Die Zukunft von 70 Millionen Kindern neu schreiben

Die Seite wird erstellt Hortensia Rapp
 
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Die Zukunft von 70 Millionen Kindern neu schreiben
Die Zukunft
von 70 Millionen
Kindern neu
schreiben
Die Zukunft von 70 Millionen Kindern neu schreiben
Auf dem Höhepunkt der COVID-19-Pandemie konnten
1,6 Milliarden Kinder nicht zur Schule gehen.1
Alle Menschen, überall auf der Welt, leiden unter den Folgen der Pandemie. Für einige werden
die negativen Auswirkungen abnehmen, während andere - die ärmsten Kinder der Welt - sich
nie davon erholen werden. In einigen der Länder, die besonders stark von Armut betroffen sind,
haben Kinder fast ein Sechstel ihres erwarteten lebenslangen Lernens verpasst.2

Noch schlimmer ist, dass viele dieser Kinder einen der wichtigsten Meilensteine auf ihrem
Bildungsweg nicht erreichen werden. Der zehnte Geburtstag sollte ein entscheidender Moment
im Leben eines jeden Kindes sein: der Moment, in dem es aufhört, Lesen zu lernen, sondern
beginnt, zu lesen, um zu lernen.3

Dieser entscheidende Moment ermöglicht es einem Kind, vom einfachen Lesen von Wörtern auf
einer Seite zum Verstehen eines Quiz, einer Packungsbeilage oder eines Märchens überzugehen.
Es ist ein entscheidender Übergang, der Millionen von Kindern den Weg in ein besseres Leben
ebnet - ein Leben des kontinuierlichen, unabhängigen Lernens. Es ist ein Moment, der die
Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen, Gesundheitsexpert*innen und Lehrer*innen der Zukunft
hervorbringt, vielleicht sogar Präsidentinnen und Premierminister.

Doch diese Träume zerplatzen für Millionen von Kindern, die bis zum Alter von zehn Jahren
keine grundlegenden Lese- und Schreibfähigkeiten erwerben konnten. Dies bezeichnet man als
“Lernarmut”.4 Ihr intellektuelles Wachstum wird gehemmt und damit auch ihre Fähigkeit, sich
grundlegendes Wissen anzueignen.

Was ist das Ausmaß des Problems?
Eine neue Analyse von ONE zeigt: Allein im Jahr 2021 könnten 70 Millionen Kinder - mehr als die
Hälfte der Zehnjährigen weltweit - nicht über die grundlegenden Lese- und Schreibfähigkeiten
verfügen, die von einem Kind in diesem Alter erwartet werden, wenn die schlimmsten
Auswirkungen von COVID-19 auf die Bildungssysteme eintreten werden. Um das in den richtigen
Kontext zu setzen: Das entspräche der gesamten Bevölkerung des Vereinigten Königreichs, die
allein in diesem Jahr lebenslang in ihrem Zukunftspotenzial gebremst wird.5

Wenn die Zahl in diesem Tempo ansteigt, wird die
Zahl der von Lernarmut gefährdeten Kinder nach
unseren Berechnungen zwischen 2020 und 2030 auf
750 Millionen ansteigen. Das ist fast jedes zehnte
Kind weltweit. 6

COVID-19 macht dabei einen Anteil von fast 17% aus, da Schulen aufgrund der Pandemie weltweit
schließen mussten, das Lernen pausiert wurde und die staatlichen Ausgaben für Bildung reduziert
wurden. Vor allem Mädchen sind am meisten gefährdet, durch die Maschen zu fallen; 20 Millionen
werden vielleicht nie wieder zur Schule gehen.7

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Diese Kinder werden nicht nur die Folgen des verlorenen Lernens bis ins Erwachsenenalter
spüren – denn es wirkt sich auf ihre Möglichkeiten aus, Unternehmen zu gründen, gut bezahlte
Jobs zu bekommen und ihre Familien zu versorgen -, sondern der Lernverlust wird auch enorme
Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft haben. Lernverluste aufgrund von COVID-19
könnten bei den von der Pandemie betroffenen Schulkindern zu einem verlorenen Einkommen
von 10 Billionen US-Dollar führen.8 Und der Lernverlust könnte über Jahrzehnte nachhallen: Der
Lernverlust, den Schulkinder erlebten, die vom Zweiten Weltkrieg betroffen waren, wirkte sich auch
40 Jahre später noch negativ auf ihr Einkommen aus.9 Die Kinder von heute sind die medizinischen
Fachkräfte von morgen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie im Gesundheitswesen arbeiten
werden, wenn sie mit zehn Jahren nicht lesen können; es wird schwierig, diesen Rückstand später
im Leben aufzuholen. Wenn sich die Zahl der Zehnjährigen, die im Jahr 2021 in Lernarmut fallen,
verdoppelt, könnte sich der weltweite Rekrutierungspool für Fachkräfte im Gesundheitswesen
bis 2030 halbieren.

Dies ist eine grundlegende Hürde im Kampf gegen extreme Armut. Wenn alle Schüler*innen
in einkommensschwachen Ländern die Schule mit grundlegenden Lesefähigkeiten verlassen
würden, könnten 171 Millionen Menschen aus der extremen Armut befreit werden.10

Wie stark ist Subsahara-Afrika davon
betroffen?
Bis 2050 wird sich die Bevölkerung Subsahara-Afrikas voraussichtlich mehr als verdoppeln.
Die Hälfte der Bevölkerung wird unter 25 Jahre alt sein.11 Dennoch befinden sich 2021 40%
der Zehnjährigen weltweit ohne grundlegende Lese- und Schreibfähigkeiten in Afrika südlich
der Sahara. Das sind Kinder, die im Leben zurückgeworfen werden und weit weniger zur
demografischen Dividende des Kontinents beitragen werden.

Öffentliche Finanzierung kann helfen, den Schaden rückgängig zu machen. Aber zwei Drittel
der Länder mit niedrigem und niedrigem mittleren Einkommen haben ihre Bildungsbudgets
seit Beginn der COVID-19-Pandemie gekürzt, da sie vor unmöglichen Kompromissen zwischen
der Rückzahlung von Schulden, der Übernahme von Gesundheitskosten oder der Zahlung von
Lehrer*innengehältern stehen.12 Die nigerianische Bundesregierung hat ihr Bildungsbudget im
Jahr 2021 um 10% gekürzt. Dies zwang die öffentlichen Schulen dazu, hunderte von Aushilfskräften
zu entlassen und ließ die Schulgebühren in die Höhe schnellen.13 Entwicklungsfinanzierung
für Bildung - die fast ein Fünftel der Bildungsausgaben in Ländern mit niedrigem Einkommen
ausmachen - wird wahrscheinlich um 12% sinken, da die Wirtschaft schrumpft. 14

Wie können wir das verhindern?
In diesem Jahr ist es vielleicht zu spät, um die Lernkurve von mehr als der Hälfte der Zehnjährigen
auf dem Planeten zu ändern. Das ist sehr schlimm. Aber wir können etwas für die Kinder tun, die
nächstes Jahr und jedes Jahr danach die Tage bis zu ihrem zehnten Geburtstag zählen.

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ONE fordert alle Regierungen auf, Maßnahmen
zu ergreifen, um dieser stummen Krise Einhalt zu
gebieten und eine Zukunft zu schaffen, in der jedes
zehnjährige Kind in der Lage ist, eine einfache
Geschichte zu lesen und zu verstehen.

1. Die Staats- und Regierungschef*innen der G7 sollten die globalen Ziele für die
   Bildung von Mädchen unterstützen, die von Großbritannien - dem Gastgeber des
   Gipfels im Jahr 2021 - festgelegt wurden, um sicherzustellen, dass bis 2025 40
   Millionen mehr Mädchen Zugang zur Schule haben und 20 Millionen mehr Mädchen
   (eine Steigerung um ein Drittel) bis zum Alter von 10 Jahren lesen können.15

2. Die Geberregierungen sollten großzügige Zusagen machen, um eine vollständig
   finanzierte Globale Partnerschaft für Bildung (GPE) zu gewährleisten. Eine
   Investition von 5 Mrd. US-Dollar könnte 175 Millionen Mädchen und Jungen
   zwischen 2021-2025 das Lernen ermöglichen.16

3. Die Finanzminister*innen der G20 sollten ein umfassendes Konjunkturpaket
   für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen anbieten, indem sie die
   Initiative zur Aussetzung des Schuldendienstes bis Ende 2021 verlängern und
   die Schaffung von Sonderziehungsrechten im Wert von 650 Mrd. US-Dollar
   mit einem Mechanismus zu deren Übertragung an Länder mit niedrigem und
   mittlerem Einkommen unterstützen. Dies würde dringend benötigte Mittel
   freisetzen, um auf die Pandemie zu reagieren und die am meisten betroffenen
   Sektoren, einschließlich Bildung, zu unterstützen.

4. Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen sollten sich verpflichten,
   ihre Bildungsbudgets zu schützen und alle geschaffenen Konjunkturpakete zu
   nutzen, um die Lernkrise dringend anzugehen und gleichzeitig auf die Pandemie
   zu reagieren.

5. Finanzmittel allein reichen nicht aus; sie müssen zielgerichtet und effizient
   ausgegeben werden, basierend auf Erkenntnissen darüber, was funktioniert, und
   unter Berücksichtigung kontextspezifischer Realitäten. Die Regierungen sollten
   sich dazu verpflichten, laufend Nachweise zu sammeln, qualitativ hochwertige
   Ausgaben zu tätigen und Schritte zu unternehmen, um die globale Lernkrise
   besser zu messen. Wir können nicht reparieren, was wir nicht messen können.

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Anhang 1: Die Anzahl der Kinder mit verlorenem
Potenzial nach Weltregionen
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    Ostasien und Pazifik                               6.967.014     10,0%      66.865.711     8,9%

    Europa und Zentralasien                           1.672.672       2,4%      16.919.276     2,3%

    Lateinamerika und die Karibik                     5.623.814        8,1%   58.083.606        7,7%

    Naher Osten und Nordafrika                         5.717.940      8,2%     63.975.033      8,5%

    Nord-Amerika                                        331.436       0,5%      2.653.635      0,4%

    Südasien                                           22.961.111    32,9%    238.859.474      31,8%

    Afrika südlich der Sahara                        26.579.795       38,1%   303.669.254     40,4%

    GESAMT                                           69.853.783               751.025.989

Anhang 2: Wie haben wir die Anzahl der Kinder
berechnet, die in Lernarmut fallen?
Zur Berechnung der Anzahl der Kinder, die in Lernarmut fallen:
• Wir verwenden die Schätzungen der Weltbank und des UNESCO Institute for Statistics zur
   Lernarmut17 und multiplizieren diese mit der Anzahl der Zehnjährigen.18
•    Für Länder, für die keine Daten zur Lernarmutsquote gemeldet werden, verwenden wir einen
     gewichteten Mittelwert der Länder innerhalb derselben Einkommensgruppe und geografischen
     Region. Dieser wird gewichtet nach der Bevölkerungszahl der Zehnjährigen, unter der
     Voraussetzung, dass dies ein Mittelwert aus mindestens drei Datenpunkten ist. Andernfalls
     wurde nur der nach Einkommensgruppen gewichtete Durchschnitt verwendet.
•    Es wird davon ausgegangen, dass die Quote der Lernarmut gemäß den Schätzungen der
     Weltbank um 0,77 Prozentpunkte pro Jahr sinkt.
•    Diese Schätzungen beinhalten die Auswirkungen von COVID-19 gemäß den Prognosen der
     Weltbank über die Auswirkungen der Pandemie auf Lernarmut.19

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Quellen
1 UNICEF, 2021. Missing More than a Classroom: The impact of school closures on children’s nutrition, abgerufen am
   1. Februar 2021, https://en.unesco.org/covid19/educationresponse.

2 Center for Global Development, 2021, It’s Been a Year Since Schools Started to Close Due to COVID-19, abgerufen am
   11. Februar 2021, https://www.cgdev.org/blog/its-been-year-schools-started-close-due-covid-19.

3 World Bank, 2019, Ending Learning Poverty: What will it take?, abgerufen am 29. Oktober 2019, http://documents1.
   worldbank.org/curated/en/395151571251399043/pdf/Ending-Learning-Poverty-What-Will-It-Take.pdf.

4 World Bank, 2019, Ending Learning Poverty: What will it take?, abgerufen am 29. Oktober 2019, http://documents1.
   worldbank.org/curated/en/395151571251399043/pdf/Ending-Learning-Poverty-What-Will-It-Take.pdf.

5 World Bank, Population, total - United Kingdom, abgerufen am 4. März 2021, https://data.worldbank.org/indicator/
   SP.POP.TOTL?locations=GB.

6 United Nations, 2015, Population 2030: Demographic challenges and opportunities for sustainable development
   planning, abgerufen am 20. Februar 2021, https://www.un.org/en/development/desa/population/publications/pdf/
   trends/Population2030.pdf.

7 Malala Fund, 2020, Girls’ Education and COVID-19, abgerufen am 30. Juli 2020, https://downloads.ctfassets.
   net/0oan5gk9rgbh/6TMYLYAcUpjhQpXLDgmdIa/3e1c12d8d827985ef2b4e815a3a6da1f/COVID19_GirlsEducation_
   corrected_071420.pdf.

8 Brookings, 2020, Learning losses due to COVID-19 could add up to $10 trillion, eingesehen am 10. August 2020,
   https://www.brookings.edu/blog/future-development/2020/07/30/learning-losses-due-to-covid-19-could-add-
   up-to-10-trillion/.

9 Brookings, 2020, The COVID-19 cost of school closures, abgerufen am 13. Mai 2020, https://www.brookings.edu/
   blog/education-plus-development/2020/04/29/the-covid-19-cost-of-school-closures/.

10 UNESCO, 2014. EFA Global Education Monitoring Report 2013/14: Teaching and learning - achieving quality for all.
   Abgerufen am 2. März 2020, https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000225654.

11 A
    gence Francaise de Developpement, 2019, By 2050, more than half of Africa’s population will be under 25 years
   old, abgerufen am 27. Februar 2021, https://www.afd.fr/en/actualites/2050-more-half-africas-population-will-be-
   under-25-years-old.

12 W
    eltbank und UNESCO, 2021, Education Finance Watch 2021, abgerufen am 1. März 2021, http://pubdocs.worldbank.
   org/en/507681613998942297/EFW-Report-2021-2-19.pdf?utm_campaign=covid19&utm_medium=email&utm_
   source=email.

13 ONE Campaign, 2021, Education financing in Nigeria and the impact of the COVID-19 pandemic, abgerufen am 23.
    Februar 2021, https://www.one.org/international/blog/education-financing-nigeria-impact-covid/.

14 U
    NESCO. 2020, COVID-19 threatens to set aid to education back by six years, warns UNESCO, abgerufen am 28. Juli
   2020, https://en.unesco.org/news/covid-19-threatens-set-aid-education-back-six-years-warns-unesco.

15 
   UK Parliament, 2020, Official Development Assistance, abgerufen am 1. Dezember 2020, https://
   hansard.parliament.uk/Commons/2020-11-26/debates/A2442925-0DA2-4262-B564-1C6FEE24881A/
   OfficialDevelopmentAssistance.

16 Global Partnership for Education, 2020, Raise Your Hand: A case for investment, abgerufen am 12. Oktober 2020,
    https://www.globalpartnership.org/sites/default/files/docs/financing-campaign-2025/2021-01-GPE-Case-for-
    investment-rev.pdf.

17 WeltBank, 2019, Ending Learning Poverty: What will it take?, abgerufen am 29. Oktober 2019, http://documents1.
    worldbank.org/curated/en/395151571251399043/pdf/Ending-Learning-Poverty-What-Will-It-Take.pdf.

18 unter Verwendung der UN-Bevölkerungsprognose, mittlere Variante; UN Department of Economic and Social
    Affairs, World Population Prospects 2019, Standard Projections, Annual and single age data, abgerufen am 30.
    Dezember 2020, https://population.un.org/wpp/Download/Standard/Interpolated/.

19 Azevedo, Joao Pedro. 2020. Learning Poverty : Measures and Simulations. Policy Research Working Paper;No.
    9446. Weltbank, Washington, DC., abgerufen am 26. März 2021, https://openknowledge.worldbank.org/
    handle/10986/34654.

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