In der Milieufalle? Zur Darstellung und Rezeption der TZI

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25. Jahrgang
                                                                                                     Heft 2
Schmid und Böhm, In der Milieufalle? Zur Darstellung und Rezeption der TZI                     Herbst 2011

Andrea Schmid, Stefan Böhm
In der Milieufalle?
Zur Darstellung und Rezeption der TZI

Inwieweit die TZI für alle gesellschaftlichen Gruppen offen ist,
hängt davon ab, wie TZI-Leiterinnen und -Leiter die TZI ver-
mitteln. Im ersten Teil des Artikels werden Hypothesen darüber
entwickelt, wie Elemente der TZI-Systematik auf gesellschaftliche
Milieus in Deutschland wirken. Im zweiten Teil, der im nächsten
Heft veröffentlicht wird, werden Interviews mit Teilnehmenden
daraufhin untersucht, was ihnen den Zugang zur real gelebten
Methode, der Haltung und dem Modell „TZI“ erschwert – und
was erleichtert.
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                                                                             Andrea Schmid, Jg. 1967, Sozi-
To what extent TCI is open for all social groups depends on how              alpädagogin (FH), freiberufliche
the TCI leaders impart TCI. In the first part of the article, we will        Supervisorin (DGSv), Seminarlei-
develop hypotheses on how elements of the TCI method affect                  terin & Organisationsentwickle-
social milieus in Germany. In the second part, which will be pub-            rin, TZI-Graduandin, Vorsitzende
lished in the next issue, we will analyse interviews with participants       RCI München.
                                                                             kontakt@schmid-supervision.de
to identify what complicates their access to the actual method,
attitude and model „TCI“, and what facilitates it.

Einleitung

Die Verschiedenheit der Ichs zu achten und das Wir von der Beson-
derheit der Persönlichkeiten bereichern zu lassen, gehört wohl fraglos
zum „Markenkern“ der TZI. „TZI entstand aus dem Bewusstsein,
dass es notwendig ist, Individualität und Gemeinschaftlichkeit dem
Werte nach als ebenbürtig zu sehen, das heißt, aus „individualistisch“       Zum Autor
                                                                             Stefan Böhm, Jg. 1966, Dr.
und „kollektivistisch“ keine Gegensätzlichkeiten zu machen, weil             phil., Sozialarbeiter (FH), Pä-
Persönlichkeit und Gemeinschaftlichkeit untrennbar miteinander               dagoge, Pastoraler Mitarbeiter
verbunden sind“ (Cohn, 1999, 351). Im Sinne dieser Programmatik              & freiberuflicher Coach (DGSv),
erhebt die TZI den Anspruch, im Spannungsfeld von Autonomie                  TZI-Graduand.
und Interdependenz Menschen verschiedener Voraussetzungen –                  info@changesophy.de
also auch verschiedener Werthaltungen – ein Angebot zu machen.
Ergebnisse der Teilnehmerforschung und unserer beider Erfahrung
lassen aber vermuten, dass wir als TZI-Anwendende diesem Anspruch
bislang wenig gerecht werden.
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T hemenzentrierte
 Interaktion                    Theoretische Beiträge

                               Eine Reflexion der Wirksamkeit von TZI erscheint uns ebenso
                            wichtig wie aktuell und sie wird auch andernorts geführt. So
                            forderte Stefan Padberg eine Beschäftigung mit der Frage: „Wie
                            können wir aus unserer Beschränkung aus (sic) weiße, gut ausge-
                            bildete Mittelschichtler/-innen hinaustreten und die TZI darüber
                            hinaus anbieten und wirksam werden lassen?“ (Padberg, 2011,
                            6) Der Vorstand des RCI International formuliert im Jahr 2011
                            in einem Schreiben an die Mitglieder: „Wir finden es deshalb
                            wichtig die Ressourcen in den kommenden Jahren vor allem für
                            unsere Außenwirkung einzusetzen […]. Wichtig ist uns, dass im
                            Jubiläumsjahr 2012 viele Aktivitäten unterschiedlicher Art statt-
                            finden und dass sie auf Nachhaltigkeit angelegt sind.“ (Vorstand
                            RCI-international, 2011, ohne Seitenangabe)
                               Letztlich stellen wir als Autor/-innen innerhalb dieser Debatte
                            (hoffentlich) mehr Fragen, als wir Antworten geben.Wir wollen zur
                                    Reflexion anregen und zur Milieusensibilität herausfordern.
                                    Wir beobachten, dass es eine spezifische „TZI-Ästhetik“
 Die Milieuforschung gibt, die manche Adressat/-innen eher anspricht als andere.
  bildet Hypothesen Zwischen dem Anspruch, ein Angebot „für alle“ zu sein
  dazu, wie der Zu­ und dem Befund, dass wir bestimmte Zielgruppen wenig
 gang der Milieus zur ansprechen, kann die Milieuforschung ein Modell sein,
         TZI gelingt                das aus unserer Sicht gute Erklärungen liefert. Wir gehen
                                    weiter davon aus, dass die Ästhetik der Kurse im RCI nur
                                    zum Teil von der TZI-Systematik (vgl. Schneider-Landolf,
                            2009, 67ff.) nahegelegt wird; zu einem anderen, wesentlichen Teil
                            handelt es sich unserer Auffassung nach um ein Abbild der Kultur
                            der Leitenden und der Tradition des Instituts.
                               Im ersten Teil beschreiben wir die Herangehensweise der Mi-
                            lieuforschung, da wir sie in ihrem diagnostischen Potenzial auch
                            für die praktische Arbeit mit TZI als hilfreich erachten. Danach
                            erläutern wir Erkenntnisse dieser Forschungsrichtung und bilden
                            Hypothesen dazu, wie der Zugang der Milieus zur TZI gelingt,
                            beziehungsweise wie sich die TZI präsentieren müsste, um einen
                            Zugang zu ihr zu gewähren.1 Diese Überlegungen verbleiben
                            noch weitgehend in einer theoretischen Reflexion; um die „real
                            existierende“ TZI-Praxis unter milieutheoretischen Gesichtspunk-
                            ten zu betrachten, haben wir im nächsten Schritt Teilnehmende
                            an TZI-Ausbildungskursen befragt. Die Ergebnisse stellen wir
                            im letzten Teil des Artikels zur Diskussion. Die zweite Hälfte des
1 Wir beschreiben die Mili- Artikels erscheint im nächsten Heft.
  eus recht ausführlich, um
  ausreichend Einblick zu
  ermöglichen. Weil der Raum
  in der Zeitschrift begrenzt
                                 Soziale Milieus und Weiterbildung
  ist, hinterlegen wir sie zum
  Teil unter www.schmid-         Bereits 2007 gaben Heiner Barz und Rudolf Tippelt eine Studie
  supervision.de/milieus.        heraus, in der sie für das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung
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Schmid und Böhm, In der Milieufalle? Zur Darstellung und Rezeption der TZI    Herbst 2011

(DIE) die Weiterbildungsneigung der Deutschen untersuchen lie-
ßen (vgl. Barz/Tippelt [Hrsg.]). Ausgangspunkte der Untersuchung
bildeten nicht wie bislang üblich soziodemografische Kriterien,
denn dass Menschen in Leitungspositionen deutlich mehr Weiter-
bildungen besuchen als ihre Mitarbeiter/-innen (vgl. Kuper, 2001,
75), und Gebildetere mehr als weniger Gebildete (vgl.Tippelt u.a.,
2004, 54ff.), ist genauso hinlänglich bekannt wie beispielsweise,
dass junge Mütter signifikant wenig an Weiterbildung teilnehmen –
und junge Väter signifikant viel (vgl. Friebel, 2001, 69).
   Anstatt diese ausgetretenen Pfade zu verfolgen, ging die Studie
des DIE davon aus, dass es nicht nur eine Frage von Statusfaktoren
wie Einkommen und Bildungsgrad ist, ob jemand sich zu einer
Weiterbildung entschließt. Einstellung,Weltanschauung, Selbstbild
und Gesellschaftsbezug tragen demnach mindestens genauso zur
Teilnahmeentscheidung bei.

Datengrundlage

Für diesen Artikel beziehen wir uns selektiv auf die oben genannte
DIE-Studie aus dem Jahr 2007, sowie auf eine Untersuchung, die
2005 im Auftrag der Katholischen Kirche entstand (vgl. Medien-
Dienstleistung GmbH, München, 2005). Letztere erscheint uns
insofern interessant, als dass sie Sehnsüchte und Tagträume der
Milieus in Zusammenhang bringt mit dem, was wir werteabhän-
gige Konsumentscheidungen nennen möchten – und wir wollen
die Entscheidung für eine Teilnahme an TZI-Veranstaltungen als
eine solche auffassen. Selbstverständlich bedeutet TZI nicht nur
Konsum, sondern auch Proaktivität. Wir fokussieren in diesem
Artikel die eine Seite des Ganzen. Die Mehrzahl der Leser/-in-
nen dieses Artikels wird es (wie wir vermuten) entsprechend ihres
Bildungsideals für eine wertvolle Konsumentscheidung sui generis
halten, sich auf einen TZI-Kurs einzulassen – und wir Autor/-
innen teilen weitgehend diese Haltung. Weit entfernt sind wir
damit allerdings von großen Teilen der Gesellschaft. Und damit
sind wir bereits mitten im Thema.
   Eine letzte Vorbemerkung erscheint uns wichtig: Die Studien,
auf die wir uns beziehen, sind bereits vier beziehungsweise sechs
Jahre alt. Neuere Untersuchungen zur Weiterbildung liegen
noch nicht vor. Soziale Milieus, so die Theorie, verändern sich
ständig, jedoch nicht schlagartig. Wir meinen: Dass die Daten
der beiden Studien bereits veraltet sind, schränkt ihren Aussa-
gegehalt nur relativ ein. Wir beziehen uns mit diesem Artikel
auf die Verhältnisse in Deutschland. Wie andere Länder davon
abweichen, ist besonders im Blick auf die Internationalität des
RCI interessant.
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 Interaktion        Theoretische Beiträge

                     Was sind „Milieus“?

                     Als Milieus lassen sich Kombinationen aus Statusfaktoren und Ein-
                     stellungen beschreiben, die relativ einheitlich sind. Selbstverständ-
                     lich handelt es sich bei den Milieus, die so beobachtet werden, um
                     konstruierte Artefakte, um Typisierungen, mithilfe derer Verschie-
                     denheit plausibilisiert werden soll. Neben sozioökonomischen Fak-
                     toren markieren Milieus Menschen, die eine ähnliche Lebensauffas-
                     sung und Lebensweise, ähnliche Lebensstile und Lebensführungen
                     haben (vgl. Medien-Dienstleistung GmbH, 2005, 5). Das Modell
                     beschreibt derzeit zehn sogenannte „soziale Milieus“, die sich
                     vertikal auf die soziale Lage (Untere Mittelschicht/Unterschicht
                     – Mittlere Mittelschicht – Oberschicht/Obere Mittelschicht),
                     horizontal auf die Grundorientierung beziehen (Traditionelle Werte
                     wie Pflichterfüllung, Ordnung, Selbstkontrolle – Modernisierung wie
                     Individualisierung, Selbstverwirklichung, Genuss – Neuorientierung
                     wie Multi-Optionalität, Experimentierfreude, Leben in Paradoxien,
                     Selbstmanagement (vgl. ebd., 4). Niemand kann vollständig einem
                     Milieu zugeordnet werden, wenngleich Probanden immer wieder
                     überraschende Übereinstimmungen feststellen.
                        Der Sozialforschung ist eigen, dass nicht geklärt werden kann,
                     in welchem Maße das Milieu, in dem Einzelne leben, ihre Ein-
                     stellung prägt oder inwieweit sich Menschen gleicher Einstellung
                     zu einem Milieu zusammenfinden.

                     „Bürgerliche Mitte“

                     Die etwa 17% der Bevölkerung, die als „Bürgerliche Mitte“ be-
                     zeichnet werden, orientieren sich vor allem an Grundwerten der
                     Modernisierung. Es handelt sich damit um einen großen Teil der
                     gesellschaftlichen Mittelschicht. In ihrer Selbsteinschätzung ver-
                     stehen sich die Vertreter/-innen als moderne, aufgeschlossene und
                     respektierte Bürger/-innen in der Mitte der Gesellschaft. Harmo-
                     nie und Intaktheit gelten als prägende Grundwerte. Die als wichtig
                     angesehene soziale Anerkennung meint das Milieu durch Aufstieg
                     und Anpassung an die moderne Entwicklung zu erreichen und
                     orientiert sich dabei an der Gruppe der „Etablierten“. Abgrenzung
                     vollzieht das Milieu gegenüber allem Extremen und Randständi-
                     gen, aber auch gegenüber dem, was es als traditionsverhaftet und
                     rückständig auffasst (vgl. Barz/Tippelt [Hrsg.], 2007, 113ff.).
                        Tatkraft und beruflich verwertbare Eigenschaften wie Autorität
                     und Ausstrahlung bestimmen den Bildungsbegriff der „Bürgerli-
                     chen Mitte“. Der Praxisbezug und die Verwendbarkeit von Inhalten
                     ist entscheidend (vgl. ebd., 116).
                        Zur Persönlichkeitsentwicklung kommt es aus Sicht der „Bür-
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gerlichen Mitte“ vor allem durch Lebenserfahrung. Entsprechend
wenig Interesse hat dieses Milieu an diesbezüglichen Kursen.
Angebote zur Einleitung des beruflichen Aufstiegs und „Wohl-
fühlseminare“ werden dagegen bevorzugt (vgl. ebd., 119).
   Die Vertreter/-innen der „Bürgerlichen Mitte“ träumen wie kein
anderes Milieu von Harmonie in Familie, Freundeskreis und Nach-
barschaft. Sie wünschen sich kleine Glücksmomente wie: im Bett zu
frühstücken, in der Badewanne zu liegen oder schön essen zu gehen.
Finanziell und sozial abgesichert zu sein gehört ebenso dazu wie
punktuelle Urlaubserlebnisse am Strand, beim Wandern oder auf dem
Bauernhof (vgl. Medien-Dienstleistung GmbH, 2005, 215).

Hypothesen: Die TZI scheint für dieses Milieu wie gemacht zu
sein: Kurse werden als Oasen und „Auszeit“ erlebt, das „Familiäre“
der TZI kommt den bürgerlichen Nutzer/-innen sehr entgegen.
Führungskräfteseminare, die die TZI als die Methode für Führen
und Leiten vermitteln, gelten als leicht zu verstehen und werden
dann genutzt, wenn sie hohe und einfache Transferleistung
in den jeweiligen (?) Beruf versprechen. Die Vorstellung,
„TZI kann man nicht beschreiben, sondern man muss sie Die TZI scheint für
erleben“, dürfte in diesem Milieu stark vertreten sein und die bürgerliche Mitte
es entsprechend binden, während ein analytischer Zugang wie gemacht zu sein
eher abgelehnt wird.

„Postmaterielle“

Etwa 10% der Gesellschaft wird dem Milieu der „Postmateriellen“
zugeordnet. Das Milieu befindet sich in der Oberschicht und oberen
Mittelschicht und vertritt vornehmlich Positionen der Modernisie-
rung. Die Vertreter/-innen sehen sich als intellektuelle, kulturelle
und ökologische Avantgarde sowie als kritische Wegbereiter/-innen
des soziokulturellen Wandels. Sie orientieren sich an Aufklärung,
Ganzheitlichkeit, Gerechtigkeit und Selbst-Entwicklung.Von kru-
dem Hedonismus, oberflächlichem Konsummaterialismus grenzen
sie sich ab; zu eindimensionalen Lebensentwürfen halten sie klare
Distanz (vgl. Barz/Tippelt [Hrsg.], 2007, 43ff.).
   Dieses Milieu vertritt einen mehrdimensionalen Bildungsbegriff,
der weit über reines Wissen hinaus reicht. Es lebt eine Offenheit
für Anderes und Neues. Lernstrategien sind wichtiger als Wissen.
Allgemeinwissen gilt mehr als „Fachidiotentum“. Lernen erstreckt
sich auf alle Lebensbereiche, auch auf soziales und politisches
Engagement (vgl. ebd., 45).
   Als Persönlichkeit verstehen die „Postmateriellen“ das Echte,
Authentische. Als zentrales Ziel ihres Lebens beschreiben sie die
Persönlichkeitsentwicklung im sozialen Kontext. Zu vorder-
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 Interaktion        Theoretische Beiträge

                     gründigen Angeboten etwa aus dem esoterischen Umfeld oder
                     bei „amerikanischen“ Motivationskursen nehmen sie eine sehr
                     kritische Grundhaltung ein (vgl. ebd., 49).
                       Die Welt sinnlich spüren, aber auch die großen Zusammenhänge
                     erkennen können, gehört zu den Träumen der „Postmateriellen“.
                     Utopien von weltweiter, sozialer Gerechtigkeit, von ökologischem
                     Leben und vom Aussteigen mit Gleichgesinnten sind weitere
                     Fantasien (vgl. Medien-Dienstleistung GmbH, 2005, 66).

                     Hypothesen: Die TZI passt mit ihrer Werthaltung gut zu diesem
                     Milieu: Ruth Cohn als Person verkörpert die Haltung gegen Natio-
                     nalsozialismus und die Umwelt/Natur wird in den Blick genommen.
                     Außerdem kommt Persönlichkeitsentwicklung als zentrale Aufgabe
                     des Menschen den „Postmateriellen“ entgegen. Die TZI erfüllt
                     die Bedürfnisse des Milieus durch ihre Vielschichtigkeit. Es geht
                     hier darum, zu lernen, wie Menschen sich verständigen können –
                     nicht nur um konkrete Methoden, sondern um Haltungen und Erfah-
                     rungen. Besonders attraktiv dürften diese Anteile der TZI für „Post-
                     materielle“ sein, wenn sie in den Kontext von Globalisierung(skritik),
                     sozialer Bewegung und Autonomiestreben gestellt werden.

                     „Moderne Performer“

                     Die etwa 9% der Bevölkerung, die dem Milieu der „Modernen
                     Performer“ zugerechnet werden, entstammen vornehmlich der
                     Oberschicht und der oberen Mittelschicht. Sie orientieren sich an
                     Modernisierung und an Neuorientierung. Die „Modernen Per-
                     former“ schätzen sich selbst als neue ökonomische, technologische
                     und kulturelle Elite ein; sie besitzen eine starke Entrepreneur-
                     Mentalität (vgl. Barz/Tippelt [Hrsg.], 2007, 57).
                        Bildung versteht das Milieu der „Modernen Performer“ als
                     lebenslangen Prozess und dient zur Realisierung der individuellen
                     Interessen. Es handelt sich im Konstrukt des Milieus um eine Sym-
                     biose aus Fach- und Allgemeinwissen, deren Anwendungsbezug
                     zentral ist (vgl. ebd., 60).
                        Persönlichkeit erkennen die Vertreter/-innen dieses Milieus vor
                     allem in der Einzigartigkeit und im Charisma, in der Fähigkeit,
                     andere in den eigenen Bann zu ziehen, im Durchsetzungsvermö-
                     gen, Stärke und Zielstrebigkeit. Die Entwicklung hin zu mehr
                     Persönlichkeit ist ihrer optimistischen Sicht zufolge immer mög-
                     lich. Daher sind sie an der eigenen Persönlichkeitsentwicklung
                     sehr interessiert, insbesondere am Training einzelner Fähigkeiten
                     (vgl. ebd., 63).
                        Die „Modernen Performer“ begleiten die Sehnsüchte danach,
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durch Technik örtlich-zeitlich unabhängig zu werden, einen si-
cheren Partner und Wurzeln zu haben, die Sicherheit vermitteln
(Medien-Dienstleistung GmbH 2005, 100).

Hypothesen: „Moderne Performer“ suchen Kurse mit konkretem
Ziel und Sinn. Sie gehen hochselektiv bei der Wahl des Themas
vor, sind also nicht an der TZI an sich interessiert. Fünf-Tage-
Kurse sind kaum möglich, da Zeit knapp ist. Sinnvoll könnte eine
zielgruppenspezifische Ausschreibung besonders an „Übergängen
des Lebens“ sein. Die Einführung des Zertifikates kommt dieser
Zielgruppe sicher entgegen, weil die Ausbildung dadurch in einem
kürzeren Zeitraum und konkreten Ablauf erreichbar ist. Es ist aller-
dings fraglich, ob eine langwierige Ausbildung für die kurzlebigen
Qualifizierungsinteressen des Milieus überhaupt attraktiv ist. Das
Charisma der Kursleitung ist den „Modernen Performern“ wich-
tiger als die formelle Qualifikation. Kurse müssten also sehr stark
transfergeeignete Lösungen präsentieren und Kursleitungen müssten
ihre in der Persönlichkeit liegende Qualifikation herausstellen.

„Experimentalisten“

Die „Experimentalisten“ bilden ein Milieu von etwa 8% der Be-
völkerung. Ihrem sozialen Status nach sind sie der Mittelschicht
und unteren Mittelschicht zuzurechnen. Sie lehnen sich an Neuem
(Multioptionalität, Experimentierfreude, Leben in Paradoxien) an.
Dabei verstehen sie sich als kreative und kulturelle Avantgarde, die
sich daran orientiert, die vielfältigen Aspekte des Lebens (Welt und
Selbst) zu entdecken sowie die eigenen Talente zu entfalten.Von star-
ren Strukturen, rigidem Sicherheitsdenken, kleinbürgerlicher Idylle
und der Fixierung auf beruflichen Erfolg oder materiellen Wohlstand
grenzen sie sich stark ab (vgl. Barz/Tippelt [Hrsg.], 2007, 141ff.).
   Klassische, humanistische Bildungsgüter interessieren „Experi-
mentalisten“ wenig. Sie verstehen sich selbst als „niemals fertig“,
sondern den ständigen Bildungsprozess als Teil der eigenen Per-
sönlichkeit.Wie man an Wissen und Fertigkeiten kommt, ist daher
wichtiger als das einzelne Faktenwissen. Es geht ihnen weniger um
die Tiefe als um die Vielseitigkeit der Bildung (vgl. ebd., 144).
   An Persönlichkeitsentwicklung besteht ein starkes Interesse. In-
dividualität, Konfliktfähigkeit, Unabhängigkeit und Urteilsfähigkeit
kennzeichnen nach ihrem Verständnis eine Persönlichkeit. Kurse, in
denen es um berufliche oder gesellschaftliche Verwertung von Persön-
lichkeitseigenschaften gehen soll, werden abgelehnt (vgl. ebd., 147).
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T hemenzentrierte
 Interaktion        Theoretische Beiträge

                        Neue Perspektiven einzunehmen, das Gewohnte hinter sich
                     lassen, das Prinzip des Ganzen zu verstehen, Freiheit fühlen –
                     solche Sehnsüchte kennen „Experimentalisten“ (vgl. Medien-
                     Dienstleistung GmbH, 2005, 274).

                     Hypothesen: „Experimentalisten“ brauchen keine Erlaubnis
                     für selbstbestimmtes Lernen – die Haltung einer Kursleitung darf
                     deshalb nicht fürsorglich sein, sollte sich vielmehr durch eine be-
                     geisternde Persönlichkeit auszeichnen. Inhaltlich ist alles interessant,
                     was in die Tiefe führt, neu ist und eine andere Sichtweise ermög-
                     licht. Die TZI trifft hier auf offene, angstfreie und hochflexible
                     Teilnehmende, die sich schnell auf etwas einlassen. Andererseits
                     gehen sie keine Bindung „auf Dauer“ ein.

                     Zusammenfassung und Ausblick

                     Wir haben Milieus im Bezug auf ihre Weiterbildungsneigung be-
                     schrieben und damit die potenziellen Kursteilnehmenden im Blick.
                     Wesentliches Ziel der TZI-Ausbildung besteht darin, Menschen
                     dahingehend weiterzubilden, dass sie die TZI in ihrem Arbeitskon-
                     text einsetzen können. Hier bietet die Milieuforschung unseres
                     Erachtens diagnostisches Material, das den TZI-Kursteilnehmer/-
                     innen dabei hilft, die TZI für die Zielgruppe ihres Arbeitsbereichs
                     wirksam werden zu lassen.
                        Milieuforschung erklärt, wie ein Kurs ausgeschrieben und
                     gestaltet werden kann, damit er eine gewisse Zielgruppe erreicht.
                     Sie spricht aber auch ausdrücklich von Schranken zwischen Mi-
                     lieus und erlöst uns damit von der Fantasie, „für alle gleichzeitig“
                     ein Angebot machen zu können. Mit Blick auf die Haltung der
                     TZI sehen wir hier eine Spannung zwischen „Kooperation“ und
                     „Differenzierung“, die, durch die „Milieubrille“ betrachtet, unserer
                     Kurskultur neue Interventionsmöglichkeiten öffnet. Flexibilität
                     im Kursdesign für verschiedene Milieus würde helfen, Modelle
                     für die Umsetzung der TZI in Arbeitsfeldern zu entwickeln, die
                     unserer RCI-Kultur bislang nicht nahe liegen.
                        In der Beschreibung gesellschaftlicher Milieus konnten wir dar-
                     stellen, dass und wie die TZI-Systematik Menschen verschiedene
                     Zugänge und Barrieren bietet. Grob gesagt können die traditio-
                     nellen Milieus (Konservative, Traditionsverwurzelte und DDR-
                     Nostalgische) an der TZI schätzen, dass sie auf einem Wertekonzept
                     beruht und dass sie in der TZI angenommen werden. Die moder-
                     nen Milieus (Etablierte, Bürgerliche Mitte, Konsum-Materialisten)
                     können die Umsetzung dieser Werte als harmonische, bestärkende
                     Verbindlichkeit schätzen und die postmodernen Milieus (Moderne
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25. Jahrgang
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Schmid und Böhm, In der Milieufalle? Zur Darstellung und Rezeption der TZI                                                              Herbst 2011

Performer, Experimentalisten, Hedonisten) noch ein weiteres Ver-
ständnis der TZI attraktiv finden – dass nämlich von Widersprüchen
und Unwägbarkeiten auszugehen ist und wir herausgefordert sind,
ständig neue Lösungen zu produzieren.2
   Die TZI könnte also allen etwas bieten. Wir gehen allerdings
davon aus, dass die „real existierende TZI“ – das heißt die Form,
wie wir Leitenden und Teilnehmende die TZI im RCI anwenden
– stark von der „Bürgerlichen Mitte“ und von „Postmateriellen“
bestimmt sind.Wenn wir uns in diesem Artikel bis hierhin abstrakt
auf die Systematik und den Wertehintergrund der TZI bezogen
haben, brauchen wir in einem weiteren Schritt Außensichten auf
die Kultur der TZI-Ausbildungen. Nur so lassen sich brisante Fra-
gen klären wie:Warum sind TZI-Kurse in manchen Feldern oder
Organisationen zurückgegangen? Oder: Warum treten weniger
Menschen in die RCI-Vereinsstruktur ein und engagieren sich in
den Gremien? Richtet man den Blick nach innen und fragt, wie
Veränderungsprozesse innerhalb der TZI-Community verlaufen,
könnte es unter anderem diese Antwort geben:
   Weil die Bürgerliche Mitte es lieber harmonisch und freund-
schaftlich-verbindlich statt analytisch-differenzierend mag, fehlt es
der TZI-Community an Triebkraft für eine Weiterentwicklung der
Methode/Haltung. Diesen Fragen und Hypothesen werden wir
in Interviews mit jungen Kursteilnehmenden nachgehen.

Literatur

Barz, Heiner; Rudolph Tippelt (Hrsg.): Weiterbildung und soziale Milieus in Deutschland. Praxishandbuch
          Milieumarketing. Bielefeld 2004.
Cohn, Ruth C.: Anliegen der TZI. In: Ruth C. Cohn/Alfred Farau: Gelebte Geschichte der Psychotherapie. 2.
          Aufl. Stuttgart 1999.
Friebel, Harry: Gleichzeitigkeit und Widersprüchlichkeit. Individualisierung und Institutionalisierung von (Weiter-)
          Bildungsbiografien. In: Grundlagen der Weiterbildung 12 (2001), 66–70.
Kuper, Harm: Weiterbildungsbeteiligung und Weiterbildungssinn. Ergebnisse der Triangulation qualitativer und
          quantitativer Daten zur betrieblichen Weiterbildung. In: Päd. Blick 2001, 69–82.
Medien-Dienstleistungs GmbH (Hrsg.): Milieuhandbuch „Religiöse und kirchliche Orientierungen“. München
          2005.
                                                                                                                       2 Helmut Reiser positionierte
Padberg, Stefan: Der Marktlogik etwas entgegensetzen statt ihr nachzueifern – Plädoyer gegen die marktgerechte
                                                                                                                         sich bspw. im Hinblick auf
          Entwicklung des Ruth Cohn Instituts und für eine genauere Analyse des Globes. (Brief an die Mitglieder         unterschiedliche Rezep-
          des Ruth-Cohn-Instituts) Bonn, 21.02.2011                                                                      tionsmöglichkeiten der
RCI-Vorstand International: Anlage Strategische Ziele zum Brief an die Mitglieder vom 23.3.2011.                         TZI, indem er sie nicht als
Reiser, Helmut: Der Weg der TZI – Eine Positionsbeschreibung. Ohne Ort, ohne Jahr.                                       soziale Bewegung, sondern
                                                                                                                         als „System der Gestaltung
Schneider-Landolf, Mina: System der TZI. In: Mina Schneider-Landolf u.a. (Hrsg.): Handbuch Themenzentrierte
                                                                                                                         von Interaktionen“ (2011, 7)
          Interaktion (TZI). Göttingen 2009.                                                                             auffasst – sein Verständnis
Tippelt, Rudolf u. a.: Teilnehmer- und Milieuspezifische Aspekte der Weiterbildungsbeteiligung. In: Report 27            kann als „postmodern“ ge-
          (2004), 48–56.                                                                                                 lesen werden.

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