MORDE IM BRAUNEN BERLIN - Eine Kriminalitätsgeschichte 1933-1945 - Regina Stürickow

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Regina Stürickow

MORDE IM
BRAUNEN
  BERLIN
 Eine Kriminalitätsgeschichte
                  1933–1945
VO RWOR T                                                        6

KAPITEL I                                                        8
Die Jahre 1933 bis 1936
     Einleitung                                                 10
     Der Kommunist und die „Hilfspolizei“ 1./2. März 1933       16
     Die Seelentrösterin 1. Januar / 14. Januar 1935            22
     Ein fast perfekter Mord Mitte Mai 1935 / 13. August 1935   28
     50 Pfennig für Erna 25. August 1935                        34
     Der Untermieter 23. Juli 1936                              40

KAPITEL II                                                      46
Die Jahre 1936 bis 1939
     Einleitung                                                 48
     Raubmord in der Schillerstraße 20. August 1937             54
     Irmas Baby 21. September 1937                              60
     Der Tod der Kolonialwarenhändlerin 8. Januar 1938          68
     Die Hehlerin und ihr Dieb 18. März 1938                    74
     Mein Komplize Helmut 31. März 1939                         80

4
Inhal t

KAPITEL III                                                 84
Die Jahre 1939 bis 1943
     Einleitung                                              86
     Szenen einer Ehe 28. Juli 1941                          92
     Tödliche Spiele 27. November 1941                       98
     Doppelmord in Dahlem 4. Februar 1942                  104
     Der hungrige Hugo und die Giftnatter 25. Mai 1942     110
     Leichenpuzzle am Orankesee 27. Mai 1942               118

KAPITEL IV                                                 124
Die Jahre 1943 bis 1945
     Einleitung                                            126
     Steffi und der SS-Mann 2. Januar 1943                 132
     Der Miesmacher 26. Februar 1943                       140
     Die Nymphomanin und der Deserteur 30. Juni 1943       146
     Todesermittlung in Trümmern 22. November 1943         152

     Literatur und Quellen                                 158

                                                              5
Vorwort
„Morde im Braunen Berlin“ weckt zwangs-             materielle Überleben, müssen Zimmer unter­
läufig düstere Assoziationen: millionenfacher       vermieten, um ihre eigene Miete zahlen zu
Massenmord an Juden, an Sinti und Roma,             können oder sind gezwungen, kleine unrenta-
an Kommunisten und politisch Andersden-             ble Kolonialwarenläden mehr schlecht als recht
kenden jeglicher Couleur, an Homosexuellen,         aufrechtzuerhalten, weil ihre Rente nicht zum
psychisch Kranken sowie an den sogenannten          Leben reicht. Auch das zusätzliche Geld von
Berufsverbrechern. Hier soll es indes nicht um      der Wohlfahrt ändert daran nicht viel. Ihre Le-
den von einem verbrecherischen System legi-         bensbedingungen sind zum Teil trostlos.
timierten Mord im Namen eines verbrecheri-             Kneipenwirtinnen oder Inhaberinnen klei-
schen Regimes gehen, sondern um „Alltagskri-        ner Geschäfte werden auch zwischen 1933
minalität“, um Eifersucht, Habgier, Rache sowie     und 1945 immer wieder Opfer von Raubüber-
um Lustmorde.                                       fällen oder -morden. Die Täter, meist Jugend-
   Die in diesem Buch geschilderten Mordfälle       liche, gehen dabei oft von der irrigen Annah-
spiegeln die soziale und wirtschaftliche Realität   me aus, dass diese Frauen keinen Widerstand
in Berlin zur Zeit der nationalsozialistischen      leisten und zudem viel Geld haben müssen. In
Herrschaft wider. Sie vermitteln einen Einblick     aller Regel erbeuten die Täter aber nur weni-
in die Lebensverhältnisse der „kleinen Leute“,      ge Mark. Die Kripo jener Jahre hat es weni-
zeigen ihre Sorgen und Nöte fernab der politi-      ger mit spektakulären, raffiniert eingefädelten
schen Realität auf.                                 Verbrechen zu tun, als vielmehr mit milieube-
   Mit „Berufsverbrechern“ hat es die ehema-        dingten Taten, als das Resultat sozialer Des-
lige Mordinspektion, die jetzt Kriminalgrup-        integration, denn die sinkende Arbeitslosig-
pe M heißt, nur selten zu tun, denn von jeher       keit führt nicht zwangsläufig dazu, dass jeder
werden die meisten Morde im Familien- und           von dem, was er verdient, auch leben kann.
Bekanntenkreis verübt, sind also oftmals reine      Die Fotos aus dieser Zeit von der strahlenden
Beziehungstaten. Vielfach handelt es sich um        „deutschen“ Großfamilie sind nicht mehr und
Familientragödien, ausgelöst durch widrige Le-      nicht weniger als Propaganda.
bensumstände, Eifersucht oder Alkoholismus.            Das Nationalsozialistische Regime wendet
   Für die „kleinen Leute“ hat sich das Leben       1933 viel Energie auf, um die Polizei unter sei-
nach 1933 nicht verbessert. Die Behauptung,         ne Kontrolle zu bringen, was in Bezug auf die
dass es in jenen Jahren den Menschen besser         Schutzpolizei auch gelingt. Die altehrwürdige
gegangen ist, dass die Arbeitslosigkeit über-       Kriminalpolizei aber, besonders die von Ernst
wunden war, erweist sich beim näheren Hin-          Gennat gegründete Mordinspektion, arbeitet
sehen als falsch. Viele Menschen hausen noch        relativ unbehelligt weiter, denn sie wird kaum
immer in umgebauten ehemaligen Läden, ohne          in den „Kampf gegen die Berufsverbrecher“
Wasseranschluss und ohne Toilette. Oder in          miteinbezogen – als diese werden die Einbre-
Kellerwohnungen, ebenfalls ohne fließendes          cher und Geldschrankknacker betrachtet, die
Wasser und ohne elektrisches Licht.                 immer wieder rückfällig werden. Ein Serie-
   Auch die Art der Verbrechen und ihre Mo-         neinbrecher wird selten zum Mörder, sondern
tive haben sich kaum geändert: Alleinstehen-        er plant seinen Coup so, dass er nicht erwischt
de, meist ältere Frauen, deren Männer im            wird. Einbrecher sind auch so gut wie nie be-
Ersten Weltkrieg gefallen sind, kämpfen ums         waffnet.

6
Der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) ob­      bei der nicht bedingungslos regimetreue Beam­
liegt die Verfolgung von Juden, Sinti und        te entlassen werden. Jene Beamten werden der
Roma, Regimegegnern und Homosexuellen.           Korruption und der Bestechlichkeit beschul­
Dennoch gibt es immer wieder Konkurrenz          digt und es kommt auch zu Verfahren. Einige
zur Kriminalpolizei, denn häufig lassen sich     landen im KZ, es gibt auch Selbstmorde. Auch
„normale“ Delinquenz und Straftaten mit poli­    gegen den berühmten Ernst Gennat wird ein
tischem Bezug nicht klar voneinander trennen.    Verfahren eingeleitet, vermutlich wegen Be­
Auch die Verfolgung von „normalen“ Verbre­       stechlichkeit, es verläuft aber im Sande. Kurz
chen durch die Kriminalpolizei hat politische    vor Beginn des Krieges stirbt Gennat eines na­
Aspekte, soll es doch im totalitären Staat ei­   türlichen Todes.
gentlich kein Verbrechertum (mehr) geben.           Nach 1939 erlebt die Kripo eine der größ­
Das macht die Arbeit der Kripo zwischen 1933     ten Krisen ihrer Geschichte. Ihre Reihen sind
und 1945 nicht leichter.                         ohnehin schon ausgedünnt, aber immer mehr
   Dieses Buch ist in vier Kapitel eingeteilt:   Polizeikräfte werden in die besetzten Gebie­
   Die Jahre von 1933 bis 1936 sind für weite    te geordert, sodass an der „Heimatfront“ sogar
Teile der Bevölkerung von vorsichtigem Opti­     längst pensionierte Beamte in den Dienst zu­
mismus geprägt. Vor den Olympischen Spielen      rückgeholt werden müssen.
gibt sich das Regime gemäßigt. Reichspropa­         Ab 1943 verschärft sich die Lage sogar noch,
gandaminister Goebbels will der Welt ein         die Kriminalitätsrate steigt, aber immer weni­
„Land des Lächelns“ präsentieren. Der bösarti­   ger Verbrechen werden aufgeklärt. Delikte wie
ge Mr. Hyde verwandelt sich vorübergehend in     Körperverletzung, Einbruch und Diebstahl
den gutmütigen Dr. Jekyll.                       werden nicht mehr bearbeitet. Die Kripo wird
   Die Zeit zwischen 1936 und 1939 ist von ei­   im zerstörten Berlin handlungsunfähig.
ner Verschärfung der Repressalien gegen un­         Jede Zeit hat ihre Verbrechen, aber die Ver­
liebsame Bevölkerungsteile durch die Gestapo     brechen zur Zeit des Dritten Reiches in Berlin
gekennzeichnet, und damit von zunehmender        sind ohne die Bedingungen, unter denen die
Unsicherheit. In den Reihen der Kriminalpoli­    Ermittler zu dieser Zeit arbeiten mussten, nicht
zei kommt es zu einer zweiten Säuberungswelle,   zu verstehen.

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8
1933 bis 1936
                9
Kriminalpolizei
und Kriminalität
1933 bis 1936

Für die Berliner Polizei beginnt bereits gut ein    maligen Leiters der Berliner Müllabfuhr, Kurt
halbes Jahr vor der sogenannten Machtergrei-        Daluege. Diesem fehlt zwar jedwede Kenntnis
fung ein neues Zeitalter: Am 30. Mai 1932 ent-      der Polizeiarbeit, dafür hat er in der SS schnell
lässt Reichspräsident Paul von Hindenburg den       Karriere gemacht. Seine Aufgabe wird es sein,
glücklosen Reichskanzler Heinrich Brüning und       die Schutzpolizei auf die neue Linie im Kampf
ernennt mit Franz von Papen einen erklärten         für eine „Volksgemeinschaft ohne Verbrecher“
Gegner der Weimarer Republik zum Kanzler.           einzuschwören. Neue Gesetze sollen „Recht und
Von Papen hebt das unter Brüning durchgesetz-       Ordnung“ wiederherstellen, denn nach Ansicht
te Verbot von SA und SS auf, entlässt am 20. Juli   der Nationalsozialisten sind Polizei und Justiz in
1932 die von dem Sozialdemokraten Otto              der „Systemzeit“, wie sie die Weimarer Republik
Braun geführte preußische Landesregierung           abfällig nennen, zu milde vorgegangen.
und jagt gleichzeitig die Berliner Polizeifüh-          Die nationalsozialistische Ideologie sieht den
rung, den Polizeipräsidenten Albert Grzesinski,     Menschen nicht als Individuum, sondern als
seinen von den Nazis – insbesondere in deren        „Glied der völkischen Gemeinschaft“, als einen
Kampforgan „Der Angriff “ – immer wieder            dem Staat gegenüber zur Treue verpflichteten
heftig attackierten jüdischen Vizepräsidenten       „Volksgenossen“. Wer sich nicht gemeinschafts-
Dr. Bernhard Weiß sowie den Kommandeur der          konform verhält, wird als „Volksschädling“ aus
Berliner Schutzpolizei, Magnus Heimannsberg,        der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen. Das
aus dem Amt. Von Papen sorgt auch dafür, dass       Individuum hat gegenüber dem Staat zwar viele
bekennende Sozialdemokraten entweder in die         Pflichten, aber keine Rechte.
Provinz versetzt oder nicht mehr befördert wer-         Die Grundlage für diese Rechtsauffassung
den. Mit dem „Preußenschlag“ ist der Weg für        liefert die am 28. Februar 1933 erlassene
die NSDAP geebnet und eine erste Säuberung in       „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“,
den Reihen der Polizei vorweggenommen.              die die Grundrechte der Weimarer Verfassung
   Die Machtübernahme durch die Nationalso-         außer Kraft setzt. Wenige Tage später erklärt
zialisten am 30. Januar 1933 hat für die Arbeit     Hermann Göring in einem Runderlass, dass
der Kriminalpolizei zunächst kaum einschnei-        mit eben dieser Verordnung auch alle Be-
dende Konsequenzen, denn das Hauptaugen-            schränkungen der Polizei durch Gesetze des
merk der neuen Machthaber gilt zunächst             Reiches und der Länder hinfällig sind, die
der Schutzpolizei, die möglichst rasch gefügig      der Durchführung der Verordnung im Wege
gemacht werden soll. Als kommissarischer            stehen. Magnus von Levetzow, Berlins neuer
preußischer Innenminister und somit Herr            Polizeipräsident, legt noch nach und fordert
über die Ordnungshüter legt Hermann Göring          die Kriminalpolizei auf, das „gewerbsmäßige
die Umstrukturierung der preußischen Polizei        Berliner Verbrechertum zu vernichten“. Der
Anfang Februar 1933 in die Hände des ehe-           Polizeiwillkür ist damit Tür und Tor geöffnet.

10
Einleitung

   Kaum einen Monat nach der Macht­                  Bei der Kriminalpolizei gibt es zunächst nur
ergreifung ernennt Hermann Göring am              wenige Veränderungen. Auch wenn offizielle
22. Februar 1933 Einheiten von SA, SS und         Zahlen fehlen, kann davon ausgegangen wer­
Stahlhelm zur „Hilfspolizei“, kurz HiPo           den, dass kaum mehr als ein Dutzend Krimi­
genannt, die schon bald eine unrühmliche          nalbeamte aus politischen Gründen entlassen
Rolle spielen wird. Vor Selbstbewusstsein         werden. – Von Papen hat 1932 die Vorarbeit
strotzend, marschieren SA- und SS-Trupps,         geleistet. Vor allem der SPD nahestehende
die zwar keinerlei Qualifikation, dafür aber      Beamte werden versetzt, den Dienst quittieren
Waffen vorzuweisen haben, als Hilfspolizisten     müssen nur wenige. Der der SPD angehören­
durch die Straßen und verbreiten Angst und        de Rudolf Lissigkeit beispielsweise, einer der
Schrecken. Mit Schwarzen Listen ziehen die        bekanntesten Kommissare der Mordinspek­
selbst ernannten Ordnungshüter vornehm­           tion, wird in die Provinz „befördert“. Beamte
lich in den von Kommunisten bevorzugten           hingegen, die während der Weimarer Republik
Gegenden in Gruppen von Haus zu Haus auf          wegen ihrer Sympathien für die NSDAP den
der Suche nach Andersdenkenden jedweder           Dienst quittieren mussten, werden zum Teil
Couleur sowie nach Juden. Diejenigen, die         wieder eingestellt. Zwar würden die neuen
sie finden, verschleppen sie in quasi illegale,   Machthaber die altgedienten Kriminalkom­
meist in Kellern untergebrachte Konzentra­        missare gerne loswerden, sie begreifen jedoch
tionslager und Privatgefängnisse. Hier wird       sehr schnell, dass sie auf die hochqualifizierten
gedemütigt, gefoltert und gemordet. Doch die      Kriminalisten nicht verzichten können, denn
Hilfspolizei überspannt den Bogen und wird
schon im August 1933 sukzessive aufgelöst.
Dessen ungeachtet gehen SA-Trupps wei­              Von der Müllabfuhr zur Polizei: Polizeigeneral
terhin auf Menschenjagd und unterhalten             Kurt Daluege (links) mit SS-Führern. 3. von
Privatgefängnisse.                                  links Heinrich Himmler, 3. von rechts Rein-
                                                    hard Heydrich.

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1933 bis 1936

es fehlt an Ausbildern für die im Aufbau begrif­      Hinzu kommt die Unzufriedenheit in­
fene Geheime Staatspolizei (Gestapo), bringen      nerhalb der Kriminalpolizei mit schlechter
doch die künftigen Gestapoleute keinerlei          Bezahlung und mangelnden Aufstiegschancen.
kriminalistische Vorkenntnisse mit.                Die ständige Finanznot, in der sich das Land
    Die Mehrheit der Kriminalisten begrüßt         Preußen zur Zeit der Weimarer Republik
die „neue Zeit“ wohl eher und hofft auf kon­       befindet, lässt die Neuschaffung von Stellen
krete Verbesserungen. Eine Vielzahl der in         für höhere Beamte nicht zu, was in der Praxis
den 1930er-Jahren aktiven Kriminalbeamten          bedeutet, dass viele nicht einmal den Rang des
ist noch während der Kaiserzeit zur Kripo          Kriminalkommissars erreichen, sondern in der
gekommen und hat sich mit der liberalen            Position des Kriminalassistenten, eigentlich
Rechtsauffassung der Weimarer Republik nie         der Eingangsstufe in den höheren Dienst, das
abfinden können.                                   Pensionsalter erreichen.

12
Einleitung

   Die Veränderungen innerhalb der Berliner    Kriminalpolizei“ hervorgegangen. Chef der
Kripo beschränken sich auf den organisatori­   Kriminalgruppe M ist Ernst Gennat.
schen Bereich: Zwischen Mai und Dezember           Auch im Arbeitsalltag der ehemaligen
1933 werden die früheren Inspektionen A        Mordinspektion, die unter ihrem Gründer
bis G zu drei Kriminalgruppen zusammen­        Gennat über die Grenzen Berlins hinaus Be­
gefasst: Die Kriminalgruppe B (Betrug), die    rühmtheit erlangt hat, ändert sich unter dem
Kriminalgruppe E (Zentralinspektion zur        Naziregime zunächst nur wenig. Die Kripobe­
Bekämpfung des gewerbsmäßigen Einbruchs        amten waren schon in der Zeit der Weimarer
und Diebstahls) und die Kriminalgruppe M       Republik als äußerst sensible Individualisten
(Gewaltverbrechen). Letztere ist aus der       berüchtigt, die sich nicht gerne in ihr Hand­
früheren Mordinspektion sowie den Inspek­      werk pfuschen lassen. Zunächst müssen sie
tionen „Sittlichkeitsdelikte“ und „weibliche   noch bei Laune gehalten werden, denn ihr
                                               Fachwissen wird gebraucht.
                                                   Gennat ist davon überzeugt: „Die beste
                                               Kriminalitätsprävention ist gute Polizeiarbeit“.
                                               Nach knapp dreißig Jahren Berufserfahrung
                                               als Kriminalkommissar hält das Urgestein der
                                               Berliner Kripo nichts von Zwangsmaßnah­
                                               men. Gennat setzt auf schnelle Aufklärung
                                               durch effektive Arbeit. Die neuen Machthaber
                                               setzen weniger auf rasche Aufklärung, als viel­
                                               mehr auf „Ausmerzung des Verbrechertums“.
                                               Dabei ist die Debatte um den Umgang mit
                                               den „Gewohnheits-“ bzw. „Berufsverbrechern“
                                               nicht neu. Die Debatte ins Rollen brachte
                                               bereits das 1926 erschienene umstrittene Buch
                                               „Der Berufsverbrecher. Ein Beitrag zur Straf­
                                               rechtsreform“ des Kriminalisten Dr. Robert
                                               Heindl, den Kurt Tucholsky, selbst Jurist, als
                                               einen „Schädling der Kriminalistik“ bezeich­
                                               nete. Dass die Studie des Geheimrats Heindl
                                               seinerzeit auf fruchtbaren Boden fiel, beweist
                                               die Tatsache, dass sie in drei Jahren sieben
                                               Auflagen erreichte. Heindl stellte die These
                                               auf, dass der weitaus größte Teil der Krimina­
                                               lität auf das Konto von „Berufsverbrechern“
                                               gehe. Diese Kriminellen gingen ihren Taten
                                               nach, wie andere Menschen einem normalen
                                               Beruf. Zu dieser Gruppe zählt Heindl vor al­
                                               lem die Einbrecher. In Deutschland, so meint

                                                 Die Berliner Mordinspektion zu Beginn der
                                                 1930er-Jahre. Vorne in der Mitte steht Ernst
                                                 Gennat.

                                                                                                13
1933 bis 1936

er, agierten etwa 8 000 solcher
„Berufsverbrecher“. Gelänge es,
diese in Vorbeugehaft zu nehmen,
so wäre damit der Löwenanteil an
der Kriminalität bekämpft.
    Das „Gesetz gegen gefährliche
Gewohnheitsverbrecher“ vom
24. November 1933 tritt am 1. Ja­
nuar 1934 in Kraft. Danach kann
ein als „gefährlicher Gewohnheits­
verbrecher“ Verurteilter in zeitlich
unbegrenzte Sicherungsverwah­
rung genommen werden. Schon
am 13. November 1933 ergeht vom
preußischen Innenministerium ein
geheimer Erlass über die Anwendung
vorbeugender Polizeihaft gegen „Be­
rufsverbrecher“, demzufolge Personen,
die bereits mehrfach zu Gefängnisstra­
fen verurteilt worden sind und aller
Wahrscheinlichkeit nach vom Erlös aus
ihren Straftaten leben, in unbefristete
Vorbeugehaft genommen werden kön­
nen. Sexualstraftäter und Personen, die
nicht als „Berufsverbrecher“ gelten, von
denen die Polizei aber vermutet, dass sie
in Zukunft schwerere Straftaten bege­
hen könnten, sollen ebenfalls interniert
werden. Für diesen Personenkreis findet
man die Bezeichnung „Gewohnheits­
verbrecher“. Vollstreckt wird die Haft
vornehmlich in Konzentrationslagern.
    Am 10. Februar 1934 ordnet das                 Bewegungsfreiheit und somit ihre Bürgerrech­
preußische Innenministerium die planmäßige         te weitgehend einschränkten, wie z. B. eine
Überwachung der auf freiem Fuß befindli­           nächtliche Ausgangssperre, das Verbot, die
chen „Berufsverbrecher“ an. Danach können          Stadt zu verlassen oder sich an bestimmten
allen als „Berufsverbrecher“ betrachteten          Orten aufzuhalten, das Verbot, Autos oder
Personen Auflagen gemacht werden, die ihre         Motorräder zu benutzen. Sogar das Halten
                                                   von Hunden kann ihnen untersagt werden.
                                                   Wer die Auflagen nicht befolgt, dem droht
     Obwohl der Mörder von Erna Vogel bereits      Vorbeugehaft.
     im Juni 1936 verurteilt wurde, erfolgte die      Vor 1933 machten spektakuläre Verbrechen
     Hinrichtung erst im November. Sollte eine     selbst in der Tagespresse Schlagzeilen und sorg­
     Hinrichtung in der Zeit der Olympischen       ten für steigende Auflagen, die ermittelnden
     Spiele vermieden werden?                      Kommissare wurden von der Öffentlichkeit ver­
                                                   ehrt wie Filmstars. Ab 1933 durften die Ermitt­

14
Einleitung

                                                     Die Politik des Vertuschens und Ver­
                                                  schweigens von Verbrechen lässt sich auf die
                                                  Dauer jedoch nicht durchhalten. Das Propa­
                                                   gandaministerium muss einsehen, dass die
                                                   Kriminalpolizei auf die Unterstützung des
                                                   Publikums angewiesen ist, besonders wenn
                                                   es sich um Sexualverbrechen an Kindern
                                                    handelt. Als im August 1935 die 12-jähri­
                                                    ge Erna Vogel verschwindet, bringen die
                                                    Zeitungen ausführliche Beschreibungen
                                                     und an allen bekannten Orten der Stadt
                                                     hängen Fahndungsplakate, zudem ist eine
                                                     hohe Belohnung ausgesetzt. Der Täter
                                                     wird letztlich überführt, wenn auch durch
                                                      Zufall.
                                                         Unmittelbar vor den Olympischen
                                                      Sommerspielen möchte man dann aber
                                                      doch von Mord und Totschlag lieber
                                                      nichts hören. So wird über einen neu­
                                                       erlichen Frauenmord im Juli 1936 mit
                                                       Rücksicht auf das am 1. August begin­
                                                       nende sportliche Großereignis nicht
                                                        berichtet.
                                                           Eine weitere Umstrukturierung nach
                                                        1933 betrifft die Politische Polizei. Die
                                                        Zuständigkeit hierfür obliegt zunächst
                                                         der Politischen Polizei, der Abteilung
                                                         IA des Polizeipräsidiums. Im April
                                                         1933 wird diese aus dem Polizeipräsi­
                                                         dium herausgelöst und sie entsteht in
                                                Form der Gestapo neu.
ler in der Presse nicht mehr genannt werden,       Ob es sich bei einem Kapitalverbrechen
am liebsten hätte man die Berichterstattung     um einen politischen Mord handelt, ist nicht
über Verbrechen ganz unterbunden. Nachdem       immer klar und eine Sache der Interpretation.
Propagandaminister Goebbels in den Morgen­      So wird der Mord an einem Kommunisten
zeitungen von Überfällen auf Liebespärchen      durch einen SA-Mann im März 1933 nicht
im Grunewald gelesen hatte, soll er einen       als politischer Mord behandelt, sondern als
Tobsuchtsanfall bekommen haben. Schließlich     „gemeiner“ Mord beziehungsweise Totschlag.
bemühe er sich um ein „sauberes Deutschland“    Welches Motiv in diesem Fall schwerer wiegt,
ohne Verbrechen und die „instinktlose“ Kripo    die politische Gegnerschaft oder die Rache
mache ihm mit fast täglichen Pressemitteilun­   übereifriger Hilfspolizisten, ist schwer zu
gen über Verbrechen seine Arbeit zunichte.      klären.
Von nun an müssen alle Pressemitteilungen          So ist die Polizeiarbeit in dieser Zeit stets
des Polizeipräsidiums zuerst dem Propagan­      vor dem politischen Hintergrund des Regimes
daministerium vorgelegt werden, das letztlich   zu sehen, das alle Lebensbereiche unter seine
entscheidet, was veröffentlicht werden darf.    Kontrolle zu bringen versucht.

                                                                                              15
Der Kommunist und
die „Hilfspolizei“
(1./2. März 1933)

     Der Erlass, mit dem Hermann                     fünf fluchen vor sich hin, klingeln den Mieter
     Göring SA- und SS-Angehörige                    der Ladenwohnung im Erdgeschoss heraus und
     zu „Hilfspolizisten“ befördert                  lassen sich die Haustür aufschließen. Es müssen
     hat, ist noch keine zehn Tage                   einige Minuten vergangen sein, bis sie endlich
     alt, als es auf der Fischerinsel                im Hausflur des handtuchschmalen Hauses ste-
     zu einer Mordtat kommt, deren                   hen. Angeblich hören sie, wie im dritten Stock
     Umstände nie vollständig geklärt                eine Wohnungstür zugeschlagen wird. Im Licht
     werden. Obwohl der Fall offenbar                einer Stablampe und mit gezogenen Waffen
     politisch motiviert ist, nimmt die
                                                     poltern sie die altersschwache, steile Treppe
     2. Reservemordkommission die
     Ermittlungen auf.                               hinauf und bummern zuerst an der linken Tür:
                                                     „Polizei! Sofort aufmachen!“ Der Mieter namens
                                                     Köller öffnet zögernd. Der späte Heimkehrer
                                                     ist er offensichtlich nicht, wie sein zerknitter-
In der Nacht vom 1. auf den 2. März 1933 ziehen      ter Schlafanzug verrät. „Wohnen auf der Etage
fünf der neuen Polizeihelfer, die zwar keinerlei     Kommunisten?“, will der SA-Mann Metelski
Qualifikation, dafür aber Waffen vorzuweisen         wissen. Wortlos zeigt Köller auf die Wohnung
haben, durch eines der ältesten Viertel der Stadt.   gegenüber, und schon hämmern die Fäuste
„In der jetzt bewegten Zeit ist es üblich“, so       an die gegenüberliegende Tür: „Aufmachen,
der 25-jährige Helmut Markus in der späteren         Polizei!“ – doch niemand öffnet. Stattdessen ruft
Vernehmung, „dass von den Angehörigen der            jemand aus dem Fenster der besagten Wohnung
SA Streifen ausgeführt werden, da wiederholt         in den Hof: „Ist das wirklich Polizei?“ Köller
Überfälle auf Parteigenossen und SA-Leute            bestätigt. „Ja, ja, das ist Polizei.“
vorgekommen sind.“ Der Fall soll sich folgen-            „Weg vom Fenster!“ Die Stimme kommt
dermaßen abgespielt haben: Gegen 01.15 Uhr           vom Flurfenster eine halbe Treppe höher, und
biegen die fünf „Hilfspolizisten“, Helmut Markus     schon kracht ein Schuss, der haarscharf am
und Richard Schulz sowie die SA-Männer Hans          Kopf des Mannes, der aus der Wohnung in
Metelski, Johannes Wild und Max Lehmann von          den Hof gerufen hat, vorbeigeht. Holz splittert
der Rittergasse in die Petristraße ein. Markus       vom Fensterrahmen und bleibt im Mauerwerk
geht als Vorhut voraus und bemerkt vor dem           stecken. Dann öffnet sich die Tür doch noch
Haus Nr. 8/9 einen Mann, der, als er die braune      einen Spalt. Hans Metelski glaubt im Licht der
Uniform erblickt, in seine Tasche greift. Eine       Stablampe den Lauf einer Waffe zu erkennen
Waffe, vermutet Markus, und ruft mit einem           und schießt sofort in Richtung Tür. In dem
schrillen Pfiff auf zwei Fingern seine Kameraden     Moment, in dem die Tür zugeschlagen wird,
herbei. Der Verdächtige verschwindet im Haus         krachen weitere Schüsse. Wenigstens einer da-
und schließt die Haustür hinter sich ab. Die         von geht durch die geschlossene Tür. Richard

16
Der Kommunist und die „Hilfspolizei“

Schulze, der Schütze, wird später aussagen,        Der zweite Mann, Arthur Pannier, der sich
er habe verhindern wollen, dass von drinnen     in der Wohnung befindet, ist unverletzt. Er ist
auf seine Kameraden gefeuert wird. Da es        der Mann, der aus dem Fenster gerufen hat. Er
ihnen nicht gelingt, die Tür aufzubrechen,      wird festgenommen. Hans Metelski behauptet,
benachrichtigt einer von ihnen das Polizei­     er habe mit der Stablampe vor der Tür gestan­
revier, das auch gleich zwei Beamte schickt.    den, den Pistolenlauf gesehen und Pannier
Sie öffnen die Tür und finden dahinter den      sofort wiedererkannt, denn am 31. November
schwer verletzten Bernhard Wirsching. Er        1931 sei er von diesem in der Inselstraße an­
hat einen Brustschuss erlitten und stirbt auf   geschossen worden. Das Gericht habe Pannier
dem Weg in die Rettungsstelle. Wer von den      im Februar 1932 dennoch freigesprochen. Aber
fünf SA-Leuten welchen Schuss abgegeben         wo ist die Waffe, die Metelski gesehen haben
hat, bleibt unklar. Helmut Markus sagt später   will? Bei der Durchsuchung der Wohnung,
aus, dass er sich nicht schuldig fühle, da er   die nur aus der Küche, die man gleich durch
der Überzeugung gewesen sei, dass es sich bei   die Wohnungstür betritt, und einem Zimmer
dem Mann um einen Kommunisten gehandelt         besteht, werden keine Waffen gefunden.
habe. Das habe er aus dessen Verhalten vor         Die Hauptmieterin der Wohnung, die
der Haustür geschlossen. Die Möglichkeit,       44-jährige Martha Preiss, kann über ihre
dass der Mann nur ein harmloser Mieter war,
der seinen Schlüssel aus der Tasche ziehen
und ins Haus gehen wollte, zieht er gar nicht     Görings Truppe: Im Frühling 1933 treten zu
erst in Betracht.                                 Hilfspolizisten ernannte Berliner SA-Leute
                                                  zu einem „Waffenappell“ an.

                                                                                               17
1933 bis 1936

18
Der Kommunist und die „Hilfspolizei“

beiden Untermieter, denen sie im Februar 1932        provisorisch an und Wirsching geht barfuß zur
ihr einziges Zimmer vermietet hat, nicht viel        Tür. Als Pannier aus dem Fenster nach dem
sagen. Sie weiß nur, dass beide arbeitslos sind.     Nachbarn ruft, fällt ein Schuss und verfehlt ihn
Ob die beiden mit den Kommunisten sympa­             um Haaresbreite. Jetzt ist Pannier sicher. Das
thisieren, wisse sie nicht genau.                    ist keine Kripo! Wirsching geht dennoch zur
   Arthur August Pannier, der 36-jährige             Tür und öffnet sie einen Spalt, jetzt krachen
gebürtige Hamburger, im Protokoll wird er            gleich mehrere Schüsse. Wirsching kann die
als „Dissident“ bezeichnet, ist in der Tat kein      Tür noch zuschlagen, bricht dann aber zusam­
Unschuldsengel, sondern wegen meist politisch        men.
motivierter Vergehen mehrfach vorbestraft.               Panniers Darstellung der Ereignisse unter­
Versuchte Gefangenenbefreiung, Landfrie­             scheidet sich von der der SA-Leute, stimmt mit
densbruch, unerlaubter Waffenbesitz und sogar        den Aussagen der anderen Zeugen allerdings
Mordversuch stehen auf der Liste. Die letzte         überein.
Strafe hat er 1928 verbüßt. Straftaten kommen            Pannier stürzt in sein Zimmer und ruft aus
für ihn, betont er, heute nicht mehr infrage. Er     dem Fenster um Hilfe, nach der Polizei und
sei weder der Mann gewesen, der in der Nacht         nach einem Rettungswagen. Wenig später häm­
schnell ins Haus gegangen sein soll, noch habe       mern wieder Männer an seiner Zimmertür.
er eine Waffe. Panniers Aussage zufolge ist der      Diesmal ist es wirklich die Polizei. Während sie
Abend folgendermaßen verlaufen:                      den schwer verletzten Wirsching zur Rettungs­
   Gegen 18.00 Uhr kommt er mit höllischen           stelle in der Alexandrinenstraße transportie­
Schmerzen vom Zahnarzt nach Hause. Seine             ren, bringen sie Pannier in die Wohnung von
Wirtin bietet ihm eine Tasse Kaffee an, doch er      Köller. Die SA-Leute bewachen ihn. Metelski
will nichts weiter als sich hinlegen. – Der später   stellt sich vor Pannier und hält ihm die ganze
vernommene Zahnarzt wird eine schmerzhafte           Zeit eine Waffe an die Brust.
Zahnoperation bestätigen und auch Martha                 „Woher kennen Sie Metelski?“, will der
Preiss kann die Richtigkeit von Panniers Anga­       Ermittler wissen.
ben bezeugen.                                            „Metelski ist im November 1931 angeschos­
   Gegen 22.00 Uhr kommt, so Pannier, sein           sen worden und hat mich als den Schützen be­
Zimmergenosse Bernhard Wirsching nach                zichtigt, obwohl ich ein Alibi hatte. Im Prozess
Hause. In der Wohnung gibt es Automatengas,          am 17. Februar 1932 bin ich freigesprochen
und Wirsching hat nur zwei Sechser, also zwei        worden. Der wirkliche Täter ist inzwischen
5-Pfennig-Stücke. Für den Automaten brau­            ermittelt und zu zweieinhalb Jahren verurteilt.
chen sie aber einen Groschen, ein 10-Pfennig-        Metelski ist aber noch immer davon überzeugt,
Stück. Ihre Wirtin ist schon ausgegangen, und        dass ich es war.“
Wirsching hat keine Lust, noch einmal mach               „Kennen Sie noch mehr von den SA-Leuten
unten zu gehen. So klingelt er beim Nachbarn         von gestern?“
Köller, der tatsächlich wechseln kann.                   „Den Namen Markus habe ich gehört. Im
   Als das Gaslicht wieder brennt, legt Wir­         Prozess hat ein SA-Mann namens Markus als
sching sich ebenfalls ins Bett, um zu lesen.         angeblicher Zeuge ausgesagt.“
Auch Pannier liest im Bett. Dann pocht und               Auf die Frage, welcher politischen Richtung
hämmert es mitten in der Nacht an der Tür.           er angehöre, erklärt Pannier:
„Sofort aufmachen, Kriminalpolizei!“, brüllt
jemand. – „Das ist bestimmt keine Kriminalpo­
lizei, die haben viel zu junge Stimmen!“, kon­         Die Fischerinsel ist keine „feine Wohnge-
statiert Pannier. Außerdem ist er sich keiner          gend“. Heinrich Zille nahm dieses Foto der
strafbaren Handlung bewusst. Sie ziehen sich           Köllnischen Straße um 1900 auf.

                                                                                                    19
1933 bis 1936

                                                                             Die Kripo zwei­
                                                                         felt an der Aussage
                                                                         Panniers. Vor allem die
                                                                          Angabe, sie hätten von
                                                                          22.00 bis 01.15 Uhr
                                                                          gelesen, hält sie für
                                                                           unglaubwürdig.
                                                                              „Lesen Sie abends
                                                                           immer so lange?“, will
                                                                           der Beamte wissen.
                                                                               „Ja, solange das
                                                                            Gas brennt, lesen
                                                                            wir.“
                                                                                Der 40-jährige
                                                                            Emil Köller ist von
                                                                             Beruf Nadler, er
                                                                             stellt Drahtobjekte
                                                                              wie Vogelkäfige
                                                                              oder Lampen­
                                                                              schirmgestelle her.
                                                                              Köller bezeugt,
                                                                               dass die Männer
                                                                               „Aufmachen
                                                                               Kriminalpolizei“
                                                                                gerufen haben,
                                                                                und nicht etwa
                                                                                „Hilfspolizei“
                                                                                oder „Polizei“,
                                                                                 wie sie in ihrer
                                                                                 Vernehmung be­
                                                                                 teuern. Fünf SA-
                                                                                 Leute seien dann
                                                                                 in seine Woh­
                                                                                  nung gestürmt
                                                                                  und hätten
                                                                                  nach anwesen­
                                                                                  den Personen
                                                                                  gesucht. Ob im
                                                      Haus Kommunisten wohnen, sei er nicht
   „Zurzeit keiner. Früher war ich in der KPD,   gefragt worden. Er hätte die Frage auch nicht
zahle aber seit Juni 1932 keine Beiträge mehr.   beantworten können.
Im Juni 1932 bin ich in der Fischerstraße von
einem SA-Mann angeschossen worden und
war acht Wochen im Krankenhaus. Daher              Aus dem Gefängnis bittet Arthur Pannier
auch meine Gehbehinderung. Der Täter ist nie       einen Bekannten um einige persönliche
ermittelt worden.“                                 Gegenstände.

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