Ölpreis und Demokratie - WeltWirtschaft

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Ölpreis und Demokratie - WeltWirtschaft
Weltwirtschaft           z

Ölpreis und Demokratie
Der aktuelle Preis des Erdöls ist nicht wirklich zu hoch; er war
­jahrzehntelang zu niedrig, weil fundamentale Marktmechanismen
 in ihrer Wirkung blockiert waren. Das ist letztlich auf einen
 Mangel an Demokratie in den Ölförderländern zurückzuführen.

Von Mohssen Massarrat                         theorie vorausgesagt hätte. Dieses unrea­         Wodurch wird der Preis des Erdöls

E
                                              listisch niedrige Niveau, das die genann­     bestimmt? Durch Angebot und Nachfra­
          rdöl ist das mit Abstand bedeu­     ten Fehlentwicklungen ausgelöst hat, ist      ge, ist die erste Antwort der Wirtschafts­
          tendste strategische Gut der        vorrangig durch politische Faktoren zu        wissenschaft. Das ist richtig, hilft aber
          Welt. Die Wirtschaft der Indus­     erklären. Insbesondere haben die Indus­       nicht wirklich weiter. Es kommt darauf
          trieländer ist auf Gedeih und       trieländer politisch Einfluss auf die Prei­   an, wie die Anbieter von Öl ihre Preis­
Verderb von diesem Rohstoff abhängig;         sentwicklung genommen, und die Inter­         forderungen bestimmen und am Markt
ihre energieintensive Wirtschaftsweise ist    essen der Eliten in den Ölförderländern       durchsetzen. Die – stark ansteigende –
weder auf den Rest der Welt noch auf          des Mittleren Ostens waren weit von de­       Nachfrage dagegen hätte eigentlich die
die Zukunft übertragbar, und die Desta­       nen ihrer Bevölkerungen entfernt. (Die        Preise in die Höhe treiben müssen. Sie
bilisierung des Weltklimas ist wesentlich     überkommene Bezeichnung »Naher Os­            tat es nicht, weil die Nachfrager die Prei­
durch die Verfeuerung fossiler Brenn­         ten« wird zunehmend durch »Mittlerer          se mit nichtökonomischen Mitteln nied­
stoffe verursacht. All diese Entwicklun­      Osten« abgelöst.) In diesem Artikel will      rig hielten.
gen sind auf einen einzigen Zahlenwert        ich eine Theorie des Ölpreises vorstellen,        In einem funktionierenden Markt
zurückzuführen: den Ölpreis.                  die diese politischen Faktoren mit einbe­     wird der jeweils aktuelle Ölpreis nicht
     Über Jahrzehnte hinweg lag dieser        zieht. Unversehens wird die Frage nach        durch die billigste, s ondern durch die
Preis weit unter dem, was die – richtig       der Zukunft der Energiewirtschaft zu ei­      teuerste Sorte Öl reguliert: Er entspricht
interpretierte – neoklassische Wirtschafts­   ner Frage nach der Demokratisierung.          den Kosten und Gewinnerwartungen

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                                                                                                                       Q
Ölpreis und Demokratie - WeltWirtschaft
Avenue Images / Index Stock, Henry Fichner

des so genannten Grenzanbieters; das ist      faire Preise, weil dabei die Waren zu ih­          Am Ölgeschäft ist alles groß, auch
derjenige Anbieter, der mit seinen Prei­      ren wirklichen Werten verkauft werden.      o      die Industrieanlagen – so groß,
sen so hoch liegt, dass er gerade noch            Bei vollkommenem Wettbewerb und         dass der Weltmarktpreis merklich anstieg,
nicht aus dem Markt ausscheidet. Man          steigender Nachfrage, aber gleichbleiben­   als diese Raffinerie in New Orleans in den
spricht von Grenzkosten (marginal costs)      der Technologie und sinkender Natur­        Fluten des Hurrikans »Katrina« versank.
für gerade noch realisierte Geschäfte. So­    produktivität steigen in der Regel die
wie die kostengünstig nutzbaren Ölquel­       Ressourcenpreise.
len wegen Erschöpfung oder zu hoher               Allerdings wird kein Anbieter sich
Nachfrage den Bedarf nicht mehr de­           mit einem Preis zufrieden geben, der nur    zeichnet, da sie im Wesentlichen in Form
cken können, wird es rentabel, neue,          die Förderkosten deckt. Unter kapitalis­    der Pacht auftrat, die der Nutzer von
kostenaufwändige Ölquellen, zum Bei­          tischen Bedingungen nehmen alle er­         Acker- oder Weideland an den Grund­
spiel in der Nordsee und in Alaska oder       schöpfbaren Güter, also auch das Öl,        stückseigentümer zu zahlen hat. Die Öl
Ölsandfelder in Kanada, zu erschließen.       Warenform an und werden als Anlage­         produzierenden Staaten am Persischen
Entsprechend steigt der Marktpreis.           kapital handelbar, noch bevor sie aus       Golf verdanken ihre vergleichsweise ho­
    In dem neoklassischen Modell des          dem Boden herausgeholt werden.              hen Renteneinnahmen der besonders
funktionierenden Marktes herrscht voll­                                                   hohen natürlichen Produktivität der Öl­
kommene Konkurrenz sowohl unter den           Lohn des Besitzers: die Ölrente             quellen, die sehr niedrige Produktions­
Anbietern als auch unter den Konsumen­        Der Eigentümer einer Ölquelle kann          kosten verursachen.
ten. Das bedeutet insbesondere, dass je­      kraft seines Monopols, einerlei ob er           Warum aber gibt es unter vollkom­
der Marktakteur die Freiheit hat, seinen      selbst das Öl fördert oder das anderen      mener Konkurrenz überhaupt eine Öl­
individuellen Grenznutzen zu maximie­         überlässt, als Gegenleistung für die Nut­   rente? Warum verzichtet ein etwas zu
ren; unter dieser Voraussetzung stellt sich   zung seines Kapitals eine Rente verlan­     teurer Anbieter nicht auf diesen Zu­
das – volkswirtschaftlich erwünschte –        gen; deren Höhe wird durch das Gesetz       schlag zu den Produktionskosten und
»Marktgleichgewicht« ein, in dem die          von Angebot und Nachfrage bestimmt.         nimmt stattdessen in Kauf, überhaupt
Gesamtkosten minimiert werden. Voll­              Diesen Marktmechanismus haben           kein Geschäft zu machen? Weil er mit
kommene Konkurrenz setzt also voraus,         schon die Klassiker wie David Ricardo       gutem Grund hoffen kann, in der Zu­
dass alle Marktteilnehmer souverän han­       (1772 – 1823) und Karl Marx (1818 –         kunft ein besseres Geschäft zu machen.
deln, mögen sie Individuen, Kleinfir­         1883) theoretisch erfasst und überzeu­      Öl im Boden ist eine Form von Kapital.
men, multinationale Konzerne oder aber        gend nachgewiesen. In der Literatur         Es bringt Zinsen in dem Sinn, dass es in
Staaten sein. Die Gleichgewichtspreise        (zum Beispiel bei Marx in »Das Kapital«,    der Zukunft – wahrscheinlich – einen
(Kasten nächste Seite), die sich unter        3. Band, 6. Abschnitt) wird die genannte    höheren Preis erzielen wird als heute.
diesen Bedingungen einstellen, sind auch      Rente allgemein als »Grundrente« be­        Unterstellen wir, dass der Ölbesitzer auf

Spektrum der Wissenschaft  November 2006
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                            die Einnahmen aus dem Ölgeschäft
                            nicht unmittelbar angewiesen ist. Dann
                                                                         nentiell und mindestens so stark wie der
                                                                         Wert einer Geldkapitalanlage. Das ist
                                                                                                                       zunehmender Nachfrage und entspre­
                                                                                                                       chend zunehmender Grenzkosten bis
                            kann er das Öl – ausreichende Förderka­      der Inhalt einer These, die 1931 der          1905 wieder zu steigen. Mit der Entde­
                            pazitäten vorausgesetzt – entweder sofort    amerikanische Ökonom Harold Hotel­            ckung neuer Ölquellen am Ende des 19.
                            aus dem Boden holen und den Erlös auf        ling (1895 – 1973) aufstellte.                Jahrhunderts gab es einen neuen Preis­
                            den internationalen Finanzmärkten anle­          Mit den klassischen Ansätzen von          verfall, der durch einen anschließenden
                            gen; oder er kann die Produktion in Er­      Ricardo und Marx in eine systematische        Anstieg wieder kompensiert wurde.
                            wartung steigender Marktpreise auf ei­       Beziehung gesetzt, liefert sie eine schlüs­        Ab 1920 wurde Öl auch außerhalb
                            nen späteren Zeitpunkt verschieben.          sige Theorie des Ölpreises, die auch em­      der Vereinigten Staaten produziert und
                                Bei hohen Zinsraten auf den Finanz­      pirisch belegbar ist – allerdings zunächst    zu einer Weltmarktware. Dieses Datum
                            märkten ist die erste Alternative profi­     nur für die erste Phase in der Geschichte     markiert den Wendepunkt des Ölpreis­
                            tabler, bei niedrigen Zinsen die zweite.     des Ölsektors, die vom Beginn der Öl­         trends: Die Ölpreise sinken kontinuier­
                            Dieses plausible Optimierungsverhalten       produktion 1861 bis etwa 1920 reicht          lich, teils wegen der Entwicklung neuer
                            zwingt die Anbieter von erschöpfbaren        (Grafik S. 58). Während dieser Zeit wur­      Technologien, vor allem aber wegen der
                            Rohstoffen wie Öl – wiederum funktio­        de Öl hauptsächlich in den Vereinigten        Entdeckung neuer und hochproduktiver
                            nierende Märkte vorausgesetzt – grund­       Staaten produziert und verbraucht. In         Ölfelder im Mittleren Osten, und stabi­
                            sätzlich zu einer Angebotszurückhaltung.     der Tat sank nach den ersten Entdeckun­       lisieren sich auf dem niedrigen Niveau
                            Wenn die Anbieter in diesem Sinn ihren       gen in den USA der Ölpreis zwischen           von 1 bis 2 Dollar pro Barrel. Fast ein
                            Profit optimieren, müssen generell die       1861 und 1880 zunächst rapide durch           halbes Jahrhundert lang, bis 1974, bleibt
                            Marktpreise von erschöpfbaren Rohstof­       die Entwicklung neuer Bohr- und Ge­           der von Hotelling postulierte erneute
                            fen langfristig steigen, und zwar expo­      winnungstechnologien, um dann infolge         Anstieg der Preise aus, obwohl die Öl­

                        Angebot und Nachfrage – die klassische Theorie
                            Verschiedene Anbieter können das auf einem Markt gehandelte       Wenn es sich jedoch um einen Bodenschatz handelt, wird er
                            Gut zu verschiedenen Kosten produzieren; so gibt es mehr          darüber hinaus eine so genannte Grundrente – in unserem Zu-
                            oder weniger leicht erschließbare Ölquellen. Man sortiert die     sammenhang: Ölrente – fordern. Dadurch verschiebt sich die
                            Anbieter vom billigsten zum teuersten und erhält die Angebots-    Angebotskurve A nach oben zu A’. Der Gleichgewichtspunkt
                            kurve A. Diese Kurve ist entgegen der üblichen Ableseweise zu     wandert von G nach G’, die insgesamt gehandelte Menge sinkt
                            interpretieren: Zu jedem Preis P gibt sie die Menge M an, die     von M auf M ’, der Gleichgewichtspreis steigt von P auf P ’, der
                            zu diesem Preis auf dem Markt verfügbar ist; das heißt, wenn      bisher teuerste Anbieter scheidet aus dem Markt aus. Der nun-
                            man alle Anbieter zusammennimmt, die zum Preis P oder billi-      mehr teuerste Anbieter kassiert die »absolute Rente« und alle
                            ger zu verkaufen bereit sind, kommt die Menge M zu Stande.        anderen darüber hinaus die »Differenzialrente«.
                               Entsprechend gibt es eine Nachfragekurve N : Je höher der
                            Preis, desto weniger Interessenten sind bereit, zu diesem Preis   Der Begriff »Erschöpfbarkeit«, der in der Preistheorie von Harold
                            zu kaufen. Ein Punkt auf der Kurve N kennzeichnet die Menge,      Hotelling eine zentrale Rolle einnimmt, ist nicht unproble­
                            die zu einem gegebenen Preis P ihre Käufer finden würde.          matisch. Im 18. und 19. Jahrhundert drohte Kohle als Energie-
                               Der Schnittpunkt von Angebots- und Nachfragekurve ist der      träger sich zu erschöpfen; heute ist von Kohleknappheit nicht
                            Gleichgewichtspreis. Auf diesen Wert pendelt sich bei vollkom-    mehr die Rede, weil wir es vorziehen, Energie aus der Ver­
                            menem Wettbewerb der Preis ein. Es handelt sich um den            brennung von Öl statt Kohle zu gewinnen. Wenn künftige
                            Preis, zu dem der teuerste Anbieter, der überhaupt zum Zuge       Generationen auf regenerative Energiequellen umsteigen –
                            kommt, noch zu verkaufen bereit ist.                              was uns heute als Ausweg aus dem globalen Klimaproblem
                               Diese Darstellung gilt unter der Voraussetzung, dass jeder     dringend geboten erscheint –, dann werden die Ölvorräte für
                            Anbieter sich mit seinen Produktionskosten zufrieden gibt.        die dann noch verbleibenden Verwendungen vielleicht sehr
                                                                                              reichlich sein.
                                                           N
                                                                                                 Gleichwohl ist es richtig, heute Öl als erschöpfbare Ressour-
                              Preis

                                                                         A’          A        ce anzusehen. Wir wissen ja noch nicht, wann die Technolo-
                                                                                              gien, die uns von der Abhängigkeit vom Öl befreien sollen, in
                                                                                              großem Maßstab auf den Markt kommen werden. Unter die-
                                                                G’                            ser Unsicherheit ist es für jeden Ölanbieter vernünftig zu er-
                                  P’
                                       Differenzialrente                G                     warten, dass das Öl unter seinen Füßen wegen zunehmender
                                  P                                                           Knappheit im Preis steigen wird. Auf diesem Weg sind die
                                                                                              Nachfrager der Zukunft zwar nicht leibhaftig, aber im Effekt auf
Spektrum der Wissenschaft

                                        absolute Rente                                        dem Markt präsent, weil nämlich die Anbieter der Gegenwart
                                                                                              bereits mit ihnen rechnen.
                                                                                                 Nur bei der unerschöpflichen Ressource Sonnenenergie
                                                                                              würde es weder Eigentum noch Knappheitsrente geben – und
                                                                M’      M       Menge         keinen Grund, um ihre Nutzung Kriege zu führen.

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                                                                                                                                                  Q
nachfrage in diesem Zeitraum weltweit
auf das Vierzehnfache gestiegen ist.
    Auf Grund dieser empirischen Fak­
ten, die auch bei anderen Rohstoffen zu                             Aus urheberrechtlichen Gründen
beobachten waren, hielt die neoklassi­                              können wir Ihnen die Bilder leider
sche Schule die Hotelling-Theorie für                               nicht online zeigen.
widerlegt. Der amerikanische Ökonom
Robert Solow (Wirtschaftsnobelpreis
1987, siehe Spektrum der Wissenschaft
12/1987, S. 22) ging 1974 in einem viel
beachteten Artikel noch darüber hinaus:
Natürliche Ressourcen seien im Prinzip
unerschöpflich. Diese These lieferte die
Rechtfertigung für die Fortsetzung des
ungezügelten, verschwenderischen Kon­
sums fossiler Energien. Sie war ange­
sichts der ökologischen Folgen unverant­
wortlich und hat sich schließlich als eine
grandiose Fehleinschätzung erwiesen.         chern, um anschließend den Erlös auf                Selbst die niedrigen Ölpreise be-
    Welches waren aber die tatsächlichen     den internationalen Finanzmärkten an­         o     scheren den Eliten der Förderlän-
Gründe für die sinkenden Ölpreise, die       zulegen. Damit entzogen die Ölkonzerne        der noch aberwitzig hohe Einnahmen:
den Lauf der Geschichte und die ener­        der Hotelling-Regel die Grundlage.            Gold ist Massenware in diesem Geschäft
gieintensiven Konsum- und Produkti­              Die starke Konkurrenz um die Ver­         in Bahrain.
onsmuster in den kapitalistischen Staa­      wandlung des mit geringem Aufwand
ten entscheidend prägten? Solow hatte in     geförderten Öls in Geldkapital machte
seinem Artikel übersehen, dass zum Zeit­     einerseits die Ölmultis zu den finanz­
punkt der Globalisierung der Ölindus­        kräftigsten Konzernen der Welt, rief an­      Konsumenten, zu Lasten der eige­nen Be­
trie noch mehr als drei Viertel der Welt­    dererseits aber eine permanente Über­         völkerung und künftiger Generationen,
bevölkerung im vorindustriellen Zeital­      produktion mit Dumpingpreisen von 1           mit verhängnisvollen Folgen für die Zu­
ter lebten – und daher auf den Märkten       bis 2 Dollar pro Barrel hervor (Grafik        kunft der Menschheit und die Stabilität
nicht als Konsumenten in Erscheinung         nächste Seite). Während die Ölschwem­         des globalen Klimas.
traten – und dass das Überangebot des        me aus dem Mittleren Osten zum                    Stellt man sich auf den – plausiblen –
Öls aus dem Persischen Golf nur eine         Grundstein des Massenkonsums und des          Standpunkt, dass das Erdöl eigentlich
vorübergehende Erscheinung war. Der          Wirtschaftswachstums in den USA und           das Erbe der Menschheit und nur durch
entscheidende Grund ist jedoch, dass         Europa wurde, verloren Völker ganzer          Zufall in den Besitz weniger Staaten ge­
eine wesentliche Voraussetzung für einen     Regionen unwiederbringlich einen Teil         raten ist, so ist es nicht eine Minderheit,
vollkommenen Markt nicht erfüllt war:        ihres natürlichen Reichtums.                  welche die Mehrheit subventioniert; viel­
die Souveränität der Akteure.                                                              mehr subventioniert die ganze Mensch­
    Die Öleigentümerstaaten des Südens       Dumpingpreise sind Subventionen               heit einen zahlenmäßig relativ geringen
hatten die Kontrolle über ihre Ölquellen     Die Eliten der Ölstaaten ließen sich von      Teil ihrer selbst, den man beim besten
bis Anfang der 1970er Jahre buchstäb­        den Ölkonzernen Verträge zur uneinge­         Willen nicht als ökonomisch schwach
lich an eine Hand voll multinationaler       schränkten Ölausbeutung abtrotzen, weil       bezeichnen kann.
Ölkonzerne übertragen, in der Regel ge­      sie sich ausschließlich von ihren eigenen         Diese Fehlentwicklung war schon
gen eine vernachlässigbare Gewinnbetei­      kurzfristigen Partialinteressen leiten lie­   Mitte des 20. Jahrhunderts erkennbar.
ligung von 10 bis 20 Prozent. Damit          ßen und weder zum Wohl ihrer Völker           Durchaus nicht zufällig setzte 1951 die
übernahmen wirkungsmächtige Akteure          noch zum Wohl künftiger Generatio­nen         erste demokratisch gewählte Regierung
der Nachfrageseite das Kommando über         handelten. Demokratisch legitimierte Eli­     des gesamten Mittleren Ostens, die des
das Angebot und konnten so das An­           ten hätten derartigen Verträgen höchst­       iranischen Ministerpräsidenten Moham­
bieterverhalten im Interesse der Nachfra­    wahrscheinlich nicht zugestimmt.              med Mossadegh (1882 – 1967), sich die
geseite, das heißt der Industriestaaten,         Dumpingpreise sind in der Regel           Nationalisierung der Ölindustrie zum
manipulieren. Da die Ölmultis fürchten       Subventionen und dienen – als kurzfris­       Hauptziel. Damit wurde sie zum ersten
mussten, dass die unfairen Verträge nicht    tige Transferleistungen der Mehrheit der      souverän handelnden Akteur aus dem
von langer Dauer sein würden, hatten sie     Bevölkerung an eine bevorzugte Minder­        Mittleren Osten auf dem internationalen
wenig Anlass, Gewinne aus künftiger          heit – der gezielten Förderung ökono­         Ölmarkt. Sie hätte schon damals andere
Verwertung des Öls gegen die unmittel­       misch schwacher Sektoren einer Volks­         Völker zum Nachahmen animiert, viel­
baren Gewinne abzuwägen. Also holten         wirtschaft. Dagegen ist der Dumping­          leicht sogar eine Demokratisierungswelle
sie über beinahe vier Dekaden und ohne       preis für Öl nichts anderes als eine gigan­   in der gesamten Region ausgelöst, wäre
Rücksicht auf ökonomische und geolo­         tische Subventionierung der Mehrheit          sie nicht 1953 gestürzt und der diktato­
gische Nachhaltigkeitsregeln so viel Öl,     durch die Minderheit der Eigentümer­          risch regierende Schah erneut eingesetzt
wie sie nur konnten, aus den Bohrlö­         staaten: zu Gunsten der gegenwärtigen         worden. Dwight D. Eisenhower, damals

Spektrum der Wissenschaft  November 2006
                           Q                                                                                                       57
Weltwirtschaft

Präsident der USA, hatte erkannt, dass
sich die Demokratisierung im Mittleren
                                           z                                  nationalen Energie-Agentur IEA sinkt
                                                                              das Wachstum in den OECD-Staaten
                                                                                                                                                                                              Gleichwohl stellte sich die Normali­
                                                                                                                                                                                          sierung der Marktkräfte als eine kurze
Osten zu einer Gefahr für das Wirt­                                          um 0,4 Prozent, wenn der Ölpreis um                                                                          Episode heraus. Erst unter demokra­
schaftswachstum und das amerikanische                                        zehn Dollar pro Barrel ansteigt. Bei einer                                                                   tischen Verhältnissen wären die Eliten
Konsummodell entwickeln könnte, und                                          Differenz zwischen dem aktuellen Preis                                                                       eines Landes in einen offenen Wettbe­
gab dem Geheimdienst CIA unter dem                                           von über 70 Dollar und dem noch 2000                                                                         werb miteinander um den besten Weg
Vorwand der kommunistischen Gefahr                                           gültigen von 20 Dollar macht das mehr                                                                        zur Optimierung des nationalen Nutzens
grünes Licht für den Sturz Mossadeghs.                                       als zwei Prozent, was das gegenwärtig                                                                        aus dem Ölgeschäft eingetreten. Statt­
Durch Ausschaltung eines souveränen                                          diskutierte deutsche Wirtschaftswachs­                                                                       dessen waren die weit und breit herr­
Marktakteurs verstieß damit der vom                                          tum von einem Prozent in sein Gegen­                                                                         schenden Petrodollar-Monarchien wei­
Ölrausch befallene Westen massiv gegen                                       teil verkehren würde. Andererseits be­                                                                       terhin bereit, sich auf einen Kuhhandel
seine eigenen fundamentalen Prinzipien:                                      scheren steigende Ölpreise den Anbieter­                                                                     mit dem größten Ölverbraucher USA
die Gesetze der freien Marktwirtschaft.                                      staaten einen höheren Anteil an der                                                                          einzulassen: eigene Herrschaftsabsiche­
    Derartiges Handeln – das in der Fol­                                     ­theoretischen Ölrente, das heißt der Dif­                                                                   rung und militärische Kooperation ge­
ge noch mehrfach praktiziert wurde – ist                                      ferenz zwischen dem Nutzen für den                                                                          gen niedrige Ölpreise. Mangels Legiti­
zwar prinzipienlos, aber durch die Inte­                                      Konsumenten und den Grenzkosten.                                                                            mation und Kontrolle durch das eigene
ressen des Westens zumindest kurz- und                                            Insofern entsprach es den Interessen                                                                    Volk blieben so die Regierungen der Öl­
mittelfristig wohlbegründet. Jeder will                                       der OECD-Staaten, dass wider jede                                                                           staaten weiterhin erpressbar.
seine Waren so günstig wie möglich ein­                                       Marktlogik in den letzten siebzig Jahren                                                                        Wie diese Regierungen – vor allem
kaufen. Die niedrigen Ölpreise haben                                          trotz zunehmender Erschöpfung der Re­                                                                       die Saudi-Arabiens – zum Vollstrecker
sich in den westlichen Industriestaaten                                       serven eine strukturelle Überproduktion                                                                     eines politisch manipulierten Ölpreissys­
zu einem wirksamen Instrument der in­                                         von Öl und allen anderen fossilen Ener­                                                                     tems gemacht wurden, beschreibt der
nenpolitischen Konsensbildung und der                                         gieträgern vorherrschte.                                                                                    ehemalige amerikanische Wirtschafts­
Stabilität von »Wohlstandsdemokratien«                                                                                                                                                    agent John Perkins in seinem erschüt­
entwickelt. Bei den gigantischen Ölmen­                                      Jom-Kippur-Krieg                                                                                             ternden Bericht »Bekenntnisse eines
gen, die jedes Jahr gehandelt werden,                                        und iranische Revolution                                                                                     Economic Hit Man«. Über Jahrzehnte
hat jede Preisänderung massive Auswir­                                       Die Ölmultis hatten Recht, die diskrimi­                                                                     hinweg pflegten sich US-Regierungen
kungen auf die beteiligten Volkswirt­                                        nierenden Verträge konnten nicht von                                                                         mit Hilfe ihrer Geheimdienste Herrscher
schaften. Nach Berechnungen der Inter­                                       langer Dauer sein. Unter dem wachsen­                                                                        von Dritte-Welt-Staaten mit Schlüssel­
                                                                             den Legitimationsdruck der eigenen Be­                                                                       funktionen für die Weltwirtschaft unter­
                                                                             völkerungen mussten selbst Diktatoren                                                                        halb der Schwelle der Gewaltanwendung
                                                                             wie der auf den Thron zurückgeholte                                                                          gefügig zu machen. »In den 1970er Jah­
       Rohölpreise seit 1861: Die grüne                                      Schah Reza Pahlewi im Iran Anfang der                                                                        ren«, schreibt Perkins, »wirkte ich bei
u      Kurve gibt den nominellen Preis für                                   1970er Jahre allesamt die Ölindustrie                                                                        einem besonderen Deal mit, über den
 ein Barrel Öl an, die schwarze den Preis                                    nationalisieren. Sie gewannen dadurch                                                                        heute wieder oft gesprochen wird. Das
 umgerechnet auf die Kaufkraft von 2003.                                     einen Teil ihrer Marktsouveränität zu­                                                                       saudische Königshaus stimmte zu, den
 Angegeben ist der amerikanische Durch-                                      rück. Daraus folgten 1973 anlässlich des                                                                     größten Teil seiner Petrodollars … in
 schnittspreis (1861 bis 1944), der Preis für                                Jom-Kippur-Kriegs und 1979 anlässlich                                                                        amerikanischen Regierungsanleihen an­
 die Ölsorte Arabian Light (1945 bis 1983)                                   der iranischen Revolution zwei Ölpreis­                                                                      zulegen. Sie stimmten auch zu, den Öl­
 und für die Sorte Brent (ab 1984). Rot                                      sprünge, zunächst von 2 auf 10 und                                                                           preis innerhalb für uns akzeptabler Gren­
­gepunktete Linien geben längerfristige                                      dann auf 40, in heutigen Preisen auf                                                                         zen zu halten. Im Gegenzug verpflichte­
 Trends wieder.                                                              über 80 Dollar pro Barrel.                                                                                   ten wir uns, das Haus Saud an der
                                                                                                                                                                                          Macht zu halten.«
                                                                                                                                                    Siganim / Spektrum der Wissenschaft

                                                                                                                                                                                              Tatsächlich sind die drei oligarchisch
                       Beginn des                                                                                               Souveränitäts-                                            regierten Ölstaaten Saudi-Arabien, Ku­
                       Ölbooms in                                                                                               bestrebungen                                              wait und Arabische Emirate de facto
                        den USA                                                                                                im Nahen Osten
                                                                                                                                                                                          Protektorate der USA. Mit einem Welt­
                100
                                                                                                                                                                                          marktanteil von knapp unter 20 Prozent
                                                     Beginn der Produktion

                                                                                                                               Entladung von
                                                                                 strebungen im Iran
                                                      in Südamerika und

                                                                                                            Jom-Kippur-Krieg

                       90
                                                                                  Souveränitätsbe-

                                                                                                                                                                                          schufen sie hohe Förderkapazitäten und
                                                        im Nahen Osten

                                                                                                                                Marktspannungen
                                      Entdeckungen

                                                                                                                                                                                          sorgten auch in den 1980er und 1990er
                                        in Texas

                       80
                                                                                                                                                                                          Jahren für eine kontinuierliche Überpro­
US-Dollar pro Barrel

                       70
                                                                                                                                                                                          duktion. Als Folge der beträchtlichen
                       60                                                                                                                                                                 Überkapazitäten in der Opec und des
                       50
                                                                                   Knappheits-
                                                                                                                                                                                          Ausbaus kostenaufwändigerer Energie­
                       40
                                                                                        preis                                                                                             quellen außerhalb der Opec fiel der Öl­
                                                                                                                                                                                          preis rapide von 40 bis auf 10 Dollar pro
                       30                                                                             Dumping-
                                                                                                      preis
                                                                                                                                                                                          Barrel Ende der 1990er Jahre. Selbst als
                       20                                                                                                                                                                 während der Kuwait-Krise und des ers­
                       10                                                                                                                                                                 ten Golfkriegs die kuwaitischen und ira­
                                                                                                                                                                                          kischen Öllieferungen plötzlich ausfie­
                        0
                        1861        1890                       1920                1950                                        1980          2010
58                                                                                                                                                                                       Spektrum der Wissenschaft  November 2006
                                                                                                                                                                                                                    Q
len, die immerhin 20 Prozent des Opec-
Anteils ausmachten, stiegen die Ölpreise
weder dramatisch noch nachhaltig, wie
eigentlich zu erwarten gewesen wäre
(Bild links unten). Die Saudis hatten                               Aus urheberrechtlichen Gründen
binnen kürzester Zeit die Marktlücke                                können wir Ihnen die Bilder leider
durch höhere Auslastung bestehender                                 nicht online zeigen.
Überkapazitäten vollständig gefüllt.
     Neoklassiker bestreiten keineswegs,
dass es Ölüberproduktion gibt, erklären
sie jedoch durch das strategische Interes­
se der Opec selbst: Dieses Kartell fahre
die Überkapazitäten nicht zurück, um
durch Dumpingpreise andere Anbieter
vom Markt zu verdrängen und damit
langfristig höhere Preise durchzusetzen.
Solche Strategien werden zweifellos prak­         Insgesamt finden sich in der Ge­             Ölboom in Texas 1919: Nur die Ent-
tiziert; nur bestehen die Dumpingpreise      schichte der Ölpreise drei unterscheid­     o     deckung neuer Ölquellen konnte
schon viel zu lange, um einen solchen        bare Etappen:                               den Preisanstieg nach der Hotelling-Re-
Zweck zu erfüllen. Vielmehr handelt die      r In der Ära der US-Öldominanz              gel bremsen.
Opec damit den Interessen ihrer Mit­         (1861 – 1920) bewegte sich der Ölpreis
glieder zuwider – was bei diesen nicht       auf dem nahezu vom Weltmarkt unab­
unbemerkt bleibt. Viele von ihnen ha­        hängigen US-Ölmarkt entsprechend der
ben sich vehement gegen eine solche Po­      Ricardo-Marx-Hotelling-Theorie.             hören für immer der Vergangenheit an.
litik zu Wort gemeldet. Kamal Danesh­        r Von 1920 bis Anfang der 1970er Jah­       Das Nachfrage-Angebot-Verhältnis für
jar, der Vorsitzende der Energiekommis­      re tendierte dank neokolonialistischer      Öl (und wohl auch für andere Ressour­
sion des iranischen Parlaments, hat sogar    Nutzungsverträge und unter dem Druck        cen) beginnt sich zu normalisieren. Ab
dafür plädiert, die Opec zu verlassen.       der strukturellen Überproduktion der        jetzt müssen auch entwickelte Industrie­
                                             Kapitalwert der Ölquellen gegen null,       länder lernen, die Ölknappheit als Tatsa­
Die drei Etappen                             und der Ölpreis sank auf das niedrige       che anzuerkennen, statt sie zu ignorieren.
der Ölpreisgeschichte                        Grenzkostenniveau.                              Im Zuge der Demokratisierung wer­
Über einen Zeitraum von beinahe sieben            Die Spannungen zwischen den künst­     den die Regierungen der Ölstaaten sich
Dekaden gelang es also den Industrie­        lich niedrig gehaltenen Preisen und dem     konsequenter als bisher den langfristigen
staaten, erst durch zweifelhafte Nut­        Niveau eines vollkommenen Markts, der       nationalen Interessen verpflichten und
zungsverträge und später durch gezielte      zu dieser Zeit nicht existierte, entluden   den – wie neoklassische Ökonomen sa­
Kooperation mit bestenfalls halbsouve­       sich schockartig in zwei Preissprüngen      gen würden – kollektiven Grenznutzen
ränen, demokratisch nicht legitimierten      1974 und 1979. Den Öl verbrauchen­          ihrer Völker zu optimieren suchen. An
Öllieferstaaten des Mittleren Ostens, die    den Industriestaaten gelang es jedoch,      die Stelle des politisch motivierten Dik­
Marktgesetze im Ölsektor unwirksam zu        durch wirksame Gegenstrategien wie die      tats der Nachfrageseite tritt dann die
machen.                                      Gründung der IEA, den Ausbau der            volle Entfaltung der Marktkräfte. Daraus
     Mangel an Demokratie in den Öl­         Kernenergie und die Erschließung neuer      resultieren unweigerlich steigende Öl­
staaten war und ist der entscheidende,       Ölfelder die neu gewonnene Verhand­         preise. Wirklich freie und unabhängige
jedoch nicht der ausschließliche Grund       lungsmacht der Opec zu schwächen und        Parteien in demokratisierten Ölstaaten
dafür. Aus den verschiedensten Gründen       ab 1985, dem Höhepunkt des Iran-Irak-       könnten sich kaum dem innergesell­
gerieten diese Staaten in Geldnot, sodass    Kriegs, den Zustand von Überproduk­         schaftlichen Diskurs über Souveränität
sie sich nicht in der Lage sahen, auf Ein­   tion und Dumpingpreisen wiederherzu­        und nationale Interessen entziehen; sie
nahmen aus dem Ölgeschäft zu verzich­        stellen, der bis Ende der 1990er Jahre      würden einerseits mit neuen Ölmengen-
ten: Mehrere Golfkriege und die darauf       andauerte.                                  und Ölpreisstrategien, andererseits mit
folgenden Wiederaufbauaktivitäten ris­       r Vor unseren Augen beginnt schließ­        einer Politik der Verringerung der eige­
sen große Löcher in die Devisenkassen;       lich ein neues Zeitalter von Ölknapp­       nen Abhängigkeit von Öleinnahmen
die Anhebung des Zinsniveaus in den          heitspreisen. Aller Wahrscheinlichkeit      Wählerstimmen zu gewinnen versuchen.
USA während der 1980er Jahre veran­          nach ist diese Transformation nicht mehr    Diese Ziele können die Ölstaaten mögli­
lasste ölreiche Opec-Mitglieder wie Sau­     rückgängig zu machen. Denn neue nach­       cherweise sogar effizienter ohne die Opec
di-Arabien und Kuwait zur Produktions­       fragemächtige Staaten wie China, Indien     verfolgen, die damit auf die Dauer über­
steigerung, um die Einnahmen profita­        und andere Schwellenländer machen           flüssig würde.
bel in den USA anzulegen. Hinzu              dem Nachfragemonopol der Industrie­             Durch die steigenden Preise werden
kommt, dass das IWF mit Strukturan­          staaten Konkurrenz.                         die Nachfragerländer sich genötigt seh­
passungsprogrammen die hoch verschul­             Die Zeiten, als nur 20 Prozent der     en, nach Alternativen zu suchen. Gleich­
deten Opec-Staaten dazu zwang, die Öl­       Weltbevölkerung 100 Prozent der Öl­         zeitig werden diese Alternativen im Ge­
produktion ebenfalls zu erhöhen.             quellen für sich in Anspruch nahmen, ge­    gensatz zu den bisherigen Verhältnissen

Spektrum der Wissenschaft  November 2006
                           Q                                                                                                    59
Weltwirtschaft                 z
                             konkurrenzfähig und können im Endef­
                             fekt dem Anstieg der Ölpreise Grenzen
                                                                                                                          einer Strategie global nachhaltiger Ener­
                                                                                                                          gieversorgung und des Klimaschutzes.
                                                                                                                                                                       ker als Marktgesetze die ökonomischen
                                                                                                                                                                       Abläufe beeinflussten. Es gilt ebenso für
                             setzen. Auf lange Sicht dürfte die einzige                                                       Das neue Projekt »Demokratisierung       die neoklassische Schule, die im 20. Jahr­
                             gangbare Alternative die Nutzung rege­                                                       des Greater Middle East« der US-Neo­         hundert unter mehr oder weniger demo­
                             nerativer Energieformen sein. Kurzfristig                                                    konservativen geriete nach dieser Analy­     kratischen Rahmenbedingungen ent­
                             erscheint dagegen die Erschließung wei­                                                      se in Widerspruch zur Hegemonial- und        stand. Unversehens wurden diese zur
                             terer fossiler Energiequellen, zum Bei­                                                      auch zur derzeitigen Klimaschutzpolitik      Conditio sine qua non aller neoklas­
                             spiel der umweltschädliche Ölsandabbau                                                       der Vereinigten Staaten, es sei denn,        sischen Theorien: In Demokratien mit
                             in Kanada, attraktiver; denn sie erspart –                                                   dieses Projekt wäre eine Leerformel für      einigermaßen erfüllter Chancengleich­
                             zumindest vorübergehend – den Ener­                                                          die Fortsetzung der bisherigen Hegemo­       heit für Marktakteure liegen Gleichge­
                             gieverbrauchern die ungeheuer kostspie­                                                      nialpolitik in dieser Region. Denn De­       wichtspreise und faire Preise nah beiei­
                             lige Umstellung ihrer Heizungs- und                                                          mokratisierung und souveräne Staaten         nander. Hier steigert die Arbeitsteilung
                             Verkehrssysteme. Daher stellen Öl­                                                           im Mittleren Osten machen eine kost­         die Effizienz und auch den Wohlstand.
                             knappheitspreise keine Garantie für den                                                      spielige militärische Sicherung der Ener­          Als allerdings neoklassische Öko­
                             weltweiten Übergang zu regenerativen                                                         gieversorgung überflüssig. Der faire         nomen ihre Preis- und Wohlfahrtstheo­
                             Energien dar.                                                                                Handel würde, wie beim Handel inner­         rien auf die wirtschaftlichen Bezie­
                                  Hierfür wird die Weltgemeinschaft                                                       halb der Industrieländer, diese Sicherheit   hungen zwischen Industrie- und Ent­
                             ohne eine globale Regulierung des Ange­                                                      hinreichend gewähren. Die Demokrati­         wicklungsländern übertrugen, übersahen
                             bots aller fossilen Energiequellen nicht                                                     sierung muss jedoch, im Gegensatz zu         sie, dass die Grundvoraussetzung für die
                             auskommen. Durch eine weltweite Ko­                                                          dem Demokratieexport, den die Bush-          Gültigkeit ihrer Theorien, eben die De­
                             operation von Anbieter- und Vebraucher­                                                      Regierung anstrebt, authentisch und in       mokratie, bei vier Fünfteln der Welt­
                             staaten würde das Angebot an fossilen                                                        der Gesellschaft verwurzelt sein.            bevölkerung nicht erfüllt war. Damit
                             Brennstoffen im 21. Jahrhundert in An­                                                                                                    ­öffneten sie gravierenden Fehlinter­pre­
                             lehnung an allgemein anerkannte Klima­                                                       Gleichgewichts- und faire Preise              tatio­nen Tür und Tor. So wurden dauer­
                             schutzszenarien drastisch reduziert wer­                                                     Der Ölmarkt ist nur das krasseste Bei­        haft sinkende Rohstoffpreise und Ver­
                             den. Der Übergang zu regenerativen                                                           spiel dafür, dass Anbieter erschöpfbarer      schlechterung der Terms of Trade für
                             ­Energietechnologien wird jedoch dem                                                         Rohstoffe entgegen der Marktlogik ihr         Entwicklungsländer schlicht auf »sinken­
                              Markt überlassen. Ölknappheitspreise                                                        Angebot nicht zurückhalten, sondern zu        de Nachfrage« zurückgeführt. Ausblei­
                              steigen in diesem Modell auf eine – er­                                                     Dumpingpreisen auf den Markt werfen.         bende Wohl­stands- und Entwicklungsef­
                              trägliche – Größenordnung von 50 bis                                                        Man findet dieses Muster allenthalben in      fekte in diesen Ländern wurden mit
                              100 Dollar pro Barrel an und forcieren                                                      den Wirtschaftsbeziehungen zwischen           Mangel an Leistungsbereitschaft, nied­
                              den massiven Ausbau regenerativer Ener­                                                     Industrie- und Entwicklungsländern.           riger Sparquote oder lapidar mit »Poli­
                              gien, sinken jedoch in dem Maß, wie sich                                                    Warum hat die neoklassische Theorie da­       tikversagen« der Regierungen erklärt.
                              die regenerativen Energietechnologien                                                       für keine plausible Erklärung?                     Dabei ist die These von der sinken­
                              verbilligen (Bild unten). Im Rahmen                                                             Jede Wirtschaftstheorie neigt dazu,       den Nachfrage definitiv falsch. Untersu­
                              eines politisch im Menschheitsinteresse                                                     die politischen Rahmenbedingungen,            chungen des Kieler Instituts für Welt­
                              geschaffenen globalen Regulierungssys­                                                      unter denen sie ausgearbeitet wird, für       wirtschaft und zahllose weitere Studien
                              tems für Energien stünden die Marktme­                                                      allgemein gültige Grundvoraussetzungen        über die Entwicklung der Rohstoffpreise
                              chanismen nicht länger im Gegensatz zur                                                     zu halten. Das gilt für die Klassiker von     belegen, dass die Rohstoffnachfrage im
                              Idee der nachhaltigen Entwicklung. De­                                                      Adam Smith über Ricardo bis Marx, zu          Gleichklang mit der Verzehnfachung des
                              mokratisierung in den Ölstaaten würde                                                       deren Zeiten vordemokratische Politik-,       Sozialprodukts in den Industrieländern
                              so zu einem komplementären Baustein                                                         Macht- und Sozialstrukturen noch stär­        ebenfalls um ein Mehrfaches stieg. Para­
                                                                                                                                                                        doxerweise herrscht selbst bei erschöpf­
                                                                                                                                                                        baren Gütern trotz steigender Nachfrage
                                                                                                                                Szenario eines von einer Weltener-      ein dauerhafter Angebotsüberhang.
                                                                                                                          l     gieagentur kontrollierten Über-              Die Hauptursache dieses für Markt­
                       100                                            30                                                  gangs von fossilen zu erneuerbaren            ökonomien untypischen und ungleich­
                                                                                                                          Energien. Als Folge wachsender Weltbe-        gewichtigen Dauerzustands war und ist
                                                                                                                                                                        die Ungleichheit der Chancen der Ak­
                                   heitspreis

                                                                                                                          völkerung und Industrialisierung in Ent-
                                   Ölknapp-
US-Dollar pro Barrel

                       75                                                                                                 wicklungsländern steigt die Energienach-      teure auf den Weltmärkten: Auf der ei­
                                                                      20
                                                                                                                          frage von 9 Gigatonnen-Äquivalenten           nen Seite stehen die entwickelten Indus­
                                                                                                                          (Gtoe) im Jahr 2000 bis zum Jahrhundert­      trienationen, die ihre eigenen Märkte
                                                                             Gtoe

                       50
                                                                                                                          ende auf das Dreifache (nach einem Sze-       durch umfassende Subventionen und
                                                                                    Siganim / Spektrum der Wissenschaft

                                                                      10
                                                                                                                          nario des Stockholm Environment Insti-        Schutzzölle hermetisch gegen den Wett­
                       25                                                                                                 tute von 1993). Die Ölpreise steigen bei      bewerb der Entwicklungsländer abrie­
                              fossile                  regenerative                                                       zunehmender Nachfrage und sukzessiver         geln, dazu noch ihre Stellung mit Hilfe
                             Energien                    Energien
                                                                                                                          Mengenverknappung zunächst an, sinken         von Leitwährungen und internationalen
                        0                                                0                                                jedoch in dem Maß, wie die Kosten er-         Währungsfonds institutionell stärken
                         2000                   2050              2100                                                    neuerbarer Energien im Zuge der tech-         und die Entwicklungsländer mittels so
                                                                                                                          nischen Entwicklung abnehmen.                 genannter Strukturanpassungsprogram­

                             60                                                                                                                                       Spektrum der Wissenschaft  November 2006
                                                                                                                                                                                                 Q
Erdöl ist Anlass wie Mittel zum
r     Krieg: Bei seinem Rückzug vom ver-
lorenen Golfkrieg ließ Saddam Hussein
1991 Ölquellen in Kuwait anzünden.

me zu steigender Rohstoffproduk­tion
drängen. Auf der anderen Seite stehen
die demokratisch nicht legitimierten Eli­
ten der Entwicklungsländer, die nicht
am Gemeinwohl ihrer Gesellschaften,
sondern an der kurzfristigen Maximie­
rung des eigenen Wohls interessiert sind
und sich gerade wegen des Mangels an
Demokratie bereitwillig den Interessen
der Wohlstandsdemokratien an Rohstof­
fen zu Dumpingpreisen durch Überpro­                                         Aus urheberrechtlichen Gründen
duktion fügen.                                                               können wir Ihnen die Bilder leider
      Das gilt nicht nur für erschöpfbare                                    nicht online zeigen.
Rohstoffe. Dumpingpreise für reprodu­
zierbare Waren aus Entwicklungsländern
resultieren vor allem daraus, dass dort
auch Löhne mangels Demokratie und
freier Gewerkschaften Dumpinglöhne
sind. Diese allerdings dienen im Zuge
der Globalisierung als wirkungsvoller
Hebel, um Niedriglöhne auch in den
­Industrieländern durchzusetzen. Insofern
 sind Diktatur und Abwesenheit von frei­
 en Gewerkschaften in Entwicklungslän­
 dern verborgene Bestandteile einer neo­
 liberalen Weltordnung.
      Unfaire Preise für alle Produkte aus
 Entwicklungsländern sind die Hauptur­
 sache für die kontinuierlich sinkenden
 Terms of Trade sowie den Einkommens­
 transfer von Süden nach Norden. Inso­
 fern finanzieren diktatorisch regierte
                                                                    Mohssen Massarrat, gebo-          Das Ricardo-Marx-Hotelling-Theorem. Von M. Mas-
 Länder den Wohlstand von demokra­                                  ren 1942 in Teheran, erwarb       sarrat in: Das Dilemma der ökologischen Steuerre-
 tischen Gesellschaften mit.                                        sein Ingenieurdiplom für Berg-    form. Metropolis, Marburg 2000
      Ricardos Theorie der komparativen                             bau 1967 an der Technischen
                                                                                                      Weltenergieproduktion und Neuordnung der Welt-
 Kostenvorteile und deren neoklassische                             Universität Berlin, promovierte
                                                                                                      wirtschaft. Von M. Massarrat. Campus, Frankfurt/
                                                                                                                                                                A u t o r u n d L i t e r at u r h i n w e i s e
                                                                    1974 in Politikwissenschaft an
 Varianten sind nicht grundsätzlich                                                                   New York 1980
                                                                    der Freien Universität Berlin
 falsch, wie die meisten Kritiker des Süd-                          und habilitierte sich 1978 für    Die Zeitdimension. In: Endlichkeit der Natur und Über-
 Nord-Wohlstandstransfers behaupten. Es       Wirtschafts­wissenschaften an der Universität           fluß in der Marktökonomie. Schritte zum Gleichge-
 ist nur eine entscheidende Voraussetzung     ­Osnabrück, wo er heute Professor für Politik und       wicht. Von M. Massarrat. Metropolis, Marburg 2000
 der Theorie, nämlich die Marktsouverä­       Wirtschaft ist. ­Seine Forschungsschwerpunkte sind
                                              politische Ökonomie, Demokratietheorie, internatio-     Sustainability Through Cost Internalisation. Theore-
 nität der Anbieter, nicht erfüllt.           nale Wirtschaftsbeziehungen sowie Friedens- und         tical Rudiments for the Analysis and Reform of Glo-
      Es liegt auch im wohlverstandenen       Konflikt­forschung.                                     bal Structures. Von M. Massarrat in: Ecological Eco-
 Interesse der Industrieländer, die Schaf­                                                            nomics, Bd. 22, S. 29, 1997
                                              Über die Grundsätze der politischen Ökonomie und
 fung dieser Voraussetzung, sprich einer      der Besteuerung. Von David Ricardo. 2. Auflage, Me-     The economics of resources or the resources of eco-
 echten Demokratie, zu fördern. Denn          tropolis, Marburg 2006                                  nomics. Von Robert M. Solow in: The American Eco-
 die neoklassische Theorie verspricht allen                                                           nomic Review, Bd. LXIV, S. 1, 1974
                                              Demokratisierung des Greater Middle East. Von M.
 Beteiligten an einem fairen Handel ei­       Massarrat in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft      The economics of exhaustible resources. Von Harold
 nen Wohlstandszuwachs – auch denen,          45, 2005                                                Hotelling in: The Journal of Political Economy, Bd.
 die bisher von einem Demokratiemangel                                                                39, S. 137, 1931
                                              Bekenntnisse eines Economic Hit Man. Unterwegs
 auf der anderen Seite profitierten und       im Dienste der Wirtschaftsmafia. Von John Perkins.      Weblinks zu diesem Thema finden Sie unter www.
 für die Zukunft um den Verlust dieser        Riemann, München 2005                                   spektrum.de/artikel/852650.
 Vorteile fürchten. 

Spektrum der Wissenschaft  November 2006
                            Q                                                                                                                              61
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