Der Prebound-Effekt: die Schere zwischen errechnetem und tatsächlichem Energieverbrauch

Die Seite wird erstellt Carolin Hofmann
 
WEITER LESEN
Der Prebound-Effekt: die Schere zwischen errechnetem und tatsächlichem Energieverbrauch
Der Prebound-Effekt: die Schere zwischen errechnetem
und tatsächlichem Energieverbrauch
Von Minna Sunikka-Blank und Ray Galvin, Department of Architecture, University of Cambridge

Zusammenfassung
Die deutschen Vorschriften für energetische Sanierung von Bestandsgebäuden basieren auf hohen
thermischen Standards, deren Erfüllung die Regierung für technisch und wirtschaftlich machbar hält. Das
vorliegende Papier untersucht die verfügbaren Daten von 3400 deutschen Gebäuden. Ihre theoretisch
errechneten Energiekennwerte werden den tatsächlich gemessenen Verbräuchen gegenübergestellt.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Bewohner durchschnittlich 30% weniger verbrauchen als es dem
errechneten Energiekennwert des Gebäudes entspricht. Dieses Phänomen wird Prebound-Effekt genannt,
wobei der Effekt umso stärker auftritt, je schlechter der Energiekennwert ist. Das gegenteilige
Phänomen, der Rebound-Effekt, ist bei Niedrigenergiehäusern zu beobachten. Hier verbrauchen die
Bewohner mehr als der Energiekennwert des Gebäudes zulässt.
Ähnliche Phänomene wurden in verschiedenen kürzlich veröffentlichten Studien aus den Niederlanden,
Belgien, Frankreich und Großbritannien festgestellt. Daraus ergeben sich politische Folgerungen in zwei
Richtungen.
Erstens, dass die Nutzung theoretischer Energiekennwerte zur Vorhersage von Energieverbrauch und
CO2-Einsparung tendenziell die Einsparmöglichkeiten überschätzt, die Amortisationszeit unterschätzt
und eventuell kostengünstige und aufwachsende Sanierungsschritte verhindert.
Zweitens, dass das Potenzial von Energie- und CO2-Einsparung durch nicht-technische Maßnahmen wie
etwa Bewohnerverhalten viel größer ist als allgemein angenommen, so dass Politiker ein besseres
Verständnis dafür entwickeln müssen, was die Entscheidungen von Bewohnern antreibt oder behindert.

Der vorliegende Text ist die Übersetzung eines Artikels von Minna Sunikka-Blank & Ray Galvin (2012):
Introducing the prebound effect: the gap between per-formance and actual energy consumption,
Building Research & Information, 40:3, 260-273. Die Autoren lehren an der Universität Cambridge.
Die Übersetzung des Textes und seine Verwendung erfolgt mit ihrer ausdrücklicher Genehmigung.
Der Originaltext ist unter http://dx.doi.org/10.1080/09613218.2012.690952 erreichbar.
Verantwortlich: Rainer Scheppelmann, Leitstelle Klimaschutz, Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, Hamburg
Übersetzung: Dieter Schmidt
Der Prebound-Effekt: die Schere zwischen errechnetem und tatsächlichem Energieverbrauch
Einführung
    Wenn Politiker und die Privatwirtschaft erfolgreich ehrgeizige CO2-Einsparziele erreichen wollen, dann
    muss die Energiepolitik ausdrücklich den Gebäudebestand ins Blickfeld nehmen (Boardman et al., 2005;
    Sunikka, 2006). Deutschland ist ein Vorreiter in Sachen energetischer Sanierung gewesen. Dies drückt sich
    in eindeutigen Vorschriften und umfassenden Maßnahmenkatalogen aus, die den Energieverbrauch bei den
    privaten Haushalten senken sollen (Sunnika, 2006; Meijer et al., 2009).
    Da der Heizenergieverbrauch der privaten Haushalte in Deutschland von 2002 bis 2010 um 15% fiel
    (vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) 2010), wurde Deutschland zum Modell für
    andere Länder (de T’Serclaes, 2007; International Energy Agency, 2008).

    Die Energieeinsparverordnung (EnEV) (Bundesminis-               „Für realistische Annahmen zur thermischen Struktur
    terium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS),           des umbauten Raumes darf nur die Analyse des
    2009b), zuletzt 2009 aktualisiert, ist der Stützpfeiler der     tatsächlich gemessenen Energieverbrauches heran-
    langfristigen Kampagne, mit der die Bundesregierung             gezogen werden... Theoretisch berechnete Energie-
    die thermische Instandsetzung voranbringen will.                kennwerte vermitteln uns ein unrealistisches Bild des
    (BMVBS, 2009a; Deutsche Energieagentur, 2011).                  Energieeinsparpotenzials, das durch thermische
                                                                    Sanierung erreicht werden kann.“
    Diese Verordnung verlangt, dass bei der thermischen
    Instandsetzung      von     Bestandsgebäuden        hohe      Dieses Konzept wird nun in dieser Studie weiterentwi-
    Standards eingehalten werden. Die Parameter der               ckelt, indem die Implikationen der Differenzen bei den
    EnEV basieren auf dem Energieeinspargesetz. Es                tatsächlichen Energieverbräuchen in thermisch
    schreibt vor, dass die EnEV nur thermische Standards          vergleichbaren Gebäuden untersucht werden. Deutsch-
    formulieren dürfe, die wirtschaftlich seien. Dies wird so     land und seine in der EnEV geregelten Effizienz-
    interpretiert, dass die durch die Maßnahmen erzielten         vorschriften dienen als Beispiel.
    Energieeinsparungen hoch genug sein müssen, um die
                                                                  Die Studie diskutiert die technischen Beschränkungen
    Amortisation der Kosten für Sanierung oder Neubau
                                                                  von Bestandsgebäuden (Galvin, 2010; GdW Bundes-
    innerhalb der Lebensdauer der ergriffenen Maßnahme
                                                                  verband deutscher Wohnungs- und Immobilienunter-
    zu erreichen.
                                                                  nehmen e.V., 2011; Greller et al., 2010), das von
    Trotz erheblicher Probleme bei der thermischen Sanie-         Bundespolitikern genutzte Bilanzierungssystem zur Kal-
    rung vieler Gebäude (Galvin, 2010, 2011) werden Ener-         kulation der Kosten (Pöschk, 2009; Galvin, 2011) sowie
    gieeinsparungen bei den privaten Haushalten durch             die Kosten für umfassende thermische Sanierung
    technische Verbesserungen in der Energiepolitik immer         (Tschimpke et al., 2011).
    noch als „easy gain“ betrachtet.
                                                                  Dies sind wichtige Themen, die über den Erfolg oder
    Aber sind die vorgeschriebenen Standards für                  Misserfolg der energetischen Sanierungspolitik ent-
    Bestandsgebäude wirklich einhaltbar?                          scheiden, denn diese tendiert dazu, sich nur auf die In-
                                                                  vestitionen zu konzentrieren und zu ignorieren, was
    In der wissenschaftlichen Literatur geht man überein-
                                                                  denn passiert, bevor und nachdem Energiemaßnahmen
    stimmend davon aus, dass das Verhalten der Bewohner
                                                                  stattfinden (IEA, 2008; Tambach et al., 2010; Schröder
    ein determinierender Faktor für den Heizenergie-
                                                                  et al., 2010, 2011; Walberg et al., 2011).
    verbrauch ist (Stern, 200; Guerra-Santin et al., 2009;
    Gram-Hansen, 2010, 2011). In den entsprechenden               Die Studie will einerseits die technische und ökonomi-
    Veröffentlichungen untersucht man kulturelle Aspekte          sche Machbarkeit und das Energieeinsparungspoten-
    des Lifestyles von Bewohnern (z.B. Chappells and              zial energetischer Sanierung von Bestandsgebäuden
    Shove, 2004, 2005; Cupples et al., 2007), das Sozial-         verdeutlichen, andererseits aufzeigen, welches Poten-
    verhalten (z.B. Gram-Hansen, 2008a, 2008b) oder psy-          zial nicht-technische Maßnahmen, insbesondere Ver-
    chologische Aspekte, etwa ob man die Bewohner                 haltensänderung, haben, zu den energiepolitischen
    trainieren kann, ihr Heizsystem effektiv zu nutzen (z.B.      Einsparungszielen beizutragen.
    Martiskainen, 2008).                                          Auf der Basis vorliegender deutscher Datensätze, die
    Angesichts des Einflusses des Faktors Verhalten               sowohl die Energiekennwerte als auch die tatsächlich
    können Heizenergieeinsparungen durch energetische             gemessenen Energieverbräuche von rund 3400 Gebäu-
    Sanierung erheblich geringer sein als angenommen              den beinhalten, beschreibt diese Studie, wie sich die
    (Hass und Biermayr, 2000). Die vorliegende Studie baut        Unterschiede zwischen dem errechneten Energiekenn-
    auf der Beobachtung von Walberg (2011, p.115) auf, der        wert und dem tatsächlich gemessenen Verbrauch
    für Deutschland feststellt:                                   proportional verteilen.

2
Der Prebound-Effekt: die Schere zwischen errechnetem und tatsächlichem Energieverbrauch
Sie versucht folgende Fragen zu beantworten:                  aufgrund technischer Fragestellungen nach: ob die
                                                              gemessenen Daten ein preisgünstiger Weg sind, die
- Wie verteilt sich der tatsächliche Verbrauch für
                                                              Energiekennwerte nachzujustieren (z.B. Knissel et al.,
Heizung und Warmwasser in deutschen Gebäuden im
                                                              2006; Knissel and Loga, 2006); wie unterschiedliche
Vergleich zu den errechneten Energiekennwerten der
                                                              Gebäudetypen sich in der realen Praxis verhalten (Grel-
Gebäudeeffizienzklassen?
                                                              ler et al., 2010; Loga et al., 2011); oder wie Energie-
- Was können wir über das Energieeinsparpotenzial in          berater die Bewohner besser bezüglich des Energieein-
deutschen Gebäuden lernen, wenn wir diese beiden              sparpotenzials ihrer Häuser beraten können (Erhorn,
Parameter zueinander in Beziehung setzen?                     2007). Eine Reihe neuerer empirischer Studien quanti-
- Was sind die politischen Implikationen, wenn man            fiziert die durchschnittlichen Energieverbräuche unter-
große Heizenergie- und CO2-Einsparungen durch ener-           schiedlicher Klassen von Wohngebäuden (Schloman et
getische Sanierung erreichen will?                            al., 2004; Schröder et al., 2010; Walberg et al., 2011)
                                                              und des Gesamtgebäudebestandes (Schröder et al.,
Die Studie gliedert sich wie folgt: Teil 2 analysiert deut-   2011).
sche Veröffentlichungen, in denen der theoretisch
errechnete Heizenergieverbrauch von Gebäuden mit              Gleichwohl scheint es keine deutsche Studie zu
dem tatsächlich gemessenen Energieverbrauch vergli-           geben, die die Frage stellt, was die gemessenen
chen wird (zur Struktur der gemessenen Energiedaten           Diskrepanzen zwischen errechneten und tatsächli-
siehe Tafel 1).                                               chen Energieverbräuchen bezüglich der Entwick-
                                                              lung von Politiken bedeuten könnten, welche die
Teil 3 diskutiert die Gründe für die Lücke zwischen den       Anforderungen an energetische Sanierung im Hin-
errechneten und den tatsächlichen Energieverbräu-             blick auf das Verhalten der Bewohner optimieren
chen. Teil 4 entwickelt eine neue Begrifflichkeit für Heiz-   und so die besten Ergebnisse erzielen wollen. Diese
intensität, den die Autoren den Prebound-Effekt nennen.       Studie gleicht die Datensätze auf Gemeinsamkeiten
Teil 5 vergleicht die Ergebnisse der Studie mit neueren       und Unterschiede ab. Auf der Basis dieser Analyse
Forschungsergebnissen in vier anderen westeuropäi-            entwickelt sie politische Richtlinien für energetische
schen Ländern. Teil 6 macht Vorschläge für politische         Sanierung im Gebäudebestand, die das Verhalten der
Folgerungen. Der siebte Teil bringt eine Zusammenfas-         Bewohner einbeziehen und so zielgenauer und kosten-
sung und abschließende Bemerkungen.                           günstiger sind als die gegenwärtige Herangehensweise.
Die Studie baut auf früheren Studien auf, die Politiken       Die untersuchten Studien decken die Messung der tat-
zur Verbesserung der energetischen Qualität des euro-         sächlichen Energieverbräuche in über 1 Million Gebäu-
päischen Gebäudebestandes (Sunikka, 2006; Sunikka-            den ab. Darunter sind 3400 Gebäude, für die genaue
Blank et al., 2012) und die deutsche energetische             Informationen zum Energiekennwert vorliegen und bei
Sanierungspolitik (Galvin, 2010, 2011; Galvin and Su-         denen daher direkte Vergleiche möglich sind. Diese Stu-
nikka-Blank, 2012) untersuchten.                              die basiert also auf 3400 Gebäuden als Primärquelle.
Es muss hervorgehoben werden, dass die hier                   Darüber hinaus werden die belegten Daten über den
beschriebenen politischen Entwicklungen auf der               Energieverbrauch von 1 Million Gebäuden, für die keine
Situation der Jahre 2011-2012 basieren und sich               Informationen zum Energiekennwert vorliegen, als
inzwischen verändert haben können.                            Hintergrundmaterial genutzt. Tabelle 1 fasst die gemes-
                                                              senen Energiedaten aller in dieser Studie genutzten
Tatsächlich gemessene Energieverbräuche                       Untersuchungen zusammen. Die Studien werden
deutscher Gebäude                                             beschrieben anhand ihrer Schlüsseldaten wie Größe
Im letzten Jahrzehnt erschienen in Deutschland eine           der Datenreihe und Erfassungsmethode. Die gemesse-
Reihe von Untersuchungen, die den errechneten Ener-           nen Daten beziehen sich auf Messreihen zwischen
gieverbrauch von Gebäuden mit dem tatsächlich                 einem und vier Jahren. Gebäudekühlung ist dabei nicht
gemessenen Energieverbrauch verglichen (Kaßner et             enthalten.
al., 2010; Knissel et al., 2006; Knissel and Loga, 2006;      Tabelle 1 zeigt den durchschnittlichen Energiekennwert
Greller et al., 2010; Loga et al., 2011; Erhorn, 2007;        und den durchschnittlichen gemessenen Verbrauch (in
Jagnow und Wolf, 2008; Schloman et al., 2004; Schroö-         kWh/m2a) für jede Veröffentlichung. Sie belegt auch den
der et al., 2010, 2011; Walberg et al., 2011). Im Ver-        Heizfaktor und den Prebound-Effekt, der in Teil 4 dieser
gleich dieser Untersuchungen versucht die vorliegende         Studie diskutiert wird.
Studie, konsistente Strukturen zu identifizieren.
                                                              Zwar basiert unsere Analyse auf Sekundärquellen, doch
Die Datenreihen belegen die Diskrepanzen zwischen             ist sicher gestellt, dass die Quellenqualität und die
den Annahmen zur Gebäudetechnik und dem, was wirk-            korrekte Interpretation der Ergebnisse verifiziert wur-
lich passiert, wenn Menschen in ihnen wohnen. Die             den. Nur offizielle statistische Quellen, Veröffentlichun-
Autoren gehen dieser Fragestellung jedoch meist               gen etablierter Forschungsinstitute und gleichwertiger

                                                                                                                           3
Der Prebound-Effekt: die Schere zwischen errechnetem und tatsächlichem Energieverbrauch
Tabelle 1: Datenquellen der Studie

                                                                                                   Durchschnitt    Durschnitt   Heizfaktor:
                                                                   Anzahl der   Entstehung des                                                Prebound-Effekt   Raumheizung
                           Art der                                                                 Energiekenn-   gemessener    gemessen/
       Quelle                                   Gebäudetyp       Gebäude in der  Energiekenn-                                                     (% zum        Warmwasser
                         Datenquelle                                                                   wert        Verbrauch    errechneter
                                                                     Probe          wertes                                                    Energiekennwert    oder beides
                                                                                                    (kWh/m2a)      (kWh/m2a)     Verbrauch

                                              Gebäude unter 8
                           Nationale
     Knissel und                                Wohnungen            1178                              261           150           0,57             43             Beides
                       Statistik mit 4670                                           Errechnet
     Loga (2006)                              Gebäude über 8          113                              184           135           0,73             27
                          Gebäuden
                                                Wohnungen
      Loga et al.          Nationale               Alle
                                                                      113           Errechnet          220           152           0,69             31             Beides
        (2011)              Statistik          Gebäudetypen
                          Gemischte
    Kaßner er al.                                  Alle
                       Statistik, Umfang                              44            Errechnet          209           153           0,73             27             Beides
      (2010)                                   Gebäudetypen
                             unklar
                          Probe aus
     Jagnow und                                   Nicht             rund 100        Errechnet          220           135           0,61             39
                      nationaler Statistik                                                                                                                         Beides
     Wolf (2008)                              gekennzeichnet        rund 100        Errechnet          200           148           0,74             26
                          OPTIMUS
                                                 Ölheizung                                                           141
    Schröder et al.      Auszug aus             Gasheizung                            Nicht                          156
                                                                    250.000                                                                                        Beides
       (2010)          Brunata-Metrona          Fernwärme                         berücksichtigt                     109
                                                  Gesamt                                                             148

                             Aus              Mietwohnung ge-
    Schröder et al.                                                                   Nicht
                        Heizmessungs-         baut vor 1995er       230.000                                          145                                           Beides
       (2010)                                                                     berücksichtigt
                            quelle              Vorschriften

                             Aus              Mietwohnung ge-
    Schröder et al.                                                                   Nicht
                        Heizmessungs-         baut vor 1995er       143.000                                          118                                        Nur Heizung
       (2010)                                                                     berücksichtigt
                            quelle              Vorschriften

                         Auszug aus           Alle Typen, alle
    Schröder et al.                                                                   Nicht
                       Brunata-Metrona        Gruppen, Daten        250.000                                          148                                           Beides
       (2010)                                                                     berücksichtigt
                          2005-2010              gewichtet

                            Nationale            Einzehäuser     Etwa 1.000.000       Nicht
                                                                                                                     172                                           Beides
    Walberg et al.    Statistiken auf Basis     Doppelhäuser                      berücksichtigt
       (2011)            verschiedener        Etagenhäuser mit   Etwa 1.000.000       Nicht
                                                                                                                     145                                           Beides
                          Erhebungen           3-7 Wohnungen                      berücksichtigt

                                               Einzelhäuser           50            Errechnet          240           170           0,71             29             Beides
        Erhorn           Bundesweite
                                               Mehrfamilien-
        (2007)           DENA-Studie
                                                  häuser              70            Errechnet          175           140           0,80             20             Beides

     Anmerkung: Die Energieeffizienzklassen (EPR) der Gebäude wurden entsprechend DIN V 4018-6:2003 berechnet.

    Veröffentlichungen wurden als Datenquellen genutzt.                                            sches Phänomen, sondern auch beispielsweise in der
    Dabei wurden nur Veröffentlichungen genutzt, deren                                             Schweiz (Jakob, 2007), in Frankreich (Carey et Al.,
    Datenerhebungsmethode und deren Berechnungswei-                                                2011; Carla, 2010), in Österreich (Roth and Engelmann,
    sen transparent waren. In einigen wenigen Fällen, wo                                           2010), den Niederlanden (Tigerpaar and mendelnd,
    es keine Rohdaten gab, basiert diese Studie auf den                                            2011), und in Dänemark (Erhorn, 2007) zu beobachten.
    veröffentlichten statistischen Darstellungen und der
                                                                                                   Zweitens zeigt die Analyse eine Lücke zwischen dem
    graphischen Umsetzung statistischer Erhebungen.
                                                                                                   errechneten Heizenergieverbrauch, der sich aus den
    Die früheren Veröffentlichungen der Autoren zur deut-
                                                                                                   Energiekennwert ergibt, und dem gemessenen Heiz-
    schen Energiepolitik (Galvin, 2010, 2011; Galvin and
                                                                                                   energieverbrauch. Der Energiekennwert (so nennt man
    Sunikka-Blank, 2012), gute Sprachkenntnisse und Ex-
                                                                                                   in Deutschland die Energy Performance Rate EPR) ist
    perteninterviews halfen dabei, die Quellen kritisch zu
                                                                                                   eine Zahl, die den vermuteten Heizenergieverbrauch
    nutzen und die Ergebnisse angemessen zu interpretie-
                                                                                                   eines Gebäudes beschreibt, und zwar auf Basis physi-
    ren.
                                                                                                   kalischer Faktoren wie der thermischen Qualität der
    Die Untersuchung der Datenquellen (Kaßner et Al.,                                              Gebäudehülle, dem Heizungssystem und dem Stand-
    2010; Knissel et Al., 2006; Knissel and Loga, 2006; grel-                                      ort. Der durchschnittliche Energiekennwert für deutsche
    ler et Al., 2010; Loga et Al., 2011; Erhorn, 2007; Jagnow                                      Gebäude liegt bei 225 kWh/m2a, wobei die Spannbreite
    und Wolf, 2008; Schloman et Al., 2004; Schößer et Al.,                                         von 15 kWh/m2a bis über 400 kWh/m2a geht.
    2010, 2011; Walberg et Al., 2011), lässt vier Grundmerk-
                                                                                                   Der Energiekennwert wird benutzt, um potenzielle Ener-
    mal ins Auge springen.
                                                                                                   gieeinsparungen durch energetische Sanierung vorher-
    Erstens gibt es, in Übereinstimmung mit dem Ergebnis                                           zusagen. Im Gegensatz zum durchschnittlichen
    mehrerer neuerer Untersuchungen, für jede Energieef-                                           Energiekennwert liegt der durchschnittliche gemessene
    fizienzklasse ein breites Spektrum gemessener Heiz-                                            Heizenergieverbrauch der privaten Haushalte in
    energieverbräuche. Dabei sind Varianzen von bis zu                                             Deutschland bei etwa 150 kWh/m2a, z.B. bei 149
    über 600% typisch, d.h. dass ein Gebäude sechsmal                                              kWh/m2a in Untersuchungen von Schröder et al. (2011)
    mehr Heizenergie verbraucht als ein anderes derselben                                          und bei 152 kWh/m2a bei Walberg et al. (2011). Dies be-
    Energieeffizienzklasse (Erhorn, 2007; Knissel und Loga,                                        deutet, dass er 30% niedriger liegt als der durchschnitt-
    2006; Loga et Al., 2011). Dies ist kein spezifisch deut-                                       liche Energiekennwert.

4
Der Prebound-Effekt: die Schere zwischen errechnetem und tatsächlichem Energieverbrauch
Drittens zeigen die Datenreihen einen Trend bezüglich           lassen. Das linke Diagramm in Grafik 1 zeigt, dass
des Verhältnisses von Energieverbräuchen und Ener-              einige Einzelhäuser nur zwischen 100-130 kWh/m2a
giekennwerten. Je höher der Energiekennwert, umso               verbrauchen, obwohl deren Energiekennwerte bis zu
geringer ist der tatsächliche Verbrauch im Verhältnis           400 kWh/m2a betragen. Andere deutsche Untersuchun-
zum Energiekennwert. So liegt beispielsweise der ge-            gen kommen zu ähnlichen Ergebnissen (Kaßner et al.,
messene Verbrauch eines Hauses mit einem Energie-               2010; Knissel and Loga, 2006; Knissel et al., 2006; Ja-
kennwert von 300 kWh/m2a etwa 40% unter dem                     gnow und Wolf, 2008; Loga et al., 2011). Für Gebäude
errechneten Wert. Hingegen haben Häuser mit einem               mit einem Energiekennwert von mehr als 100 kWh/m2a
errechneten Energiekennwert von 150 kWh/m2a einen               ist der Effekt in allen diesen Studien belegt.
tatsächlichen Energieverbrauch, der 17% unter dem
                                                                Außerdem variiert der x-Koeffizient der Regressionslinie
errechneten Wert liegt.
                                                                von 0,2 bis 0,5. Das lässt annehmen, dass jedes
Diese Ergebnisse werden in Grafik 1 gezeigt. Die bei-           Prozent Anstieg bei der thermischen Undichtigkeit deut-
den Punktdiagramme zeigen auf der vertikalen Achse              scher Gebäude einem Anstieg des Heizenergie-
den tatsächlichen Energieverbrauch und auf der hori-            verbrauches von 0,2 bis 0,5 % entspricht.
zontalen Achse die Energiekennwerte. Die Daten stam-
men aus einer Erhebung der Deutschen Energieagentur             Viertens scheinen Niedrigenergiehäuser am anderen
und einer Analyse von Erhorn (2007), wobei links die            Ende der Skala im allgemeinen die gegenteilige
Werte für Einfamilienhäuser und rechts die für Mehrfa-          Tendenz, den Rebound-Effekt aufzuweisen. Das rechte
milienhäuser abgebildet sind.                                   Streudiagramm in Grafik 1 zeigt, dass sich die Mehrheit
In den beiden Teilgrafiken entspricht die durchgehende          der Punkte im Bereich niedrigen Energieverbrauchs
Linie der tatsächlichen Regressionlinie aller Werte,            oberhalb der Linie y=x befinden.
während die von den Autoren hinzugefügte gestrichelte           Das bedeutet, dass bei Niedrigenergiehäusern die tat-
Linie y=x die Regressionslinie in dem Fall wäre, wenn           sächlichen Verbräuche höher sind als die errechneten
alle Punkte, die den tatsächlichen Verbrauch darstellen,        Energiekennwerte. Andere Datenreihen bestätigen
genau dem Energiekennwert entsprächen.                          diese Tendenz. Loga et al. (2011) zeigen, dass der
Die breite vertikale Streuung der Punkte bei jedem              durchschnittliche gemessene Verbrauch bei Gebäuden
beliebigen x-Wert spiegelt die große Varianzbreite im           mit einem Energiekennwert von weniger als 50
Energieverbrauch unabhängig von der physikalischen              kWh/m2a höher als der Energiekennwert.
Beschaffenheit des Gebäudes wider. Die Verlauf der              Dies ist noch deutlicher (rund 65%) bei Gebäuden mit
Regressionslinie zeigt, wie sehr der durchschnittliche          einem Energiekennwert unter 75 kWh/m2a in der
Verbrauch von den Energiekennwerten abweicht.                   Untersuchung von Kaßner et al. (2010). Andere Studien
Grafiken wie diese zeigen, dass viele Haushalte weni-           zeigen eine vergleichbare, wenn auch weniger aus-
ger verbrauchen, als ihre Energiekennwerte vermuten             geprägte Tendenz (Knissel et al. 2006).

Grafik 1   Streudiagramme im Vergleich von gemessenen (vertikale Achse) und errechneten Energieverbräuchen
           (horizontale Achse) in Einfamilienhäusern (links) und Mehrfamilienhäusern (rechts). Quelle: Erhorn (2007)
                                                                                                                           5
In einer Untersuchung über eine Siedlung mit von            Einfamilienhäusern könnte ein großer Teil der Wohn-
    Thomsen et al. (2005) so genannten Niedrigenergie-          fläche nur wenig genutzt werden.
    solargebäuden erweist sich der Heizenergieverbrauch
                                                                Die Unfähigkeit von Standardrechenmodellen, das
    als zweimal so hoch wie der Energiekennwert.
                                                                Heizverhalten zu berücksichtigen, mag bis zu einem
    Greller et al. (2010) haben den tatsächlichen Heizener-     gewissen Grad unvermeidlich sein. Allerdings wird in
    gieverbrauch deutscher Gebäude nach Baujahren               der Praxis die hohe Diskrepanz zwischen den theoreti-
    untersucht. Sie stellen fest, dass die Bauvorschriften in   schen Kennwerten und dem tatsächlichem Verbrauch
    den letzten Jahren sukzessive verschärft wurden und         Verwirrung stiften, wenn etwa ein privater Haushalt die
    dass immer mehr der in den letzten Jahren errichteten       Energiekennwerte nutzen muss, wenn er Förderanträge
    Gebäude die erforderlichen Standards realiter nicht         stellt.
    erreichen. Eine Ausnahme bildet eine Studie von Ense-
                                                                Auch wenn der deutsche Bausektor weniger Probleme
    ling und Hinz (2006) über eine kleine homogene Gruppe
                                                                als etwa der in Großbritannien haben mag, Bauvor-
    von Gebäuden, wo der durchschnittliche Verbrauch
                                                                schriften korrekt zu erfüllen, könnte es auch in Deutsch-
    nach der energetischen Sanierung auf Niedrigenergie-
                                                                land einen Unterschied zwischen dem geplanten und
    standards sich im Rahmen der Energiekennwerte
                                                                dem dann tatsächlichen umgesetzten Gebäudezustand
    bewegte.
                                                                geben. Das kann Dämmung und Kältebrücken ebenso
    Bei Passivhäusern ist die Tendenz jedoch nicht so           betreffen wie die Gebäudetechnik, die anders als
    konsistent. Berndgen-Kaiser et al. (2007) kontrollierten    geplant umgesetzt worden ist. Auch Energiekontroll-
    den Energieverbrauch von 700 Passivhäusern und 370          geräte wie Thermostate können falsch eingestellt sein.
    Niedrigenergiehäusern in Nordrhein-Westphalen. Die
                                                                Gleichwohl, selbst wenn es verschiedene praktische
    gemessenen Heizenergieverbräuche von 57% der
                                                                und technische Gründe für die Lücke zwischen Ener-
    Niedrigenergiehäuser und von 41% der Passivhäuser
                                                                giekennwerten und praktischem Verbrauch gibt, liegt
    lagen über dem Energiekennwert.
                                                                es auf der Hand, dass das Heizverhalten der Bewoh-
    In Studien über kleine Passivhaussiedlungen von Maaß        ner zumindest einen Teil der Diskrepanz erklären
    et al. (2008) und Peper und Feist (2008) ergab sich,        kann.
    dass der Verbrauch im Durchschnitt im Bereich der
                                                                Erstens gibt es eine große Varianzbreite beim Heizener-
    errechneten Energiekennwerte lag. Das legt die
                                                                gieverbrauch bei Gebäuden mit identischen Energie-
    Schlussfolgerung nahe, dass Gebäude mit Energie-
                                                                kennwerten. Offenbar heizt eine Reihe von Haushalten
    kennwerten unter 100 kWh/m2a und herkömmlichen
                                                                ihre Wohnungen weniger, oder in einigen Räumen
    Heizsystemen in der Tendenz mehr verbrauchen als
                                                                weniger oder während kürzerer Zeit - oder Kombinatio-
    berechnet, und dass der Verbrauch bei Passivhäusern,
                                                                nen davon - als in den Berechnungen des Energiekenn-
    die nicht mehr solche Heizsysteme haben, sich kon-
                                                                wertes angenommen wird (vgl. Gram-Hansen, 2010).
    gruent zum Energiekennwert verhält.
                                                                Zweitens ist ein konsistentes Muster zu erkennen, das
    Zudem ist festzustellen, dass sowohl bei Niedrig-
                                                                die Abnahme der Heizenergieverbrauches in energie-
    energie- wie bei Passivhäusern die Verbrauchsvarianz
                                                                ineffizienten Gebäuden betrifft. Dieser Effekt wird im
    sehr groß ist. Es wäre ein Forschungsdesiderat, die
                                                                folgenden Abschnitt behandelt.
    Gründe dafür zu untersuchen.

                                                                Der Prebound-Effekt bei den Haushalten
    Ursachensuche: Woher kommt die Lücke?
                                                                Die oben zitierten deutschen Datenreihen zeigen, dass
    Es kann unterschiedliche Gründe für die breite Lücke
                                                                der tatsächlich gemessene Heizenergieverbrauch der
    zwischen Energiekennwerten und gemessenem
                                                                privaten Haushalte im Durchschnitt 30% niedriger als
    Verbrauch geben.
                                                                errechnet ist. Die Analyse deutscher Datenquellen, die
    Der Energiekennwert basiert auf Standardrechen-             sowohl den Energiekennwert als auch die real gemes-
    methoden nach DIN V 4108-6:2003. Die Annahmen               senen Verbräuche wiedergeben, legen die Vermutung
    bei dieser Rechenmethode könnten einfach falsch             nahe, dass die Bewohner sich umso sparsamer beim
    oder unangemessen sein, etwa der Faktor, der für            Heizen verhalten, je schlechter die thermische Qualität
    Lüftungsverluste angesetzt wird (0,7 Luftwechsel-           des Gebäudes ist.
    rate pro Stunde) oder die Standardinnentemperatur
                                                                Dieses Phänomen wird von uns in Kontrastierung zum
    (19oC).
                                                                bereits bekannten Rebound-Effekt als Prebound-Effekt
    Abweichungen, die bei älteren Gebäuden festgestellt         bezeichnet. Der Rebound-Effekt ergibt sich bekannter-
    werden, könnten sich aus unkorrekten Annahmen bei           maßen, wenn nach der Sanierung ein Teil der Energie-
    der Errechnung der Energiekennwerte erklären. So            einsparung durch zusätzlichen Energieverbrauch
    können Lüftungsverluste durch große Ventilatoren oder       wettgemacht wird, z.B. durch „erhöhte Raumtemperatur
    Wärmerückgewinnung kompensiert werden, und in               und Komfortansprüche, oder weil das eingesparte Geld
6
in neue Geräte und erhöhten Energieverbrauch ge-              Es bedarf sozialwissenschaftlicher Forschung, die
             steckt wird“ (Barker et al., 2007; Haas und Biermayr,         dieses Phänomen untersucht und erklärt, wie die Be-
             2000; Holm und Englund, 2009; Sorrell und Dimitropou-         wohner es schaffen, in solchen energie-ineffizienten
             los, 2008).                                                   Gebäuden zu leben. Außerdem wäre es interessant zu
                                                                           begreifen, warum Haushalte, die sich höhere Heiz-
             Im Gegensatz dazu bezieht sich der Prebound-Effekt
                                                                           standards leisten könnten, es vorziehen, so wenig
             auf die Situation vor einer energetischen Sanierung,
                                                                           Heizenergie in ihren nicht sanierten Gebäuden zu
             und er zeigt, wie viel weniger Energie verbraucht wird
                                                                           verbrauchen.
             als vermutet. Da Sanierungen keine Energie einspa-
             ren können, die gar nicht verbraucht wird, ergeben            Ein anderes Thema ist die Frage, worin ihre Energie-
             sich Auswirkungen auf die Wirtschaftlichkeit                  einsparstrategien bestehen, etwa wann und mit wel-
             energetischer Sanierungen.                                    chen Temperaturen sie welche Räume heizen, welche
                                                                           Heizungseinstellungen sie wählen und wie häufig sie
             Logo et a.. (2011) hat für Gebäude mit einem Energie-
                                                                           lüften. Aber was nicht so bekannt ist, ist die Motivation:
             kennwert über 100 kWh/m2a eine Darstellung entwi-
                                                                           Welche Gründe führen Bewohner privater Haushalte
             ckelt, die die Relation zwischen Energiekennwerten und
                                                                           zum sparsamen Umgang mit Energie?
             gemessenem Heizenergieverbrauch zeigt. Dabei zeigt
             sich, dass ein Gebäude mit einem Energiekennwert von
             500 kWh/m2a einen tatsächlichen Heizenergiever-               Vergleich mit anderen europäischen Ländern
             brauch von 215 kWh/m2a haben wird. Gebäude mit
                                                                           Zur Validierung wollen wir unsere Ergebnisse mit den
             einem Energiekennwert von 200 kWh/m2a kommen auf
                                                                           Forschungsergebnissen anderer westeuropäischer
             einen Heizenergieverbrauch von 145 kWh/m2a.
                                                                           Länder vergleichen. Die Literaturrecherche ergibt, dass
             So könnte eine Faustregel entwickelt werden, um die           ähnliche Prebound-Phänomene auch bei niederländi-
             tatsächlichen durchschnittlichen Energieeinsparungen          schen, britischen, belgischen und französischen Haus-
             zu berechnen, die sich aus Energieeffizienzmaßnah-            halten festgestellt wurden. Die Forschungsergebnisse
             men ergeben. Dabei gibt es selbstverständlich Abwei-          wurden im Januar 2012 in Amsterdam auf einem Work-
             chungen aufgrund von Art, Größe und Alter der                 shop mit Tiglehaar und Menkveld (2011) und Cayre et
             Gebäude.                                                      al. (2011) abgeglichen.
             Auf der Basis der Modellgleichung von Loga et al.
             kommen wir für den Preboundeffekt auf die Formel:             Niederländische Haushalte
                      P (%) = 100 [1,2 - 1,3 / (1 + Energiekennwert/500]   In ihrer Analyse der Daten von 4700 Haushalten in den
                                                                           Niederlanden fanden Tiglehaar und Menkveld (2011)
             Wir zeigen dies in Grafik 2. Bei unserem Modell geht
                                                                           ein dem Prebound-Effekt vergleichbares Phänomen.
             der Prebound-Effekt auf Null, sobald ein Energiekenn-
                                                                           Sie nannten es „Heizfaktor“ und quantifizierten es
             wert von 50 kWh/m2a erreicht ist. Darunter wird er
                                                                           umgekehrt (Heizfaktor = 1 - Prebound-Effekt/100). Sie
             negativ, d.h. es kommt zum Rebound-Effekt.
                                                                           bestimmten einen durchschnittlichen Heizfaktor von 0,7
             Es muss hervorgehoben werden, dass der Prebound-              (entsprechend einem Prebound-Effekt von 30%). Er
             Effekt in der Tendenz ausgeprägter ist, je höher der          sank bei weniger energie-effizienten Gebäuden und
             Energiekennwert ist.                                          stieg bis auf 1,0 und höher bei Gebäuden mit höherer
                                                                           Energieeffizienz.
                           Der Prebound-Effekt (nach Loga et al., 2011)    Diese Ergebnisse entsprechen dem in Grafik 2
                                                                           beschriebenen Prebound-Effekt. Tiglehaar und Menk-
                                                                           veld (2011, S. 356) stellen fest, dass
                                                                              „Bewohner in energie-effizienten Gebäuden ein
Prebound-Effekt (%)

                                                                              energie-intensiveres Verhalten zeigen als Bewohner
                                                                              von Gebäuden mit niedriger Energieeffizienz.“
                                                                           Dies weist nach ihrem Urteil darauf hin, dass das
                                                                           Einsparpotenzial von Wärmedämmung sehr stark
                                                                           begrenzt ist.

                                                                           Britische Haushalte
                                         Energiekennwert
                 Grafik 2                                                  In einer Studie zum Gebäudebestand in Großbritannien
                 Der Prebound-Effekt nach Loga et al. (2011) mit Formel    fand Kelly (2011) eine Korrelation zwischen der Ener-
                 P (%) = 100 [1,2 - 1,3 / (1 + Energiekennwert/500]        gieeffizienz von Gebäuden und ihrem Energiebedarf.

                                                                                                                                        7
Die Energieeffizienz von Gebäuden werden in Groß-                  Wir beobachten eine Ähnlichkeit in diesem Vorgehen
    britannien durch die Standard Assessment Procedure                 und dem Vergleich von verbrauchter Heizenergie und
    (SAP) auf einer Skala von 1 bis 100 beschrieben. Dabei             Energiekennwerten deutscher Gebäude (Grafik 1).
    ist in Umkehrung der Skalierung des deutschen Ener-                Hens et al. entwickeln in einer Kurvendiskussion eine
    giekennwertes der Wert 100 das energie-effizienteste               Gleichung für den Rebound-Effekt . So nennen sie ihr
    und 1 das energie-ineffizienteste Gebäude.                         Ergebnis, obwohl es an sich der Prebound-Effekt ist,
                                                                       den wir weiter oben beschrieben haben.
    Kelly nutzte Daten von 2531 Gebäuden des English
    House Condition Survey (EHCS) und entwickelte eine                 Er zeigt nämlich genau den Prozentsatz, zu dem der
    Strukturgleichung, mit der interdependente Korrelatio-             tatsächliche Heizenergieverbrauch unter dem errech-
    nen einer Reihe von Faktoren mit dem Heizenergiebe-                neten Wert liegt:
    darf in Beziehung gesetzt werden konnten. Er benutzt
                                                                                        P (MJ/a) = 100 [1,355 (U/C)0,16 - 1]
    dabei die Begrifflichkeit, „Bereitschaft, mehr (oder we-
    niger) Energie zu verbrauchen“, für Faktoren, die nicht            Dabei ist U der Transmissionsverlust (W/m2K) und C die
    von den physikalischen Parametern der Gebäude                      Kompaktheit des Gebäudes, d.h. Volumen/Fläche der
    abhängen (Raumtemperatur, Wohnfläche, Zahl der Be-                 Gebäudehülle.
    wohner und Einkommensniveau). Alle diese Faktoren                  Die Kurve gleicht der in Grafik 2, die nach Loga et al.
    stehen nach Kelly in positiver Korrelation zum Energie-            (2011) berechnet wurde. Je höher die Wärmeverluste
    verbrauch.                                                         pro m3 (im Vergleich zu den Energiekennwerten) sind,
    Gebäude mit einem hohen SAP-Wert haben die „Bereit-                umso stärker weichen die gemessenen Verbräuche ab.
    schaft, mehr Energie zu verbrauchen“, während das                  Die hier genutzte Gleichung kann auch darstellen,
    Gegenteil der Fall ist für Gebäude mit einem niedrigen             inwieweit die geringen Wärmeverluste (= hohe Energie-
    SAP-Wert. Anders ausgedrückt: je schlechter die                    effizienz) den Prebound-Effekt ins Negative bringen, wo
    Energieklasse, umso niedriger der Energieverbrauch im              also der Rebound-Effekt einsetzt.
    Verhältnis dazu - ähnlich wie in deutschen Haushalten.
    Kelly folgert daraus , dass einerseits die Kosten für                                 Prebound-Effekt und Transmissionsverluste - Belgien

    weitere thermische Verbesserungen in Gebäuden mit
    einem hohen SAP-Wert entsprechend dem Gesetz
    sinkender Amortisation (vgl. Jakob, 2006) hoch sein
    werden. Andererseits geht er davon aus, dass energe-
                                                               Prebound-Effekt (%)

    tische Sanierungen in Gebäuden mit einem niedrigen
    SAP-Wert zu einem Rebound-Effekt führen: zum
    Anstieg der durchschnittlichen Raumtemperatur anstatt
    zu verringertem Energieverbrauch.

    Belgische Haushalte
    Hens et al. (2010) analysierte eine Datenreihe mit Ge-
    bäudedaten und gemessenem Heizenergieverbrauch                                   Grafik 3 Darstellung des Prebound-Effekts für 964
    von 964 belgischen Gebäuden, deren Heizverlustwerte                                        belgische Gebäude, nach Hens et al. (2010),
    bekannt waren.                                                                             P (MJ/a) = 100 [1,355 (U/C)0,16 - 1]

    Er drückte die Energieklassen nicht in kWh/m2a aus,
    sondern wählte als unabhängige Variable „spezifische
                                                                       Französische Haushalte
    Wärmeverluste per m3 umfassten Volumens“ (STV) und
    drückte dies als W/m3K aus. Dies ist der durchschnittli-           Cayre et al. (2011) setzten den gemessenen Heiz-
    che U-Wert der Gebäudehülle, geteilt durch ihr Volumen             energieverbrauch in Bezug zum Diagnostic de perfor-
    und multipliziert mit der Fläche der Gebäudehülle.                 mance énergetique (DPE). Dieser Wert wird in Frank-
                                                                       reich für den Heizenergieverbrauch in privaten
    Man kann dies mit dem deutschen Energiekennwert
                                                                       Haushalten genutzt.
    vergleichen, wobei der Vorteil dabei ist, dass es hier
    keine impliziten Annahmen zum Standardheizverhalten                Anstelle von kWh/m2a gibt der DPE die MWh pro
    gibt. Als abhängige Variable wählten Hens et al. „Heiz-            Gebäude und Jahr an (MWh/dw.y). Dies erbringt mehr
    energieverbrauch pro Volumenseinheit“ anstelle pro m2              Informationen über die Bewohner, denn die Heizkosten
    Wohnfläche. Dies schließt Varianzen beim Energie-                  hängen sowohl von der Größe des Gebäudes als auch
    verbrauch in Abhängigkeit von der Deckenhöhe ein. Die              von dem Verbrauch pro Quadratmeter ab. So ist ein
    Autoren setzen die Ergebnisse zum STV der 964                      direkter Vergleich von Ausgaben und der Gesamten-
    Gebäude in Beziehung.                                              ergieeffizienzklasse des Gebäudes möglich.

8
Zusätzlich setzten Cayre et al. den DPE (Energiekenn-      Eine Reihe deutscher Wissenschaftler beginnen indes
wert) nicht nur zu den absoluten Heizenergiekosten in      Kritik daran zu üben, wie politische Entscheider in
Bezug, sondern auch zum Heizkostenanteil am                Deutschland die Wirtschaftlichkeit berechnen: sie
Gesamteinkommen des Haushalts. Sie setzten dies in         basierten auf den Energiekennwerten aufgrund der
Bezug zur „Energieintensität“, wobei dieser Begriff dem    falschen Annahme, dass diese den tatsächlichen
„Heizfaktor“ bei Tiglehaar und Menkveld (2011) ent-        Verbräuchen entsprechen (GdW, 2011; Gerth et al.,
spricht.                                                   2011; Schröder et al., 2010, 2011; Walberg, 2011; Wal-
                                                           berg et al., 2011).
Die Ergebnisse zeigen, dass französische Haushalte im
Schnitt 2 bis 5 % des Haushaltseinkommens für Heiz-        Die vorliegende Studie kommt zu dem Schluss, dass
energie ausgeben und eine Energieintensität von 0,6        der tatsächliche Heizenergieverbrauch im Durchschnitt
erreichen (entsprechend einem Prebound-Effekt von          30% niedriger ist, als die Energiekennwerte der
40%). In einigen Fällen, wo das Haushaltseinkommen         Gebäude annehmen ließen. Daraus ergibt sich, dass
niedrig ist, erreichen die Haushalte nicht einmal eine     der Unterschied zwischen tatsächlichem Verbrauch und
Energieintensität von 0,5, obwohl sie bis zu 5% ihres      Energiekennwerten wahrscheinlich die errechneten
Einkommens dafür aufbringen. Haushalte in besseren         Energieeinsparungen energetischer Sanierung wett-
Gebäuden, oder die höhere Einkommen haben,                 machen. Dies zeigen wir schematisch in Grafik 4.
erreichen eine Energieintensität von 0,8 bis 1,0 (mit
einer Varianz von Prebound-Effekten von 20% bis zu
Rebound-Effekten von 10%).
                                                           Heizenergieverbrauch
                                                                 kWh/m2a

Die mittlere Energieintensität beträgt 0,6 (entsprechend
einem Prebound-Effekt von 40%), und die Haushalte                      Energiekennwert
verbrauchen im Schnitt 3% ihres Einkommens für Heiz-                     vor Sanierung
                                                                                                                  Prebound-
energie. Energetische Sanierungen führen dazu, dass                                                               Effekt
die Haushalte einen geringeren Teil ihres Einkommens                        errechnete
                                                                                          tatsächliche
für Heizzwecke ausgeben und gleichzeitig die Raum-
                                                                               Energie-
                                                                            einsparung        Energie-
                                                                                           einsparung
temperatur erhöhen.
                                                                                                                  Rebound-
Bei Haushalten mit niedrigem Einkommen in thermisch
                                                                       Energiekennwert
                                                                                                                  Effekt
                                                                        nach Sanierung

defizitären Gebäuden könnte eine maßvolle energeti-
sche Sanierung die Energieintensität auf einen Wert
von 0,6 bringen und den Anteil am Haushaltseinkom-
                                                                   Grafik 4 Begrenzung des theoretischen Energieeinspar-
men auf 3% senken. Für alle anderen Haushalte ergibt                        potenzials durch den Prebound-Effekt und den
sich, dass jegliche Art energetischer Sanierung zu                          Rebound-Effekt
unterschiedlichen Ausprägungen erhöhter Energie-
intensität und einem geringeren Heizkostenanteil am
Haushaltseinkommen führt.                                  Die deutsche Politik zielt darauf ab, den Heizenergie-
                                                           verbrauch bis 2050 um 80% zu reduzieren (Umweltbun-
Dieses Szenario steht im Gegensatz zur deutschen
                                                           desamt (UBA), 2007; Bundesministerium für Umwelt,
Politik, deren Annahme es ist, dass alle Gebäude sich
                                                           Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU), 2007; Tie-
bereits auf einer Energieintensität von 1 (als gäbe es
                                                           fensee, 2006). Das bedeutet, dass der tatsächliche
keinen Prebound-Effekt) bewegen und dass nach einer
                                                           Heizenergieverbrauch bis auf einen Durchschnitt von
energetischen Sanierung auf einen bestimmten
                                                           30 kWh/m2a gesenkt werden muss. Die Grenzkosten
Standard die Haushalte ihren Heizenergieverbrauch
                                                           einer Sanierung auf diesen Standard können extrem
proportional zum Energieeffizienzgewinn verringern
                                                           hoch sein (Galvin, 2010; Jakob, 2006; Tschimpke et al.,
würden. Man könnte jedoch einwenden, dass die
                                                           2011).
beschriebenen Effekte (im französischen Fall,
Anm.d.Ü.) lediglich das aktuelle Verhalten der privaten    Schröder et al. (2010, 2011) haben gezeigt, dass öko-
Haushalte wiedergeben und nicht darauf abstellen, wie      misch machbare Energieeinsparungen durch maßvolle
sich das Verhalten nach einer energetischen Sanierung      energetische Sanierungen auf einen Wert von etwa
verändern könnte.                                          25% bis 35% hinausliefen (ähnlich Sunikka-Blank and
                                                           Galvin, 2012), und nicht auf 70% bis 80%, wie es
Politische Implikationen                                   die deutsche Politik postuliert (BMVBS, 2009a; DENA,
                                                           2011).
In Deutschland stehen die Vorschriften der thermischen
Standards der EnEV im Vorbehalt ihrer Wirtschaftlich-      Vor diesem Hintergrund ist die politische Frage nach
keit, so dass die Amortisationsdauer 25 Jahre nicht        den Kosten von CO2-Vermeidung zu stellen. Beim dem
überschreiten sollte.                                      von der EnEV verlangten Sanierungsstandard entspre-

                                                                                                                           9
chen die Kosten pro eingesparter kWh über die Laufzeit    Für Großbritannien belegt eine Studie von Summerfield
     der Sanierung dem Energiepreis, gegenwärtig also          et al. (2010), dass der Energieverbrauch hier relativ
     0,069 € pro kWh. Bei einer CO2-Emissionsrate von 0,26     unelastisch ist. Die durchschnittliche Preiselastizität
     kg pro eingesparter kWh ergäbe das 265€ für jede ein-     beträgt nur -0,20. Ein 50-prozentiger Anstieg der Ener-
     gesparte Tonne CO2.                                       giepreise (wie er 2008 beim Gaspreis innerhalb nur
                                                               eines Jahres stattfand) führte zu einem etwa 10-prozen-
     Wenn die Energieeinsparung aber tatsächlich nur die
                                                               tigen Rückgang in der Energienachfrage. Dies wird bei
     Hälfte der errechneten Einsparung ausmacht (wie es
                                                               Hunt et al. (2003) bestätigt.
     unsere Analyse vielfach zeigt), würden sich die Kosten
     pro eingesparter kWh auf 0,138 € verdoppeln, und die      Die aktuellen Untersuchungen der Autoren zu
     eingesparte Tonne CO2 würde 530€ kosten. Da die           Heiztrends in deutschen Haushalten für die Jahre 2002-
     Hälfte der Kosten durch Energieeinsparungen aufgewo-      2010 legen nahe, dass die jährliche Preiselastizität
     gen würde, beliefen sich die Nettokosten pro eingespar-   insgesamt -0,50 betrug, und für Haushalte ohne
     ter Tonne CO2 auf 265€. Dies sind zehnmal höhere          energetische Sanierungsmaßnahmen -0,49 (Sunikka-
     Kosten als beispielsweise bei der Modernisierung eines    Blank und Galvin, 2012).
     gasbetriebenen Elektrokraftwerkes in Westeuropa pro
                                                               Es könnte eine Korrelation zwischen dem Prebound-
     Tonne entstünden, und 20 mal mehr als der gleiche Vor-
                                                               Effekt und dem Haushaltseinkommen, Energieabrech-
     gang in Osteuropa kosten würde(Sinn, 2008).
                                                               nungen daraus folgenden Energiepreisen geben. Im
     Empirische Studien zeigen jedoch, dass es möglich ist,    Durchschnitt geben deutsche Haushalte jährlich etwa
     deutsche Gebäude in bescheidenem Umfang, also             880€ für Raum- und Warmwasserheizung aus (Galvin
     unter EnEV-Standards, zu renovieren, und dass dabei       und Sunikka-Blank, 2012). Die Analyse deutscher
     positive Einsparungen erreicht werden können (Michel-     Datenreihen zeigt, dass die Verteilung des Heizenergie-
     sen and Müller-Michelsen, 2010). So sind in der jüngs-    verbrauches pro Quadratmeter Wohnfläche eine
     ten Zeit bei politischen Planungen, die die Sanierung     kleinere Standardvarianz hat (40%) als die der Energie-
     von Dachböden auf einen gewissen Standard vorsa-          kennwerte (60%).
     hen, deutsche Politiker von der harten Linie abgewichen
                                                               Dies legt nahe, dass die Bewohner bewusstermaßen
     und haben schrittweise Dämmmaßnahmen für den Fall
                                                               ihr Haushaltseinkommen so ausgeben, dass ein kon-
     erlaubt, wo die Gebäudestruktur den Standard von
                                                               sistenter Mittelwert für die Energieausgaben bei allen
     22cm-Dämmung unmöglich machte (GdW, 2010) .
                                                               Energiekennwerten entsteht. Es würde Sinn machen zu
     Dies ist ein Beispiel dafür, wie Vorschriften für den     untersuchen, in welchem Maße sowohl der Prebound-
     Gebäudebestand besser an die Gebäudestruktur und          Effekt als auch der Rebound-Effekt zumindest partiell
     die Bewohner angepasst werden könnten. Der nächste        auf einer festen Entscheidung der Haushalte beruht,
     Schritt bestünde darin, die Vorschriften für energe-      einen definierten Teil ihres Einkommens für Heizenergie
     tische Sanierung wie in der EnEV so zu formulieren,       auszugeben. Das so gewonnene Wissen könnte bei der
     dass anstatt drakonischer Vorschriften ökonomisch         Formulierung von Energiepolitik dafür verwandt werden,
     effiziente und aufwachsende Maßnahmen möglich             auf Verhalten und Energieeinsparung Einfluss zu
     würden, die dem tatsächlichen Zustand der Ge-             nehmen.
     bäude entsprechen und die Heizmuster optimieren.
                                                               Die Forschungsergebnisse dieser Studie wurden im
     In Ergänzung zum Ordnungsrecht erweisen sich              Januar 2012 in Berlin mit einer Reihe von politischen
     Steueranreize und wirtschaftliche Zwänge als Schlüs-      Entscheidern diskutiert: Bundestagsabgeordneten von
     selantriebsfaktoren beim Heizverhalten. In einer Unter-   CDU und SPD, wissenschaftlichen Mitarbeitern von
     suchung von Hacke (2007) wird klar, das für               Abgeordneten der Grünen, Mitarbeitern der GdW
     einkommensschwache Bewohner in Deutschland die            (Gemeinschaft der Wohneigentümer), mit einem
     Heizenergiekosten der entscheidende Parameter für         Gebäudeexperten der DENA und wissenschaftlichen
     das Heizverhalten ist.                                    Mitarbeitern des NABU.
     Rehdanz (2007) vergleicht Untersuchungen zur Ener-        Das Ergebnis dieser Gespräche zeigt: allmählich
     giepreisflexibilität in den Niederlanden, Dänemark und    wächst das Verständnis dafür, dass die deutschen
     Großbritannien und bemerkt eine durchschnittliche         CO2-Reduktionsziele im Bereiche der Heizenergie
     Flexibilität von -0,35% auf -0,65%. Dies bedeutet, dass   nicht durch immer höhere Standards bei der Dicke
     für jedes Prozent Energiepreiserhöhung der Energie-       der Dämmschichten erreicht werden können. Die
     verbrauch um 0,35% auf 0,65% sank. Die Studie von         Sanierungsstandards sollten 2012 um weitere 30% ver-
     Rehdanz über Ausgaben deutscher Haushalte für             schärft werden, doch unsere Gespräche ergaben, dass
     Heizung und Warmwasser kommt zu vergleichbaren            die politischen Entscheider immer größere Abneigung
     Ergebnissen.                                              entwickeln, dies zuzulassen.

10
In der Tat hat eine neuere Studie von Tschimpke et al.       Die Analyse der deutschen Datenreihen zeigt, dass sich
(2011) ergeben, dass die Kosten, wenn es denn tech-          die Bewohner im Allgemeinen umso energiebewusster
nisch möglich wäre, den gesamten Gebäudebestand              bezüglich ihres Heizenergieverbrauches verhalten, je
doppelt so stark zu sanieren wie bisher, um ein Vielfa-      schlechter ihr Gebäude in thermischer Hinsicht ist.
ches höher wären, als der Staat und die Hausbesitzer
                                                             Da durch Sanierungsmaßnahmen keine Energie einge-
es sich leisten könnten. Gleichzeitig würden so Mittel
                                                             spart werden kann, die in Wahrheit gar nicht verbraucht
von ökonomisch sinnvolleren CO2-Einsparprojekten
                                                             wird, wird dieses Phänomen als Prebound-Effekt
abgezogen.
                                                             bezeichnet. Hierbei wird weniger Energie verbraucht als
Einige Politiker sehen dies als Chance, alternativ           errechnet, und das hat Implikationen für die ökonomi-
darüber nachzudenken, wie andere Konzepte wie etwa           sche Machbarkeit von thermischen Sanierungsmaß-
ein Mix bescheidenerer Sanierungsmaßnahmen und               nahmen.
zielgerichtete Verhaltensänderungskampagnen die
                                                             Die Ergebnisse sind eine Herausforderung für die
Einsparung erhöhen könnten. Die dominierende
                                                             vorherrschende politische Sichtweise in Deutsch-
Sichtweise scheint jedoch noch immer folgende zu
                                                             land, derzufolge erhebliche Energieeinsparungen
sein: Wenn der technische Lösungsweg nicht
                                                             erreicht werden können, wenn man sich nur auf die
adäquat funktioniert, muss eben umso stärker ver-
                                                             technischen Aspekte energetischer Sanierung konzen-
sucht werden, ihn in Gang zu bringen. Diese Sicht-
                                                             triert und extrem hohe thermische Standards einfordert.
weise wird durch die staatliche Förderpolitik unterstützt.
                                                             Die von uns identifizierte Lücke zwischen theoretischem
Schlussfolgerungen                                           und tatsächlichem Energieverbrauch zeigt, dass
                                                             ökonomisch sinnvolle Energieeinsparungen beim
Diese Studie untersuchte existierende Datenreihen, die
                                                             Heizenergieverbrauch privater Haushalte ein erheb-
sowohl Werte für den errechneten Heiz- und Warm-
                                                             lich kleineres Potenzial haben, als es der politische
wasserenergieverbrauch deutscher Gebäude enthielten
                                                             Diskurs in Deutschland annimmt.
(Energiekennwerte) als auch die tatsächlich gemesse-
nen Verbräuche. Auf der Basis der Energiekennwerte           Die verbreitete Praxis, die Energieeinsparungen durch
und der realen Verbräuche von 3400 deutschen Gebäu-          energetische Sanierungen auf der Basis des theoreti-
den (siehe Tabelle 1) bringt unsere Analyse vier Kern-       schen Energiekennwertes zu berechnen, führt dazu,
ergebnisse, die ähnlich auch in den Niederlanden,            dass das Einsparungspotenzial überschätzt wird.
Belgien, Frankreich und Großbritannien zu beobachten         Dies liegt an den Annahmen, die zur Ermittlung des
sind:                                                        Energiekennwertes herangezogen werden. Selbst
• Erstens ist eine große Varianz beim Heizenergiever-        wenn es der deutschen Regierung gelingen würde, alle
brauch (kWh/m2a) von Gebäuden mit identische Ener-           Bestandsgebäude auf EnEV-Standards zu ertüchtigen,
giekennwerten zu beobachten.                                 würde die von uns festgestellte Lücke dazu führen, dass
                                                             in Wahrheit nur die Hälfte der erhofften Energieeinspa-
• Zweitens liegt der durchschnittlich gemessene tat-
                                                             rung erzielt wird, und dass wegen zahlreicher techni-
sächliche Energieverbrauch 30% unter dem Energie-
                                                             scher Schwierigkeiten bei vielen Gebäuden die Kosten
kennwert. Diese Lücke zwischen errechneten und
                                                             für die privaten Haushalte inakzeptabel hoch wären.
gemessenen Energieverbräuchen kann technisch
erklärt werden, etwa durch fehlerhafte Annahmen bei          Unsere Analyse der deutschen Politik auf Bundesebene
den Algorithmen der Energieklassifizierung nach DIN          und die Gespräche mit politischen Entscheidern im
(DIN V 4108-6:2003). Es ist jedoch wahrscheinlich,           Januar 2012 zeigten uns, dass nicht-technische
dass diese Lücke zumindest teilweise auf unterschied-        Faktoren wie Verhalten vermutlich nicht ausrei-
liches Heizverhalten zurückzuführen ist.                     chend bei der Formulierung effektiver energetischer
• Drittens scheint diese Lücke zwischen errechnetem          Sanierungsvorschriften berücksichtigt wurden.
und tatsächlichem Verbrauch mit der Höhe des Ener-           Die EnEV enthält rigide Vorschriften für thermische
giekennwertes zuzunehmen. Die Lücke beträgt 17% bei          Sanierung im Gebäudebestand, und in manchen Fällen
einem Energiekennwert von 150 kWh/m2a und 60% bei            wird sie Hauseigentümer davon abhalten, ihre Sanie-
einem Energiekennwert von 500 kWh/m2a (Prebound-             rungsabsichten an das angesichts ihrer Heizgewohn-
Effekt)                                                      heiten und Einkommensverhältnisse für sie ökonomisch
• Viertens ergibt sich für Gebäude mit einem Energie-        Machbare anzupassen.
kennwert unter 100 kWh/m2a, dass sich dieser Trend           Ausgesprochen drakonische thermische Standards
umkehrt und die Bewohner mehr verbrauchen, als dem           können real die Menge eingesparter Energie bei den
Energiekennwert entspräche (Rebound-Effekt).                 privaten Haushalten verringern.

                                                                                                                       11
12
Literaturverzeichnis                                                                    ble at: http://justsolutions.eu/Resources/PhDGalvinFinal.pdf) (accessed on 17 No-
                                                                                        vember 2011).
Barker, T., Ekins, P. and Foxton, T. (2007) The macro-economic rebound effect
                                                                                        Galvin, R. and Sunikka-Blank, M. (2012) How price elasticity affects the econo-
and the UK economy. Energy Policy, 35(10), 4935–4946.
                                                                                        mic viability of domestic energy efficiency technology: case study of thermal
Berndgen-Kaiser, A., Fox-Kämper, R., Holtmann, S. and Frey, T. (2007) Leben im          refits of German dwellings. Energy and Buildings, DOI 10.1016/j.enbuild.2012.
Passivhaus: Baukonstruktion, Baukosten, Energieverbrauch, Bewohner-                     03.043.
erfahrungen, Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung und Bauwesen
                                                                                        GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V
des Landes Nordrhein-Westfalen. 68 S.-ILS-NRW-Schriften Bd. 202, ILS NRW,
                                                                                        (2010) Energieeffizientes Bauen und Modernisieren: Gesetzliche Grundlagen;
Aachen (available at: http://www.ilsforschung. de/index.php?option=com_con-
                                                                                        EnEV 2009; Wirtschaftlichkeit, GdW Berlin.
tent&view=article&id=348&Itemid=205&lang=de) (accessed on 18 November
2011).                                                                                  GdW Bundesband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen e.V (2011)
                                                                                        DENA-Sanierungsstudie zur Wirtschaftlichkeit von Modernisierungsmaßnah-
Boardman, B., Killip, G., Darby, S., Sinden, G., Jardine, C.N., Hinnells, M. and Pal-
                                                                                        men ist unrealistisch, Medien-Information Nr. 05/11 vom 10.02.2011, GdW, Berlin
mer, J. (2005) 40% House Report, Environmental Change Institute (ECI), Oxford.
                                                                                        (available at: http://web.gdw.de/pressecenter/pressemeldungen/ 177-energieeffi-
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) (2007)            zienz/134 -dena-sanierungsstudie-zur-wirtschaftlichkeit- von-modernisierungs-
Taking Action against Global Warming: An Overview of German Climate                     massnahmenist-unrealistisch? tmpl=
Policy, Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS),
                                                                                        Gerth,M.,Kämpke, T., Radermacher, F.J. and Solte,D. (2011) Die soziale Dimen-
Berlin.
                                                                                        sion des Klimaschutzes und der Energieeffizienz im Kontext von Bau-und
Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) (2009a)                 Wohnungswirtschaft, Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensver-
EnEV 2009 KfW-Programm Energieeffizient Sanieren [online] (available at:                arbeitung, Ulm (available at: http://www.faw-neu-ulm.de/artikel) (accessed on 18
http://bis.bmvbs.de/ static/flyer/index.html) (accessed on 18 November 2011).           November 2011).

Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) (2009b)                 Gram-Hansen, K. (2008a) Consuming technologies – developing routines.
Verordnung über energiesparenden Wärmeschutz und energiesparende                        Journal of Cleaner Production, 16(11),1181–1189.
Anlagentechnik bei Gebäuden (Energieeinsparverordnung – EnEV 2009),
                                                                                        Gram-Hansen, K. (2008b) Heat comfort and practice theory, in T.G. Ken, A. Tukker
BMVBS, Berlin (available at: http://www.enev-online.org/
                                                                                        and C. Vezzoli (eds): Sustainable Consumption and Production: Framework
enev_2009_volltext/index.htm) (accessed on 17 November 2011).
                                                                                        for Action. Proceedings of the 2nd Conference of the Sustainable Consumption
Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) (2010) Zahlen und               Research Exchange (SCORE!) Network Flemish Institute for Technological Re-
Fakten: Energiedaten: Nationale und Internationale Entwicklung Referat III C            search, Mol, pp. 53–72.
3, BMWi, Berlin (available at: http://www.bmwi.de/BMWi/Navigation/ Energie/Statis-
                                                                                        Gram-Hansen, K. (2010) Residential heat comfort practices: understanding
tik-und-Prognosen/energiedaten.html) (accessed on 5 December 2010).
                                                                                        users. Building Research & Information, 38(2), 175–186.
Cayla, J.-M. (2010) From practices to behaviors: estimating the impact of hou-
                                                                                        Gram-Hansen, K. (2011) Households’ energy use – which is the more impor-
sehold behavior on space heating energy consumption, in Proceedings of the
                                                                                        tant: efficient technologies or user practices, in Proceedings of the World Re-
ACEEE Summer Study on Energy Efficiency in Buildings, Pacific Grove, CA, US,
                                                                                        newable Energy Congress 2011, Linköping, Sweden.
15–20 August 2010.
                                                                                        Greller, M., Schröder, F., Hundt, V., Mundry, B. and Papert, O. (2010) Universelle
Cayre, E., Allibe, B., Laurent, M-H. and Osso, D. (2011) There are people in the
                                                                                        Energiekennzahlen für Deutschland – Teil 2: Verbrauchskennzahlentwicklung
house! How the results of purely technical analysis of residential energy con-
                                                                                        nach Baualtersklassen. Bauphysik, 32(1), 1–6.
sumption are misleading for energy policies, in Proceedings of the ECEEE
2011 Summer Study on Energy Efficiency First: The Foundation of a Low-Carbon            Guerra-Santin, O. and Itard, L. (2010) Occupants’ behaviour: determinants and
Society, pp. 1675–1683.                                                                 effects on residential heating consumption. Building Research & Information,
                                                                                        38(3), 318–338.
Chappells, H. and Shove, E. (2004) Comfort: A Review of Philosophies and Pa-
radigms, Lancaster University Centre for Science Studies, Lancaster.                    Guerra-Santin, O., Itard, L. and Visscher, H. (2009) The effect of occupancy and
                                                                                        building characteristics on energy use for space and water heating in Dutch
Chappells, H. and Shove, E. (2005) Debating the future of comfort: environ-
                                                                                        residential stock. Energy and Buildings, 41, 1223–1232.
mental sustainability, energy consumption and the indoor environment. Buil-
ding Research & Information, 33(1), 32–40.                                              Haas, R. and Biermayr, P. (2000) The rebound effect for space heating: empiri-
                                                                                        cal evidence from Austria. Energy Policy, 28, 403–410.
Cupples, J., Guyatt, V. and Pearce, J. (2007) ‘Put on a jacket, you wuss’: cultu-
ral identities, home heating, and air pollution in Christchurch, New Zealand.           Hacke, U. (2007) Supporting European Housing Tenants in Optimising Re-
Environment and Planning A, 39, 2883–2898.                                              source Consumption. Deliverable 2.1: Tenant and Organisational Require-
                                                                                        ments, Version 1a, Save@Work4Homes, Berlin and Frankfurt (available at:
de T’Serclaes, P. (2007) Financing Energy Efficient Homes: Existing Policy
                                                                                        http://www.iwu.de/fileadmin/user_upload/dateien/energie/klima_altbau/SAVE_Work
Responses to Financial Barriers, International Energy Agency (IEA), Paris.
                                                                                        4Homes_Deliverable_2.1_V1a.pdf) (accessed on 27 October 2011).
DENA (2011) DENA-Sanierungsstudie. Teil 1: Wirtschaftlichkeit energetischer
                                                                                        Hens, H., Parijs, W. and Deurinck, M. (2010) Energy consumption for heating
Modernisierung im Mietwohnungsbestand. Begleitforschung zum dena-
                                                                                        and rebound effects. Energy and Buildings, 42, 105–110.
Projekt ‘Niedrigenergiehaus im Bestand’, Deutsche Energieagentur, Berlin
(available at: http://www.zukunft-haus.info/uploads/ media/dena-Sanierungsstu-          Holm, S-O. and Englund, G. (2009) Increased ecoefficiency and gross rebound
die_Teil_1_ MFH_01.pdf) (accessed on 17 November 2011).                                 effect: evidence from USA and six European countries. Ecological Economics
                                                                                        1960–2002, 68, 879–887.
Enseling, A. and Hinz, E. (2006) Energetische Gebäudesanierung und
Wirtschaftlichkeit – Eine Untersuchung am Beispiel des ‘Brunckviertels’ in              Hunt, L.C., Judge, G. and Ninomiya, Y. (2003) Underlying trends and seasona-
Ludwigshafen, Institut Wohnen und Umwelt, Darmstadt.                                    lity in UK energy demand: a sectoral analysis. Energy Economics, 25, 93–118.
Erhorn, H. (2007) Bedarf – Verbrauch: Ein Reizthema ohne Ende oder die                  International Energy Agency (IEA) (2008) Promoting Energy Efficiency Invest-
Chance für sachliche Energieberatung?, Fraunhofer-Institut für Bauphysik,               ments: Case Studies in the Residential Sector, IEA Paris.
Stuttgart (available at: http://www.buildup.eu/publications/1810) (accessed on 20
November 2011).                                                                         Jagnow, K. and Wolf, D. (2008) Technische Optimierung und Energieinspa-
                                                                                        rung, OPTIMUS-Hamburg City-State.
Galvin, R. (2010) Thermal upgrades of existing homes in Germany: the
building code, subsidies, and economic efficiency. Energy and Buildings,                Jakob, M. (2006) Marginal costs and co-benefits of energy efficiency invest-
42(6), 834–844.                                                                         ments: the case of the Swiss residential Sector. Energy Policy, 34, 172–187.

Galvin, R. (2011), Discourse and materiality in environmental policy: the case          Jakob, M. (2007) The Drivers of and Barriers to Energy Efficiency in Renova-
of German Federal policy on thermal renovation of existing homes. PhD the-              tion Decisions of Single-Family Homeowners. Working Paper No. 56, Centre for
sis, School of Environmental Sciences, University of East Anglia, Norwich (availa-      Energy Policy and Economics (CEPE), Zurich.

                                                                                                                                                                             13
Sie können auch lesen