Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus

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Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
Migrationsbericht
Jena 2021
Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
Impressum:

August 2021

Herausgeber:
Stadtverwaltung Jena
Dezernat 1
Büro für Migration und Integration
Saalbahnhofstraße 9
07743 Jena

In Zusammenarbeit mit:
Stadtverwaltung Jena
Dezernat 2
Team Statistik
Am Anger 28
07743 Jena

Timourou Wohn- und Stadtraumkonzepte
Karl-Liebknecht-Str. 141
04275 Leipzig

Sowie alle weiteren mitwirkenden Bereiche der Stadtverwaltung Jena und ihrer Eigenbetriebe.

Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungen, auch auszugsweise, sind nur mit Quellenangaben gestattet.

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Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
Inhaltsverzeichnis

Einleitung ............................................................................................................................................... 4
1. Migration in Jena im Vergleich ..................................................................................................... 5
2 Demographie .................................................................................................................................. 8
  2.1    Entwicklung der Anzahl der Migrant_innen ............................................................................. 8
  2.2    Altersstruktur der Migrant_innen ........................................................................................... 10
  2.3    Herkunftsländer der Ausländer_innen ................................................................................... 12
  2.4    Wanderungsbewegungen der Ausländer_innen ................................................................... 14
  2.5    Ausländer_innen nach Aufenthaltszwecken .......................................................................... 17
3 Soziale und sozioökonomische Merkmale ................................................................................ 19
  3.1    Kinder, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist, in den Kindertageseinrichtungen .......... 19
  3.2    Schüler_innen, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist.................................................... 20
  3.3    Ausländische Studierende an Universität und Hochschule ................................................... 22
  3.4    Beschäftigungsverhältnisse und Gewerbeanmeldungen von Ausländer_innen ................... 24
  3.5    Leistungsberechtigte Ausländer_innen nach Asylbewerberleistungsgesetz ........................ 27
  3.6    Leistungsberechtigte Ausländer_innen nach SGB II ............................................................. 29
  3.7    Einkommenssituation von Personen mit und ohne Migrationshintergrund im Vergleich ...... 31
4 Anzahl und Struktur von Haushalten mit Migrationshintergrund ........................................... 32
5 Planungsräume im Vergleich ...................................................................................................... 35
  5.1    Planungsraum Lobeda .......................................................................................................... 41
  5.2    Planungsraum West/Zentrum ................................................................................................ 44
  5.3    Planungsraum Nord ............................................................................................................... 46
  5.4    Planungsraum Ost ................................................................................................................. 48
  5.5    Planungsraum Winzerla ........................................................................................................ 51
  5.6    Planungsraum Ortschaften .................................................................................................... 54
6 Empfehlungen für die Weiterentwicklung des Migrationsberichtes ....................................... 56
Anhang ................................................................................................................................................. 57

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Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
Einleitung

Hinter jeder Wanderungsbewegung steht ein In-              Doch was wissen wir eigentlich über die neuen
dividuum, dessen soziale Beziehungen sich mit              Mitbürger_innen? Warum haben sie ihr Her-
der räumlichen Verschiebung entweder nur zeit-             kunftsgebiet verlassen? Warum sind sie nach
lich begrenzt oder gar dauerhaft verändern. Die            Jena gekommen und nicht in eine andere deut-
Migration ist ein Teil der Gesellschaft und führt          sche Gemeinde gezogen? Wie lange möchten
dazu, dass sich diese tagtäglich neu konstituiert.         sie bleiben?
Dieser gesellschaftliche Aushandlungsprozess
geschieht größtenteils unbewusst und unschein-             Um sich diesen und weiteren Fragen zu widmen
bar. Gleichzeitig können in Interaktionsprozes-            und der zunehmenden Bedeutung von Migration
sen sowohl zwischen als auch innerhalb der                 in Jena, die sich auf alle ökonomischen, sozialen
Gruppe der Einheimischen, der schon länger An-             und gesellschaftlichen Bereiche auswirkt, besser
sässigen und den neu Hinzuziehenden Konflikte              gerecht zu werden, wurde 2018 erstmals ein
auftreten, die es aufzugreifen und zu diskutieren          Migrationsbericht erstellt, der hiermit zum zwei-
gilt.                                                      ten Mal aktualisiert wird. Verfolgt werden dabei
                                                           drei wesentliche Ziele:
Im aktuellen Integrationskonzept der Stadt Jena
von 2020 wird festgestellt, dass „dank der Attrak-         • Bereitstellung einer umfassenden Daten-
tivität unserer Stadt als Arbeits- und Ausbil-               sammlung zu verschiedenen statistischen
dungsort [die Migration] Normalität, Chance und              Aspekten von Migration,
Herausforderung [ist].“                                    • Erstellung einer Informationsgrundlage für die
                                                             kommunale Politik sowie
Normalität ist sie dahingehend geworden, als in            • Zusammenstellung allgemeiner Informatio-
den letzten Jahren die Intensität der internatio-            nen für an der Thematik interessierte Bür-
nalen Wanderungsbewegungen stetig zugenom-                   ger_innen.
men hat und seit 2010 jährlich mehr Menschen
über die Grenze nach Deutschland zu- als weg-              Aus diesen Zielen resultieren unterschiedliche
ziehen. Auch in Jena stieg der Anteil der Mig-             Anforderungen an den Bericht. Der Schwerpunkt
rant_innen an der Gesamtbevölkerung im Zeit-               liegt auf der Darstellung empirischer Fakten auf
raum von 2011 bis 2020 von 8,3 auf 14,8 % an.              Grundlage vorhandener Datenquellen der Statis-
Trotz des Anstieges bedeutet dies im Umkehr-               tikstelle der Stadt Jena, des Thüringer Landes-
schluss, dass der Großteil der Jenaer keinen               amtes für Statistik und weiteren Institutionen. Er-
Migrationshintergrund aufweist.                            forderlich ist aber auch eine fundierte Interpreta-
                                                           tion und Bewertung der Daten.
Von den Migrant_innen sind derzeit
rd. 11.300 Personen oder 70,8 % Ausländer_in-              Die Aussagekraft vorhandener Daten variiert und
nen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt             ist teilweise begrenzt. Teilweise liegen keine
bei 10,4 %. Darüber hinaus leben rd. 4.675 Mig-            oder nur geringe oder wenig differenzierte Infor-
rant_innen mit deutscher Staatsangehörigkeit in            mationen vor, sodass nicht alle Fragen beant-
Jena. Dabei ist die Zahl der Eingebürgerten et-            wortet werden können.
was höher als die der (Spät-) Aussiedler_innen
(2,3 % und 2,0 % an der Gesamtbevölkerung).                Auch wenn in der Statistik zwischen Deutschen
                                                           ohne Migrationshintergrund und Migrant_innen
                                                           unterschieden wird und die folgenden Darstel-
                                                           lungen auf dieser Unterteilung fußen, soll an die-
                                                           ser Stelle ausdrücklich darauf hingewiesen wer-
                                                           den, dass die Gruppe der Migrant_innen als ein
                                                           Teil der Jenaer Gesellschaft verstanden wird.

                                                           Hinweis: Aufgrund von Rundungen bei den Prozentangaben
                                                           kann die Summe unter Umständen von 100 % leicht abwei-
                                                           chen.

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Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
1. Migration in Jena im Vergleich

    DEUTSCHLAND WIRD INTERNATIONALER                            Migration – zum Beispiel aus Pandemiegründen
                                                                – zu sinkenden Einwohnerzahlen führt.
    Seit ungefähr 2010 ziehen jährlich deutlich mehr
    Ausländer_innen nach Deutschland zu als weg                 HERKUNFTSREGION UND WANDERUNGS-
    (siehe Abb. 1). Angesichts der Wanderungsbe-               MOTIVE IM WANDEL
    wegungen nahm in Deutschland laut Mikrozen-
    sus von 2010 bis 2019 die Zahl der Deutschen                Inzwischen ziehen immer häufiger Personen aus
    mit Migrationshintergrund um rd. 6,5 Millionen              Asien nach Deutschland, was im Wesentlichen
    Personen zu. Demgegenüber steht eine Ab-                    auf eine stärker international ausgerichtete Ver-
    nahme der Deutschen ohne Migrationshinter-                  flechtung von Wirtschafts- und Lebensräumen,
    grund um rd. 5 Millionen Personen. Entspre-                 die Attraktivität deutscher Hochschulen für Stu-
    chend stieg der Anteil an Migrant_innen von                 dierende sowie auf die zunehmende Fluchtmig-
    18 % auf 26 %.1                                             ration zurückzuführen ist. Trotzdem bestehen die
    Insgesamt lässt sich das Einwohnerwachstum in               stärksten Verflechtungen weiterhin mit europäi-
    Deutschland auf die Wanderungsgewinne ge-                   schen Ländern.
    genüber dem Ausland zurückführen. Im Umkehr-
    schluss bedeutet dies auch, dass ausbleibende

    ABB. 1 ZU- UND WEGZÜGE VON AUSLÄNDER_INNEN ÜBER DIE GRENZEN DEUTSCHLANDS

                  absolut
    2.250.000
    2.000.000
    1.750.000
    1.500.000
                                                                                                   Zuzüge
    1.250.000
    1.000.000                                                                                      Wegzüge
        750.000
        500.000
        250.000
              0

‚
    Datengrundlage: Statistische Ämter des Bundes und der Länder
    Darstellung und Berechnungen: Timourou

    In ostdeutschen Gemeinden leben weniger Migrant_innen als in westdeutschen Gemeinden

    Die Anzahl der Migrant_innen in Deutschland ist             Die westlichen Bundesländer weisen eine län-
    in den letzten Jahren angestiegen. In Abhängig-             gere und intensivere Zuwanderungsgeschichte
                                                                                                                       FAZIT

    keit von der zeitlichen und räumlichen Entwick-             auf. Dort lebende Migrant_innen sind häufig
    lung entstanden dabei unterschiedliche Schwer-              schon länger und teilweise über mehrere Gene-
    punkträume. Insgesamt nehmen Migrant_innen                  rationen in Deutschland, sodass der Anteil an
    in westdeutschen Gemeinden einen höheren An-                Eingebürgerten höher liegt. Demzufolge liegt der
    teil an der Einwohnerzahl ein als beispielsweise            Anteil an neu hinzugezogenen Ausländer_innen
    in Jena, Leipzig, Erfurt oder Potsdam.                      in den ostdeutschen Gemeinden auf einem hö-
                                                                heren Niveau.

    1    Im Vergleich dazu lag der Anteil in Thüringen 2019 bei 8 %. Weitere Informationen siehe Ergebnisse des Mik-
         rozensus 2010 und 2019.

                                                          -5-
Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
REGIONALE UNTERSCHIEDE                                        Letztlich leben im Durchschnitt in Westdeutsch-
                                                              land mehr Migrant_innen als in Ostdeutschland.
Aufgrund verschiedener Rahmenbedingungen –                    Doch wie hoch liegen die jeweiligen Anteile in
von Politik über Wirtschaft bis hin zu gesell-                Jena im Vergleich? Weil für entsprechende Ver-
schaftlichen Faktoren – entstanden und entwi-                 öffentlichungen von Kommunen zunächst Aus-
ckeln sich unterschiedliche räumliche Schwer-                 wertungen des Einwohnermelderegisters mit
punkte der Migration. So weist das frühere Bun-               dem speziellen Programm mit MigraPro notwen-
desgebiet eine längere und intensivere Migrati-               dig sind, ist ein Vergleich auf der Gemeinde-
onsgeschichte auf als die ostdeutschen Bundes-                ebene nur für eine begrenzte Auswahl an Städ-
länder, was Auswirkungen auch auf die aktuellen               ten möglich. Verglichen wird mit den ostdeut-
Migrationsbewegungen hat. Beispielsweise                      schen Städten Leipzig, Potsdam und Erfurt so-
schloss die Bundesrepublik Anfang der 1950er-                 wie mit westdeutschen Universitätsstädten ähnli-
Jahre mit Mittelmeeranrainerstaaten sogenannte                cher Größe wie Erlangen, Göttingen oder Müns-
Anwerbevereinbarungen ab, um neue Arbeits-                    ter.
kräfte für das hohe Wirtschaftswachstum gewin-
nen zu können. In diesem Kontext kamen insge-                 Im Vergleich mit den westdeutschen Städten
samt bis zu 4 Millionen Ausländer_innen in die                weisen Jena und die anderen drei ostdeutschen
Bundesrepublik zum Arbeiten, darunter Italie-                 Städte sowohl die geringsten Anteile an Mig-
ner_innen, Spanier_innen, Türk_innen, Marok-                  rant_innen als auch an Ausländer_innen auf
kaner_innen. 1973 wurde ein Anwerbestopp als                  (siehe Abb. 2). Aufgrund der Zuwanderungsge-
Folge der Ölkrise verhängt, in den 1970er und                 schichte liegen die Anteile in den westdeutschen
1980er-Jahre erfolgte ein Familiennachzug die-                Städten deutlich höher. Über ein Drittel der Ein-
ser sogenannten „Gastarbeiter“. Als Arbeits-                  wohner_innen sind in Darmstadt, Erlangen und
kräfte kamen auch in die neuen Bundesländer                   Mainz Migrant_innen.
sogenannte „Vertragsarbeiter“ beispielsweise
aus Ungarn, Mosambique, Kuba oder Vietnam.                    In Westdeutschland leben die Migrant_innen im
Im Gegensatz zu den alten Ländern wurde der                   Durchschnitt schon länger, unter ihnen sind Ein-
Aufenthalt jedoch von vornherein zeitlich be-                 gebürgerte häufiger als in den neuen Ländern.
grenzt, der Familiennachzug unterbunden und                   Aus diesem Grund liegt die Spanne zwischen
die Unterbringung erfolgte in der Regel in sepa-              dem Anteil an Migrant_innen und Ausländer_in-
raten Wohnheimen.                                             nen bei den westdeutschen Gemeinden höher
                                                              als bei den ostdeutschen.

ABB. 2 ANTEIL DER MIGRANT_INNEN UND AUSLÄNDER_INNEN AN DER GESAMTBEVÖLKE-
       RUNG MIT HAUPTWOHNSITZ 2019

         Erfurt        12,6%            Migrant_innen           Erfurt        8,8%          Ausländer_innen
    Potsdam*           13,5%                                 Potsdam           9,7%
         Jena           14,5%                                 Leipzig         10,2%
       Leipzig          15,4%                                    Jena         10,3%
      Münster              23,0%                             Münster           10,8%
    Göttingen                27,9%                          Würzburg             13,3%
    Würzburg                  29,6%                         Göttingen             14,6%
 Regensburg**                  31,2%                      Regensburg               16,6%
                                                                                                                  FAZIT

        Mainz                   34,7%                          Mainz                 18,8%
     Erlangen                    36,9%                      Erlangen                  19,8%
    Darmstadt                      41,2%                   Darmstadt                   21,1%
                  0%      10%      20%      30%   40%                    0%    5%    10% 15%        20%   25%
                                Anteil in %                                           Anteil in %
‚
 * Datenstand 2018
 ** Datenstand 2017
 Datengrundlage: kommunale Statistiken der aufgeführten Gemeinden
 Darstellung und Berechnungen: Timourou

                                                        -6-
Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
UNTERSCHIEDLICHE WANDERUNGSDYNA-                          Verteilung der Geflüchteten innerhalb Deutsch-
    MIKEN SEIT DEN 1950ER-JAHREN                              lands erfolgte über den „Königsteiner Schlüssel“
                                                              proportional auf die Bundesländer. Indem aller-
    Sowohl in den 1990er-Jahren als auch um                   dings in den ostdeutschen Gemeinden weniger
    2015/2016 kamen zahlreiche Asylsuchende                   Ausländer_innen leben, fällt dort rechnerisch der
    nach Deutschland. Nach dem Höchststand im                 prozentuale Anstieg stärker aus als in den west-
    Jahr 2016 mit rd. 720.000 Asylantragsstellungen           deutschen Gebieten.
    nimmt das Volumen wieder ab. Die räumliche

    ABB. 3 ENTWICKLUNG DER ASYLANTRAGSZAHLEN
               BIS 1994 ERST- UND FOLGEANTRÄGE UND AB 1995 NUR ERSTANTRÄGE
               IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

               absolut
    800.000

    700.000

    600.000

    500.000

    400.000

    300.000

    200.000

    100.000

           0

‚
    * 2021 Januar bis Mai
    Datengrundlage: Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
    Darstellung und Berechnungen: Timourou

                                                        -7-
Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
2     Demographie

Wie sich die einzelnen Gruppen der Migrant_in-           welchen Gründen sie in Jena wohnen, ist Ge-
nen in Jena entwickelt haben, wie alt sie sind,          genstand dieses Kapitels.
woher sie kommen, wohin sie gehen und aus

2.1 Entwicklung der Anzahl der Migrant_innen

MEHR MIGRANT_INNEN IN JENA                               PHASEN DER ZUWANDERUNGSDYNAMIK

Mit inzwischen fast 16.000 Personen hat sich die         Während sich von 2009 bis 2012 die Anzahl der
Anzahl der Migrant_innen in Jena seit 2009 ver-          Migrant_innen um rd. 1.100 Personen erhöhte,
doppelt (siehe Abb. 4). Da die Anzahl der Deut-         war das Plus in den Jahren von 2013 bis 2016
schen ohne Migrationshintergrund im gleichen             mit 4.200 Personen fast viermal so groß. Im We-
Zeitraum um rd. 2.600 Personen gesunken ist,             sentlichen ist der Niveauunterschied beider Pha-
stieg der Anteil der Migrant_innen an der Ge-            sen auf den stärkeren Zuzug von Geflüchteten –
samtbevölkerung von 7,8 % auf 14,8 % an.                 vor allem in den Jahren 2015 und 2016 – zu-
                                                         rückzuführen. Seitdem nahm das Zuzugsniveau
                                                         wieder ab und die Anzahl der Migrant_innen
                                                         stieg bis 2020 um rd. 2.600 Personen an.

Vielfältig, jung und dynamisch

Inzwischen weisen 14,8 % der Jenaer einen                kommen mehr junge Personen nach Jena. Die
Migrationshintergrund auf und der Großteil der           Vielfalt an Bevölkerungs-gruppen beeinflusst
Migrant_innen sind Ausländer_innen. Jena wird            derzeit verschiedene Bereiche wie den Arbeits-
dabei aus unterschiedlichsten Gründen zum                und Wohnungsmarkt sowie die
                                                                                                             FAZIT

neuen Lebensmittelpunkt gewählt. Von den                 Bildungsinfrastruktur.
Europäer_innen kommen aufgrund der                       Noch sind unter den Ausländer_innen viele neu
Freizügigkeit höchstwahrscheinlich mehr                  Hinzugezogene. Einige von ihnen werden in
Personen zum Arbeiten in die Stadt, während              Jena für eine längere Zeit oder dauerhaft
unter den Asiat_innen der Anteil an                      bleiben. Im Ergebnis wird längerfristig mit einer
Studierenden, Forschenden und seit 2015 auch             Zunahme an Eingebürgerten gerechnet, bisher
der Geflüchteten höher liegen wird. Aufgrund der         liegt ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung bei
Internationalisierungskampagnen von Universität          2,3 %.
und Hochschule sowie der Fluchtmigration

                                                   -8-
Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
ABB. 4 ENTWICKLUNG DER ANZAHLEN VON DEUTSCHEN OHNE MIGRATIONSHINTER-
       GRUND UND MIGRANT_INNEN

                              Deutsche ohne MH*                         Migrant_innen

           absolut            Anteil Deutsche ohne MH*                  Anteil Migrant_innen            Anteil in %
            91,7%    91,2%    90,6%    89,8%                                                                          100%
                                                88,7%          87,6%     86,8%    86,0%
100.000                                                                                    85,5%            85,2%

 80.000                                                                                                               75%

 60.000
            95.417

                     95.337

                              95.342

                                                94.943
                                       94.902

                                                               94.619
                                                                                                                      50%

                                                                         94.348

                                                                                  93.728

                                                                                               93.147

                                                                                                            92.319
 40.000

                                                                                  14,0%    14,5%            14,8%     25%
                                       10,2%    11,3%          12,4%     13,2%
 20.000     8,3%     8,8%     9,4%
                                                                                  15.272   15.793          15.987
            8.673    9.214     9.940   10.806   12.105         13.364 14.374
       0                                                                                                              0%

* Migrationshintergrund
Datengrundlage: Stadt Jena
Darstellung und Berechnungen: Timourou

UNTERSCHIEDLICHE WANDERUNGSMO-                                 Veränderungen. Im Ergebnis nahm in Jena ihre
TIVE                                                           Anzahl bis 2016 ab, um seitdem wieder geringfü-
                                                               gig zuzunehmen. Diese leichte Zunahme könnte
Da die Zuwanderungsdynamik der Migrant_in-                     mit dem familiären Nachwuchs von (Spät-)Aus-
nen maßgeblich von Ausländer_innen geprägt                     siedler_innen zusammenhängen.
wird, konnten die drei zuvor benannten Phasen
bei den Ausländer_innen ebenso beobachtet                      Weil seit einigen Jahren zunehmend mehr Aus-
werden (siehe Abb. 5). Aus welchen Gründen                    länder_innen in Jena leben, nimmt auch die
die Personen im Einzelnen nach Jena gekom-                     Möglichkeit der Einbürgerung und letztlich die
men sind, ist nicht bekannt. Die Herkunftsländer               Anzahl der Eingebürgerten zu. Entsprechend
der Ausländer_innen bieten jedoch einen An-                    steigt ihre Zahl in Jena relativ kontinuierlich um
haltspunkt: Demnach ist der Anstieg im Wesent-                 rd. 5 % pro Jahr.
lichen auf die Personengruppe aus Asien und
somit vermutlich auf die Kontexte Flucht sowie                 Wie lange sie sich zum Zeitpunkt der Einbürge-
Studium/Forschung zurückzuführen (siehe Ka-                   rung bereits in Deutschland aufgehalten haben,
pitel 2.3).                                                    variiert von Jahr zu Jahr etwas. Insgesamt
                                                               nimmt aber die Dauer tendenziell ab und die
Im Vergleich zu den 1990er-Jahren war der Zu-                  meisten Eingebürgerten lebten zuvor zwischen 8
zug von (Spät-)Aussiedler_innen nach                           bis 14 Jahren in Deutschland.
Deutschland in den letzten Jahren marginal,                    Aufgrund des überproportionalen Anstiegs der
wenngleich seit 2014 aufgrund von Gesetzesän-                  Ausländer_innen in jüngster Zeit kann in den
derungen der Zuzug leicht zugenommen hat.                      nächsten Jahrzehnten auch von einem stärkeren
Weiterhin führt die Binnenwanderung dieser Be-                 Anstieg an Einbürgerungen ausgegangen wer-
völkerungsgruppe innerhalb von Deutschland zu                  den.

                                                         -9-
Migrationsbericht Jena 2021 - Rathaus
ABB. 5 VERTEILUNG UND ENTWICKLUNG DER VERSCHIEDENEN GRUPPEN VON MIG-
       RANT_INNEN

             absolut                                                                            15.793 15.987
    16.000                                                                           15.272                         Migrant_innen
                                                                         14.374
                                                             13.364
    14.000
                                                   12.105
    12.000                               10.806

                                                                                                           11.312
                                                                                                  11.217
                                9.940

                                                                                       10.866
                       9.214

                                                                            10.060
    10.000   8.673

                                                               9.195
                                                     8.008
                                           6.415
     8.000
                                 5.766
                        5.119
               4.653

                                                                                                                    Ausländer_innen
     6.000

     4.000                                                                                                          (Spät-)
                                                 2.181 2.180 2.206 2.211                                            Aussiedler_innen
             2.504 2.490 2.483 2.607 2.198 2.180
     2.000
                                                             2.370 2.464                                            Eingebürgerte
             1.516 1.605 1.691 1.784 1.899 1.989 2.133 2.226
        0
                                                                                                                    Migrant_innen
‚
 Datengrundlage: Stadt Jena
 Darstellung und Berechnungen: Timourou

2.2 Altersstruktur der Migrant_innen

MIGRANT_INNEN SIND DURCHSCHNITTLICH                                          (Spät-)Aussiedler_innen und Eingebürgerten im
JÜNGER                                                                       Durchschnitt eine höhere Aufenthaltsdauer auf,
                                                                             was sich auch in der Altersstruktur nieder-
Durch einen niedrigeren Altersdurchschnitt be-                               schlägt.
wirken Migrant_innen eine Verjüngung der
Jenaer Bevölkerung. Dieser Effekt verstärkt sich,                            Im Vergleich zu den Eingebürgerten und Auslän-
wenn der Anteil der Migrant_innen an der Bevöl-                              der_innen liegen die Anteile an der Gruppe „45
kerung zunimmt. Überdurchschnittlich stark sind                              Jahre und älter“ bei den (Spät-)Aussiedler_in-
alle Altersgruppen unter 45 Jahre vertreten, ins-                            nen am höchsten. Markant ist insbesondere die
besondere die der jungen Erwachsenen (18- bis                                Gruppe der Senior_innen.
unter 27-Jährige; siehe Abb. 6).
                                                                             Eine Besonderheit der Eingebürgerten ist der
Bei den Ausländer_innen werden hinter dieser                                 ausgesprochen hohe Anteil an Minderjährigen,
Altersgruppe im hohen Maße Studierende und                                   darunter vor allem 6- bis unter 18-Jährige, das
Geflüchtete stehen sowie Personen im Kontext                                 heißt unter den Eingebürgerten befinden sich
der Arbeitsmigration.                                                        häufiger Familien mit Kind(ern). Schätzungs-
                                                                             weise wird ungefähr ein Viertel der Minderjähri-
Im Vergleich zu den Ausländer_innen weisen                                   gen keine eigene Migrationserfahrung haben, je-
aufgrund der Migrationsgeschichte und der Ein-                               doch wird mindestens ein Elternteil eine solche
bürgerungsvoraussetzungen die                                                aufweisen.2

2    Diese Einschätzung fußt auf den Ergebnissen des Mikrozensus 2016 für Deutschland.

                                                                       - 10 -
ABB. 6 ALTERSSTRUKTUR 2020 IM VERGLEICH

         Anteil in %                            Altersgruppe                              Migrant_innen
  100%                                                                                                          3%
                                  5%                                          6%
                                                65 und mehr                                    15%
   90%                                                                                                          12%
               25%                13%                                        13%
   80%                                          45 bis unter 65
                                                                                               21%
   70%                                                                       22%
                                  37%           27 bis unter 45                                                 42%
               24%
   60%
                                                18 bis unter 27              18%               24%
   50%

   40%         24%                              6 bis unter 18                                 11%
                                  23%
   30%                                                                       24%                                27%
               11%                              3 bis unter 6                                  17%
   20%
                                  13%                                         8%
   10%         10%                                                                             7%                9%
                                  4%            unter 3
                  3%                                                         10%               6%                3%
    0%          3%                5%                                                                             3%
          Deutsche ohne    Migrant_innen                                 darunter            darunter         darunter
           Migrations-                                                Eingebürgerte        (Spät-)Aus-          Aus-
           hintergrund                                                                    siedler_innen     länder_innen
Datengrundlage: Stadt Jena
Darstellung und Berechnungen: Timourou

ZUNEHMEND MIGRANT_INNEN IN ALLEN                                zwischendurch als einzige Altersgruppe. Seit
ALTERSGRUPPEN                                                   2018 nimmt jedoch die Anzahl der Senior_innen
                                                                wieder zu.
Abbildung 7 zeigt die im Zeitverlauf zunehmende
Dominanz der Altersgruppen zwischen 18 und                      Trotz dieser Dynamiken konnte der Alterungs-
unter 45 Jahren. Eine Besonderheit stellt die                   prozess bei der Gesamtbevölkerung in Jena
Gruppe der Senior_innen dar, diese schrumpfte                   nicht ausgeglichen werden.

ABB. 7 ENTWICKLUNG DER ALTERSSTRUKTUR DER MIGRANT_INNEN

         absolut
 7.000
                                                                   2010            2015              2020
 6.000

 5.000

 4.000

 3.000

 2.000

 1.000

     0
           unter 3        3 bis         6 bis        18 bis               27 bis      45 bis            65
                          unter         unter         unter               unter       unter          und mehr
                            6            18            27                  45          65
                                                     Jahre
‚
 Datengrundlage: Stadt Jena
 Darstellung und Berechnungen: Timourou                                               Link zur Tabelle

                                                          - 11 -
AUSWIRKUNGEN DER ALTERSSTRUKTUR                              • dem Arbeitsmarkt sowohl bezüglich der Aus-
AUF VERSCHIEDENE LEBENSBEREICHE                                bildungs- und Weiterbildungsplätze als auch
                                                               der Arbeitslosigkeit
Die dargestellte Altersstruktur wirkt sich vielfältig
aus: So werden die Integrationsprozesse                      besonders befördert. Die Auswirkungen auf dem
                                                             Wohnungsmarkt zeigen sich in einer erhöhten
• in den Kindertagesstätten,                                 Nachfrage nach preiswertem Wohnraum oder/
• dem Bildungswesen mit den Schulen, Hoch-                   und kleinen Wohnungen für Alleinlebende. Im
  schulen und Forschungseinrichtungen sowie                  Gegensatz dazu spielen jedoch die Themen Al-
                                                             tersvorsorge und Wohnen im Alter noch eine un-
                                                             tergeordnete Bedeutung.

2.3 Herkunftsländer der Ausländer_innen

MIGRANT_INNEN KOMMEN URSPRÜNGLICH                            wobei fast alle Länder als Herkunftsgebiete an
VOR ALLEM AUS EUROPA ODER ASIEN                              Bedeutung gewonnen haben (siehe Anhang
                                                             Abb. 3).
Hinsichtlich der Herkunftsländer liegen auf kom-
munaler Ebene nur Daten für die Gruppe der                   Die Vielfalt an Herkunftsländern ist bei den Aus-
Ausländer_innen vor. Aufgrund historischer Er-               länder_innen im Vergleich am höchsten, wobei
eignisse kommen (Spät-)Aussiedler_innen je-                  auch hier der Schwerpunkt auf den europäi-
doch meist aus Polen, Rumänien, Kasachstan                   schen und asiatischen Ländern liegt (siehe
oder der Russischen Föderation. Bei den Einge-               Abb. 8).
bürgerten entsteht ein heterogenes Bild: Den
Ergebnissen des Mikrozensus von 2019 zufolge                 Inzwischen kommen die Ausländer_innen zur
kommen von allen in Deutschland lebenden Ein-                Hälfte aus Asien, rd. 40 % aus Europa und je-
gebürgerten zwei Drittel ursprünglich aus einem              weils rd. 5 % aus Afrika und Amerika sowie nur
europäischen Land, schwerpunktmäßig aus der                  0,2 % aus Australien und Neuseeland. Im Laufe
Türkei, Polen oder der Russischen Föderation.                der Zeit zeigt sich ein stetiger Anstieg der Perso-
Fast ein Viertel stammt ursprünglich aus Asien,              nen aus europäischen und asiatischen Ländern
beispielsweise aus Kasachstan, Afghanistan                   und von 2014 bis 2015 kam der sprunghafte An-
oder dem Iran. Ein Blick auf die Ergebnisse von              stieg mit der Flüchtlingswanderung hinzu.
2010 zeigt im Detail leichte Veränderungen auf,

ABB. 8 AUSLÄNDER_INNEN NACH HERKUNFTSGEBIETEN IM ZEITVERLAUF

        absolut
6.000
                                                                                                Asien

5.000
                                                                                                Europa

4.000
                                                                                                Afrika

3.000
                                                                                                Amerika

2.000
                                                                                                ungeklärt

1.000
                                                                                                Australien und
                                                                                                Neuseeland
    0
                                                                                                staatenlos

Datengrundlage: Stadt Jena
Darstellung und Berechnungen: Timourou

                                                        - 12 -
ABB. 9 ANZAHL UND ANTEIL DER AUSLÄNDER_INNEN NACH HERKUNFTSGEBIETEN AM
       31.12.2020

Datengrundlage: Stadt Jena
Darstellung und Berechnungen: Timourou

MIGRANT_INNEN LEBEN AUS UNTER-                          Indien sowie aus den europäischen Ländern ver-
SCHIEDLICHEN GRÜNDEN IN JENA                            bunden (siehe Kapitel 3.3). Auch hier zeichnet
                                                        sich ein kontinuierlicher Anstieg ab, wonach
Die einzelnen Beweggründe für ein Leben in              Jena als Wissenschafts- und Forschungsstand-
Jena werden statistisch nicht erfasst. Anhand           ort international an Bedeutung gewinnt. Anhand
der Herkunftsländer lassen sich aber Vermutun-          der Karte ist erkennbar, dass zum Beispiel 7 %
gen und Annahmen ableiten. Darüber hinaus               der Ausländer_innen aus China und 6 % aus In-
wurden 2020 die Zuzugsgründe von 1.642 Mig-             dien kommen.
rant_innen in einer Bürgerumfrage erhoben.3             Die Bildungsmigration spielt in Jena eine aus-
                                                        schlaggebende Rolle. Mit einem Anteil von
Der erste und augenfälligste Kontext wurde mit          rd. 27 % sind den Befragungsergebnissen nach
der Fluchtmigration bereits benannt. Im Beson-          die meisten Migrant_innen aufgrund eines Studi-
deren spiegelt sich dies in der Anzahl der Aus-         ums, der Schule oder einer Ausbildung nach
länder_innen aus Syrien: Kamen Ende 2013                Jena gekommen.
noch rd. 100 Personen ursprünglich aus Syrien,
so waren es Ende 2015 bereits knapp 890 Per-            Die Arbeitsmigration kann ebenfalls auf Perso-
sonen und am Stichtag 31.12.2020                        nen aus unterschiedlichen Ländern zutreffen.
rd. 1.815 Personen. Demnach kommen derzeit              Aufgrund der Arbeitnehmerfreizügigkeit inner-
rd. 16 % der Ausländer_innen aus Syrien                 halb der EU wird die wirtschaftliche Verflechtung
(siehe Abb. 9).                                        untereinander erleichtert und die Arbeitsmigra-
                                                        tion befördert. Auf der Ebene der EU-Mitglied-
Zwar kommen auch Personen aus Syrien oder               staaten kommen mit einem Anteil von 3 % die
Afghanistan zum Studieren und Forschen nach             meisten Ausländer_innen aus Italien, gefolgt von
Jena, doch der Kontext der Bildungsmigration            Polen, Rumänien, Spanien und Bulgarien mit je-
wird vorrangig mit Personen aus China und               weils 2 %.

3   Siehe „Leben in Jena. Ergebnisse der Bürgerumfrage 2020“.

                                                   - 13 -
Weiterhin spielen individuelle Gründe bei der           Insgesamt wird der Migration nicht selten ein Mix
Migrationsentscheidung eine wichtige Rolle, in          an Handlungsmotiven zugrunde liegen. Vor al-
Frage kommen etwa Neugier, Interesse oder so-           lem aber steht hinter jeder Migration immer ein
ziale Bindungen. Diesbezüglich bieten die Her-          individueller Abwägungs- und Entscheidungspro-
kunftsländer keinerlei Anhaltspunkte. In welchem        zess.
Maße solche Motive zur Migration führten, kann
nicht abgeschätzt werden.

2.4 Wanderungsbewegungen der Ausländer_innen

WANDERUNGSBEWEGUNGEN VOR DER                            WEITERHIN WANDERUNGSGEWINNE VOR
CORONA-PANDEMIE …                                       ALLEM AUS ASIEN UND EUROPA

2017 bis 2019 kamen jährlich rd. 7.140 Perso-           Im Hinblick auf die Außenwanderung – damit
nen nach Jena, 6.880 Personen zogen weg; die            ist hier die Wanderung über die Grenzen des
Wanderungsgewinne umfassten demnach                     Bundesgebietes gemeint – konnte 2020 ein posi-
rd. 260 Menschen pro Jahr. Fast 40 % der Zuge-          tiver Wanderungssaldo von 283 Ausländer_in-
zogenen waren Ausländer_innen und unter den             nen ausgewiesen werden (siehe Abb. 10). Zwei
Weggezogenen waren es nur 30 %, sodass sich             Jahre zuvor lag dieser noch bei 1.000 Personen.
die Anzahl der Ausländer_innen erhöhte und die
der Deutschen verringerte. Zudem sind Auslän-           Bei den Wanderungsbewegungen entsteht ein
der_innen im Durchschnitt deutlich mobiler als          analoges Bild zu der in Kapitel 2.3 dargestellten
Deutsche. So betrug die Zuzugsquote4 bei den            Untergliederung der Ausländer_innen nach Her-
Ausländer_innen 26 % und bei den Deutschen              kunftsländern. Die meisten Zuzüge und Gewinne
nur 4 %. Ein weiterer Unterschied kommt bei der         konnten gegenüber asiatischen Ländern ver-
räumlichen Dimension zum Tragen: Auslän-                zeichnet werden. Dabei handelt es sich vorran-
der_innen ziehen erwartungsgemäß häufiger               gig um Bildungsmigration, was der Anstieg der
über die Bundesgrenze nach Jena, während bei            Zahl Studierender aus diesen Ländern verdeut-
den Deutschen die innerdeutschen Wande-                 licht. Lag sie zum Wintersemester 2015/16 noch
rungsbewegungen stärker ausgeprägt sind.                bei 1.536, so betrug sie 2019/20 schon 2.228.
                                                        Zu einem geringeren Teil ist auch der Familiein-
… UND IM PANDEMIEJAHR 2020                              nachzug Geflüchteter ein Grund für die Zuzüge.

Dieses Wanderungsmuster konnte prinzipiell              An zweiter Stelle folgen die europäischen Län-
2020 ebenfalls beobachtet werden. Im Unter-             der, darunter vor allem EU-Mitgliedsstaaten.
schied zu den Vorjahren zogen jedoch deutlich           Wanderungsverluste treten hingegen in erster Li-
weniger Personen um. Vor allem das Niveau der           nie gegenüber Europa auf und weniger gegen-
Zuzüge nahm ab: 2020 zogen rd. 5.580 Perso-             über Asien. Dies liegt in der stärkeren wirtschaft-
nen nach Jena, darunter rd. 1.720 Ausländer_in-         lichen Verflechtung zwischen Jena und den eu-
nen, was einem Anteil von nur noch 31 % ent-            ropäischen Ländern, die zu einem stärkeren
spricht. Auch die Zuzugsquote bei den Auslän-           Austausch führt. Im Gegensatz dazu handelt es
der_innen fiel von 26 auf 15 %.                         sich bisher bei der Fluchtmigration um eine ein-
                                                        seitige Wanderungsbewegung. Inwieweit in Zu-
Obwohl Jena insgesamt 2020 einen negativen              kunft eine Rückwanderung in nennenswertem
Wanderungssaldo von -557 Personen verzeich-             Maß einsetzen wird, hängt vor allem von der In-
nete, lag der Wanderungssaldo bei den Auslän-           tegration der Geflüchteten in Jena und der Situa-
der_innen mit 134 Personen im positiven Be-             tion in den Herkunftsgebieten ab.
reich, allerdings deutlich niedriger als in den Vor-
jahren.

4   Die Zuzugsquote berechnet sich aus dem Anteil der zugezogenen Personen einer Bevölkerungsgruppe an
    allen Personen dieser Gruppe.

                                                   - 14 -
ABB. 10 AUSSENWANDERUNG DER AUSLÄNDER_INNEN 2020

‚
                 absolut                    Zuzüge           Wegzüge                Saldo
        2.500

        2.000

        1.500

        1.000

          500                                                                                                  283
                                      30                                68
                  43       25   88         320 37    343 121      150           5    1        1 1       950
            0
                   -18          -58        -283      -222                      -4             0         -667
                                                                     -82
         -500

        -1.000

        -1.500
             Afrika    Amerika      Asien              EU         nicht-EU   Ozeanien       unbekannt   gesamt
Datengrundlage: Stadt Jena
Darstellung und Berechnungen: Timourou

    WEITERHIN WANDERUNGSVERLUSTE GE-                           Der jüngste Anstieg aus Thüringen hängt mit ei-
    GENÜBER ANDEREN DEUTSCHEN GEMEIN-                          ner abnehmenden Zahl an Wegzügen zusam-
    DEN                                                        men.

    Fügt man die Ergebnisse der Außenwanderung                 Im Gegensatz dazu nahm die Anzahl der nach
    mit denen der innerdeutschen Wanderung zu-                 Westdeutschland wegziehenden Ausländer_in-
    sammen, so ergibt sich ein komplexes Migrati-              nen etwas zu. In den westdeutschen Metropolen
    onsmuster, in dem verschiedene Wanderungs-                 sind vermutlich die Einstiegsmöglichkeiten in
    bewegungen der Ausländer_innen zusammen-                   den Arbeitsmarkt sowie die sozio-kulturellen Ge-
    hängen (siehe Abb. 10 und 11):                            meinschaften stärker ausgeprägt als in Jena.
                                                               Unter den rd. 500 Weggezogenen waren fast
    • Gegenüber dem Ausland erzielt Jena deutli-               200 Schutzsuchende und die Anzahl der nach
      che, wenn auch seit 2018 wieder rückläufige              Westdeutschland wegziehenden Schutzsuchen-
      Wanderungsgewinne.                                       den nahm in den letzten Jahren tendenziell zu
    • Gegenüber Thüringen steigen seit 2018 wie-               (siehe Anhang Abb. 4). Es ist davon auszuge-
      der die Wanderungsgewinne von Auslän-                    hen, dass dieser Prozess weiter anhält, je weni-
      der_innen.                                               ger das Wohnortzuweisungsgesetz eine be-
    • Gegenüber Westdeutschland sind seit Jahren               schränkende Wirkung entfaltet.5
      deutliche Wanderungsverluste auf einem re-
      lativ konstanten Niveau zu verzeichnen.

    5     Gemäß des Wohnortzuweisungsgesetzes können die Geflüchteten drei Jahre lang nach der Anerkennung
          ihren Wohnsitz nicht außerhalb von Thüringen wählen, außer zur Aufnahme einer Arbeit.

                                                        - 15 -
ABB. 11 INNERDEUTSCHE WANDERUNG DER AUSLÄNDER_INNEN 2020

             absolut                               Zuzüge                Wegzüge         Saldo
    2.500

    2.000

    1.500

    1.000

      500                                                                160
                                                                  300
               311            43             115    -3                             0             769 -149
        0
               -514           -83 -40                                              -63
                       -203                 -118                  -140                   -63
                                                                                                 -918
     -500

    -1.000

    -1.500
                  West-        Berlin          Ost-               Thüringen        unbekannt      gesamt
               deutschland                 deutschland
‚                                         ohne Thüringen
 Datengrundlage: Stadt Jena
 Darstellung und Berechnungen: Timourou

Auswirkungen der Covid-19-Pandemie

Die Covid-19-Pandemie dämpfte 2020 deutsch-                   Entwicklung. Insgesamt stieg 2020 die Arbeitslo-
landweit die wirtschaftliche Entwicklung und                  senquote. Ausländer_innen waren im Unter-
führte zu einer eingeschränkten Mobilität.                    schied zu Deutschen davon stärker betroffen.
                                                              Die finanziellen Belastungen dürften bei Auslän-
Alle deutschen Großstädte verzeichneten einen                 der_innen folglich stärker gestiegen sein.
deutlichen Rückgang der Zuzüge; insbesondere
aus dem Ausland. Auch die Wegzüge haben                       Im Gegensatz zu Wanderungsbewegungen und
sich reduziert, jedoch nicht im gleichen Maße,                Beschäftigungsverhältnissen lassen sich die so-

                                                                                                                  INFORMATION
sodass der Wanderungssaldo negativ ausfiel.                   zialen Folgen der Pandemie (noch) nicht in Zah-
Zusammen mit einem Sterbeüberschuss ver-                      len fassen. „Erste Gespräche mit Migrantenorga-
zeichnete Jena 2020 einen Einwohnerrückgang.6                 nisationen und Trägern der Migrationsarbeit ha-
Beispielsweise Chemnitz, Gera, Halle, Magde-                  ben bereits ergeben, dass migrantische Haus-
burg oder Erfurt schrumpften ebenfalls.                       halte oft in besonderem Maße von den wirt-
                                                              schaftlichen und sozialen Folgen des Lockdowns
Im gesamten Jahr 2020 meldeten fast                           betroffen sind. Neben den finanziellen Belastun-
1.500 Personen weniger ihren Wohnsitz in Jena                 gen vor allem für Selbstständige und Beschäf-
an als im Jahr zuvor.7 Dieser Rückgang konnte                 tigte im Dienstleistungssektor kommen in vielen
besonders stark im Oktober beobachtet werden.                 Fällen Isolation und gravierende Nachteile im
Dies dürfte mit massiven Einschränkungen im                   Bereich Bildung dazu, zum Beispiel für Schü-
Studienbetrieb und dem geringeren Zuzug vor                   ler_innen oder Teilnehmende an Spracher-
allem ausländischer Studierender zusammen-                    werbsformaten“.8 Das tatsächliche Ausmaß der
hängen. Als Folge dessen verringerten sich vor                Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die
allem die Wanderungsgewinne gegenüber                         Integration von Migrant_innen wird sich jedoch
Asien.                                                        erst in den nächsten Monaten tatsächlich erfas-
                                                              sen lassen.
Neben dem Bildungssektor, beeinträchtigte die
Covid-19-Pandemie auch die wirtschaftliche

6    Corona selbst beeinflusste die Sterbefallzahlen nur bedingt.
7    Siehe „Jena verliert in einem Jahr 500 Einwohner. Einwohnerzahl sinkt im ersten Halbjahr erneut. Spannende
     Frage ist: Wie viele Studenten kommen im Herbst?“ in Ostthüringer Zeitung vom 03.07.2021
8    Siehe „Integrationskonzept 2020“ der Stadt Jena

                                                         - 16 -
2.5 Ausländer_innen nach Aufenthaltszwecken

    Reist eine ausländische Person nach Deutsch-                  Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
    land beziehungsweise Jena und möchte sich                     (BAMF) prüft die Anträge der Asylbewerber_in-
    dort länger aufhalten, so muss ein Antrag ge-                 nen. Die Anzahl der Jenaer Asylbewerber_in-
    stellt werden, um einen Aufenthaltstitel erhalten             nen im Verfahren stieg von 36 Personen im
    zu können.9 Von dieser Regelung ausgenom-                     Jahr 2012 auf 529 Personen im Jahr 2015 deut-
    men sind Bürger_innen aus einem EU-Mitglied-                  lich an und sank 2020 auf 237 Personen (siehe
    staat oder einem anderen Mitgliedstaat des Eu-                Abb. 12 und Anhang Abb. 5). Nach der Bearbeitung
    ropäischen Wirtschaftsraums sowie Diplomaten                  erhalten Asylbewerber_innen entweder einen
    – für sie gilt die Freizügigkeit.                             positiven oder negativen Bescheid. Den Ergeb-
                                                                  nissen nach stieg im Jahr 2020 auch die Anzahl
    RECHTLICHER STATUS VON ASYLBEWER-                             abgelehnter Asylbewerber_innen und damit ge-
    BER_INNEN IN JENA                                             duldeter oder ausreisepflichtiger Auslän-
                                                                  der_innen auf 188 Personen. In der Jahres-
    Jeweils im Dezember eines Jahres waren in den                 summe haben 2020 37 Personen, die durch Ab-
    letzten elf Jahren in Jena durchschnittlich                   lehnung oder Rücknahme der Asylanträge aus-
    rd. 690 Anträge in Bearbeitung (siehe                        reisepflichtig geworden sind, die Stadt verlassen.
    Abb. 12). Den Antrag auf eine Aufenthaltserlaub-              Im Jahr zuvor waren es 48 Personen. Weitere
    nis müssen Studierende, die aus einem Nicht-                  14 Personen haben durch einen Erfolg vor der
    EU-Land kommen, stellen. Indem häufig im Ok-                  Thüringer Härtefallkommission den Status „aus-
    tober das Studium begonnen wird, nimmt im                     reisepflichtiger abgelehnter Asylbewerber“ verlo-
    Zeitverlauf eines Jahres zu jedem Wintersemes-                ren. Abgeschoben wurden 2020 insgesamt 3
    ter die Anzahl zu. Zudem stieg mit dem stärke-                Personen und im Jahr zuvor waren es 9 Perso-
    ren Zuzug von Geflüchteten im Jahr 2015 die                   nen.
    Anzahl durch Verzögerungen bei der Antragsbe-
    arbeitung kurzfristig auf 1.215 Anträge an.

    ABB. 12 AUSLÄNDER_INNEN NACH AUFENTHALTSZWECK

            absolut                                                                         mit befristetem
    7.000
                                                                                            Aufenthalt
                                                                             6.053 6.033
    6.000                                                         5.726
                                                          5.372
                                                                                            mit unbefristetem
    5.000                                                                                   Aufenthalt
                                             4.726
                                                                             3.855 3.999
    4.000                                                            3.741
                                                          3.438                             mit aktuellen Anträgen
                                        3.273     3.239                                     (in Bearbeitung)
    3.000                     2.674 2.889
                2.275 2.419
    2.134                             2.872 2.912
    2.000                     2.479                                                         Asylbewerber_innen
                                                                                            im Verfahren
    1.873       2.040 2.149                 1.215
                                                     589
                                                          819  967 881             855
    1.000              494    521     468
                314                         529        510 322 317 280             237
      435                                                       115 148            188      abgelehnte oder
                      21 36 29 63 53 133     79     131 109
                                                                                            geduldete
        0
                                                                                            Asylbewerber_innen/
                                                                                            ausreisepflichtige
‚                                                                                           Ausländer_innen
    Datengrundlage: Stadt Jena
    Darstellung und Berechnungen: Timourou

    9   In Deutschland werden die Einreise und der Aufenthalt im Wesentlichen im Aufenthaltsgesetz (AufenthG) ge-
        regelt. Der Aufenthalt von Ausländer_innen wird in Form und Dauer immer an einen Aufenthaltszweck gebun-
        den.

                                                            - 17 -
Asylbewerber_innen mit einem positiven Be-                    Ausländer_innen, die eine Niederlassungser-
    scheid erhalten in aller Regel zunächst eine be-              laubnis erhalten, können sich unbefristet in
    fristete Aufenthaltserlaubnis.10 Aufgrund der                 Deutschland aufhalten. Dies traf in Jena Ende
    Bearbeitungszeit erfolgte der Anstieg zeitlich                2018 auf 3.999 Ausländer_innen, rd. 35 % aller
    versetzt erst im Jahr 2016. Ende 2020 waren in                Ausländer_innen, zu; 2010 waren es noch unge-
    Jena 6.033 Ausländer_innen mit einer befriste-                fähr 1.600 Personen weniger. Unter ihnen sind
    ten Aufenthaltserlaubnis gemeldet, darunter                   fast zwei Drittel EU-Bürger_innen, Schweizer_in-
    2.086 Personen (35 %) aus humanitären bezie-                  nen oder ihre Familienangehörigen. Auch die
    hungsweise politischen Gründen (siehe Abb. 12                Anzahl der übrigen Ausländer_innen mit einer
    und Abb. 13). Weiterhin stieg die Anzahl der aus              Niederlassungserlaubnis ist auf 1.165 Personen
    familiären Gründen zugezogenen Ausländer_in-                  gestiegen. Darunter zählen auch nach Jena ge-
    nen auf 1.255 Personen, was unter anderem auf                 flüchtete Personen, die zuvor eine befristete Auf-
    den Familiennachzug zurückzuführen ist. Im Er-                enthaltserlaubnis erhalten hatten und nach einer
    gebnis kamen aus der Gruppe der Ausländer_in-                 bestimmten Zeit und anhand gewisser Kriterien
    nen mit einer befristeten Aufenthaltserlaubnis                inzwischen eine Niederlassungserlaubnis be-
    schätzungsweise zwei Drittel ohne einen Flucht-               kommen haben. Ausländer_innen, darunter so-
    kontext nach Jena. Neben den Geflüchteten stel-               genannte Konventionsflüchtlinge (Anerkennung
    len die Studierenden und Auszubildenden mit                   gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention), kön-
    32 % eine größere Gruppe dar. Auch wenn der                   nen aus humanitären oder politischen Gründen
    Anteil im Jahr 2010 bei 46 % lag, ihre Anzahl ist             direkt eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis er-
    deutlich von 861 Personen auf 1.909 Personen                  halten – ihre Anzahl ist in Jena jedoch in den
    im besagten Zeitraum angestiegen. Absolut be-                 letzten neun Jahren auf 365 Personen leicht ge-
    trachtet wuchs auch die Anzahl der Erwerbstäti-               sunken.
    gen und auch bezogen auf alle Personen mit ei-
    ner befristeten Aufenthaltserlaubnis stieg der An-
    teil auf 13 %.

    ABB. 13 AUSLÄNDER_INNEN MIT BEFRISTETER AUFENTHALTSERLAUBNIS 2010 UND 2020

                       2010                                                           2020

                  9%
                                              Studium oder
                                              Ausbildung                                          32%
                                              Erwerbstätigkeit             35%
                                   46%
         33%
                                              familiäre Gründe

                                              humanitäre,
                                              politische Gründe
                                                                                                13%
                    12%                                                            21%
‚
    Datengrundlage: Stadt Jena
    Darstellung und Berechnungen: Timourou

    10   Eine Aufenthaltserlaubnis gilt je nach Herkunft und entsprechenden Umständen entweder drei Jahre oder ein
         Jahr, in der Regel aber immer mindestens ein Jahr (vgl. BAMF: Ablauf eines Asylverfahrens, Stand Oktober
         2016).

                                                           - 18 -
3     Soziale und sozioökonomische Merkmale

Migrant_innen bewirken eine Verjüngung der              Bildungseinrichtungen und auf den Arbeitsmarkt
Jenaer Bevölkerung. Die Migration wirkt sich so-        aus.
mit auf die Situation in sozialen Einrichtungen,

3.1 Kinder, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist, in den Kindertagesein-
    richtungen

MEHR KINDER, DEREN HERKUNFTSSPRA-                       Aufgrund einer Software-Umstellung wurden
CHE NICHT DEUTSCH IST                                   2019 einmalig weniger Kinder mit nicht-deut-
                                                        scher Herkunftssprache erfasst.
Der Integrationsprozess beginnt bereits im Kin-
desalter, weshalb hier auch die Entwicklungen in        Die Bedeutung des Themas Migration hat in den
den Kindertageseinrichtungen analysiert werden.         letzten Jahren zugenommen, denn in den
Informationen zum Integrationsverlauf liegen            Jenaer Kindertageseinrichtungen stieg der Anteil
nicht vor, jedoch existieren Angaben zu den An-         der Kinder, deren Herkunftssprache nicht
zahlen der Kinder in Jenaer Kindertageseinrich-         Deutsch ist von 7,8 % im Jahr 2009 auf 14,3 %
tungen, deren Herkunftssprache nicht Deutsch            im Jahr 2020 (siehe Abb. 14). Damit verändern
ist beziehungsweise die einen Migrationshinter-         sich die Anforderungen an die frühkindliche Er-
grund aufweisen. Wichtig ist an dieser Stelle,          ziehung und Bildung.
dass bei der Schul- sowie Kinder- und Jugend-
hilfestatistik von einem Migrationshintergrund          Absolut betrachtet waren Ende 2020 insgesamt
gesprochen wird, wenn in der Familie oder im            846 Kinder mit Migrationshintergrund in den Ein-
häuslichen Umfeld des Minderjährigen nicht vor-         richtungen gemeldet. Seit 2009 nahm die Anzahl
rangig „deutsch“ gesprochen wird. Diese Angabe          pro Jahr um durchschnittlich 46 Kinder zu, was
wird bei der Anmeldung des Kindes erfasst.              insgesamt einem Anstieg um 145 % entspricht.

Bildung und Arbeit als Grundvoraussetzung für eine gelingende Integration

Migrant_innen und darunter Ausländer_innen              Darüber hinaus findet an der Universität und an
sind im Durchschnitt jünger als Deutsche ohne           der Hochschule verstärkt ein internationaler Wis-
Migrationshintergrund. Da ihre absolute Zahl und        senstransfer statt. Ausländische Studierende
ihr prozentualer Anteil in den letzten Jahren zu-       und Forschende sind jedoch überwiegend zeit-
                                                                                                             FAZIT

genommen haben, gewinnt dieses Thema in den             lich befristet in Jena.
Kindertages- und Bildungseinrichtungen an Be-           Auf dem Arbeitsmarkt ist die Stellung der Aus-
deutung. Räumlicher Schwerpunkt ist der Pla-            länder_innen ungünstiger als die der Deutschen
nungsraum Lobeda mit einem überdurchschnitt-            – sie sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen
lich hohen Anteil an ausländischen Schüler_in-          und folglich abhängig von sozialen Leistungen.
nen und entsprechenden Erfahrungen.                     Aufgrund des Mengeneffektes stieg allerdings
                                                        ihre Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt.

                                                   - 19 -
ABB. 14 KINDER IN KINDERTAGESEINRICHTUNGEN, DEREN HERKUNFTSSPRACHE NICHT
        DEUTSCH IST

                                        Kinder mit deutscher Herkunftssprache
          absolut                       Kinder, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist                                                                        Anteil in %
 6.000                                  Anteil Kinder, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist                                                                                     40,0%

                                                                                                                                                                                    35,0%
 5.000

                                                                                                                                                        5.213

                                                                                                                                                                      5.057
                                                                                                                            4.990

                                                                                                                                          4.919
                                                                                                              4.918
                                                                                                4.833
                                                                                  4.787
                                                                                                                                                                                    30,0%

                                                                    4.678
                                                      4.534
                                        4.396

 4.000
                          4.195
            4.074

                                                                                                                                                                                    25,0%

 3.000                                                                                                                                                                              20,0%
                                                                                                                                                                      14,3%
                                                                                                                                          13,2%                                     15,0%
                                                                                                                            11,7%                       12,2%
 2.000
                                                                                  9,1%          9,6% 10,4%
            7,8%          8,1%          7,8%          7,9%          7,8%                                                                                                            10,0%
 1.000                                                                                                                                            749           725           846
                                                                                                                      572           661
                                                              389           396           477           515                                                                         5,0%
                    345           370           374

      0                                                                                                                                                                             0,0%
            2009          2010          2011          2012          2013          2014          2015          2016          2017          2018          2019          2020
Datengrundlage: Stadt Jena
Darstellung und Berechnungen: Timourou

3.2 Schüler_innen, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist

Nach Angaben des Thüringer Ministeriums für                                                              Dies kann nicht über eine unterschiedliche Al-
Bildung, Jugend und Sport gehen im Schuljahr                                                             tersstruktur erklärt werden. Mit Blick auf die
2019/2020 fast 10.000 Schüler_innen in ausge-                                                            Grundschulen liegt den Ergebnissen von Migra-
wählte Jenaer Schulen11, darunter 12 % bezie-                                                            Pro zufolge seit 2016 in Jena der Anteil der Kin-
hungsweise fast 1.200 Personen mit nicht-deut-                                                           der im Grundschulalter (6 bis unter 10 Jahre) an
scher Herkunftssprache.12                                                                                allen Kindern im schulfähigen Alter (6 bis unter
                                                                                                         18 Jahren) bei 37 %. Im Vergleich dazu fällt der
SCHÜLER_INEN IN DEN SCHULARTEN UN-                                                                       Anteil unter den Schüler_innen mit 38 % im
TERSCHIEDLICH STARK REPRÄSENTIERT                                                                        Schuljahr 2019/2020 geringfügig höher aus. Im
                                                                                                         Vergleich dazu lag der Anteil im Schuljahr zuvor
Eine Auswertung nach der Schulart ergibt, dass                                                           bei 41 %. Ob dies der Beginn eines neuen
die Jenaer Schüler_innen zu 38 % eine Grund-                                                             Trends ist und inwieweit dies auf den Wegzug
schule und zu 31 % eine Gemeinschaftsschule                                                              junger Familien mit Migrationshintergrund zu-
besuchen, aber nur 18 % Gymnasium (siehe                                                                sammenhängt, kann angesichts der kurzen Zeit-
Abb. 15).                                                                                                reihe derzeit nicht umfassend beurteilt werden.
                                                                                                         Dies gilt es in den nächsten Jahren weiter zu be-
Schüler_innen, deren Herkunftssprache nicht                                                              obachten.
Deutsch ist, sind in den Grundschulen tendenzi-
ell über- und auf den Gymnasien tendenziell un-                                                          Die leicht erhöhte Präsenz der Schüler_innen,
terrepräsentiert.                                                                                        deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist,
                                                                                                         könnte auf unterschiedliche Fähigkeiten –

11   Die Schüler_innenzahlen an Berufs- und Privatschulen wurden in dieser Statistik nicht erfasst.
12   Nach den Ergebnissen von MigraPro waren Ende 2020 insgesamt 1.937 Personen im Alter von 6 bis unter
     18 Jahren in Jena gemeldet. Auch unter der Berücksichtigung, dass nicht alle Kinder und Jugendliche mit Mig-
     rationshintergrund in Jena zur Schule gehen, fallen die Anzahlen in der Schul- sowie Kinder- und Jugendhil-
     festatistik geringer aus.

                                                                                                - 20 -
insbesondere Sprachkenntnisse – und Möglich-              Erfahrungen mit der Beschulung von Kindern
keiten der Kinder und Jugendlichen zurückzufüh-           nicht-deutscher Herkunftssprache.
ren sein.
                                                          Nach den Ergebnissen von MigraPro wohnen
Weiterführend kommen die Zugangsbedingun-                 44 % der 6- bis unter 18-jährigen Migrant_innen
gen für Gymnasien – darunter vor allem das Er-            in Lobeda; ebenfalls 42 % der Schüler_innen mit
lernen von Fremdsprachen – für einen Teil der             nicht-deutscher Herkunftssprache gehen dort zur
Schüler_innen, deren Herkunftssprache nicht               Schule. Die annähernd gleichen Anteile weisen
Deutsch ist, erschwerend hinzu. Wie hoch eine             darauf hin, dass es im Saldo in Lobeda nicht zu
mögliche Sprachbarriere ausfällt, dürfte vor al-          einer zusätzlichen Konzentration im Bildungsbe-
lem von der Wohndauer der Kinder und Jugend-              reich kommt.
lichen in Jena oder einer anderen Gemeinde in
Deutschland abhängen.                                     Im Gegensatz dazu wird vermutet, dass ein Teil
                                                          der Lobedaer Kinder eine Grundschule in Win-
STEIGENDER FÖRDERUNGSBEDARF                               zerla besuchen. Denn in Winzerla sind 11 % der
                                                          6- bis unter 18-Jährigen Migrant_innen, während
Für die Verbesserung der sprachlichen Fähigkei-           16 % der Schüler_innen mit nicht-deutscher Her-
ten sieht das Thüringer Schulgesetz Angebote              kunftssprache dort zur Schule geht.
an den Schulen vor.13 Diese werden je nach Be-
darfslage als unterschiedliche Maßnahmen um-              In den Planungsräumen West/Zentrum, Winzerla
gesetzt. Die Anzahl dieser Maßnahmen ist laut             und Nord liegen die Anteile nicht-deutscher
dem Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend             Schüler_innen an allen Schüler_innen bei je-
und Sport trotz Corona gegenüber dem Vorjahr              weils rd. 12 %. Dies entspricht in etwa dem ge-
weiter angestiegen.                                       samtstädtischen Durchschnitt.
                                                          Der Planungsraum Nord weist einen unterdurch-
LOBEDA ALS RÄUMLICHER SCHWERPUNKT                         schnittlichen Anteil auf (6 %).

Im Folgenden wird der Frage nachgegangen,                 Im Zeitverlauf nahm der räumliche Fokus in Lo-
welche Schulen die Schüler_innen mit nicht-               beda etwas ab, obwohl zum Schuljahr
deutscher Herkunftssprache besuchen. Das                  2019/2020 dort eine neue Gemeinschaftsschule
räumliche Muster hängt dabei zum einen von                gegründet wurde. Insbesondere in West/Zent-
den Schulstandorten und den jeweiligen Bil-               rum und Winzerla gehen inzwischen mehr Kin-
dungsprofilen ab und zum anderen von den                  der mit nicht-deutscher Herkunftssprache zur
Wohnstandorten der Schüler_innen. Im Ergebnis             Schule.
wird der Planungsraum Lobeda als Schwer-
punktraum deutlich (siehe Abb. 15). Gleichzeitig         GRÖßTENTEILS POSITIVE BEWERTUNG
nahm dort seit 2016 die Anzahl der Schüler_in-            DES DEUTSCHEN SCHULSYSTEMS
nen mit nicht-deutscher Herkunftssprache über-
durchschnittlich stark zu. Einerseits gehen die           Die Hälfte der 2020 befragten Migrant_innen,
meisten Schüler_innen, deren Herkunftssprache             welche sich eigenen Angaben nach gut im deut-
nicht Deutsch ist, in Lobeda zur Schule                   schen Schulsystem auskennen, sagen, dass
(496 Schüler_innen, beziehungsweise 42 %)                 Kinder aus anderen Ländern (überhaupt) nicht
und andererseits liegt dort der Anteil der Schü-          benachteiligt werden. Diese Einschätzung fällt
ler_innen mit nicht-deutscher Herkunftssprache            bei Personen aus Ost und Ortschaften positiver
an allen Schüler_innen am höchsten (16 %).                und bei Personen aus West/Zentrum und Win-
Einzelne Schulen verfügen dort über langjährige           zerla negativer aus.

13   Vorkurse zielen auf die Alphabetisierung sowie die Vermittlung von Grundkenntnissen der deutschen Sprache
     gemäß A 1. Im Grundkurs geht es um Deutschkenntnisse gemäß B 1 sowie um eine Hinführung zu Fachspra-
     chen. Der Aufbaukurs vermittelt Deutschkenntnisse gemäß B 2 sowie Grundkenntnisse in Fach- und Bil-
     dungssprachen (weitere Informationen siehe Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport).

                                                     - 21 -
ABB. 15 SCHÜLER_INNEN, DEREN HERKUNFTSSPRACHE NICHT DEUTSCH IST,
        SCHULJAHR 2019/2020

‚
 Datengrundlage: Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (Stichtag 03.05.2020)
 Kartengrundlage: Stadt Jena
 Darstellung und Berechnungen: Timourou

3.3 Ausländische Studierende an Universität und Hochschule

Möchte ein Studierender aus dem Ausland ent-              Im Wintersemester 2020/2021 waren insgesamt
weder an der Friedrich-Schiller-Universität (FSU)         22.398 Personen immatrikuliert.
oder an der Ernst-Abbe-Hochschule (EAH) in
Jena studieren, so wird dies von den jeweiligen           Bisher konnte der Rückgang auf weniger deut-
Einrichtungen erfasst und veröffentlicht. Anga-           sche Studierende zurückgeführt werden. Gleich-
ben über deutsche Studierende mit Migrations-             zeitig hat sich die Anzahl der ausländischen Stu-
hintergrund liegen nicht vor. Der Erfassung lie-          dierenden mehr als verdoppelt, was den Rück-
gen unterschiedliche Stichtage zugrunde: Bei              gang jedoch nicht ausgleichen konnte.
der FSU zählt der 31.10. und bei der EAH der 4.,
5. oder 6.11. eines Jahres.                               Im Wintersemester 2020/2021 kehrte sich diese
                                                          Situationn um: Während die Anzahl deuscher
WIEDER MEHR STUDIERENDE IN JENA                           Studierende zunahm, sank die der ausländi-
                                                          schen Studierenden etwas. Dies führte zu einem
Generell hat die Gesamtzahl der Studierenden              leichten Rückgang des Anteils ausländischer
bis zum Wintersemester 2018/219 stetig abge-              Studierende auf 16 %, während in den Jahren
nommen. Im Wintersemester 2019/2020 konnte
die EAH bereits einen leichten Anstieg der Stu-
dierendenzahlen verzeichnen und ein Jahr spä-
ter darüber hinaus auch die FSU.

                                                     - 22 -
zuvor ein deutlicher Anstieg verzeichnet wurde                              UNTERSCHIEDE ZWISCHEN DER EAH UND
(siehe Abb. 16).14                                                         FSU

Diese Umkehr wird höchstwahrscheinlich mit der                              Besonders stark nahm in den letzten Jahren die
Covid-19-Pandemie zusammenhängen: Auf der                                   Anzahl ausländischer Studierender an der EAH
einen Seite begannen Ausländer_innen seltener                               zu. Folglich liegt aktuell der Anteil an Auslän-
ein Studium in Jena und gleichzeitig gingen un-                             der_innen mit 23 % bei der EAH höher als mit
ter Umständen ausländische Jenaer Studierende                               15 % bei der FSU; absolut betrachtet ist es je-
früher als ursprünglich geplant ins Herkunftsland                           doch umgekehrt.
zurück. Auf der anderen Seite ist es wahrschein-
lich, dass mehr (deutsche) Studierende ange-                                An der EAH studiert fast die Hälfte der Auslän-
sichts der erschwerten Lernbedingungen und                                  der_innen den Studiengang SciTec (Präzision-
der unsicheren Arbeitsplatzaussichten ihren Stu-                            Optik-Materialien-Umwelt). Deutsche Studie-
dienabschluss verschoben haben.                                             rende wählen diesen Studiengang nur zu 22 %.
                                                                            Die Studienfachwahl an der FSU ist bei den aus-
Darüber hinaus ist es denkbar, dass durch das                               ländischen Studierenden deutlich variabler – ge-
Format des Online-Studiums ein Teil der immat-                              wählt werden sowohl Fächergruppen der Mathe-
rikulierten Studierenden nicht in Jena gewohnt                              matik/Naturwissenschaften als auch der Rechts-,
hat, zumal aufgrund der pandemiebedingten Ein-                              Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften.
reisebeschränkungen visapflichtigen ausländi-                               Jeweils kommen die meisten Studierenden aus
schen Studierenden nur nach Vorlage eines                                   Asien nach Jena (EAH 73 % und FSU 57 %)
"Physical Presence Statements" der deutschen                                (siehe Abb. 17). An der EAH sind allerdings in
Hochschule die Möglichkeit zur Visabeantragung                              erster Linie Studierende aus Indien und an der
eingeräumt wurde.                                                           FSU aus China eingeschrieben. Studierende aus
                                                                            europäischen Ländern nehmen hingegen etwas
                                                                            ab.

ABB. 16 ENTWICKLUNG DER ANZAHL DER AUSLÄNDISCHEN STUDIERENDEN

                                Deutsche an der FSU                                      Deutsche an der EAH
                                Ausländer_innen an der FSU                               Ausländer_innen an der EAH
                                Anteil Ausländer_innen
          Studierende                                                                                           Anteil Ausländer_innen
40.000                                                                                                                     17%                  18%
                                                                                                                  16%             16%
35.000                                                                                                15%                                       16%
                                                                                            14%
                                                                            13%                                                                 14%
30.000
                                                                  12%
            255        249          262                                                                                                         12%
                                              344        10%
25.000     1.334      1.477                         406      514
                                   1.586      1.776 1.994                   603             741       841         978                 1.017
                                                                                                                            1.079               10%
           4.713      4.511        4.436      4.261         2.177           2.264
20.000                                                                                      2.336     2.390                 2.583     2.517
                                    7%               4.193                                                       2.478
                       7%                                   4.012           3.878           3.807                                               8%
            6%                                 9%                                                     3.672      3.616      3.589     3.724
15.000
                                                                                                                                                6%
                       19.267
             19.173

                                     18.760

                                               17.913

                                                         17.042

                                                                   16.078

                                                                                15.540

10.000
                                                                                             15.236

                                                                                                                                       15.140
                                                                                                       14.933

                                                                                                                   14.701

                                                                                                                             14.574

                                                                                                                                                4%
 5.000                                                                                                                                          2%

      0                                                                                                                                         0%
           2009/      2010/        2011/      2012/     2013/     2014/     2015/           2016/     2017/      2018/      2019/     2020/
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Datengrundlage: Friedrich-Schiller-Universität und Ernst-Abbe-Hochschule
Darstellung und Berechnungen: Timourou

14   Im Vergleich dazu lag der Anteil ausländischer Studierender beispielsweise in Göttingen 2016 bei 13 %, die
     Westfälische Wilhelms-Universität in Münster wies 2015 rd. 8 % auf.

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