DIE ZUKUNFT DER ARBEIT - Das Bucerius Lab Magazin - Was machen wir morgen? Seite 4 - ZEIT-Stiftung
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
DIE
ZUKUNFT
DER
ARBEIT
Das Bucerius Lab Magazin
Was machen wir morgen? Seite 4
Wie denken junge Menschen über die Zukunft
ihrer Traumberufe im digitalen Zeitalter? Seite 10
Alles zur Sonderausstellung „Out of Office“
im Museum der Arbeit in Hamburg Seite 18Seite 2 Seite 3
Menschen Liebe Leserin, lieber Leser,
machen
vier große Faktoren nehmen derzeit Einfluss auf unsere Gesellschaft: politische
Machtverschiebungen, der demografische Wandel, ökologische Krisen und
der technologische Fortschritt. Die Digitalisierung ist dabei, all unsere Lebensbereiche
zu verändern. Besonders einschneidend wird sich diese Veränderung in unserer
Arbeitswelt widerspiegeln, wo moderne Roboter und künstliche Intelligenz (KI)
immer mehr Tätigkeiten übernehmen werden – manuelle ebenso wie geistige.
Wie wollen wir mit diesem Umbruch umgehen, wie ihn gestalten? Darüber
Prof. Dr.
müssen wir einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs führen, in dem Chancen
Michael Göring
Hans Manz Menschen machen Maschinen. und Risiken der digitalen Automatisierung offen verhandelt werden. Dieses Magazin ist Vorsitzender
Worte kann man drehen vermittelt Ihnen einen aktuellen und fundierten Überblick zur Debatte. des Vorstands
Beltz & Gelberg
Weinheim/Basel 1974 Mehr Menschen machen mehr Maschinen. Wir möchten Sie darüber hinaus einladen, sich aktiv an der Auseinandersetzung
der ZEIT-Stiftung
Ebelin und Gerd
Cover: Getty Images / Corbis RM Stills; Grafik: atelier freilinger & feldmann, Paris / Hamburg, Interpretation: TEMPUS CORPORATE GmbH (Seite 2); Foto: David Ausserhofer (Seite 3)
zu beteiligen. Das Bucerius Lab der ZEIT-Stiftung und das Museum der Arbeit Bucerius und
Die Wahl Weniger Menschen machen mehr Maschinen. in Hamburg zeigen aus diesem Anlass eine große Sonderausstellung: „Out of Office –
Wenn Roboter und KI für uns arbeiten“. Damit wollen wir gemeinsam mit dem
war bis 2018 Vor-
standsvorsitzender
des Bundesver-
Weniger Menschen machen mehr Maschinen, Museum der Arbeit ein Forum für den digitalen Wandel unserer Arbeit bieten. Die bands Deutscher
Stiftungen.
Ausstellung ist vom 7. November 2018 bis 19. Mai 2019 am Wiesendamm in Hamburg
um mehr Mensch zu sein. zu sehen. Wir danken dem Museum der Arbeit für die inspirierende Zusammenarbeit.
Zu Beginn der Ausstellung werden Sie auf ein Gedicht des Lyrikers Hans Manz
Mehr und mehr Menschen machen Maschinen, (siehe auch hier links) treffen. Er schrieb es bereits 1974, und doch nimmt Manz
Interview zur
mit diesem einfachen Sprachspiel all jene brandaktuellen Themen vorweg, die wir in Sonderausstellung
um weniger und weniger Mensch zu sein. der Ausstellung behandeln werden. Das Gedicht trägt den passenden Titel: Seite 18
„Die Wahl“. Und diese Wahl, wie wir künftig mit Maschinen umgehen – sie liegt bei
Mehr und mehr Menschen machen Maschinen, uns, den Menschen. Wir sollten sie nutzen.
um mehr und mehr Maschine Eröffnungsfestival
Ihr zur Ausstellung
und weniger Mensch zu sein. am 10. November,
ganztägig im
Museum der
Weniger Menschen machen Maschinen, Arbeit, Hamburg
Prof. Dr. Michael Göring siehe Rückseite
um mehr Mensch
und weniger Maschine zu sein.
Maschinen.Seite 5
der 91 fahrbaren Containertransporter,
die an unsichtbaren Fäden Güter und
Bewegung, Jobs weltweit überflüssig machen. Und
das Global Institute von McKinsey
Waren über den Terminal bewegen,
computergesteuert, überwacht von
Präzision, sagt, bis zu einem Drittel der deutschen
Berufstätigen müsse bald eine neue
19.000 Transpondern im Boden. Alles, Kraft – ein Beschäftigung finden. Zu einem noch
mechanisches
was Menschen brauchen, wird hier radikaleren Ergebnis kam ein viel
umgeschlagen. Aber es braucht keine gelesener Wirtschaftstheoretiker: Karl
Menschen mehr für den Umschlag.
Ballett, Marx. Im „Maschinenfragment“ sagte
der Vater des Kommunismus voraus,
ARBEIT OHNE MENSCHEN
Der Terminal Altenwerder ist einer der
24 Stunden die unausweichliche Automation
werde alle menschliche Arbeitskraft
modernsten der Welt, das heißt: Kein am Tag. ersetzen – und damit zum Zusammen-
Arbeiter muss sich hier mehr schinden, bruch des Kapitalismus führen.
kein Rücken wird mehr krumm. Von o Niemand weiß, welche Prognose
dem Moment an, wenn die Container zutrifft. Bislang hat die Digitalisierung
mit den Gütern von den Lkw gehievt
werden, läuft alles maschinell: Voll-
automatische Kräne stapeln die Metall-
800 mit Netzwerkeffekten und expo-
nentieller Beschleunigung noch alle
Gewissheiten aufgelöst. Das führt
kisten, wuchten sie auf die rollenden
Plattformen, andere Ungetüme aus
Millionen zu Unruhe, zu Sorgen und Skepsis,
die bis ins Politische reicht.
rotem und blauem Stahl greifen die Jobs werden Der Umbruch aber läuft. Unter-
Container erneut, schwenken sie durch laut Jack Ma, nehmen stecken Riesensummen
die Luft, setzen sie an der Kaimauer
Gründer des in Automatisierung und künstliche
Was blau, Sonnenglitzern auf dem Wasser,
da setzt sich die Zukunft in Bewegung.
ab, in Sichtweite des Schiffs, auf das sie
geladen werden sollen. Bewegung, Prä- E-Commerce-
Konzerns
Intelligenz (KI). Nicht nur im
Hamburger Hafen. Sondern etwa
Foto: plainpicture / Blend Images / Donald Iain Smith; *Quelle: Jack Ma auf dem Weltwirftschaftsforum in Davos (Seite 5)
Ein Automated Guided Vehicle, zision, Kraft – ein mechanisches Ballett, auch im Herzen der deutschen Volks-
machen wir AGV 87, fährt ruckelnd an, ein rollendes
Tablett auf mannshohen Rädern,
34 Tonnen. Das Ding sieht aus wie ein
24 Stunden am Tag, bei Hitze, Sturm,
Schnee. Betreten für Menschen ver-
boten. Verirrt sich doch jemand in das
Alibaba,
weltweit
überflüssig. *
wirtschaft, der Automobilindustrie.
ROBOTER MONTIEREN
morgen? Lastwagen ohne Fahrerhaus. Und
ohne Fahrer. In einer sanften Kurve
zieht der ferngesteuerte Untersatz über
umzäunte Sperrgebiet, groß wie 30 Fuß-
ballfelder, wird das System abgeschaltet.
Arbeit ohne Menschen – eine
o
ROBOTER-AUTOS
Wer in Stuttgart-Sindelfingen am Mer-
cedes-Werk vorbeifährt, sieht eine der
den Asphalt und nähert sich einem Vorstellung, die viele erschreckt. Und größten Baustellen des Landes. Kräne
Wenn durch künstliche Intelligenz Arbeitsplätze vernichtet
silbergrauen Blechkasten, der Lade- niemand kann sagen, was auf uns drehen sich, Lastwagenkolonnen rum-
werden, steht Deutschland vor einer Herausforderung. station. AGV 87 bremst, steht. Eine zukommt und wie schnell. Es gibt peln über die riesige Fläche, Gerüste
Zerbricht die Gesellschaft daran? Oder gibt es wieder Zeit Klappe öffnet sich am Blechkasten, und Dutzende großer Studien zur Frage, ob wachsen empor und erste Betonwände.
für die wichtigen Dinge? ein Ladearm, dick wie ein Zaunpfahl, Roboter, Automaten und intelligente „Wir nennen sie Hier wird fast so viel Stahl verbaut,
schiebt sich tief in die elektrischen Computerprogramme menschliche wie im Eiffelturm steckt. Hier errichtet
die ,fear factory‘.
Eingeweide des Rollwagens, dann fließt Arbeit überflüssig machen. Ständig er- der Daimler-Konzern die „Factory 56“,
Von Uwe Jean Heuser, Caterina Lobenstein, Kolja Rudzio, Heinrich Wefing
Energie. Die Batterie des Wagens
wird aufgeladen, 90 Minuten lang.
scheinen neue. Unternehmer überbieten
einander in düsteren Prophezeiungen.
Die Fabrik die modernste Autofabrik der Welt.
In dem neuen Werk werden Robo-
Mitten in Hamburg auf dem Ohne Tankwart, wie von Geisterhand. Jack Ma, Chef des chinesischen E-Com- der Angst.“ ter so selbstständig wie nie zuvor Autos
Containerterminal lässt sich die Dann setzt sich AGV 87 wieder in merce-Konzerns Alibaba, erwartet, dass Ein Daimler-Arbeiter bauen: Jedes Stückchen Blech, das sich
Zukunft der Arbeit besichtigen. Bewegung, energiegeladen für 18 Stun- Computermaschinen in den nächsten einer greift, ist mit einem Funkchip
Ein Aprilmorgen, der Himmel milchig den, reiht sich ein ins Hin und Her drei Jahrzehnten bis zu 800 Millionen o ausgestattet und wird vollautomatischSeite 6 Seite 7
durch die Hallen transportiert. Die Auszug des Artikels aus der ZEIT Nr.
Maschinen kommunizieren miteinan- 18/2018, die komplette Fassung finden
der, planen und verteilen selbsttätig die
Arbeit, fast ohne menschliches Zutun.
Sie unter www.zeit.de/zukunft-arbeit
Digitale Grundrechte für eine
humane Arbeitswelt der Zukunft!
12 Mio.
Das Konzept von Factory 56:
Ein bestelltes Fahrzeug sucht sich seine
Produktionsstätte und Maschine selbst. Kommentar
Die Ironie aber liegt in dem, was die Beschäftigte –
Roboter da zusammensetzen: In der also bis zu einem
Factory 56 sollen auch vollautomatische Drittel aller Der Prozess der Digitalisierung folgt keiner autonomen Logik. Er orientiert
Autos entstehen, womöglich ohne
Lenkrad und Gaspedal. Roboter mon-
Arbeitskräfte – sich in großem Umfang an gesellschaftlichen Traditionen und Werthaltungen.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns Gedanken darüber machen, wie wir die Prof. Dr.
tieren Roboter-Autos. müssten sich laut neuen Technologien nutzen wollen und welche Regeln ihren Einsatz bestimmen
Jeanette Hofmann
ist Politikwissen-
Der Daimler-Vorstand ist stolz. dem McKinsey sollen. Ist die Nutzung von Robotik am Operationstisch, in der Kriegsführung schaftlerin,
Gründungsdirek-
Doch nicht alle teilen den Enthusias- Global Institute oder im öffentlichen Nahverkehr sinnvoll? Profitieren wir vom Einsatz der torin des Alexan-
mus. „Die neue Fabrik hat schon einen
Spitznamen“, sagt ein Daimler-Arbeiter,
neue Fähigkeiten künstlichen Intelligenz in komplexen Entscheidungszusammenhängen, oder
scheitern diese Systeme an den Unabwägbarkeiten des Einzelfalls? Nicht
der von Humboldt
Instituts für Inter-
der direkt neben der Baustelle seinen aneignen oder alles, was technisch möglich erscheint, muss auch praktisch umgesetzt werden.
net und Gesell-
schaft, Berlin, sowie
Arbeitsplatz hat: „Wir nennen sie eine Stelle in Daher brauchen wir klare Prinzipien und Regeln, an denen sich die Gesetz- Mitautorin der
die ,fear factory‘.“ Die Fabrik der Angst. einer anderen gebung und Gesellschaft orientieren kann.
Charta der Digitalen
Grundrechte
Niemand wisse, wie viele Arbeiter
in der neuen Fabrik noch gebraucht
Branche suchen. * Deshalb haben wir den Entwurf einer Digital-Charta verfasst. Sie legt
Vorschläge dazu dar, wie die EU-Grundrechtecharta so weiterentwickelt werden
der Europäischen
Union.
würden. Und was Menschen dort noch o könnte, dass sie unsere verbrieften Grundrechte auch in Zukunft wirksam
zu tun hätten. „Bekommt man da eine schützen kann. Die Charta stellt klar, dass der technische Fortschritt immer im
Datenbrille aufgesetzt?“, fragt der Dienste der Menschheit stehen muss und der digitale Strukturwandel der
Facharbeiter. „Und dann sagt mir die politischen Gestaltung bedarf. Mit Bezug auf die Arbeitswelt formuliert die
Der nostalgische Tante-
Brille, welche Schraube ich nehmen soll Emma-Laden stirbt aus? Charta, dass der Einsatz von künstlicher Intelligenz und Robotik in grundrechts-
und wo ich die einbauen muss? Dann Nicht unbedingt. Das Fraun- relevanten Bereichen vom Gesetzgeber reguliert werden muss. Dazu gehört
Fotos: Getty Images / John Chillingworth (Seite 6), PR (Seite 7); *Quelle: McKinsey Global Institute (Seite 6)
hofer-Institut schickt einen Info:
wird man ja selbst Teil der Maschine.“ Lkw als mobilen Tante-Emma- ein effektiver Arbeitsschutz zur Minimierung von Gesundheitsrisiken, aber auch Die Digital-Charta
Sieht so die Zukunft aus? Weniger Laden in ländliche Regionen – die Koalitionsfreiheit, die eine gewerkschaftliche Organisation gewährleistet. können Sie unter
samt Sensortechnik und KI für www.digitalcharta.
Jobs? Und wenn Arbeit, dann schlechte? Wichtig ist zudem der Grundsatz: Die Verwendung automatisierter Verfahren eu kennenlernen
Kundenwünsche.
Sicher ist nur: Der Umbruch wird ge- muss sicherstellen, dass die Menschen nicht von der gesellschaftlichen Teilhabe und kommentieren.
waltig. Bleibt die Frage, was die Gesell- o ausgeschlossen werden. Ein Recht auf Arbeit ist zentraler Bestandteil dieser
schaft daraus macht. Nutzt sie die Teilhabe. Insgesamt plädiert die Charta-Initiative dafür, dass sich die Gesell-
Möglichkeiten, oder wird sie Opfer schaft ihre Entscheidungshoheit über den kommenden digitalen Strukturwandel
des Wandels? Leiden die Menschen bewusst macht und diesen aktiv gestaltet.
unter mangelnder und mieser Arbeit?
Führt Ungleichheit zu politischem
Tumult? Oder sehen wir herrlichen
Die Maschinen kommunizieren
miteinander, planen und
Die Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union, auch:
Zeiten der Muße entgegen? Digital-Charta, ist eine Initiative von Netzaktivisten, Politikern, Wissenschaftlern,
Die ZEIT-Redaktion hat sich mit Fragen verteilen selbsttätig die Arbeit, fast Schriftstellern, Journalisten und Bürgerrechtlern unter dem Dach der
ZEIT-Stiftung. Sie fordert eine allgemeine und rechtlich verbindliche schriftliche
zur Zukunft der Arbeit beschäftigt
und mögliche Antworten zusammen-
ohne menschliches Zutun. Übereinkunft von Grundrechten für die Besonderheiten in der digitalen Welt.
getragen. Der vorliegende Text ist ein oSeite 8 Seite 9
Daniel Opper: „Disrupt Yourself!“ – Der Claim Was raten Sie Betroffenen?
Ihres neuen Buchs ist ein Appell, der den Spirit des Silicon Ich empfehle, sich rechtzeitig mit der Thematik auseinander-
Valley atmet. Sie selbst haben 2013 dort in Palo Alto zusetzen und dadurch vor der Welle zu surfen. Viele Tätig-
gearbeitet und gelebt. Was macht diesen Spirit aus? keiten werden von künstlicher Intelligenz oder Robotern
Christoph Keese: Im Valley herrscht ein revolutionärer abgelöst werden, doch für Menschen bleibt immer noch eine
Grundgeist, der darauf abzielt, überkommene Strukturen zu Menge zu tun. Insbesondere da, wo Menschen miteinander
Magazin-Gespräch überwinden, indem man sie erschüttert, abschafft, niederwalzt kommunizieren. Menschen wollen mit Menschen inter-
und durch neue ersetzt. Den Menschen dort geht es vor agieren! Die Digitalisierung macht uns nicht alle arbeitslos.
allem darum, zu überlegen: „Könnte man dies und das nicht Der „Rust Belt“ ist die größte Industrieregion im Menschen wollen
eigentlich auch ganz anders und besser lösen?“ Solche
Menschen sind „Disruptoren“, also Leute, die unter unsagbarer
Nordosten der USA und erlebte ab den siebziger Jahren
einen steten Niedergang. Bei den vergangenen mit Menschen
Ungeduld leiden und gar nicht abwarten können, bis ihre
neuen Ideen Wirklichkeit werden.
Präsidentschaftswahlen gaben hier zahlreiche Menschen
Donald Trump ihre Stimme. Sehen Sie einen
interagieren! Die
Im Deutschen gibt es die Redewendung „Schuster, bleib bei Zusammenhang zwischen technologischer Disruption Digitalisierung
„Schuster, deinen Leisten“. Im negativen Sinne steht sie für Verhar-
rung und Verkrustung; im positiven Sinne für Vertiefung
von Arbeitsmärkten und politischer Polarisierung?
Ja. Die USA haben vor allem durch verfehlte Sozial-, Bildungs- macht uns nicht
und Perfektionierung. Passt diese Haltung noch zur digi- und Steuerpolitik, aber auch durch Automatisierung die
alle arbeitslos. Die
mach dich talen disruptiven Ökonomie?
Beides ergänzt sich. Das Sprichwort galt für das Zeitalter des
Mittelklasse niedergebrannt. Die Reichen sind reicher, die
Ärmeren ärmer geworden. Das führte zu jenen tiefen
digitale Revolution
auf die
Handwerks, es lässt sich aber auch auf die Industrialisierung Enttäuschungen, die bei den Wahlen als Kreuze für Trump
übertragen. Nun wird diese Kultur der Perfektionierung
ergänzt durch eine andere Form des Wirtschaftens. Bei ihr
einschlugen. In Deutschland haben wir diese Entwicklung –
zumindest in dieser Radikalität – heute noch nicht, und wir
ist ein Positiv-
summenspiel.“
Sohlen!“
geht es darum, Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen müssen alles daran setzen, das auch so zu bewahren.
über Grenzen hinweg und nicht unbedingt hierarchisch Was müsste die Politik tun, um zu verhindern, dass
zusammenzubringen. Dadurch entsteht etwas Neues. Die Strömungen, die die Schuld dem System geben
o
Digitalisierung befördert genau diese horizontale Vernetzung. und die extreme Parteien als Ventil bevorzugen, nicht
Warum wir uns für die Arbeitswelt von morgen Plötzlich muss es heißen: „Schuster, mach dich auf die Sohlen! noch mehr Zulauf bekommen?
neu erfinden müssen – ein Gespräch mit dem Erschließ neue Felder, versteh neue Branchen, damit du im Die USA haben 40 Jahre lang weggehört, als ihre Mittelschicht
Geschäft bleiben kannst.“ ächzte. Man muss also zuhören, bevor die Wut überkocht. Marktführer angreifen und sich selber an die Spitze setzen.
Digitalisierungsexperten Christoph Keese über Nicht jeder ist ein Unternehmer. Was denkt ein Und den Menschen im Alltag erst einmal ermöglichen, an Die Commerzbank und der neuartige Finanzdienstleister
die Wucht der Disruption. U-Bahn-Fahrer, wenn er beim Anblick der der digitalen Revolution teilzuhaben. Wenn ein Lastwagen- Wirecard sind hierfür das beste Beispiel. Die Commerzbank,
selbstfahrenden U-Bahn auf dem Nachbargleis bemerkt, fahrer 40 bis 50 Stunden in der Woche auf der Autobahn ist, die zu Beginn des Jahrtausends einen Kurs von 225 Euro
Von Daniel Opper dass sein Beruf möglicherweise überflüssig ist? hat er einfach keine Zeit, sich mit Digitalisierung und der hatte, schien schier unantastbar. Heute hat sie einen Kurs von
In Nürnberg ist das bereits Realität. Zukunft seines Jobs zu beschäftigen. Aufgabe der Politik 8 Euro, und Wirecard ist statt ihrer in den Dax aufgestiegen.
Diese Erfahrung ist schmerzhaft, aber nicht neu. Dass wäre es, gemeinsam mit Arbeitgebern Schulungen für solche Ohne die digitale Disruption hätte Wirecard hierzu niemals
manuelle Arbeit Schritt für Schritt ersetzt wird, ist ein Prozess, Menschen zu vereinbaren, damit sie entscheiden können, die Chance gehabt. Welchem Geschäftsmodell gehört die
Christoph Keese der bereits während der Industrialisierung begonnen hat. ob sie Lastwagenfahrer bleiben möchten. Oder ob sie die Zukunft? In dieser Frage liegt die Chance der Zukunft.
ist einer der bekanntesten deutschen Bei der „Disruption“ geht es aber um noch etwas anderes. Möglichkeit wahrnehmen möchten, sich von ihrem Beruf zu Gewinnen in diesem Spiel nicht nur Einzelne? Ist
Experten für digitale Transformation in
Deutschland. 2014 erschien sein Buch Um beim Bild des U-Bahn-Fahrers zu bleiben: Digitale verabschieden, bevor er sich von ihnen verabschiedet. die Digitalisierung nicht ein großes Nullsummenspiel,
„Silicon Valley. Was aus dem mäch- Disruption würde bedeuten, dass gar keine U-Bahn mehr Für viele wird das furchteinflößend klingen. Die Grund- in dem der hippe, agile Disruptor gewinnt und der Lkw-
Foto: picture alliance / Frank May
tigsten Tal der Welt auf uns zukommt“.
gebraucht wird, weil es ein neues Verkehrsmittel gibt, these Ihres Buchs aber lautet: Am Ende steht eine Fahrer oder Commerzbank-Mitarbeiter leer ausgeht?
Sein aktuelles Buch heißt„Disrupt
Yourself. Vom Abenteuer, sich in der mit dem sich die Menschen noch besser fortbewegen können. große Chance. Wir können alle zu Digitalisierungsgewin- Nein, die digitale Revolution ist eindeutig ein Positivsummen-
digitalen Welt neu erfinden zu müssen“. Der U-Bahn-Fahrer verliert also seinen Job nicht dadurch, nern werden. Wie kann man diese Chance begreifen? spiel, weil die digitale Wirtschaft effizienter ist und damit bei
Keese gehört außerdem zu den
Initiatoren der Charta der Digitalen dass eine Maschine ihn ersetzt, sondern dadurch, dass die Disruption bringt Marktverhältnisse in Unordnung. Man gleichem Mittelverbrauch mehr Wohlstand ermöglicht. Es
Grundrechte der Europäischen Union. U-Bahn als solche verschwindet. kann durch sie und mit digitalen Innovationen bestehende muss nicht einer verlieren, damit ein anderer gewinnen kann.Seite 10 Seite 11
Was wird aus meinem Fällen braucht man nämlich nur einen
Entscheidungsbaum, um zu sehen,
fehlt an anderer Stelle: Für meine Arbeit
brauche ich gerade Geduld und Be-
„Die emotionale
Beziehung ist
Traumberuf, wenn
ob sich eine Klage lohnt. Eine Maschine harrlichkeit – manchmal dauert es eine
erstellt ihn in Sekundenbruchteilen halbe Stunde, um jemanden davon zu
– und der Anwalt könnte sich dem Be- überzeugen, seine Medizin zu nehmen.“ nicht ersetzbar.“
KI und Roboter ihn gründen und Argumentieren widmen.“
o
übernehmen können? „Ich wäre froh, wenn
Künstliche Intelligenz und
eine KI eintönige
Roboter können Jobs zerstören oder Aufgaben im Alltag
auch von lästigen Tätigkeiten übernehmen würde.“
befreien. Fünf Hamburger
o
wagen einen Blick in die Zukunft. Sina Fischer, 27,
hat Deutsch und Englisch studiert
und unterrichtet heute als
Von Marie Ludewig Lehrerin an einem Gymnasium.
„Ich wünsche mir, dass die Technik uns
Lehrerinnen und Lehrern hilft, den
Unterricht an die Interessen und Neigun-
Angelika Kalinowski, 41
Die Bäckerin ist seit fast 20 Jahren bei gen jedes einzelnen Schülers anzupassen
Inas Nureldin, 37
einer Hamburger Biobäckerei angestellt. und sie in ihren Talenten zu bestärken. Gründer und Geschäftsführer von Tomor-
Schule an sich wird sich stark verändern: row, einer App für nachhaltiges Banking.
In einem digitalen Klassenraum könnten
Franziska Mathee, 25
Die Juristin arbeitet als wissenschaftliche „Wir produzieren Schüler über Ländergrenzen hinweg „KI ist nicht Abhilfe für alles – dennoch
Mitarbeiterin in einer Kanzlei und
möchte Anwältin werden. Sie ist Alumna
der Bucerius Law School.
keine Massenware.“ zusammenarbeiten – etwa in einer
Gruppe, die sich mit dem Klimawandel
müssen wir Menschen schauen, wo
wir in Zukunft noch unsere Stärken aus-
Fotos: Lisa Notzke; *Quelle: Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW, Seite 10)
beschäftigt. So würde auch die inter- spielen können. Das sehe ich vor allem
„Als Anwältin verbringt man einen „Wir arbeiten in unserer Bäckerei mit kulturelle Kompetenz gestärkt. Außerdem in allen Bereichen der kreativen Schöp-
Fabian Gressmann, 29,
Großteil seiner Arbeitszeit mit der ist Gesundheits- und Krankenpfleger
Maschinen, die uns die Arbeit erleichtern, könnten Sprachroboter helfen, Sprachen fung – das kann uns kein Algorithmus
Dokumentation von Fällen. Man mietet in einer psychiatrischen Notaufnahme. etwa einer Waage und einer Knetmaschine. zu lernen, und Virtual-Reality-Brillen abnehmen! Ich wünsche mir, dass die
ganze Keller an, weil man alle Akten Ich arbeite gern so viel wie möglich mit könnten literarische Welten erlebbar Digitalisierung uns mehr Freiraum für
aufbewahren muss, jede E-Mail wird „Ich verbringe eine Stunde täglich den Händen – so fühle ich, ob der Teig machen. Angst um meinen Job habe ich die wichtigen Dinge ermöglicht, etwa
dafür ausgedruckt – und wenn man mit dem Ausfüllen von Checklisten oder bereit für den Ofen ist. Ich denke, auch nicht. Die emotionale Beziehung kann weil wir stupide und langwierige Auf-
42 %
aller Jobs in
später eine konkrete Information sucht,
dauert das sehr lange. Ich wäre froh,
wenn eine KI diese eintönigen Aufgaben
Infobögen für die Patientenakte. Toll
wäre, wenn eine KI das bald automatisch
per Spracherkennung übernehmen
in 20 Jahren gibt es Leute, die Selbstge-
machtes wertschätzen. Wir produzieren
keine Massenware – das heißt aber auch,
nicht ersetzt werden – etwa, wenn mich
Schülerinnen bei Liebeskummer um
Rat bitten.“
gaben wie Behördenkram nicht mehr
selbst erledigen müssen. Mein Ziel ist es,
mit der gewonnenen Zeit Banking mas-
Deutschland im Alltag übernehmen würde. Für könnte und ich es nur mündlich formu- dass wir Bäcker besser sein müssen als
o
sentauglich zu machen, das positiven
das kreative Beraten und Gestalten lieren müsste. So hätte ich mehr Zeit die Maschinen. Sonst zahlen die Kunden ökologischen und sozialen Wandel
sind von wäre dann mehr Raum. Ich hoffe, dass für Gespräche mit den Patienten. In den den Preisunterschied nicht.“ finanziert.“
Automatisierung die anwaltliche Beratung niedrigschwel- vergangenen Jahren hat der Papierkram
bedroht. * liger und günstiger wird. In vielen durch die Bürokratie zugenommen. Das o oSeite 12 Seite 13
Die kassenlose
ziehen und Wechselgeld rauszugeben. rads. Der Mensch, der sich in solch fahren, wie wir leben, wie wir Risiken
Niemand muss dieser Tätigkeit nach- ein Robocar setzt, ist ein Beifahrer der abwägen: Menschen oder Maschinen?
trauern. Und vermutlich entstehen Maschine, der Wagen fährt gleichsam Jeder für sich, der Staat für alle? Oder
Gesellschaft ein paar zusätzliche Arbeitsplätze für
Softwaredesigner und Videokamera-
Spezialisten. Dennoch stellt sich die
auf Autopilot. Was immer passiert, der
Mensch hat die Kontrolle verloren.
Psychologie ist das eine. Auch
die großen Konzerne?
Für Menschen gilt das Straf- und
Zivilrecht. Weil Computerprogramme
Frage, welche Art von Jobs für gering das autonome Fahren wirft viele Fragen letztlich von Menschen geschrieben
Autos ohne Fahrer, Werke ohne Arbeiter, qualifizierte Menschen noch bleiben, auf. Erstens wieder für den Arbeits- werden, gilt das Recht eben auch für
Kassen ohne Kassierer: Wer profitiert, wenn auch die Dienstleistungsbranche markt: Die Zukunft von Busfahrern, diese Programmiertätigkeit. Doch viele
und wer bleibt bei der Digitalisierung auf in den Sog der Automatisierung gerät. Lkw-Fahrern und Taxifahrern sieht Experten sind sich einig, dass das beste-
Werden diese Menschen umgeschult alles andere als rosig aus. Und wenn hende Recht nicht ausreicht, um die
der Strecke? werden? Für welche Jobs? Und wer zahlt die Robocars weitgehend unfallfrei Konstruktion intelligenter Maschinen
die Umschulung? Amazon? fahren – was das wichtigste Versprechen zu regulieren. Das Recht muss der tech-
Von Marc Brost, Götz Hamann und Heinrich Wefing Alles, was digitalisiert werden kann, des automatisierten Fahrens ist –, wer nischen Entwicklung angepasst werden.
wird digitalisiert werden. Das ist das braucht dann noch Rettungssanitäter? Und die Zeit drängt. Denn erstens er-
erste Grundgesetz der neuen Zeit. Und ADAC-Pannenhelfer? Verkehrsrichter? laubt die rapide Vermehrung der Rechen-
heißt: Alle Informationen, die sich Da ist aber auch, zweitens, eine kapazitäten schnelle Fortschritte der
elektronisch speichern und verarbeiten ungeklärte ethische Frage. Angenom- künstlichen Intelligenz (KI) und Robotik.
lassen, werden auch elektronisch ge- men, ein selbstfahrendes Auto kann trotz Und zweitens erlaubt sie die Verarbei-
speichert und verarbeitet. Das zweite aller Assistenzsysteme nicht rechtzeitig tung von Daten in bislang ungeahntem
Grundgesetz lautet: Alles, was automati- bremsen und es geht nur noch um die Umfang. Die Politik muss sich beeilen.
siert werden kann, wird automatisiert Entscheidung, ob das Auto geradeaus in
werden. Heißt: Alle Handgriffe, Opera- die Mauer rast (Fahrer tot) oder in VIEL ZU TUN FÜR DIE POLITIK
tionen, Prozesse, die Maschinen ma- die danebenstehende Menschengruppe Zugegeben, es gehört zu den Schwierig-
chen können, werden früher oder später (alle tot): Wer entscheidet das? Der Com- keiten der Debatte um die Digitalisie-
Maschinen machen. (Das ist schon seit puter oder der Fahrer? Und wenn es der rung, dass sie sich nicht auf einen Begriff
Beginn des Maschinenzeitalters so.) Computer entscheidet: Wer hat diese bringen lässt. Keine Metapher funktio-
Die Machtfrage Entscheidung programmiert – und nach niert so richtig, kaum eine historische
Wann immer man in diesen Tagen
mit Politikern spricht – gleich, welcher stellt sich neu. Amazon schickt die Rechnung aufs
Handy. Fertig. Nie wieder Schlange
WAHNWITZIGE INNOVATIONEN
WERDEN MÖGLICH
welchen Kriterien? Das ist mehr als nur
ein ethisches oder juristisches Problem.
Parallele stimmt. Die einzige, die eine
Ahnung davon gibt, wie grundstürzend
Partei –, dann sagen sie: Eigentlich
müssten wir uns mal um die großen
o stehen an der Kasse.
Man kann das unheimlich finden,
Das ist, zunächst einmal, ein Universum
von Chancen. Die Zukunft ist so offen
Es ist, kurz gesagt, die Machtfrage, neu
gestellt. Wer soll bestimmen, wie wir
die Veränderungen womöglich werden
könnten, ist der Vergleich mit der Indus-
Sachfragen kümmern. Und als Erstes bequem oder innovativ, aber man und gestaltbar wie nie. Wahnwitzige
und Größtes fällt dann immer ein um eine Ahnung von dem Umbruch zu muss nicht sonderlich fantasiebegabt Innovationen werden möglich, neue
Wort: „Digitalisierung“. Was das aber bekommen, der längst begonnen hat. sein, um ins Grübeln zu kommen. Geschäfte, wundersame Technik.
ist, diese Digitalisierung, das wissen Zum Beispiel mit zwei Meldungen der Ist das die Zukunft aller Supermärkte? Zweite Meldung. Der US-Autoher-
die wenigsten Politiker zu sagen. vergangenen Tage. Der Innenstädte weltweit? Werden steller GM hat angekündigt, im kom-
Und es geht nicht nur ihnen so. Meldung eins. In Seattle im diese automatisierten Läden irgendwann menden Jahr in den Vereinigten Staaten Wer soll bestimmen, wie
wir fahren, wie wir leben,
Auch Wissenschaftlern, Ökonomen US-Bundesstaat Washington eröffnet von autonom fahrenden Lastern mit erste Fahrzeuge ohne Lenkrad auszu-
und Ingenieuren fällt es schwer, auf Amazon den ersten Supermarkt, der Waren beliefert, von Robotern bestückt, liefern (in Deutschland wäre das einst-
Foto: Getty Images / Pacific Press
den Begriff zu bringen, was sie mit
„Digitalisierung“ meinen. Sicher ist nur,
komplett ohne Kassen auskommt. Wer
hineingeht, meldet sich per App an, nimmt
von Putzautomaten gesäubert?
Vor allem aber: Was wird mit den
weilen nicht zulässig). Die Autos auf
der Basis des Elektrofahrzeugs Chevro-
wie wir Risiken abwägen?
dass es ein vielschichtiger Prozess ist,
unübersichtlich und groß. So groß,
aus den Regalen, was er braucht, und
geht wieder raus. Sensoren und Video-
Verkäuferinnen und Verkäufern? Sicher,
es ist eine brutal monotone Arbeit, den
let Bolt kommen auch ohne Pedale und
Handbremse aus – aber symbolisch
Menschen oder Maschinen?
dass man im Kleinen beginnen muss, kameras registrieren den Einkauf, ganzen Tag Waren über den Scanner zu entscheidend ist das Fehlen des Lenk- oSeite 14 Seite 15
trialisierung. Was in den Jahren zwischen
1815 und 1930 geschehen ist, zeigt, wie
„Die Digitalisierung damit, dass genau jene Ministerien am
meisten mit digitalen Themen zu tun
Dass es auf alle diese Fragen bislang
keine Antworten gibt, dass sich noch
bleiben, und die Menschen, die diese
Systeme schaffen, müssen zur Rechen-
ren; die Erfahrung aus früheren
technischen Revolutionen lehrt,
tief greifend die Folgen einer techno- muss nicht zur hätten. Tatsächlich aber, das gaben die nicht einmal sagen lässt, ob die Fragen schaft gezogen werden können“, dass alte Berufe in neuen Berufen
logischen Revolution sein können. Die Beteiligten hinter vorgehaltener Hand richtig gestellt sind: Das löst Unruhe nach klaren Gesetzen, überwacht von aufgehen können, aus Mechani-
Industrialisierung bedeutete, unter an- Arbeitsmarktkata- zu, wollte jeder der drei Koalitionspart- aus, schon heute, subkutan, am Rande demokratisch gewählten Regierungen. kern werden Mechatroniker.
derem: Mechanisierung der Landwirt-
schaft, Bau von Eisenbahnen, Textil-
strophe führen. Es ner CDU, CSU und SPD einen eigenen
Digitalminister haben. Statt zusammen-
des öffentlichen Bewusstseins. Eine
Verunsicherung, die sich noch nicht
„Das ist unerlässlich in der Welt,
in der wir leben wollen.“
Es kann sogar mehr Arbeit
entstehen, nur eben andere – aller-
fabriken und Stahlwerken, massenhafte
Landflucht und explosives Wachstum
kann sogar mehr zuarbeiten, trieb jeder Minister vor
allem die eigenen Initiativen voran.
formulieren lässt, die aber politisch
bereits wirksam wird. In diffusen Sorgen.
Nur: Gilt das dann auch in China?
Elon Musk von Tesla, einer der
dings bräuchte man dazu auch eine
neue, andere Arbeitsmarktpolitik.
der Städte, die Anhäufung gigantischen Arbeit entstehen – In der Furcht vor dem Zusammenbruch Großen im Silicon Valley, nennt künst- Die Chancen eines Arbeitnehmers,
Reichtums, die Entstehung eines Prole- VERGLEICH MIT DER von Sicherheiten. liche Intelligenz die größte Bedrohung den Sprung in die digitale Berufswelt
tariats, Kinderarbeit und Massenarmut, allerdings bräuchte INDUSTRIALISIERUNG Eine Studie des Zentrums für Euro- der menschlichen Zivilisation. Die zu schaffen, hängen weniger damit
als Gegenbewegungen dazu die Grün-
dung von Gewerkschaften und die An-
man dazu auch eine Der Vergleich mit der Industrialisierung
hilft zu begreifen, dass vermutlich kein
päische Wirtschaftsforschung prognos-
tiziert, dass 42 Prozent aller deutschen
avancierten Computerprogramme, die
sich selbst perfektionieren, erfüllen
zusammen, was er heute tut, als mit
seiner Fähigkeit zur Anpassung. Hier
fänge der Sozialgesetzgebung, kulturelle
Umbrüche, politische Erschütterungen
neue Arbeitsmarkt- Lebensbereich unberührt bleiben wird
von der Digitalisierung: Jede Industrie
Jobs mehr oder weniger durch die Auto-
matisierung bedroht sind. Es träfe also
den gelernten Physiker mit tiefer Sorge.
Damit würden „Dämonen heraufbe-
müsste eine neue Form der Arbeits-
marktpolitik mit einem Schwerpunkt
bis hin zu Aufständen und Krieg. politik.“ ist betroffen, die Sozialsysteme, das Ge- rund 16 Millionen Arbeitnehmer. Allein schworen“, sagte Musk am Massachusetts Digitalisierung ansetzen. Und das wäre
sundheitswesen, die Medien, der Krieg. in Deutschland. Institute of Technology. Der Staat nur eines der vielen Felder, auf denen
MANCHMAL IST DIE POLITIK Wie Menschen wohnen, wie sie Sex Da liegt es nahe, dass sich viele müsse unverzüglich Regeln setzen, ehe die Politik endlich tätig werden muss.
SCHLICHT ZU LANGSAM haben, wie sie kommunizieren. Kunst Menschen zu fragen beginnen, welche die Dinge außer Kontrolle gerieten.
2013 nahmen sich Union und SPD und Dichtung. Die Art, wie Geschichten Arbeitsplätze denn noch sicher sind Schwer zu sagen, wie ernst die Die ZEIT-Redaktion hat sich mit Fragen
beispielsweise gemeinsam vor, das Land erzählt werden und wovon sie handeln. und welche Ausbildung man den Konzernbosse derlei Reden meinen, ob zur Zukunft der Arbeit beschäftigt und
bis 2018 flächendeckend mit schnellem es gibt auch hausgemachte Probleme. Letztlich: wie wir Menschen denken. eigenen Kindern empfehlen soll. sie sich wirklich von der Regierung mögliche Antworten zusammengetra-
Internet zu versorgen. Tatsächlich dürf- Im Koalitionsvertrag 2013 kündigten Sofern wir überhaupt noch selbst denken Es liegt nahe, dass die Unsicherheit dirigieren lassen wollen. Aber die Politik gen. Der vorliegende Text ist ein Auszug
te Ende des Jahres fast jeder Haushalt Union und SPD „ein bürgerfreundliches, und das nicht Neuroimplantate über- wächst, wie eine Gesellschaft funk- müsste da aufhorchen. des Artikels aus der ZEIT Nr. 06/2018,
eine 50-Megabit-Anbindung haben. Bloß: digitales Deutschland“ an. Dazu sollte nehmen, gesteuert von künstlicher Intel- tionieren kann, deren Belohnungs- Die Digitalisierung muss nicht die komplette Fassung finden Sie unter
Was 2013 noch als schnelles Internet „die flächendeckende Digitalisierung ligenz. und Sicherungssysteme sämtlich auf zur Arbeitsmarktkatastrophe füh- www.zeit.de/kassenlose-gesellschaft
galt, ist heute, fünf Jahre später, schon der Verwaltung auf den Weg gebracht“ Die Machtfrage stellt sich neu, zwi- Beschäftigung hin ausgerichtet sind,
nicht mehr schnell genug – inzwischen werden. Die Bürger sollten endlich alle schen Nutzern und Konzernen, zwischen der aber die Arbeit ausgeht. Dass
geht auch die Regierung davon aus, bald Formulare digital einreichen können, so digitalen Arbeitern und digitalen Ka- darüber gegrübelt wird, ob es eine
Gigabit-Leitungen zu brauchen. So groß wie bei vielen Unternehmen. Die Mit- pitalisten. Zwischen dem Staat und den massive Umverteilung und damit
sind die Datenmengen, die demnächst arbeiter in den Behörden sollten Formu- großen Unternehmen. auch eine drastische Reduzierung von
Die Registrierkasse
transportiert werden könnten. Und so lare nicht mehr ausdrucken und in Der Reichtum wird umverteilt, Freiheit braucht, um Massenarmut wurde 1879 von
verstopft sind die Datenleitungen schon dicken Ordnern abheften müssen. Und und damit stellt sich auch die Gerech- und Prekarisierung zu verhindern. einem Lokalbesitzer
in Ohio erfunden,
heute. Für Gigabit-Anschlüsse aber be- die Computersysteme der unterschied- tigkeitsfrage radikal neu: Angenommen, Kurioserweise sind es zunehmend der mit ihrer Hilfe
nötigt man Glasfaserkabel, und da sieht lichen Behörden sollten aufeinander ab- demnächst übernehmen Roboter Unternehmer, die nach staatlicher Regu- Diebstähle durchs
es in Deutschland dürftig aus: Gerade gestimmt werden. Das Irre ist: In vielen und smarte Maschinen die Jobs vieler lierung rufen. Der Präsident von Micro- Personal verhindern
wollte. 140 Jahre
einmal 6,6 Prozent aller Haushalte haben anderen westlichen Ländern ist das Menschen – wem kämen die riesigen soft etwa, Brad Smith, hat gerade seine später eröffnet in
Zugang zu einem schnellen Glasfaser- längst Standard. Geschehen aber ist: Produktivitätsgewinne zugute? Würde Forderung nach einem Verhaltenskodex Seattle der erste
kassenlose Super-
anschluss, auf dem Land sind es nur fast nichts. von diesen Gewinnen die Gesellschaft für Programmierer erneuert, ähnlich markt.
Foto: picture alliance / Jan Haas
1,4 Prozent. Alle Haushalte zu erreichen Drei verschiedene Ministerien profitieren – oder landeten sie in dem hippokratischen Eid der Ärzte.
wird noch mehr als ein Jahrzehnt dauern. sollten sich in der vergangenen Großen den Taschen einiger weniger Investoren „Die Leute fürchten oft, dass wir irgend-
Die Digitalwelt verändert sich viel Koalition ums Digitale kümmern – und Manager? Im besten Fall, auch das wann die Kontrolle über die Computer
schneller, als die Politik mit ihren lang- Wirtschaft, Verkehr und Inneres. Offi- ist denkbar, würde der ökonomische verlieren“, sagt Smith. Deshalb müssten
samen Prozeduren folgen kann. Aber ziell begründeten Union und SPD das Zwang zur Arbeit entfallen. Computer „für Menschen berechenbarSeite 16 Seite 17
Und was kannst du?
Roboter werden immer leistungsfähiger
und intelligenter. Diese sechs Vorbilder
aus Science-Fiction-Filmen sind bisher
unerreicht – vielleicht nicht mehr lange.
Von Katharina Heckendorf
Auszug aus ZEIT Campus 03 / 2015, Illustration: Connor Willumsen
MASCHINEN-MARIA R2D2 ROBOZ T-800 TARS BAYMAX
aus „Metropolis“, 1927 aus „Star Wars“, 1977 aus „Trio mit vier Fäusten“, 1983 aus „Terminator“, 1984 aus „Interstellar“, 2014 aus „Baymax“, 2015
Die Roboterfrau in Fritz Langs Der kluge Multifunktionsroboter Roboz serviert mit Greiferhänden Längst wird mit Maschinen Krieg Rein äußerlich hat Tars Wenn er das Wort „Aua!“ hört,
Science-Fiction-Stummfilm ist mit Haut in „Star Wars“ hat Kreissäge, Wasser und Cola, versteht Fragen und geführt. Noch sind das ferngesteuerte nichts Menschliches – aber was er sagt, steigt der Gesundheitsroboter Baymax
überzogen und sieht aus wie Schweißbrenner und Feuerlöscher antwortet auf seinem Display. Flugzeuge („Drohnen“), ist lustig, manchmal sarkastisch. aus seiner Kiste, scannt und
ein Mensch. Im echten Leben haben eingebaut – und löst fast Serviceroboter werden in Japan in nicht humanoide Killerroboter wie in Künstlicher Intelligenz, wie es sie heute pflegt den Patienten. Schon heute
einige Roboter Silikonhaut. Die jedes Problem. Solche selbstständigen, Banken und Hotels eingesetzt. „Terminator“. Rüstungsfirmen gibt, ist Humor fremd. werden in einigen OP-Sälen Roboter
sieht ziemlich echt aus – aber nicht zu vielfältig einsetzbaren Roboter So zuvorkommend und intelligent wie forschen aber an Laufrobotern, die Computer, die Witze erfinden eingesetzt – die haben ruhigere
100 Prozent menschlich. gibt es bisher leider nur im Film. Roboz sind sie aber noch nicht. selbstständig zielen und töten. sollen, scheitern kläglich. Hände als Menschen.Seite 18 Seite 19
„Das müssen wir als einer künstlichen Intelligenz geschriebenes Gedicht sowie
Musik, die von KI komponiert wurde, oder das Selbstporträt
eines Roboters. Sie merken: Bei uns steht nicht „Kreativität
Bucerius Lab –
ein Ort engagierter
Gesellschaft ausfechten“
Debatten rund um die
ist …“ oder „Empathie ist …“. Wir möchten in der Ausstellung digitale Zukunft.
die Dimension der Veränderung in elf Stationen erkunden
und dadurch die Diskussion eröffnen. Das kann bis zu der
Frage reichen: Was ist gute Arbeit?
Was ist denn gute Arbeit?
Opper: Ich würde es gerne umgekehrt in Anlehnung
an den polnischen Philosophen Stanisław Lem beant-
worten: Jede Arbeit, die dem Menschen unwürdig ist,
sollte von einer Maschine übernommen werden.
Interview Bäumer: Dieses Zitat ist umstritten. Ist etwa die Arbeit einer
Supermarktkassiererin unwürdige Arbeit?
Opper: Genau solche Fragen müssen wir als Gesellschaft
ausfechten. Dazu soll die Ausstellung anregen.
Bucerius Lab der
Welche Ansätze gibt es dafür? ZEIT-Stiftung
Fotos: Marie Ludewig (Seite 18), Frederika Hofmann (Seite 19); Grafik: atelier freilinger & feldmann, Paris / Hamburg, Interpretation: TEMPUS CORPORATE GmbH (Seite 18)
Bäumer: Wenn es zu der Automatisierungswelle kommt,
Der Wandel der Arbeitswelt betrifft jeden, Das 2015 gegründete Bucerius Lab der ZEIT-Stiftung
müssen wir uns fragen, ob die soziale Sicherung, die seit 150
beschäftigt sich mit den Chancen, Folgen und Gestal-
wird aber häufig nur von Experten diskutiert. Jahren an die Erwerbsarbeit gekoppelt ist, weiterhin Bestand
tungsmöglichkeiten des digitalen Wandels für unsere
Das möchten Mario Bäumer, Kurator im haben kann. Die Ausstellung zeigt hierzu 16 Alternativen,
Gesellschaft. Mit Kongressen, Fellow-Projekten und
darunter das bedingungslose Grundeinkommen, die Verkür-
Museum der Arbeit, und Daniel Opper, Leiter zung der Arbeitszeit oder eine Robotersteuer. Die Besucher
eigenen Schwerpunktthemen möchte das Lab Dis-
kurse über die Digitalisierung abbilden und anstoßen.
des Bucerius Lab, ändern. können über diese Alternativen mit einem sechsstelligen Code
Neben dem Ausstellungsprojekt „Out of Office“ im
abstimmen, den sie zusammen mit der Eintrittskarte erhalten.
Museum der Arbeit gehört die Initiative für eine
Von Marie Ludewig Eine Ausstellung zum Mitmachen. Wie stellen Sie sich
EU-Charta der digitalen Grundrechte zu den Schwer-
persönlich die künftige Arbeitswelt vor?
punkten des Lab (Seite 7): 2015 von Giovanni di
Opper: Es gilt, den Zuwachs an Produktivität, den künstliche
Lorenzo, Kuratoriumsmitglied der ZEIT-Stiftung, an-
Intelligenz und Roboter leisten werden, gerecht zu ver-
geregt, soll durch die Charta eine bessere Sicherung
Im November eröffnet Ihre erste gemeinsame Ausstellung Mario Bäumer: Als Beispiele für den Diskurs Mensch versus teilen, sonst wird die Digitalisierung unsere Gesellschaft
der Grundrechte im digitalen Raum auf europäischer
„Out of Office – Wenn Roboter und KI für uns Robotik zeigen wir Cover von Magazinen, die eher mit spalten. Dafür brauchen wir einen neuen Gesellschafts- und
Ebene erreicht werden.
arbeiten“. Wieso bringen Sie solch ein abstraktes Thema dem Schreckensszenario spielen, genauso wie solche, die eine Sozialvertrag.
Mehr zum Programm des Lab: www.buceriuslab.de
ins Museum? sehr optimistische Sicht verbreiten. Bäumer: Ich denke, wir brauchen eine Neubewertung von
Und zur Ausstellung: www.outofoffice.hamburg
Daniel Opper: Wir wollen zeigen, dass künstliche Intelligenz Opper: Diese beiden Extreme helfen uns dabei, über gesell- Arbeit, sodass auch Arbeit außerhalb der Erwerbsarbeit einen
und Robotik massive Auswirkungen auf alle Jobs haben. schaftliche Herausforderungen, die sich durch die Technik neuen Stellenwert bekommt. o
Nicht nur körperliche Tätigkeiten, sondern auch Büro- und ergeben, prinzipiell zu diskutieren. Eine Prognose geht etwa
Wissensarbeit können durch künstliche Intelligenz zuneh- davon aus, dass wir auf eine Zukunft der Massenarbeits-
mend automatisiert werden. Das ist eine neue Dimension in losigkeit zusteuern, in der Maschinen alles produzieren und
der Geschichte der Arbeit, und diesen Wandel wollen wir leisten. Das könnte man aber auch als Chance begreifen: IMPRESSUM
durch eine Ausstellung erfahrbar machen. Kann sich der Mensch künftig davon befreien, dass er für das
Herausgeber: Grafisches Konzept und Produktion: Druck: „Out of Office“
Aktuell pendelt die mediale Debatte zwischen Überleben arbeiten muss?
ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius TEMPUS CORPORATE GmbH Krögers Buch- und ist ein Ausstellungsprojekt
Paradiesvorstellungen à la „Nie wieder arbeiten!“ Wenn künftig alles von Maschinen erledigt werden kann, (Stiftung bürgerlichen Rechts) Geschäftsführung: Jan Hawerkamp, Verlagsdruckerei GmbH des Museums der Arbeit,
und Horrorszenarien wie „Maschinen bestimmen was bleibt dem Menschen noch? Prof. Dr. Michael Göring (V.i.S.d.P.) Dr. Mark Schiffhauer Industriestraße 21 Hamburg und des Bucerius
Feldbrunnenstraße 56 Buceriusstraße, Eingang Speersort 1 22880 Wedel Lab der ZEIT-Stiftung.
über den Menschen“. Wie gehen Sie in der Ausstellung Bäumer: Das Fühlen, der Körper, Empathie und Kreativität – 20148 Hamburg 20095 Hamburg
damit um? so meint man. Wir zeigen in der Ausstellung aber ein von www.zeit-stiftung.de www.tempuscorporate.zeitverlag.de © 2018FFICE
Grafik: atelier freilinger & feldmann, Paris/Hamburg, Interpretation: TEMPUS CORPORATE GmbH
AUSSTELLUNG ERÖFFNUNGSFESTIVAL
„Out of Office – Wenn Roboter Samstag, 10.11.2018, 11–20 Uhr
und KI für uns arbeiten“ Eintritt frei
im Museum der Arbeit, Hamburg Mit Robotern, Vorträgen, Workshops,
7.11.2018 – 19.05.2019 Spielen, Virtual Reality, Filmen und mehr
www.outofoffice.hamburg
#oooyeahmuseumSie können auch lesen