Monat Ramadan ebuch edition

 
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Monat Ramadan ebuch edition
Monat Ramadan
           ebuch edition
Impressum
1. Auflage Delmenhorst, Monat Ramadan/2012
©Religiös-politische Organisation 'Die Feder' (die-feder.org), Delmenhorst

Ausgabe: eBuch zum Monat Ramadan
Autoren:, Zeyneb Özoguz, Mahdi Kazemi, Kassem Mohsen, Zehra Zaman-Mohsen, Hassan Mohsen, Yamin
Naqvi, Farwa Negah, Safiye Bozkurt, Ali Ismail
Recherchen und Korrektur: Ali Chaukair
Gestaltung: Hassan Mohsen
Herausgeber: die-feder.org

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Inhaltsverzeichnis
Monat Ramadan | Monat der Gelegenheiten........................................................................................4
Monat Ramadan | Monat der Verbesserungen......................................................................................7
Monat Ramadan | Monat des Liebesfastens.........................................................................................9
Monat Ramadan | Monat der Befreiung.............................................................................................11
Monat Ramadan | Monat des Widerstandes.......................................................................................13
Monat Ramadan | Monat der Gottesnähe...........................................................................................15
Monat Ramadan | Monat der Unabhängigkeit....................................................................................18
Monat Ramadan | Monat der Gastfreundlichkeit...............................................................................21
Monat Ramadan | Die Zeit der (Neu)Geburt......................................................................................23
Monat Ramadan | Monat der Unterdrückten......................................................................................27
Allahs Tag ist gekommen...................................................................................................................29
Die Autoren........................................................................................................................................36

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Monat Ramadan | Monat der Gelegenheiten
von Mahdi Kazemi

Das Leben vergeht wie im Fluge und der heilige Fastenmonat Ramadan
erwartet uns wieder einmal. Unabhängig davon, wie viel und in welcher
Qualität wir über diesen heiligen Monat auch schreiben mögen, so bin ich der
festen Überzeugung, dass wir keineswegs seine vollständige Pracht und
Schönheit jemals werden vollständig ausdrücken können. Insbesondere mir
als kleinen Essayisten bleibt somit erst recht keine andere Möglichkeit, als
lediglich über die Worte der Experten dieses Themas zu sprechen, die
wiederum versuchen diesen Monat in seiner ganzen Pracht für uns fassbar zu
machen. Imam Chamenei beschreibt diesen durch und durch segensreichen
Monat folgendermaßen:

„Der Monat Ramadan ist jedes Jahr ein Stück Paradies, welches Gott in der
brennenden Hölle unserer materiellen Welt in Erscheinung treten lässt,
wobei Er uns die Gelegenheit gewährt, an der göttlichen Festtafel in diesem
Monat teilzuhaben und das Paradies zu betreten. Es ist der Monat, in dem
jeder Einzelne zu den verborgenen immateriellen göttlichen Schätzen eilen
und sich, soviel er kann, davon nehmen soll.“

In diesem uns bevorstehenden Monat sind die Tore des Paradieses für uns
offen und wir brauchen einfach nur diese zu betreten und vom Schatz Gottes
so viel zu nehmen, wie wir möchten. Was für eine Gelegenheit! Imam
Chamenei lehrt weiterhin:

„Wenn wir den Monat Ramadan in einem Satz zusammenfassen wollten, so
wäre zu sagen: Er ist der Monat der Gelegenheiten. Der Monat Ramadan,
der auch eine göttliche Gelegenheit ist, wurde uns zur Verfügung gestellt.
Nutzt diesen gesegneten Monat. Nutzt diese außerordentlich große
Gelegenheit.“

Dieser Monat ist derart mit Segen und dem Heil Gottes erfüllt, sodass ihn
unser Führer der Gemeinschaft als Monat der Gelegenheiten ausdrückt. Es ist
der Monat, in dem wir uns von unseren unzähligen Sünden reinwaschen
können. Das Fasten, das Gottgedenken, die Lesungen aus dem heiligen
Qur’an, die Bittgebete zu Tag und Nacht, die Tränen der Reue und
Gottesehrfurcht, das Erflehen um Gnade und Barmherzigkeit für die gesamte
Schöpfung, das Mitgefühl um das Leid und die Einsamkeit der Ahl-ul-Bait
-der Frieden sei auf Ihnen- und noch vieles mehr, all das sind Mittel und
Wege zum Seelenheil, die in diesem gesegneten Monat eine unermesslich
stärkere Wirkung entfalten als sonst zu irgend einer Zeit. Über unser

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gesamtes Leben hinweg sind wir Jahr um Jahr wie umherziehende Nomaden
in einer brennenden Wüste, manche folgen dabei einer von Gott gesandten
Karte und gehen ihren Weg aufrecht, manch‘ andere verlassen sich auf ihr
eigenes Gespür und glauben so zurecht zu kommen und wiederum andere
fertigen eigenständige Karten an und suchen händeringend nach
Mitreisenden. In jedem Fall aber ist die Reise durch die Wüste, die jeder zu
machen hat, beschwerlich und anstrengend. An jeder Ecke lauert das
Verderben in dieser lebensfeindlichen Umgebung. Wir brauchen es uns gar
nicht erst bequem zu machen, denn die Reise ist von unverkennbar kurzer
Dauer und das Ziel ist viel näher als wir denken, nur merken wir es angesichts
unserer mehr oder weniger selbstverschuldeten Lebensumstände leider
kaum. Auf unserem Weg dürstet es uns, wir sind müde und erschöpft und
schauen Jahr um Jahr immer wieder sehnsüchtig auf eine außerordentlich
besondere Stelle auf unserem Weg: Eine grüne und sichere Oase inmitten
dieses Höllenfeuers umgeben von Gärten unter denen Flüsse fließen.
Sehnsüchtig streben wir in Richtung Rettung und Heil, Gesundheit und
Frohsinn, Barmherzigkeit und Liebe und erwarten voller Sehnsucht den
Moment der Erfrischung und Erholung von unserem beschwerlichen
Wüstenmarsch -so Gott will [inshaallah].

Oh Herr, gewähre uns ein weiteres Mal deine besonderen Gäste in dieser
segensreichen Zeit zu sein und an deiner Festtafel teilzuhaben, um es mit den
Worten Imam Chameneis zu sagen. Wir sind es nicht würdig, aber du bist
barmherzig, so lasse uns in dein Paradies eintreten und vergebe uns, deinen
schwachen Dienern, oh Herr. Wir haben uns Unrecht getan und waren dir
gegenüber ungerecht, gewähre uns die Gelegenheit zur Reue und Reinigung
und lasse sie uns bestens nutzen. Bei dem Recht der Ahl-ul-Bait, beschleunige
die Wiedererscheinung Imam Mahdis -der Friede sei auf Ihn- in dieser Welt
und zu unserer Zeit, so Gott will [inshaallah] in diesem uns bevorstehenden
heiligen Monat Ramadan.

Oh heiliger Monat Ramadan, Wie sehr benötigt dich des nach Gottesnähe
sehnsüchtigen Herzes, Du spendest mir Licht und Heil in dieser Welt des
Schmerzes, Das ganze Jahr über warte ich allein auf dich, Damit du mich
bringst an die Festtafel Gottes, Wo ich dienen kann meinem Schöpfer
einmalig, Und kosten darf von den verborgenen Schätzen des Paradieses!

Oh heiliger Monat Ramadan, Mein Führer nennt dich Monat der
Gelegenheiten, In der sich Liebe und Zuneigung zum Schöpfer ausweiten,
Und er uns reichlich beschenkt von seinen Barmherzigkeiten, Und wir auf
seinem Wege können noch aufrechter schreiten, Durch Gottesdienste uns
somit für das Paradies vorbereiten, Meines Führers Worte werden sich
gewiss Bewahrheiten!

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Oh heiliger Monat Ramadan, Du bist ein Stück des Paradieses, Weit offen
sind für uns dessen Tore zu deiner Zeit, Wo wir uns nehmen sollen so viel
wir können des Schatzes, Gewiss zu nutzen haben wir diese Gelegenheit,
Wenn wir sind aufrichtige und liebende Diener Gottes, Sehnsüchtig werden
wir dich erwarten mit seiner Barmherzigkeit!

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Monat Ramadan | Monat der Verbesserungen
Von Kassem Mohsen

Es ist der heilige Monat Ramadan und wir fasten, so Gott will [inschallah]
alle, soweit es uns möglich ist. Aber warum fasten wir eigentlich für Gott wo
wir doch wissen, dass er unser Fasten nicht braucht? Der Gesandte Gottes (s.)
sagte:

„Ich fürchte zwei Dinge für meine Ummah; Das sie Sklavin ihrer eigenen
Begierden und Sklavin ihrer Sehnsüchte werden könnte.“

Was aber kann uns Menschen vor dieser Sklaverei schützen? Fasten hilft uns
die Begierden und Sehnsüchte zu dämpfen. Durch das Verzichten von Essen
und Trinken, und die Unterlassung von Sünden reinigt sich die Seele. Der
Fastende lernt sich zu kontrollieren und kann sich von der Knechtschaft des
Satans befreien. Er hat die Fähigkeit alles schlechte in seinem Herzen zu
schwächen, sei es Egoismus, Hass oder Neid. Und wenn jeder einzelne das
schafft, dann ist es gleichzeitig ein Segen für die Gesellschaft. Denn wenn
jeder einzelne sich vom Satan befreit, dann schafft es eine Harmonie
zwischen jeden, und Hass und Neid finden keinen Platz mehr.

Die Solidarität beim Fasten wird größer. Der Fastende spürt wie es den
Hungernden Menschen geht. Er spendet aufrichtiger und viel mehr. Wo
davor eine Feindseligkeit zwischen arm und reich gegeben hat, ist ein
liebevolles miteinander geworden. Der Fastende wird gütiger, freigebiger und
barmherziger. Zum weiteren Segen des heiligen Monat Ramadan gehört die
Selbsterziehung zur Geduld. Ein Raucher hat in diesen Monat eine größere
Möglichkeit vom rauchen wegzukommen als in anderen Monaten. Einer der
gerne abnehmen will, kann es viel leichter als in der sonstigen Zeit; auch
wenn manche das Gegenteil bewirken.

Einer, der schlechte Gewohnheiten hat oder ständig zur Sünde eilt, hat in
diesen Monat die Chance davon wegzukommen. Wir haben die Möglichkeit
unsere Sünden in diesen Monat zu verbrennen. Und wenn automatisch alle
Fastenden diesen Segen bekommen, dann ist es gleichzeitig ein Segen für die
ganze Gesellschaft. Der Monat Ramadan dient sowohl dem Fastenden, als
auch die ganze Gesellschaft. Denn die Gesellschaft besteht aus einzelnen
Menschen und nur wenn diese Menschen aufrichtig sind, dann ist auch die
Gesellschaft aufrichtig. Nur wenn alle Menschen geduldig sind, dann ist auch
die Gesellschaft geduldig. Dies ist eine große Gnade Gottes. Es liegt an uns, ob
wir diese heilige Zeit nutzen und wirklich fasten, oder nicht. Das Fasten nützt
der Menschheit viel mehr, als sie glaubt. Auch unsere Gesellschaft braucht

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das Fasten dringend, denn nur sie ist in der Lage die Verdorbenheit zu
reduzieren oder vielleicht ganz zu beseitigen. Darum lasst uns alle
aufrichtiger und aktiver fasten als das vorherige Jahr, damit wir uns von Jahr
zu Jahr verbessern und uns Gott nähern können, so Gott will [inschallah].

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Monat Ramadan | Monat des Liebesfastens
Von Ali Ismail

Nun ist es soweit, der Monat der Barmherzigkeit und Liebe ist zu uns
gekommen. Der Monat an dem die Himmel ihre Tore weit öffnen. Der Monat
in dem die Satane gefesselt sind. Der Monat der uns belebt und sich nach den
Fastenden, der Hunger und Durst verspürt, sehnt. Dieser Monat der
Sehnsüchtigen umschleiert uns mit seinen Gnaden. Ja, wie schön die
Beschreibungen sich anhören doch eine Frage stelle ich mir: Warum soll ich
nichts Essen und warum soll ich nichts Trinken? Warum soll der Gottesdienst
in diesen Monat mit Hunger und Durst in Verbindung gebracht werden?

Bestimmt hat das Fasten in diesem Monat viele Bedeutungen, doch ich werde
nur auf ein paar, die mir so einfallen wenn ich an den Monat der Liebe denke,
eingehen. Wenn man sich die heutige Zeit anschaut ist ohne Zweifel zu sagen,
dass sehr viele Menschen an Hunger und Durst leiden, viele Menschen an
verschiedensten Orten dieser Welt, viele unserer christlichen, jüdischen,
muslimischen und menschlichen Geschwister müssen auf Grund von Gier
und Undankbarkeit der Reichen und Mächtigen, an Hunger und Durst leiden.

Hier stelle ich mir wirklich die Frage wer von den beiden es besser hat: Die
Reichen und nicht genug habenden oder die Hungernden und Durstigen, die
trotz ihres Hungers lächeln und sich, trotz ihrer schweren Situation, der
Menschlichkeit und Liebe hingeben? Sind nicht jene Menschen die so ein
aufrichtiges und wahrhaftiges lächeln ausstrahlen und die Herzen der
Menschen berühren die, die wirklich als ewig fastende gelten, jene Menschen
die sich im Zustand des Kampfes gegen Hunger und Durst befinden, diese
Menschen sind doch die, die dem Schöpfer der Liebe nahe kommen durch
jene Anstrengung, mal abgesehen davon, ob sie nun an Gott glauben oder
nicht.

Der Monat Ramadan lädt uns ein wieder Mensch zu werden, Mensch zu
werden um mit unseren Mitmenschen zu fühlen, sie wieder zu spüren, um
mehr das Wort Einheit zu verinnerlichen, um es zu leben. Das Fasten ist keine
Bestrafung es ist ein Geschenk, ein Segen der uns hilft den Götzen des ICHs
zu zerstören und die Schleier des Begrenzten zu verbrennen mit der Flamme
der Sehnsucht, um dem Schöpfer der Liebe nahe zu kommen. Das Fasten
schenkt uns die Gelegenheit unsere Triebseele zu beherrschen und nicht
anders herum, das Fasten lehrt uns zu erkennen das der Satan nicht jener ist,
der uns verführen kann ohne dass wir es ihm erlauben, denn im Monat
Ramadan sollte man doch keine Sünde begehen können, wenn es doch der
Teufel ist der uns verführt, dann sollte erwähnt werden das er in diesem

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Monat gefesselt ist. Nun sollte man sich die Frage stellen: Wenn nicht der
Teufel es ist der uns verführt, warum begehen wir trotzdem eine Sünde? Habe
ich mich schon so sehr an Falschheiten gewöhnt? Sind meine Taten wirklich
Gewohnheiten geworden die ich nicht mehr spüre, die für mich als normal
gelten? Wenn ja, dann sollte man jenen Monat der Erkenntnis nutzen, um
jene Illusionen die nicht existieren schwinden zu lassen. Um in die wahre
Realität der inneren Wirklichkeit zu gelangen und somit zu erkennen was
man wirklich ist.

Man sollte in jenem Monat erkennen, dass man sich nicht zu unterdrücken
hat, dass man sich nicht zu begrenzen hat. Das Fasten im Fastenmonat ist
nicht nur auf das essen und trinken zu begrenzen. In jenem Monat sollten
meine hörenden Ohren, meine Hände, meine sprechende Zunge, meine
riechende Nase und meine sehenden Augen, fasten. Dieser Monat erzieht den
Menschen, füllt ihn mit Licht und Erkenntnis. Ja, schaut mit euren, durch das
Fasten rein gewordenen Augen auf die Flügel der Freiheit und fliegt in diesem
Monat zu den Sternen und seht wie Alle sich im Namen des Liebenden
streitet, wer stärker leuchtet. Taucht eure Herzen in den Ozean der Liebe und
bleibt im Zustand der Anstrengung für die Liebe.

Faste und leide. Sei nicht Feige, Sei nicht feige in diesem Monat der Liebe,
denn wo anders willst du nicht liegen außer in meiner Wiege, dies solltest du
mir wirklich glauben, denn durch die Liebe werde ich dir die Angst rauben.
Fasten tut man aus Sehnsucht. Du warst auf der Flucht, doch ich habe dich
gezogen und du hast mich gefunden, jetzt bist du versunken in meiner Liebe
die einen macht ganz betrunken. Nun bist du da, nun bin ich hier, was
wollen wir denn werden außer ein Wir?

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Monat Ramadan | Monat der Befreiung
Von Farwa Negah

Es war Mittagszeit und ich verspürte einen starken Durst, wie wird es wohl im
Monat Ramadan werden, dachte ich mir. Ich machte mir ein wenig Sorgen,
wie ich es wohl im Sommer aushalten sollte den ganzen Tag, von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, nichts zu trinken und nichts zu essen.
Einige Wochen vergehen und der heilige Monat Ramadan tritt ein. Voller
Freude und Dankbarkeit den Tag ohne Schwierigkeiten gefastet zu haben,
breche ich am späten Abend mein Fasten und wundere mich über mich
selber, dass ich den ganzen Tag trotz des Fastens voller Elan und Energie war.
Woher kommt diese Kraft und warum gerade jetzt, wo keine Energiezufuhr
durch Nahrung in meinen Körper statt findet?

Der Monat Ramadan ist ein Monat in dem wir uns nicht nur zu gegebenen
Zeiten von Essen und Trinken fernhalten, nein es ist ein Monat in dem wir die
Chance bekommen Geist und Herz zu reinigen und uns von schlechten
Gedanken, Empfindungen und Begierden zu distanzieren. Es ist ein Monat
wie kein anderer, es ist der beste Monat unter allen. Seine Tage sind besser
als andere Tage, seine Nächte besser als andere Nächte und seine Stunden
besser als andere Stunden. Der letzte Gottes Gesandte, Muhammad -der
Friede sei auf ihn und auf seine reine Nachkommenschaft- sagte einst, dass
der Monat Ramadan ein Monat ist, in dem wir die Gäste Allah -hoch erhaben
ist er- sind. In diesem Monat sind selbst unsere Atemzüge Lobpreisungen und
unser Schlaf Gottesverehrung. Es ist ein Monat voller Gnade und Segen. Ein
Monat der Reue, der Selbsterziehung und der Vervollkommnung. Unter allen
islamischen Riten ist das Fasten einer der besondersten und bedeutendsten,
denn wir Muslime fasten für Allah. Diese rituelle Handlung spielt sich nur
zwischen Allah und dem aufrichtigen Gläubigen ab. Niemand steht
dazwischen, alleine Allah und der Mensch.

Es bringt dem Fastenden also nichts anderen Menschen etwas vorzuspielen,
damit sein ‘Ansehen’ bei anderen Glaubensgeschwistern steigt. Wenn er
fasten will, dann fastet er den ganzen Tag und dies nur für Allah. Der
aufrichtige Gläubige hat den festen Willen durch das Fasten seinen
‘eigentlichen’ Durst zu stillen, er möchte Allah nahe kommen. Er möchte die
‘wahre’ Liebe entdecken und sich selber befreien von inneren ‘Zwängen’, denn
gewiss:

„Nur mit dem Gedanken an Allah beruhigen sich die Herzen.“
|Heiliger Qur´an 13:28|

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Durch das Fasten erfüllt der Mensch nicht nur ein Gebot Gottes, sondern er
lernt sich selber zu kontrollieren und sich nicht von seinen Begierden leiten
zu lassen. Er lernt wie er mit seinen Begierden umgehen soll und kann diese
besser steuern. Dadurch befreit sich der Mensch von den inneren Fesseln und
erreicht die eigentliche Stufe des Fastens, die Läuterung des ‘Ichs’. Sein Herz
ist erfüllt vom göttlichen Bewusstsein und er möchte sich lediglich mit der
Quelle allen Seins beschäftigen, Allah. Diese Form der Gotteserkenntnis und
der Gottesehrfurcht hilft dem Menschen nicht nur Kraft zu schöpfen zum
fasten, vielmehr hilft es ihm Kraft zu tanken und sich neu zu entdecken. Er
schöpft Kraft um Unwissenheit und Schlechtes zu erkennen und gegen
Falschheit und Ungerechtigkeit sowie Unterdrückung zu ‘kämpfen’. Er lernt
sich selbst zu erziehen und wird sich seiner vergangenen Fehler und Sünden
bewusst. Doch Allah ist der Barmherzige, der die Bereuenden und
Ehrfürchtigen mit ‘offenen Armen’ empfängt und verzeiht. Er, erhaben ist Er,
hat selber versprochen die Bitten der Reuevollen anzunehmen und sie für ihre
guten Taten zu belohnen.

Doch obwohl der Monat Ramadan so segensreich und voller Gnade ist, dürfen
wir nicht vergessen, dass wir all diese Energie und die Erkenntnisse, die wir
in diesem Monat erlangt haben, in den restlichen Tagen und Monaten des
Jahres nicht vernachlässigen sollten. Im Gegenteil, dieser Monat soll uns
jedes Jahr daran erinnern, dass die Tore zu Allah immer offen stehen und
dass wir uns zu jeder Zeit auf die Suche nach der Quelle der Liebe machen
können.

Und am schönsten ist dies, wenn man sich gemeinschaftlich auf die Suche
nach der Erkenntnis Gottes begibt, denn als Gruppe ist man stark und kann
sich gegenseitig unterstützen und ergänzen. Möge Allah all unser Fasten und
unsere Gebete sowie unsere Bittgebete annehmen, sofern sie gut für uns sind
und uns die Möglichkeit geben IHM näher kommen zu können, Amin so Gott
will [inschaallah].

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Monat Ramadan | Monat des Widerstandes
Von Mahdi Kazemi

Bereits im ganzen Jahr hindurch sieht sich der Gläubige unzähligen
Verführungen, falschen Gelüsten und widerwärtigen Neigungen entgegen:
„Soll ich nun noch ein bisschen länger schlafen oder doch lieber zum Gebet in
der ersten Zeit aufstehen?“ Wenn man dann diese Verführung bezwungen hat
kommt wenige Minuten später bereits die nächste: „Soll ich danach
aufbleiben und ein wenig im heiligen Qur´an lesen oder doch wieder zurück
ins warme, kuschelige Bett?“ Der Gläubige sieht sich so tatsächlich
unzähligen Dilemmas entgegen.

Verfällt man diesen Gelüsten und animalischen Trieben, öffnet man sich
selbst die Tür zur Verdammnis. Bei jedem Ausbleiben des
Widerstandleistens, gewöhnt man seinen Körper und seinem inneren-Ich die
Bequemlichkeit, Faulheit, Desorganisation, Disziplinlosigkeit und zahllose
andere fürchterliche Eigenschaften an. Kurzum, man gebietet das Schlechte
und verwehrt das Gute.

Anders im gegenläufigen Fall des Widerstehens. Hier trainieren wir uns
positive Eigenschaften, wie z.B. die Selbstdisziplin, -organisation, Vitalität
oder Demut an. Es ist ein anderes Lebensgefühl, welches auch auf die eigene
Umgebung einen direkten Einfluss ausübt, ob nun in der Schule, an der
Universität oder am Arbeitsplatz. Man Gebietet dadurch das Gute und
verwehrt das Schlechte. Daraus entnehmen wir, dass jede Entscheidung
unsererseits, ob wir nun widerstehen oder nicht, direkte Konsequenzen oder
Folgen nach sich zieht. Besondere Aufmerksamkeit genießen wir Muslime
aufgrund unserer personenbezogenen Minderheit in der mehrheitlich Nicht-
muslimischen Mehrheitsgesellschaft.

Nun nehmen die meisten Menschen in dieser Gesellschaft nicht unseren
tagtäglichen inneren Kampf wahr, den offenkundigen Widerstand können sie
jedoch augenscheinlich mitverfolgen. Richtig! Damit kann ja nur der
friedliche Widerstand gegen die Unterdrückerregime in dieser Welt gemeint
sein. Der heilige Prophet Muhammad (s.) sagte:

„Wahrlich, er ist kein Muslim, der sich um die Angelegenheiten der Muslime
nicht sorgt. Und wahrlich, er ist kein Muslim, der den Ruf eines Muslim
nach Hilfe hört, aber seinen Ruf nicht beantwortet.“

Somit ist es unsere religiöse Verpflichtung gegen Unterdrückung einzustehen
und auch selbst nicht zu unterdrücken. Im heiligen Fastenmonat Ramadan

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achten wir ganz besonders auf das Widerstandleisten, das Gebieten des Guten
und das Verwehren des Schlechten. Wir wollen ja schließlich nicht das gütige
Feuer löschen, welches unsere Sünden, so Gott will, so schön verbrennt. Wir
versuchen mit besonderer Aufmerksamkeit keine Sünden zu begehen und
viele ausgezeichnete Gottesdienste zu leisten. Unser Widerstand und unsere
Selbsterziehung wachsen in der Fastenzeit. Wir zügeln nicht nur unseren
Magen, sondern auch unsere Zunge, Augen und unser gesamtes Verhalten
wird einer Generalinspektion unterzogen. Auch unser offenkundiger
Widerstand gegen die Unterdrücker bekommt in diesem gesegneten Monat
eine ganz besondere Qualität und Intensität.

Seit dem Sieg der glorreichen islamischen Revolution in Iran findet der
Jerusalem-Tag [Quds-Tag] zur Verurteilung der menschenverachtenden
Schlachter-Politik des zionistischen Regimes und zur Verbrüderung mit
unseren palästinensischen Geschwistern im Glauben und in der
Menschlichkeit weltweit statt. Von Rio über Tokio und New York bis nach
Berlin, Moskau und Kapstadt. Alljährlich zeigen dadurch Muslime, Christen
und Juden, Seite an Seite laufend, dass sie nicht sang und klanglos die
unzähligen, tagtäglichen Verbrechen dieses Unrechtsregimes mittragen und
dass das palästinensische Volk nicht aus vier Millionen Menschen in Nahost
besteht, sondern sich aus hunderten von Millionen friedliebenden und
gerechten Personen zusammensetzt.

Auch dieses Jahr wird in Berlin wieder die Möglichkeit bestehen sich:

     1. für die unverzichtbaren Menschenrechte des geschundenen
        palästinensischen Volkes einzusetzen
     2. den Zionisten und allen voran dem zionistischen Mutterregime
        aufzuzeigen, dass sie nicht willkommen sind in der Gemeinschaft der
        friedliebenden und gerechten Menschen
     3. vom Nationalsozialismus mit seiner Rassenlehre und vom Faschismus
        zu distanzieren, indem man den Zionismus als gleiche Ideologie mit
        anderem Namen verurteilt
     4. von der Nahost-Politik der BRD zu distanzieren, indem man seine
        Abneigung darüber zum Ausdruck bringt, dass der Steuerzahler wieder
        Atom-U-Boote für das zionistische Schlachterregime spendieren muss.

Natürlich kann es für den Einzelnen noch viele weitere Gründe geben für das
Gute und gegen das Böse zu demonstrieren. Mit Gottes Erlaubnis kommen
wir friedliebenden und gerechten Menschen am Samstag, den 18.August 2012
in Berlin zusammen und nehmen unsere religiöse und menschliche
Verantwortung und Pflicht wahr. Eine gesegnete Fastenzeit!

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Monat Ramadan | Monat der Gottesnähe
Von Zehra Zaman-Mohsen

„Wahrlich, Wir erschufen den Menschen, und Wir wissen alles, was sein
Fleisch ihm zuflüstert; denn Wir sind ihm näher als die Halsader.“ |Heiliger
Qur´an 50:16| Dieser Vers besagt, dass Gott uns so nahe ist, dass er alles
über uns weiß und dass wir uns über nichts sorgen machen brauchen und uns
nie allein fühlen brauchen, weil wir nie alleine sind. Er ist immer bei uns.
Bedeutet dies, dass wir ihm nahe sind?

Wenn ein Mensch mir nahe ist, bin ich ihm doch auch gleichzeitig nah. Dies
gilt zwar für die Beziehung zwischen den Menschen aber nicht für die
Beziehung zwischen Gott und dem Menschen. Denn Gott ist uns immer nahe,
egal wie fern wir zu ihm sind. Er weiß alles über uns, auch wenn wir nichts
über Ihn wissen und Er sieht uns, auch wenn wir Seine Wunder, die uns jeden
Tag präsentiert werden übersehen. Also können wir ihm fern sein, auch wenn
er uns nahe ist.

Es ist bekannt, dass jeder Mensch versuchen sollte, sich seinem Schöpfer zu
nähern, um seine Liebe empfangen zu können, da seine Liebe immer da ist,
wir aber durch unsere innere Entfernung diese Liebe nicht spüren können. Es
gibt zahlreiche Methoden und Möglichkeiten, sich seinem Schöpfer zu
nähern. Eines dieser Methoden ist das Fasten und insbesondere das Fasten
im heiligen Monat Ramadan. Allah der Erhabene sagt:

„Das Fasten ist für Mich, und ich gebe die Belohnung dafür.“

Wahrlich, ein Gläubiger fastet für Gott, d.h. er fastet, um Ihm näher zu
kommen. Kein Mensch kann etwas für Gott tun. Alles was wir tun dürfen ist
nur für uns, um seiner Liebe nahe zu kommen. Insbesondere das Fasten im
Monat Ramadan gibt die Möglichkeit, Gott näher zu kommen.Auf die Frage:
Warum heißt der Fastenmonat ‘Ramadan’? Antwortete der Gesandte Gottes
(s.):

„Der Monat Ramadan wurde so genannt, weil er die Sünden verbrennt.“

„Die Sünden verbrennen“ bedeutet, dass alle Hindernisse auf dem Wege zu
Gott abgeschafft werden. Gott gibt uns die Gelegenheit, uns davon zu
entfernen, was uns hindert, ihm nahe zu kommen. Durch das Fasten werden
unsere Gedanken von allem Weltlichen befreit. Wir brauchen den ganzen Tag
über nicht mehr an das Essen zu denken, sondern bei allem was wir machen,
denken wir daran, ob es nötig ist und ob es um Gottes Willen ist.

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Unser Handeln und unsere Gedanken sollen an Gott erinnern und nichts wird
gemacht, was von Gott entfernt. Beispielsweise überlegen wir beim Einkaufen
von Essen, ob wir es am Abend essen werden, ob es gesund ist, ob es
angebracht ist, ob wir denn nicht zu viel haben, ob es uns träge machen
würde, sodass wir uns nicht mehr beim nächtlichen Gebet konzentrieren
können usw. Also wird unser Handeln überlegter und wir denken an unseren
Körper und daran, was für seine Näherung an Gott nützlich ist.

Das Fasten soll auch dazu führen, dass wir uns vom Kapitalismus befreien.
Wir kaufen im Zustand des Fastens nicht mehr nur bewusster Nahrung ein,
sondern fragen uns, woher diese Nahrung kommt, wie sie produziert wurde,
ob sie gut für unseren Körper ist, ob sie uns träge machen würde, sodass wir
nicht mehr unsere nächtlichen, freiwilligen Gebete verrichten können usw.
Wir achten auf alles, was unsere Seele begehrt, ob es nötig ist oder eine Falle
des Kapitalismus, der bei uns den Schein erwecken lässt, dass wir etwas
brauchen.

Das Fasten bringt uns auch dazu, dass wir auf alles, was unsere Seele begehrt,
aber nicht gut ist auf dem Wege zu Gott, weil es unserem Körper schadet oder
weil es dazu führt, dass wir davon besessen sind, statt dass wir sie besitzen,
verzichten. Ja, nicht nur verschieben auf den Zeitpunkt nach dem
Sonnenuntergang, sondern komplett verzichten, weil es uns körperlich und
spirituell schadet, wobei wir außerhalb vom Monat Ramadan unüberlegt
direkt konsumieren, statt drüber nachzudenken.

Beim Gebet spürt der Fastende seinen Gott. Dadurch, dass er leichter
geworden ist, nicht nur körperlich, sondern auch im Herzen, kann er leicht in
den Himmel hinauf. Sein Herz ist leichter, weil er all seine Sorgen vergisst.
Gott ist jedem nahe, der versucht ihm nahe zu kommen. Der Fastende spürt
im Gebet seine Unabhängigkeit und seine Freiheit. Er ist unabhängig,
unabhängig sogar von Existenziellem.

Seine Freiheit spürt der Fastende dadurch, dass er obwohl sein Körper ihm
etwas anderes befielt, er sich dagegen entscheidet. Die Seele versucht den
ganzen Tag über den Fastenden davon abzubringen sich Gott zu nähern.
Morgens und Mittags protestiert er laut, aber der Fastende entscheidet sich
für seinen Herrn. Abends protestiert er nur noch leise, weil er die Hoffnung
aufgibt und kurz vor dem Fastenbrechen hört man plötzlich nichts mehr von
ihm. Man hat die Prüfung für diesen Tag bestanden, die Seele hat man
besiegt.

Aber der Fastende ist sogar während des Fastenbrechens nicht wie an
sonstigen Tagen. Er achtet darauf wie er isst. Dass er langsamer essen muss,
mehr kauen muss und auf sein Hungergefühl achten muss um sich nicht voll

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zu fressen, weiß er. Er frisst nicht, sondern isst. Er bedankt sich bei seinem
Herrn für all die Gaben am Abend, obwohl er nichts davon wollte und bereit
ist auf alles zu verzichten, bekommt er von seinem Herrn so eine reichhaltige
Gabe. Der Fastende bedankt sich und denkt an diejenigen, die all diese Gaben
nicht haben und auch am Abend weiterfasten müssen. Der Gesandte Gottes
(s.) sagte:

„Das Fasten ist die Hälfte der Geduld.“

Im Monat Ramadan lernt man besonders gut die Geduld. Ungeduld ist ein
Hindernis auf dem Wege Gottes und im Monat Ramadan wird uns gewährt,
uns von diesem Hindernis zu lösen. Wenn sich der Fastende sogar
existentiellen Bedürfnissen entzieht und geduldig bis zum Abend wartet um
seinem Körper wieder Energie zu schenken, warum soll er nicht immer und
zu jedem geduldig sein? Wenn wir diese Eigenschaft nicht in diesem Monat
lernen, wann sonst?

Der Fastende hat in diesem Monat die besten Chancen sich seinem Herrn zu
nähern, weil er durch das Fasten lernt Hindernisse auf dem Weg zu seinem
Herrn zu beseitigen. Lasst uns jede Gelegenheit nutzen. Ein gesegneter Monat
Ramadan!

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Monat Ramadan | Monat der Unabhängigkeit
Von Hassan Mohsen

Die Pflicht des Fastens hat wie jede andere religiöse Verpflichtung, die Gott
den Muslimen aufgebürdet hat, eine tiefgreifende Bedeutung und einen
Nutzen für das Dies- und Jenseits. Welcher Sinn verbirgt sich hinter dem
Fasten? Was für ein Nutzen kann der Mensch aus dem zeitlich begrenzten
Nahrungsaufnahmeverzicht ziehen? Welche Philosophie und Lehre verbirgt
sich hinter dem Geheimnis dieser religiösen Pflicht?

Der menschliche Körper benötigt, wie jedes andere Lebewesen auf dieser
Erde auch, Energie und Nährstoffe, um ‘funktionieren’ zu können. Mit der
Nahrung erhält der Körper die einzelnen Nährstoffe die er braucht. Bleibt
diese aus können Fehlbildungen wie Konzentrationsstörungen und
Krankheiten durch Vitamin- und Mineralmangel, entstehen.

Kurz: die Tatsache das der Mensch auf die Nahrungsaufnahme angewiesen
ist, macht ihn zu einem schwachen und abhängigen Geschöpf und wohl eines
der deutlichsten Beweise für die Unabhängigkeit Gottes ist die Tatsache, dass
Gott keiner Nahrung bedarf. Im Bittgebet der großen Rüstung [dua
dschauschan-ul-kabir] heißt es:

„…oh Unabhängiger, der nicht auf Nahrung angewiesen ist.“ [31. Block]

Die Unabhängigkeit Gottes manifestiert sich mit der Tatsache, dass Gott
keiner Nahrung bedarf. Ein Mensch kann ohne Freiheit leben oder überleben,
dass zeigen Langzeithäftlinge die trotz der eingeschränkten Freiheit am Leben
bleiben. Ein Mensch kann auch ohne Kleidung -bei gesunden
Wetterbedingungen- (über-)leben, wie einige Naturvölker -die Nackt in der
Gemeinschaft leben- belegen. Aber ohne Essen und Trinken könnte kein
Mensch länger als ein Monat leben oder überleben. Gleichwohl wie stark und
unabhängig sich ein Geschöpf wähnt, die Abhängigkeit und die Schwäche
nach Nahrung zu verlangen, macht ihn schwach und abhängig.

Das Fasten soll dem Menschen diesen Umstand klar machen. Es stimmt
schon, dass das Fasten dem Menschen sensibilisieren möchte an Bedürftige
zu denken, das Fasten vergegenwärtigt dem Menschen aber auch ‘seine’
eigene Bedürftigkeit. Diese Abhängigkeit nutzten -und nutzen immer noch-
die Tyrannen, um Menschen zu versklaven. Ein Fasten aber, welches über
dessen Sinnhaftigkeit reflektiert, kann Tyrannen dieser Welt vernichten. Es
gab in der Menschheitsgeschichte eine Unmenge an Tyrannen die ihr Volk
abhängig machte und sich so Unabhängig fühlte. Dabei ist der Unabhängige

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von den Abhängigen abhängig, um unabhängig zu bleiben. Ein Schiffskapitän
kommt ohne seine Crew nicht voran. Jeder Manager kann ohne die Leute die
er zu managen hat nichts auf die Beine bringen. Jeder noch so unabhängig
erscheinende Herrscher kann ohne die zu Beherrschenden nicht herrschen.
Für jedes große Industrieunternehmen kann ein Streik der abhängigen
Mitarbeiter das Ende des sich unabhängig wähnenden Leiters bedeuten. Ein
Pflegedienstleiter ist von seinen PflegerInnen abhängig…etc. Und das Fasten
lehrt, dass allein wer keiner Nahrungsaufnahme bedarf, wahrhaft
Unabhängig sein kann.

Diogenes von Sinope war ein in Askese lebender Philosoph in Athen und
Schüler des Antisthenes und dieser wiederum ein Schüler des Sokrates. Er
wurde ca. 391/399 n.Chr. in Sinope geboren. Er gilt als Verächter der Kultur
der Mehrheitsgesellschaft und wirkte in seiner Philosophie mehr durch seine
Askese. Völlige Unabhängigkeit des Menschen von der Außenwelt und allen
konventionellen Verhältnissen war für ihn eine Bedingung der wahren
Tugend. Als bekanntestes Merkmal gilt sein Leben in einer Tonne. Als
bekannteste Anekdote aus seinem Leben gilt seine Begegnung mit Alexander
dem Großen. Ayatollah Morteza Motahhari schreibt:

„Als einmal mehr beim Einzug Alexanders in eine Stadt die Leute ihm
huldigten und alle sich vor ihm niederwarfen, ist Diogenes der Einzige, der
es nicht tut. Daraufhin sucht Alexander ihn in seiner Tonne auf und stellt
ihm einen Wunsch frei. Diogenes Antwortet: ‘Geh mir ein wenig aus der
Sonne’, worauf Alexander feststellt: ‘Wäre ich nicht Alexander, wollte ich
Diogenes sein.’“

Ein Volk von vielen wie Diogenes, der nach nichts verlangt was der Herrscher
ihn geben könnte, wird niemals abhängig werden. Kein Tyrann der Welt
vermag es einem unabhängigen Volk die Stirn zu bieten. Es ist die Begierde
die ein Volk schwach und abhängig macht. Das Fasten stillt diese Begierde
und macht ein Volk unabhängig von den Ressourcen der Machthaber. Das
Fasten verleiht den Besitztrieb Verstand und Anstand. Der Fastende ist
Mächtiger als der Machthaber, da der Fastende kein Verlangen nach den
kontrollierten Ressourcen des Mächtigen verspürt. Die Unabhängigkeit des
Fastenden besteht darin, sein Wollen einzudämmen.

Relativ mächtiger ist also nicht nur derjenige, der mehr interessante
Ressourcen kontrolliert, sondern auch derjenige, der das geringere Interesse
an den Ressourcen hat, die der andere kontrolliert. Mächtig ist demnach
derjenige, der den anderen weniger braucht als dieser ihn. Unabhängig ist
nicht nur wer etwas hat was der andere begehrt, sondern auch derjenige der
kein Interesse an dem hegt was der andere besitzt. Einen Menschen kann
man mit Hunger und Durst drohen, um ihn zum Schweigen zu bringen.

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Einem nach Macht Strebenden kann gedroht werden, indem ihm sein
Prestige genommen wird. Wer nach ‘mehr’ verlangt, dem kann durch das
‘weniger’ gewähren Schaden zugefügt werden. Ein Fastender aber kann nicht
gedroht werden, weder mit Hunger noch Durst, weder mit ‘weniger’ noch mit
‘mehr’, weil der Fastende sich willentlich entschließt zu verzichten und die
Ressourcen die sich allein in Gottes Hand befinden begehrt. Der Fastende
sehnt sich nicht nach Wasser, die ihm ein Mensch oder ein Machthaber geben
kann, er sehnt sich nach Gottesliebe, die Gott denen gewährt, die sich nach
ihr sehnen. Wer wenig begehrt, hängt von Wenigem ab. Nun welcher
Reichtum ist größer als der des Bedürfnislosen? Welche Macht ist größer als
die des Unabhängigen? Welche Tat macht Unabhängiger und Mächtiger als
das Fasten?

Das Fasten ist eine Waffe die dem schwachen und mittellosen Unterdrückten
dienen soll, um ihm ein Gefühl der Stärke und Unabhängigkeit Gottes
verspüren zu lassen. Ein Hauch göttliches und paradiesisches wird dem
Fastenden zuteil. Ein Hauch von Stärke und Unabhängigkeit, Unabhängigkeit
vom Drang der Nahrungsaufnahme und Stärke zum Verzicht. Unabhängigkeit
von den sich Unabhängig wähnenden und Stärke vor den sich Stark
denkenden.

Der Unabhängige ist von den Abhängigen abhängig um Unabhängig zu sein.
Nur wer keine Nahrung bedarf ist unabhängig. Nur Gott benötigt keine
Nahrung, so ist nur Gott unabhängig.Die Fastenzeit ist eine kleine Kostprobe
dieser Unabhängigkeit Gottes und der Fastende darf von ihr, im Monat
Ramadan, kosten.Wie Imam Chamenei sagt:

„Der Monat Ramadan ist jedes Jahr ein Stück Paradies, welches Gott in der
brennenden Hölle unserer materiellen Welt in Erscheinung treten lässt,
wobei Er uns die Gelegenheit gewährt, an der göttlichen Festtafel in diesem
Monat teilzuhaben und das Paradies zu betreten.“

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Monat Ramadan | Monat der Gastfreundlichkeit
Von Zeyneb Özoguz

In diesem heiligen Monat Ramadan sind wir wie es so schön heißt ‘Gäste bei
Allah’. Doch was heißt das eigentlich. Erst mal auf die Menschen bezogen.
Wir Menschen laden Freunde ein oder Leute mit denen wir uns verstehen.
Wir laden nicht die ein, die eigentlich gegen uns sind, was im ersten
Augenblick auch verständlich ist. Der Mensch ist also Ichbezogen. Ganz im
Gegensatz zu seinem Schöpfer, der im heiligen Monat ‘alle’ Menschen einlädt.
Ob wir Menschen diese Einladung annehmen oder nicht liegt an uns.

Nun, sagen wir, wir haben die Einladung angenommen und wollen zu dem
Gastgeber gehen. Da gehen wir ja nicht einfach so in Jogginghose und T-Shirt
hin. Nein, wir duschen uns und reinigen unser Gesicht, wir ziehen saubere
und ordentliche Kleidung an, kaufen noch ein kleines Geschenk als
Dankeschön und machen uns auf den Weg.

Wie ist das, wenn unser Schöpfer uns einlädt? Haben wir uns von den
schlechten Taten bereinigt bevor wir zu unserem Schöpfer gingen? Haben wir
unser ‘Gesicht’ genügend gereinigt, um die Gaben mit denen Er uns
bereichert hat zu sehen? Haben wir uns mit guten Taten bekleidet bevor wir
uns auf den Weg gemacht haben? Haben wir genügend Bittgebete gemacht in
denen wir ihm immer wieder für alles was wir haben gedankt haben?

Oder sind wir einfach so mit unseren schlechten Taten bekleidet, ungereinigt
und unzufrieden, ohne die Einladung zu schätzen losgegangen? Sagen wir,
wir stehen nun vor der Tür die uns zu unserem Schöpfer führt, die Tür wird
für jeden, egal wie schmutzig er/sie ist geöffnet. Doch derjenige, der sich
nicht gereinigt und sein Gesicht nicht gesäubert hat; dessen Augen sind so
von Schmutz bedeckt, dass er die Tür und damit den Segen dieses heiligen
Monats nicht sieht und daran vorbei läuft.

Doch unser Herr ist so großzügig, dass Er sogar solche Menschen noch wieder
zurückruft, diese Personen durch die Tür der Barmherzigkeit und Gnade
führt, wodurch sie gereinigt werden. Unser Gastgeber hat nun die leckersten
Mahlzeiten für uns aufgetischt und vorbereitet, alles was wir uns wünschen
und noch mehr. Nun liegt uns die Entscheidung überlassen, ob wir von dem/
der Gastgeber/-in dankbar die Geschenke annehmen und uns der Person
noch näher fühlen und mehr Liebe der Person gegenüber empfinden oder ob
wir achtlos daran vorbeilaufen. Nun hat unser Herr uns ,als Gast, alles was
wir uns jemals vorstellen können vorbereitet und zur Verfügung gestellt und
uns die Türen ins Paradies geöffnet; Er hilft uns sogar indem er die Teufel

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fesselt. Uns ist nun überlassen ob wir uns an dieser großen Gelegenheit
bereichern und dankbar sind, oder achtlos an den Gaben und Geschenken
vorbei gucken. Sagen wir, wir nehmen diese Geschenke an, dann sind wir
glücklich und dankbar; wir fühlen uns unserem Schöpfer näher und
empfinden mehr Liebe zu Ihm. Andernfalls bemerken wir nicht mal mehr,
was für eine Liebe unser Schöpfer uns gegenüber hat, dass Er alles für uns
Menschen erschafft und uns mit Liebe alles schenkt.

Bei uns Menschen ist es doch so, dass wir uns nach so einem Besuch, mit
dem/der Gastgeber/-in über alle Neuigkeiten und Sorgen ausgesprochen und
beratschlagt haben. Anschließend fühlen/kommen wir uns ‘bekannter’ vor.
Wir Telefonieren vielleicht öfter danach. Ist das auch bei unserem Schöpfer
so? Erzählen wir Ihm durch Bittgebete und Anrufungen unsere Sorgen?
Warten wir auf eine Antwort von unserem Schöpfer, welcher uns die Antwort
auf jeden Fall gibt. Hören wir sie? Oder haben wir unsere Ohren nicht genug
geputzt; soll heißen, unsere Herzen nicht genügend gereinigt?

So Gott will [inschaallah] werden wie alle mit Gottes Hilfe nach diesem
heiligen Monat Ramadan von unseren schlechten Taten gereinigt und mit
guten Taten geschmückt sein; und so Gott will [inschaallah] werden wir uns
der Liebe unseres Herrn näher als je zuvor fühlen.

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Monat Ramadan | Die Zeit der (Neu)Geburt
Von Safiye Bozkurt

Der Monat Ramadan rückt immer näher. In den muslimischen Häusern
laufen bald eine Reihe von Vorbereitungen, um den heiligen Monat würdig zu
empfangen. Großreinigung ist angesagt. Die schönsten Servietten und die
schneeweißen Tischdecken werden für die Gäste bereitgehalten, es wird nach
neuen Kochrezepten recherchiert, die im Voraus für den ganzen Monat
eingeplant     werden.    Datteln   werden    vorrätig    eingekauft   und
Lieblingsnaschereien reichlich im Abstellraum oder im Keller deponiert,
damit der Fastenprozess durch das Einkaufen tagsüber nicht eine noch
größere Herausforderung darstellt.

Alles dreht sich ums Essen, während dieser Monat doch die Zeit für eine
bewusste Reduzierung und Einschränkung der Nahrungsaufnahme sein
sollte. Sind es wirklich die einzigen Vorbereitungen, mit denen wir den
heiligen Monat Ramadan begrüßen wollen? Aber vorab sollte vielleicht eine
andere Frage geklärt werden. Die Frage nach der Relevanz einer
Vorbereitung. Ist eine Vorbereitung für den Monat Ramadan überhaupt
notwendig? Wenn ja, wieso und worauf?

Sollte man den Kühlschrank und den Magen vorher vollstopfen, um jeglichen
Gewichtsverlust zu verhindern? Die Fitnessstudiomitgliedschaft für den
kommenden Monat kündigen, da man während des Fastens eh abnimmt oder
umgekehrt: die Häufigkeit des Joggens steigern, da viele in der Fastenzeit
doch zunehmen?

Ja, eine Vorbereitung ist von großer Bedeutung, denn der ‘Sultan aller
Monate’ kommt uns besuchen. Dem Sultan muss ein angemessener Empfang
vorbereitet werden, um von seinem Segen profitieren zu können. Ja, der
Monat Ramadan ist segens- und gnadenreich. Aber, woher diese Segnung
eigentlich? Welches Ereignis ist ausschlaggebend dafür, dass dieser Monat als
der ‘Sultan aller Monate’ bezeichnet wird und wir ihn jedes Jahr mit großer
Freude empfangen (müssen)? Die treffendste Antwort auf diese Frage bietet
uns der Qur’an:

„Wahrlich, Wir haben ihn (den Qur‘an) herabgesandt in der
Nacht der Bestimmung [al-Qadr]. Und was lehrt dich wissen, was
die Nacht der Bestimmung [al-Qadr] ist? Die Nacht der
Bestimmung [al-Qadr] ist besser als tausend Monate.“ |Heiliger
Qur´an 97:1-3|

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Eine Nacht, die besser ist „als tausend Monate“, da in ihr der Qur’an
herabgesandt worden ist…Diese Nacht verbirgt sich im heiligen Monat
Ramadan (der neunte Monat im islamischen Kalender). Diese eine Nacht,
welche die Geburtsnacht der Offenbarung ist, verleiht dem gesamten Monat
seinen Segen. Einen Monat lang feiern wir also die Geburt des Qur’an. Aber…
warum in Form des Fastens? Welcher Zweck und welche Weisheit stecken
hinter der Auferlegung dieser gottesdienstlichen Handlung?
An dieser Stelle möchte ich einen Gelehrten namens Mustafa Islamoglu
zitieren, dessen Erläuterung ich in diesem Zusammenhang sehr treffend
finde:

„Der Vers, welcher das Fasten zur Pflicht macht, fängt wie folgt an „Oh ihr
Gläubigen! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, wie es denjenigen
vorgeschrieben war, die vor euch lebten“ |Heiliger Qur´an 2:183|.
Nach dieser göttlichen Instruktion folgt direkt das Ziel, welches beim
Menschen erreicht werden soll: „In der Erwartung, dass ihr eurer
Verantwortung bewusst werdet.“ Ja, der Zweck des Fastens ist, in dem
Menschen das Verantwortungsbewusstsein zu erwecken, es standhaft zu
halten.“

Das Erwecken des Verantwortungsgefühls ist also das Ziel unseres Fastens.
Hier nennt er zunächst die Verantwortung des Menschen „seiner Existenz
gegenüber, denn der Mensch ist die Krone der Schöpfung und wurde von
Allah zu einem ganz bestimmten Zweck erschaffen.“ Im Qur’an heißt es
dazu:

„Meint ihr denn, dass Wir euch zum sinnlosen Spiel erschaffen
hätten und dass ihr nicht zu Uns zurückgebracht würdet?“ |
Heiliger Qur´an 23:115|

Nach dem Sinn und Zweck seiner Existenz zu fragen, ist die primäre und
wichtigste Verantwortung des Menschen. Nichts auf der Erde ist sinn- und
zwecklos erschaffen worden, der Mensch erst recht nicht! Beschäftigt er sich
wahrhaftig mit dieser Frage, so wird er mit Gottes Offenbarung und
Rechtleitung auch eine Antwort darauf finden können, so wie der Urvater der
Gläubigen, der Prophet Abraham, nach seinem Schöpfer gesucht und
gefunden hatte |vgl. Heiliger Qur´an 6:74-79|.

Der zweite Aspekt sei die Verantwortung gegenüber dem Schöpfer, denn
„wird der Mensch seiner Verantwortung sich selbst gegenüber bewusst, so
wird er sich auch der Verantwortung gegenüber Allah bewusst werden. Dies
ist mit den Worten des Qur´ans die Gottesehrfurcht [Taqwa].“
(Gottesehrfurcht [Taqwa], die von den meisten muslimischen Gelehrten als
Gottesehrfürchtigkeit aufgefasst wird, übersetzt der genannte Autor mit

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Verantwortungsbewusstsein, was unter         anderem     auf   den   Gelehrten
Muhammed Asad zurückzuführen ist.)

Der Mensch, der in der Fülle seiner alltäglichen Aufgaben zeitweise sehr
belastet und überfordert ist, hat in dem ganzen Alltagsstress kaum noch Zeit
und Bedürfnis, über seinen Daseinsgrund nachzudenken. Zudem hat „das
elfmonatige Ernähren des Körpers die Ernährung des Geistes, des
Verstandes, und des Wissens in die hinteren Reihen verdrängt und somit zu
seiner Schwächung geführt. Dabei wird der Mensch nicht zum Menschen
wegen Knochen und Fleisch. Es ist der Geist, der Verstand, das Wissen, was
den Menschen definiert“.

Auf die Bedürfnisse der Seele reagiert der Mensch nicht mit derselben
Selbstverständlichkeit wie auf die Bedürfnisse des Körpers. Genau dieser
Zustand soll sich im Monat Ramadan ändern, und zwar durch das Fasten,
durch den bewussten und freiwilligen, zeitlich begrenzten Verzicht auf
weltliche Genussmittel. Denn während des Fastens lässt man den Körper, der
elf Monate lang non-Stopp ernährt wurde, (ver)hungern, damit die Seele und
der Verstand gesättigt werden. Den Begierden des Körpers werden Schranken
gesetzt, damit der Geist aktiv und frei wird. Auf diese Weise soll der Mensch
auf sein Inneres, das nach seelischer Nahrung ruft, jedoch oft unerhört bleibt,
verstärkt Gehör schenken.

Aber womit kann der Mensch die Seele und den Verstand ernähren? Die
Antwort ist eindeutig: mit der göttlichen Offenbarung! Denn hierin findet der
Mensch alle Antworten auf seine existenziellen Fragen wie nach dem Sinn des
Lebens. Der Qur’an lehrt dem Menschen seine Rolle und seine
Verantwortungen im Universum. Er ist eine Orientierung und ein Wegweiser
für die Menschen, die nach dem Weg fragen. Folgt er dem Licht der
Offenbarung, so wird er zur Wahrheit und zur Glückseligkeit geführt.

Die vertiefte Beschäftigung mit dem Qur’an sollte in der Fastenzeit im
Mittelpunkt stehen. Und damit ist keineswegs die bloße Rezitation der Suren
gemeint, sondern ein Studium des Qur’an, welches zur Erhöhung des
Verantwortungsgefühls verhilft. Lasst uns diesen Monat Ramadan als Chance
verstehen und dazu nutzen, unsere Beziehung zum Qur’an zu überprüfen,
wenn nötig aufzufrischen und zu verbessern. Ein Buch, von dem wir
behaupten, er sei der Wegweiser für unser Leben und die Motivationsquelle
unserer Handlungen, sollte uns vertraut sein, und zwar mehr als jedes andere
Buch der Welt. Wir müssen uns im Qur’an- sowohl formell als auch
inhaltlich- sehr gut auskennen. Das ist eine selbstverständliche Verpflichtung
für jeden praktizierenden Muslim. Ist es nicht beschämend, wenn wir die qur
´anischen Beweise für unsere rituellen Gottesdienste nicht kennen? Oder von
den ‘versteckten’ und namenlosen Helden des Qur’an bisher nichts erfahren

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haben, weil wir uns viel zu selten damit beschäftigen? Wenn uns der Inhalt
und die Botschaft der Prophetengeschichten nicht bekannt ist, obwohl der
Großteil des Qur’ans aus diesen Geschichten besteht. Und ist es nicht
bemitleidenswert, wenn wir nicht einmal die Reihenfolge der Suren
beherrschen und immer wieder im Register nachblättern müssen, um die
gesuchte Stelle zu finden? Oder uns beim Gebet mit den Suren zu begnügen,
die wir im Kindesalter auswendig gelernt haben?

Wäre es beispielsweise nicht besser, wenn wir unser Repertoire an
memorierten Qur’anversen erweitern und unsere Gebete mit neuen Qur’an-
Passagen schmücken und genießen würden? Der Qur’an appelliert in
zahlreichen Stellen an den Verstand und fordert uns dazu auf, tiefgründig
über Gottes Zeichen nachzudenken:

„Denken sie denn nicht sorgfältig über den Qurʾān nach?“
|Heiliger Qur´an 4:82, 47:24|

„Wollt ihr denn nicht darüber nachdenken?“
|Heiliger Qur´an 16:17|

„Haben sie denn keinen Verstand?“
|Heiliger Qur´an 36:68|

Der Qur’an kann aber nur dann in unser Verstand eindringen, wenn wir ihn
vorher von fremden Einflüssen reinigen, von korrupten Ideologien befreien.
Wir müssen den Qur’an mit reinem Herzen und klarem Verstand lesen. Nun,
der Monat Ramadan steht vor der Tür. Was meint ihr, sind wir bereit ihn
aufzunehmen? Sind wir bereit für eine „qur‘anische Revolution“?

Mögen Gottes Worte in unsere Herzen, unser Verstand unser Leben
eindringen, diese erhellen und uns zu einem aufrichtigeren,
verantwortungsbewussteren Menschen formen. Mögen wir nach unserer
eigenen Nacht von der Bestimmung [al-Qadr] suchen und diese finden. Und
möge der Geburtsmonat des Qur’an eine Neugeburt für uns sein- so Gott will
[inschaallah].

Oh Heiliger Qur’an! Wie schön dass du geboren bist, wir hätten dein Licht
sonst sehr vermisst!

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Monat Ramadan | Monat der Unterdrückten
Von Kassem Mohsen

Die Quds-Demonstration findet – so Gott will – auch dieses Jahr am 18.
August 2012 in Berlin statt. Diese richtet sich gegen die Besatzung und die
Unterdrückung des palästinensisches Volkes, das stellvertretend für so viel
Unrecht auf der ganzen Welt steht. Die meisten Teilnehmer wollen einen
kleinen Beitrag dafür leisten, für den Frieden auf der Welt aufzustehen. Aber
man kann nicht nur Frieden in der äußerlichen Welt schaffen, sondern auch
Frieden und Gerechtigkeit in der eigenen Seele.

Auch wenn man nicht sofort realisiert, dass diese Demonstration auch was
mit der großen Anstrengung der Seele [dschihad ul-nafs] zu tun hat, so ist
dies meines Erachtens doch ein sehr wichtiger Bestandteil dieser
Demonstration.

Am Tag von, an dem Imam Husain sowie seine Familienagehörigen und
Freunde brutal ermordet wurden, klagen wir meistens: „Wären wir nur mit
dir gewesen, oh Imam.“ Wer diesen Satz ernst nimmt und aus tiefstem
Herzen sagt, dann ist wohl der Quds-Tag das Mindeste, um dieser Aussage
gerecht zu werden.

Nicht umsonst hat Imam Chomeini diesen Tag am Monat Ramadan
festgelegt. Wie wir wissen, ist dieser Monat ein Monat, in der wir unsere
schlechten Eigenschaften bekämpfen und uns zu besseren Gottergebenen
Menschen erziehen. Die Bereitschaft sich zur Reise zur Quds-Tag
Demonstration zu machen, Geld dafür auszugeben und so weiter ist somit der
erste Schritt zur Überwindung des ‘Ichs’.

Wenn wir Imam Husain wirklich treu bleiben wollen, dann sollten wir uns
zuerst bemühen die Feigheit, die Faulheit und alles andere Verdorbene in
unserem Herzen zu überwinden. Bevor wir für die Wiederkehr unseres Imam
der Zeit bereit sind, ist eine Wandlung in unseren Herzen erforderlich, um
nicht so wie die Leute von Kufa zu werden. Die Leute von Kufa hatten
nämlich damals auch ihren Imam der Zeit gerufen und haben ihn
anschließend verraten. Diese Menschen hatten nicht genug Mut und waren
vermutlich auf Bequemlichkeit fixiert.

Was hat das jetzt mit dem Quds-Tag zu tun? Der Marsch in Berlin hat eine
gewisse Parallele zur inneren Anstrengung. Während der Demonstration
sprechen wir uns also gegen Unrecht auf der Welt aus. Durch Parolen, Reden
etc. wird versucht auf die Besatzung in Palästina aufmerksam zu machen und

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es zu beseitigen. Wir erhoffen uns, dass diese Demonstration Deutschland ein
kleines Stück wachrüttelt. Aber wir erhoffen uns auch selber was davon zu
haben. Die Seele ist nämlich ebenfalls besetzt durch unsere Faulheit oder
unsere Gier. Jeder hat ein anderen Besatzer, dem wir den ganzen Monat über
bekämpfen. Zum Beispiel könnten die Gegendemonstranten einen dermaßen
wütend machen, dass man mit gleicher Art reagiert oder sogar noch
schlimmer. Alles Lob gebührt Gott [allhamdullah] ist es noch nie zu so einer
Eskalation gekommen, jedoch geht es hier weniger um die äußerliche Welt,
sondern um die eigene Seele, die wir zu befreien versuchen. Und diese
Prüfung hat mit jedem einzelnen Teilnehmer zu tun. So heißt es im Qur´an in
Sure 13 [Der Donner], Vers 22:

„Und die im Verlangen nach dem Angesichts ihres Herrn
standhaft bleiben und das Gebet verrichten und von dem, was Er
ihnen beschert, im Verborgenen und öffentlich spenden, und die
das Böse mit Gutem abwehren – diese werden mit der Wohnung
belohnt.“

Dieser Tag erfordert einen edlen Charakter, denn die schlechten
Eigenschaften eines Teilnehmers könnten die gesamte Demonstration ins
dunkle rücken. Wird er sich der Verantwortung bewusst, so ist er auch bereit
sich zu verbessern, um Gottes, um der Mitmenschen und um seines Willens.
Auch heißt es in Sure 5 [Der Tisch] Vers 4:

„O ihr, die ihr glaubt, tretet für Gott ein und legt Zeugnis für die
Gerechtigkeit ab. Und der Hass gegen bestimmte Leute soll euch
nicht dazu verleiten, nicht gerecht zu sein. Seid gerecht, das
entspricht eher der Gottesehrfurcht. Und fürchtet Gott. Gott hat
Kenntnis von dem, was ihr tut.“

Während wir die letzten Tagen fastend verbracht, bereut und versucht haben
unseren Charakter zu verbessern, können wir an diesen Tag Gott näher
kommen als sonst. Die vorherigen bzw. die nächsten Tage sind die Nächte der
Bestimmung [laylat-ul-qadr], in der wir die Nächte mit Qur´an Lesung und
Bittgebeten [dua] verbringen.

Das heißt wir müssten uns in einer sehr spirituellen Zeit befinden. In so
einem Zustand ist die beste Möglichkeit sich für die unterdrückten Menschen
in Palästina und für seine eigene unterdrückte Seele einzusetzen. Unser Imam
der Zeit kann noch so viele Anhänger haben, aber was soll er mit ihnen
anfangen, wenn sie sich nicht selber beherrschen? Einen gesegneten Monat
Ramadan und mögen wir es schaffen unseren schlechten Eigenschaften in
diesem Monat zu tilgen.

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