DER ÖSTERREICHISCHE TOURISMUS - in der Corona- und Klimakrise - WIRTSCHAFTSPOLITIK - AK Niederösterreich
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DER ÖSTERREICHISCHE
TOURISMUS
in der Corona- und Klimakrise
WIRTSCHAFTSPOLITIK noe.arbeiterkammer.at| Wohin geht die Reise?
Informationen
Kammer für Arbeiter und Angestellte
für Niederösterreich
Abteilung Wirtschaftspolitik
AK-Platz 1
3100 St. Pölten
Tel. 05 7171-24533
wirtschaftspolitik@aknoe.at
noe.arbeiterkammer.at
Autor: Sandra Dohr, Abteilung Wirtschaftspolitik der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Niederösterreich
Stand: September 2020
Impressum: Eigentümer, Herausgeber und Verleger: Kammer für Arbeiter und Angestellte für NÖ, 3100 St. Pölten, AK-Platz 1,
1
Tel.: 05 7171. Eigenvervielfältigung. Titelbild: © Niederösterreich Werbung / Andreas HoferVorwort | Wohin geht die Reise?
Vorwort
Der Tourismussektor erwirtschaftet 16 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts. Diese
wirtschaftlich enorm bedeutende Branche steht nicht nur durch die Corona-Pandemie unter großem
Druck, wie diese umfassende Branchenanalyse darstellt. Auch die Klimaerwärmung sorgt mit insta-
bileren und veränderten Wetterlagen für ungünstigere Bedingungen. Gleichzeitig zeigt sich, dass der
Tourismussektor ein wesentlicher Verursacher von Treibhausemissionen und damit der Klimaerwär-
mung ist.
Diese umfassende Analyse beleuchtet auch die Arbeitsbedingungen in der Branche. Sie sind geprägt
von ungünstigen Arbeitszeiten, niedrigen Löhnen und hoher Fluktuation. Betroffen sind vor allem Frau-
en, MigrantInnen und Teilzeitbeschäftigte.
Mit ihren unterschiedlichen Blickwinkeln ermöglicht diese Branchenanalyse auch einen Ausblick auf
mögliche weitere Entwicklungen, hin zu einem nachhaltigeren und sozial verträglicheren Tourismus
und zeigt auf, welche Weichenstellungen für eine solche Entwicklung notwendig sein könnten.
Markus Wieser Mag. Bettina Heise
Präsident Direktorin
3Inhalt | Wohin geht die Reise?
Inhalt
Einleitung 7
Überblick über den Tourismus in Österreich 8
Ankünfte und Nächtigungen 8
Quellmärkte 9
Tourismusintensität und Aufenthaltsdauer 10
Beherbergungskapazitäten 11
Wirtschaftliche Rolle und Position weltweit 11
Beschäftigung im Tourismus 12
Wechselwirkung zwischen Klimawandel und Tourismus 16
Auswirkungen auf den Tourismus 17
Tourismus als Treiber des Klimawandels 18
Megatrend Nachhaltigkeit 19
Einfluss des Tourismus 19
Good-Practice Beispiele aller Welt 20
Der Tourismus in der Corona-Krise 22
Auswertungen der bisherigen „Corona-Saisonen“ 23
Hoffnungsschimmer 25
Weitere Herausforderungen des 21. Jahrhunderts 26
Handlungs- und Lösungsansätze 27
Zusammenfassung 28
Referenzen 29
5Einleitung | Wohin geht die Reise?
Einleitung
Der Tourismus zählt seit Jahren zu den wich- Im Fokus der vorliegenden Analyse steht der ös-
tigsten Wirtschaftsfaktoren weltweit. Die Bran- terreichische Tourismus. Allgemeine statistische
che trägt maßgeblich zur Armutsbekämpfung Kennzahlen und Beschäftigungsmerkmale wer-
bei und repräsentiert eine der stärksten Wachs- den dabei genauso thematisiert, wie die Aus-
tumsbranchen mit nach wie vor hohem Entwick- wirkungen der Coronavirus-Pandemie und des
lungspotenzial. Auch in Österreich gewinnt der Klimawandels sowie der Nachhaltigkeitstrend.
Tourismus jährlich an Bedeutung. In über 90.000
Betrieben sind rund 300.000 Menschen direkt Zum Einstieg ins Thema wird die österreichi-
oder indirekt (Vollzeitäquivalent) in der österrei- sche Tourismuswirtschaft und deren Bedeutung
chischen Tourismuswirtschaft beschäftigt. Die erläutert. Statistische Kennziffern wie Nächti-
Tourismus- und Freizeitwirtschaft trägt mit ei- gungen, Tourismusintensität und touristische
nem BIP-Anteil von ungefähr 16 % maßgeblich Einnahmen werden kurz umrissen, während das
zur Wirtschaftsleistung Österreichs bei. Beson- Teilkapitel über die Arbeitswelt im Fokus steht.
ders in alpinen Gegenden ist man in Österreich Im darauffolgenden Kapitel wird der Klimawan-
vom Tourismus abhängig. del, dessen Rolle für den Tourismus und vice
versa dargestellt.
Das 21. Jahrhundert hält für die Tourismuswirt-
schaft viele Herausforderungen bereit. Der Kli- Anschließend steht die Thematik Nachhaltigkeit
mawandel droht wortwörtlich alle Hoffnungen im Zentrum. Der österreichische Tourismus hat
für den in einigen Regionen überlebenswichtigen hierbei große Herausforderungen, aber auch
schneebasierten Wintertourismus zu schmel- zahlreiche Chancen. Im nächsten Kapitel dreht
zen, während das Coronavirus die letzte Chance sich alles um das Coronavirus und die Betroffen-
auf erneute Sommerfrische verwehrt hat. Laut heit des Tourismus, es ist einer der am stärksten
Experten*innen und Forschern*innen werden betroffenen Wirtschaftssektoren. Auf Beispiele
beide Krisen einschneidende Konsequenzen für weiterer Herausforderungen für die österreichi-
die österreichische Tourismuswirtschaft haben, sche Tourismuswirtschaft folgen Handlungs-
doch es gibt auch Grund zur Hoffnung dank des und Lösungsansätze sowie offene Fragen. Die
aufstrebenden „sanften Tourismus“. Analyse schließt mit einer Zusammenfassung.
7Überblick über den Tourismus
in Österreich
Ankünfte und Nächtigungen negative Entwicklung des Nächtigungsmarkt-
anteils seit 2000 verzeichnen. Das Bundes-
Im Kalenderjahr 2019 verzeichnete die öster- land Wien hingegen konnte einen Gewinn von
reichische Tourismuswirtschaft erneut Höchst- +4,73 % erzielen.2
werte mit 152,7 Millionen Nächtigungen, davon
74 % aus dem Ausland kommend. Dies zeigt Die von Saisonalität geprägte Tourismusbran-
ein Wachstum von +1,9 % zum Vorjahr. Der An- che verzeichnet vor allem im Kernwinter und
stieg hat sich jedoch verlangsamt, so hatte das Hochsommer Spitzenwerte. Während der
Kalenderjahr 2018 noch ein Plus von +3,7 %. Schultersaisonen flachen die Nächtigungszah-
Die Ankünfte beliefen sich auf 46,2 Millionen, len meist stark ab. Inländische Gäste sind in Ös-
was ein Wachstum von +3,0 % darstellt.1 Tirol terreich im Sommer wesentlich präsenter als in
liegt mit einem Marktanteil von 32,7 % klar an den anderen Saisonen, während der Winter vor
der Spitze der nächtigungsstarken Bundeslän- allem auf ausländisches Klientel angewiesen ist.
der, zu denen auch Salzburg und Wien zählen. Die nächtigungsschwächsten Monate sind April
und November während der nächtigungsstärks-
Niederösterreich liegt mit einem Anteil von te Monat der August ist. Auch der Februar ist
5,0 % lediglich vor dem Burgenland. Langfristig insbesondere für ausländische Besucher*innen
betrachtet bleibt Niederösterreich somit kon- ein nächtigungsstarker Monat.3
stant, während Tirol und Oberösterreich eine
Abbildung 1: Regionale Nächtigungsmarktanteile 2000/2019
Marktanteile 2019 in % Veränderung des Marktanteils
2000/2019 in Prozentpunkten
2,1 %
5,0 % 6
Tirol
Salzburg
Wien
Kärnten
Steiermark
Vorarlberg
Oberösterreich
Niederösterreich
Burgenland
5,6 %
32,7 % 5
6,0 %
4
n Tirol
n Salzburg 8,7 % 3
n Wien
n Kärnten
2
n
-2,65
1,22
4,73
-2,55
0,45
-0,8
-0,31
0
-0,08
Steiermark
n Vorarlberg 8,7 % 1
n Oberösterreich
n Niederösterreich
0
n Burgenland
11,5 % 19,6 %
-1
-2
Quelle: Fritz, Ehn-Fragner, Laimer, -3
Ostertag-Sydler & Weiß, 2020
1
Österreich Werbung, 2020
² Fritz, Ehn-Fragner, Laimer, Ostertag-Sydler & Weiß, 2020
8 ³ Statistik Austria, 2019Überblick über den Tourismus in Österreich | Wohin geht die Reise?
Quellmärkte Abbildung 2: Nächtigungsverteilung im Kalenderjahr 2018
Der Binnenmarkt, welcher 2019 nur 26 % der Übernachtungen 2018 = 1.200 Indexpunkte
Nächtigungen ausmachte, wächst in der Nach-
frage tendenziell langsamer als das internati- 180
onale Segment. Umso wichtiger ist es für den
160
österreichischen Tourismus verlässliche, finanz-
starke Quellmärkte zu haben. Österreichs wich- 140
tigster Quellmarkt ist Deutschland mit einem
Anteil der ausländischen Nachfrage von knapp 120
über 50 %. Ebenfalls wichtig sind die Nieder- Durchschnitt
100
lande (9,2 %), Schweiz mit Lichtenstein (4,4 %)
sowie das Vereinigte Königreich (3,3 %). 80
Außerdem zählt neben einigen Nachbarländern 60
auch die USA zu den Top 10 Quellmärkten Ös-
40
terreichs. Obwohl Deutschland nach wie vor den
überwiegenden Teil an ausländischen Gästen 20
stellt, nimmt dessen Bedeutung seit 2000 ab.
Osteuropa und Spanien hingegen gewinnen seit 0
Jän.
Feb.
März
Apr.
Mai
Jun.
Jul.
Aug.
Sep.
Okt.
Nov.
Dez.
diesem Zeitraum an Bedeutsamkeit. Österreich
hofft vor allem auf einen Marktanteilsgewinn
asiatischer Länder wie Südkorea und Indien, n inländische Gäste n Ausländische Gäste
welche sogar als Hoffnungsmärkte bezeichnet
werden, da man in großen Teilen Asiens großes
Abbildung 3: Marktanteilsentwicklung
Potenzial sieht.4
der internationalen Nächtigungen
Deutschland -13,14
Veränderungen insgesamt in Prozentpunkten
Niederlande 0,25
Schweiz und Lichtenstein 0,87
Vereinigtes Königreich -0,45
Tschechische Republik 2,09
Belgien 0,10
Italien -0,51
Polen 0,99
Ungarn 0,98
USA -0,46
Frankreich -0,17
Dänemark 0,40
Rumänien 0,85
Spanien 0,38
Schweden 0,03
Slowakei 0,59
Israel 0,52
Japan -0,25
Südkorea 0,41
Slowenien 0,20
Arabische Länder in Asien 0,28 Quellen:
Statistik Austria, 2019,
Südostasien 0,23 Fritz, Ehn-Fragner, Laimer,
Ostertag-Sydler & Weiß,
-14 -12 -10 -8 -6 -4 -2 0 2 4 2020
4
Fritz, Ehn-Fragner, Laimer, Ostertag-Sydler & Weiß, 2020
9Tourismusintensität und Aufenthaltsdauer Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer hat sich
in den letzten Jahren weiter verringert und liegt
Der Westen mit Vorarlberg, Tirol und Salzburg ist nun bei 3,5 Nächten für ausländische bzw. 2,8
sowohl im Winter- als auch im Sommerhalbjahr Übernachtungen für inländische Gäste. Dieser
die tourismusintensivste Region in Österreich. Rückgang lässt sich durch die zunehmende
Vor allem der alpine Westen des Landes ist vom Beliebtheit von Kurzurlauben und häufigeren
(Wintersport-) Tourismus abhängig, in Obertau- Orts- und Unterkunftswechseln während ei-
ern wurde ein Höchstwert von 1.327 Übernach- nes Urlaubs erklären. Niederösterreich liegt
tungen pro Einwohner erreicht.1 Mit 14,2 Über- mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdau-
nachtungen pro Einwohner*in liegt Österreich er von 3,0 Nächten im guten Schnitt.3 Durch
außerdem über der durchschnittlichen Touris- die Corona-Krise hat sich das Reiseverhalten
musintensität von 6,4 in der EU.2 der Österreicher*innen geändert und so ist die
durchschnittliche Aufenthaltsdauer auf 3,65
Nächte angestiegen.4
Abbildung 4: Tourismusintensität –
Winterhalbjahr 2018/19
Übernachtungen je Einwohner
Abbildung 5: Tourismusintensität –
Sommerhalbjahr 2019
Übernachtungen je Einwohner
Höchstwert: Obertauern 1.327
Durchschnitt Österreich insgesamt: 9,1
keine Tourismusgemeinde
n ≥0–Überblick über den Tourismus in Österreich | Wohin geht die Reise?
Beherbergungskapazitäten Abbildung 6: Bettenauslastung nach Unterkunftsart
im Tourismusjahr 2018/19
In Österreich fallen ungefähr ¾ aller Beherber-
gungsbetriebe in das Segment der gewerblichen
Betriebe, während der Rest zu privaten Unter-
5-/4-Stern-Hotels
künften zählen. Im Tourismusjahr5 2018/2019
konnte die österreichische Tourismuswirtschaft
3-Stern-Hotels
1,13 Millionen Betten (ohne Camping) zur Ver-
fügung stellen. Neben dem langjährigen 5- und
2-/1-Stern-Hotels
4-Stern Boom zeichnet sich in den letzten Jah-
ren auch eine Tendenz zu autarkerem Wohnen Gewerbliche Ferien-
ab. So haben besonders die Segmente der Pri- wohnungen/-häuser
vatquartiere und gewerblichen Ferienwohnun-
gen starke Zuwächse verzeichnet. Langfristig Übrige gewerbliche
gibt es auch hohe Kapazitätszuwächse in der Beherbergungsbetriebe
Wiener Hotellerie. Anzumerken ist außerdem,
dass die Hälfte aller Betten in den Bundeslän- Privatquartiere
dern Tirol und Salzburg zur Verfügung stan-
den. Die Auslastung betrug im Winter 2018/19 Private Ferienwohnungen
37,7 % während sie im Sommer 2019 um nur /-häuser
1,2 % niedriger ausfiel. 5- und 4-Stern Betriebe
konnten sogar eine Auslastung von über 50 % Insgesamt
in beiden Saisonen erzielen.6
in % 0 10 20 30 40 50 60
Niederösterreich konnte im Tourismusjahr
2018/19 70.798 Beherbergungsbetriebe (ohne n Winter n Sommer
Camping) zählen, ein Plus von + 0,8 % zum Vor-
jahr. Dies entspricht ungefähr 6 % aller Betten Quelle: Statistik Austria, 2020
in Österreich und macht Niederösterreich nach
dem Burgenland zum bettenärmsten Bundes-
land.7
Wirtschaftliche Rolle und gesamt Tourismus- und Freizeitwirtschaft trägt
Position weltweit sogar fast 16 % zum BIP bei.8
Die österreichische Tourismuswirtschaft hat Aufgrund der hohen Internationalität der Gäste
2019 38,1 Milliarden Euro durch touristischen gibt es auch zahlreiche multinationale Investo-
Konsum erwirtschaftet. Dies stellt ein Plus von ren: Starwood, Accor, Motel One Group, Fal-
+ 2,9 % zum Vorjahr dar und spiegelt die gene- kensteiner, Hilton, Landal Green Parks und viele
relle, positive Entwicklung des Tourismus über mehr.9
die letzten Jahrzehnte wider. In Niederösterreich
stiegen die Tourismuseinnahmen überdurch- Österreich hatte 2019 4,84 % nominellen Markt-
schnittlich stark an. Die direkte Wertschöpfung anteil der EU-28 Einnahmen. Spanien, Frank-
durch den österreichweiten Tourismus inklusive reich und Italien waren die einnahmestärksten
Geschäftsreisen betrug 23,5 Milliarden Euro. Tourismusländer der EU-28 mit jeweils über
Zählt man die indirekte Wertschöpfung laut Tou- 10 % Marktanteil. Im nominellen Tourismusex-
rismus-Satellitenkonto TSA hinzu, macht dies porte-Ranking von 42 Staaten steht Österreich
einen nominellen BIP-Beitrag von 7,3 %. Die hingegen ganz weit oben. Seit 2016 liegt Ös-
5
November bis Oktober
6
Statistik Austria, 2020
7
Statistik Austria, 2020
8
Fritz, Ehn-Fragner, Laimer, Ostertag-Sydler & Weiß, 2020
9
ABA Invest in Austria, 2020 11terreich mit 2.291 €/Kopf an 5. Stelle, davor lag ständig beschäftigten Ausländern*innen, davon
es langjährig auf Platz 4. Nur Kroatien, Zypern, 11.197 in Niederösterreich tätig, ist die Touris-
Malta und Island können höhere Pro-Kopf-Ein- musbranche im Vergleich stark von ausländi-
nahmen im internationalen Reiseverkehr (ohne schen Arbeitskräften abhängig.3
internationalen Personentransport) aufweisen.
Im Kalenderjahr 2018 konnte Österreich 3,8 % Entwicklungen der letzten Jahre
der Gesamtnächtigungen in allen Unterkunfts- Die Branche der Gastronomie und Beherber-
arten (ohne Privatquartiere) der EU-28 erwirt- gung kann repräsentativ für einen Großteil der
schaften, wobei durchschnittlich 14,2 Über- Tourismusbranche analysiert werden, da ¾ aller
nachtungen auf je eine/-n Einwohner*in fallen. Beschäftigten im Tourismus in dieser Branche
Somit liegt Österreich an vierter Stelle nach Kro- tätig sind.
atien, Malta und Zypern.1 Das „World Economic
Forum“ reiht Österreich auf Platz 12 von 140 in Die Branche ist von starkem Wachstum in den
Sachen Attraktivität und Entwicklungspotenzial. letzten Jahren charakterisiert. 2003 waren es
Bezüglich der Tourist Service Infrastruktur wird noch 140.000 Beschäftigte, bis 2017 ist die-
Österreich sogar als Weltspitze auf Platz Eins se Zahl um + 40 % auf 210.000 gestiegen. Mit
gekürt. Im Vergleich genießt Österreich zudem einem Frauenanteil von fast 70 % ist die Gas-
den Ruf als sicheres Reiseziel.2 tronomie und Beherbergung außerdem eine
klassische Frauenbranche. Es ist jedoch anzu-
merken, dass in den letzten Jahren der Männe-
Beschäftigung im Tourismus ranteil leicht anstieg. Die grenzüberschreitende
Arbeitsmigration ist vor allem in der Branche
In Österreich waren im Jahr 2019 5,7 % bzw. des Tourismus bzw. der Gastronomie und Be-
7,8 % aller Beschäftigten direkt bzw. indirekt herbergung zu spüren. Der Anteil der beschäf-
im Tourismus tätig. 2019 waren dies 220.420 tigten Migranten*innen ist mit 45 % überdurch-
Personen, davon 11,3 % in Niederösterreich. schnittlich hoch und hat sich seit 2003 mehr als
Zusätzlich waren 55.049 Personen geringfügig verdoppelt. Dies ist vermutlich auch auf die EU-
im Fremdenverkehrsbereich beschäftigt. ¾ aller Osterweiterung 2004 und 2007 zurückzuführen.
Beschäftigten sind in der Gastronomie- und Be- Überdurchschnittlich hoch im Vergleich zum
herbergungsbranche tätig. Die restlichen ¼ der Gesamtarbeitsmarkt ist auch der Anteil an Teil-
Beschäftigten teilen sich auf Personentrans- zeitbeschäftigten von 35 %, trotz allgemeinem
port (14,2 %), Kultur; Sport und Unterhaltung Trend zu mehr Teilzeit- und weniger Vollzeitar-
(7,1 %) sowie Reisebüros o.ä. (5,6 %) auf. Die beit. Für die Tourismusbetriebe ist die Entwick-
Mehrheit der in Gastronomie und Beherbergung lung zu vermehrter Teilzeitarbeit allerdings oft
Beschäftigten kann zur Kernbelegschaft gezählt vorteilhaft, da es den Betrieb wesentlich flexi-
werden, 27 % sind Saisonarbeiter*innen und zur bler gestaltet.4
temporären Belegschaft zählen etwa 24 %. Die
Zahl der vorgemerkt Arbeitslosen in der Branche Des Weiteren war in den letzten Jahren eine Li-
sank 2019 österreichweit um - 4,1 % auf 36.508 beralisierung des Gewerbes wahrzunehmen. Es
Personen. Im Fremdenverkehrsbereich gab es ist vor allem für Laien leichter geworden in die
zudem 9.575 offene Stellen, was ein Plus zum Branche einzusteigen und „es einmal zu pro-
Vorjahr darstellt. In Niederösterreich lag dieses bieren“, dies wirkt sich jedoch negativ auf jene
Plus bei überdurchschnittlichen + 8,7 %. Mehr aus, die tatsächlich von dieser Branche leben
als 70 % der Tourismusbetriebe suchten 2019 wollen, da ein erhöhter Kostendruck verursacht
allerdings keine neuen Mitarbeiter. wird. Auch die steigende Arbeitsintensität hängt
aufgrund von Personaleinsparungen damit zu-
Die Mehrheit gab außerdem an, dass die sammen. Anzumerken ist außerdem, dass die
Mitarbeiter*innensuche heute schwerer ist als Erwartungshaltung an Mitarbeiter*innen gestie-
noch vor 3 bis 5 Jahren. Mit 114.038 unselbst- gen ist.5
1
Fritz, Ehn-Fragner, Laimer, Ostertag-Sydler & Weiß, 2020
2
ABA Invest in Austria, 2020
3
AMS, 2019
4
Krings et al., 2020
12 5
Krings et al., 2020Überblick über den Tourismus in Österreich | Wohin geht die Reise?
Abbildung 7: Branchenentwicklung von 2003 bis 2017
80
70
60
50
40
30
20
10 n EU-SILC 2003
24 %
33 %
35 %
76 %
67 %
65 %
27 %
35 %
32 %
73 %
65 %
68 %
11 %
14 %
11 %
24 %
35 %
45 %
11 %
12 %
18 %
29 %
44 %
44 %
n EU-SILC 2008
0 n EU-SILC 2017
Vollzeit Teilzeit Männer- Frauen Befristung MigrantIn- Männer Frauen
anteil anteil nenanteil Teilzeit Teilzeit Quelle: Krings et al, 2020
Branchenstruktur Schlechte Work-Life-Balance und fehlende
„Einsteiger*innen Branche“ wegen ge- Karriereaussichten verstärken Fluktuation.
ring eingeschätztem Qualifikationsniveau. Auch für Arbeitgeber*innen ist hohe Fluktu-
Könnte den bereits erwähnten hohen ation nicht unbedingt profitabel, wird größ-
Migranten*innen-Anteil erklären. tenteils dennoch akzeptiert. Nur größere
Kleinteilige Struktur mit überwiegendAbbildung 8: Ausbildungsniveau im Tourismus Schutz. Da ein geringer gewerkschaftlicher Or-
ganisationsgrad besteht, nicht zuletzt gerade
alle Gastronomie wegen der fehlenden Sprachkenntnisse und
unselbstständig und
ausbleibender Zukunftsplanung, ist der Kollek-
Beschäftigten Beherbergung
tivvertrag der Branche eher bescheiden. Zwar
in Ausbildung 7,0 % steigt der KV-Mindestlohn seit einigen Jahren,
SchülerInnen, StudentInnen, andere Bestandteile des Kollektivvertrags sind
PraktikantInnen 4,8 % jedoch nur sehr schwach ausgeprägt. Man kann
Höchster Bildungsabschluss somit behaupten, dass der Tourismus eine von
Pflichtschule 8,3 % 24,2 % prekären Verhältnissen betroffene Branche ist.1
Lehre 39,1 % 36,1 %
BMS 14,1 % 14,4 % Die Tourismusbranche ist zusätzlich von
Matura 18,0 % 19,0 % schlechter werdendem Arbeitsklima geplagt.
Universität 17,8 % 5,0 % Vor allem Zeiteinteilung, Einkommen, Karrie-
anderer Abschluss reerwartungen und Innovationsstress sind Ur-
nach Matura 2,5 % 1,3 % sachen für zunehmenden Pessimismus am Ar-
beitsplatz. Diese wachsende Unzufriedenheit
Quelle: Krings et al, 2020
hat auch Gesundheitsfolgen, wie etwa vermehr-
te Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Mat-
tigkeit zur Konsequenz.2
Arbeitsbedingungen
Die Gastronomie und Beherbergung ist vom ge- Niedriglohnbeschäftigung
nerellen Trend der Schnelllebigkeit geprägt. Die Der Mindestlohn für die geringste Qualifika-
Branche arbeitet nach dem uno-actu Prinzip tionsstufe in der Gastronomie und Beherber-
und Arbeitszeiten richten sich danach, wann die gungsbranche liegt seit Mai 2019 bei 1540 €
Gäste konsumieren wollen. Das uno-actu Prin- brutto. Dieser ist über die letzten Jahre zwar
zip ist charakteristisch für Dienstleistungen, Pro- vergleichsweise stark gestiegen, aber es ist
duktion und Konsum finden hier zeitgleich statt. oftmals keine Selbstverständlichkeit, dass die-
Das hat azyklische bzw. asymmetrische Arbeits- ser auch verlässlich ausbezahlt wird. Die Tou-
zeiten, Saisonbeschäftigungen und hohe nume- rismusbranche ist vermehrt von Einkommen-
rische Flexibilität zur Folge. Zusätzlich tragen sunsicherheiten betroffen. Obwohl quasi ein
niedrige Löhne zu eher schlechten Arbeitsbedin- Arbeitnehmer*innen-Arbeitsmarkt besteht, wel-
gungen im Tourismus bei. Für Familienplanung cher gewöhnlich zu höheren Löhnen führt, ist
und das soziale Leben ist ein Job in der Gastro- der Tourismus und vor allem die Gastronomie
nomie und Beherbergung eher nachteilig. Auch und Beherbergungsbranche stark von schlech-
psychisch und physisch wird Beschäftigten viel ter Entlohnung betroffen. Laut der ILO und der
abverlangt und die Belastung ist oft durch stres- OECD liegt die Niedriglohngrenze bei 2/3 des
sige Arbeit weiter gesteigert. Aufgrund dünner Medianlohns, in Österreich sind das 9,45€ pro
Personaldecken, die dem erhöhten Wettbe- Stunde. 2019 lag die Niedriglohnquote des
werbsdruck zugrunde liegen, und steigender gesamten österreichischen Arbeitsmarktes
Erwartungen der Konsumenten*innen wird die bei 13,9 %. Im Tourismus liegt dieser Wert bei
Arbeit immer intensiver. Zudem ist die unglei- 45,1 %, die Branche hat somit einen sehr großen
che Verteilung der Arbeit am Tag bzw. im Jahr Niedriglohnsektor. Festzustellen ist, dass mehr
oftmals Grund für soziale Ausgrenzung. Wegen Frauen als Männer von Niedriglöhnen betroffen
sprachlicher Hindernisse oder schlichtweg feh- sind und 51,1 % der betroffenen Beschäftigten
lendem Wissen über Gesetze kommt es immer geringfügig tätig sind. Mittel- oder langfristig
wieder zu Missständen in Bezug auf Arbeits- kann ein Niedriglohneinkommen zu schlechte-
zeiten, Entlohnung und Arbeitnehmer*innen- ren Sozialleistungen und einem geringen Versi-
1
Krings et al., 2020
14 3
Michenthaler, 2019Überblick über den Tourismus in Österreich | Wohin geht die Reise?
Abbildung 9: Niedriglohn in Gastronomie und Beherbergung
%
48,0 %
39,2 %
46,0 %
41,0 %
30,4 %
46,7 %
36,0 %
49,9 %
60
50
40
30
20
10 n alle unselbstständig
Beschäftigten
0
Frauen Männer Teilzeit Vollzeit befristet unbe im Inland Neue
fristet geboren EU 13 Quelle: Krings et al, 2020
cherungsniveau führen. Als Einflussfaktoren für Abbildung 10: Lehrlinge nach Lehrberufen
Niedriglöhne gelten Geschlecht, Herkunft, Qua-
lifikation, Wochenarbeitszeit und die Form der
Erwerbsarbeit. Beschäftigte in Kleinstbetrieben 1,9% 1,6% 1,6%
und bestimmten Branchen, darunter auch das 1,8%
Beherbergungs- und Gaststättenwesen, gelten 2,4% n Koch
als Risikogruppen. Mittlerweile schützt selbst 4,1% n Restaurantfachmann
Qualifikation nicht mehr vor Niedriglöhnen.3
n Gastronomiefachmann
4,8% n Hotel- und
Gastgewerbeassistent
Ausbildung 32,5% n Sonstige
Österreich bietet ein umfassendes Aus- und
n Systemgastronomie-
fachmann
Weiterbildungsprogramm im Bereich der Tou- 14,6%
rismuswirtschaft. Im Ausbildungsbereich Frem-
n Fitnessbetreuung
denverkehr wurden 2018 1.642 Schüler*innen
n Reisebüroassistent
in mittleren Schulen ausgebildet, 6.682 haben
n andere Doppellehren
höhere Schulen besucht. Niederösterreich zählt 14,0% 20,6% n Hotelkaufmann
mit Wien zu den ausbildungsstärksten Bundes- n Bürokaufmann
ländern für die Branche. Im Jahr 2019 waren
Quelle: WKO, 2020
zusätzlich 8.910 Lehrlinge in Ausbildung, 8,2 %
aller Lehrlinge Österreichs. Zu den beliebtesten
Lehrberufen zählen Köchin, Restaurantfach-
frau und Hotel- und Gastgewerbeassistentin für
Frauen während Koch in dieser Branche der at-
traktivste Lehrberuf für Männer ist.4
3
Krings et al., 2020
4
WKO, 2020 15Wechselwirkung zwischen
Klimawandel und Tourismus
Österreich ist wie die gesamte europäische Al- schnittstemperatur in Österreich lag im Mittel
pinregion überdurchschnittlich stark vom Kli- über die letzten 10 Jahre bei rund 7,9 °C. Ein
mawandel betroffen. Seit 1880 stieg die Welt- weiterer Temperaturanstieg von + 1 bis + 2 °C
temperatur um + 1 °C an während der Anstieg bis zur Mitte dieses Jahrhunderts ist zu erwar-
für denselben Zeitraum in Österreich doppelt ten.“2 Für Österreich könnte dies einen Anstieg
so hoch war.1 „Verantwortlich dafür ist einer- von + 4 °C bedeuten. Wie gravierend dieser
seits, dass sich die Luft über Landflächen minimale Temperaturunterschied ist, zeigt die
generell rascher erwärmt als über Ozeanen letzte Eiszeit, welche vor ungefähr 11.700 Jah-
und andererseits wird als mögliche Ursache ren zu Ende ging. Damals herrschten Tempe-
die Nordwärtsverlagerung des subtropischen raturen von nur durchschnittlich 12 °C weniger
Hochdruckgürtels diskutiert. Innerhalb von als heute.3 Zudem können bei minimalen Tem-
Österreich verläuft der Temperaturanstieg rela- peraturschwankungen sogenannte Kipppunkte
tiv homogen, d. h., die Temperatur ist auf dem erreicht werden, welche irreversible Folgen und
Sonnblick (3.100 m Seehöhe) wie auch in Wien Änderungen mit sich bringen, wie etwa das Ab-
um über + 2 °C gegenüber dem vorindustriellen schmelzen des Grönland Eisschildes.4
Niveau gestiegen. Zum Vergleich: Die Durch-
Abbildung 11: Entwicklung der mittleren Jahrestemperatur weltweit
1850 –2019 (violett) und in Österreich 1768–2019 (rot)
Abweichung der jährlichen Temperatur (°C)
2
1
0
-1
-2
1760
1780
1800
1820
1840
1860
1880
1900
1920
1940
1960
1980
2000
2020
Der Anstieg der Temperatur bedingt Häufung extremer Wetterereignisse > Rut-
beispielsweise: schungen, Muren und Steinschlag
Zunahme von Trockenheit und Hitzeperio- Veränderung der Landschaft: Verschiebung
den im Sommerhalbjahr > Vegetation, Tier- der Baumgrenze, Gletscherschmelze und
welt und Menschen leiden Auftauen des Permafrostbodens
Waldbrandgefahr nimmt zu Wechselwirkungen mit anderen Sektoren
Vegetationsperiode verlängert sich (schwierig zu prognostizieren)5
Vermehrung wärmeliebender Schädlinge
1
Fleischhacker, 2018
2
Umweltbundesamt, 2019, S.23/24
3
https://climate.nasa.gov/effects/
4
Umweltbundesamt, 2019
16 5
Fleischhacker, 2018Wechselwirkung zwischen Klimawandel und Tourismus | Wohin geht die Reise?
„Aufgrund der besonderen Sensibilität der (al- Abbildung 12: Künstliche Beschneiung
pinen) Naturräume, aber auch der technischen
Eingriffe in die natürliche Umgebung, werden
selbst bei Erfolg der globalen Klimaschutzmaß-
nahmen weitgehende Anpassungsmaßnahmen
an den Klimawandel unumgänglich sein.“6
Neben den unzähligen ökologischen Auswir-
kungen hat der Klimawandel auch Einfluss auf
die österreichische Ökonomie. Tourismus, die
Land-, Forst- und Energiewirtschaft und das
Gesundheitswesen werden unter anderem stark
betroffen sein. „Das Projekt COIN7 zeigt, dass
die gesellschaftlichen Schäden – zunächst für
ein mittleres Klimawandelszenario bis zur Jahr-
hundertmitte – auf durchschnittlich jährlich 4,2–
5,2 Mrd. € (heutiges Preisniveau) steigen wer-
den, wobei sich dieser Wert bei einem höheren Natürliche Schneesicherheit nimmt stetig ab. ©stock.adobe.com
Temperaturanstieg auch auf etwa 8,8 Mrd. Euro/
Jahr erhöhen kann.“8 Energie- und Wasserverbrauch. Die Rentabilität
der Betriebe steht daher in Frage, auch weil die
Preise für Konsumenten*innen nicht viel weiter
Auswirkungen auf den Tourismus angehoben werden können, ohne maßgeblich
Der Tourismus zählt mit beispielsweise der an Attraktivität zu verlieren. Aber auch in der
Forstwirtschaft zu den Wirtschaftssektoren, die Sommersaison hinterlässt der Klimawandel
am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, bereits seine Spuren. So hat ein zunehmen-
auch wegen der hohen Wetter- und Umweltab- der Rückgang der Gletscher das Auftauen des
hängigkeit. Zu dem kommen Feedback-Effekte Permafrostbodens zur Folge. Dadurch können
auf weitere Wirtschaftszweige. Nicht zuletzt sich Geröll und Gesteinsbrocken lösen und
aufgrund der Notwendigkeit dem Klimawandel eine Gefahr für den Alpintourismus darstellen.
gegenüber zu treten, entstand das Konzept des Auch infrastrukturelle Schäden müssen erwar-
nachhaltigen bzw. sanften Tourismus. tet werden. In den Städten bewirkt der Klima-
wandel vermehrte Hitzewellen, Schwüle und
Besonders der schneebasierte Wintersporttou- Unwetter. Eine Verlängerung der Badesaison
rismus ist stark vom Klimawandel betroffen. dank steigender und länger anhaltender war-
Steigende Temperaturen tragen zu einem An- mer Wassertemperaturen hingegen begüns-
stieg der Schneefallgrenze und einer Abnahme tigt die Lage des Seentourismus in Österreich.
der Schneesicherheit unter 2000 m bei. Dies Der Kontrast Österreichs zur heißer werdenden
wiederum hat zur Folge, dass immer weniger Mittelmeerregion als willkommene Abkühlung
Frosttage auftreten und die natürliche Schnee- mit dennoch warmen Temperaturen in Luft und
sicherheit weiter abnimmt. Zudem verkürzt der Wasser wird allerdings kleiner und weniger ent-
Klimawandel die Wintersaison um einige Tage, scheidend ausfallen als bislang vermutet.9 Die
besonders das Weihnachtsgeschäft wird im- tatsächlichen, langfristigen Auswirkungen des
mer kritischer. Konsequenz davon sind stei- Klimawandels auf den österreichischen Touris-
gende Betriebskosten aufgrund zunehmender mus können jedoch nur ungenau prognostiziert
künstlicher Beschneiung der Pisten. Vermehrte werden, da der weitere Verlauf und die Intensität
künstliche Beschneiung wiederum verursacht des Klimawandels momentan noch vom Men-
Klima-Rückkopplungseffekte durch den hohen schen beeinflusst werden können.10
6
Umweltbundesamt, 2019, S.5
7
https://www.klimafonds.gv.at/press/klimawandel-verursacht-jaehrlich-bis-zu-88-mrd-euro-schaden-bis-2050/
8
Umweltbundesamt, 2019, S.26
9
CCCA, 2018
10
Fleischhacker, 2018 17Abbildung 13: THG Emissionen nach Urlaubstypen
kg CO2-eq Emissionen je Person und Tag
454
450
400
159
150
100
20 33 15 32 41
n Aktivitäten 50
n Unterkunft
n Anreise 0
Quelle: Umweltbundesamt,
Schiurlaub Schiurlaub Sommer- Sommer- Sommerur- Sommer- Flug-
2018 AUT Bahn AUT PKW urlaub AUT urlaub AUT laub Italien urlaub Fernreise
Bahn PKW PKW Spanien Flug Langstrecke
Tourismus als Treiber des Klimawandels können auf Beherbergungsbetriebe zurückge-
Der Tourismus ist einer der Sektoren, die gravie- führt werden. Weitere 38 % sind durch den tou-
rend vom Klimawandel betroffen sind, er trägt ristischen Verkehr entstanden. Diese hohe Zahl
jedoch auch maßgeblich dazu bei. Aufgrund kommt daher, dass die meisten Urlauber*innen
steigender internationaler Ankünfte werden es bevorzugen, mit dem Auto anzureisen und
auch die CO2-Emissionen durch den verstärkten nur ein geringer Anteil beispielsweise mit dem
Flugverkehr immer mehr. Der Anteil des globa- Zug in das Skigebiet reist. Oft ist dies allerdings
len Tourismus wird auf 5 bis 8 % der weltweiten nicht nur der Gemütlichkeit der Urlauber*innen
CO2-Emissionen geschätzt. ¾ davon entfallen zu verschulden, sondern liegt auch an der eher
auf den Touristentransport während 21 % auf schlecht ausgebauten Infrastruktur zum und im
Beherbergungsstätten zurückzuführen sind. Ös- Skiort. Im Sommer hingegen ist besonders der
terreichs Wintertourismus beispielsweise emit- vermehrte Flugverkehr für die hohen Emissio-
tiert jährlich 3,9 Mio. Tonnen CO2. 58 % davon nen im Transportsegment verantwortlich.1
18 1
Steiger, 2015Megatrend Nachhaltigkeit | Wohin geht die Reise?
Megatrend Nachhaltigkeit
Der Gedanke der Nachhaltigkeit hat sich in den heute, aber auch in Zukunft Einkommen
letzten Jahren mehr oder weniger in unserer sichern. Tourismus trägt entscheidend zur
Gesellschaft etabliert. So konnte sich ein neues Armutsbekämpfung bei und schafft bzw. si-
Segment der Tourismusnachfrage entwickeln: chert Arbeitsplätze. Diese müssen langfris-
der nachhaltige Tourismus. Im Vordergrund tig bestehen bleiben und rentabel gestaltet
steht zwar nach wie vor das Erlebnis des Rei- werden.
senden, es werden jedoch wesentlich mehr As- Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit
pekte berücksichtigt. Nachhaltiger Tourismus beschäftigt sich mit der Zufriedenheit der
beachtet auch die Förderung einer intakten und Reisenden sowie der Bereisten, interkultu-
sauberen Natur und Umwelt, sicherer und fai- rellem Austausch und der Stärkung schwa-
rer Arbeitsbedingungen sowie eines nachhalti- cher Regionen. Die Gewährleistung eines
gen Ausbaus des lokalen Wohlstandes und der lebenswerten Umfelds für Einheimische
sozialen Gerechtigkeit. Im Vergleich zum Mas- und die Erhaltung der kulturellen Identität
sentourismus ist es zudem möglich, tiefer in die ist ebenso wichtig wie die Verbesserung der
Kultur und Lebensweise des Landes oder der Arbeitsbedingungen im Tourismus.2 3
Region einzutauchen.1 Es ist ein Paradigmen-
wechsel, nicht mehr bloß der Gast steht im Mit- Einfluss des Tourismus
telpunkt, sondern auch die Unternehmer*innen, Österreichs Tourismus wird im internationalen
Mitarbeiter*innen, die heimische Bevölkerung Vergleich oft als nachhaltig bezeichnet. Tat-
sowie die Umwelt. sächlich hat Tourismus hierzulande auch posi-
tive Auswirkungen. Touristen*innen wollen zum
Nachhaltigkeit wird in Österreich großgeschrie- Beispiel saubere Flüsse und Seen, Authentizität
ben. Immer mehr Menschen und Betriebe wer- und regionale Produkte ausprobieren und tra-
den auf diesen „Megatrend“ aufmerksam. Tat- gen somit zum positiven Einfluss auf die Des-
sächlich ist jedoch nur eine kleine Minderheit tination bei. Oftmals entstehen in touristischen
der touristischen Betriebe wirklich nachhaltig Destinationen Schutzgebiete oder National-
und es besteht dringender Handlungsbedarf parks, welche an der Erhaltung von Vegeta-
angesichts des voranschreitenden Klimawan- tion und Tierwelt beteiligt sind. Zudem fließen
dels. Bei nachhaltigem Tourismus sind die drei die hohen Einnahmen der Tourismuswirtschaft
Säulen der Nachhaltigkeit weitgehend berück- auch in nachhaltige Initiativen.4 Dennoch sind
sichtigt und ausgeglichen. die Auswirkungen des Tourismus, im speziellen
des Massentourismus, auf die Zieldestination
Die ökologische Dimension ist jene, mit der überwiegend negativ. Der Begriff des Massen-
die meisten Menschen den Begriff Nachhal- tourismus, in manchen Gegenden ausartend in
tigkeit assoziieren. Er umfasst den Umwelt- den „Overtourism“, ist allen ein geläufiger und
und Ressourcenschutz bzw. deren Scho- für die lokale Bevölkerung eine enorme Belas-
nung und den Grundgedanken, welcher zu tung. Abgesehen von den unzähligen ökologi-
allen Dimensionen passt: man nimmt sich schen Eingriffen, wie der Verschmutzung von
nur so viel, dass andere Generationen auch Luft und Wasser, Müllbergen, die Zerstörung
noch etwas davon haben. Die Qualität der von Flora und Fauna, Bodenversiegelung, Ero-
Umwelt, der Landschaft und der Biodiver- sion und vielem mehr, hat der Massentourismus
sität sind unverzichtbare Elemente für den auch Effekte auf die ansässige Bevölkerung. Oft
Tourismus. Daher dürfen gesetzte Maßnah- verdrängen luxuriöse Hotels die urigen Cafés,
men die Grundlagen für den Tourismus auch Lebenshaltungskosten steigen ins Unermess-
in Zukunft nicht zerstören. Betriebe müssen liche und die „Dorfstruktur“, welche das Ge-
vor allem hinsichtlich den Themen Energie meinschaftsleben, das soziale Miteinander und
und Abfall verbessert werden. Sitten und Bräuche beschreibt, geht verloren,
Der Fokus der ökonomischen Dimension weil man sich an die touristischen Bedürfnis-
liegt auf langfristigem Erfolg. Reisen soll se anpassen muss. Zudem ist die Infrastruktur
1
Nachhaltiger Tourismus, 2017
2
Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, 2019
3
Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus, 2018
4
Augsbach, 2020 19aufgrund der Menschenmassen meist überlas- Good-Practice Beispiele aller Welt
tet.1 Weiters wird, mehr im Aus- als im Inland, Einige Betriebe haben es bereits geschafft oder
die Problematik der sexuellen Ausbeutung, sind zumindest auf gutem Wege, das Ziel der
insbesondere von Kindern, auch oft in Zusam- Nachhaltigkeit zu erreichen. Dabei sind die je-
menhang mit Tourismus gebracht.2 Leider sind weiligen Konzepte sehr individuell und den ent-
Destinationen, die unter dem überzogenen Tou- sprechenden Gegebenheiten und Möglichkei-
rismus leiden, meist auch abhängig von eben ten angepasst. Das Boutiquehotel Stadthalle in
jenem und so ergibt sich ein Teufelskreis, der Wien beispielsweise ist Europas erstes Stadtho-
nur schwer durchbrochen werden kann. tel mit Null-Energie-Bilanz. Durch eine Photovol-
taikanlage, eine Grundwasserwärmepumpe, die
Nutzung von Solarenergie und die Einsparung
bei großen Energiefressern wie einer Minibar
Abbildung 14: Getreidegasse in Salzburg in jedem Hotelzimmer kann das Hotel genauso
viel Strom produzieren wie es verbraucht. Des
Weiteren hat das Boutiquehotel Stadthalle zahl-
reiche Extras wie Ökoduschköpfe, LED Glüh-
birnen und Bio-Frühstück integriert, um noch
einen nachhaltigen Schritt weiter zu gehen.3
Das Naturhotel Edelweiss in Wagrain hingegen
ist das erste Green SPA Europas. 2010 wurde
ein Wellnessbereich im Passivhausbau dem ur-
sprünglichen Hotel angefügt. So hat das Green
SPA nur 25 % Energieverbrauch eines ver-
gleichbaren Wellnessbereichs und ist auf dem
höchsten Stand energieeffizienter Bauweise.4
Weitere österreichische Beherbergungsstätten,
die Nachhaltigkeit weitgehend in den Betrieb
integriert haben, sind das Naturhotel Outside5,
das Biohotel Grafenast6 und das Naturhotel
© FMT-Pictures Massentourismus zerstört die „Dorfstruktur“ Waldklause7.
Auch im Ausland sind bereits viele Betriebe und
Abbildung 15: Innenhof des Boutiquehotel Stadthalle sogar Ketten auf den Trend Nachhaltigkeit auf-
merksam geworden, die Banyan Tree Hotels und
Resorts Gruppe zum Beispiel. Ausgedrückt wird
dies so: „As a socially responsible business,
Banyan Tree was founded with the core value
of driving sustainable development. A global
hospitality group operating in diverse locations,
Banyan Tree’s concept of sustainability seeks
to create long term value for multiple stakehol-
ders and destinations”. Die Banyan Tree Glo-
bal Foundation ist der CSR-Zweig der Gruppe
und zuständig für die soziale, ökonomische und
ökologische Nachhaltigkeit innerhalb des Un-
ternehmens.8 Auch die Soneva Luxury Resorts
sind überzeugt, dass ein Unternehmen für mehr
als nur Shareholder Return existiert. Jährlich
© www.a-list.at Europas erstes Stadthotel mit Null-Energie-Bilanz werden „Total Impact Assessments“ gemacht,
1
Kearsley, Aures & Pfaff, 2012 6
https://www.grafenast.at/
2
Augsbach, 2020 7
https://www.waldklause.at/,
3
https://www.hotelstadthalle.at/ https://www.greenpearls.com/de/
4
https://www.mein-edelweiss.at/ 8
https://www.banyantree.com/en
20 5
https://www.hotel-outside.com/Megatrend Nachhaltigkeit | Wohin geht die Reise?
um die sozialen und ökologischen Auswirkun- Abbildung 16: Zeavola Resort auf Koh Phi Phi Don
gen der Resorts direkt, aber auch indirekt durch
die Lieferkette und den Gastflugverkehr einzu-
schätzen. Durch die Soneva Foundation werden
zahlreiche Projekte, vor allem in Asien, zum The-
ma Nachhaltigkeit finanziert und organisiert.9
Ein weiteres Beispiel ist das Zeavola Luxury Ba-
refoot Resort auf Koh Phi Phi Don in Thailand.
Wie in „Zeavola’s Little Green Book“ ausführ-
lich beschrieben wird, bedeutet Nachhaltigkeit
für dieses Resort respektvoll mit der Tier- und
Pflanzenwelt umzugehen, die einheimischen
Chao Ley zu unterstützen, Lebensmittelabfälle
und Müll entsprechend zu verwerten, Wasser als
wertvolles Gut zu betrachten und dementspre-
chend sparsam und effizient damit umzugehen,
Plastikmüll zu vermeiden, Gäste für die Unter- Vorzeigeresort für Nachhaltigkeit © www.zeavola.com
wasserwelt zu sensibilisieren, Produkte von
lokalen Händlern*innen zu beziehen und den
Zusammenhalt der Mitarbeiter*innen zu stär- tet. Beides sind „dial a bus“ Prinzipe, die so auf
ken. Zeavola ist in vielen Aspekten ein perfektes Nachfrage reagieren können. Ein ähnliches Prin-
Vorzeigeresort der Nachhaltigkeit. Besonders zip ist das DefMobil in Defereggen Österreich
der soziale Aspekt wird hier noch einmal stark bei dem ein Anruf-Sammeltaxi Touristen*innen
hervorgehoben. Jährlich finden zahlreiche Fes- zu ihrem Zielort bringt. Häufig wird dies aber
te für Mitarbeiter*innen und Projekte zur Unter- auch von Einheimischen genutzt. Auch das
stützung heimischer Stämme, Kinder und Tiere Car-Sharing FLUGS in Lienz ist ein gelunge-
statt.10 nes nachhaltiges Projekt der Last Mile Aktion.
Auch in Spanien wurde, um kleinere Bahnhöfe
Ein weiteres Good-Practice Beispiel ist das Last zu befahren ohne dabei viel Zeit zu verlieren, ein
Mile Projekt der EU. Es hat das Ziel, einen lü- nachfrageabhängiges System entwickelt. Der
ckenlosen Transportweg für Touristen*innen zur Zug von Lleida nach La Pobla de Segur hält nur
Destination zu gewährleisten und insbesondere dann, wenn ein Fahrgast auf den Stoppknopf
„die letzten Meter“ zu ermöglichen. In Luxem- drückt oder jemand am Gleis wartet. Dadurch
burg beispielsweise wurde im Zuge des Projekts wurde das lokale Transportsystem immens ver-
der Night Rider und der Bummelbus eingerich- bessert.11
9
https://soneva.com/
10
Hallermann, 2019
11
Agency for the Support of Regional Development Košice et al, 2020 21Der Tourismus in der Corona-Krise
Aufgrund der Coronavirus-Pandemie gibt es Dienstleistungen angewiesen. Experten*innen
massive Einschränkungen auf der Angebots- erwarten, dass sich die Inlandsnachfrage we-
seite, wie etwa behördliche Schließungen der sentlich schneller erholt als die ausländische.
Beherbergungsbetriebe. Auch die in- sowie aus- Niederösterreich hat dank des hohen Anteils
ländische Nachfrage ist unter anderem wegen inländischer Gäste somit gute Chancen auf
Grenzschließungen und Einschränkungen der schnelle Erholung. Obwohl für ganz Österreich
Bewegungsfreiheit stark eingebrochen. Das Aus- eine relativ schnelle Erholung prognostiziert
maß der Verluste ist noch nicht einzuschätzen wird, nicht zuletzt wegen des Rufs als sichere
und hängt von einer Vielzahl von Aspekten ab. Destination, sind dennoch außerordentliche Ein-
bußen in Hinblick auf Nächtigungs- und Über-
Beispielsweise wird der Zeitpunkt der Auf- nachtungszahlen sowie touristische Einnahmen
hebung verschiedenster Beschränkungen zu erwarten.3
maßgeblich bestimmen, wie sich die Krise
auf das gesamte Tourismusjahr 2020/21 Für die nachhaltige Erholung des österreichi-
auswirkt. schen Tourismus ist einerseits der Inlandstou-
rismus sehr wichtig, andererseits sind auch
Auch die Erholung der Nachfrage ist ent- Nahmärkte wie Deutschland, Schweiz, Tsche-
scheidend. Hierbei spielen Faktoren wie chien und die Niederlande von großer Bedeu-
zeitliche und finanzielle Ressourcen eine tung.4 Nicht zu unterschätzen ist allerdings der
Rolle, denn aufgrund des Lockdowns ha- potenzielle Imageschaden Tirols, der sich auf
ben viele Menschen nun weniger Spielraum ganz Österreich verallgemeinern lassen könnte.
für Urlaub. Auch die Bewegungsfreiheit, die Es ist zu erwarten, dass sich der Inlandstouris-
Möglichkeiten des Reisens, sind entschei- mus wesentlich schneller erholen wird als der
dend dafür, wie schnell sich die in- und aus- Auslandstourismus. Dies liegt vor allem daran,
ländische Nachfrage erholt. Das persönliche dass ausländische Destinationen oft stärker
Sicherheitsgefühl hat ebenfalls Bedeutung, von der Krise betroffen sind, eine unzureichen-
ob und wann Menschen wieder reisen.1 de oder unsichere medizinische Versorgung im
Ausland Österreicher*innen dazu animiert im
„Es geht nicht nur um die Herstellung der Reise- eigenen Land zu bleiben und die Urlaube wahr-
freiheit, sondern auch um die Veränderung der scheinlich in verkürzter Form und näher am
Verbraucher- und Reisegewohnheiten, wie etwa Wohnort stattfinden werden.5
den Massentransport, das Aufsuchen überfüll-
ter Restaurants, Konzerte, Geschäftsreisen etc. Zu Österreichs Hauptzielmärkten gehören Ita-
Auch die nachhaltigen wirtschaftlichen Aspekte lien, Deutschland, Kroatien, Spanien und Grie-
gilt es zu bedenken, etwa Einkommensausfälle, chenland. Von derzeitigen Reisewarnungen
die Aussetzung von Steuerreformen, Einsparun- oder zumindest Einschränkungen betroffen sind
gen bei Transferzahlungen, Vorsichtssparen der fast alle diese Länder, was ein weiterer Grund
Menschen sowie Einbußen bei den Urlaubsbud- für den Urlaub in Österreich ist. Auch anzuneh-
gets.“2 men ist, dass sich die Urlaubsreisenachfrage
gegenüber jener für Geschäftsreisen wesentlich
Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise schneller erholen wird. Das technische Know-
sind österreichweit sehr unterschiedlich, da re- How wurde durch den Lockdown bereits erwor-
gionale und lokale Unterschiede in der Abhän- ben und es ist in vielerlei Hinsicht günstiger und
gigkeit vom Tourismus bestehen. Besonders der praktischer zum Beispiel eine einfache Bespre-
alpine Raum ist auf die Erbringung touristischer chung virtuell zu veranstalten.6
1
Fritz, Corona-Shutdown, 2020
2
Smeral, 2020
3
Fritz, Der ö. Tourismus in der Corona Krise, 2020
4
Fritz, Der ö. Tourismus in der Corona Krise, 2020
5
Fritz, Corona-Shutdown, 2020
22 6
Fritz, Der ö. Tourismus in der Corona Krise, 2020Der Tourismus in der Corona-Krise | Wohin geht die Reise?
Auswertungen der bisherigen eigenen Land bereits stark anstieg. Gäste aus
„Corona-Saisonen“ Fernmärkten blieben beinahe gänzlich aus (teil-
weise - 99 %), was besonders den Städtetou-
Erste Auswertungen der Wintersaison 2019/20 rismus hart trifft. Auch aus europäischen Quell-
zeigen die Auswirkungen der Pandemie bereits märkten kamen deutlich weniger Besucher (- 55
deutlich. Während die Vor- und Hauptsaison bis - 90 %). Deutsche und Schweizer besuch-
noch sehr erfolgreich waren, gab es im letzten ten Österreich allerdings nach wie vor häufig mit
Saisondrittel massive Einbrüche. Die Ankünfte nur sehr geringen Nachfrageeinbußen. Über-
gingen um - 80 % zurück und auch die Nächti- raschend hoch ist der Einbruch der Nachfrage
gungszahlen sanken um - 72,1 %. Die gesamte durch osteuropäische Quellmärkte (- 34 %).
Saison fiel dank der anfänglichen Gewinne noch Somit hat sich die Gewichtung der einzelnen
halbwegs glimpflich aus. Vergleichbar sind die Quellmärkte durch die Coronavirus-Pandemie
Ankunfts- und Nächtigungszahlen mit jenen wesentlich verändert. Auch die Gästestruktur
aus 2006/07. Verglichen zum Vorjahr sanken sowie das Reiseverhalten hat sich gewandelt.
die Gästeankünfte um - 22 % und die Über-
nachtungen auf 59,7 Millionen, damit fehlen So konnte die Binnennachfrage im Juli bereits
über 13 Millionen, um das Niveau des Vorjahres wieder ein leichtes Plus verzeichnen und die
zu erreichen. Die Einnahmen belaufen sich auf durchschnittliche Aufenthaltsdauer ist auf 3,65
12,32 Milliarden €, etwa die Hälfte der touris- Nächte gestiegen. Die Ankunfts- und Näch-
tischen Einnahmen der Saison 2018/19. Auch tigungszahlen sind von Mai bis Juli 2020 um
Niederösterreich schrieb pandemiebedingt ein etwa die Hälfte eingebrochen. Auch die Touris-
großes Minus in der Wintersaison. Anzumerken museinnahmen sind um - 44,1 % auf 3,95 Mrd.
ist jedoch, dass Niederösterreich bereits vor € geschrumpft, wobei Wien den stärkten Verlust
der Krise eher schwach performte, möglicher- mit - 85,7 % zu verkraften hat. Niederösterreich
weise aufgrund der spürbaren Auswirkungen liegt hier leicht über dem Durchschnitt mit Ver-
des Klimawandels. Auch in Wien, Burgenland lusten von - 48,2 %. Die Übernachtungszahlen
und Oberösterreich gab es überdurchschnittlich liegen in Österreich bei - 36,9 % inländischer
schlechte Zahlen. Im Bereich der Unterkunftsar- und - 67,9 % ausländischer Gäste. Zu erwähnen
ten mussten sowohl gewerbliche als auch priva- ist, dass Niederösterreich und Wien als einzige
te Ferienwohnungen und –häuser die gerings- Bundesländer auch im Juli noch ein Minus in
ten Einbußen mit etwas über -10 % verkraften. Bezug auf die Inlandsnachfrage verzeichneten.
Hotellerie und Privatquartiere hatten ungefähre In Hinblick auf die Unterkunftsarten konnten die
Verluste von 1/5.7 Ferienwohnungen und -häuser mit - 2,0 bzw.
- 3,1 % (gewerblich bzw. privat) das geringste
Auch die vorläufige Auswertung der Sommersai- Minus erwirtschaften, während die Hotellerie mit
son von Mai bis Juli 2020 zeigt negative Ergeb- - 51,6 % die größten Einbußen hatte. Geht man
nisse. In der Sommervorsaison gab es massive von einem juli-ähnlichen August und einer abfla-
Einbußen von ungefähr - 70 %. Im Sommermo- chenden Nachfrage im Herbst aus ergibt sich für
nat Juli waren die Verluste zwar schwächer, aber das Kalenderjahr 2020 ein Nächtigungsverlust
immer noch bei - 17 bis - 26 %. Die internatio- von rund - 30 %. Die Einnahmeverluste werden
nale Nachfrage ist weiterhin rückläufig, während wohl noch höher ausfallen, da ausgabefreudige
die Reisetätigkeit der Österreicher*innen im Ausländer weitgehend ausbleiben werden.8
7
Fritz, Tourismusanalyse Wintersaison, 2020
8
Fritz, Tourismusanalyse Mai – Juli, 2020
23Abbildung 17: Übernachtungen im Juli 2020
Österreich Bgl. Ktn. NÖ OÖ Slb. Stm. T Vbg. Wien
15,5 Mio. 448.000 2,7 Mio. 693.000 958.000 2,9 Mio. 1,6 Mio. 4,8 Mio. 912.000 444.000
- 3.3 Mio. + 17.000 + 4.000 - 195.000 - 192.000 - 789.000 + 32.000 - 804.000 - 804.000 - 1,2 Mio.
+15%
+4% +0,1% +2%
n ausländische Gäste
n inländische Gäste
n insgesamt -14% -11%
-17% -22% -17% -21%
-29%
Quelle: Statistik Austria
http://www.statistik.at/web_de/
statistiken/wirtschaft/tourismus/
beherbergung/index.htmlStatistik
-73%
Besonders angeschlagen ist die Flugindustrie es ungefähr halb so viel geplante Flugstarts wie
mit Verlusten in Milliardenhöhe und zahlreichen letztes Jahr, im Mai wurde ein Tiefpunkt von fast
erwarteten Konkursen in den folgenden Jahren. - 70 % erreicht. Auch der Klimawandel verlangt
Die ohnehin wettbewerbsintensive Branche ist eine langfristige Struktur- und Umfangsände-
schwer getroffen. Weltweit wird für 2020 ein rung der internationalen Flugindustrie.1
Passagierrückgang von - 38,1 % prognostiziert.
Viele Airlines mussten ihr Angebot drastisch mi- Die Arbeitslosigkeit in der Tourismusbranche ist
nimieren oder ganz einstellen. Im August gab rasant angestiegen. Die Arbeitsmarktdaten für
das erste und zweite Quartal 2020 lassen bereits
Rückschlüsse auf die Auswirkungen der Covid-
19-Pandemie ziehen. Die österreichweite Ar-
beitslosenzahl im Fremdenverkehrsbereich stieg
Abbildung 18: Arbeitslose im Juli 2020
um + 131,3 %, davon wurden 7.642 in Niederös-
Bestand Veränderung terreich verzeichnet. Die Beschäftigungszahlen
zum Vorjahr sanken österreichweit um über - 20 % und auch
absolut relativ die Zahl der offenen Stellen ist um drastische
Arbeitslose Personen gesamt 371.893 92.772 33,2% - 41,7 % eingestürzt. Niederösterreich ist zum
Herstellung von Waren 31.102 7.806 33,5% österreichischen Durchschnitt in dieser Hinsicht
Bau 21.267 5.852 38,0% vergleichsweise wenig betroffen.2
Handel 57.291 14.242 33,1%
Verkehr und Lagerei 21.505 7.327 51,7%
Die Gastronomie und Beherbergungsbranche
(stellt 3/4 der Tourismusbeschäftigten) hat im
Beherbergung und Gastronomie 45.947 17.516 61,6%
Vergleich zu anderen Wirtschaftssektoren über-
Gesundheits- und Sozialwesen 11.681 2.253 23,9%
durchschnittlich viele Arbeitslose zu verzeich-
Arbeitskräfteüberlassung 36.968 8.081 28,0%
nen. 3
Quelle: AMS, Übersicht
August, 2020
1
Keller, 2020
2
AMS, Fremdenverkehrsbereich, 2020
24 3
AMS, Übersicht August, 2020Sie können auch lesen