FACHBEITRÄGE Wirkung und Nebenwirkung der Arzneimittel in der Therapie der ADHS

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4      Fachbeiträge     ADHS Deutschland e. V.

    FACHBEITRÄGE

    Wirkung und Nebenwirkung der Arzneimittel
    in der Therapie der ADHS
                                                                                                                               Dr. Ulrich Kohns

       Nach dem Überblick über bei ADHS eingesetzte Arz-                          • ob Begleitstörungen die ADHS-Symptomatik überlagern.
    neimittel werden die zu erwartenden Wirkungen und
    möglichen Nebenwirkungen der Arzneimittel geschildert.                             Alle Arzneimittel in der Behandlung der ADHS dürfen
    In einem weiteren Artikel werden „Gründe der Behand-                          leitlinienkonform und fachinformationsbedingt nur „im
    lung der ADHS mit Arzneimitteln“ diskutiert.                                  Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie“ bzw. „als
                                                                                  Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms“ eingesetzt
        Für die Behandlung der ADHS stehen Psychostimu-                           werden. Wirk- und Nebenwirkungsprofil sowie der Zulas-
    lanzien wie Methylphenidat und Amfetamine, Nicht-Psy-                         sungsstatus mit seiner Altersabhängigkeit sind zu berück-
    chostimulanzien wie Atomoxetin und Guanfacin zur Ver-                         sichtigen. (s.Tabelle)
    fügung. Als arzneimittel- und kassenrechtlich zugelassene
    Arzneimittel haben sie die evidenzbasierte Wirksamkeit                        Stimulanzien
    auf die ADHS bewiesen und ein tolerierbares Nebenwir-
    kungsprofil gezeigt.                                                              Psychostimulanzien erhöhen die Aktivität der Nerven-
                                                                                  zellen; sie wirken bei Menschen ohne ADHS antriebs- und
          Die Wirkung der Arzneimittel hängt von mehreren                         konzentrationssteigernd. Zu ihnen gehören neben Arznei-
    Faktoren ab:                                                                  mitteln z. B. Genussmittel wie Kaffee und Nikotin, auch
    • individuelle, genetisch und sozial bedingte Vorausset-                     Kokain oder Ecstasy. In der Behandlung der ADHS ver-
        zungen des Patienten, die das Ausmaß der Symptome                         mindern Stimulanzien die Unruhe, verbessern Aufmerk-
        und der Funktionsbeeinträchtigung mitbestimmen.                           samkeit, Handlungskompetenz und Selbstkontrolle. Mit
    • In Einzelfällen hat die Nahrungsaufnahme bei der Ein-                      Verminderung der ADHS-Symptome nimmt die Fähigkeit
       nahme Einfluss auf die Wirkstoffkonzentration im Blut.                     zu, sich altersentsprechend zu verhalten und die altersge-
    • Die Zeit bis zum Erreichen eines wirksamen Blutspiegels                    rechten Anforderungen zu erfüllen.
       und seine Dauer sind individuell verschieden.                                  Die Behandlungseffekte der verschiedenen Stimulanzi-
    • Patienten bauen unterschiedlich langsam oder schnell                       en sind ähnlich und durch Studien belegt vergleichbar gut,
         das Arzneimittel ab; die Wirkdauer ist kürzer oder län-                  auf jeden Fall besser als bei Nicht-Stimulanzien und Place-
         ger als „üblich“.                                                        bos.
    • Das Verhältnis des Blutspiegels zur Symptomverbesse-
       rung ist individuell: die Höhe der Dosierung, orientiert                   Methylphenidat (MPH)
       am Körpergewicht, kann bei Patienten mit gleichem                                Mehrere hundertfache, weltweite, Placebo kontrol-
       Körpergewicht unterschiedlich starke Effekte auf die                       lierte, randomisierte, doppelblind geführte Studien haben
       Symptome haben.                                                            über Jahrzehnte den Nutzen von MPH bei ADHS bewie-
                                                                                  sen. Weltweit ist MPH in Leitlinien das Mittel der ersten
        Zusätzlich meist vorhandene Begleitstörungen können                       Wahl zur Behandlung der ADHS.
    die erwarteten Effekte der Behandlung stören.                                       Das Wissen um die Aufnahme, den Stoffwechsel und
                                                                                  die Wirkungsorte von MPH im Zentralnervensystem ist
    MERKE: Sollte ein Arzneimittel nicht ausreichend oder gar                     seit Jahren durch bildgebende Untersuchungen wissen-
    nicht wirken, ist zu prüfen,                                                  schaftlich gesichert:
    • ob die Einnahme des Arzneimittels sicher gewährleistet                     • 	MPH wirkt vor allem über die Blockade des Dopamin-
       ist,                                                                          transporters. Es erhöht die Konzentration des Neuro-
    • ob die aktuelle Dosierung zu niedrig oder zu hoch ist,                      	transmitters Dopamin in verschiedenen, in ihrer Funk-
    • ob die Diagnose ausreichend gesichert ist oder                                 tion vom Dopamin abhängigen Regionen des Gehirns.

    Nachdruck und Vervielfältigung aller Art nur mit Genehmigung des Verbandes.                                      neue AKZENTE Nr. 115 1/2020
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    Defizitäre Funktionen bei Reizaufnahme, -verarbeitung      venzellen verstärkt. Daraus resultiert eine erhöhte Konzen-
    und -beantwortung werden verbessert oder normalisiert.     tration dieser Neurotransmitter. Amfetamin hat etwa die
    Dies findet nur im Zeitfenster der Wirkung eines indivi-   dreifache Bindung an den Noradrenalintransporter zur-
    duellen, notwendig hohen MPH-Spiegels statt.               Wiederaufnahmehemmung und die zweieinhalbfache Bin-
• MPH wirkt darüber hinaus im Gehirn durch Erhöhung           dung an den Dopamintransporter wie MPH. Dadurch ist
   der Konzentration des Neurotransmitters Noradrenalin.       die Dopaminerhöhung sehr viel ausgeprägter als bei MPH,
   Die Informationsweiterleitung von Sinnesorganen ins         was zu besseren Behandlungseffekten führt. Eine Netz-
   Gehirn wird verbessert; gleichzeitig wird die Reaktion      werk-Analyse zeigte, dass bei Kindern, Jugendlichen und
   auf unwichtige Reize verhindert. Diese Doppelstrategie      Erwachsenen Amfetamine effektiver sind als Methylphen-
   trägt zur Konzentrationsverbesserung bei. Sie vermin-       idat, aber bei Kindern und Jugendlichen schlechter vertra-
   dert auch Aggressivität und Impulsivität, oft ADHS be-      gen werden. Daher wird in dieser Altersgruppe MPH der
   gleitende Symptome.                                         Vorzug vor Amfetaminen gegeben.
• MPH hat Einfluss auf Funktionen des Mittelhirns, wie z.         Lisdexamfetamin wird nach Aufnahme im Magen-
   B. des Mandelkerns. Emotionales Gedächtnis, Verarbei-       Darm-Trakt zu Dexamfetamin umgewandelt, das für die
   tung und Beantwortung der Emotionen werden besser           Wirkung verantwortlich ist; es wirkt zudem auf zusätzlich
   moduliert.                                                  bestehende Symptome ähnlich einer Depression.
• MPH verbessert oder normalisiert
- die fokussierte Aufmerksamkeit,                              MERKE:  Die Effekte der Stimulanzien treten nur während
- die Reizwahrnehmung und -beantwortung,                       des Vorhandenseins einer notwendigerweise ausreichen-
- das Arbeitsgedächtnis,                                       den Wirkstoffkonzentration im Körper auf. Dabei ist die
- die Handlungsplanung, -umsetzung, -kontrolle und den         Abhängigkeit der Wirkung und Wirkdauer interpersonell
-aufschub,                                                     unterschiedlich und sehr individuell.
- das Setzen von Prioritäten und
- die Emotionsmodulation.                                      Nebenwirkungen
• MPH hat Einfluss auf die altersabhängige motorische
   Hyperaktivität, das Sozialverhalten bei der Interaktion          Die unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW),
   mit Eltern, Geschwistern, Gleichaltrigen und Kontakt-       Nebenwirkungen, der Stimulanzien ähneln sich. Sie sind
   personen.                                                   meist dosisabhängig und treten unterschiedlich häufig
                                                               oder ausgeprägt auf.
    Bei Patienten mit klinisch diagnostizierter ADHS und       • Meist nur in der Aufdosierungsphase, besonders bei
mit für ADHS typischer Genetik wurde durch Bildgebung             schneller Aufdosierung zu Beginn, können vorüber-
eine Reifungsverzögerung um 2 - 6 Jahre in von Dopamin            gehend Übelkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen,
abhängigen Hirnregionen nachgewiesen. Bei Verlaufsun-             Schwindel, Verstimmung und Symptomverstärkung nach
tersuchungen wurde festgestellt, dass eine kontinuierliche        Ende der Wirkung des Arzneimittels auftreten („Re-
Therapie mit MPH günstigen Effekt auf die Reifungsver-            boundhyperaktivität“).
zögerung hat und diese verkürzt.                               • Bei Amfetaminen treten bei größerer Effektivität, aber
                                                                  enger therapeutischer Breite, eher Überdosierungssymp-
Amfetamine                                                        tome und Nebenwirkungen auf.
    Dexamfetamin und Lisdexamfetamin gehören zu                • In einzelnen Fällen und länger bestehenbleibend gibt
den Psychostimulanzien. Dexamfetamine sind „second                es Schwierigkeiten mit späterem Einschlafen als vor der
line“ Arzneimittel zur Behandlung der ADHS bei Kindern            Behandlung und Appetitminderung in der Wirkungszeit
im Alter von 6 Jahren bis 17 Jahren zugelassen, wenn das          des Arzneimittels.
Ansprechen auf eine zuvor erhaltene Behandlung mit Methyl-
phenidat als klinisch unzureichend angesehen wird oder war.        Verstärkung von Tics und Stereotypien, Psychosen,
Lisdexamfetamin als Elvanse® Adult kann ohne Vorbehand-        Puls- oder Blutdruckerhöhung sind seltene Gründe für das
lung mit MPH aber bei Erwachsenen angewendet werden.           Absetzen der Therapie.
    Der Mechanismus der therapeutischen Wirkung von                Bei Nebenwirkungen empfiehlt sich zunächst die Ob-
Amfetamin bei ADHS ist nicht vollständig aufgeklärt. Am-       jektivierung der Symptome, ein Abgleich von Selbst- und
fetamin blockiert die Wiederaufnahme von Dopamin- und          Fremdanamnese und ein kurzes Abwarten des Verlaufs
Noradrenalin in Nervenzellen anders als Methylpheni-           unter enger Symptomkontrolle. In der Aufdosierungspha-
dat. Zusätzlich wird die Ausschüttung von Dopamin und          se hilft eine langsamere Dosissteigerung, später eine klein-
Noradrenalin auch unabhängig vom Signalimpuls der Ner-         schrittige Dosisverminderung. Probleme des Einschlafens

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    und des Appetits mit Gewichtsverlust werden durch eine                            Atomoxetin ist besonders geeignet, um eine Wirk-
    andere Verteilung des Arzneimittels über den Tag, ein An-                     samkeit über den ganzen Tag auch am Abend (z. B. in der
    passen der Einzeldosis an die Tageszeit oder ein Verlegen                     Zu-Bett-Geh-Situation) oder bei abendlicher Einnahme
    der Essenszeit in ein Zeitfenster mit nachlassender Wir-                      in der Aufstehsituation am Morgen zu erreichen. Es ver-
    kung des Arzneimittels verbessert.                                            bessert oft eine begleitende, sozial-ängstliche oder emotio-
                                                                                  nal-instabile Symptomatik. Atomoxetin wird besonders bei
       In Einzelfällen kann das Absetzen des Arzneimittels                        Vorliegen von Begleitstörungen wie Ticstörung, Touret-
    nötig sein. Zur Behandlung stehen dann alternativ andere                      te-Syndrom, Angsterkrankung oder Substanzmissbrauch
    Stimulanzien und Nicht-Stimulanzien zur Verfügung.                            eingesetzt.
                                                                                      Methylphenidat-Präparate mit verzögerter Freisetzung
    MERKE:   Lethargie bis Apathie, Weinerlichkeit, Ängstlich-                    haben eine bessere Ansprechrate als Atomoxetin auf die
    keit, depressive Verstimmung, Fehlen altersentsprechender                     ADHS-Symptomatik. In Fällen unzureichender Verbes-
    Fröhlichkeit oder ein „komisches“, ausgebremst wirkendes                      serung der ADHS-Symptome am Tage bei morgendlicher
    Verhalten bei Kindern oder Jugendlichen unter der Thera-                      Einnahme von Atomoxetin und/oder bei sozial-ängstlicher
    pie weisen meist auf eine Überdosierung hin. Eine Dosis-                      oder emotional-instabiler Symptomatik hat sich die Kom-
    anpassung bis zu ausreichender Wirkung auf die Kern-                          bination von Stimulanzien am Tag und Atomoxetin am
    symptome und Ausbleiben von Nebenwirkungen hilft in                           Nachmittag oder Abend bewährt.
    der Regel.                                                                        Das Nebenwirkungsprofil entspricht dem der Stimulan-
                                                                                  zien. Bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen, su-
        Gesichert ist, dass die Behandlung einer ADHS mit Sti-                    izidalen Tendenzen oder Äußerungen, Lebererkrankungen
    mulanzien nicht zu Drogenkonsum oder Missbrauch ande-                         oder gleichzeitiger Behandlung mit Arzneimitteln, die im
    rer Substanzen führt. Mit Stimulanzien behandelte Perso-                      Noradrenalinsystem wirksam sind, ist eine besondere Auf-
    nen haben seltener Probleme mit Substanzmissbrauch als                        merksamkeit in Hinblick auf Nebenwirkungen notwendig.
    unzureichend behandelte oder unbehandelte Personen mit
    ADHS.                                                                         Guanfacin
        Weitergehende Informationen zu einem Arzneimittel                             Guanfacin ist zur Behandlung der ADHS nur bei Kindern
    bezüglich des Anwendungsgebiets, der Art der Anwen-                           und Jugendlichen im Alter von 6 – 17 Jahren im Rahmen einer
    dung und Dosierung, der Gegenanzeige und der Warnhin-                         umfassenden therapeutischen Gesamtstrategie zugelassen, für
    weise bei der Anwendung sowie der Nebenwirkungen fin-                         die eine Behandlung mit Stimulanzien nicht in Frage kommt
    den sich in der Patienteninformation (Beipackzettel) des                      oder unverträglich ist oder sich als unwirksam erwiesen hat.
    Arzneimittels.                                                                    Der genaue Wirkmechanismus von Guanfacin bei der
                                                                                  Behandlung von ADHS ist nicht vollständig geklärt. Guan-
    Nicht-Stimulanzien                                                            facin wirkt auf Adrenorezeptoren im Gehirn bei Versuch-
                                                                                  stieren und verbessert die Leistung des Arbeitsgedächtnis-
         Mit Atomoxetin und Guanfacin stehen zwei Arzneimit-                      ses, die Aufmerksamkeit und Impulskontrolle. Zusätzlich
    tel für die Behandlung der ADHS zur Verfügung, die keine                      wird bei einigen Patienten eine Verbesserung der Stim-
    Stimulanzien sind: Sie haben evidenzbasiert ihre Wirksam-                     mung und sozialen Interaktion sowie der Emotionsregula-
    keit auf die Symptome der ADHS bei guter Verträglichkeit                      tion beobachtet. Bei abendlicher Einnahme hat Guanfacin
    bewiesen. Sie unterliegen bei ihrer Verordnung nicht den                      mehr als ATMX einen guten, Schlaf anstoßenden Effekt.
    für Stimulanzien geltenden Bestimmungen.                                          Guanfacin wird aus der Retardtablette rasch aufgenom-
                                                                                  men, über einen längeren Zeitraum freigesetzt und zur
    Atomoxetin                                                                    Hälfte in 18 Stunden ausgeschieden. Evidenzbasierte Da-
        Atomoxetin ist für die Behandlung der ADHS bei Kin-                       ten für eine Überlegenheit des Wirkstoffs gegenüber ande-
    dern ab 6 Jahren, bei Jugendlichen und bei Erwachsenen als                    ren liegen nicht vor.
    Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms zugelassen.                           Bei einer sorgfältig langsamen Dosissteigerung zu
    Es ist ein Hemmstoff des Transporters für den Neurotrans-                     Beginn der Behandlung ist eine enge Überwachung des
    mitter Noradrenalin und hat anders als MPH keine direkte                      Patienten erforderlich, da die Besserung der ADHS-Sym-
    Wirkung auf die Erhöhung von Serotonin- oder Dopamin                          ptome und die Risiken für das Auftreten verschiedener,
    im Gehirn.                                                                    signifikanter, unerwünschter Reaktionen (Kreislaufkollaps,
        Die Wirkdauer bei einmal täglicher Gabe geht über den                     Hypotonie, Bradykardie, Somnolenz, Sedierung und Ge-
    Tag. Eine allmähliche Aufdosierung führt innerhalb von 1 -                    wichtszunahme) dosisabhängig sind.
    4 Wochen zur Symptomverbesserung mit weiteren Verbes-                             Das Nebenwirkungsprofil unterscheidet sich deutlich
    serungen in folgenden Wochen.                                                 von Stimulanzien und Atomoxetin. Sehr häufige, uner-

    Nachdruck und Vervielfältigung aller Art nur mit Genehmigung des Verbandes.                                      neue AKZENTE Nr. 115 1/2020
ADHS Deutschland e. V.              Fachbeiträge      7

Zulassungsstatus von Arzneimitteln in der Behandlung der ADHS bei Kindern,
Jugendlichen und Erwachsenen (Stand Januar 2020)

Psychostimulanz: Methylphenidat - nicht retardiertes MPH
Equasym® 10 mg, Medikinet® 5-10-20 mg, *MPH-…® 10 mg, Ritalin® 10 mg Tbl.            im Alter 6 - 17 Jahre
Psychostimulanz: Methylphenidat - retardiertes MPH
Concerta® 18, 27, 36, 54 mg Kps.                                                     ab Alter 6 Jahre
Equasym® ret. 10-20-30 mg Kps.                                                       im Alter 6 - 17 Jahre
Kinecteen 18, 27, 36, 54 mg Tbl.
            ®
                                                                                     ab Alter 6 Jahre
                                                                                     ab Alter 18 Jahre, nur wenn erfolg-
                                                                                     reich vorbehandelt
Medikinet® ret. 5-10-20-30-40-50-60 mg Kps.                                          im Alter 6 - 17 Jahre
Medikinet adult 5-10-20-30-40-50-60 mg Kps.
           ®
                                                                                     ab Alter 18 Jahre
*Methylphenidat …® Ret., 18, 27, 36, 54 mg Kps.                                      ab Alter 6 Jahre
                                                                                     ab Alter 18 Jahre, nur wenn erfolg-
                                                                                     reich vorbehandelt
Ritalin® LA 10-20-30-40-60 mg Kps.                                                   im Alter 6 - 17 Jahre
Ritalin adult 10-20-30-40-60 mg Kps.
                ®
                                                                                     ab Alter 18 Jahre
Psychostimulanz: D-Amfetaminhemisulfat
Attentin® 5-10-20 mg Tbl.                                                            im Alter 6 - 17 Jahre,
                                                                                     „second line“ Mittel
Amfetaminhemisulfat-Saft 0,2% (m/V) (NRF 22.4.)                                      ab dem Alter von 3 Jahren bis 17 Jahre
1 ml = 2 mg DL-Amfetaminsulfat
Psychostimulanz: Lisdexamfetamin
Elvanse® 20-30-40-50-60-70 mg Kps.                                                   im Alter 6 - 17 Jahre
                                                                                     „second line“ Mittel
Elvanse® Adult 30-50-70 mg Kps.                                                      ab Alter von 18 Jahre
Nicht-Stimulanz: Atomoxetin
Strattera® , Agakalin®, * Atomoxetin …®                                              ab Alter von 6 Jahren und Erwachsene
10-18-25-40-60-80-100 mg Kps./Filmtbl.
Nicht-Stimulanz: Guanfacin
Intuniv® 1-2-3-4 mg                                                                  im Alter 6 - 17 Jahre
Ret.Tbl.                                                                             „second line“ Mittel

* Methylphenidat …® , Atomoxetin …® : „ … steht für Firmennamen“

wünschte Wirkungen sind Somnolenz und Ermüdung,                    „Können Stimulanzien die ADHS heilen?“
Sedierung, Blutdruckabfall, Bradykardie und Rhyth-                     Nach jahrzehntelangen, weltweiten Erfahrungen und
musstörungen. Die höhere Nebenwirkungsrate und der                 Forschungen kann diese Frage beantwortet werden.
Ausschluss einer Kombinationstherapie mit Stimulanzien                 Stimulanzien wirken wie andere Arzneimittel auf das
begrenzen den Einsatz von Guanfacin.                               Vorhandensein und die Schwere der Symptome, ohne die
    Die Behandlung mit Atomoxetin und Guanfacin muss               Ursache der Symptome zu beseitigen; dies trifft z. B. auch
unter Berücksichtigung Fachinformationen bzw. Patien-              für die Behandlung von Diabetes, Bluthochdruck, Störun-
teninformationen (Beipackzettel) bezüglich des Anwen-              gen von Schilddrüsen-, Nieren-, Leber- und Herzfunktion
dungsgebiets, der Art der Anwendung, der Dosierung, der            u. a. zu.
Gegenanzeige und der Warnhinweise sowie der Nebenwir-                  Bei der ADHS mit leichtem Verlauf kommen auch
kungen erfolgen.                                                   ohne Therapien im Zeitverlauf genetisch bedingte Symp-
                                                                   tomverbesserungen vor; in der Mehrheit dieser Fälle wer-
                                                                   den bei vorhandenen Restsymptomen die Diagnosekriteri-
                                                                   en nicht mehr erfüllt.

  neue AKZENTE Nr. 115 1/2020
8      Fachbeiträge     ADHS Deutschland e. V.

        Es konnte nachgewiesen werden, dass sich eine kon-                        die Aufklärung darüber von Patient/Eltern und ihre Zu-
    tinuierliche Behandlung mit Stimulanzien positiv auf die                      stimmung zur Therapieform schriftlich dokumentiert wer-
    bei ADHS nachgewiesene Reifungsverzögerung bestimm-                           den; Patienten in der gesetzlichen Versicherung müssen
    ter Regionen im Gehirn, den Verlauf von Schweregrad der                       zusätzlich einen Antrag auf Kostenübernahme bei ihrer
    Symptome und die Funktionsbeeinträchtigung auswirkt.                          Krankenkasse stellen.
        Die Arzneimitteltherapie der ADHS unter Berück-
    sichtigung des Zulassungsstatus der Arzneimittel, ihrer                       MERKE: Stimulanzien vermindern oder verhindern wie an-
    evidenzbasierten Wirkung und Nebenwirkungsprofile er-                         dere Arzneimittel das Vorhandensein oder die Schwere der
    möglicht eine individualisierte Verbesserung der Sympto-                      Symptome, ohne die Ursache der Störungen selbst zu besei-
    me und Verminderung von Funktionsbeeinträchtigungen.                          tigen. Dies hat Verbesserung des Schweregrads der ADHS
    Dazu stehen Stimulanzien in nicht retardierter oder retar-                    und der Funktionseinschränkungen zur Folge. Auf diese
    dierter Form und Nicht-Stimulanzien zur Verfügung. Die                        behandlungsbedingte Symptomverbesserung und die vor-
    Teilbarkeit der Tablette einer Stimulanz erleichtert es, eine                 handenen Leistungsmöglichkeiten des Patienten beruhen
    individuelle Dosierung zu finden.                                             die Leistungserfolge und Erfahrungen zufriedenstellender
        In einzelnen Fällen kann die Kombination nicht retar-                     sozialer Teilhabe in und außerhalb der Familie. Sie ma-
    dierter mit retardierten Stimulanzien ebenso wie die Kom-                     chen ein altersentsprechend gelingendes Leben möglich.
    bination von Stimulanzien mit Nicht-Stimulanzien die Er-
    gebnisse medikamentöser Therapie der ADHS verbessern.                         AUTOR | Dr. Ulrich Kohns
        Weicht die Anwendung eines Arzneimittels von ihrer                        Kinder- und Jugendarzt/Psychotherapeut
    Zulassung entsprechend der Fachinformation ab, müssen

    Neurofeedback bei AD(H)S – mit ILF-Neurofeedback
    die Aufmerksamkeit verbessern

         Etwa fünf Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter                   Was ist Neurofeedback?
    leiden unter AD(H)S. Betroffene und deren Eltern sind
    auf der Suche nach effektiven Behandlungsmethoden,                                Viele psychiatrische und neurologische Erkrankungen
    insbesondere solchen, die ohne den Einsatz von Psycho-                        gehen mit Veränderungen in den Aktivitätsmustern des
    pharmaka anhaltende Behandlungserfolge bringen. Da                            Gehirns einher (Hammond, 2019). Mit Neurofeedback
    neurologische und psychiatrische Erkrankungen mit spe-                        können dem Patienten bestimmte Komponenten der eige-
    zifischen Veränderungen in der Gehirnaktivität einherge-                      nen Gehirnaktivität in Echtzeit visualisiert werden. Hierfür
    hen, kann Neurofeedback – eine nichtinvasive EEG-ba-                          werden Elektroden an der Kopfoberfläche angebracht und
    sierte und computergestützte Therapiemethode – eine                           mittels Elektroenzephalogramm (EEG) wird die kortikale
    sinnvolle Behandlungsoption sein. Um die Wirksamkeit                          Aktivität gemessen. Eine Software wandelt bestimmte An-
    von Neurofeedback zu untersuchen, wurde eine multi-                           teile der Aktivitätsmuster in Animationen auf einem Bild-
    zentrische Beobachtungsstudie mit 251 Kindern und Ju-                         schirm um. Beispielsweise sehen PatientInnen einen Jetski
    gendlichen mit AD(H)S-Diagnose durchgeführt. Diese                            fahren, dessen Position und Geschwindigkeit von den au-
    absolvierten vor und nach einer ambulanten Neurofee-                          genblicklichen EEG-Signalen abhängen. Somit werden be-
    dback-Therapie eine Aufmerksamkeitstestung. Es zeigte                         stimmte Komponenten der Gehirnaktivität umgewandelt
    sich über alle TeilnehmerInnen eine signifikante Verbesse-                    in sichtbare Vorgänge innerhalb einer Animation, d. h. die
    rung der Aufmerksamkeit und Impulskontrolle sowie eine                        Geschwindigkeit oder Position des Jetskis ändert sich. Die-
    subjektiv empfundene Verbesserung AD(H)S-typischer                            se visuellen Reize stellen ein Feedback-Signal dar, welches
    Symptome nach der Neurofeedback-Therapie. Die Ergeb-                          von den optischen Hirnzentren dekodiert werden kann.
    nisse sind vielversprechend und unterstützen existierende                     Ausgehend von der Visualisierung der Gehirnaktivität kön-
    Fallstudien und Berichte aus therapeutischer Beobach-                         nen – je nach Therapieziel – verschiedene Trainingsmodu-
    tung.                                                                         le ansetzen.

    Nachdruck und Vervielfältigung aller Art nur mit Genehmigung des Verbandes.                                      neue AKZENTE Nr. 115 1/2020
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