Barrierefrei Mobil monat - Die Zeitschrift - Österreichischer Behindertenrat
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Die Zeitschrift
monat
Ausgabe 3/2020
Barrierefrei Mobil
behindertenrat • www.behindertenrat.at • Aboservice Tel.: (01) 513 1 533 • Abo: 24,00 Euro/Ausland + Portoeditorial
Foto: Privat
Liebe Leser*innen!
I
ch hoffe, Sie konnten sich über den Sommer etwas erholen. Die
COVID-19 Pandemie bestimmt noch immer vieles in unserem Leben.
Wir als Interessenvertretung sind gewappnet für einen intensiven
Herbst und werden uns auch wieder mit voller Kraft für Menschen mit
Behinderungen einsetzen.
Als Österreichischer Behindertenrat ist barrierefreie Mobilität eines
unserer Kernthemen und daher auch Fokus dieser Ausgabe der Zeit-
schrift „monat“. Besonders intensiv arbeiten wir mit den ÖBB und den
Wiener Linien zusammen, um den öffentlichen Verkehr immer barriere-
freier zu gestalten. In dieser Ausgabe geben wir Einblick in die Arbeit
des Behindertenrates zum Thema Mobilität auf den Seiten 10 bis 16.
Wie Menschen mit Lernschwierigkeiten den öffentlichen Verkehr nutzen
können, zeigt ein Projekt von Jugend am Werk auf den Seiten 22-23.
Vor uns liegt die graue Aussicht auf einen Herbst und Winter im kons-
tanten Pandemiedruck. Neben Abstand halten, Handhygiene und dem
Nutzen eines Mund-Nasen-Schutzes, vergessen Sie nicht, auch auf Ihre
psychische Gesundheit zu achten.
Herzliche Grüße
Herbert Pichler
www.behindertenrat.at 3Aus dem Inhalt Ausgabe 3/2020
Editorial 3
Die Krux mit der Einstufung 8
Mobilität in der Zukunft 10
Inklusive Planung mit den ÖBB 14
Must Have: Barrierefreie
Toiletten 18
Projekt zu automatisierter
Mobilität 21
Mut machen zum Selbstfahren 22
Mobilität für Alle! 24
Was muss die Zukunft bringen? 30
Buchrezensionen 32
Foto: Lukas Ilgner Foto: Pixabay
I E
Liebe Leser*innen! m Bereich Verkehr und Mobilität iner der wichtigsten Mobilitäts-
Wir wünschen viel Spaß beim Lesen sind Planungen auf Jahre und dienstleister für Menschen mit
des neuen Heftes und freuen uns Jahrzehnte ausgelegt. Barriere- Behinderungen in Österreich sind
über Rückmeldungen an: freiheit kann nur gewährleistet die ÖBB. Wie der Behindertenrat mit
presse@behindertenrat.at werden, wenn Menschen mit Behin- den ÖBB zusammenarbeitet, lesen Sie
monat
derungen frühzeitig eingebunden auf diesen Seiten.
werden.
Gefördert aus den Mitteln des Seiten 10 bis 13 Seite 14 bis 16
Sozialministeriums
IMPRESSUM: Medieninhaber: Österreichischer Behindertenrat · Herausgeber: Herbert Pichler · Redaktion:
Gabriele Sprengseis (gs) - Heidemarie Egger (he) · Adresse: 1100 Wien, Favoritenstraße 111/11, Tel.: 01 513
1533, Mail: presse@behindertenrat.at · Website: www.behindertenrat.at · Offenlegung nach dem Mediengesetz:
www.behindertenrat.at/impressum · Gestaltung, Anzeigenverkauf, Layout und Druck: Die Medienmacher GmbH · 8151
Hitzendorf · Filiale: 4800 Attnang-Puchhheim, 07674 62 900, www.diemedienmacher.co.at · Cover: ÖBB/Katharina Stögmül-
ler · Nachdruck nur nach ausdrücklicher, schriftlicher Genehmigung der Redaktion gestattet. · Nicht alle Artikel entsprechen
unbedingt der Meinung der Redaktion. Wir haben das Ziel, eine möglichst breite Diskussionsbasis für behindertenpolitische
Themen und Standpunkte zu schaffen und die Sichtbarkeit von Menschen mit Behinderungen zu erhöhen. · Bankverbindung:
easybank, IBAN: AT85 1420 0200 1093 0600, BIC: EASYATW1 DVR 08 67594 · ZVR-Zahl: 413797266 · Erscheinungsort Wien.
www.behindertenrat.at 5Ausgabe 3/2020
DAS FEHLT Danke!
Von Zur Pensionierung von
Gabriele Sprengseis
Hofrat Dr. Günther SCHUSTER Von Heidemarie Egger
E s fehlt ein starker Zusam-
menhalt innerhalb der behin-
dertenpolitischen Szene. Dem
Österreichischen Behindertenrat
wird die Rolle als Interessen-
vertretung regelmäßig nicht
zugestanden. Unsere Mitglie-
derstruktur wird kritisiert und
als zu „Dienstleister-orientiert“
abgelehnt. Mitglieder bei uns
sind große und kleine Vereine,
gemeinnützige Dienstleistungs-
organisationen, aber auch
Betroffenenorganisationen der
Selbsthilfe. Vor kurzem erst
wurde unser Status als Inter-
essenvertretung vom European
Disability Forum überprüft und Delegiertentag des Behindertenrates 2017 Foto: Janousek
bestätigt. Dort können Orga-
J
nisationen nur dann Mitglied ahrzehntelang setzte sich Pichler, Präsident des Behinderten-
sein, wenn sie überwiegend von Dr. Günther Schuster erfolgreich rates, bedankt sich vielmals bei ihm:
Menschen mit Behinderungen und mit viel Herzblut für die „Die Zusammenarbeit mit Herrn Dr.
getragen werden. Belange von Menschen mit Behin- Schuster habe ich immer sehr ge-
Wir fordern nun auch die öster- derungen ein. Im Sommer 2020 trat schätzt. Als Unterstützer an unserer
reichische behindertenpolitische er nun wohlverdient die Pension an Seite fehlt er uns jetzt schon jeden
Szene auf, uns an unserer Arbeit und ist nicht mehr Amtsleiter des Tag. Und auch mir persönlich ganz
und unserer aktuellen Struktur Sozialministeriumservices. Herbert besonders als Mensch.“
zu messen und die reflexartige
Kritik zu überdenken. Als Be-
hindertenrat gehen wir den Weg
der Zusammenarbeit und geben
Diskursraum für alle Stakehol-
der. Gerade jetzt, angesichts
der COVID-19 Herausforderung
und auch der anstehenden
Pflegereform, muss die margi-
nalisierte Gruppe der Menschen
mit Behinderungen gemeinsam
agieren. Nur mit einem starken
Zusammenhalt lassen sich die
Forderungen an die Politik auch
durchsetzen und die Behinder-
tenpolitik voranbringen.
* g.sprengseis@behindertenrat.at
Konferenz "Arbeit für Alle" 2018 Foto: dabei/Harald Lachner
6 www.behindertenrat.atPflege Ausgabe 3/2020
Aktionstag pflegender Angehöriger
Sonntag der 13.09.2020 Von Birgit Meinhard-Schiebel / IG pflegende Angehörige
F
ast eine Million Menschen in mir besser geht damit. Und wenn auf die Situation der pflegenden An-
Österreich sind pflegende Ange- ich einmal für ein oder zwei Tage gehörigen aufmerksam zu machen.
hörige. Sie machen es möglich, zu meinen Verwandten fahre, dann In der Covid-19-Krisenzeit hat sich
dass pflegebedürftige Menschen begleiten mich immer die Gedanken, ganz deutlich herauskristallisiert,
daheimbleiben können. Viel zu we- ob daheim alles gut geht“. Wie es dass sie jetzt von zusätzlichen Pro-
nige nehmen dabei weitere Hilfen in über die Jahre weitergeht? Sie weiß blemen belastet sind. Viele wichtige
Anspruch, viel zu wenige von ihnen es nicht und macht weiter. Eine Mut- und notwendige Einschränkungen,
wissen, welche Unterstützungsan- ter, deren mittlerweile erwachsenes um das Virus in Schach zu halten,
gebote es gibt. Es ist „die Pflege im Kind schwer chronisch krank ist, hat betreffen den Pflegealltag ganz
Verborgenen“. in den vielen Jahren immer wieder besonders.
Hoffnung geschöpft, dass ihr Kind
Der 2. Nationale Aktionstag für pfle- alles bekommt, was es braucht. Ihr Umso wichtiger war die breite
gende Angehörige am Sonntag, dem jahrelanger Kampf um Unterstüt- Aufmerksamkeit für den 2. Natio-
13.9.2020, machte in den schwieri- zungsleistungen bestimmt ihren nalen Aktionstag am 13.09.2020.
gen Zeiten der Covid-19-Krise deut- Alltag und an manchen Tagen fehlt Aufgrund der Covid-19-Krise fand er
lich, dass gerade sie auch keinen die Luft, um durchzuatmen. virtuell statt.
freien Sonntag kennen. „So habe
ich mir das nicht vorgestellt, das Diese persönlichen Erfahrungen Weil wir wissen, dass pflegende
mit der Pflege“ sagt Frau F., die seit sind exemplarisch und beschreiben, Angehörige keinen freien Sonntag
Jahren für ihre pflegebedürftigen wie das Leben sich verändert, wenn haben, weil wir wissen, dass sie jetzt
Eltern sorgt. Ihr eigenes Leben hat Menschen zu pflegenden Angehöri- und immer Unterstützung brauchen.
sie darauf eingerichtet, nicht nur für gen werden. Sie sind es, für die die Weil wir wissen, dass vielen von
ihre Eltern da zu sein, sondern auch Interessengemeinschaft pflegender ihnen die Unterstützungsangebote,
in ihrer Familie und in dem kleinen Angehöriger seit 2010 ehrenamtlich die es gibt, nicht genug bekannt
Betrieb, den ihr Mann führt, zu arbeitet. Als Internetplattform mit sind. Wir setzen uns mit unserer
helfen. „Ich kann nicht nachdenken, vielen Links zu Serviceangeboten, ganzen Kraft für sie ein, egal an
was ich alles tun könnte, damit es mit Forderungen an die Politik, um welchem Wochentag.
www.behindertenrat.at 7Pflege
Die Krux mit der Einstufung
Aktuelles zum Pflegegeldrecht Von Sebastian Müller / Behindertenanwaltschaft
kommt etwa bei hochgradig sehbehinderten Menschen,
blinden Menschen und taubblinden Menschen zur
Anwendung und wird auch „diagnosebezogene Einstu-
fung“ genannt. Hierbei wird nämlich nicht im Einzelnen
erhoben, welche Tätigkeiten der Antragsteller/die
Antragstellerin noch selbst vornehmen kann und welche
nicht. Stattdessen wird nur darauf geschaut, welche
körperliche Behinderung in welchem Ausmaß vorliegt.
Je nach dem wird „automatisch“ Pflegestufe 3, 4 oder 5
festgesetzt. Liegt der individuelle Bedarf höher, so ist
aber dieser ausschlaggebend.
Nicht für alle
Neben den bereits genannten Arten von Behinderun-
gen gibt es noch eine weitere Gruppe von Menschen
mit Behinderungen, bei denen eine Mindesteinstufung
vorzunehmen ist: nämlich Rollstuhlfahrerinnen und
Rollstuhlfahrer. Allerdings sind hier die Voraussetzungen
Foto: Pixabay/KlausHausmann etwas komplizierter. Zum einen muss der Rollstuhl die
weitgehend selbstständige Lebensführung ermöglichen.
S
eit über 25 Jahren gibt es in Österreich mit dem Damit können zum Beispiel viele, die nach einem Schlag-
Bundespflegegeldgeldgesetz eine zentrale und anfall einen Rollstuhl benutzen und gleichzeitig die
einheitliche Rechtsgrundlage, um Personen, welche Hilfe anderer für ihre Lebensführung benötigen, keine
ihren Alltag nicht (mehr) ohne pflegerische Hilfe bewäl- Mindesteinstufung beantragen. Ihnen bleibt aber natür-
tigen können, finanziell zu unterstützen. Dazu wird der lich die oben beschriebene Erhebung des individuellen
Stundenbedarf an Pflegeleistungen erhoben. Die Einstu- Pflege- und Betreuungsbedarfs.
fungsverordnung schreibt vor, wie viel Zeit für einzelne,
typische Pflegeleistungen zu veranschlagen ist. Eine Außerdem braucht man eine von wenigen ausdrücklich
Über- oder Unterschreitung je nach individueller Situati- aufgezählten Diagnosen, die Grund für die Benutzung
on natürlich möglich ist. des Rollstuhls sind, nämlich Querschnittlähmung, beid-
seitige Beinamputation, genetische Muskeldystrophie,
Einstufung Encephalitis disseminata oder infantile Cerebralparese (§
Beurteilen müssen die ärztlichen Sachverständigen 4a Abs. 1).
– meistens sind es Ärztinnen und Ärzte der Pensions-
versicherungsanstalt, da diese für die meisten Pflege- Doch was ist mit anderen Rollstuhlfahrer*innen? Warum
geldanträge zuständig ist - also den gesundheitlichen bekommen sie nicht einfach eine Mindesteinstufung? Noch
Zustand des Antragstellers/der Antragstellerin und dazu, wo unsere Verfassung die Gleichbehandlung von
welche Verrichtungen des Alltags (An- und Auskleiden, Menschen, die sich in vergleichbaren Lebenssituationen
Nahrungszubereitung, Körperpflege, usw) wegen des befinden, verlangt (Art. 7 Bundes-Verfassungsgesetz).
gesundheitlichen Zustandes nicht mehr selbst vorge- Das Landesgericht Salzburg hat kürzlich ein Pflegegeld-
nommen werden können. Man spricht bei diesem System verfahren zum Anlass genommen, den Verfassungsge-
von der „funktionsbezogenen Einstufung“. richtshof genau mit dieser Frage zu konfrontieren
(G 280/2019 ua). Konkret möchte es erreichen, dass der
Daneben gibt es im Bundespflegegeldgesetz, konkret Verfassungsgerichtshof die bei Rollstuhlfahrer*innen
in § 4a, auch das System der Mindesteinstufung. Dieses zusätzlich erforderlichen Diagnosen streicht, sodass alle,
8 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2020
die einen Rollstuhl aktiv verwenden, eine Mindesteinstu- Mindesthöhe bekommen, sondern stattdessen ein
fung erhalten. Doch kann dadurch wirklich mehr Gleich- manchmal mühevolles Einstufungsverfahren mitsamt
behandlung herbeigeführt werden? Beibringung von Unterlagen und Untersuchungen bei
der Behörde durchlaufen sollen. Diese Frage ist natürlich
Gleichbehandlung nachvollziehbar und wird vom Aufhebungsantrag des
Der Gesetzgeber ist an die Verfassung gebunden und Landesgericht Salzburg auch angesprochen. Beantwor-
damit auch an den Gleichheitssatz. Er muss also gleiches ten kann diese Frage in Wahrheit nur die Politik. Mit der
gleich und ungleiches ungleich behandeln. Dabei darf er Aufhebung von Wortfolgen des Gesetzes kann man hier
aber eine Durchschnittsbetrachtung anstellen. Alles ande- leider nur wenig erreichen. Am allerwenigsten gedient
re wäre wohl oft eine Überforderung des Gesetzgebers und wäre Menschen mit Behinderungen, wenn der § 4a BPGG
der Vollziehung. Die Mindesteinstufung soll nämlich auch zur Gänze gestrichen würde. Dann hätten nicht einmal
eine Verwaltungserleichterung sein. Man geht davon aus, die dort genannten Gruppen einen erleichterten Zugang
dass mit den dort genannten Behinderungen typischer- zu Pflegegeldleistungen.
weise gleichartige Pflege- und Betreuungsbedarfe einher-
gehen, diese Personen bekommen also immer das gleiche Reformbedarf
Geld. Damit sollen vor allem Nachteile ihrer Mobilität Erst eine umfassende Reform des Pflegegeldwesen,
ausgeglichen werden, die schwer in Zeit messbar sind. insbesondere auch eine bedarfsgerechte Erhöhung der
Auszahlungssummen, würde zu mehr Gerechtigkeit
Die Mühen des Verfahrens führen.
Menschen mit anderen Behinderungen fragen sich viel-
leicht, warum sie nicht Pflegegeld in einer bestimmten
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www.behindertenrat.at 9Mobilität
Mobilität in der Zukunft
Baustellen der Barrierefreiheit Von Emil Benesch
besonders wichtig. Echtzeitinfor-
mationen sind gefragt, um sich
auf Änderungen rasch einstellen
zu können. Wann und auf welchem
Bahnsteig fährt mein Zug oder
wie ist der Schienenersatzverkehr
geregelt? Neue Monitore der ÖBB
liefern nun Echtzeitinformationen
nach dem Mehr-Sinne-Prinzip. Sie
bieten damit auch Fahrgästen mit
Behinderungen einen Zugang zu ak-
tuellen Zuginformationen. Dieselben
Informationen, die am Bildschirm
visuell angezeigt werden, können
per Knopfdruck auch akustisch
abgerufen werden. Für Personen mit
Sehbehinderungen und blinde Men-
schen ist das ein großer Fortschritt.
Nur über Barrieren zur Elektromobilität Foto: Benesch Sie hören jetzt die Informationen,
die sie nicht sehen können.
O
b für Menschen mit Behinde- mit dem Rollstuhl erreichbar ist.
rungen in der Zukunft Mobi- Überall sind E-Ladestation anzutref- An der Entwicklung des neuen
lität barrierefrei möglich sein fen, die so gestaltet sind, dass sie Monitors haben sich Expert*innen
wird, wird in Planungsprozessen eine Verwendung durch Personen im mit Behinderungen beteiligt. Am
Jahre vorher festgelegt. Immer Rollstuhl nicht erlauben. ÖBB Bürostandort Praterstern in
mehr gelingt es dem Behindertenrat Auch bei BM Gewessler wurde dieses Wien wurde der Monitor getestet.
und den Expert*innen mit Behinde- Thema bereits angesprochen. Es Geprüft wurde, wie blinde und
rungen inklusive Planungsprozesse fehlt an Barrierefreiheit, wie etwa sehbehinderte Menschen die akus-
einzufordern, zum Nutzen aller. bei der E-Ladestation direkt vor tische Sprachausgabe nützen und
dem Sozialministerium. Menschen diese Informationen aufnehmen. Die
Klimaschutz mit Behinderungen dürfen nicht Rückmeldungen führten schließlich
Der Elektromobilität gehört die von der Nutzung klimafreundlicher zu Änderungen beim Design, der
Zukunft. Zur Versorgung von E-Autos Zukunftstechnologien ausgeschlos- Sprachausgabe, dem Tastenmecha-
mit Strom entstehen derzeit E-Lade- sen werden. Für die Entschärfung nismus und bei der Bedienung des
stationen in ganz Österreich in der Klimakrise benötigt es die Monitors.
großer Zahl. In der Euphorie wurde Bemühungen und Beiträge aller
konsequent darauf vergessen, dass Menschen. Gemäß der Devise: Mit Kleine Bahnhöfe
auch Menschen mit Behinderungen Inklusion für mehr Klimaschutz! Mit Mit der Entwicklung des innovati-
E-Ladestationen nutzen wollen. Klimaschutz zu mehr Inklusion! ven Monitors setzen die ÖBB eine
Lenker*innen, die einen Rollstuhl Initiative für mehr barrierefreie
verwenden, wollen auch die Mög- Zwei-Sinne-Prinzip Informationen an kleinen Bahnhö-
lichkeit haben ein E-Auto zu fahren. Informationen sind eine Vorausset- fen in ländlichen Gebieten. In einem
Eine Voraussetzung dafür ist, dieses zung, um gut mobil sein zu können. Pilotbetrieb auf der Salzkammergut-
auch aufladen zu können. Dazu ist Am Bahnhof sind umfassende und bahn zwischen Attnang-Puchheim
es notwendig, dass die Ladestation aktuelle Zuginformationen und Stainach-Irdning wurden bereits
10 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2020
zehn neu entwickelte Monitore, zu verwenden. Alle Bewohner*in-
teilweise in Wandmontage oder auf nen? Nein, manche müssen draußen
Stelen errichtet. Sie bieten Fahr- bleiben. Personen mit Rollstuhl sind
gästen mit Behinderungen einen von den Busfahrten ausgeschlos-
barrierefreien Zugang zu aktuellen sen. Der Behindertenrat und seine
Zuginformationen. Mitglieder setzen sich dafür ein,
dass bereits Prototypen barrierefrei
Digitale Assistenzsysteme gestaltet werden.
Ende Juni erfolgte mit einer In-
formationsveranstaltung bei den Taktile Leitsysteme
Wiener Stadtwerken der Auftakt für Ärzte empfehlen, Stolperfallen zu
eine spannende Testphase. Teil- Hause wie lose Kabel, rutschende
nehmer*innen mit Behinderungen Teppiche und Türschwellen zu be-
können einen persönlichen digitalen seitigen, um Unfällen vorzubeugen.
Assistenten für mehrere Monate tes- Gehen wir aus dem Haus, wünschen
ten. Das Testgerät erlaubt Interakti- wir uns den öffentlichen Raum mit
onen durch Sprache, Bild, Video und Wegen und Plätzen frei von Stolper-
Berührung und verfügt über eine fallen. Wer bewegt sich nicht gerne Gehen am taktilen Leitsystem
Vielzahl eingebauter Funktionen, auf breiten Gehsteigen, die eben Foto: Lukas Ilgner
welche auch einfach erweitert wer- und frei von Hindernissen sind? Bevorzugt werden zum Gehen na-
den können. Genau um Weiterent- türliche, schon bestehende, lineare
wicklung geht es. Die Testpersonen Blinde Menschen benötigen darüber Strukturen, wie Hausmauern, Brüs-
mit Behinderungen sind eingeladen hinaus die Möglichkeit, sich zu ori- tungen, Geländer und Rasenkanten.
die Barrierefreiheit zu testen und entieren. Einige wenige haben einen
mit ihrer Erfahrung und Kreativität Assistenzhund, der hilft Wege zu fin- Wo natürliche Strukturen zur takti-
neue Ideen für neue Anwendungen den und Gefahren auszuweichen. Die len Orientierung mit dem Langstock
zu sammeln. meisten blinden Personen jedoch fehlen, sind taktile Leitsysteme
greifen auf den Langstock zurück, um gefragt. Sie bilden einen Grundstein
Mobilitätsbereich sich tastend zu orientieren. für die selbstständige Mobilität.
Hier haben die Wiener Stadtwerke
bereits zwei Anwendungen ent-
wickelt und öffentlich verfügbar
gemacht, welche die Abfrage der
Abfahrtszeiten der Öffis der Wiener
Linien und der Wiener Lokalbahnen
in einzelnen Stationen durch Spra-
che ermöglichen.
Fahrerlose Busse
Die technologische Entwicklung
erlaubt es, Fahrzeuge ohne Lenke-
rinnen oder Lenker fahren zu lassen.
Ein Testbetrieb eines fahrerlosen
Autobusses läuft in der Wiener
Seestadt Aspern. Die Wiener Linien
beabsichtigen mit diesem Prototy-
pen Erkenntnisse für eine spätere
Verwendung im Regelbetrieb zu
gewinnen. Die Bewohner*innen des
Stadtteils sind eingeladen, den Bus Selbstfahrender Bus in Wien - Einstieg nur ohne Rollstuhl Foto: Christopher Schlembach
www.behindertenrat.at 11Mobilität
Nicht nur teilweise, oder manch-
mal, sondern immer und überall. So
wie auf Fahrspuren von Autobah-
nen nicht plötzlich ein Mistkübel
aufgestellt wird, wollen blinde
Menschen darauf zählen können,
dass auf ihren Wegen keine künst-
lichen Hindernisse - Mistkübel und
scharfkantige mobile Straßenver-
kehrszeichen - und damit Unfallge-
fahren aufgebaut werden. Taktile
Leitsysteme sind von Einbauten und
Gegenständen frei zu halten. Für
die gute, sichere Nutzbarkeit ist
auch ein mindestens 40 cm breiter
Streifen links und rechts frei von
Hindernissen zu halten. Blutige
Verletzungen sind die Folge, wenn
scharfkantige Verkehrsschilder auf
Wegen blinder Menschen zu stehen
kommen. Unfälle passieren, wenn
achtlos abgestellte E-Scooter oder
kurzfristig eingerichtete Baustellen
die Wege blinder Menschen behin-
dern oder die Tastleiste für den Blin-
den-Langstock bei Gerüsten fehlt.
Sicherheitsabstände
Sie dienen dazu blinde Menschen
möglichst fern von Gefahrenquellen
zu halten. Daher wird ein Abstand
von 80 cm oder mehr zwischen
Pflanzentröge können die Orientierung behindern. Foto: Lukas Ilgner taktilen Leitstreifen und Rand-
steinkanten von Busfahrbahnen
Ertastbare Orientierungsmög- menhängend, also lückenlos ertast- oder Gleiskörpern von Straßenbahn-
lichkeiten sind unverzichtbar, um bar sein. Übergänge von natürli- zügen eingesetzt. Die Wiener Linien
selbstständig unterwegs zu sein. Sie chen Strukturen wie Hausmauern zu und die ÖBB gehen hier mit gutem
bedürfen dabei bestimmter Qualitä- eingebauten taktilen Leitsystemen Beispiel voran. Für U-Bahn und ÖBB
ten, um ihre Funktion zu erfüllen. sind bei der Planung zu bedenken Bahnsteige gelten noch größere
und entsprechend zu gestalten. Da Sicherheitsabstände.
Taktile Bodeninformationen blinde Menschen sich Wege ein-
Ein taktiles Leitsystem muss an jeder prägen und merken müssen, ist es Wartung
Stelle taktil ertastbar sein. Gute wichtig, Leitsysteme nach einer Selbst gut geplante Leitsysteme
Ertastbarkeit wird erzielt, wenn die Logik und gewissen Regeln, wieder- können in die Jahre kommen und
Profilhöhe zwischen den Stegen und kehrenden Gesetzmäßigkeiten zu unbrauchbar werden. Damit Leit-
Rillen 4,5 mm beträgt und an den gestalten. systeme nicht zur Dekoration im
taktilen Leitstreifen beidseitig eine öffentlichen Raum verkommen und
15 cm glatte, visuell gut unter- Ist ein Blindenleitsystem eingerich- nur Sehenden auffallen, wenn sie
scheidbare Fläche angrenzt. tet, gilt es, dieses frei von Hinder- lineare Formen am Boden wahr-
Taktile Leitsysteme müssen zusam- nissen zu halten. nehmen oder mit dem Rollkoffer
12 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2020
drüber rattern, sondern tatsächlich Blindenwohlfahrt, wenn es gilt ein Plan. Die Einbindung der Expert*in-
blinden Menschen Mobilität ermög- taktiles Leitsystem in einer U-Bahn- nen mit Behinderungen ist überaus
lichen, ist kontinuierliche Wartung station neu oder umzuplanen. effizient, bringt Planungssicherheit
erforderlich. Wird diese von den Anhand der meterlangen Pläne der und Nutzungsqualität für viele Jah-
Bauämtern und Stadtverwaltungen Wiener Linien werden dann Meter re. Die taktilen Leitsysteme in den
eingeplant, kann der Entstehung für Meter die taktilen Bodeninforma- Wiener U-Bahnstationen sind keine
von Lücken, Abnützungserscheinun- tionen durchbesprochen. Wie erfolgt Dekoration. Sie sind wertvolle, gut
gen oder mangelhafter Ertastbarkeit die Anbindung an den Aufzug? Wie durchdachte Orientierungssysteme,
entgegengewirkt werden. Während bei der Rolltreppe? Wo sind potenti- die blinden Menschen und Menschen
die regelmäßige Wartung etwa von elle Gefahrenstellen zu entschärfen? mit Sehbehinderungen selbstständi-
Aufzügen in Normen genau geregelt Das Ergebnis ist ein zur Zufrieden- ge Mobilität ermöglichen.
ist, schuf das ASI (Austrian Standard heit aller abgestimmter, optimierter
Institute) im Jahr 2018 die ÖNORM
V2102 zu taktilen Bodeninformati-
onssystemen, ohne Anforderungen
an die Instandhaltung vorzusehen.
Ein Mangel in der ÖNORM, der zu
beheben sein wird.
Die Entscheidung über Wartungs-
intensität und Langlebigkeit des
taktilen Leitsystems wird bereits in
der Phase der Planung getroffen.
Fliesen, Natur- und Betonsteine sind
teurer in der Anschaffung, dafür
einwandfrei ertastbar, langlebig
und wartungsarm. Der Auftrag einer
weißen Bodenmarkierungsfarbe ist
vergleichsweise billiger und kurzfris-
tig zu organisieren. Dieses System
unterliegt einer starken Abnutzung
und wird, ohne kontinuierlicher
Kontrolle, Wartung und Ausbesse-
rung, in wenigen Jahren für blinde
Menschen unbrauchbar. Neben der
Materialwahl kommt der Planung
und Verortung taktiler Leitsysteme
eine große Bedeutung zu.
Wiener U-Bahnstationen
Seit 1,5 Jahren treffen sich Luke
Meysner, zuständig für Netzent-
wicklung und Infrastrukturplanung
bei den Wiener Linien und Vertre-
ter*innen der 4 Blindenorganisa-
tionen Blickkontakt, Blinden- und
Sehbehindertenverband Wien, NÖ
und Burgenland, Hilfsgemeinschaft
der Blinden und Sehschwachen
Österreichs und die Österreichische Neuer Fahrkartenautomat im Test Foto: Janousek
www.behindertenrat.at 13Mobilität
Test des Eingangsbereiches der Fernverkehrszüge von Nutzer*innen diverser Rollstuhltypen Foto: Benesch
Inklusive Planung mit den ÖBB
Von Emil Benesch
D
ie ÖBB planen ab 2022 mit neuen Zügen nach Planungen des barrierefreien Niederflurwagons die
Venedig, Rom und Mailand zu fahren. Dazu werden Diskussion. Siemens hatte für die Nutzer*innen von
neue Fernverkehrszüge für den Nacht- und Tag- Rollstühlen einen eigenen Bereich geplant. Mit barrie-
betrieb gebaut. refreiem Einstieg, barrierefreiem WC und Service gleich
nebenan. Die Anwesenden Nutzer*innen von Rollstühlen
Holpriger Start jedoch empfanden die Planungen als weitere Einzemen-
Alles begann mit einem Deja-vu Erlebnis. Die Techni- tierung einer gesellschaftlichen Absonderung. Das Wort
ker von Siemens hatten es gut gemeint. Sie hatten in Ghetto-Abteil machte die Runde. Dem Behindertenrat
ihrer Vorstellung an alles gedacht und waren sich der kam die Rolle zu, die Diskussion zu moderieren und
Zustimmung der Behindertenorganisationen sicher. Und mitzuhelfen, trotz Unzufriedenheit und Unverständnis
so nahmen an der Auftakt-Sitzung neben dem Siemens doch noch einen Weg hin zu einer Zusammenarbeit zu
Projektleiter einige weitere Mitarbeiter teil. In der finden. Die Gefahr stand im Raum, dass die Zusammen-
Tasche Pläne für die neuen Fernverkehrszüge der ÖBB. arbeit zur Zugsentwicklung beendet wäre, bevor sie
Für die Produktion von acht neunteiligen Zügen für den noch begonnen hat. Auf Verlangen der Expert*innen mit
Tagverkehr und 13 siebenteiligen Zügen für den Nacht- Behinderungen erfolgte eine Sitzungsunterbrechung,
verkehr. Da sich auch seitens der ÖBB die Projektleitung um das weitere Vorgehen zu beratschlagen. Der Wunsch
und weitere Techniker*innen sowie Vertreter*innen von war, das Meeting abzubrechen, die kritisierten Entwürfe
Behindertenorganisationen den Termin nicht entgehen „zu kübeln“ und die Zugplanungen gemeinsam neu zu
lassen wollten, war der Besprechungsraum übervoll. beginnen.
Wenige Minuten nach Beginn des Treffens mündete die
Sitzung in einen Eklat. Was war passiert? ÖBB und Barrierefreiheit
Im Zuge des Abbruchs der Sitzung wurde seitens der ÖBB
Barrierefreiheit versus Inklusion und Siemens auf den Zeitverlust und die zusätzlichen
Bei der Vorstellung der geplanten Raumaufteilungen Kosten verwiesen, die ein „zurück an den Start“ und
in den Wagons entzündete sich insbesondere an den Neuplanungen verursachen würden.
14 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2020
Für die anwesenden Vertreter*innen von Behindertenor- bei Planung und Umsetzung, weil es an Wissen und Ver-
ganisationen wiederum war ein Akzeptieren der präsen- ständnis für Nutzer*innen mit Behinderungen mangelt.
tierten Pläne undenkbar. Nach 14 Tagen der Nachdenk-
pause erfolgte der Neubeginn. Die Bereitschaft dazu
wird den ÖBB von den Behindertenverbänden sehr hoch
angerechnet. Sie bewiesen damit Weitblick und unter-
strichen ihre besondere Position in Österreich. Durch die
Bereitschaft zur Neuplanung und die Wahl des zunächst
scheinbar beschwerlicheren und kostspieligeren Weges
haben die ÖBB den Beweis angetreten, dass sie es mit
Barrierefreiheit und Inklusion ernst meinen.
Inklusive Planungsgruppe
Die Behindertenverbände wiederum haben das Entge-
genkommen der ÖBB mit der Investition von viel Zeit
und dem Einbringen ihres Fachwissens honoriert. Die
erste Herausforderung war, den PRM (PRM = Persons Test von Türtastern und -signaltönen Foto: ÖBB/Katharina Stögmüller
with Reduced Mobility - Menschen mit Moblitätsein-
schränkungen) Bereich im Fernverkehrszug nicht nur Kriterien für Barrierefreiheit
barrierefrei, sondern inklusiv zu gestalten. Die Plätze für Die ÖBB wollen das Potential für Weiterentwicklun-
Nutzer*innen von Rollstühlen sollten so gestaltet wer- gen nutzen und haben Interessenvertreter*innen der
den, dass diese ebenso mit Menschen ohne Behinderun- Menschen mit Behinderungen eingeladen, gemeinsam
gen, beispielsweise ihrer eigenen Familie, zusammensit- unbedingt zu beachtende Kriterien für barrierefreie
zen und reisen können. Eine gleichwertige Ausstattung Eisenbahnfahrzeuge festzuschreiben. Mit einem solchen
der Sitzplätze für Menschen mit Behinderungen mit Kriterienkatalog kann Zulieferern und Designern künftig
denselben Elementen und in gleich hoher Qualität, wie frühzeitig kommuniziert werden, was die ÖBB hinsicht-
sie Plätze für Menschen ohne Behinderungen vorfinden, lich Barrierefreiheit und Inklusion erwarten. Je früher
ist ein weiteres wichtiges Anliegen bei der Planung diese Aspekte Berücksichtigung finden, desto besser das
öffentlicher Verkehrsmittel. Endergebnis und desto schneller und kosteneffizienter
der Entwicklungsprozess. Während sich viele andere
Test unter realen Bedingungen Betriebe immer noch mit der Beachtung selbst der
Neben Planungssitzungen erfolgte die Besprechung von Ö-NORMEN für Barrierefreiheit - wie der B 1600 - über-
spezifischen Themenstellungen unter möglichst realen fordert fühlen, begnügen sich die ÖBB nicht mit Min-
Bedingungen. Zur Diskussion und zum Test der Reservie- deststandards und Mittelmaß. Sie sind, wie das Beispiel
rungsplatzanzeige, der Türsignaltöne und Taster wurde zeigt, offen für Optimierungen.
eigens eine Garnitur eines Railjet für zwei Stunden zur
Verfügung gestellt. Expert*innen mit Behinderungen Test eines Abteils
und Techniker*innen gingen am Wiener Hauptbahnhof Wie ist das Raumgefühl im PRM Abteil? Wo ist Platz zum
gemeinsam an Bord. Zu testen war: Wie verhält es sich Wenden mit dem Rollstuhl? Bei der Planung eines neuen
mit der Sichtbarkeit der Reservierungsanzeige im Zug Abteils für Personen mit Mobilitätseinschränkungen gibt
unter realen Lichtverhältnissen? Wie sind die Türsignaltö- es viel zu bedenken. Um die Besprechung und Adaptie-
ne vor dem Hintergrund der Geräuschkulisse eines Haupt- rung der Innenraumgestaltung des PRM Abteils für den
bahnhofes zu wählen? Wie sollten die Türtaster gestaltet Nachtzug möglichst unter realistischen Bedingungen
sein? Die Besprechung brachte wichtige Erkenntnisse. durchzuführen, hat Siemens ein 1:1 Model aus Holz
angefertigt und in die Werkstätte in Simmering geladen.
„Die Form folgt der Funktion“ lautet ein zentraler De- Zum Test kamen Personen mit mechanischen und E-Roll-
signleitsatz aus dem Produktdesign und der Architektur. stühlen. Zwei Stunden später waren viele Varianten be-
Würden Planer*innen ohne Behinderungen den Grund- sprochen und durchprobiert - und die Positionierungen
satz beherzigen und umsetzen, ließen sich Barrieren der Einrichtungselemente definiert.
weitreichend vermeiden. In der Realität hapert es jedoch
www.behindertenrat.at 15Mobilität Ausgabe 3/2020
Nachbesprechung der Tests am Railjet mit ÖBB Projektleiter Foto: Benesch
14 Arbeitstreffen War vor zwei Jahren noch vom Bau von 21 Fernver-
Bei einer anderen Gelegenheit stand der Test von Be- kehrszügen für Fahrten nach Italien die Rede, haben sich
dienpanels mit taktilen Symbolen durch Menschen mit die Pläne und das Auftragsvolumen seither vervielfacht.
Sehbehinderungen am Programm. Prototypen wurden Mit dem neuen inklusiven Fernverkehrszug zielen die
herumgereicht, ertastet und besprochen. Bei einem ÖBB nun mit der Marke Nightjet auf die führende Rolle
weiteren Termin standen taktile Piktogramme für berüh- in Europa im Nachtreiseverkehr ab. Zuletzt wurde ange-
rungslose Bedienelemente in den künftigen Nasszellen kündigt, 20 zusätzliche Nachtzugsgarnituren und Loko-
der Fernverkehrszüge im Focus. Rückmeldungen mün- motiven im Wert von 500 Mio. Euro im Siemens Werk in
den, sofern technisch umsetzbar, in Adaptierungen, die Wien produzieren zu lassen. Ab 2024 stehen auch diese
im fertigen Zug Anwendung finden. Insgesamt haben inklusiven Züge auf Schiene. Sie bringen Menschen mit
über einen Zeitraum von zwei Jahren bereits 14 Ar- Behinderungen ein Mehr an Mobilität, in einem ganz
beitstreffen zwischen der inklusiven Arbeitsgruppe beim neuen Ausmaß. Den ÖBB bringen Barrierefreiheit und
Behindertenrat, den ÖBB und Siemens zu den unter- Inklusion Top Positionen in Europa und wirtschaftlichen
schiedlichsten Themen stattgefunden. Kontinuität in Erfolg. Die Expert*innen mit Behinderungen haben zu
der Zusammenarbeit ist ein wichtiger Baustein für gute diesem Erfolg entscheidend beigetragen.
Ergebnisse.
ÖAMTC Themenseite Behinderung und Mobilität
Tipps und Infos zu vielen Themen rund um die Mobilität mit Behinderungen und begleitende
Begünstigungen stellt der ÖAMTC auf der Themenseite Behinderung & Mobilität zur Verfügung.
Für individuelle Beratung ist die ÖAMTC Beratung für Mitglieder mit Behinderung gerne für Sie
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erreichbar. Kontakt und Infos: www.oeamtc.at/thema/behinderung-mobilitaet/
16 www.behindertenrat.atMobilität Ausgabe 3/2020
Verkehr: Planung bis 2030
Nationaler Aktionsplan Behinderungen Von Emil Benesch
städtischen und ländlichen Gebieten offenstehen oder
für sie bereitgestellt werden, zu gewährleisten.“ Des-
weiteren wird die persönliche Mobilität direkt angespro-
chen: Österreich trifft „wirksame Maßnahmen, um für
Menschen mit Behinderungen persönliche Mobilität mit
größtmöglicher Selbstbestimmung sicherzustellen." Wer
die Konvention liest und die Wirklichkeit kennt, weiß, da
liegt noch einiges vor uns.
Ein weiter Weg
Ein Blick in den Gesamtverkehrsplan Österreich zeigt:
Derzeit ist unter dem Schlagwort „mehr Barrierefreiheit
durchsetzen“ als einziger Teilaspekt angesprochen:
die „Rollstuhltauglichkeit der Stationen und der im
heimischen Nahverkehr eingesetzten Schienenfahrzeu-
ge schaffen“. Das darf noch nicht alles gewesen sein.
Umsetzungsmaßnahmen müssen bei der notwendigen
Erweiterung des Gesamtverkehrsplanes in Zukunft nichts
weniger als „Mobilität für alle entlang einer lückenlos
Ein Barrierefreiheitsfaktor: Aufzug Foto: Gesellschaftsbilder.de Andi Weiland durchgängigen, inklusiven Mobilitätskette“ liefern. Dazu
ist noch einiges zu tun. Im neuen NAP wird deshalb fest-
M
anchmal sehen wir vor lauter Bäumen den Wald geschrieben, was wir für Inklusion im Verkehrsbereich
nicht mehr. Die Erstellung eines neuen Aktions- brauchen.
plans Behinderung für die Periode von 2022 bis
2030 ist da eine gute Gelegenheit, den Blick für das Ziele, Maßnahmen und Indikatoren
Ganze und das Wesentliche zu schärfen. Österreich Um inklusive Mobilität für alle zu erreichen, werden
schafft mit dem NAP eine langfristige Strategie für die Ziele formuliert und zu jedem Ziel mehrere Maßnahmen,
Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und die notwendig sind, um das jeweilige Ziel zu erreichen.
der darin garantierten Menschenrechte für Menschen Indikatoren werden festgelegt, damit künftig zu jedem
mit Behinderungen. Bei der gemeinsamen Erstellung des Zeitpunkt zweifelsfrei überprüft werden kann, wie weit
NAP Verkehr engagieren sich Menschen mit unterschied- die Umsetzung ist.
lichen Behinderungen, die in der Stadt wie im ländlichen
Raum zu Hause sind, sowie Expert*innen von Organisati- Das Ziel ist: Bis 2030 sind in Österreich für alle Men-
onen im Bereich Behinderung. schen mit Behinderungen durchgängige, inklusive Mobi-
litätsketten - bei denen alle einzelnen Elemente der Ket-
§ 20 UN-Behindertenrechtskonvention te und alle Schnittstellen inklusiv sind - geschaffen und
„Um Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes in Verwendung. Oder mit anderen Worten: Jeder Mensch
Leben und die volle Teilhabe in allen Lebensbereichen mit Behinderungen kann dann so wie alle anderen auch
zu ermöglichen, treffen die Vertragsstaaten geeignete von A nach B gelangen, ohne auf Barrieren zu stoßen.
Maßnahmen mit dem Ziel, für Menschen mit Behinderun- Zwei konkrete Beispiele für Forderungen: Mobilitäts-
gen gleichberechtigt mit anderen Zugang zur physischen dienstleister und Infrastrukturbetreiber müssen Umset-
Umwelt, zu Transportmitteln, Information und Kommu- zungspläne für die Schaffung inklusiver Mobilitätsketten
nikation, einschließlich Informations- und Kommuni- vorlegen. Und: Verstärkte Einbindung der Interessenver-
kationstechnologien und -systemen, sowie zu anderen tretungen von und für Menschen mit Behinderungen in
Einrichtungen und Diensten, die der Öffentlichkeit in Planungs- und Entwicklungsprozesse.
www.behindertenrat.at 17Mobilität
Must Have: Barrierefreie Toiletten
Von Emil Benesch
E
ine Reise kann zu Ende sein, berührungsfreie Benutzbarkeit - Einbindung von Expert*innen mit
bevor sie noch begonnen hat. etwa bei Wasser und Handtrocknung Behinderungen so wichtig. Ist der
Wenn kein WC da ist, hilft uns - geachtet. Präsenzmelder und Not- Handdesinfektionsspender in der
kein Niederflur Einstieg und keine rufeinrichtungen sind vorhanden. Ecke für alle erreichbar positio-
Sprachausgabe beim Ticket- Zur Unterstützung am WC dienen niert? Sind die Piktogramme visuell
automaten. Wenn das Fehlen einer Stützklappgriffe und Rückenstütze. eindeutig, für Personen mit Sehbe-
benutzbaren Toilette selbst zur Für Platz - zum Rangieren oder zum hinderungen ausreichend klar und
unüberwindlichen Barriere wird, Abstellen von Gepäck - sorgt die kontrastreich und für blinde Men-
helfen alle anderen Investitionen in Vorgabe eines Wendekreises mit schen ertastbar? Der Abstimmungs-
Barrierefreiheit nicht weiter. Oftmals mindestens 150 cm zwischen WC und prozess zwischen den Expert*innen
werden hohe Kosten und Vandalis- unterfahrbarem Waschbecken. mit Behinderungen und den ÖBB
mus ins Treffen geführt, wenn es läuft. Die Ergebnisse werden in die
darum geht, zu erklären, warum der Changing Place Gestaltung der künftigen barriere-
Einbau von WC Anlagen unterlassen Die größte Innovation und Beson- freien WC Anlagen an Bahnhöfen der
wird. Aber Aufzüge sind ebenfalls derheit in den barrierefreien WCs an ÖBB in ganz Österreich einfließen.
sehr kostspielig und von Verwüs- ÖBB Bahnhöfen wird die Ausstat-
tungen betroffen. Niemand würde tung mit einer elektrisch höhenver- Toilette am Zug
auf die Idee kommen, sie deshalb stellbaren Pflegeliege. Sie soll so In den letzten Jahrzehnten hat sich
einzusparen. Umso erfreulicher ist dimensioniert werden, dass sie von bei der Barrierefreiheit von Toiletten
es, dass neue barrierefreie Toiletten erwachsenen Personen verwendet viel zum Besseren gewandelt. Vor 20
in Vorbereitung sind. Die beim Be- werden kann. Für viele Menschen Jahren waren die WC Türen in Talent
hindertenrat angesiedelte inklusive mit schweren und mehrfachen Be- Zügen der ÖBB so eng bemessen,
Planungsgruppe von Expert*innen hinderungen werden so wichtige Er- dass mit Rollstühlen kein Durchkom-
mit Behinderungen konnte in den ledigungen unterwegs erst möglich. men war. Heute versuchen die ÖBB
letzten Monaten die Entwicklung Es profitieren Menschen mit Quer- alles technisch mögliche, um Platz
von drei verschiedenen WC Modellen schnittlähmung, Schädel-Hirn-Trau- in den barrierefreien WCs im Zug zu
unterstützen. ma, angeborener schwerer Behin- gewinnen. Begrenzende Faktoren
derung oder Multipler Sklerose und bleiben die Außenwand des Wagons
Am Bahnhof auch ältere Menschen, die pflege- auf der einen Seite und der Gang auf
Die ÖBB INFRA arbeiten daran, bar- bedürftig oder dement sind. Zum der anderen. So sind die barriere-
rierefreie WC Anlagen zum Einbau Wechseln einer Inkontinenzeinlage freien WCs, die in den Zügen heute
in Bahnhöfen neu zu entwickeln. (Windel für Erwachsene) müssen die eingebaut werden, mit den unter-
Erste Beispiele sind am Innsbrucker Betroffenen von ihren Begleitern schiedlichsten Rollstuhlmodellen
Hauptbahnhof und in der Station dann nicht mehr auf den Boden nutzbar.
Wien Meidling in Betrieb. Je Kun- einer öffentlichen Toilette gelegt
densanitäranlage wird ein barriere- werden. Auch ein Stomawechsel Wichtige Details
freies WC errichtet. Die barrierefrei- wird zu menschenwürdigen und Für die Klärung von Detailfragen
en Toiletten werden an Bahnhöfen hygienischen Bedingungen möglich. finden eigene Planungssitzungen
entlang eines barrierefreien Haupt- Für Menschen mit Behinderungen, statt. Ein Beispiel dafür ist die
verkehrsweges liegen und sind für ihre Familie und Freunde erweitert Besprechung der Piktogramme
Personen mit Sehbehinderungen sich dadurch der Bewegungsradius. zum barrierefreien WC der neuen
per taktilem Bodeninformations- Fernverkehrszüge. Beim Treffen
system auffindbar. Die Türe ist per Expert*innen einbeziehen in der ÖBB Unternehmenszentrale
„Eurokey“ und einer mechanischen Ob Angebote barrierefrei nutzbar waren seitens ÖBB Personen AG der
Öffnungsunterstützung zu öffnen. sind, oder nicht entscheidet sich in Projektleiter der neuen Fernver-
Im WC wird auf möglichst den Details. Deshalb ist die kehrszüge und der Verantwortliche
18 www.behindertenrat.atAusgabe 3/2020
ersuchte um Feedback zu Plänen
eines WC Moduls. Trotz der sehr
späten, nur punktuellen Einbindung,
konnten durch Expert*innen mit Be-
hinderungen in letzter Minute noch
wichtige Adaptierungen erreicht
werden. Eine Rollstuhlnutzerin
ersuchte um den Einbau einer ge-
schlossenen WC Brille. Die ursprüng-
lich geplante, vorne offene WC
Brille, hätte die Gefahr des Einzwi-
ckens beim Übersteigen gebracht.
Für Menschen mit Sehbehinderungen
konnte erreicht werden, dass im
gänzlich grau geplanten WC Modul
aus Edelstahl einzelne Teile bewusst
in schwarz ausgeführt werden. Ein
besserer Kontrast, zur besseren
Orientierung. Alle Bedienelemente
werden mit Piktogrammen und Brail-
leschrift versehen.
Griff in die Klomuschel
verhindern
Für blinde Menschen ist Vorherseh-
barkeit extrem wichtig. Sie rechnen
traditionell mit dem Taster für die
Spülung an der Wand hinter dem
WC. Dementsprechend lautet die
Forderung, einen Taster für die
Aufkleberbestellung: eurokey@behindertenrat.at Spülung - in Ergänzung zum seitlich
positionierten Taster - einzubauen.
für Barrierefreiheit anwesend. Eine Danach erfolgte die Rückmeldung an Grundsätzlich gilt bei allen Planun-
für den Innenausbau zuständige die ÖBB und die Freigabe - Voraus- gen zu bedenken: Es muss ertastet
Kollegin wurde aus Berlin zugeschal- setzung für den Start der Produktion werden, was nicht vorhergesehen
tet. Blinde Menschen und Personen des gesamten WC Moduls. werden kann.
mit Sehbehinderungen haben beim
Meeting entscheidend unterstützt, Wiener Linien Weil sehende Planer auf vieles
die Piktogramme zu optimieren. Neben der Qualität der Ausführung vergessen, sind inklusive Planungs-
Thema waren: Blendwirkungen von WC Modulen ist auch deren prozesse so unersetzlich. Die Ein-
durch die Beleuchtung vermeiden, Einbau in Stationen wesentlich. Es bindung bei Planungsprozessen der
die Annäherbarkeit an die Pikto- fehlen auf ganzen U-Bahn Strecken Wiener Stadtwerke und damit auch
gramme sicherstellen, Kontraste WCs. Beim Bau der U1 zwischen der Wiener Linien hat sich seit der
verbessern, Größen verändern. Die Reumannplatz und Oberlaa wurde in Schaffung der Stelle für Barrierefrei-
abgeänderten Piktogramme wur- 5 neuen U-Bahnstationen keine bar- heit auf Ebene der Konzernleitung
den in den Tagen danach bei der rierefreie Toilette eingebaut. Jetzt sehr verbessert.
Hilfsgemeinschaft der Blinden und erfolgt in einer der fünf Stationen
Sehschwachen dreidimensional aus- eine Nachrüstung. Der Verantwort-
gedruckt und durch Menschen mit liche für Barrierefreiheit der Wiener
Sehbehinderungen taktil getestet. Stadtwerke, Hans Jürgen Gross
www.behindertenrat.at 19Mobilität Ausgabe 3/2020
Neue Neubaugasse
Barrierefreie Mobilität durch Begegnungszonen Von Emil Benesch
Öffentlicher Raum neu - inklusiv und mit Adaptierungen an den Klimawandel Copyright: APA/DND LANDSCHAFTSPLANUNG ZT KG
S
eit 2013 haben alle Städte und Gemeinden in Öster- Mehr Barrierefreiheit
reich die Möglichkeit, Begegnungszonen einzurich- Die gesamte Straßenfläche in der Begegnungszone
ten. Das sind verkehrsberuhigte Zonen, in denen Neubaugasse wird barrierefrei ohne Niveau-Unterschied
Fußgänger*innen, Radfahrer*innen und Autofahrer*in- gepflastert. Für Personen mit Mobilitätseinschränkungen
nen gleichberechtigt sind und eine Höchstgeschwin- ist das eine große Verbesserung. Durch eine intelligente
digkeit von 20 km/h gilt. „Die Teilnahme am Straßen- Neueinteilung des Raumes gelingt es auch für andere
verkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Nutzer*innen Barrieren abzubauen. In einem sogenann-
Rücksichtnahme“ wird in der STVO für Begegnungszonen ten Multifunktionsstreifen, niveaugleich zu Gehsteig und
ausgeführt. Das Konzept kann zu mehr Gleichberechti- Fahrbahn, werden Lade- und Haltezonen angeordnet,
gung unter den verschiedenen Verkehrsteilnehmer*in- sowie Bäume, 100 neue Sitzgelegenheiten, Wasserspiele
nen beitragen und aufgrund der entschleunigenden und auch die Schanigärten angesiedelt. Dadurch können
Wirkung auch zu weniger Unfällen. im Gegenzug die Gehbereiche freigehalten und entlang
der Hausfassaden geführt werden. Blinde und sehbehin-
Neue Herausforderungen derte Personen nutzen die Fassade als natürliche Leitli-
Die niveaugleiche Ausgestaltung von Gehbereichen und nie. Nur wo natürliche Leitlinien fehlen, kommen taktile
Fahrbahnen in Begegnungszonen erleichtert die Mobi- Taststreifen als zweitbeste Lösung zur Anwendung. Alle
lität von Personen mit Mobilitätseinschränkungen sehr. Menschen in den Gehbereichen können sich durch den
Es gibt jedoch Personengruppen, für die ein Randstein Multifunktionsstreifen vom Verkehr auf der Fahrbahn ge-
Orientierung und Sicherheit bedeutet. Blinde Personen schützt fühlen. Durch unterschiedliche Materialien und
nutzen Randsteinkanten zur taktilen Orientierung. Fehlt optische Gestaltung wird zudem die taktile und visuelle
die Kante, entstehen Unsicherheiten: Stehe ich auf der Orientierung erleichtert. Gehsteige und die befestigten
Fahrbahn, oder am Gehsteig? Wo ist der Übergang? Bereiche des Multifunktionsstreifens werden mit Be-
Ältere Personen wiederum fühlen sich nicht selten durch tonsteinen gepflastert, die Fahrbahn mit Granitplatten,
eine Randsteinkante geschützt, etwa vor Fahrzeugen. Sie wobei der Übergang zur Fahrbahn mit einem dunklen
schätzen die klare Aufteilung des Straßenraumes und fixe Pflaster besonders hervorgehoben wird.
Regeln. In der Begegnungszone jedoch ist Augenkontakt
für die nonverbale Verständigung mit anderen Verkehr- Begegnungszone mit Mehr-Wert
steilnehmenden angesagt. Augenkontakt zu suchen, um Begegnungszonen verbessern als inklusive Orte die ge-
sich mit anderen Verkehrsteilnehmern auszumachen wer sellschaftliche Teilhabe. Expert*innen mit Behinderun-
im konkreten Moment nun Vorrang hat, bereitet manchen gen, angesprochen über den Österreichischen Behinder-
Stress. All diese Faktoren können und müssen schon bei tenrat, gestalteten bei der Planung und Umsetzung der
der Planung Berücksichtigung finden. Damit in Begeg- Neubaugasse erfolgreich mit.
nungszonen alle Orientierung und Sicherheit finden.
20 www.behindertenrat.atMobilität Ausgabe 3/2020
Projekt zu automatisierter Mobilität
Ihre Meinung ist gefragt! Von Bente Knoll / Büro für nachhaltige Kometenz
M
obilität und Verkehr wird sich in der Zukunft sehr Fahrer unterwegs sind? Nicht nur Mobilitätssysteme wer-
stark verändern. Es wird immer mehr Digitalisie- den sich ändern, auch die Gesellschaft muss vorbereitet
rung und digitale Technik auch im Verkehrs- und werden. Das ist wichtig, damit in Zukunft möglichst viele
Mobilitätsbereich geben. Bereits heute arbeiten Firmen Menschen von den Vorteilen und Chancen der automati-
daran, automatisierte Fahrzeuge für die Zukunft vorzu- sierten Mobilität profitieren können.
bereiten. Es gibt bereits Verkehrsmittel, die teilweise
automatisiert unterwegs sind – so etwa die fahrer- Das Projekt „AM inklusive!“ arbeitet eng mit
lose U-Bahn in Paris oder auch der fahr- Menschen mit Behinderungen zusammen.
erlose Bus der Wiener Linien, der in In Gesprächsrunden werden die Vor-
der Seestadt Aspern in Wien im und Nachteile besprochen. Um
Testbetrieb unterwegs ist. die Meinung und Gedanken
von möglichst vielen Men-
Es gibt verschiedene schen im Projekt einbe-
Vorstellungen davon, ziehen zu können, hat
wie automatisierte das Projektteam eine
Mobilität in Zukunft Online-Befragung
aussehen kann. vorbereitet. In der
Einige Menschen Befragung geht es im
stellen sich vor, dass ersten Teil um Ihre
alle Verkehrsmit- Person, im zweiten
tel selbstfahrend, Teil darum, wie Sie
also komplett ohne derzeit unterwegs
Lenkerin oder Lenker sind, und im dritten
unterwegs sein wer- Teil um Ihre Einschät-
den, weshalb niemand zung zur automatisierten
mehr einen Führerschein Mobilität.
braucht. Andere Menschen Diese Befragung ist eine
denken, dass es eine Mischung wichtige Grundlage, um die
aus selbstfahrenden Fahrzeugen Rahmenbedingungen im Zusam-
und Fahrzeugen, wie wir sie heute ken- menwirken von automatisierter Mobi-
nen, geben wird. Sicher ist jedenfalls, dass die lität, Barrierefreiheit, Inklusion und gesell-
digitale Vernetzung zwischen Fahrzeugen und Personen schaftliche Teilhabe zu verbessern.
bzw. deren Smartphones immer mehr zunimmt. Echtzeit-
verkehrsinformation ist dabei erst der Anfang.
Bitte um Ihre Teilnahme!
Wichtig ist es, bei der Entwicklung dieser zukünftigen surveymonkey.com/r/BY3QDPW
Technologien bereits rechtzeitig an die unterschied- Umfrageende: Oktober 2020
lichen und vielfältigen Bedürfnisse der Menschen zu
denken, die am Straßenverkehr teilnehmen. Nicht jede Beauftragt wird das Projekt „AM inklusive!“ vom Bundes-
Veränderung bringt dabei für alle Personen nur Vorteile. ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität,
Innovation und Technologie (BMK). Im Projekt arbeiten
Daher möchte das Team vom Projekt „AM inklusive!“ folgende fünf Organisationen zusammen: das Büro für
wissen, was Menschen mit Behinderungen von automa- nachhaltige Kompetenz (Projektleitung), die Technische
tisierter Mobilität erwarten. Was ist zu bedenken, bevor Universität Wien, die Universität Wien, das Büro ZIS+P
eines Tages z.B. Taxis oder Busse ohne Fahrerin oder und der Österreichische Behindertenrat.
www.behindertenrat.at 21Mobilität
Hilfreiche Apps Erinnerungshilfen fotografieren Das Fahrtenheft entsteht
Fotos: Kollektiv Fischka/fischka.com
Mut machen zum Selbstfahren.
Jugend am Werk: Vorzeigeprojekt Mobilitätsbegleitung Von Wolfgang Bamberg
„W
ow, so einen Job gibt über Fahrtkostenersatz für öffentli- Das Projekt Mobilitätstraining
es? Das habe ich mir che Verkehrsmittel, einen Fahrten- startete im März 2019 mit der
damals gedacht, als ich dienst vom Wohnort zur Einrichtung Anstellung von zwei Mobilitätsbe-
zum ersten Mal von dieser Mobili- oder über ein Fahrtentraining. gleiter*innen, die bereits in den
tätsbegleitung erfahren habe!“, erin- ersten sechs Monaten insgesamt
nert sich Ivonne Rehberger, die seit Beim Fahrtentraining erlernen zehn Personen erfolgreich trainiert
Oktober 2019 mit 15 Wochenstunden Menschen mit Behinderungen, un- haben. „Das Wichtigste ist, auf die
als Mobilitätsbegleiterin bei der terstützt von Begleitpersonen, den Person einzugehen, sie zu motivie-
Organisation Jugend am Werk Sozi- Weg vom Wohnort zur Einrichtung ren“, weiß Reinhard Proschek, der
al:Raum GmbH arbeitet. „Denn seit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu seit Beginn an Mobilitätstrainer ist.
ich denken kann, fahre ich gerne mit fahren. Ziel ist, dass am Ende des „Viele Menschen trauen sich Dinge
den Öffis. Außerdem ist es eine echt Trainings der Weg alleine bewältigt nicht zu, die sie dann plötzlich ganz
geile Arbeit und wir helfen Menschen werden kann. „Das Fahrtentraining alleine schaffen. Das ist unsere
dabei, selbstständig zu werden.“ als Möglichkeit ist schon seit län- Aufgabe. Mut machen, Unterstützen
gerer Zeit bekannt“, erklärt Lenka und Motivieren.“
Gemeinsam mit ihrem Kollegen Kvietkova, die bei Jugend am Werk
Reinhard Proschek und ihrer Kolle- eine Tagesstruktur und das Mobili- Bevor die Mobilitätstrainer*innen
gin Milada Pisárová wird nach dem tätstraining leitet. „Dabei geht es ihre tatsächliche Arbeit starten
vom Fördergeber Fonds Soziales um die Förderung der Mobilität von können, werden im Rahmen eines
Wien anerkannten Mobilitätskonzept Menschen und die Bewegung im öf- Praktikums grundlegende Kompe-
von Jugend am Werk gearbeitet. In fentlichen Raum. Aber eine zentrale tenzen wie Orientierungsfähigkeit
Wien stehen Menschen mit Lern- Aufgabe unserer Organisation ist und Verlässlichkeit überprüft. „Dann
schwierigkeiten und Behinderungen es auch, Menschen mit Lernschwie- folgt die Einschulung“, erinnert
nach dem Chancengleichheitsgesetz rigkeiten Arbeitsmöglichkeiten sich Ivonne Rehberger. „Da geht es
Wien (CGW) nämlich verschiedene anzubieten. Und so ist die Idee natürlich um die Sicherheit. Also
Möglichkeiten zu, wie sie in eine entstanden, Menschen mit Lern- welche Regeln gibt es bei der Benut-
Tagesstruktur, eine Berufsquali- schwierigkeiten als Mobilitätsbeglei- zung von Straßenbahn und Bus, wie
fizierung beziehungsweise in den ter*innen für das Mobilitätstraining bediene ich einen Notschalter und
Kindergarten/die Schule und wieder anzustellen. Das ist einzigartig und auch wie man in einer Konfliktsitua-
nach Hause gelangen können. Etwa österreichweit ein Pionierprojekt.“ tion reagieren soll.“ Darüber hinaus
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