Integration von Geflüchteten in ländlichen Räumen - Erkenntnisse aus der Forschung

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Integration von Geflüchteten in ländlichen Räumen - Erkenntnisse aus der Forschung
Integration von Geflüchteten
       in ländlichen Räumen
       Erkenntnisse aus der Forschung

       Hanne Schneider
       Technische Universität Chemnitz

       Johannes Weber
       Forschungszentrum Migration, Integration und Asyl des BAMF

Forschung
                                                            19.01.2021
Integration von Geflüchteten in ländlichen Räumen - Erkenntnisse aus der Forschung
Inhalt

1.Ländliche Räume im Integrationsgeschehen
2.Erkenntnisse zur Integration von Geflüchteten in ländlichen Räumen
  Forschungsprojekt des BAMF-FZ (Rösch et. al. 2020)
3.Erkenntnisse zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
  „Rolle der Zivilgesellschaft und Einstellung der Aufnahmegesellschaft“
  (TU Chemnitz)
4.Erkenntnisse zur Sprachförderung
  „Deutsch lernen auf dem Land“ (Scheible/Schneider 2020)
5.Schlussbetrachtung

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Integration von Geflüchteten in ländlichen Räumen - Erkenntnisse aus der Forschung
1. Ländliche Räume im
Integrationsgeschehen
Bedeutung ländlicher Räume im Integrationsgeschehen

Ein ländlicher Raum ist „ein naturnaher, von der Land- und Forstwirtschaft
geprägter Siedlungs- und Landschaftsraum mit geringer Bevölkerungs- und
Bebauungsdichte sowie niedriger Wirtschaftskraft und Zentralität der Orte, aber
höherer Dichte zwischenmenschlicher Beziehungen“ (Henkel 2004).

Ländliche Räume sowie Klein- und Mittelstädte bekommen eine wachsende
Bedeutung als mindestens zeitweiser Lebens- und Integrationsort:

 traditionell für einige Migrantengruppen, u.a.: (Spät-)Aussiedler*innen,
Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft

 seit 2016 zusätzlich durch die Wohnsitzauflage für anerkannte Geflüchtete

 auch für ländliche Kommunen Relevanz durch Fachkräftebedarfe, Erhalt von
Strukturen der Daseinsvorsorge

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2.1 Erkenntnisse zur Integration von Geflüchteten
in ländlichen Räumen

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2. Forschungsprojekt des BAMF-FZ
•   Fragestellungen:

 Verteilungsmuster verschiedener Statusgruppen von Geflüchteten

 Integration in „sehr ländlichen“ Landkreisen: Strukturen, Prozesse,
  Erfahrungen mit dem Zuzug von Geflüchteten seit 2015

 Nachhaltige Integration – „Haltefaktoren“?

•   Komponente 1: Interviews in sechs sehr ländlichen deutschen Landkreisen
    mit Handlungsträger*innen der Integrationsarbeit, Migrant*innen früherer
    Zuwanderungsperioden sowie KMU-Vertreter*innen

•   Komponente 2: Analyse der räumlichen Verteilung von Geflüchteten in
    Deutschland (auf Kreisebene anhand des AZR zum Stand 31.12.2017)
•   Laufzeit 2017-2020

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Anerkannte Geflüchtete pro 1.000 Einwohner*innen nach Kreisen,
31.12.2017

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Qualitative Interviews: Ergebnisse I

• Unterschiedliche migrationshistorische Erfahrungen wirken sich aus
  u.a.: Wahrnehmung von Zuwanderung durch die Bevölkerung/durch
  Arbeitgeber*innen; (Nicht-)Vorhandensein von Verwaltungsstrukturen und
  Konzepten

• Fragen der Mobilität spielen eine zentrale Rolle für die Integration von
  Geflüchteten in ländlichen Räumen. Dies betrifft gleichermaßen Arbeit,
  Bildung, den Zugang zu Beratung, Gesundheitsversorgung, die
  notwendigen Behördenkontakte und die Freizeitgestaltung.

• Die pauschale Annahme, dass der Wohnungsmarkt „auf dem Land“
  entspannter sei, erweist sich als nicht haltbar. Verfügbarer Wohnraum mit
  häufig geringerem Qualitätsstandard ist eher in peripheren Gemeinden zu
  finden. In zentraleren Orten treten ähnliche Wohnraumkonkurrenzen wie in
  größeren Städten auf.

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Qualitative Interviews: Ergebnisse II
 • Der Zugang von Geflüchteten in den überwiegend durch kleine und
   mittlere Unternehmen geprägten Arbeitsmarkt ländlicher Räume
   wird wesentlich durch persönliche Kontakte und Netzwerke
   erleichtert. Arbeitgeber*innen engagieren sich oft
   überdurchschnittlich, Risiko: Wegzug/Abschiebungen

 •   Erfolgreiche berufliche Integration erfordert z.T. größeren Aufwand
     und längere Zeit der Zusammenarbeit, um sich gegenseitig
     kennenzulernen und eine gewisse Vertrauensbasis zu schaffen.

 • Einstellungen im Unternehmen gegenüber Geflüchteten ein
   wesentlicher Faktor zur Förderung der Arbeitsmarktintegration;

 •   Unsicherheit bei rechtl. Rahmenbedingungen, Ungewissheit über
     langfristigen Verbleib sowie fehlende Informationen über
     Prozessabläufe erschweren Arbeitsmarktintegration

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3. Erkenntnisse zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen

  Projekt „Rolle der Zivilgesellschaft und Einstellung der
  Aufnahmegesellschaft (2018-2021)“
  im Rahmen des BMEL-geförderten Verbundprojektes „Zukunft für Geflüchtete in
  ländlichen Regionen Deutschlands“ in 8 Landkreisen / 40 Gemeinden

 •   Einstellungen der lokalen Bevölkerung & Konstitution der Gesellschaft vor
     Ort kann Auswirkungen auf soziales Wohlbefinden oder Bleibeentscheidungen
     haben
 •   Sehr statische Nachbarschaftsstrukturen (u.a. lange Wohndauer),
     hohe Wohnzufriedenheit der Residenzbevölkerung  kann sich positiv auf
     Vielfaltstoleranz auswirken aber auch hohe Erwartungen an Neuzugezogene

 •   Aber: bislang noch wenig Kontakt mit Geflüchteten bzw.
     Ausländer*innen im bundesweiten Vergleich

 •   Kontakt (auch am Arbeitsplatz) kann Vielfaltsakzeptanz fördern

              https://mytuc.org/grrv
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3. Erkenntnisse zu gesellschaftlichen Rahmenbedingungen

       Projekt „Rolle der Zivilgesellschaft und Einstellung der
       Aufnahmegesellschaft (2018-2021)“

       Positiver Kontakt der befragten Bevölkerung zu Ausländer*innen (in %)

         •     …

         • …

         •     …

              Bundesweite Daten **
                        (ALLBUS)

** nur allgemeiner Kontakt abgefragt
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4. „Deutsch lernen auf dem Land“
Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung (Scheible/Schneider 2020)

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4. „Deutsch lernen auf dem Land“ (Scheible/Schneider 2020)

 •   Fokus: Bundesgeförderte Sprachkurse (Integrationskurse und
     berufsbezogene Deutschsprachkurse) plus Länderprogramme in
     Baden-Württemberg und Sachsen

 • Methodik: Telefonische Expert*innengespräche & Fokusgruppen in
   beiden Bundesländern

 •   Zentrale Herausforderungen für Migrant*innen:
      • Kursangebot nicht ausdifferenziert genug (große Fläche aber wenig
         Teilnehmer*innen), wenig berufsspezifische Angebote
      • Mobilität: hohe Fahrtkosten, passende ÖPNV-Verbindungen
         insb. bei Schichtarbeit oder Kinderbetreuung

 • Good practices: Zusammenarbeit von Unternehmen mit Kursträgern
   und Koordinationsstellen, spezielle Kurse für Schichtarbeitende,
   berufsbegl. Teilzeitkurse

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3. Schlussbetrachtung
Schlussbetrachtung
• Integration von Geflüchteten in ländlichen Räumen kann eine Chance sein –
  für die Kommunen aber auch Unternehmen (z.B. Fachkräftebedarfe, Diversität
  und Internationalität)

Zentrale Herausforderungen & Notwendigkeiten
• Unsicherheiten bei rechtlichen Rahmenbedingungen sowie
  Ungewissheit über Bleibeab- bzw. -aussichten der Geflüchteten

•   Einstellungen im Unternehmen & Eigenengagement, insbesondere der
    Unternehmer*innen, von großer Bedeutung bei Anstellung von
    Geflüchteten
•   Schaffung sowohl flexibler sowie berufsspezifischer Möglichkeiten der
    Sprachförderung  Lernen aus digitalen Erfahrungen der Covid-19-Pandemie

•   (Infra)strukturelle Faktoren, bspw. eingeschränkte Mobilität, von
    Geflüchteten, sollten von Unternehmen mitgedacht werden

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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Kontakt
Johannes Weber                                      Hanne Schneider

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge             Technische Universität
Forschungszentrum Migration, Integration und Asyl   Philosophische Fakultät
                                                    Humangeographie mit dem Schwerpunkte
                                                    Europäische Migrationsforschung
johannes.weber2@bamf.bund.de
Tel. +49 911 943-24755                              hanne.schneider@phil.tu-chemnitz.de
                                                    Tel. +49 371 531 36120

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Literatur und Webseiten zum Weiterlesen
Rösch, Tabea/Schneider, Hanne/Weber, Johannes/Worbs, Susanne (2020): Integration von Geflüchteten in ländlichen
Räumen. Forschungsbericht 36, Nürnberg: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
https://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Forschung/Forschungsberichte/fb36-integration-laendlicher-raum.html?nn=403976

Scheible, Jana/Schneider, Hanne (2020): Deutsch lernen auf dem Land. Handlungsempfehlungen für die Sprachförderung von
Migrantinnen und Migranten in Deutschland. WISO Diskurs 07/2020, Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung.
https://www.fes.de/themenportal-flucht-migration-integration/artikelseite-flucht-migration-integration/deutschsprachfoerderung-auf-
dem-land

http://www.gefluechtete-in-laendlichen-raeumen.de (Verbundprojekt „Zukunft für Geflüchtete in ländlichen Regionen
Deutschlands“)

https://www.land-zuhause-zukunft.de/ (Projektwebseite der Robert-Bosch-Stiftung)

Schammann, Hannes/Bendel, Petra/Müller, Sandra/Ziegler, Tobias/Wittchen, Tobias (2020): Zwei Welten? Integrationspolitik
in Stadt und Land, Stuttgart: Robert-Bosch-Stiftung.

https://www.nationaler-aktionsplan-integration.de/napi-de/aktionsplan (dort Themenforum „Besondere Herausforderungen in
ländlichen Räumen“ im Rahmen von Phase III Eingliederung)

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