Mehr als Balken und Torten - Nomos eLibrary

Die Seite wird erstellt Sophie Harms
 
WEITER LESEN
Mehr als Balken und Torten
Eine experimentelle Befragung zur Wahrnehmung von interaktiven
Datenvisualisierungen im Journalismus

Emanuel Bussemas

Im Zuge einer immer schneller voranschreitenden Digitalisierung sind bereits heute weite
Teile unserer Gesellschaft anhand von Daten dokumentiert. Um der Digitalisierung
journalistisch gerecht zu werden, haben sich Datenvisualisierungen als innovatives und
zunehmend beliebtes Kommunikationsformat im Journalismus etabliert. Diese Studie
untersucht, wie Datenvisualisierungen von Lesern wahrgenommen werden: Welchen
Einfluss haben sie auf die Glaubwürdigkeit, Verständlichkeit und Attraktivität von On-
line-Artikeln? Die Ergebnisse eines Online-Experiments mit 265 Teilnehmern deuten
darauf hin, dass Artikel mit interaktiven Datenvisualisierungen nicht nur als origineller
und innovativer als herkömmliche Artikel wahrgenommen, sondern auch als ausgewo-
gener, gründlicher recherchiert und glaubwürdiger bewertet werden. Auch wenn die
eingesetzten Datenvisualisierungen keine essenziellen Informationen hinzufügten, ver-
leiteten sie den Leser dazu, einen Artikel positiver zu bewerten. Artikel mit Datenvisua-
lisierungen profitieren womöglich von einem halo effect of scientific validity: Wir glauben
visualisierten Daten mehr als Texten.
Schlüsselwörter: Interaktivität, Datenvisualisierungen, Datenjournalismus, Verständ-
lichkeit, Attraktivität, Glaubwürdigkeit, Publikum

1. Einleitung
Ob Wirtschaft, Politik, Kultur, Sport oder Privatleben – es gibt kaum noch Gesell-
schaftsbereiche, die von der rasant voranschreitenden Digitalisierung nicht maßgeblich
betroffen sind. Um der Digitalisierung journalistisch gerecht zu werden, haben sich im
Zuge eines Data-driven Journalism Datenvisualisierungen als innovatives und zuneh-
mend beliebtes Kommunikationsformat im Journalismus etabliert. Denn unbearbeitete
Daten sind wertlos, erst das Visualisieren, Interpretieren und Analysieren der Rohda-
tensätze schaffen einen Mehrwert. In bemerkenswerter Regelmäßigkeit produzieren
deutsche Medienhäuser wie beispielsweise Die Zeit, Der Spiegel, die Süddeutsche Zei-
tung, der Bayerische Rundfunk, die Berliner Morgenpost oder der Tagesspiegel mit ei-
genständigen Investigativ-Redaktionen aufwändige interaktive Datenvisualisierungen
zu einer enormen thematischen Bandbreite: Flüchtlingskrise, Funktionsabläufe im Ge-
hirn, Umsatzzahlen, die Beinarbeit von Christiano Ronaldo, Klimawandel oder die Tour
de France. Journalisten, die mit Daten umgehen können, sind gefragte Experten (Langer,
2011). Denn in einer modernen Informationsgesellschaft, die ihre gesellschaftlichen Pro-
zesse häufig in Datensätzen dokumentiert, gehört es für einen zeitgemäßen Journalismus
zum professionellen Aufgabenbereich, diesen Fundus an potenziellen journalistischen
Geschichten auch zu nutzen.
    Ein weiterer zentraler Grund für diesen „Hype rund um Datenvisualisierung“ (Matz-
at, 2017) liegt in der Wirkmächtigkeit, die solchen Darstellungen zugeschrieben wird.
Datenvisualisierungen seien angesichts riesiger Datenmengen und geringen Aufmerk-
samkeitsspannen der ideale Weg, komplexe Inhalte attraktiv und verständlich zu ver-
mitteln. Sie versprechen entgegen der Unübersichtlichkeit riesiger Tabellen einen Er-
                    https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                         Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
188                                                             DOI: 10.5771/1615-634X-2018-2-188
Bussemas · Mehr als Balken und Torten

kenntnisgewinn auf den ersten Blick. Auf Grundlage von ansonsten nüchternen Zahlen
seien sie in der Lage, spannende Geschichten zu erzählen. In ihrer interaktiven Form
sollen sie es Nutzern ermöglichen, einen ansonsten überwältigenden Strom an generi-
schen Informationen individuell nach ihren persönlichen Interessen zu filtern. Und dabei
seien sie sogar überzeugender und glaubwürdiger als konventionelle Artikel, denn der
Umgang mit Daten suggeriert Faktizität, Präzision und Wissenschaftlichkeit. Vor die-
sem Hintergrund umkreist die Diskussion über den Wert von interaktiven Datenvisua-
lisierungen drei zentrale Größen, die insbesondere für die journalistische Berichterstat-
tung essenziell sind: Verständlichkeit, Attraktivität und Glaubwürdigkeit (Weischen-
berg, 2013: 290).
    Die Versprechen dieses neuen Kommunikationsformates erreichen deutsche Medi-
enhäuser zum richtigen Zeitpunkt. Denn derzeit stehen auch einst etablierte Medien-
häuser angesichts einer signifikanten Glaubwürdigkeitskrise (Infratest, 2016) und neu-
artiger Verhältnisse in der Konkurrenz um Aufmerksamkeit insbesondere im Online-
Bereich, vor allem aber angesichts schwerwiegender Finanzierungsschwierigkeiten (Ar-
nold, 2016: 151) vor einer potenziell existenzbedrohenden Situation. Die Erwartungen
an neue Berichterstattungsformate sind entsprechend hoch. Können interaktive Daten-
visualisierungen diese hohen Erwartungen erfüllen?
    Angesichts des aktuellen Forschungsstands lässt sich diese Frage nur unzureichend
klären. Denn während die Produzenten von Datenvisualisierungen im Journalismus, die
Datenjournalisten, schon häufiger Gegenstand der empirischen Forschung gewesen sind
(Weinacht & Spiller, 2014; Dörr, 2016; Langer, 2011), ist vor allem die Frage, wie Rezi-
pienten interaktive Datenvisualisierungen im journalistischen Kontext wahrnehmen,
weitestgehend ungeklärt. Die vorliegende Studie behandelt diese Forschungsfrage, in-
dem sie eine dezidiert rezipientenorientierte Perspektive einnimmt und im Rahmen einer
experimentellen Online-Befragung explizit die Wahrnehmung ebendieser untersucht.

2. Interaktive Datenvisualisierungen im Datenjournalismus
Seit Jahrzehnten sind in Wirtschafts-, Politik-, Sport- oder Wetterberichterstattung ein-
fache Datenvisualisierungen wie Balken- oder Tortendiagramme gängige Praxis. Die
neue Qualität des Datenjournalismus für den Rezipienten besteht jedoch insbesondere
in seinen neuartigen interaktiven Präsentationsformen. Ein gutes Beispiel sind soge-
nannte Mash-ups auf Karten, in denen Nutzer nach individuellen Interessen in Daten-
beständen recherchieren oder sich Vorgänge visualisiert auf Landkarten ausgeben lassen
können (Matzat, 2011). Derartige Darstellungsformen wurden erst durch Rechercheum-
gebungen in großen digitalen und öffentlich zugänglichen Datenbeständen, durch die
Verarbeitung mithilfe algorithmischer Prozesse und die Darstellung mithilfe von inter-
aktiven Webapplikationen ermöglicht. Wissenschaftlich ist diese Komplexität äußerst
schwer zu fassen. „Nichts an ihnen scheint eindeutig bestimmbar oder zuordenbar: Ter-
minologie, Gattung, Disziplin, Zeichensystem, Modalität, Typus – permanent sitzen sie
zwischen den Stühlen“ (Weber & Wenzel, 2013: 3). Diese Problematik wurzelt in der
inhärenten Hybridität von Datenvisualisierungen. Krämer und Bredekamp (2003) be-
schreiben sie beispielsweise als „multimodales Zusammenspiel aus Sprache, Bild, Ton,
Zahl – vernetzt, gesteuert und getriggert durch digitale Technik“ (S. 11).
    Dementsprechend definieren Friendly und Denis (2004) Datenvisualisierungen sehr
allgemein als „visual representation of ‘data’, defined as information which has been
abstracted in some schematic form, including attributes or variables for the units of in-
formation” (S. 2). Ein solch allgemeines Verständnis von Datenvisualisierungen greift in
Bezug auf Datenvisualisierungen im journalistischen Kontext jedoch zu kurz. Aktuelle
                   https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                        Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
                                                                                              189
M&K 66. Jahrgang 2/2018

datenjournalistische Projekte umfassen in der Regel interaktive und narrative Kompo-
nenten. Als anschauliches Beispiel kann das ausgezeichnete und populäre Projekt „Ver-
räterisches Handy“ von Zeit Online (2011) gelten, welches die Mobildaten des Grünen-
Politikers Malte Spitz aus der Vorratsdatenspeicherung der Telekom visualisiert. Die
Produzenten hätten den Rezipienten sämtliche Anrufe, SMS oder Standorte in einer
gänzlich non-linearen Grafik selbst explorieren lassen können. Stattdessen entschieden
sie sich für ein sogenanntes Datastorytelling, um eine klare Botschaft zu vermitteln. Sie
legen dem Nutzer eine weitestgehend lineare Abfolge der Daten und so ein entspre-
chendes Interpretationsmuster nahe, mit einem Erzähler als vermittelnder Instanz, einer
erkennbaren Dramaturgie, einem Mindestmaß an Linearität und einem begrenzten Maß
an Interaktivität (Weber & Wenzel, 2013: 14). Gleichzeitig bleibt der Nutzer frei, sich
in dem gesetzten Rahmen nach eigenem Gusto über Details und Hintergründe in ein
und derselben Webapplikation zu informieren (Matzat, 2011). Um solchen Arten der
Darstellung Rechnung zu tragen, geht das Verständnis von interaktiven Datenvisuali-
sierungen in dieser Studie über die reine Repräsentation von Daten hinaus. Vielmehr
werden Datenvisualisierungen im journalistischen Kontext stets eine gewisse Abste-
ckung und Rahmung der Inhalte durch redaktionelle Entscheidungen unterstellt. Da-
tenvisualisierungen sind beispielsweise nicht per se objektiver oder neutraler als her-
kömmliche journalistische Artikel, sondern können durch die Selektion der Daten,
durch die Art ihrer Darstellung oder durch den spezifischen Einsatz von interaktiven
Steuerungsmöglichkeiten Deutungsmuster nahelegen: „[C]reating a visual representa-
tion necessitates simplification, as data is used to create an analytical abstraction […].
Thus a rhetorical dimension is present in any design” (Hullman & Diakopoulos, 2011:
2232).
    So haben interaktive Datenvisualisierungen im Journalismus häufig einen modell-
haften Charakter. Selbst wenn sie auf Daten und Fakten basieren, sind sie immer auch
Konstrukte ihrer Produzenten und unterliegen folgerichtig deren redaktionellen Ent-
scheidungen und Interpretationen (Weber & Wenzel, 2013: 7).
    In diesem Sinne sind die Kommunikationspartner bei interaktiven Datenvisualisie-
rungen nicht Computer (oder Datenvisualisierung) und Nutzer, sondern Produzent der
Datenvisualisierung und Nutzer, die über ein Interface kommunizieren. „Interaktivität
technischer Mediensysteme impliziert immer die Trennung von Aktion und Bedeu-
tungsaustausch“ (Quiring & Schweiger, 2006: 10): Journalisten, Designer und Program-
mierer stellen dem Nutzer ein visuelles Artefakt mit einer mehr oder weniger abge-
steckten Botschaft bereit. Danach entscheidet der Nutzer über den Grad, zu welchem
er die vom Produzenten zur Verfügung gestellten interaktiven Elemente nutzt. Dabei ist
er zumeist kein gleichberechtigter Kommunikationspartner, da er in einem vorher ab-
gesteckten, interaktiven Rahmen handelt. Interaktivität von Datenvisualisierungen liegt
demzufolge vor, wenn sie dem Nutzer (1) eine Steuerungsoption anbietet, (2) der Nutzer
diese erkennen und bedienen kann und (3) die interaktiven Datenvisualisierungen er-
wartungskonform auf Nutzung der Steuerungsoption reagieren.
    Zusammenfassend lassen sich interaktive Datenvisualisierungen im Datenjournalis-
mus in Anlehnung an Hullmans und Diakopoulos (2011) spezifizieren als „a style of
visualization that often explores the interplay between aspects of both explorative and
communicative visualization“ (S. 2231). Sie basieren auf einer Kombination von „per-
suasive, rhetorical techniques to convey an intended story to users as well as exploratory,
dialectic strategies aimed at providing the user with control over the insights she gains
from interaction” (S. 2231).

                    https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                         Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
190
Bussemas · Mehr als Balken und Torten

3. Theoretischer Hintergrund der forschungsleitenden Dimensionen
Verständlichkeit, Attraktivität und Glaubwürdigkeit sind schillernde Begriffe, die im
Hinblick auf interaktive Datenvisualisierungen viele verschiedene Aspekte beinhalten
können: Wie schnell oder leicht wird eine Visualisierung verstanden oder missverstan-
den? Wie tief wird sie verstanden? Wann ist eine Datenvisualisierung attraktiv, anspre-
chend oder glaubwürdig? Wie hängen Attraktivität, Verständlichkeit, Effizienz, Qualität
und Glaubwürdigkeit einer Visualisierung zusammen?
    Da interaktive Datenvisualisierungen in der Regel mittels digitalen Endgeräten rezi-
piert werden, bietet sich für die Bearbeitung dieser Fragestellungen der Ansatz von Has-
senzahl (2003) aus dem Forschungsgebiet der Human-Computer-Interaction an, wel-
cher die Benutzerfreundlichkeit und Attraktivität von interaktiven Produkten unter-
sucht. Hassenzahl unterscheidet zwei Aspekte, anhand derer interaktive Angebote von
Rezipienten beurteilt werden: die pragmatische und die hedonische Qualität.
    Ein Angebot besitzt pragmatische Qualität, wenn es die Aufgabenerledigung effektiv
und effizient unterstützt. Pragmatische Attribute beziehen sich auf die Nützlichkeit und
auf die Benutzerfreundlichkeit eines Angebotes. Ist beides gegeben, spricht man von
Gebrauchstauglichkeit. Typische pragmatische Attribute sind zum Beispiel: klar, un-
terstützend, nützlich oder kontrollierbar.
    Ein Angebot besitzt hedonische Qualität, wenn es dem Nutzer Freude und Spaß
bereitet, es besonders stimuliert, Aufmerksamkeit auf sich zieht, motivierend oder iden-
titätsbildend1 wirkt. Dementsprechend sind typische hedonische Attribute der Stimu-
lation: auffallend, schön, beeindruckend, aufregend oder interessant.
    Die Beurteilung dieser beiden Qualitäten fließt in der Praxis zumeist in ein Gesamt-
urteil zusammen, wobei sich beide Aspekte gegenseitig beeinflussen: „In general, […]
studies demonstrate beauty to be a good (often the best) predictor of a product’s overall
impression or general user satisfaction. Moreover, a strong correlation between beauty
and usability repeatedly emerged” (Hassenzahl, 2004: 321).
    Für die Untersuchung der Wahrnehmung von interaktiven Datenvisualisierungen
lässt sich Hassenzahls Ansatz wie folgt anwenden: Verständlichkeit kann analog zur
pragmatischen Qualität nach Hassenzahl (2003) verstanden werden. Konkretisieren lässt
sich dieses Verständnis anhand des Konzeptes der Verarbeitungsflüssigkeit nach Labroo
und Lee (2006). Demnach erfahren Rezipienten ein Gefühl der leichten kognitiven Ver-
arbeitung (einen Flow), wenn sie kognitive Aktivitäten leicht ausführen können oder, in
den Worten der pragmatischen Qualität, bei der Aufgabenerledigung mit Hilfe eines
interaktiven Produktes effektiv und effizient sind. Dementsprechend liegt wahrgenom-
mene Verständlichkeit vor, wenn der Rezipient das Gefühl von Verarbeitungsflüssigkeit
aufgrund der pragmatischen Qualität einer Datenvisualisierung erfährt. Dabei ist es un-
erheblich, ob der Rezipient Informationen tatsächlich vollständig abgespeichert hat oder
korrekt wiedergeben kann. Stattdessen ist die Wahrnehmung des Rezipienten, also das
Gefühl entscheidend, die Informationen einer Datenvisualisierung verstanden zu haben
(Hassenzahl, 2003: 187).
    Dieser Logik folgend wird Attraktivität analog zur hedonischen Qualität mit dem
Fokus auf die subjektive Wahrnehmung des Nutzers verstanden. „For example, the color
and layout […] of a particular Website may be new to a user and thus perceived as novel
[…]. A different user may perceive the same presentational style as amateurish.” (Has-

1 Der Aspekt der Identität bezieht sich auf das Phänomen, dass Menschen durch die Nutzung oder
  den Besitz von Produkten ihr Selbst zum Ausdruck bringen. Dieser Aspekt soll für den Zweck
  dieser Studie nicht weiter berücksichtigt werden.
                    https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                         Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
                                                                                               191
M&K 66. Jahrgang 2/2018

senzahl, 2004: 321) Demzufolge lässt sich Attraktivität eines Informationsangebotes in
Anlehnung an Thielsch als „subjektiv empfundene[s] Wohlgefallen“ begreifen: „Ästhe-
tische Wahrnehmung zeichnet sich somit durch einen positiven emotionalen Eindruck
und eine positive kognitive Bewertung aus“ (Thielsch, 2008: 442). Attraktiv ist ein In-
formationsangebot also dann, wenn es zum Beispiel als auffallend, schön, beeindru-
ckend, aufregend oder interessant wahrgenommen wird.
    In Einklang mit dieser Konzeptualisierung von Verständlichkeit und Attraktivität
wird auch Glaubwürdigkeit dezidiert auf der Rezipientenseite verortet und der Kon-
zeptualisierung von Bentele (1998) und Grünberg (2015) gefolgt. Diese verstehen Glaub-
würdigkeit als Zuschreibungseigenschaft und als ein Merkmal, das „Menschen, Institu-
tionen oder deren kommunikativen Produkten (mündliche oder schriftliche Texte, au-
diovisuelle Darstellungen) von jemandem (Rezipienten) in Bezug auf etwas (Ereignisse,
Sachverhalte etc.) zugeschrieben wird“ (Bentele, 1998: 655). Glaubwürdig ist demnach
eine Aussage, Person oder Institution, wenn sie als wahr, adäquat und kohärent wahr-
genommen wird (Bentele, 1988: 408). Hier stehen die Wahrnehmung des Rezipienten
und die darauf aufbauende Zuschreibung im Vordergrund, sodass auch intendiert falsche
Aussagen glaubwürdig sein können (Grünberg, 2015: 133).
    Darüber hinaus werden zusätzlich die Aspekte Akzeptanz und Übernahmebereit-
schaft von Informationen nach Wirth (1999) berücksichtigt, da die Akzeptanz von Kom-
munikationsangeboten insbesondere im journalistischen Kontext eine zentrale Rolle
spielt. Dahingehend wird die Kritik von Matthes und Kohring (2003: 7) an dem Glaub-
würdigkeitsbegriff in Bezug auf die Journalismusforschung aufgegriffen, die kritisieren,
dass Vertrauen in Journalismus theoretisch zu lange vernachlässigt wurde (S. 5). Da
Journalismus der Gesellschaft aber Orientierung über ihre wechselseitigen Abhängig-
keits- und Beeinflussungsverhältnisse biete und damit mehr als ein bloßer Informati-
onsvermittler sei, verkürze der Glaubwürdigkeitsbegriff das Vertrauensproblem der
Medien auf den Aspekt der korrekten und faktengetreuen Wiedergabe von gesellschaft-
licher Realität. Gerade im Journalismus sind aber (das Vertrauen in) Themenselektivität,
Faktenselektivität und explizite Bewertungen besonders relevant (Kohring, 2001: 7).

4. Theoretische Modellierung und Forschungsstand
Interaktive Datenvisualisierungen stellen im Online-Journalismus verhältnismäßig neue
Anwendungen dar. Dennoch gibt es verlässliche Hinweise aus anderen Disziplinen, dass
die Visualisierung von Daten auch auf die Wahrnehmung von journalistischen Kom-
munikationsangeboten großen Einfluss nimmt. An diesen Hinweisen orientieren sich
die folgenden Ausführungen, um fundierte Hypothesen über die Wirkungen von Da-
tenvisualisierungen im Journalismus auf seine Rezipienten aufstellen zu können.

4.1 Verständlichkeit
Ein grundlegendes Verständnis von den Wahrnehmungs- und Kognitionsprozessen, die
bei der Verarbeitung von Visualisierungen stattfinden, liefert die Kognitive Theorie des
Multimedialen Lernens (Cognitive Theory of Multimedia Learning – CTML) nach
Mayer (2005). Auch wenn diese Theorie zuletzt nicht ohne Kritik geblieben ist (Tibus
& Eitel, 2016), wird sie aufgrund ihrer Bewährtheit als maßgebend für die Argumenta-
tion dieser Untersuchung verwendet. Die CTML geht davon aus, dass Multimedialität,
also die kombinierte Darbietung von Bildern und Texten, zu einer besseren Verständ-
lichkeit der Inhalte führt als monomediale Inhalte, bei denen beispielsweise nur textliche
Informationen zum Einsatz kommen. Zentrale Annahmen sind zum einen die Dual-
                   https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                        Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
192
Bussemas · Mehr als Balken und Torten

Channel Assumption, die konstatiert, dass das kognitive System über zwei unterschied-
liche parallele Verarbeitungskanäle (auditiv-verbal und visuell-piktorial) mit jeweils se-
paraten kognitiven Ressourcen verfügt. Diese sind der Limited Capacity Assumption
folgend jeweils begrenzt. Nach der Active Processing Assumption tritt Lernen schließlich
dann ein, sobald der Rezipient bewusst kognitive Ressourcen einsetzt, um ein mentales
Modell der wahrgenommenen Informationen zu erarbeiten. Sind beide kognitiven Ver-
arbeitungskanäle durch multimediale Inhalte ideal ausgelastet, erhöht dies die Lernleis-
tung des Rezipienten.
    Es herrscht weitgehend Konsens darüber, dass der (sinnvolle) Einsatz von Visuali-
sierungen in Verbindung mit textlichen Informationen die Verständlichkeit von Inhalten
sowie die Erinnerungsleistung der Rezipienten verbessert. Die Erkenntnisse wurden
vielfach repliziert und haben sich auch in Meta-Analysen als empirisch gut gesichert
herausgestellt (Ginns, 2006). Ferner sind diese Ergebnisse anschlussfähig an das Ver-
ständnis von Verständlichkeit dieser Studie. So argumentieren etwa Shah und Hoeffner
(2002), dass die ideale Auslastung beider Verarbeitungskanäle zu einer höheren wahr-
genommenen Verarbeitungsflüssigkeit führt und somit zu einer höheren wahrgenom-
menen Verständlichkeit der dargebotenen Informationen. Dass sich diese Effekte auch
in Hinblick auf Datenvisualisierungen nachweisen lassen, zeigen Zacks und Tversky
(1999). Die Forscher kommen im Rahmen von zwei Experimenten zur Wahrnehmung
von Linien- und Balkendiagrammen, welche insbesondere im Journalismus gängige
Darstellungsformen sind, zu dem Ergebnis, „[that] people’s comprehension and pro-
duction of graphs conform to the principles of cognitive naturalness and information
processing ease“ (S. 1078). Dahingehend fasst auch Hughes (2015) zusammen: „By com-
bining both images and words, graphs engage both verbal and visual processing systems
[…] and increase individuals’ abilities to organize relevant information into coherent
mental representations […]. As a result, individuals retain and recognize visual infor-
mation more efficiently and for longer periods of time.” (Hughes 2015: 2)

4.2 Attraktivität
Dass sich jenes Gefühl von flüssiger kognitiver Verarbeitung positiv auf die Bewertung
der Attraktivität eines Zielstimulus auswirken kann, zeigen Winkielman und Cacioppo
(2001) sowie Fang, Singh und Ahluwalia (2007). Eine Argumentationsgrundlage für diese
Annahme liefern die Missattributionstheorie und das Konzept der Selbstwirksamkeit
(Bandura, 1977).
    Bandura (1977) geht davon aus, dass das Gefühl, Probleme selbstständig lösen oder
komplexe Sachverhalte verstehen zu können, ein natürliches Bedürfnis des Menschen ist
und die Erfüllung dieser Erwartung ein positives Gefühl hervorruft. Die Wahrnehmung,
eine kognitive Aktivität leicht ausführen zu können, signalisiert, dass die eigenen ko-
gnitiven Fähigkeiten ausreichen. Dies wird als Belohnung empfunden. Jedoch „ver-
wechseln“ Rezipienten die Ursache für dieses positive Gefühl. Sie verorten die Ursache
nicht in der Leichtigkeit ihrer Verarbeitung, also in ihren Fähigkeiten, sondern in Ei-
genschaften des Stimulus. Personen „fehlinterpretieren“ dieses Gefühl also kognitiv als
eine positive Sachinformation über den vorliegenden Stimulus und bewerten in Folge
dessen den Stimulus positiver (Winkielman & Cacioppo, 2001; Fang et al., 2007). Reber,
Winkielman und Schwarz (1998) fassen zusammen, „(a) that perceptual fluency increases
liking and (b) that the experience of fluency is affectively positive, and hence attributed
to positive but not to negative features” (S. 45). Diese theoretischen Annahmen sind mit
dem Verständnis von Attraktivität und Verständlichkeit dieser Arbeit insofern kompa-
tibel, als dass „subjektiv empfundene[s] Wohlgefallen“ (Thielsch, 2008: 442) und Funk-
                    https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                         Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
                                                                                               193
M&K 66. Jahrgang 2/2018

tionalität eines Objektes als miteinander verwoben begriffen werden. Sofern eine Da-
tenvisualisierung also beispielsweise als klar, unterstützend, nützlich oder benutzer-
freundlich wahrgenommen wird, lassen sich wohlmöglich auch Rückschlüsse auf die
Verarbeitungsflüssigkeit der Rezipienten und somit auf die wahrgenommene Attrakti-
vität des Angebotes ziehen.
    In diesem Sinne heben Starrs, Klanten, Bourquin, Tissot und Ehmann (2010) die
Wirkung von Attraktivität auch auf die Verständlichkeit von Datenvisualisierungen her-
vor. Den Forschern zufolge begünstigt die Attraktivität einer Datenvisualisierung nicht
nur die Freude und Zufriedenheit bei der Rezeption, sondern erhöht auch die Aufmerk-
samkeit, das Involvement und die Motivation des Rezipienten. Dementsprechend ar-
gumentieren Moere und Purchase (2011): „In the context of visualization, highly aes-
thetic representations may compel the user to engage with the data, enabling more ef-
fective communication of the information itself.“ (S. 363) Diese Argumentationslinie
entspricht der Active Processing Assumption der CTML. Die Lernleistung eines Rezipi-
enten ist abhängig von dessen Motivation, kognitive Ressourcen zu investieren. Macht
ein Informationsangebot diese Investition für den Rezipienten attraktiver, und dies ist
im besonderen Maße in einem harten Wettbewerb um Aufmerksamkeit für den Online-
Journalismus relevant, macht es nicht nur eine Verbesserung der Lernleistung des Re-
zipienten wahrscheinlicher, sondern kann zu einer längeren Verweildauer und mehr
Klicks führen.
    Gleichwohl geben Elmqvist, Moere, Jetter, Cernea, Reiterer und Jankun-Kelly (2011)
in ihrer Studie Fluid Interaction for Information Visualization zu bedenken, dass eine
positive Wirkung von Datenvisualisierungen auf die Verarbeitungsflüssigkeit oder die
Attraktivität von Informationsangeboten durchaus voraussetzungsreich ist. Hier sind
zum einen die Qualität und der sinnhafte Einsatz der Visualisierung und zum anderen
die individuellen Fähigkeiten der Rezipienten entscheidend, ob diese mit solchen Dar-
stellungen gewinnbringend umgehen können. Insbesondere im Journalismus sind Ein-
schätzungen über die Fähigkeiten und Gewohnheiten der eigenen Leserschaft ausschlag-
gebende Kriterien für die redaktionelle Entscheidung, ob und welche Darstellungsfor-
men von Daten zum Einsatz kommen (ebd.: 327). Denn andernfalls besteht die Gefahr,
dass sich bestimmte Lesergruppen mit allzu komplexen Datenvisualisierungen überfor-
dert fühlen oder diese als abschreckend empfinden. Dick (2014) stellt hier beispielhaft
heraus, dass „a portion of the general public are intimidated by charts of all kinds, because
they remind them of unhappy memories of studying mathematics at school” (ebd.: 502).

4.3 Glaubwürdigkeit
Die Glaubwürdigkeit einer Quelle ist für den Rezipienten insbesondere dann wichtig,
wenn es ihm an entsprechendem Vorwissen fehlt. In Fällen, in denen Rezipienten über
begrenzte Möglichkeiten verfügen, die Wahrhaftigkeit oder Richtigkeit einer Aussage
auf Grundlage des eigenen Vorwissens zu beurteilen, sind sie gezwungen, andere Merk-
male der Botschaft oder des Kommunikators zur Beurteilung heranzuziehen (Prelli,
1989). Die vermeintliche Wissenschaftlichkeit von Datenvisualisierungen kann an dieser
Stelle als Grundlage für Glaubwürdigkeitszuschreibungen dienen: „The credibility of a
communication source can powerfully influence persuasiveness […]. Given the high
standing of science in society, merely implying legitimate scientific standing can enhance
persuasion due to the enhanced credibility of scientific sources.” (Tal & Wansink, 2016:
117) Kommunikationsangebote können nach dieser Auffassung überzeugender gestaltet
werden „without any alteration in content, simply by virtue of being presented with

                    https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                         Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
194
Bussemas · Mehr als Balken und Torten

elements associated with science” (ebd.). Tal und Wansink fassen diesen Effekt als „halo
of scientific validity“ (ebd.: 117) zusammen.
     Eine andere Argumentationslinie für die Überzeugungskraft von Datenvisualisie-
rungen bietet Hughes (2015) an, indem er auf eine erhöhte Verarbeitungsflüssigkeit von
multimedialen Inhalten verweist. Zum einen werden im Sinne der CMTL multimediale
Darstellungen im Gegensatz zu textlichen Informationen effizienter von Rezipienten
verarbeitet: „[I]ndividuals retain and recognize visual information more efficiently and
for longer periods of time than if they were exposed to verbal information“ (ebd.: 2).
Zum anderen betonen und akzentuieren Datenvisualisierungen in der Regel bestimmte
Aspekte eines Sachverhaltes bzw. eines Rohdatensatzes und rahmen so die vermittelten
Inhalte: „[G]raphs [...] necessarily frame issues. […] By emphasizing or deemphasizing
the contrast between quantities, graphs provide visual emphasis frames that guide opin-
ion formation” (ebd.: 2). Die höhere Verfügbarkeit und Salienz von Datenvisualisierun-
gen aufgrund ihrer flüssigeren Verarbeitung werden zur anschließenden Urteilsbildung
verstärkt zurate gezogen und wirken im Sinne einer Verfügbarkeitsheuristik (Tversky
& Kahnemann, 1973) glaubwürdiger als textliche Informationen, die weniger flüssig
verarbeitet werden: „People may have an easier time processing, and consequently shif-
ting opinion, based on visual information” (Tal & Wansink, 2016: 122). Dieser Umstand
ist im Speziellen für den journalistischen Kontext dieser Studie relevant, da insbesondere
journalistische Kommunikationsangebote auf die Akzeptanz- und Übernahmebereit-
schaft ihres Publikums angewiesen sind.

4.4 Interaktivität
Zur Untersuchung der Wirkung von Interaktivität von Datenvisualisierungen auf Re-
zipienten wird die Theorie der multiplen externen Repräsentationen (MER) hinzuge-
zogen, da sie in ihren Grundannahmen mit der CTML kompatibel und für das Ver-
ständnis von Interaktivität dieser Arbeit anschlussfähig ist (Bodemer, Ploetzner, Feuer-
lein & Spada, 2004). Unter multiplen externen Repräsentationen (MER) werden unter-
schiedliche Darstellungen verstanden, die gemeinsam dargeboten werden, um Menschen
beim Lernen und bei der Lösung von Problemen zu unterstützten. Die gemeinsame
Darbietung verschiedener externer Repräsentationen (ER) soll dabei potenziell Vorteile
gegenüber der Darbietung einer einzelnen ER bieten, indem entweder unterschiedliche
Aspekte eines Konzeptes dargestellt werden oder dieselben Aspekte in unterschiedlicher
Weise.
    Diese Annahmen lassen sich auf den Aspekt der Interaktivität von Datenvisualisie-
rungen insofern beziehen, als dass interaktive Elemente von Datenvisualisierungen als
Steuerungsfunktionen unterschiedliche Aspekte eines Datensatzes hervorheben, aus-
blenden oder dieselben Daten in unterschiedlicher Form darstellen können. Dabei kön-
nen sich interaktiv gesteuerte Ansichten desselben Datensatzes wechselseitig ergänzen
und so kognitive Prozesse unterstützen (Ainsworth, 1999). Interaktivität, wie beispiels-
weise bei sogenannten Mash-ups auf Karten, kann zu einem vertieften Verständnis beim
Rezipienten führen, indem vergleichende Prozesse angeregt werden, die beispielsweise
den Wissenstransfer auf neue Situationen erleichtern können (Bransford & Schwartz,
1999). Darüber hinaus legen einige Studien aus der Interaktivitätsforschung nach dem
Konzept der Selbstwirksamkeit (Bandura, 1977) nahe, dass Interaktivität die zuvor be-
schriebenen Prozesse der CTML unterstützt und Verständlichkeit, Attraktivität und
Glaubwürdigkeit steigern kann (Rafaeli & Ariel, 2007; Wojdynski, 2015: 1).
    Schließlich lassen sich aus den dargestellten Annahmen für die vorliegende Studie
folgende Hypothesen ableiten:
                     https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                          Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
                                                                                                195
M&K 66. Jahrgang 2/2018

H1: Der Einsatz von Datenvisualisierungen erhöht die wahrgenommene Glaubwür-
    digkeit, Attraktivität und Verständlichkeit eines journalistischen Kommunikati-
    onsangebots.
H2: Der Einsatz von Interaktivität erhöht die wahrgenommene Glaubwürdigkeit, At-
    traktivität und Verständlichkeit eines journalistischen Kommunikationsangebots
    (im Gegensatz zu statischen Datenvisualisierungen).
H3: Die wahrgenommene Attraktivität, Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit be-
       einflussen sich gegenseitig positiv.
Neben den forschungsleitenden Größen werden auch zahlreiche individuelle Persön-
lichkeitsmerkmale und Fähigkeiten, die die Wahrnehmung von Datenvisualisierungen
beeinflussen können, berücksichtigt. Darunter fallen die Erfahrung eines Rezipienten
mit grafischen Repräsentationen („graph literacy“), die allgemeine Einstellung zu sta-
tistischer Realitätsbeschreibung, (kognitives) Involvement sowie thematisches Interesse.
Individuelle Unterschiede hinsichtlich solcher Größen sind nicht nur theoretisch an-
schlussfähig, sondern erweisen sich auch in einigen der dargestellten Studien als relevant.
Ancker, Chan und Kukafka (2009) stellen beispielsweise heraus, dass „graphical literacy
skills often affect the ability to use information in graphs“ (ebd.: 2). Eine höhere Kom-
petenz beim Umgang mit Daten geht mit einem besseren Verständnis und damit mit
einer stärkeren Wirkung von summarischen Realitätsbeschreibungen bei Rezipienten
einher (Gibson, Callison & Zillmann, 2011; Dick, 2014: 502). In diesem Sinne fasst auch
Hughes (2015) zusammen, „that graphs provide individuals with powerful interpretive
frames; those who are predisposed to accept the information contained in a graph do so”
(ebd.: 4). Analog dazu tendieren Rezipienten mit wenig graphischer bzw. statistischer
Erfahrung dazu, Datenvisualisierungen falsch zu interpretieren oder sich gar von der
Darstellungsart an sich abschrecken zu lassen: „[T]he comprehension of graphs can be
effortful and error prone“ (Shah & Hoeffner, 2002: 48).

5. Methodik
Die Untersuchung der Hypothesen beruht auf einer im Oktober 2016 durchgeführten,
standardisierten Online-Befragung mit experimentellem Design. 265 Teilnehmer (nach
Datenbereinigung und Manipulationscheck), zufällig auf drei Experimentalgruppen ver-
teilt, sahen hierzu entweder (1) einen rein textlichen Artikel, (2) den gleichen Artikel mit
statischen Datenvisualisierungen oder (3) den gleichen Artikel mit interaktiven Daten-
visualisierungen. Im Anschluss an die Präsentation des jeweiligen Stimulus wurden die
Teilnehmer zu ihrer subjektiven Wahrnehmung hinsichtlich der Verständlichkeit, At-
traktivität und Glaubwürdigkeit des Artikels sowie zu individuellen Persönlichkeits-
merkmalen befragt.

5.1 Stimulusmaterial
Als Stimulusmaterial wurde ein auf Spiegel Online publiziertes, datenjournalistisches
Projekt (Stotz, Döing & Elmer, 2016) über die Entwicklung des weltweiten Terrorismus
ausgewählt. Das Projekt umfasste nach Bearbeitung 415 Wörter, ein Symbolbild, drei
interaktive Graphen und eine interaktive kartographische Darstellung, die fünf navi-
gierbare Ansichten anbietet. Es legt dar, dass sich Terroranschläge und dessen Opfer in
Westeuropa über die Jahre statistisch deutlich reduziert haben. Aktuelle öffentliche De-
batten zu diesem Thema suggerieren jedoch das genaue Gegenteil, sodass die Darstel-
lungen im Artikel durchaus in Zweifel gezogen werden können. Außerdem wurden
                    https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                         Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
196
Bussemas · Mehr als Balken und Torten

Quellenangaben sowie Absender und Autorennamen entfernt, um zu vermeiden, dass
sich mögliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Artikels anhand der Seriosität der
angegebenen Quellen oder des Absenders auflösen lassen.
    Hier ist zu bemerken, dass das Hinzufügen von Graphen oder Diagrammen zwangs-
läufig zusätzliche Informationen für verschiedene Experimentalgruppen beisteuert.
Auch das Hinzufügen von Interaktionsmöglichkeiten, welche beispielsweise mehrere
Ansichten eines Datensatzes ermöglichen, bedeuten immer auch zusätzliche Informa-
tionen für den Rezipienten. Diese Aspekte führen letztlich zu der Schwierigkeit, die
gemessenen Unterschiede zwischen den Experimentalgruppen exakt auf die Interakti-
vität oder auf die unterschiedliche Darstellung der Informationen zurückzuführen und
nicht etwa auf die zusätzlichen Informationen per se. Um diese Diskrepanz weitestge-
hend kontrollierbar zu machen und allen Experimentalgruppen einen möglichst ähnli-
chen Informationengehalt bereitzustellen, wurden die textlichen Informationen um eine
Beschreibung über die in den Datenvisualisierungen dargestellten Sachverhalte erweitert.
So wurde versucht zu kontrollieren, dass auch Probanden, denen lediglich textliche In-
formationen vorgelegt werden, ein vergleichbarer Informationsgehalt zur Verfügung
steht, wie jenen Probanden, denen zusätzlich interaktive Datenvisualisierungen präsen-
tiert werden.
    Ferner soll die Wahl eines mittleren Interaktivitätsgrads sicherstellen, dass Nutzer
die Interaktivität einerseits deutlich als solche erkennen und andererseits nicht überfor-
dert werden (Weber & Wenzel, 2013: 10). Die korrekte Beantwortung des Stimulus-
Checks suggeriert zum einen ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit beim Probanden und
gibt zum anderen Hinweise darauf, ob die Probanden die interaktiven Steuerungsmög-
lichkeiten (1) erkannt haben, diese (2) bedienen konnten und ob (3) interaktive Elemente
erwartungsgemäß reagiert haben. Ein nicht korrekt ausgefüllter Stimulus-Check war ein
zentrales Argument für die Datenbereinigung.

5.2 Operationalisierung der forschungsleitenden Größen
Nach Auffassung dieser Arbeit liegt wahrgenommene Glaubwürdigkeit zum einen dann
vor, wenn der Rezipient die ihm dargebotenen Informationen als wahr, adäquat und
kohärent wahrnimmt, und zum anderen dann, wenn der Rezipient bereit ist, die ihm
dargebotenen Informationen zu akzeptieren und zu übernehmen. Um dies zu messen,
wurde zum einen die Skala zur Medienglaubwürdigkeit (α=.89) nach Schweiger (1999)
herangezogen. Die Probanden bewerten hier im Rahmen eines fünfstufigen Polaritäten-
profils elf Begriffspaare wie „unseriös – seriös“, „schlecht recherchiert – gründlich re-
cherchiert“ oder „unausgewogen – ausgewogen“. Zum anderen werden die beiden Skalen
Vertrauen in Faktenselektivität (α=.75) und Vertrauen in Richtigkeit von Beschreibun-
gen (α=.77) nach Matthes & Kohring (2003) genutzt. Die Probanden geben hier an, in-
wieweit sie Aussagen wie „Die wesentlichen Punkte werden berücksichtigt“ oder „Ich
erhalte korrekte Daten über das Thema“ zustimmen.
    Wahrgenommene Attraktivität liegt nach dem Verständnis dieser Studie dann vor,
wenn ein Proband subjektives Wohlgefallen bei der Rezeption der dargebotenen Infor-
mationen empfindet, sie also als auffallend, schön, beeindruckend, aufregend oder in-
teressant einschätzt. Dies wurde zum einen anhand der Skala für Allgemeines Lesever-
gnügen (α=.91) nach Appel, Koch, Schreier & Groeben (2002) gemessen. Hier trifft der
Proband Einschätzungen zu Aussagen wie „Der Artikel hat mir gefallen“ oder „Während
des Lesens konnte ich mir den Inhalt gut vorstellen“. Zum anderen wird die hedonische
Qualität (α=.89) nach Hassenzahl (2003) abgefragt. Im Rahmen eines fünfstufigen Po-

                   https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                        Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
                                                                                              197
M&K 66. Jahrgang 2/2018

laritätenprofils bewerten die Probanden hier sieben Begriffspaare wie „phantasielos –
kreativ“, „konservativ – innovativ“ oder „lahm – fesselnd“.
    Nach Auffassung dieser Studie liegt wahrgenommene Verständlichkeit dann vor,
wenn der Rezipient das Gefühl von Verarbeitungsflüssigkeit bei der Rezeption der dar-
gebotenen Informationen erfährt. Das Gefühl von Verarbeitungsflüssigkeit wird zum
einen anhand der Skala für die Leichtigkeit des kognitiven Zugangs (α=.87) und zum
anderen anhand der Skala zur Anschaulichkeit (α=.91) jeweils nach Appel und Kollegen
(2002) gemessen. Im Rahmen dieser beiden Skalen bewerten die Probanden Aussagen
wie „Ich konnte dem Beitrag gut folgen“, „Während des Lesens konnte ich mir den Inhalt
gut vorstellen“ oder „Beim Lesen habe ich den Artikel als anschaulich empfunden“. Zu-
sätzlich wird die pragmatische Qualität (α=.87) nach Hassenzahl (2003) miteinbezogen.
Im Rahmen eines fünfstufigen Polaritätenprofils bewerten die Probanden hier sechs Be-
griffspaare wie „kompliziert – einfach“, „verwirrend – übersichtlich“ oder „unpraktisch
– praktisch“.
    Diese Skalen wurden für einige Berechnungen auch als jeweilige Mittelwertindizes
wahrgenommene Glaubwürdigkeit (α=.81), wahrgenommene Attraktivität (α=.81) und
wahrgenommene Verständlichkeit (α=.87) zusammengefasst.

5.3 Intervenierende Variablen
Das Kognitive Involvement (α=.91) und das Thematische Interesse der Probanden wur-
den mit den gleichnamigen Skalen nach Appel und Kollegen (2002) gemessen. Zur Mes-
sung der graph literacy wurde sich an Galesics und Garcia-Retameros (2011) graph-
literacy-Test orientiert. Hier bewerteten die Probanden Aussagen wie: „Gewöhnlich ha-
be ich keine Probleme, Werte von Diagrammen oder Graphen abzulesen“ oder „Bei der
Interpretation von Diagrammen und Graphen bin ich selten unsicher“. Die Allgemeine
Einstellung zu Daten wurde in Anlehnung an Tal und Wansink (2016) und Hughes
(2015) anhand von Aussagen wie: „Ich finde Datenvisualisierungen können Neues auf-
decken“ oder „Daten bilden die Welt so ab, wie sie wirklich ist“ gemessen.

6. Ergebnisse
6.1 Beschreibung der Stichprobe
Nach Bereinigung der Stichprobe liegt das Durchschnittsalter der Teilnehmer bei 26,11
Jahren (SD=7,62). Mit 48 Prozent weiblichen Teilnehmern sind die Geschlechter nahezu
gleichverteilt. Knapp die Hälfte der Befragten verfügt über einen Hochschulabschluss
(45 %) und 35 Prozent über einen Abiturabschluss. Andere Abschlüsse wie Haupt-
schulabschluss (1 %), Mittlere Reife (2 %) oder abgeschlossene Lehre (3 %) liegen im
einstelligen Prozent-Bereich. Die Ergebnisse einer einfaktoriellen Varianzanalyse zeigen
außerdem, dass sich die soziodemographischen Variablen sowie die intervenierenden
Variablen über die Experimentalgruppen hinweg nicht signifikant unterscheiden (vgl.
Tabelle 7 im Anhang). Mit dem Stimulus verbrachten die Probanden im Durchschnitt
224 Sekunden.

6.2 Prüfung der Hypothesen
Zur Prüfung der Hypothesen wurden mehrere einfaktorielle multivariate Kovarianz-
analysen gerechnet.

                   https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                        Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
198
Bussemas · Mehr als Balken und Torten

Tabelle 1: Effekte des Stimulusmaterials (nur Text/mit statischen
           Datenvisualisierungen) auf die abhängigen Variablen

Quelle                       Abhängige Variable                                       F     Sig.     η²
Stimulusmaterial nur Text / Medienglaubwürdigkeit                                 4,477     ,036   ,028
Text mit statischen         Vertrauen in Faktenselektivität                       7,333     ,008   ,044
Datenvisualisierungen       Vertrauen in Richtigkeit der                          1,199     ,275   ,008
                            Beschreibung
                            Allgemeines Lesevergnügen                            3,494      ,063   ,022
                            Hedonische Qualität                                 18,056      ,000   ,103
                            Anschaulichkeit                                     10,914      ,001   ,065
                            Pragmatische Qualität                                4,580      ,034   ,028
                            Leichtigkeit des kognitiven Zugangs                  2,625      ,107   ,016

Hypothese 1 postuliert einen Einfluss der Datenvisualisierungen auf die wahrgenom-
mene Glaubwürdigkeit, Attraktivität und Verständlichkeit des Kommunikationsange-
bots. Diese Annahme wird weitestgehend von den erhobenen Daten gestützt (siehe Ta-
belle 1).
    Ob Probanden mit Datenvisualisierungen oder lediglich mit textlichen Informatio-
nen konfrontiert werden, hat einen signifikanten Effekt auf die Einschätzung der Pro-
banden zur Medienglaubwürdigkeit (F(1, 163)=4.477, p=.036 η²=.028) und ihrem Ver-
trauen in die Faktenselektivität (F(1, 163)=7.333, p=.008 η²=.044) des Artikels. Proban-
den, denen Artikel mit Datenvisualisierungen vorlagen, bewerteten diese also als glaub-
würdiger und vertrauten stärker in die Selektion der Informationen als Probanden, denen
lediglich textliche Informationen zur Verfügung standen. Datenvisualisierungen hatten
jedoch keinen Einfluss auf das Vertrauen in die Richtigkeit der Beschreibung
(F(1,163)=1,199, p=.275, η²=.008, n.s.).
    Des Weiteren bewerteten Probanden, denen der Artikel mit statischen Datenvisua-
lisierungen vorgelegt wurde, die Hedonische Qualität (F(1, 163)=18.056, p>.001 η²=.103)
des Artikels deutlich positiver als Probanden, denen lediglich textliche Informationen
vorlagen. Der Artikel mit Datenvisualisierungen wurde also als origineller, kreativer und
interessanter wahrgenommen als der rein textliche Artikel. Der Stimulus hatte jedoch
keinen signifikanten Effekt auf das Allgemeine Lesevergnügen (F(1, 163)=3.494, p=.063,
η²=.022, n.s.) der Probanden. Das Lesen von Artikeln mit Datenvisualisierungen bewer-
teten die Probanden nicht als unterhaltsamer als rein textliche Artikel.
    Des Weiteren bewerteten Probanden, die statische Datenvisualisierungen sahen, die
Anschaulichkeit (F(1,163)=10.914, p=.001, η²=.065) und die Pragmatische Qualität
(F(1,163)=4.580, p=.034, η²=.028) des Artikels deutlich positiver als Probanden, denen
lediglich der textliche Artikel vorlag. Das Stimulusmaterial mit Datenvisualisierungen
wurde als praktischer, übersichtlicher und anschaulicher eingeschätzt als das rein text-
liche Stimulusmaterial. An dieser Stelle ist jedoch zu beachten, dass der Stimulus keinen
Effekt auf die Einschätzung der Probanden über die Leichtigkeit des kognitiven Zugangs
(F(1,163)= 2.625 p=.107 η²=.016, n.s.) hat. Dieser Befund steht im Widerspruch zu der
theoretischen Modellierung dieser Arbeit, die Datenvisualisierungen eben jenen Effekt
auf die kognitive Verarbeitungsflüssigkeit unterstellt.
    Die dargestellten Effekte sind so robust, dass statische Datenvisualisierungen auch
auf die zusammengefassten Größen wahrgenommene Glaubwürdigkeit, Attraktivität
und Verständlichkeit deutlich signifikante Effekte ausüben (siehe Tabelle 2).

                    https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                         Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
                                                                                                   199
M&K 66. Jahrgang 2/2018

Tabelle 2: Effekte des Stimulusmaterials (nur Text/mit statischen
           Datenvisualisierungen) auf die zusammengefassten Größen

Quelle                                      Abhängige Variable                               F   Sig.     η²
Stimulusmaterial nur Text / Text mit        Wahrgenommene                              5,944     ,016   ,036
statischen Datenvisualisierungen            Glaubwürdigkeit
                                            Wahrgenommene Attraktivität               10,659     ,001   ,064
                                            Wahrgenommene                              6,986     ,009   ,043
                                            Verständlichkeit

Tabelle 3: Effekte des Stimulusmaterials (mit statischen Datenvisualisierungen / mit
           interaktiven Datenvisualisierungen) auf die abhängigen Variablen

Quelle                                     Abhängige Variable                                F   Sig.     η²
Stimulusmaterial mit statischen            Medienglaubwürdigkeit                        ,015     ,903   ,000
Datenvisualisierungen / mit                Vertrauen in Faktenselektivität             2,070     ,152   ,015
interaktiven Datenvisualisierungen         Vertrauen in Richtigkeit der                1,409     ,237   ,010
                                           Beschreibung
                                           Allgemeines Lesevergnügen                   1,764     ,186   ,012
                                           Hedonische Qualität                         8,261     ,005   ,056
                                           Anschaulichkeit                              ,144     ,705   ,001
                                           Pragmatische Qualität                        ,169     ,681   ,001
                                           Leichtigkeit des kognitiven                  ,000     ,999   ,000
                                           Zugangs

Hypothese 2 nimmt einen Einfluss der Interaktivität auf die wahrgenommene Glaub-
würdigkeit, Attraktivität und Verständlichkeit des Kommunikationsangebots an. Dies
lässt sich im Rahmen des vorliegenden Untersuchungsdesigns jedoch nicht bestätigen
(siehe Tabelle 3).
    Ob Probanden interaktive oder statische Datenvisualisierungen vorgelegt bekom-
men, hat für keine der drei auf Glaubwürdigkeit bezogenen abhängigen Variablen einen
signifikanten Effekt (p>.05). Interaktivität beeinflusste im vorliegenden Untersuchungs-
design also nicht die Zuschreibung von Glaubwürdigkeit (oder Vertrauen) im Vergleich
zu statischen Datenvisualisierungen. Dies gilt auch für alle auf wahrgenommene Ver-
ständlichkeit bezogenen Variablen (p>.05).
    Allerdings schätzten Probanden, die interaktive Datenvisualisierungen sahen, die
Hedonische Qualität (F(1,144)=8.261, p=.005, η²=.056) des Artikels signifikant besser
ein als Probanden, die statische Datenvisualisierungen sahen: Die Probanden bewerteten
den Artikel mit interaktiven Datenvisualisierungen als innovativer, fesselnder und in-
teressanter. Jedoch ist hier zu beachten, dass der Stimulus keinen signifikanten Effekt
auf das Allgemeine Lesevergnügen (F(1,144)=1.764, p=.186, η²=.012, n.s.) hatte. Pro-
banden bewerteten also Artikel mit interaktiven Datenvisualisierungen nicht als unter-
haltsamer als Artikel mit statischen Datenvisualisierungen.
    Diese Befunde spiegeln sich auch in den Ergebnissen einer Varianzanalyse, die die
Variablen wahrgenommene Glaubwürdigkeit, Attraktivität und Verständlichkeit als
zusammengefasste Größen miteinbezieht. Auch dieses Modell zeigt, analog zu den be-
reits dargestellten Ergebnissen, lediglich einen signifikanten Effekt der Stimulusvariable
für die wahrgenommene Attraktivität (F(1,143)=5.158, p=.025, η²=.036).
                     https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                          Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
200
Bussemas · Mehr als Balken und Torten

Tabelle 4: Effekte des Stimulusmaterials (mit statischen Datenvisualisierungen / mit
           interaktiven Datenvisualisierungen) auf die zusammengefassten Größen

Quelle                              Abhängige Variable                             F         Sig.     η²
Stimulusmaterial mit statischen     Wahrgenommene                             1,228          ,270   ,009
Datenvisualisierungen /             Glaubwürdigkeit
mit interaktiven                    Wahrgenommene Attraktivität               5,158          ,025   ,036
Datenvisualisierungen               Wahrgenommene                              ,000          ,991   ,000
                                    Verständlichkeit

Abbildung 1: Grafische Zusammenfassung der Ergebnisse

Hypothese 3 geht davon aus, dass sich die wahrgenommene Glaubwürdigkeit, Ver-
ständlichkeit und Attraktivität gegenseitig positiv beeinflussen. Diese Annahme wird
von den Ergebnissen der vorliegenden Studie gestützt. Die Korrelationsmatrix in Tabelle
5 sowie in Tabelle 9 (im Anhang) zeigen für jeden Vergleich zwischen den drei zusam-
mengefassten Faktoren signifikante Effekte (p
M&K 66. Jahrgang 2/2018

Tabelle 5: Korrelationen der zusammengefassten Größen untereinander

Korrelationen
                                         Wahrgenommene Wahrgenommene Wahrgenommene
                                         Glaubwürdigkeit Attraktivität Verständlichkeit
Wahrgenommene Pearson-Korrelation                   1                   ,490**             ,446**
Glaubwürdigkeit Sig. (2-seitig)                                          ,000               ,000
                 N                                 245                   243                 237
Wahrgenommene Pearson-Korrelation                ,490**                    1               ,589**
Attraktivität    Sig. (2-seitig)                  ,000                                      ,000
                 N                                 243                    260                252
Wahrgenommene Pearson-Korrelation                ,446**                 ,589**                1
Verständlichkeit Sig. (2-seitig)                  ,000                   ,000
                 N                                 237                    252               252

6.3 Weitere Ergebnisse
Die Analysen zeigen ferner, dass sich zahlreiche intervenierende Variablen signifikant
auf die Ergebnisse der vorliegenden Studie auswirken (vgl. Tabelle 7 im Anhang). Hier
ist insbesondere die Erfahrung der Probanden mit Datenvisualisierungen hervorzuhe-
ben. Probanden mit großer Erfahrung mit Datenvisualisierungen bewerteten die At-
traktivität und Verständlichkeit von Artikeln mit Datenvisualisierungen höher als Pro-
banden mit wenig Erfahrung. Des Weiteren ist das Involvement der Probanden ein-
flussreich. Je höher das Involvement eines Rezipienten war, desto positiver schätzte er
die wahrgenommene Glaubwürdigkeit, Attraktivität und Verständlichkeit des Artikels
ein. Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die kognitive Verarbeitung von Daten, egal
in welcher Darstellungsform, voraussetzungsreich ist und eine hohe Investition von ko-
gnitiven Ressourcen erfordert. Ist ein Rezipient bereit oder geübt, diese zu investieren,
bieten Datenvisualisierungen offenbar einen größeren Mehrwert. Demographische
Merkmale hatten keinen systematischen Einfluss auf die forschungsleitenden Größen.
    Des Weiteren haben nach dem Stimulus-Check (vgl. Tabelle 8 im Anhang) 17 Prozent
der Probanden, die interaktive Datenvisualisierungen sahen, die Interaktivität des Arti-
kels nicht korrekt erkannt. Dieses Ergebnis ist kompatibel mit den Bedenken von Shah
und Hoeffner (2002: 48), die vermuten, dass einige Rezipienten Interaktivität und dessen
Vorteile weder zuverlässig erkennen noch nutzen können.

7. Diskussion
Interaktive Datenvisualisierungen haben sich in den letzten Jahren im Journalismus zu
einem etablierten und populären Kommunikationsformat entwickelt. Ein zentraler
Grund für ihre weite Verbreitung liegt in der Wirkmächtigkeit, die solchen Darstellun-
gen unterstellt wird. Jedoch sind empirische Erkenntnisse aus der Medienwirkungsfor-
schung über interaktive Datenvisualisierungen insbesondere im journalistischen Kon-
text rar. Vor diesem Hintergrund waren die Untersuchung dieser Forschungslücke und
der explizite Fokus auf die Wahrnehmung von Rezipienten erklärtes Ziel dieser Studie.
   Die dargestellten Ergebnisse weisen darauf hin, dass die großen Versprechen über die
Wirkmächtigkeit von interaktiven Datenvisualisierungen auch für journalistische Kom-
munikationsangebote durchaus ihre Berechtigung haben. Im Rahmen der verwendeten
Untersuchungsdesigns zeigt der Einsatz von (interaktiven) Datenvisualisierungen einen
                   https://doi.org/10.5771/1615-634X-2018-2-188, am 21.09.2021, 01:46:52
                        Open Access –              - http://www.nomos-elibrary.de/agb
202
Sie können auch lesen