KIELER KONJUNKTUR-BERICHTE - Euroraum im Herbst 2021
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KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
KIELER
KONJUNKTUR-
BERICHTE
Euroraum
im Herbst 2021
Abgeschlossen am 23. September 2021
© Daniel Wolcke / IfW Kiel
Nr. 82 (2021|Q3)
Jens Boysen-Hogrefe, Dominik Groll, Philipp Hauber,
Stefan Kooths und Ulrich Stolzenburg
Forschungszentrum
Konjunktur und Wachstum
1KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
INHALTSVERZEICHNIS
Erholung noch mit Sand im Getriebe
Angebotsseitige Knappheiten nehmen wieder zu .................................................................. 8
Arbeitsmarkt trotz schwerer Wirtschaftskrise weitgehend stabil ............................................. 9
Die Schleusen der Geldpolitik bleiben weit geöffnet............................................................. 10
Defizite der öffentlichen Haushalte bleiben vorerst sehr hoch .............................................. 12
Ausblick: Langsamere konjunkturelle Gangart über den Winter ........................................... 14
Literatur ............................................................................................................................... 19
2KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
ERHOLUNG NOCH MIT SAND IM GETRIEBE
Jens Boysen-Hogrefe, Dominik Groll, Philipp Hauber, Stefan Kooths und Ulrich Stolzenburg
Die Wirtschaft im Euroraum nähert sich derzeit mit Nach leichten Rückgängen im Winterhalbjahr
großen Schritten dem vor der Krise erreichten Produk- ist die gesamtwirtschaftliche Produktion im
tionsniveau. Nach einem kräftigen Anstieg lag die zweiten Quartal wieder kräftig gestiegen. In-
Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal noch 2,5 Pro- folge der Corona-Pandemie war die Wirtschafts-
zent unter ihrem Vorkrisenniveau. Frühindikatoren zur leistung im Euroraum um bis zu 15 Prozent ein-
Zuversicht von Unternehmen und Verbrauchern zei- gebrochen, doch bereits im Sommer 2020 wurde
gen seit dem Frühsommer eine äußerst gute Stim- der größere Teil der stillgelegten Produktion wie-
mung an; auch Mobilitätsdaten lassen für das laufende der aktiviert. Angesichts erneuter Lockdown-
Quartal einen erneut kräftigen Anstieg des privaten Maßnahmen kam es im vergangenen Winter je-
Verbrauchs und der Wirtschaftsleistung erwarten. Für doch erneut zu leichten Rückgängen in der Wirt-
das bevorstehende Winterhalbjahr rechnen wir jedoch schaftstätigkeit. Mit den Fortschritten in der Impf-
mit einer langsameren konjunkturellen Gangart. Die kampagne und den sinkenden Fallzahlen seit
pandemiebedingten Rückgänge im Produktionsniveau dem Frühjahr 2021 konnten viele Beschränkun-
sind dann größtenteils aufgeholt. Zudem dürfte die In- gen zurückgenommen werden, so dass die Wirt-
fektionsentwicklung die wirtschaftliche Aktivität dann schaftsleistung im Euroraum im zweiten Quartal
wieder stärker belasten. Hinzu kommen Liefereng- kräftig um 2,2 Prozent stieg (Abbildung 1).
pässe, die wohl auch in den nächsten Monaten die
Produktion behindern werden. Vor diesem Hinter- Abbildung 1:
grund erscheint eine vollständige Erholung zunächst Bruttoinlandsprodukt im Euroraum
unwahrscheinlich. Für den Verlauf des kommenden Prozent
Index (2019 Q4 = 100)
Jahres rechnen wir mit einer nachhaltigen Normalisie- 115 15
Veränderung
rung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Le- Niveau
bens und mit wieder kräftigeren Zuwächsen der Wirt- 110 10
schaftsleistung. Insgesamt dürfte das Bruttoinlands-
produkt im laufenden Jahr um 5,1 Prozent zulegen, 105 5
gefolgt von 4,4 Prozent (2022) und 2,4 Prozent (2023).
Die Verbraucherpreise steigen dieses Jahr aufgrund 100 0
zahlreicher temporärer Sonder- und Basiseffekte wohl
mit 2,2 Prozent recht stark. In den Folgejahren dürfte 95 -5
die Teuerung mit 1,9 Prozent (2022) und 1,7 Prozent
(2023) wieder unterhalb des Inflationsziels liegen.
90 -10
85 -15
1,5 -6,5 5,1 4,4 2,4
80 -20
I II III IV I II III IV I II III IV I II III IV I II III IV
2019 2020 2021 2022 2023
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt,
Veränderung gegenüber dem Vorquartal (rechte Skala).
Gerahmt: Jahresdaten, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in
Prozent.
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechungen. grau
hinterlegt: Prognose des IfW Kiel.
3KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Die wirtschaftliche Aktivität im Euroraum lag wie Frankreich und Deutschland. Spanien war
noch 2,5 Prozent unter dem Vorkrisenniveau, mit 6,8 Prozent immer noch am Weitesten vom
wobei Spanien deutlich zurückhing. Nach Vorkrisenstand entfernt, für Portugal (4,6 Pro-
Ländern aufgeschlüsselt gab es zum Teil erheb- zent) und Italien (3,8 Prozent) war der Rückstand
liche Unterschiede beim erreichten Produktions- ebenfalls überdurchschnittlich. Der Abstand zum
niveau im Vergleich zum Schlussquartal 2019 zuvor erreichten Produktionsniveau zeigt aller-
(Abbildung 2). Der Durchschnitt der Währungs- dings auch ein Aufholpotenzial an, sofern das
union wurde dabei einmal mehr durch außerge- gesellschaftliche Leben und die wirtschaftliche
wöhnliche Wirtschaftszahlen aus Irland beein- Aktivität sich weiter normalisiert. Außer in Irland
flusst, wo das Produktionsniveau der Vorkrisen- lag das Bruttoinlandsprodukt zuletzt auch in
zeit bereits um mehr als 20 Prozent überschritten Finnland, Griechenland, Luxemburg und den
wurde1 – ohne Irland lag der Euroraum mit 3,3 baltischen Staaten schon höher als vor der Krise.
Prozent ähnlich weit unter dem Vorkrisenniveau
Abbildung 2:
Vorkrisenvergleich des Bruttoinlandsprodukts nach Mitgliedsländern
1Bereits seit einigen Jahren wurden wiederholt unge- für Irland ausgewiesen. Diese gehen maßgeblich auf
wöhnlich hohe Zuwachsraten und starke Fluktuatio- Steuergestaltungsaktivitäten multinationaler Unter-
nen in den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen nehmen zurück. Vgl. Stolzenburg (2016).
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Kontaktintensive Wirtschaftsbereiche ver- Abbildung 3:
zeichneten bis zuletzt die größten Wert- Entstehungsseite: Niveau der Bruttowertschöpfung
schöpfungsverluste. Die Wertschöpfung bei Q4 2019 - Q2 2021 (aktuell)
Prozent Q4 2019 - Q4 2020 (vor 6 Monaten)
Handel, Verkehr und Gastgewerbe sowie bei 10
sonstigen Dienstleistern, die den Kultur- und Ver-
anstaltungsbereich umfassen, blieben auch im 5
zweiten Quartal 2021 deutlich unter dem Vorkri-
0
senniveau (Abbildung 3). Daneben gab es noch
Wertschöpfungsrückstände bei den Unterneh- -5
mensdienstleistern sowie im Verarbeitenden Ge-
werbe, wo es zuletzt – insbesondere in Deutsch- -10
land – aufgrund von Lieferengpässen hakte. In
allen übrigen Wirtschaftsbereichen wurden die -15
zwischenzeitlichen Produktionsrückgänge wei-
-20
testgehend aufgeholt. Allerdings gab es zum Teil
länderspezifische Unterschiede. So hatte das -25
Baugewerbe in Spanien immer noch einen Rück-
stand von 19 Prozent auf das Produktionsniveau
vom Jahresende 2019, dieser wurde aber im Eu-
roraum-Aggregat von anderen Ländern ausge-
glichen – Italien und Griechenland etwa ver-
zeichneten zweistellige Zuwächse im Bau. Kaum
Quartalsdaten; preis- kalender- und saisonbereinigt.
beeinträchtigt von den Corona-bedingten Ein- Veränderung zwischen dem vierten Quartal 2019 und dem
schränkungen waren die Bereiche Land- und zweiten / vierten Quartal 2020 in Prozent. Euroraum ohne Irland.
Forstwirtschaft, Information und Kommunikation, Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen,
Berechnungen des IfW Kiel.
Finanz- und Versicherungsdienstleister sowie
Grundstücks- und Wohnungswesen.
Abbildung 4:
Verwendungsseitig lastete vor allem die Verwendungsseite: Niveau der Hauptaggregate
Schwäche des privaten Verbrauchs und des Q4/2019 - Q2/2021 (aktuell)
Prozent
Dienstleistungshandels auf der wirtschaftli- 10
Q4/2019 - Q4/2020 (vor 6 Monaten)
chen Aktivität. Der private Verbrauch stieg im
zweiten Quartal zwar um mehr als 3 Prozent, 5
blieb als größtes verwendungsseitiges Aggregat
0
dennoch 6,1 Prozent hinter dem Vorkrisenniveau
zurück und damit deutlich weiter als die Wirt- -5
schaftsleistung insgesamt (Abbildung 4). Eine
-10
Normalisierung des privaten Konsums würde die
weitere wirtschaftliche Erholung im Euroraum -15
maßgeblich vorantreiben. Dies dürfte durch ei-
nen teilweisen Abbau der aufgestauten Kaufkraft -20
privater Haushalte unterstützt werden, die im
-25
Verlauf der Pandemie auf rund 750 Mrd. Euro
Privat
Staat
Ausrüstung
Bau
Dienste
Dienste
Waren
Waren
Sonst. Anlagen
bzw. auf über 10 Prozent der jährlichen verfüg-
baren Einkommen angewachsen ist (Abbil-
dung 5). Der Staatsverbrauch überschritt bereits
im dritten Quartal 2021 das Vorkrisenniveau und BIP Konsum Investition Export Import
lag zuletzt 3,9 Prozent darüber. Anlageinvestitio-
nen im Bau sowie in immaterielle Vermögensge- Quartalsdaten; preis- kalender- und saisonbereinigt.
Veränderung zwischen dem vierten Quartal 2019 und dem
genstände (sonstige Anlagen) haben den Vorkri- zweiten / vierten Quartal 2020 in Prozent. Euroraum ohne Irland.
senstand – für den hier dargestellten Länderkreis Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen;
Berechnungen des IfW Kiel.
5KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Abbildung 5: Abbildung 6:
Aufgestaute Kaufkraft Verbraucherpreisinflation (HVPI)
Zusätzliche Ersparnis
Übliche Ersparnis (Sparquote aus 2019) Prozent Kernrate
Konsumausgaben Gesamtindex
Verfügbare Einkommen
3
Sparquote (rechte Skala)
Normale Sparquote (von 2019, rechte Skala)
Mrd. € Prozent
2000 30
83 214 81 117 156 103 2
1800 27
1600 24
1400 21
1
1200 18
1000 15
800 12 0
600 9
400 6
200 3 -1
2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021
0 0
I II III IV I II III IV I II
2019 2020 2021 Monatsdaten; Veränderung gegenüber dem Vorjahr. Kernndex:
Gesamtindex ohne Energie und unverarbeitete Lebensmittel.
Quartalsdaten. Zweites Quartal 2021: Eigene Schätzung.
Quelle: Europäische Zentralbank, Monatsbericht.
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen;
Berechnungen des IfW Kiel.
des Euroraums ohne Irland – in etwa wieder er- Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor war der
reicht; Investitionen in Ausrüstungsgüter lagen Wegfall der temporären Mehrwertsteuersenkung
leicht darunter. Der Warenhandel hat die Vorkri- in Deutschland, der die Inflationsrate im Euro-
senniveaus bei Aus- und Einfuhr bereits über- raum seit Jahresmitte um weitere drei bis vier
schritten. Demgegenüber war der Dienstleis- Zehntel erhöht hat. Er wirkt ebenfalls auf die
tungshandel, der rund ein Viertel der Export- Kernrate der Inflation, die Preisänderungen von
bzw. Importaggregate im Euroraum ausmacht, Energie und unverarbeiteten Lebensmitteln aus-
weiter stark beeinträchtigt und lag bis zuletzt fast blendet. Sie lag im August bei 1,6 Prozent.
20 Prozent unter seinem Vorkrisenniveau. Ge- Die Preise in einigen kontaktintensiven Wirt-
rade in Ländern der Mittelmeerregion mit einem schaftsbereichen haben sich noch nicht voll-
starken Standbein im Tourismus sind die Dienst- ständig von den Auswirkungen der Pandemie
leistungsexporte überproportional eingebrochen. erholt. Kontaktintensive Wirtschaftsbereiche wie
Sie stellen dort aber gleichzeitig ein besonderes Körperpflege, Reiseveranstalter, Gastgewerbe,
Aufholpotenzial für den Prognosezeitraum dar, Beherbergung, Freizeit- und Kulturdienstleistun-
sobald sich die Aktivitäten im Tourismusbereich gen und auch Verkehrsdienstleistungen ver-
wieder weitgehend normalisieren. zeichneten während der Pandemie massive Ak-
Die Verbraucherpreise zogen im Jahresver- tivitätseinbrüche. Die zugehörigen Produkte ma-
lauf merklich an. Nachdem die Verbraucher- chen rund 18 Prozent im Warenkorb der harmo-
preisinflation im zweiten Halbjahr des Vorjahres nisierten Verbraucherpreise aus. Sowohl die di-
in den negativen Bereich gefallen war, stieg sie rekte Reaktion auf die Pandemie als auch die
seit Jahresbeginn kontinuierlich auf zuletzt 3 Pro- nachfolgende Erholung offenbaren eine gewisse
zent (Abbildung 6). Eine Hauptursache war der Heterogenität im Hinblick auf den Preisdruck in-
Einfluss der Energiepreise, der im Jahresverlauf nerhalb dieser Produktgruppe kontaktintensiver
stetig größer geworden ist und im August rund Dienstleistungen (Abbildung 7). Im Mai 2020 wa-
1,3 Prozentpunkte der Inflationsrate ausmachte. ren Pauschalreisen 0,9 Prozent günstiger als ein
Jahr zuvor, während Preise für Beherbergung
um 0,4 Prozent teurer waren – diese an der
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horizontalen Achse ablesbare Rate wird im Fol- anhand dieser mittleren Preissteigerungsrate ge-
genden als unmittelbare Preisreaktion der Pan- genüber Juli 2019 noch nicht vollständig von den
demie interpretiert. Die größten Preisrückgänge Auswirkungen der Pandemie erholt und beinhal-
zeigten sich bei Kategorien, die stark mit ten somit zusätzliches Preissteigerungspotenzial
Schwankungen der Energiepreise verbunden für den Prognosezeitraum. Die Preise im Gast-
sind, etwa der Betrieb von Privatfahrzeugen (ein- gewerbe sowie von Freizeit- und Kulturdienst-
schließlich Kraftstoffe) sowie Elektrizität, Gas leistungen stiegen jahresdurchschnittlich um
und andere Brennstoffe, die jeweils um mehr als knapp 2 Prozent gegenüber Juli 2019, die Frisör-
6 Prozent fielen. Mit dem Wiederanstieg der preise (Bereich Körperpflege) um etwa 3 Pro-
Energiepreise stiegen auch die Preise in diesen zent. Diese Preissteigerungsraten sind jeweils
Kategorien merklich, übrigens auch im Vergleich vergleichbar mit der unmittelbaren Preisreaktion
zur Vorkrisenzeit. Im Juli 2021 – verglichen mit zu Beginn der Pandemie; für diese Teilbereiche
dem Juli 2019 – lag die mittlere (d.h. annuali- besteht daher augenscheinlich kein zusätzliches
sierte) Inflationsrate hier bei rund 2,5 Prozent. Aufwärtspotenzial für die Inflationsrate.
Die Preise von Pauschalreisen, Verkehrsdienst-
leistungen und Beherbergung haben sich
Abbildung 7:
Preisentwicklung nach Produktgruppen (HVPI)
kontaktintensiv andere Kategorien
Prozent
5
Tabak
4
Finanzdienstl.
Betrieb von
Juli 2021 vs. Juli 2019 (annualisiert)
3 Privatfahrzeugen
Körperpflege
Gastgewerbe
2 Electrizität, Gas und
andere Brennstoffe Bekleidung
Nahrungsmittel
1
Schuhe Freizeit- &
Kulturdienstleistungen
0
Beherbergung
-1
Electronik
Verkehrsdienstleistungen
-2
Pauschalreisen
-3
-10 -9 -8 -7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0 1 2 3 4 5 6
Mai 2020 vs. Mai 2019 (in Prozent, Preisreaktion zu Beginn der Pandemie)
Quelle: Eurostat, Verbraucherpreise; Berechnungen des IfW Kiel.
7KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Angebotsseitige Knappheiten neh- Abbildung 8:
men wieder zu Produktionslücke im Euroraum
Prozent
Im Durchschnitt des laufenden Jahres sind 4
OECD (2022: -0,8%)
die Produktionskapazitäten im Euroraum EU-Kommission (-0,3%)
noch deutlich unterausgelastet, im kommen- IWF (-1,0%)
2
den Jahr nur noch wenig. Nach jüngsten
Schätzungen der Europäischen Kommission aus
dem Mai 2021 liegt die Produktionslücke im lau- 0
fenden Jahr bei -3,3 Prozent. Für das kommende
Jahr rechnet die Kommission damit, dass sich -2
die Lücke bis auf 0,3 Prozent schießen wird (Ab-
bildung 8). Der Internationale Währungsfonds
-4
(IWF) sieht die Produktionslücke für das lau-
fende Jahr bei -3,1 Prozent, die OECD bei -4,2
Prozent – beide rechnen aber ebenfalls mit ei- -6
nem raschen Schließen der Produktionslücke
auf -1,0 Prozent (IWF) bzw. -0,8 Prozent (OECD)
-8
im Jahr 2022. Damit geht die Unterauslastung 1999 2002 2005 2008 2011 2014 2017 2020
aus Sicht dieser drei Institutionen im kommen-
den Jahr deutlich zurück. Jahresdaten. In Klammern: Schätzung der Produktionslücke für
das Jahr 2022.
Quelle: Internationaler Währungsfonds, WEO; OECD,
Unternehmensbefragungen zeigen an, dass Economic Outlook; Europäische Kommission, Frühjahrs-
die Auslastung im Jahresverlauf rasch zuge- prognose 2021.
nommen hat und die Produktion bereits wie-
der durch angebotsseitige Knappheiten be-
hindert wird. Bei Industrieunternehmen hat sich
Abbildung 9:
die Lage hinsichtlich verfügbarer Kapazitäten –
Kapazitätsauslastung
zum Zeitpunkt der jüngsten Befragung im Juli
Industrie
2021 – wieder merklich zugespitzt. Die Kapazi- Prozent Dienstleister
95 Mittelwert LTP Labour
tätsauslastung bei den privaten Dienstleistern,
bei denen diese Kennzahl erst seit 2011 erhoben
wird, lag zur Jahresmitte zwar noch unter dem 90
mehrjährigen Durchschnitt, allerdings nur knapp.
Im Verarbeitenden Gewerbe überschritt sie be-
85
reits wieder deutlich den langjährigen Durch-
schnitt (Abbildung 9). Auch der Anteil der Unter-
nehmen, deren Produktion durch einen Mangel 80
an geeigneten Arbeitskräften beschränkt wird, ist
sowohl bei Industrieunternehmen als auch bei 75
Dienstleistern wieder in die Nähe der vorher er-
reichten Rekordstände geklettert und zeigt somit
70
eine erhebliche Knappheit an (Abbildung 10).
Darüber hinaus sind zuletzt auch erhebliche An-
65
spannungen hinsichtlich Ausrüstung und Mate-
1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021
rial hinzugetreten – so gab ein außergewöhnlich
hoher Anteil von Firmen dies als produktionslimi- Quartalsdaten: Gestrichelte Linien: Mittelwerte seit 1999/2011.
tierendem Faktor an, der höchste Anteil seit Be- Quelle: Europäische Kommission, Industry Survey und Services
Survey; Berechnungen des IfW Kiel.
stehen der Währungsunion. Insgesamt zeigen
die Unternehmensbefragungen, dass es bereits
8KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
zur Jahresmitte 2021 in einigen Bereichen wie- Prozent unter dem Vorkrisenniveau. Drastischer
der spürbare angebotsseitige Knappheiten gibt, war der Einbruch bei den gesamtwirtschaftlich
selbst wenn die gegenwärtigen Schätzungen der geleisteten Arbeitsstunden. Hier schlug sich
Produktionslücke dies für den Jahresdurch- auch die Arbeitszeitreduzierung von Menschen
schnitt keinesfalls nahelegen. in Kurzarbeit nieder, die durchgängig beschäftigt
blieben. Vom vierten Quartal 2019 bis zum zwei-
Abbildung 10:
ten Quartal 2020 fielen die geleisteten Arbeits-
Limitierender Faktor Arbeitskräfte
stunden um 17,4 Prozent – zuletzt lag diese Zahl
Prozent Industrie
Dienstleister
noch 4,2 Prozent unter dem Vorkrisenniveau.
25
Der breite Einsatz von Kurzarbeit hat dazu bei-
getragen, dass die Wirtschaftskrise bislang nur
20
wenig auf Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen
durchgeschlagen hat (EUROFRAME 2021). Eu-
15 rostat verweist darüber hinaus auf methodische
Gründe bei der Erhebung der Erwerbslosen-
10 quote, die den geringen Anstieg zum Teil erklä-
ren können. So wird eine Person nach der ILO-
5 Definition als arbeitslos gezählt, wenn sie in den
letzten vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht
hat und innerhalb der beiden nächsten Wochen
0
1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021 eine Arbeit aufnehmen kann. Während der
Corona-Krise suchte ein erheblicher Teil derjeni-
Quartalsdaten, saisonbereinigt. Anteil der Unternehmen, die
fehlende Arbeitskräfte als Hemmnis für die eigene Produktion gen, die sich bei Arbeitsämtern angemeldet hat-
ansehen. Gestrichelte Linien: Mittelwerte seit 1999.
ten, jedoch nicht aktiv nach einem Arbeitsplatz
Quelle: Europäische Kommission, Industry Survey und Services oder stand dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfü-
Survey; Berechnungen des IfW Kiel.
gung, etwa wenn Kinder betreut werden muss-
ten. Dies führte zeitweilig zu Abweichungen bei
der Zahl der registrierten Arbeitslosen und derje-
Arbeitsmarkt trotz schwerer Wirt- nigen, die gemäß der Definition der ILO als ar-
schaftskrise weitgehend stabil beitslos eingestuft waren (Eurostat 2021).
Bislang blieb die Lohnentwicklung im Euro-
Arbeitslosigkeit und Beschäftigung sind trotz raum verhalten. Im zweiten Quartal 2021 lagen
der drastischen Produktionseinbrüche ver- die Tarifverdienste 1,7 Prozent über dem Vorjah-
gleichsweise stabil geblieben – nicht zuletzt resquartal. Die effektiv gezahlten Arbeitneh-
durch den Einsatz von Kurzarbeit. Ausgehend merentgelte je Beschäftigten stiegen zwar um 8
von einer Erwerbslosenquote im Euroraum von Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, dies
7,4 Prozent (ohne Deutschland: 9,1 Prozent) im erklärt sich jedoch durch die Rückkehr von Ar-
Februar 2020, ist sie im Spätsommer vergange- beitnehmern aus der Kurzarbeit, bei denen die
nen Jahres bis auf 8,6 Prozent (ohne Deutsch- geleisteten Lohnzahlungen mit der höheren Ar-
land: 10,8 Prozent) geklettert (Abbildung 11). In- beitszeit stiegen, ohne dass die Zahl der Be-
zwischen (Juli 2021) ist sie jedoch wieder auf 7,6 schäftigten davon beeinflusst war. Es handelt
Prozent (ohne Deutschland: 9 Prozent) zurück sich also um eine Gegenbewegung zum Frühjahr
gegangen und liegt damit nahezu auf dem Ni- 2020, als viele Menschen in die Kurzarbeit wech-
veau der Vorkrisenzeit.2 Die Beschäftigtenzahl selten und die Effektivverdienste stark (um
ist im ersten Krisenhalbjahr um insgesamt 3,1 knapp 5 Prozent gegenüber dem Vorjahr) zu-
Prozent gefallen, begann aber im zweiten Halb- rückgingen, und nicht um den Ausweis einer son-
jahr wieder zu steigen; zuletzt lag sie noch 1,3 derlich dynamischen Lohnentwicklung.
2 Bei den länderspezifischen Erwerbslosenraten kam jeweils 0,3 Pp.). Sie wurden dagegen nach oben revi-
es jüngst zu erheblichen Revisionen. Die Quoten wur- diert für Irland (um 2,1 Pp.), Österreich (um 1,7 Pp.),
den substanziell nach unten revidiert für Deutschland Belgien (um 1,4 Pp.) und Frankreich (um 0,5 Pp.).
(um 0,6 Prozentpunkte), Estland und die Slowakei (um
9KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Abbildung 11: Die Schleusen der Geldpolitik blei-
Arbeitslosenquote und Beschäftigung ben weit geöffnet
Prozent Millionen
16 166
Die Europäische Zentralbank reagiert verhal-
Euroraum ohne Deutschland
ten auf die höhere Inflation. Die zuletzt gestie-
14 162
gene Verbraucherpreisinflation ist durch tempo-
räre Sonder- und Basiseffekte gut erklärbar und
liefert damit zum jetzigen Zeitpunkt noch wenig
Euroraum Anlass, mit einem merklich höheren Inflations-
12 158
trend zu rechnen. Die meisten aktuellen Progno-
sen gehen davon aus, dass der Preisdruck im
kommenden Jahr wieder merklich nachlassen
10 154
wird (Beckmann et al. 2021). Eine etwas höhere
zugrunde liegende Teuerungsrate als in den ver-
gangenen Jahren ist zudem ein erklärtes Ziel der
8 150 Geldpolitik, so dass ein Durchwirken der aktuell
Beschäftigung Euroraum erhöhten Inflationsrate über Zweitrundeneffekte
(rechte Skala)
in etwas höhere Inflationserwartungen durchaus
6 146 erwünscht wäre (Schnabel 2021). Die Europäi-
2011 2013 2015 2017 2019 2021
sche Zentralbank hat darüber hinaus jüngst ihre
Monatsdaten, saisonbereinigt. geldpolitische Strategie angepasst. Der für die
Quelle: Eurostat, Arbeitsmarktstatistik; Europäische Zentralbank, Kommunikation etwas ungelenke Zielbereich
Monatsbericht; Berechnungen des IfW Kiel.
von „unter, aber nahe bei zwei Prozent“ wurde
ersetzt durch ein symmetrisches Inflationsziel
von zwei Prozent. Somit würde ein moderates
Die Lohndynamik dürfte sich alsbald bele- Überschreiten dieses Zielwerts zukünftig wohl
ben. Normalerweise gilt zwar, dass im Verlauf über längere Zeit toleriert werden. Die geldpoliti-
und Nachgang von Wirtschaftskrisen die Vertei- schen Rahmenbedingungen dürften nicht we-
lungsspielräume sinken und damit die Aussich- sentlich verändert werden, bis sich ein nachhal-
ten der Arbeitnehmerseite, substanzielle Lohn- tiger Anstieg der Kerninflation über das Inflati-
steigerungen durchzusetzen. Doch ist der Ar- onsziel hinaus abzeichnet, und ein solcher An-
beitsmarkt im Euroraum derzeit von einer im his- stieg ist bislang nicht erkennbar.
torischen Vergleich geringen Arbeitslosenrate
gekennzeichnet sowie – gemäß Unternehmens- Die geldpolitischen Rahmenbedingungen
befragungen – von einer spürbaren Knappheit an bleiben auf absehbare Zeit unverändert. Die
Arbeitskräften, was die Verhandlungsposition Leitzinsen dürften bis zum Ende des Prognose-
der Arbeitnehmer stärkt. Darüber hinaus sorgen zeitraums auf ihren niedrigen Niveaus bleiben,
verschiedene Sonder- und Basiseffekte im lau- auf denen sie seit geraumer Zeit liegen (Abbil-
fenden und im kommenden Jahr für merklich hö- dung 12a). Auch die gezielten längerfristigen Re-
here Preissteigerungsraten auf Verbraucherseite finanzierungsgeschäfte (TLTRO III) und die Net-
als in den Vorjahren. Die damit verbundenen tokäufe im Rahmen des Anleihekaufprogramms
Kaufkraftverluste dürften in den bevorstehenden APP in Höhe von 20 Mrd. Euro pro Monat wer-
Tarifentscheidungen zunehmend Berücksichti- den auf unbestimmte Zeit fortgesetzt, Rückflüsse
gung finden. Insgesamt wird sich die Lohnent- aus fällig werdenden Anleihen werden zudem
wicklung angesichts der absehbaren Überwin- vollumfänglich reinvestiert. Die Käufe im Rah-
dung der Krise, niedriger Arbeitslosenquoten, men des Pandemie-Notfallprogramms (PEPP),
zunehmender Anspannungen am Arbeitsmarkt das einen sehr flexiblen Rahmen für Interventio-
und einer etwas höheren Verbraucherpreisinfla- nen am Anleihemarkt absteckt, sollen in den
tion im Prognosezeitraum wohl allmählich bele- kommenden Monaten von bislang monatlich
ben. rund 80 Mrd. Euro moderat reduziert werden. Die
Laufzeit (bis März 2022) und das Gesamtvolu-
men des Programms (1850 Mrd. Euro) wurden
10KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Abbildung 12:
Monetäre Rahmenbedingungen
Spitzenrefinanzierungssatz
Prozent (a) Geldpolitik und Geldmarktzinsen
Hauptrefinanzierungssatz
6 Einlagesatz
EONIA
Euribor 3m
5
4
3
2
1
0
-1
1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021
(b) Kreditzinsen (c) Kreditvergabe (yoy)
Prozent Prozent
15
6 Nichtfin. Kapitalgesellschaften
Nichtfin. Kapitalgesellschaften
Haushalte Haushalte
5
10
4
3 5
2
0
1
0 -5
2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021
(d) Zinsen auf Staatsanleihen (10y) (e) Geldmengenwachstum (yoy)
M1
Prozent Griechenland Prozent M3
Italien
6 15
Spanien
Portugal
5 Belgien
Finnland
Irland 10
4 Frankreich
Österreich
Niederlande
3
Deutschland
5
2
1
0
0
-1 -5
2016 2017 2018 2019 2020 2021 2007 2009 2011 2013 2015 2017 2019 2021
Monatsdaten. Kreditvergabe und Geldmengenwachstum: Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent. Kreditvergabe: Korrigiert
um Kreditveräußerungen und Verbriefungen. Zinsen auf Staatsanleihen: Anleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit; Griechenland: teil-
weise außerhalb der gewählten Skala.
Quellen: EZB, Composite Cost of Borrowing Indicators, BSI; Refinitiv.
11KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
zunächst unverändert gelassen, die EZB behält mit steigenden Inflationserwartungen auch auf
sich diesbezüglich aber Anpassungen in alle Derivatemärkten – zunächst wieder leicht an, bil-
Richtungen vor. Es ist zu erwarten, dass die An- deten sich aber inzwischen wieder zurück (Abbil-
leihekäufe über das PEPP-Programm im Prog- dung 12d). Für den Prognosezeitraum gehen wir
nosezeitraum zunächst zurückgefahren und von einem nur geringfügigen Anstieg der Zinsen
schließlich – womöglich Mitte kommenden Jah- aus. Die zehnjährigen Bundeswertpapiere, die
res – beendet werden. Abgesehen davon dürften als Referenzwert gelten und gegenwärtig -0,3
die geldpolitischen Rahmenbedingungen vorerst Prozent abwerfen, dürften Ende 2023 mit 0 Pro-
unverändert bleiben, und bei den gegenwärtigen zent rentieren.
Inflationsprognosen gibt es für die EZB auch we-
nig Gründe, unmittelbar zu reagieren. In der mitt-
leren und längeren Frist steigt allerdings die Un- Defizite der öffentlichen Haushalte
sicherheit im Hinblick auf die geldpolitische Aus- bleiben vorerst sehr hoch
richtung.
Die öffentlichen Haushalte sind weiterhin von
Kredite für den Privatsektor sind unverändert der Corona-Pandemie geprägt. Durch die Fort-
günstig. Die Zinsen für nichtfinanzielle Unter- dauer des epidemischen Geschehens haben
nehmen zeigten laut Kreditkostenindikator der viele Regierungen Maßnahmen, die im Jahr
EZB im Juli unverändert ein Niveau von 1,5 Pro- 2020 zur sozialen Sicherung und zur Unterstüt-
zent an, Wohnungsbaukredite blieben stabil bei zung betroffener Unternehmen ergriffen wurden,
1,3 Prozent (Abbildung 12b). Im Zuge der in das Jahr 2021 verlängert. So waren für den
Corona-Krise nahm die Kreditaufnahme der Euroraum insgesamt auch im ersten Quartal die
nichtfinanziellen Unternehmen zunächst sprung- Ausgaben für monetäre Sozialleistungen und
haft zu, wohl insbesondere zur Überbrückung Subventionen ungewöhnlich hoch. Auf der Ein-
von Einnahmeausfällen. Dieser Anstieg ist inzwi- nahmeseite zeigen auch diverse Steuererleich-
schen aus der Vorjahresrate herausgefallen, und terungen ihre Wirkung. Insgesamt ist in den gro-
die Darlehenssumme in diesem Segment lag zu- ßen Volkswirtschaften nicht absehbar, dass sich
letzt nur noch 1,7 Prozent über dem Wert im je- die Budgetsituation bereits im laufenden Jahr
weiligen Vorjahresmonat. Die Kredite an die pri- bessert (Abbildung 13).
vaten Haushalte verzeichneten dagegen etwas
höhere Zuwachsraten von zuletzt 4,2 Prozent Die Finanzpolitik ist im laufenden Jahr über-
(Abbildung 12c). Das Geldmengenwachstum wiegend expansiv ausgerichtet. Neben der
hatte sich mit Ausbruch der Pandemie und den Fortsetzung vieler Corona-Maßnahmen haben
geldpolitischen Maßnahmen zur Stabilisierung insbesondere Italien und Deutschland zusätzli-
der Finanzmärkte stark beschleunigt. Auch zu- che expansive Maßnahmen auf den Weg ge-
letzt legten die Geldmengen M1 (mit knapp 11 bracht, während zugleich in anderen Ländern,
Prozent im Vorjahresvergleich) und M3 (mit 7,5 wie z.B. Spanien, zurückhaltender agiert wird.
Prozent) stark zu (Abbildung 12e). Alle Länder profitieren allerdings zusätzlich von
Zuschüssen der Europäischen Union im Rah-
Die Zinsen auf Staatsanleihen haben sich men des Next-Generation-EU-Programms.
trotz steigender Inflationserwartungen bis- Diese erhöhen zwar nicht das Defizit, erlauben
lang kaum erhöht. Die Zinsen auf Staatsanlei- aber trotzdem höhere Staatsausgaben (Stolzen-
hen im Euroraum verzeichneten bis Ende ver- burg 2021). Die entsprechende Schuldenauf-
gangenen Jahres einen generellen Abwärts- nahme der EU wird den einzelnen Ländern nicht
trend. Auch die Zinsaufschläge gegenüber Bun- zugerechnet.
deswertpapieren nahmen merklich ab. Seit dem
Jahresbeginn stiegen die Zinsen – im Einklang
12KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Abbildung 13:
Unterjährige Entwicklung der Finanzierungssalden in ausgewählten Ländern des Euroraums
Im Jahr 2022 dürfte die Finanzpolitik restriktiv Vorkrisenpfad anschließen kann und einige ex-
ausgerichtet sein. Sofern sich die pandemische pansive finanzpolitische Maßnahmen noch
Situation deutlich bessert, wie in der Prognose nachwirken, werden die Budgetsalden der Vor-
angenommen, werden die noch verbliebenen krise auch im Jahr 2023 in den meisten Ländern
Unterstützungsmaßnahmen auslaufen. Zudem noch nicht wieder erreicht werden. Teilweise
dürfte der konjunkturelle Aufschwung die öffent- dürften die Defizite noch erheblich sein, obwohl
lichen Haushalte entlasten. Für den Euroraum die Zuschüsse des „Next-Generation-EU“-Pro-
insgesamt rechnen wir mit einem Budgetdefizit gramms 2023 in etwa auf dem Vorjahresniveau
von 3,9 Prozent in Relation zum Bruttoinlands- liegen dürften und die Ausgaben der öffentlichen
produkt. Im Euroraum ohne Deutschland liegt Hand in den Mitgliedsländern entsprechend stüt-
dieser Wert mit 4,7 Prozent höher (Tabelle 1). zen. Für den Euroraum rechnen wir mit einem
Defizit von 3,0 Prozent in Relation zum Bruttoin-
Die Defizite nehmen zwar weiter ab, bleiben
landsprodukt (3,9 Prozent in Relation zum Brut-
aber auch im Jahr 2023 auf erhöhtem Niveau.
toinlandsprodukt für den Euroraum ohne
Da die wirtschaftliche Erholung nicht an den
Deutschland).
13KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Tabelle 1: Vergleich zum Vorkrisenstand – noch gedämpft
Budgetsaldo des Staates im Euroraum bleiben wird und die konjunkturelle Erholung vo-
2020 2021 2022 2023
rübergehend an Fahrt verliert. Für den weiteren
Deutschland -4,2 -4,9 -1,7 -0,7
Prognosezeitraum nehmen wir an, dass die
Frankreich -9,2 -8,3 -5,1 -4,5 Corona-Pandemie ab dem Frühjahr 2022 mehr
Italien -9,5 -10,8 -6,0 -4,8 und mehr an Bedeutung verlieren wird, auch in
Spanien -11,0 -7,3 -5,7 -5,0
Niederlande -4,3 -4,3 -2,0 -1,3 der öffentlichen Wahrnehmung, und die wirt-
Belgien -9,4 -7,0 -5,3 -4,6 schaftliche Aktivität ab der Jahresmitte 2022 gar
Österreich -8,9 -7,4 -3,3 -2,7
Irland -5,0 -1,1 -2,8 -1,5 nicht mehr direkt beeinträchtigt wird.
Finnland -5,4 -4,3 -2,2 -1,4
Portugal -5,7 -4,5 -3,3 -2,5 Frühindikatoren deuten auf einen erneut kräf-
Griechenland -9,7 -7,7 -4,2 -3,1
Slowakei -6,2 -6,7 -4,5 -4,9 tigen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts im
Luxemburg -4,1 0,5 -0,7 0,0 dritten Quartal hin. Der Markit-Einkaufsmana-
Slowenien -8,4 -7,6 -5,2 -4,4
Litauen -7,4 -7,3 -6,2 -5,0 gerindex (PMI) hat im August zwar leicht nach-
Lettland -4,5 -6,8 -2,8 -2,3 gegeben, lag mit 59 Punkten aber deutlich ober-
Estland -4,9 -2,7 -3,6 -3,0 halb der Expansionsschwelle von 50 und auch
Zypern -5,7 -4,5 -2,3 -1,8
Malta -10,1 -10,8 -5,9 -4,7 deutlich höher als im Durchschnitt des Vorquar-
tals. Der Economic Sentiment Indicator (ESI) der
Euroraum -7,2 -6,9 -3,9 -3,0
Euroraum ohne Europäischen Kommission ist ausgehend vom
-8,7 -7,7 -4,7 -3,9
Deutschland Rekordniveau aus dem Juli geringfügig auf 117,5
Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt. Punkte zurückgegangen und liegt damit noch im-
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen;
Berechnungen des IfW Kiel; grau hinterlegt: Prognosen mer fast zwei Standardabweichungen oberhalb
des IfW Kiel. des langfristigen Mittelwerts. Beim ESI ist die Un-
ternehmenszuversicht in allen Teilbereichen
deutlich über dem langfristigen Mittel, für Indust-
Ausblick: Langsamere konjunktu- rieunternehmen noch mehr als für Dienstleister,
relle Gangart über den Winter und auch die gemessene Zuversicht auf Ver-
braucherseite ist derzeit höher als vor der Pan-
Für die Prognose ist unterstellt, dass die demie. Die Industrieproduktion (ohne Bau) lag im
Corona-Pandemie auch im bevorstehenden Juli in etwa auf dem Niveau des Jahres 2019 und
Winterhalbjahr noch auf der wirtschaftlichen vollzog über die vergangenen Monate nur einen
Aktivität lastet und die weitere Erholung geringfügigen Anstieg (Abbildung 14). Die Auf-
bremst. Konkret nehmen wir an, dass die Maß- tragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe ha-
nahmen zum Infektionsschutz für Geimpfte zwar ben im selben Zeitraum stark zugelegt und sich
weitestgehend aufgehoben sein werden. Doch somit deutlich von den Produktionszahlen ent-
angesichts der ansteckenderen Delta-Variante, koppelt. Hintergrund dürften Lieferengpässe
der Saisonalität des Virus‘ und der immer noch sein, welche die Produktion offenbar behindern
großen Zahl ungeimpfter Personen in vielen Mit- und eine stärkere Dynamik der industriellen Pro-
gliedsländern dürften die Fallzahlen im Herbst duktion ausbremsen. Die Bauproduktion war in
und Winter wieder steigen. Auch wenn den Ge- etwa auf dem Vorkrisenstand; die Einzelhandel-
sundheitssystemen angesichts hoher Impfquo- sumsätze lagen weiter klar darüber, auch wenn
ten bei den Risikogruppen – anders als während sie im Vergleich zum Vormonat zuletzt nachge-
zurückliegender Infektionswellen – wohl keine geben haben. Insgesamt rechnen wir für das
Überlastung mehr droht, dürften Teile der Bevöl- dritte Quartal mit einem Anstieg der Wirtschafts-
kerung gleichwohl ihr Konsumverhalten so ge- leistung im Euroraum um 2,1 Prozent.
stalten, dass Infektionsrisiken vermieden wer-
den. Gleichzeitig dürfte der Zugang zu einigen Die konsumbezogene Mobilität hat sich auf
gesellschaftlichen Aktivitäten für Ungeimpfte einem hohen Niveau eingependelt. Die Mobili-
vielerorts mit zusätzlichen Hürden versehen tät in den Bereichen Einzelhandel und Freizeit-
sein. Beides führt dazu, dass die wirtschaftliche einrichtungen hat sich seit dem Frühjahr merklich
Aktivität gerade in den kontaktintensiven Wirt- gesteigert und lag über die zurückliegenden
schaftsbereichen über das Winterhalbjahr – im
14KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Abbildung 14: Sommermonate hinweg erkennbar höher als
Konjunkturindikatoren zum selben Zeitraum im Vorjahr und ungefähr so
2019 = 100 Industrieproduktion hoch wie im Vergleichszeitraum vor Ausbruch
Neue Aufträge (Verarb. Gew.)
120 der Pandemie (Abbildung 15). Der Anstieg der
Bauproduktion
Einzelhandelsumsatz
konsumbezogenen Mobilität im Vergleich zum
110 Vorquartal lässt einen erneut kräftigen Anstieg
des privaten Verbrauchs erwarten. Er dürfte im
100
Winter allerdings zunächst nur noch moderat zu-
legen, da die Infektionsgefahr in Innenräumen
dann eine stärkere Rolle spielt und eine vollstän-
90
dige Normalisierung des Konsumverhaltens er-
schwert wird; kräftige Zuwachsraten sind wieder
80 im kommenden Frühjahr und Sommer zu erwar-
ten (Tabelle 2). Dabei dürfte die Konsumentwick-
70 lung auch durch aufgestaute Kaufkraft unter-
stützt werden, die sich im Verlauf der Krise in er-
heblichem Umfang angesammelt hat (Abbildung
60
7 8 9 101112 1 2 3 4 5 6 7 8 9 101112 1 2 3 4 5 6 7 8 5 auf Seite 6).
2019 2020 2021
Monatsdaten, saisonbereinigt. Industrieproduktion: ohne Bau.
Einzelhandelsumsatz: deflationiert
Quelle: Eurostat, Konjunkturstatistik; Berechnungen des IfW
Kiel.
Abbildung 15:
Konsumbezogene Mobilität in ausgewählten Ländern
Prozent DEU FRA ITA ESP NLD
0
-20
-40
-60
-80
-100
1.1.2020 1.4.2020 1.7.2020 1.10.2020 1.1.2021 1.4.2021 1.7.2021 1.10.2021
Tagesdaten, Einzelhandel und Freizeiteinrichtungen, Abweichung ggü. gleichem Wochentag im Zeitraum Januar bis Februar.
Quelle: Google Covid-19 Mobility Report.
15KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Tabelle 2:
Eckdaten zur Konjunktur im Euroraum
2021 2022 2023 Jahresraten
I II III IV I II III IV I II III IV 2020 2021 2022 2023
Bruttoinlandsprodukt -0,3 2,2 2,1 0,5 0,7 1,2 1,1 0,6 0,5 0,4 0,4 0,4 -6,5 5,1 4,4 2,4
Inländische Verwendung -0,4 2,3 2,3 0,6 0,6 1,3 1,2 0,6 0,5 0,4 0,4 0,4 -6,3 3,9 4,5 2,5
Privater Verbrauch -2,1 3,7 3,6 0,6 0,6 1,7 1,5 0,5 0,4 0,4 0,3 0,3 -8,0 3,4 6,0 2,5
Staatsverbrauch -0,5 1,2 0,3 0,1 0,0 0,1 0,3 0,3 0,3 0,3 0,3 0,3 1,4 3,2 0,8 1,1
Anlageinvestitionen -0,2 1,1 1,3 1,0 1,2 1,4 1,3 1,1 0,8 0,7 0,7 0,7 -7,5 4,4 5,0 3,7
Vorratsänderungen 0,8 -0,2 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 -0,5 0,3 0,0 0,0
Außenbeitrag 0,1 0,0 -0,1 0,0 0,1 0,0 -0,1 0,0 0,0 0,0 0,0 0,0 -0,3 1,2 0,0 0,0
Exporte 0,7 2,2 2,1 1,0 1,3 1,4 1,1 1,1 1,0 1,0 1,0 1,0 -9,3 9,2 5,7 4,2
Importe 0,4 2,3 2,5 1,2 1,2 1,5 1,4 1,1 1,0 1,1 1,0 1,0 -9,2 7,0 6,1 4,6
Bruttoinlandsprodukt: kalender-, preis- und saisonbereinigt; Quartalswerte: Veränderung gegenüber dem Vorquartal (Pro-
zent); Jahreswerte: preis- und kalenderbereinigt, Veränderung gegenüber dem Vorjahr (Prozent). — Vorratsveränderung,
Außenbeitrag: Beitrag zur Veränderungsrate des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts in Prozentpunkten, saisonbereinigt.
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen; eigene Berechnungen; grau hinterlegt: Prognose des IfW Kiel.
Anlageinvestitionen und Dienstleistungshan- Produktionsentwicklung. Ab dem Frühjahr 2022
del legen im Prognosezeitraum überproporti- rechnen wir mit wieder kräftigeren Zuwächsen.
onal zu, der Staatskonsum dagegen unter- Die unterjährigen Produktionszuwächse im Jahr
durchschnittlich. Die Investitionstätigkeit dürfte 2023 liegen dann schließlich kaum noch über der
sich angesichts gleichbleibend günstiger Finan- Potenzialrate. Das Vorkrisenniveau der Wirt-
zierungsbedingungen und aufgrund von unter- schaftsleistung im Euroraum wird nach dieser
bliebenen Investitionen während der Krisenzeit – Prognose im ersten Quartal 2022 überschritten,
Stichwort Nachholeffekte – weiter steigern. Im in einzelnen Mitgliedsländern etwas später (Ta-
Verlauf des kommenden Jahres wird wohl auch belle 3).
der Dienstleistungshandel die Krise mit kräftigen
Zuwächsen hinter sich lassen, während der Wa-
Abbildung 16:
renhandel weiterhin von der moderaten Auswei-
Bruttoinlandsprodukt: Euroraum ohne Deutschland
tung des Welthandels profitieren dürfte. Vom
Index (2015 = 100) Prozent
Staatskonsum sind dagegen nur wenig zusätzli-
115 15
che Impulse zu erwarten, da dieser im Vorjahr Veränderung
Niveau
schon merklich ausgeweitet wurde.
110 10
Im Jahr 2021 wird der Produktionsanstieg
wohl bei 5,1 Prozent liegen, im den Jahren 105 5
2022 und 2023 erwarten wir Zuwächse um 4,4
Prozent und 2,4 Prozent (Abbildung 1 auf Seite 100 0
3). Der Anstieg der Wirtschaftsleistung im laufen-
den Jahr wird dabei im übrigen Euroraum etwas 95 -5
größer sein als in Deutschland, da der vorange-
gangene Einbruch der Wirtschaftsleistung auch 90 -10
stärker war (Abbildung 16). Damit haben wir un-
sere Einschätzung aus der Sommerprognose 1,7 -7,0 6,0 4,1 2,3
85 -15
(Gern et al. 2021) für den Anstieg des Bruttoin- I II III IV I II III IV I II III IV I II III IV I II III IV
landsprodukts im Jahr 2022 unverändert gelas- 2019 2020 2021 2022 2023
sen und im laufenden Jahr um zwei Zehntel re-
Quartalsdaten, preis-, kalender- und saisonbereinigt,
duziert. Die Abwärtsrevision liegt zum einen da- Veränderung gegenüber dem Vorquartal (rechte Skala).
ran, dass die Corona-Pandemie entgegen der Gerahmt: Jahresdaten, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in
Prozent.
vorherigen Annahmen wohl auch im kommen-
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechungen. grau
den Winter noch eine Rolle spielen wird. Zum an- hinterlegt: Prognose des IfW Kiel.
deren bremsen Lieferengpässe derzeit die
16KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Die Verbraucherpreisinflation dürfte im kom- Jahresdurchschnitt 2021 wohl um 2,2 Prozent,
menden Jahr wieder auf unter zwei Prozent im kommenden Jahr um 1,9 Prozent und im Jahr
zurückgehen. Basiseffekte vonseiten der Ener- 2023 um 1,7 Prozent steigen. Dabei nehmen wir
giepreise und weitere temporäre Sondereffekte für den Ölpreis der Sorte Brent an, dass dieser
begünstigen bis zum Jahresende eine Inflations- im Prognosezeitraum ausgehend vom derzeiti-
rate von über 3 Prozent im Vorjahresvergleich. gen Niveau im Verlauf des kommenden Jahres
Im Verlauf der ersten Jahreshälfte laufen diese auf 65 US-Dollar zurückgeht, anschließend wie-
Sonder- und Basiseffekte aus, was einen merkli- der langsam steigt und im Jahresdurchschnitt
chen Rückgang der Inflationsrate auf etwa ein- 2023 bei rund 66 US-Dollar liegen wird. Zudem
einhalb Prozent zur Folge haben wird. Im Gegen- unterstellen wir eine Konstanz der Wechsel-
zug dürften jedoch allmählich die zuletzt stark kurse.
gestiegenen Produzentenpreise, etwa für Zwi-
Die Arbeitslosigkeit dürfte im Prognosezeit-
schenprodukte und diverse Rohstoffe, zum Teil
raum auf neue Tiefststände sinken. Die Er-
an die Konsumenten weitergereicht werden (Ab-
werbslosenquote im Euroraum wird im Durch-
bildung 17). Dabei besteht allerdings erhebliche
schnitt des Jahres 2021 wohl bei 7,6 Prozent lie-
Unsicherheit hinsichtlich der Verzögerungszeit
gen und in den Folgejahren auf 6,8 Prozent
und der tatsächlichen Weitergabe dieser Kosten
(2022) und 6,4 Prozent (2023) fallen. Damit sinkt
(„pass-through“). Letzteres hängt von zahlrei-
sie im Prognosezeitraum voraussichtlich auf den
chen Parametern ab, etwa der jeweiligen Kapa-
niedrigsten Stand seit Bestehen der Währungs-
zitätsauslastung, den Lagerbeständen, dem
union. Im Euroraum ohne Deutschland fällt die
Wettbewerbsumfeld, und wohl auch der Dauer-
Erwerbslosenquote von 9,0 Prozent im laufen-
haftigkeit des Preisanstiegs auf Produzenten-
den Jahr auf 8,1 Prozent im Jahr 2022 und 7,6
seite (Koester et al., 2021). Zudem werden die
Prozent im Jahr 2023.
Löhne im Euroraum dann wohl etwas stärker zu-
legen, was sich insbesondere bei den Preisen
von Dienstleistungen bemerkbar machen wird.
Insgesamt werden die Verbraucherpreise im
Abbildung 17:
Produzentenpreise
Alle Industriegüter (ohne Energie)
Prozent Kapitalgüter
Gebrauchsgüter
Verbrauchsgüter
Zwischenprodukte
15
10
5
0
-5
-10
2006 2009 2012 2015 2018 2021
Monatsdaten, saisonbereinigt.
Quelle: EZB, Monatsbericht; Berechnungen des IfW Kiel.
17KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
Tabelle 3:
Bruttoinlandsprodukt, Verbraucherpreise und Arbeitslosenquote in den Ländern des Euroraums
Gewicht Bruttoinlandsprodukt Verbraucherpreise Arbeitslosenquote
2020 2021 2022 2023 2020 2021 2022 2023 2020 2021 2022 2023
Deutschland* 29,6 -4,9 2,6 5,2 2,5 0,4 2,9 2,5 1,9 3,8 3,6 3,1 3,0
Frankreich 20,2 -8,0 6,1 3,7 2,3 0,5 2,0 1,7 1,5 8,0 7,9 7,5 7,2
Italien 14,5 -8,9 6,2 4,2 2,1 -0,1 1,6 1,3 1,3 9,3 9,6 8,9 8,5
Spanien 9,8 -10,8 6,4 6,0 3,0 -0,3 2,4 1,8 1,8 15,5 14,7 12,9 11,8
Niederlande 7,0 -3,8 3,8 2,9 1,8 1,1 1,9 1,8 1,7 3,8 3,2 2,8 2,7
Belgien 4,0 -6,3 5,7 3,2 1,9 0,4 1,9 1,8 1,8 5,6 6,0 5,1 4,8
Österreich 3,3 -6,3 3,6 3,3 1,8 1,4 2,6 1,7 1,7 6,0 6,3 4,9 4,4
Irland 3,3 5,8 13,9 3,9 3,2 -0,5 1,5 1,6 1,5 5,9 6,7 5,0 4,4
Finnland 2,1 -2,9 3,6 2,7 1,8 0,4 1,8 1,7 1,8 7,7 7,7 6,7 6,4
Portugal 1,8 -7,6 4,4 5,6 2,8 -0,1 1,0 2,0 1,7 7,1 6,7 6,2 5,9
Griechenland 1,5 -7,8 8,9 3,9 3,0 -1,3 0,0 2,3 1,9 16,4 15,1 13,0 12,0
Slowakei 0,8 -4,8 4,1 4,0 3,0 2,0 2,3 1,7 1,8 6,7 6,6 5,7 5,3
Luxemburg 0,6 -1,3 6,2 1,8 2,1 0,0 2,8 2,3 2,0 6,7 5,9 5,4 5,3
Slowenien 0,4 -4,8 7,0 3,6 2,8 -0,3 1,5 1,8 1,9 5,0 4,3 3,6 3,4
Litauen 0,4 -0,8 4,8 3,1 3,1 1,1 3,0 2,4 2,4 8,5 7,3 6,3 6,0
Lettland 0,3 -3,6 4,8 4,1 3,1 1,1 3,0 2,4 2,4 8,1 7,4 6,3 6,0
Estland 0,2 -2,7 9,8 3,9 3,1 0,1 2,0 2,1 2,1 6,8 6,4 5,0 4,5
Zypern 0,2 -5,1 4,2 3,6 2,8 -0,6 2,8 2,4 2,3 7,6 7,5 6,0 5,0
Malta 0,1 -8,2 6,7 4,8 3,2 -1,1 1,8 2,1 1,7 4,4 3,5 3,0 2,9
Euroraum 100,0 -6,4 5,1 4,4 2,4 0,3 2,2 1,9 1,7 7,8 7,6 6,8 6,4
Euroraum ohne Deutschland 70,4 -7,0 6,0 4,1 2,3 0,2 1,9 1,7 1,6 9,2 9,0 8,1 7,6
Gewicht: auf der Grundlage des Bruttoinlandsprodukts zu Preisen und Wechselkursen von 2020 (Prozent). — Bruttoinlands-
produkt: preis- und kalenderbereinigt, Veränderung gegenüber dem Vorjahr (Prozent). — Verbraucherpreise: Veränderung
gegenüber dem Vorjahr (Prozent), harmonisierter Verbraucherpreisindex (HVPI). — Arbeitslosenquote: standardisiert nach
dem ILO-Konzept (Prozent), Ländergruppen gewichtet auf der Grundlage der Erwerbspersonenzahl von 2020. * Die Zahlen
weichen von denen im Deutschland-Konjunkturbericht ab, da dort die BIP-Zuwachsraten als Ursprungswerte berichtet werden
(statt kalenderbereinigten Werten), Verbraucherpreise nach CPI-Abgrenzung (statt HVPI) sowie Arbeitslosenquoten nach De-
finition der Bundesagentur für Arbeit (statt ILO).
Quelle: Eurostat, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen; eigene Berechnungen; grau hinterlegt: Prognose des IfW Kiel.
18KIELER KONJUNKTURBERICHTE NR. 82 (2021|Q3)
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