Familie im Zeitalter der Digitalisierung - fit-4-future Kids
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Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Deutsches Jugendinstitut München e.V.
Mit Dank an Dr. Karin Jurczyk und Prof. Dr. Andreas Lange
Familie im Zeitalter der
Digitalisierung Deutsches Jugendinstitut e. V.
Nockherstraße 2
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Postfach 90 03 52
D-81503 München
Telefon +49 89 62306-0
Kongress Kinder.Gesund.Aufwachsen, Bad Griesbach, 24.10.2019 Fax +49 89 62306-162
www.dji.deTotal.digital?! Familie im 21. Jahrhundert
Gliederung
1. Herausforderungen an Familien heute
2. Digitale Medien in der Familie
a. Medienausstattung
b. Mediennutzung
c. Medienerziehung – Strategien und Typen
d. Digital Divide
3. Theoretischer Zugang zur Digitalisierung von Familie
a. Das Konzept des Doing Family
b. Empirische Evidenzen: Doing Family via digital Media
4. Fazit – wie verändern digitale Medien Familienbeziehungen?
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.20191. Herausforderungen
an Familien heute
Karin Jurczyk und Josefine Klinkhardt, unter Mitarbeit von
Christine Entleitner, Valerie Heintz-Martin, Alexandra Langmeyer und Johanna
Possinger (2014): Vater, Mutter, Kind? Acht Trends in Familien,
die Politik heute kennen sollte. Gütersloh: Verlag Bertelsmann StiftungTrend 1: Zunahme vielfältiger Lebensformen
➢ Dynamisierung von Lebensverläufen
➢ Ehe nach wie vor meistgelebte Familienform (2018:
70,1%)
➢ aber andere Formen (NEL (2018: 11,4%),
Alleinerziehende (2018: 18,5%), Stief-, Patchwork-
oder Regenbogenkonstellationen (2018: ca. 15.000
Kinder)) gewinnen an Bedeutung (Statistisches
Bundesamt 2019a)
➢ Rückläufige Heiratsneigung
➢ Anstieg nichtehelicher Lebensgemeinschaften und
nicht-ehelich geborener Kinder (ca. jedes 3. Kind,
Langmeyer/Walper 2013)
➢ Stagnation der Ehescheidungen auf hohem Niveau
(ca. 35% seit 2002; BMFSFJ 2012)
➢ In knapp der Hälfte der Fälle sind minderjährige
Kinder betroffen; in 90% aller Fälle verbleiben diese
dann bei den Müttern
➢ Familien leben häufiger ‚multilokal‘ – nicht alle in einem Haushalt oder an
einem Ort!Trend 2: Erosion des Ernährermodells
➢ Steigende Erwerbsquoten bei
Frauen/Müttern (Keller/Haustein 2014)
➢ Väter nicht mehr allein für das
Familieneinkommen zuständig
➢ Sichert Familien ökonomisch ab
➢ Kinder werden nicht mehr nur von
Müttern betreut
➢ Mütter werden nicht mehr nur auf
Betreuung reduziert
Quelle: https://tageswoche.ch/gesellschaft/vaterschafts-urlaub-es-
➢ Väter bekommen aktivere Rollen in lebe-das-maennliche-ernaehrermodell/
Betreuung/Erziehung (Li u.a. 2015)
➢ Bringt doppelte Vereinbarkeitswünsche aber –probleme mit sich!
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019Trend 3: Entgrenzte Erwerbsbedingungen
➢ Entgrenzung von Erwerbsbedingungen
➢ Anstieg an zeitlicher Flexibilität und
räumlicher Mobilität
➢ Anstieg atypischer
Beschäftigungsformen und –zeiten
➢ Intensivierung von Erwerbsarbeit mit
Arbeits- und Zeitdruck: 41% der
Beschäftigten zeigen vereinbarkeits-
bedingte Stressphänomene (DGB-
Index-Gute Arbeit 2017)
Quelle: https://www.t-online.de/digital/smartphone/id_83969010/
warnung-eltern-schauen-zu-viel-aufs-handy-kinder-jammern-.html
➢ Erweiterte Erreichbarkeitserwartungen an Eltern (DJI-Survey, AID:A 2014)
➢ 1/3 der Mütter und fast die Hälfte der Väter bleiben für die Arbeit erreichbar
und/oder erledigen auch Aufgaben für die Arbeit in der Freizeit
➢ Erwerbsarbeit dringt in private Räume ein!
➢ Anstieg an Berufsmobilität (Multilokale Familie, Pendeln, Dienstreisen,
Arbeitszeit in Familienzeiten)Trend 4: Eltern unter Druck
(Nicht)-Vereinbarkeit von Familie, Beruf und neuer Elternschaft
➢ Mütter: Belastet durch die „second shift“ (Hochschildt/Machung 2012)
➢ Gender Care Gap: Frauen leisten täglich 52 Prozent mehr
unbezahlte Tätigkeit für andere als Männer
(Sachverständigenkommission zum zweiten
Gleichstellungsbericht 2017)
➢ ‚Managerinnen des Alltags‘ (Gerhardt u.a. 2003) und
‚Hilfslehrerinnen des Schulsystems‘ (Ullich 1993) bzw.
‚Bildungscoaches‘ der Kinder (Lange/Thiessen 2017)
➢ Väter: Divergenz von Wunsch und Wirklichkeit
➢ Über 90% wollen aktive Betreuer ihrer Kinder sein (Li u.a.
2015)
➢ Trotzdem arbeitet jeder dritte Vater mehr als 45 Stunden die
Woche; mehr als die Hälfte berichtet, der Beruf mache es Quelle: Danielle Guenther Photography
ihnen schwer, den Anforderungen der Familie gerecht zu
werden (Li u.a. 2015)
➢ Beide: Paradigma der verantworteten (Kaufmann 1990) oder intensivierten
(Hays 1986, Shirani u.a. 2012) Elternschaft
➢ Wunsch/die Notwendigkeit, in allen Bereichen zu glänzen, setzt Mütter und
Väter unter Druck!Trend 5: Polarisierung der Lebenslagen
Zunahme von Kinder- und Familienarmut
➢ Armutsrisikoquote liegt seit 2005 bei etwa
16% (BMAS 2017)
➢ Starke Divergenz in den Armuts-
gefährdungsquoten von Familien (BMAS
2017, BMFSFJ 2017a und b)
➢ Familienarmut=Kinderarmut: rund 21%
➢ Zwei Elternteile erwerbstätig (VZ/TZ): 5%
➢ Haushalte von Alleinerziehenden (44%)
➢ kinderreichen Familien (25%) und
➢ Familien mit Migrationshintergrund (in D geboren: https://www.bmas.de/DE/Service/Medien/Publik
ationen/a306-5-armuts-und-
28,2%; selbst gewandert: 54,3%) sind am reichtumsbericht.html
häufigsten von Armut betroffen
➢ Familienleben in unteren sozialen Schichten belasteter: Mangel an
(Bildungs-) Ressourcen, mehr Streit und Gewalt, weniger Lob, weniger
Förderung → geringere Bildungschancen von Anfang an!
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019Trend 6: Kulturelle Diversifizierung - Familien
mit Migrationshintergrund
➢ 31% der in Deutschland lebenden Familien mit
Migrationshintergrund (BMFSFJ 2017b)
➢ Ost: 16%, West: 35% (BMFSFJ 2017b)
➢ 28% der Mütter, 27% der Väter, 34% der Kinder
(89% davon sind bereits in D geboren) (BMFSFJ
2017b)
➢ Noch immer schlechtere Chancen der Kinder im
Bildungssystem aber mehr innerfamiliale
Bildungsaufstiege (BMFSFJ 2013)
https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publ
➢ Mehr transnationale Elternschaften bzw. ikationen/gelebte-vielfalt--familien-mit-
migrationshintergrund-in-
deutschland/116882
multilokale Familien!
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019Trend 7: Neue Gestaltungsräume von
Kindheit
➢ Eltern-Kind-Beziehung wird partnerschaftlicher gelebt (Alt/Lange 2013)
➢ vom Befehls- zum Verhandlungshaushalt (du Bois-Reymond u.a. 1994)
➢ Kinder als eigenständige Akteure wahrgenommen
➢ Veränderte Familienformen
➢ Kinder wachsen in sich verändernden Konstellationen auf
➢ Anzahl der Kinder zurückgegangen (BMFSFJ 2017a)
100 95
➢ Kinder wachsen häufiger in öffentlicher 90
88
78
Verantwortung auf (Autorengruppe 80
Bildungsberichterstattung 2012) 70 64
58
60
50
➢ Starke Unterschiede in den Möglichkeiten 42
40 36
der Freizeitgestaltung nach sozialem
30
Hintergrund (Leven/Schneekloth 2010) 22
20 12
10 5
➢ Aufwachsen in digitalen Welten (z.B. KIM 0 Unterschicht Untere Mittelschicht Obere Oberschicht
2018, JIM 2018, FIM 2016) Mittelschicht Mittelschicht
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019
Vereinsmitgliedschaft keine Vereinsmitgliedschaft
Quelle: Leven/Schneekloth 2010Trend 8: Schwindende Passgenauigkeit
von Infrastrukturen
Kita – Schule – Medien
➢ Infrastruktur hat sich dem Wandel von
Familien noch nicht angepasst
➢ Z.B. erhebliche Lücken in der U3-Betreuung
und bei Grundschulkindern (Alt u.a. 2017)
➢ Digitale Medien sind selbstverständlicher Teil
der kindlichen Lebenswelt, aber https://www.gutes-aufwachsen-mit-
➢ Tablets in Kindertagesstätten kaum verwendet medien.de/informieren/article.cfm/key.34
05/aus.2/uactive.2
(Trabandt 2019)
➢ Auch Grundschule macht sich gerade erst auf den
Weg, digitale Medien für die Lernförderung nutzbar
zu machen (Bertelsmann Stiftung 2017).
➢ Ihre Computerkenntnisse erwerben Schüler zuhause, in der Familie oder
im Selbststudium, weniger in der Schule (Autorengruppe
Bildungsberichterstattung 2018).
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.20192. Digitale Medien in der Familie Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019
a) Medienausstattung
Omnipräsenz digitaler Medien in der Familie
➢ Fast alle Familien mit Kindern und Jugendlichen haben einen Internetzzugang
(98%), ein Smartphone (99%) und einen Computer/Laptop (98%) (MPFS
2017, 2019) → Keine andere Bevölkerungsgruppe ist so gut mit digitalen
Medien ausgestattet
➢ Permanently online, permanently
connected (Vorderer 2015)
➢ Rückläufig: eigene Laptops
(2013: 80%, 2017: 69%) (JIM-
Studie 2017)
➢ häufigste Gerät zur
Internetnutzung (81%): das
Smartphone (ebd.)
➢ Eigene Geräte: Übergang zur
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1106/umfrage/handybesitz-bei-jugendlichen
Sek I -nach-altersgruppen/b) Mediennutzung
Was machen Kinder/Jugendliche – und ihre Eltern – wenn sie digitale Medien nutzen?
➢ Überwiegend: kommunizieren!
Quelle: JIM-Studie 2017
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019
Quelle: KIM-Studie 2016c) Medienerziehung
Überall ein Thema – unterschiedliche Strategien
4 Strategien elterlicher Medienerziehung
(Livingstone/Helsper 2008):
➢ Aktives, gemeinsames Nutzen des Internets
(95%)
➢ Regeln setzen bzw. beschränken (93%)
➢ Technische Beschränkungen (25%)
➢ Monitoring: Überwachen bzw. Beobachtung
der Nutzung (62%)
https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bulle
tin/d_bull_d/bull117_d/DJI_3_17_Web.pdf
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019c) Medienerziehung
Überall ein Thema – unterschiedliche Strategien
Einsatz einzelner Strategien (Festl/Langmeyer-Tornier 2018;
Langmeyer-Tornier/Zerle-Elsäßer 2017) abhängig von…
➢ …dem Alter (ältere Kinder werden weniger kontrolliert)
➢ …dem Geschlecht der Kinder (strengere Kontrolle von Jungs)
➢ …dem Geschlecht des Elternteils (Väter sind weniger restriktiv)
➢ …dem Bildungshintergrund der Eltern (mehr Kontrolle, weniger
Beschränkung und differenziertere Erziehungsstrategien bei höherer
Bildung)
➢ …den Einstellungen zum Internet (mehr Beschränkungen bei negativen
Einstellungen)
➢ …den Erfahrungen und dem Kompetenzerleben (restriktivere, aber
aktivere, gemeinsam Interneterziehung bei Eltern mit mehr Internet-
Erfahrung)
➢ …und, wichtigster Aspekt, dem eigenem Nutzungsverhalten, denn
Kinder lernen am Modell (Festl/Langmeyer-Tornier 2018,
Boll/Lagemann 2018))!d) Digital Divide – soziale Ungleichheit
Mediennutzungsgewohnheiten variieren (nicht nur) mit dem Bildungshintergrund
➢ Eigentlich keine digitale Spaltung mehr nach on- und offlinern (DJI-Studie „Digital Divide“, 2010)
➢ Fast alle haben Zugang zu digitalen Geräten, unabhängig von der sozialen Situation (vgl. DIVSI 2015).
➢ In fast allen Familien werden Regeln vereinbart, die die Mediennutzung regeln (vgl. Grobbin 2015).
➢ ABER: Unterschiede in der Medienrezeption, der Art der Nutzung sowie den elterlichen
Medienerziehungspraktiken (Kutscher 2013)
➢ ‚Informationselite‘ vs. ‚Unterhaltungsproletariat‘ (Eichmann 2000) löst sich auf – trotzdem Gefahr
steigender Wissenskluft (Kutscher 2013; Zillien 2006)
➢ große Varianz von ‚Medienskeptikern‘ bis hin zu ‚Digital Souveränen‘ auch in der Ober- und Mittelschicht (DIVSI
2015)
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.20193. Theoretischer Zugang zur
Digitalisierung von Familie
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019a) Läuft (nicht)? - Familie muss getan werden!
Das Konzept des Doing Family (z.B. Jurczyk 2017)
➢ Was muss alles getan werden, damit Familie im Alltag funktionieren kann?
5 Dimensionen:
1. Organisations- und Sportverein
Balancemanagement Job Ehrenamt
2. Konstruktion von Job
Gemeinsamkeit Hobby Termine… Freunde
Schule/
a. Konstruktion von Intimität Hort
und Zusammengehörigkeit Haus/
Kita
(We-ness) Garten
b. Grenzarbeit
c. Displaying Family
➢ Doing-Family-Strategien werden
vermehrt über digitale Medien
ausgeübt (Schlör 2016) https://www.publicdomainpictures.net/de/view-
image.php?image=37875&picture=strichmannchen-familieb) Organisations- und Balancemanagement
1. „Within-family“
➢ Alltagsorganisation
➢ Internet der Dinge: Saugroboter, digitaler Kühlschrank, Alexa…
➢ 74% der Eltern empfinden das Handy/Smartphone als ‚(sehr)
wichtig‘ zur Organisation des Familienalltags (FIM Studie 2016)
➢ FamilienWhatsApp-Gruppen: Profanes wie „essen ist fertig!“,
aber auch Ankündigungen von Verspätungen der Eltern und der
Kinder (Lampert/Kühn 2016)
➢ Sicherheitsfunktion
➢ Eltern und Kindern gibt das Smartphone das Gefühl, bei
Problemen ständig erreichbar zu sein (Urlen 2018; Knop u.a.
2015)
➢ Kontrollfunktion
➢ „digital leash“ oder „umbilical cord“ (Mascheroni/Cuman 2014,
S. 11)
➢ Virtuelles und materielles „nachspionieren“ (Lampert/Kühn
Quelle: http://www.ndr.de/info/
2016; Knop u.a. 2015) whatsappchat102_v-portraitl.jpg
➢ Kinder und Jugendliche entwickeln funktionierende Praktiken,
sich der elterlichen Kontrolle zu entziehen (Lampert/Kühn 2016)
➢ Medienpsychologe Vorderer 2015 warnt: Soziale Kontrolle
ersetzt Vertrauen?b) Organisations- und Balancemanagement
2. Between-family – und angrenzende Systeme
➢ Digitale Dienstleistungen: Online-Banking, Kita-
Finder, Mami-Kreisel etc.
➢ Eltern zwischen Familie und Beruf
➢ Digitalisierung bietet Chancen zur besseren
Vereinbarkeit (BMFSFJ 2016)
➢ Weitere Verflüssigung der Grenzen zwischen Familie
und Beruf
➢ Kinder/Jugendliche: Einbindung in (digitale)
Peergroups
➢ Entwicklungsaufgabe: Abnabelung vom Elternhaus und
Aufbau stabiler (Peer-)Beziehungen (Havighurst 1948)
➢ Aber: 55% sind genervt sind von zu viel Nachrichten,
20% haben Angst ohne Smartphone etwas zu verpassen https://www.amazon.com/dp/0300199007/r
(JIM-Studie 2016) ef=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85
%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=1D5R66OLN
➢ Fear of Missing Out (Przybylski u.a. 2013; Knop u.a. MWDC&keywords=its+complicated+the+soci
al+lives+of+networked+teens&qid=15713992
2015) 37&sprefix=Its+complicated+%2Caps%2C333
&sr=8-1b) Herstellung von Gemeinsamkeit
Konstruktion von Intimität und Zugehörigkeit (We-ness)
Soziale Medien können Kopräsenz schaffen (Schlör 2016)….
➢ Über Distanz hinweg
➢ Fürsorge/Care auf Distanz, z.B. bei berufsmobilen Eltern (Schier/Schlinzig 2019)
➢ (Trans-)nationale Elternschaft (Chib u.a. 2013; Baldassar 2008)
➢ Über den Tag hinweg
➢ Etwa 70% der Eltern und Kinder (12- bis 19-Jährige) kommunizieren,
‚häufig/gelegentlich‘ miteinander über das Handy-Smartphone (FIM 2016, S. 47).
➢ Austausch emotionaler Botschaften stabilisiert die Beziehung (Coyne u.a. 2011)
➢ Im weiteren (Familien-)Kontext
➢ Kinder lieben den Austausch mit
Freunden und Verwandten, Oma/Opa
(Urlen 2018)
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019 https://www.noz.de/deutschland-welt/gut-zu-wissen/artikel/615628/
fluch-oder-segen-whatsapp-facebook-skype-in-familienb) Herstellung von Gemeinsamkeit
Grenzarbeit
➢ Ein- und Ausschluss: Wer gehört (wann) zur Familie?
➢ abwesende Familienmitglieder mit in die Familiensituation hinein zu holen, betont
dass andere ‚Subsystemen‘ eben doch ko-präsent sind (Schlör 2016)
➢ Ko-Präsenz ohne Kopräsenz
➢ UK-Studie zeigt Anstieg gemeinsamer Familienzeit (Mullan/Chatzitheochari 2019),
jedoch stark von „alone-together-Zeit“ getrieben (Turkle 2011)
➢ Auf Elternseite: berufliche technoference
stört die Eltern-Kind-Beziehung
(McDaniel/Radesky 2018)
➢ auf Seite der Jugendlichen durch
„segregative Praktiken“ im Abnabelungs-
prozess vom Elternhaus (Schlör 2016)
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019 http://theconversation.com/alone-together-how-mobile-devices-
have-changed-family-time-111478b) Herstellung von Gemeinsamkeit
Displaying Family
In Bildmedien
➢ Darstellung und Dokumentation gemeinsamer Familienzeiten, wie Ausflüge, Urlaube,
Familienevents etc. → bestärkt Familie nach Innen und Außen (Schlör 2016)
➢ Die ersten ‚digital natives‘ werden zu ‚digital parents‘, daher Fokussierung auf Bildmedien
(Autenrieth 2014)
➢ ABER: Verletzung der kindlichen Persönlichkeitsrechte beim „Sharenting“
(Kutscher/Bouillon 2018)
In Eltern-, Mami, Familienblogs
➢ Zentrales Motiv: Herstellung einer Verbindung mit Gleichgesinnten und Austausch über
gemeinsame Anliegen (Knauf 2019)
➢ Besonders verhandelt werden dort die neuen Paradigmen von intensivierter und
verantworteter Elternschaft (Knauf 2019)
➢ Regionale Blogs ermöglichen, dass
aus Online- auch Offline-Beziehungen
werden (Bizzarri 2016)
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019
https://www.isar-mami.de/4. Fazit Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019
4. Fazit
Wie verändern sich Familienbeziehungen durch digitale Medien?
1. Familie verändert sich…
➢ Einbindung beider Elternteile in Erwerbstätigkeit und Familie
➢ Multilokalität von Familie (bedingt durch Trennung/Scheidung, berufliche Mobilität und Migration)
➢ Polarisierung von Lebenslagen – und von Teilhabechancen!
2. …dazu kommt: Die Digitalisierung!
➢ Mediatisierte Sozialisation: Kinder und Jugendliche wachsen in medialer Omnipräsenz auf → nicht
alle nutzen das Web gleich!
➢ Familien rücken zusammen: Über Distanz, über den Tag hinweg, im weiteren (Familien-)kontext,
aber auch…
➢ Phänomene der Abgrenzung: Abwesende Anwesenheit und „alone togetherness“
Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Kontakt: zerle@dji.de Dr. Claudia Zerle-Elsäßer, Bad Griesbach, 24.10.2019
Literatur
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Inanspruchnahme und Bedarfe aus Elternperspektive im Bundesländervergleich. München.
Alt, Christian/Lange, Andreas (2013): Das Kinderpanel. – Ergebnisse und Perspektiven einer modernen Sozialberichterstattung. In: Braches-Chyrek,
Rita/Hopf, Michalea/Röhner, Charlotte/Sünker, Heinz (HRsg.): Handbuch frühe Kindheit. Opladen.
Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2018): Bildung in Deutschland 2018. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Wirkungen
und Erträgen von Bildung
Bertelsmann Stiftung (2017): Monitor Digitale Bildung. Digitales Lernen an der Grundschule
BMFSFJ (2013): 14. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe
in Deutschland Download: https://www.bmfsfj.de/blob/93146/6358c96a697b0c3527195677c61976cd/14-kinder-und-jugendbericht-data.pdf
BMFSFJ 2017a: Familienreport 2017. https://www.bmfsfj.de/familienreport-2017
BMFSFJ 2017b: Gelebte Vielfalt. Familien mit Migrationshintergrund in Deutschland: https://www.bmfsfj.de/blob/jump/116880/gelebte-vielfalt--
familien-mit-migrationshintergrund-in-deutschland-data.pdf
Boll, Christina/Lagemann, Andreas (2018): Wie die Eltern, so die Kinder? Ähnlichkeiten in der Zeitverwendung auf bildungsnahe Aktivitäten. In:
Zeitschrift für Familienforschung, 30. Jg., H. 1, S. 50-73
Böckler Stiftung (2019): SGB II- Quote unter Kindern. In: WSI-Policy-Brief 15, 10/2017. Download unter:
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Bois-Reymond,du/Büchner,P./Krüger,H.-H.:Modernisierungstendenzen im heutigen Kinderleben.In: M.duBois-Reymond/P.Büchner/H.-H.Krügeru.a.:
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Coyne, Sarah M./Stockdale, Laura/Busby, Dean/Iverson, Bethany/Grant, David (2011): “I luv u :)!”: A Descriptive Study of the Media Use of
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Deutscher Gewerkschaftsbund (2017): DGB-Index Gute Arbeit. Der Report 2017. letzter Zugriff am 04.09.2019 unter https://index-gute-
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Feil, Christine (2016): Tablets im Familienalltag von Klein- und Vorschulkindern. In: Studies in Communication Sciences, 16. Jg., H. 1, S. 43–51
Festl, Ruth/Langmeyer-Tornier, Alexandra (2018): Die Bedeutung der elterlichen Interneterziehung für die Internetnutzung von Vor-, Grund- und
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Gerhard, U./Knijn, T./Weckwert, A. (2003): Erwerbstätige Mütter. Ein europäischer Vergleich. München: Beck.
Grobbin, Alexander (2015): Digitale Medien – Beratung-, Handlungs- und Regulierungsbedarf aus Elternperspektive. Abschlussbericht. München:
Deutsches Jugendinstitut e. V.
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Hepp, A. (2016). Pioneer Communities: Collective Actors in Deep Mediatisation. Media, Culture & Society, 38(6), 918-933.
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