motsch (FSW), C. Wilhelmer (DAS www.band.at
BAND), D. Steiner (DAS BAND), M. Gehbauer (WBV-GPA)
www.behindertenrat.at 11Monitoringausschuss
Wie gelingt (politische) Teilhabe?
Öffentliche Sitzung des Unabhängigen Monitorungausschuss
Von Hannah Wahl / Unabhängiger Monitoringausschuss
Die Vortragenden: Christine Steger, Stefan Prochazka, Lukas Huber, Petra Derler, Erich Girlek Foto: Mitzi Gugg / Monitoringausschss
M
it dieser Frage beschäftigte sich der Unabhängige Zuerst Salzburg, Selbstvertreter und Monitoringaus-
Monitoringausschuss im Zuge seiner Öffentlichen schuss-Mitglied, über politische Teilhabe von Menschen
Sitzung, die dieses Jahr erstmals online abgehal- mit Lernschwierigkeiten. Er betonte das Recht auf
ten wurde. Zahlreiche Interessierte und Expert*innen Teilhabe und erläuterte, dass politisch Teilhaben sehr
nahmen am Montag, dem 19. Oktober 2020 an der virtu- schwierig sein könne. Schwere Sprache oder zu wenig
ellen Veranstaltung teil. Unterstützung würden Barrieren darstellen, mit denen
Menschen mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen hätten.
Den Beginn der Veranstaltung gestaltete Christine Erich Girlek verwies auf oft vorhandene alibihafte Parti-
Steger, Vorsitzende des Monitoringausschusses. Sie zipation, die keinesfalls mit echter Teilhabe verwechselt
verwies auf die menschenrechtlichen Verpflichtungen werden dürfe, da sie nur für die Öffentlichkeit Inklusion
Österreichs, die mit der Ratifizierung der UN-Konvention signalisieren solle, die jedoch nicht praktiziert würde.
über die Rechte von Menschen mit Behinderungen einher- Trotzdem sei es wichtig, sich dafür einzusetzen, teilha-
gehen. Nur der Abbau von Barrieren ermögliche Inklu- ben zu können und sich zu engagieren. Nur so werde
sion und führe dazu, dass Menschen mit Behinderungen Selbstbestimmung überhaupt möglich.
gleichberechtigt in allen Lebensbereichen teilhaben
können. Teilhabe bedeute, dass mitgeredet, mitgemacht Stigmatisierung
aber auch mitentschieden werde. Damit das Realität Es folgte der Beitrag zur Teilhabe von Menschen mit
werde, erfordere es einiger dringender Maßnahmen: Um- psychosozialen Behinderungen von Petra Derler, Erfah-
fassende Barrierefreiheit, auch in Bereichen wie Leichter rungsexpertin, Obfrau und Gründungsmitglied von IdEE
Sprache, bedarfsgerechte Persönliche Assistenz für alle Wien und Monitoringausschuss-Mitglied sowie Stefan
Menschen, die sie benötigen, finanzielle Unabhängigkeit Prochazka, Erfahrungsexperte und Obfrau-Stellvertreter.
oder auch geschultes Personal auf Ämtern. IdEE Wien ist eine Interessenvertretung für Menschen,
die psychische Erkrankung erleben oder erlebt haben.
Teilhabe ermöglicht Selbstbestimmung Sie sprachen u.a. über Peerarbeit, die Menschen helfe,
Im Anschluss sprach Erich Girlek, Gründer von Mensch ihren eigenen Umgang mit ihrer psychischen
12 www.behindertenrat.atAusgabe 4/2020
Herausforderung zu finden. Die Peer-Ausbildung wirke ein Kontaktformular geschaffen, das zusätzlich zur
ermutigend, weil sich viele Menschen mit psychosozialen E-Mail-Adresse und Social-Media-Kanälen betreut wurde.
Behinderungen in den meisten Umfeldern nicht mittei- Hinter den Kulissen wurden alle Eingänge bearbeitet und
len könnten oder wollten. Damit Menschen mit psycho- so konnte ein Teil der Beiträge von Teilnehmer*innen live
sozialer Behinderung an politischen Prozessen teilhaben in die Diskussion eingebracht werden.
können, brauche es einige Veränderungen. Das sind z.B.
Strukturen, in denen ihre Mitarbeit selbstverständlich
sei, atmosphärisch ermöglicht werde und Entscheidun-
gen nicht ohne sie getroffen würden.
Keine Inklusion ohne Gebärdensprache
Lukas Huber vom Österreichischen Gehörlosenbund
(ÖGLB) sprach über die Poltische Teilhabe von gehör-
losen Personen und wie diese möglich wird. Bislang sei
das Recht auf Österreichische Gebärdensprache (ÖGS)
unzureichend gefördert. Das hänge auch damit zusam-
men, dass lange Zeit angenommen wurde, die Gebärden-
sprache würde den Erwerb der Lautsprache bremsen und
somit auch die Inklusion. Mittlerweile wisse man, dass Setting der Online-Veranstaltung Foto: Mitzi Gugg / Monitoringausschss
die Anerkennung der Gebärdensprache für die gleich-
berechtige Kommunikation zentral sei und die Teilhabe Online-Format wird weiterentwickelt
von gehörlosen und schwerhörenden Personen auf allen „Keinesfalls wollten wir uns die Thematisierung der Teil-
Ebenen fördere. Außerdem fehle es an Informationen habe von Menschen mit Behinderungen nehmen lassen“,
in ÖGS um sich über Themen der Politik, wie z.B. einen erläutert Christine Steger, Vorsitzende. „Es war aber
Wahlkampf oder über seine Rechte und Pflichten zu klar, dass die Sicherheitsvorkehrungen rund um Covid-19
informieren. Dieser Informationsmangel und das damit ein neues Format erfordern.“ Infolgedessen begannen
einhergehende fehlende Selbstbewusstsein führe dazu, die Vorbereitungen einer virtuellen Veranstaltung.
dass sich sehr wenige gehörlose Personen politisch in Der Monitoringausschuss stellte sich der Herausfor-
Verbänden oder Parteien engagieren würden. Lukas Huber derung einer barrierefreien Umsetzung. Nach dieser
verwies auch auf die diskriminierende Gesetzeslage, die gelungenen Premiere will man das Format weiter ver-
Menschen mit Behinderungen das Bürgeramt eines Ge- bessern: „Trotz kleiner technischer Schwierigkeiten
schworenen oder Schöffen verweigere. Insgesamt benö- haben wir sehr viel positives und anregendes Feedback
tige es dringend mehr Verbindlichkeit für die Umsetzung erhalten. Kritische Rückmeldungen sind für uns zentral,
von Barrierefreiheit anstelle von Empfehlungen. um zukünftig virtuelle Veranstaltungen zu optimieren“,
so Steger. „Die diesjährige Öffentliche Sitzung erleich-
Barrierefreien Zugang ermöglichen terte Menschen mit weiterer geographischer Entfernung
Barrierefreiheit, eine Grundvoraussetzung für politische ohne umständliche Anreise die Teilnahme. Das ist für
Teilhabe, aber auch für die Teilnahme an Veranstaltun- Menschen mit Behinderungen oft eine Herausforderung,
gen, war bei der virtuellen Öffentlichen Sitzung zentral. weil viele die notwendige Persönliche Assistenz nicht
Daher entschied man sich für ein gevierteltes Format, erhalten, die ihnen unabhängige Mobilität ermöglicht.
das die Kameraübertragung der Veranstaltung selbst, Da jedoch technische Voraussetzungen auch Barrieren
die unterstützende Präsentation, Schriftdolmetschung darstellen können, wollen wir zukünftig Veranstaltungen
sowie Dolmetschung in Gebärdensprache ermöglichten. in Präsenz und virtuell abhalten, wenn es die allgemeine
Zusätzlich gab es eine bildnerische Zusammenfassung in Lage wieder zulässt.“
Leichter Sprache, die Petra Plicka beitrug.
Teilhabe in Theorie und Praxis Infobox
Das Konzept der Öffentlichen Sitzung entstand durch Video der Veranstaltung:
den Wunsch, Expert*innen in ganz Österreich zu Wort www.monitoringausschuss.onlineveranstaltung.at
kommen zu lassen. Für die virtuelle Sitzung wurde daher
www.behindertenrat.at 13Psychische Gesundheit
Der Stress unserer Zeit
Sichtbar gemacht durch eine Pandemie! Von Günter Klug
Foto: Pixabay
S
eien wir ehrlich, all die Dinge, direktem Gespräch verbringen, sinkt. Erste Studien gibt es zwar erst über
die wir jetzt unter Covid bekla- Dafür verbringen wir mehr Zeit vor den ersten Lock Down, aber hier
gen, gab es auch schon vorher. Bildschirmen und beschäftigen uns zeigt sich bereits, dass sich der
Vielleicht waren sie noch nicht so mit geschönten Stories, mit denen Stress in allen Bevölkerungsgruppen
schlimm und wir sind gerade noch unser eigenes Leben im Normalfall gesteigert hat. Ältere Menschen
damit zurechtgekommen. Auf alle nicht mithalten kann. Die Folgen wurden zu ihrem eigenen Schutz
Fälle waren sie uns aber nicht so sind Überlastung, finanzielle Nöte ausgegrenzt, verloren Kontakte
bewusst. Wir leben in einer Zeit und und Einsamkeit. und vereinsamten. Ca. ein Drittel
Gesellschaft der raschen Verände- der Jugendlichen, aber auch deren
rungen, mit denen wir zurechtkom- Stress ist gestiegen Eltern zeigten einen deutlichen An-
men müssen. Die Familiengrößen Studien zeigen, dass davon auch stieg von Stress. Bei Jugendlichen
werden kleiner, ca. 50 % der Men- vor der COVID-19 Pandemie bereits stand er in direktem Zusammenhang
schen in Städten leben in Einzelhaus- Jugendliche und ältere Menschen damit, wie viel sie zu Hause waren,
halten oder sind Allein-Erzieher*in- am Schwersten belastet waren. ob sie in finanziellen Problemen
nen. Sie müssen jede Entscheidung Schon vor Covid gab es in England waren und ob sie in der Lage waren,
selbst tragen, müssen nach der ein Ministerium für Einsamkeit, eine die hochkommenden Gefühle für
Arbeit noch einmal raus, um mit steigende Zahl von Menschen mit fi- sich selbst zu regulieren. Bei den
jemandem zu reden und sind für das nanziellen Nöten, die vielleicht noch Eltern traf es mehr die Frauen, in
Einkommen alleine verantwortlich. einen Job hatten, aber davon nicht Städten, mit finanziellen Problemen,
leben konnten, viele Menschen, mit gestressten Kindern und mit der
Und das in einer Zeit in der sich die die Hoffnung in die Zukunft Unfähigkeit, massiv ausgedrückte
der Arbeitsmarkt völlig verändert. verloren hatten. Wenn in eine so Gefühle richtig und nicht persönlich
Neue und andere Berufsgruppen belastete Zeit noch eine Pandemie interpretieren zu können.
sind gefragt und viele werden nicht mit den entsprechenden Folgen Es zeigt sich also, dass viele Men-
mehr gebraucht. Die Zeit, die wir in kommt, passiert natürlich Einiges. schen, auch ohne eine psychische
14 www.behindertenrat.atAusgabe 4/2020
Problematik mit der Situation nicht Marathon zurück in die Stabilität des betroffenen Menschen, wie ihre
gut zurechtgekommen sind. Was normalen Lebens erst. Kinder oder ältere Personen.
bedeutet das aber für Menschen, • Egal, ob sie eher alleine sind,
die schon vorher unter einer psychi- Aktiv werden oder sie sich in einer, für die
schen Problemstellung litten? Ihre Die gute Nachricht in all diesen Pro- Daueranwesenheit aller, zu klei-
geschwächte psychische Abwehrkraft blemen ist, wir können etwas für uns nen Wohnung befinden.
ist natürlich noch leichter überfor- tun. Das hilft nicht nur durch die Das Wichtigste ist, nehmen Sie
dert. Es kommt zuallererst zu einer Aktivität selbst. Es gibt uns auch das sich Zeit für sich.
Verstärkung der ohnehin schon Gefühl, nicht nur von außen durch die
bestehenden Themen. In Folge kom- Pandemie und die notwendigen Be- Diese wenigen Regeln bieten eine
men dann noch Ängste, Unruhe und schränkungen fremdgesteuert zu sein, gute Chance, bestmöglich durch
alle stressbedingten psychischen sondern das Heft auch wieder selbst diese Zeit zu kommen. Wenn es aber
Probleme bis hin zur Suizidalität in die Hand nehmen zu können. doch nicht reichen sollte, sollte sich
dazu. Gleichzeitig sind die Kranken- Einige gute Hinweise gibt da die niemand davor scheuen, professio-
häuser Pandemie bedingt schwerer Organisation Mental Health Europe, nelle Unterstützung in Anspruch zu
zu erreichen und der ambulante wie zum Beispiel: nehmen. Das ist kein Zeichen von
Sektor, die niedergelassenen Berufs- • Beschaffen sie sich vertrauens- Schwäche. Damit wird man für viele
gruppen und psychosozialen Dienste würdige Informationen, nicht die es brauchen, sich aber nicht
sind durch die Vorsichtsmaßnahmen solche, die von irgendjemandem trauen, ein echtes Vorbild.
behindert und daher überfordert. gepostet werden.
Je länger der Zustand besteht, • Begrenzen sie selbst die Zeit, die
desto schwieriger wird es, stabil zu sie mit Covid Neuigkeiten ver-
bleiben. Es ist bekannt, dass Folgen bringen – einmal am Tag reicht.
einer solchen Belastung nicht rasch • Passen sie gut auf sich auf.
zum Vorschein kommen, sondern oft Egal in welcher Lebenslage sie
Wochen und Monate brauchen, bis sind, versuchen sie gesund und
sie sichtbar werden. nicht zu üppig zu essen und trin-
ken, schlafen sie ausreichend.
Jetzt haben wir bereits 9 Monate Machen sie Dinge, die sie gerne
Pandemie hinter uns, wir sind alle tun, so oft es geht.
gezeichnet. Die Hoffnung auf ein • Achten sie nicht zu sehr auf An-
rasches Ende hat sich nicht be- dere, sondern hören sie auf sich.
wahrheitet, der zweite Lock Down Sie spüren, was ihnen guttut.
fällt uns wegen Erschöpfung und • Lassen sie sich von dem Begriff
Enttäuschung bereits viel schwerer „Social Distancing“ nicht ver-
und die Widerstandskraft sinkt. leiten. Körperlichen Abstand zu
Wie sollen wir es bis zur rettenden halten, heißt nicht, dass man
Impfung schaffen? Noch dazu, wenn nicht in Kontakt bleiben kann.
bereits jetzt Firmen beginnen, von Reden sie über sich und ihre PD. Dr. Günter Klug Foto: Carina Ott
Kurzarbeit ins Entlastungsmanage- Probleme und Ängste mit Ande-
ment überzugehen. Die Folgen der ren und hören sie gut zu. Daraus Zum Autor
Verunsicherung und im schlimmsten entsteht ein Gefühl der Nähe,
Fall der finanziellen Krise treffen des Umsorgens und umsorgt PD. Dr. Günter Klug ist Präsi-
bereits pandemiegezeichnete Men- seins, dass sie für viele Unbilden dent der „pro mente Austria“,
schen naturgemäß noch schwerer. entschädigt. Es erleichtert ihnen Obmann der“ Psychosozialen
Faktum ist, dass alle Menschen noch auch, bei all dem noch Positives Dienste Steiermark“ sowie Med.
Geschäftsführer der „Gesellschaft
Monate, wenn nicht Jahre brau- zu sehen und hoffnungsvoll für
zur Förderung seelischer Gesund-
chen werden, um die Folgen dieser die Zukunft zu bleiben.
heit GmbH“
Zeit aufzuarbeiten. Für psychisch • Nehmen sie sich Zeit und
betroffene Menschen beginnt der sprechen sie viel mit besonders
www.behindertenrat.at 15COVID-19
2020: Ein hartes Jahr
Partizipation und Selbstbestimmung sind überlebenswichtig
Von Heidemarie Egger
Foto: Pixabay
A
uch wenn Menschen mit Behinderungen sehr gut Zwischen Schutz und Selbstbestimmung
wissen, wie sie mit Barrieren und Einschränkungen Die Corona-Pandemie hat auch alle Organisationen
umgehen, ist es dennoch besonders für sie ein und Vereine von und für Menschen mit Behinderungen
hartes Jahr. Viele Menschen mit Behinderungen gehören besonders gefordert. Im Balanceakt zwischen Schutz und
zur Risikogruppe und müssen sich Sorgen machen, was Selbstbestimmung, mit Kreativität und Umsicht beglei-
eine Überlastung des Gesundheitssystems für sie bedeu- ten und unterstützen sie Menschen mit Behinderungen
ten kann. in dieser fordernden Zeit. Auch Unterstützer*innen,
Familien, Persönliche Assistent*innen und Interessen-
Auf Menschen mit Behinderungen vergessen vertretungen haben einen großen Beitrag geleistet,
Zu Beginn der COVID-19 Pandemie wurden Verordnungen damit auch Menschen mit Behinderungen gut durch
erlassen, die nicht auf die Lebensrealitäten von Men- die COVID-19 Pandemie kommen. Tagtäglich gibt es
schen mit Behinderungen eingegangen sind. Nach einem Medienberichte, wie sich unser aller Leben und Alltag
längeren Ping-Pong Spiel – Verordnungsentwurf kommt, verändert hat. Es fehlen die Berichte über Menschen mit
muss nach Begutachtungen wieder verändert werden, Behinderungen, über ihre Unterstützer*innen und ihre
und so weiter – wurde zumindest vom Sozialministerium Angehörigen. Gerade sie erbringen Höchstleistungen im
erkannt, dass eine frühzeitige Einbindung der Interes- Umgang mit der COVID-19 Pandemie. Besonders für viele
senvertretung von Menschen mit Behinderungen wichtig Menschen mit psychischen Erkrankungen sind die belas-
ist. Partizipation und Interessenvertretung für Menschen tende Gesamtsituation und die erzwungene Veränderung
mit Behinderungen ist unter den aktuellen Umständen ihres Alltags schwer.
sehr fordernd. Die COVID-19 Pandemie zeigt auf, dass
viele Menschen mit Behinderungen noch immer nicht Frauen mit Behinderungen
gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind und kein Das Leben von Frauen mit Behinderungen ist von Mehr-
selbstbestimmtes Leben führen können. Die vehementen fachdiskriminierungen geprägt, was durch die COVID-19
Forderungen nach österreichweiter Deinstitutionalisie- Pandemie noch einmal verschärft wurde. Auf Druck des
rung und umfassender Persönlicher Assistenz, dessen Kompetenzteams Frauen mit Behinderungen und mit Un-
Dringlichkeit die Pandemie verdeutlicht hat, müssen terstützung der Behindertensprecherinnen bekam dieses
jetzt umgesetzt werden. Thema 2020 mehr Sichtbarkeit. Neue vielversprechende
16 www.behindertenrat.atAusgabe 4/2020
Projekte befinden sich in Umsetzung: Informationen Triage: Spezielle Ressourcenzuteilung
zur gynäkologischen Vorsorge werden zukünftig auch Die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie,
in Leichter Sprache und Österreichischer Gebärdenspra- Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) veröffentlich-
che angeboten, Persönlichen Assistenz wird ausgebaut, te im Frühjahr 2020 “Klinisch-ethische Empfehlungen für
ein Gewaltschutzprojekt für Frauen mit Behinderungen Beginn, Durchführung und Beendigung von Intensivthe-
nimmt Gestalt an. „Es muss noch viel mehr für die Sicht- rapie bei COVID-19-PatientInnen“. Darin festgeschrie-
barkeit von Frauen mit Behinderungen getan werden. In ben ist eine „Pflicht zur Gesundheitsversorgung ohne
allen Belangen der Behindertenpolitik muss selbstver- Differenzierung nach nicht-medizinischen Kriterien“,
ständlich auch die Geschlechterperspektive eingenom- wie es beispielsweise die Zuschreibung von Qualität
men werden“, bekräftigt Gabriele Sprengseis, Geschäfts- eines Lebens mit Behinderungen wäre. Auf Basis der
führerin des Österreichischen Behindertenrates. Verfassung und der Grundrechte findet sich auch dieser
Gleichstellungsaspekt: „Manche Personen benötigen eine
Was 2020 uns gelehrt hat spezielle Unterstützung, um ihr formales Grundrecht auf
In der Zusammenarbeit mit dem Sozialministerium und Leben und die damit verbundene medizinisch indizierte
auch den Behindertensprecherinnen aller Parteien konn- Behandlung effektiv wahrnehmen zu können, z. B. wenn
te der Österreichische Behindertenrat die Interessen sie eine physische oder psychische bzw. kognitive Ein-
der Menschen mit Behinderungen vertreten und zeigen, schränkung haben. In solchen Fällen ist nicht nur eine
dass Partizipation für alle Seiten wichtig ist. Wie weit gleiche, sondern eine spezielle und damit unter Umstän-
wir jedoch von einer vollen gesellschaftlichen Teilhabe den auch höhere Ressourcenzuteilung nötig, damit diese
entfernt sind, zeigt zum Beispiel das Thema digitale Personen dieselbe Chance haben wie Menschen ohne
Barrierefreiheit überdeutlich. Die Stopp-Corona-App Einschränkung.“ Dies bekräftigt auch das Konsensuspa-
ist jetzt auch nach über einem halben Jahr noch nicht pier der österreichischen intensivmedizinischen Fachge-
barrierefrei. sellschaften (FASIM) vom 11.11.2020.
Der Österreichische Behindertenrat appelliert an die
„Für uns Menschen mit Behinderungen ist es überlebens- Intensivmediziner*innen, sich auch an diese Empfehlun-
wichtig, hartnäckig dafür zu kämpfen, gesehen, gehört gen zu halten, insbesondere was die Ressourcen-
und einbezogen zu werden. Die COVID-19 Pandemie hat zuteilung und das Diskriminierungsverbot anbelangt.
vielfach und schmerzhaft aufgezeigt, welche Barrieren
auf dem Weg zur vollen gesellschaftlichen Teilhabe noch Versorgungsverschlechterung
vor uns liegen“ so Herbert Pichler, Präsident des Öster- Eine weitere Gefahr für Menschen mit Behinderungen
reichischen Behindertenrates. und chronischen Erkrankungen ist die Verschlechterung
der gesundheitlichen Versorgung. Untersuchungen und
Jetzt und in den nächsten Monaten Behandlungen müssen verschoben werden oder fallen
Die Situation in vielen österreichischen Krankenhäusern aus. Das beeinflusst die Lebensqualität und den langfris-
ist sehr ernst. Die Warnungen vieler Expert*innen zei- tigen Gesundheitszustand negativ.
gen, wir stehen kurz davor, dass Ärzt*innen entscheiden
müssen, wer noch intensivmedizinisch behandelt werden „Wir sind alle müde und erschöpft und haben keine Lust
kann und wer nicht (Triage). mehr, mit der COVID-19 Pandemie umzugehen, so geht
es auch Menschen mit Behinderungen. Aber genau jetzt
Viele Menschen in Österreich sind in einer privilegierten brauchen wir eine neue Solidarität und ein Bewusstsein
Situation. Aufgrund ihres Alters und Gesundheitsstatus- der eigenen Verantwortungsmacht, um die besonders
ses können sie darauf vertrauen, auch in einer Triage-Si- gefährdeten Gruppen, zu denen auch viele Menschen mit
tuation optimal versorgt zu werden. Für viele Menschen Behinderungen gehören, zu schützen. Danke an alle, die
mit Behinderungen und Erkrankungen ist jedoch die das bereits mit ihrem Handeln tun! Danke an die Medizi-
drohende Überlastung in den Krankenhäusern eine wei- ner*innen und das Pflegepersonal, die ihr Bestes geben!
tere zusätzliche Gefährdung. Zum erhöhten Risiko eines Mit Zusammenhalt und einer neuen Solidarität schaffen
schweren Verlaufes von COVID-19 kommt nun auch die wir das!“ appelliert Herbert Pichler, Präsident des Öster-
berechtigte Angst hinzu, aufgrund einer Behinderung reichischen Behindertenrates.
oder Vorerkrankung schlechtere Chancen auf die best-
mögliche medizinische Versorgung zu haben.
www.behindertenrat.at 17Pflege
Auf dem Weg zur Pflegereform
Wo stehen wir? Von Christina Meierschitz
Foto: Pixabay
„D
ie Lage spitzt sich immer derzeit Anspruch auf Pflegegeld. konnten in einer großangelegten
mehr zu“, „lange wird es • 153.500 Menschen beziehen Online-Veranstaltung sowohl die
nicht mehr funktionie- mobile Dienste und Task-Force als auch die Ergebnisse
ren - es ist schon die längste Zeit 5 • mehr als 175.000 Menschen wer- der Umfrage einem breiten Publikum
vor 12“. Diese Sätze finden zur Zeit den in Österreich ausschließlich vorgestellt werden. Bis Ende 2020
für viele Bereiche in unserem Land und ohne professionelle Unter- sollen die Arbeiten am Reformpapier
Anwendung, zum Thema der Pflege stützung von ihren Angehörigen beendet sein und im Jahr 2021 soll
sind sie schon seit Jahren in Verwen- gepflegt. die Pflegereform in Etappen umge-
dung. Verstärkt durch die Covid-Krise • Von den 950.000 Pflegenden in setzt werden.
haben sich viele Schwachstellen Österreich sind 75% Frauen.
unseres Pflegesystems noch um ein • Circa 25.000 Menschen in Öster- Herausforderungen
Vielfaches verschärft. Sowohl in der reich benötigen eine 24-Stunden- Das durch die demografische Ent-
professionellen Pflege, aber auch in Betreuung. wicklung und auch durch eine Pensi-
der Angehörigenpflege leisten die Im Juni wurde die Arbeit mit einer onierungswelle im Fachkräftebereich
Menschen Unglaubliches und wir Online-Befragung wieder aufge- der Pflege ein großer Handlungs-
wissen alle, die Pflege in Österreich nommen. Bei dieser konnten sich bedarf bereits besteht und dieser
und wahrscheinlich auch anderswo, interessierte Menschen, Betroffene, sich noch vergrößern wird, ist schon
ist weiblich. Beschäftigte im Pflegebereich sowie seit einigen Regierungsperioden
Interessenvertretungen beteiligen bekannt. Die Pflegefinanzierung
Was bisher geschah und Stellung beziehen. Von dieser wird über kurz oder lang nicht mehr
Im Jänner 2020 wurde von unserem Möglichkeit machten über 3000 bewältigbar sein. Studien sagen
Sozialminister Rudolf Anschober Personen Gebrauch. Die Ergebnisse aus, dass bis zum Jahr 2030 ein
eine Pflegereform mit einer großen werden als Grundlage für die wei- Fachkräftemangel von mindestens
Kick-off-Veranstaltung angekündigt, teren Arbeiten zur Pflegereform 100.000 Personen entstehen wird.
die dann recht schnell durch die dienen. Das Sozialministerium hat Demgegenüber steht die Tatsache,
Ereignisse um die Covid-19 Pande- dazu eine Task-Force eingerichtet, dass sich der Anteil der über 85-jäh-
mie zum Stillstand verurteilt wurde. die bis zum Jahresende die inhaltli- rigen bis zum Jahr 2050 verdrei- bis
Aber dennoch sind folgende Fakten chen Eckpfeiler einer umfassenden vervierfachen wird.
aus dieser Kick-off-Veranstaltung Pflegereform erarbeiten soll. Der ge-
hängen geblieben: samte Prozess wird durch eine Steu- Ein großes Problem ist - wie auch
• Rund 486.000 Menschen haben erungsgruppe begleitet. Im Oktober in einigen anderen Bereichen - der
18 www.behindertenrat.atAusgabe 4/2020
Föderalismus. Er führt zu einer Engagement gestärkt werden. Es gestellt. Hier bedarf es schneller
Zersplitterung der Leistungsange- könnten vermehrte Angebote sozi- und individueller Unterstützung.
bote. Ein noch hinzukommender aler Kontakte, wie z.B. ein Ausbau
Wettbewerbsdruck unter den Leis- von Besuchsdienst, Abhilfe schaffen. Menschen mit Behinderungen
tungsanbietern wirkt sich besonders Selbsthilfegruppen sollen gestärkt Die Pflegereform ist vorwiegend
stark auf die Dienstnehmer*innen und unterstützt werden. Auch der an den Bedürfnissen von älteren
aus, wodurch der Beruf im Bereich Ausbau von Digitalisierung kann Menschen ausgerichtet. Es wird
der Pflege und Betreuung recht dazu beitragen, die Vereinsamung hauptsächlich auf freiwillige Ange-
unattraktiv wird. Covid-19 verschärft der Menschen zu verhindern. Ein hörigenpflege, stationäre Angebote
zusätzlich die Situation. Die enorm weiterer positiver Effekt vom Aus- oder 24-Stunden Betreuung gesetzt.
wachsenden Anforderungen und bau der Digitalisierung wäre, dass Es ist jedoch notwendig, die Betreu-
die damit einhergehenden Überbe- die Kommunikation zwischen den ung, Versorgung und Unterstützung
lastungen der Pflegekräfte höhlen Pflegediensten und Angehörigen we- für Menschen mit Behinderungen
diese immer mehr aus, machen sie sentlich verbessert werden könnte. bedarfsgerecht anzudenken. Hier
krank und führen damit auch zu ist vor allem der menschenrechtli-
belastenden Ausfällen. Man kann jetzt schon sagen, dass che Ansatz, der durch die UN-BRK
durch die COVID-19 Pandemie - so verpflichtend einzuhalten ist, anzu-
Ziel: Würdevolles Altern dramatisch die Umstände auch sind wenden. Das bedeutet Selbstbestim-
Als Hauptziel der Pflegereform wird - die Möglichkeiten und Lösungen mung, Inklusion und Teilhabe an
genannt, ein würdevolles Altern zu im digitalen Gesundheits- und Sozi- allen gesellschaftlichen Bereichen
ermöglichen. Die Herausforderungen albereich schneller vorangetrieben von allen Menschen mit Behinde-
für die Reform werden sein, in der wurden. So können neue Angebote rungen. Damit eng verbunden sind
Pflege Verlässlichkeit zu gewährleis- entwickelt werden und bestehende Begriffe wie De-Institutionalisie-
ten, Einsamkeit zu mindern, Pflege- Dienstleistungen bedarfsgerechter rung und Barrierefreiheit. Niemand
kräfte wertzuschätzen - auch durch erbracht werden. Ein kleiner positi- darf gegen seinen Willen genötigt
finanzielle Anreize - sowie pflegen- ver Effekt in dieser so schwierigen werden, in Institutionen zu leben.
de Angehörige zu entlasten. Das Zeit. Ein wichtiges Ziel der Pflegere- Die Menschen haben das Recht auf
Pflegesystem muss vorausschauend form ist die Entlastung pflegender Angebote, die für alle Menschen
geplant und gestaltet werden. Für Angehöriger. Eine gute Unter- mit Behinderungen mit Pflege und
ein gutes Gelingen sind österreich- stützung könnte mit einer aktiven Betreuungsbedarf ein selbstbe-
weit geltende einheitliche Standards Begleitung der Familien und einem stimmtes Leben ermöglichen. Dafür
in der Pflege festzulegen. Da die Fi- Case Management mit aufsuchender sind ausreichend finanzielle Mittel
nanzströme und Finanzierungsstruk- Beratung gewährt werden. Es bedarf zur Verfügung zu stellen, um selbst-
turen sehr unübersichtlich sind, psychologischer Unterstützungs- bestimmt die Unterstützungsleistun-
sollte laut Experten am besten eine angebote. Die Möglichkeiten zur gen wählen zu können, die benötigt
Finanzierung aus einer Hand erfol- Vereinbarkeit von Beruf und Pflege werden. Dazu zählt auch bedarfsge-
gen. Dem Sozialministerium ist klar, muss dringend ausgebaut werden. rechte Persönliche Assistenz.
dass es mehr Mittel geben muss, um Berufstätige Angehörige müssen
die Herausforderungen der Pflege- einen erweiterten Anspruch auf Pfle- Der gesellschaftliche Auftrag der
reform schaffen zu können. Wie viel geurlaub und Pflegeteilzeit haben. Pflege ist, dem einzelnen Menschen
mehr Budget es dafür geben wird, Mit einer niederschwelligen und sowie deren Familien dabei zu hel-
wurde aber noch nicht beziffert. gut verfügbaren Entlastung wäre fen, ihr physisches, psychisches und
den Familien jedenfalls für Notfälle soziales Potential zu bestimmen und
Ergebnisse dringend geholfen. zu verwirklichen.
Ein sehr großes Problem sowohl für
die pflegebedürftigen Menschen als Auch die Demenzstrategie muss
auch für deren Angehörigen ist die so schnell wie möglich umgesetzt
Einsamkeit. Wie kann diese gemindert werden. Menschen, die ihre Ange-
werden? Dafür gibt es einige Über- hörigen mit Demenz pflegen, sind
legungen. So soll das ehrenamtliche vor sehr große Herausforderungen
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