"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit

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"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
„Packen wir’s an!“
Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen
im Zentrum der Prävention 2021–2022
GOOD PRACTICE IM KMU: „Ausgezeichneter“ Gesundheitsschutz          18

PFLEGE: Kinästhetik reduziert die physische Belastung              26

DIGITALE TECHNOLOGIEN: Digitale Technologien im Vormarsch          40
"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
Claudia S., 26 Jahre,
                                                                                   Kassiererin
                                                Fehlbelastungen bei der Arbeit haben eine chronische
                                                             Sehnenscheidenentzündung verursacht.
                                                                                 Das muss nicht sein.
                                                                                                   Packen wir’s an!
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                                      Packen wir‘s an!
                                      Eine Initiative der AUVA gegen Muskel-Skelett-Erkrankungen         www.auva.at/mse
"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
PRÄVENTION                                                                      Bestellen S
                                                                                               ie
                                                                                              die
                                                                                  kostenlos os
   Wir tun alles,                                                                           svide
                                                                                 Prävention :
   damit nichts                                                                      der AUVA
   passiert!                                                                                  t/
                                                                                     ww.auva.a
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Die AUVA tut alles, damit Ihr Arbeitsumfeld noch sicherer wird und Sie sich wohl
fühlen. Durch zahlreiche präventive Maßnahmen zur Verhütung von Arbeitsunfällen
und Berufskrankheiten konnte die Zahl der Arbeitsunfälle pro 1.000 Beschäftigte in
den letzten fünf Jahren von 24,73 auf 23,96 gesenkt werden. Prävention, Unfall-
heilbehandlung, Rehabilitation und finanzielle Entschädigung sind die Kernaufgaben
der AUVA als gesetzliche Unfallversicherung.

                                                                                          www.auva.at
"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
X I N H A LT

IMPRESSUM
Medieninhaber:                                                        Packen wir’s an!
Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA)
AUVA Hauptstelle
Vienna Twin Towers                                                    Als Partner der Unternehmen unterstützt die AUVA diese bei der
Wienerbergstraße 11, 1100 Wien                                        Wahrnehmung und Umsetzung ihrer gesetzlichen Präventionsauf-
Tel. +43 5 93 93-22903
                                                                      gaben. Wir erfüllen diese Kernaufgabe im Rahmen unterschiedlicher
www.auva.at
DVR: 0024163                                                          Aktivitäten und Angebote. Für Präventionsschwerpunkte nehmen wir
Umsatzsteuer-Identifikationsnummer: ATU 162 117 02                    jeweils ein Thema speziell in den Fokus. Neben konkreten Angeboten
                                                                      für die Unternehmen und Beschäftigten werden dabei auch Informa-
Herausgeber:
                                                                      tion und Bewusstseinsbildung forciert.
Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA)
AUVA Hauptstelle
Vienna Twin Towers
Wienerbergstraße 11, 1100 Wien
Tel. +43 5 93 93-22 903

Beauftragter Redakteur:
Wolfgang Hawlik, Tel. +43 5 93 93-22907
wolfgang.hawlik@auva.at

Redaktion:
Wolfgang Hawlik, Tel. +43 5 93 93-22907
wolfgang.hawlik@auva.at
                                                                      DI Mario Watz          Mag. Ingrid Reischl

Titelbild:
Adobe Stock/pathdoc
                                                                      Der aktuelle Schwerpunkt Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) ist an
Bildredaktion/Layout/Grafik:
Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes GmbH
                                                                      die aktuelle Europäische Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze – Entlas-
1020 Wien, Johann-Böhm-Platz 1                                        ten Dich!“ angelehnt und von der Überzeugung geprägt, dass MSE
sicherearbeit@oegbverlag.at                                           vermeidbar sind.
Art-Director: Reinhard Schön
reinhard.schoen@oegbverlag.at
                                                                      Dieses Sonderheft gibt einen Überblick über den Schwerpunkt – von
Abo/Vertrieb:                                                         der kostenlosen Beratung in den Betrieben über die Bemessung un-
Bianca Behrendt                                                       terschiedlicher Risikofaktoren bis hin zur Fort- und Weiterbildung so-
Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes GmbH                  wie der Vielzahl an Informationsmaterialien, die Sie auf der Website
1020 Wien, Johann-Böhm-Platz 1
                                                                      www.auva.at/mse finden.
Tel. +43 1 662 32 96-0
abo.sicherearbeit@oegbverlag.at
                                                                      Ganz nach dem Motto „Packen wir’s an – gemeinsam im Dienste der
Anzeigenmarketing                                                     Prävention.“
Peter Leinweber
taco media gmbh
peter.leinweber@taco-media.at
+43 676 897 481 200
                                                                      DI Mario Watz,
Erscheinungsweise:
                                                                      Obmann der AUVA
Zweimonatlich

Hersteller:
                                                                      Mag. Ingrid Reischl,
Leykam Druck GmbH & CoKG, 7201 Neudörfl, Bickfordstr. 21              Obmann-Stv. der AUVA

Der Nachdruck von Artikeln, auch auszugsweise, ist nur mit schrift-
licher Genehmigung des Herausgebers bzw. Verlages gestattet. Für
Inserate bzw. die „Produkt-Beiträge“ übernimmt die Allgemeine
                                                                                                                                               © D. Beranek, L. Schedl

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setz, sind vorbehalten.

Offenlegung gemäß Mediengesetz, § 25:
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4      A U VA | S I C H E R E A R B E I T
"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
„PACKEN WIR’S AN!“                                          6

18                       „Packen wir’s an!“ – Arbeitsbedingte Muskel-
                         Skelett- Erkrankungen im Zentrum der Prävention
                         2021–2022
                         MARIE JELENKO

                         PSYCHOSOZIALE BELASTUNGEN	 12
                         Psychosoziale Belastungen – physische
                         Auswirkungen
                         IRENE LANNER

                         GOOD PRACTICE IM KMU                                       18
                         „Ausgezeichneter“ Gesundheitsschutz
                         ROSEMARIE PEXA

          © R. Gryc
                         MSE & BILDSCHIRMARBEIT                                     22
                         Gesund am Bildschirmarbeitsplatz – aber wie?

     26                  MICHAELA STREBL

                         PFLEGE26
                         Kinästhetik reduziert die physische Belastung
                         in der Pflege
                         ISABEL KAUFMANN

                         LAND- UND FORSTWIRTSCHAFT	 32
                         Ein Sektor mit großen Herausforderungen
                         ROSEMARIE PEXA

                         ARBEITSPLATZ KRAFTFAHRZEUG 36
                         Arbeitsplatz Pkw
          © R. Gryc

                         ROSEMARIE PEXA

                         DIGITALE TECHNOLOGIEN                                      40

     40                  Digitale Technologien im Vormarsch
                         NORBERT LECHNER

                         EXOSKELETTE46
                         Exoskelette – Fluch oder Segen?
                         NORBERT LECHNER

                         STANDARDS50
                         Produkte

                                     Alle Artikel auch auf
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                                              S O N D E R A U S G A B E 2 | 2 0 21    5
"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
X „ PAC K E N W I R ’ S A N ! “

„Packen wir’s an!“
Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-­
Erkrankungen im Zentrum der
­Prävention 2021–2022

6   A U VA | S I C H E R E A R B E I T
"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) prägen das Krankheitsgesche-
                hen in der österreichischen Erwerbsbevölkerung. Sie sind mit per-
                sönlichen Leidensgeschichten ebenso verbunden wie mit beträchtli-
                chen individuellen, betrieblichen und gesellschaftlichen Folgekosten.
                Umso wichtiger ist die wirksame Prävention von MSE.

                MARIE JELENKO

                M
                                SE sind Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates (z. B.
                                von Wirbelsäule und Gelenken, Muskeln, Sehnen, Bändern). Sie
                                gehören zu den häufigsten arbeitsassoziierten Erkrankungen in Ös-
                                terreich. Bestimmte Bedingungen der Arbeit wie etwa langes Sit-
                zen, das Heben und Bewegen von Menschen oder schweren Lasten sowie häufig
                wiederholte Hand- und Armbewegungen tragen wesentlich zur Entwicklung von
                MSE bei. Zudem erhöhen Einwirkungen des unmittelbaren Arbeitsumfelds wie
                etwa Zeitdruck, schlecht ausgestattete Arbeitsplätze oder unzureichende Arbeitsor-
                ganisation das Erkrankungsrisiko. Rückenschmerzen sowie Schmerzen im Bereich
                von Nacken, Schultern und Armen zählen zu den häufigsten arbeitsbedingten MSE
                (siehe Abbildung 1).

                Muskel-Skelett-Erkrankungen – ein Thema der AUVA?

                Rund ein Fünftel (21,3 %) der dokumentierten jährlichen Krankenstandstage in
                Österreich sind auf MSE zurückzuführen. Dieser hohe Anteil ist in den letzten Jahr-
                zehnten weitgehend stabil und hängt nicht zuletzt mit der langen Fehlzeitendauer
                pro MSE-Fall von durchschnittlich über 2 Wochen (15,5 Tage) zusammen. Zwar
                sind die MSE-Anteile an allen Krankenstandstagen bei Männern und Frauen in
                etwa gleich hoch, doch es erkranken um ein Fünftel mehr Männer an MSE, wäh-
                rend bei Frauen die Krankenstandsdauer rund zweieinhalb Tage länger ist. Auch
                das Alter spielt eine wesentliche Rolle im MSE-Geschehen – nicht nur in absoluten
                Zahlen, sondern auch relativ. Der Anteil von Fehlzeiten durch MSE nimmt im
                Vergleich zu anderen Diagnosegruppen mit zunehmendem Alter stark zu. Daten
                aus Oberösterreich zeigen eine deutliche Steigerung ausgehend von 10 % aller Kran-
                kenstandstage durch MSE bei den jungen Arbeitskräften auf rund ein Drittel in der
                Gruppe der 50- bis 64-Jährigen (vgl. Leoni 2020).

                In diesem Sinne leisten Investitionen in die Prävention von MSE einen wichtigen
                Beitrag zum Erhalt der langfristigen Arbeitsfähigkeit. Die berufliche Tätigkeit hat
                eine wesentliche Bedeutung für die Entstehung von MSE. Etwa 40–50 % aller MSE
                lassen sich auf die Arbeit zurückführen. Allerdings sind eindeutige und direkte Zu-
                sammenhänge mit dem Beruf oft schwer herzustellen, da es sich bei MSE in der
© Adobe Stock

                Regel um ein multikausales Geschehen handelt. Organisatorische Faktoren der Ar-
                beit wie etwa lange Arbeitszeiten oder sich wiederholende und monotone Tätigkei-
                ten spielen ebenso eine Rolle wie soziostrukturelle und individuelle physische und

                                                                     S O N D E R A U S G A B E 2 | 2 0 21   7
"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
X „ PAC K E N W I R ’ S A N ! “

Arten und Ausprägungsformen von MSE                                             psychosoziale Faktoren (z. B. Geschlecht, Einkommen, Alter,
                                                                                Qualifikation, Betreuungsverpflichtungen, Vorerkrankun-
                                                                                gen). Im österreichischen Berufskrankheiten-Recht können
                                                                                nur wenige, sehr spezifische MSE-Diagnosen den gelisteten
                                                                                Berufskrankheiten (BK) zugeordnet werden. Das betrifft der-
                                                                                zeit die BK 20 und die BK 22 bis 25 (siehe Liste der Berufs-
                                                                                krankheiten, abruf bar unter www.auva.at/berufskrankheiten;
                                                                                vgl. AUVA 2021).

                                                                                Unabhängig von der Zuordnung zur Berufskrankheitensys-
                                                                                tematik oder zu sonstigen beruflichen Erkrankungen ist die
Abbildung 1: Arten und Ausprägungsformen von MSE                                Bedeutung einer wirksamen Prävention von arbeitsbedingten
                                                                                MSE für Gesellschaft und Wirtschaft sehr hoch. Das betonen
                                                                                Kostenabschätzungen der AUVA von arbeitsbedingten Er-
                                                                                krankungen und Unfällen auf Basis des WIFO-Fehlzeitenre-
Krankenstandstage nach Krankheitsgruppen                                        ports 2020 und von WIFO-Kostenberechnungen (vgl. AUVA
                                                                                2021; Leoni 2020; Leoni et al. 2020). Demgemäß verursachen
                                                                                MSE langfristig Kosten von rund 1,6 Mrd. Euro. Das sind
                                                                                16 % der jährlichen Kosten des arbeitsbedingten Krankheits-
                                                                                und Unfallgeschehens insgesamt. Die Erwerbstätigen tragen
                                                                                mit rund 960 Millionen Euro kurz- und langfristig den größ-
                                                                                ten Teil dieser Kosten, gefolgt vom Gesundheits- und Sozi-
                                                                                alsystem und den Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern (siehe
                                                                                Abbildung 3).

                                                                                Mit der Prävention von arbeitsbedingten MSE wird zudem
                                                                                ein Beitrag zur Reduktion von Arbeitsunfällen geleistet.
                                                                                Denn physische Fehlbelastungen wie etwa das Heben schwe-
Abbildung 2: Krankenstandstage nach Krankheitsgruppen, Österreich, 1994–2019.   rer Lasten führen zu akuter Ermüdung und erhöhen die
Quelle: Leoni 2020, S. 48
                                                                                Wahrscheinlichkeit für Unfälle. In Österreich geschieht jeder
                                                                                zehnte Arbeitsunfall in Zusammenhang mit physischen Belas-
                                                                                tungen. Das ist die vierthäufigste Ursache für Arbeitsunfälle
MSE-Folgekosten nach Stakeholder                                                insgesamt (siehe Abbildung 4).
Gesamt rund 1,6 Mrd. Euro pro jährlicher Erkrankungsfälle in Österreich
                                                                                Ziele und Angebote des Präventions­
                                                                                schwerpunktes

                                                                                Im Sinne ihres gesetzlichen Auftrages zur Prävention von
                                                                                Berufskrankheiten und Arbeitsunfällen stellt die AUVA die
                                                                                Vorbeugung von arbeitsbedingten MSE sowie von Arbeits-
                                                                                unfällen in Zusammenhang mit physischen Belastungen der-
                                                                                zeit in den Mittelpunkt ihrer Präventionsaktivitäten. Dafür
                                                                                hat sie in Anlehnung an die aktuelle Europäische Kampagne
                                                                                „Gesunde Arbeitsplätze – Entlasten Dich!“ den Präventions-
                                                                                schwerpunkt 2021–2022 „Packen wir’s an!“ ins Leben geru-
Abbildung 2: Krankenstandstage nach Krankheitsgruppen, Österreich, 1994-2019    fen. Zentrale Botschaft ist: „Muskel-Skelett-Erkrankungen
                                                                                sind vermeidbar!“

Abbildung 3: Arbeitsunfälle nach Ursache                                        Die AUVA unterstützt Unternehmen bei der Umsetzung der
                                                                                gesetzlichen Präventionsaufgaben. Die folgenden Angebote
                                                                                zielen darauf ab, das Risiko von Arbeitnehmerinnen und Ar-
                                                                                beitnehmern, an arbeitsbedingten MSE zu erkranken oder in

    8    A U VA | S I C H E R E A R B E I T
"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
Bewegung mit/unter körperlicher Belastung ist die vierthäufigste Ursache für
­Arbeitsunfälle

  Abbildung 4: Ursachen für Arbeitsunfälle

Zusammenhang mit physischen Fehlbelastungen bei der Ar-        nomischer Verfahren wie etwa den neuen Leitmerkmalme-
beit zu verunfallen, zu minimieren:                            thoden und arbeitspsychologischer Instrumente wie EVA-
n kostenlose Beratungen in Betrieben, wie z. B zur rich-       LOG oder ABS-Gruppe werden körperliche und psychische
    tigen Lastenhandhabung, zum Einsatz von Arbeits- und       Belastungen objektiviert, Risiken bewertet und geeignete
    Hilfsmitteln zur Entlastung von AN oder zur optimalen      Maßnahmen abgeleitet (siehe auch www.eval.at). Die Arbeits-
    Einstellung von Bildschirmarbeitsplätzen                   platzevaluierung ist in den Unternehmen für die dort vorhan-
n Fort- und Weiterbildungen für Präventivfachkräfte und        denen konkreten Arbeitsplätze durchzuführen und folglich an
    andere betriebliche Stakeholder auf dem Gebiet der         den Gegebenheiten im Unternehmen und an der dort vor-
    MSE-Prävention                                             herrschenden Praxis orientiert.
n unterstützende Informationsmaterialien und Tools, die
    gesammelt auf der eigens dafür eingerichteten Website      Es reicht aber nicht aus, Arbeitsplätze gut zu gestalten, sondern
    www.auva.at/mse zu finden sind                             es geht darum, dass an diesen Arbeitsplätzen ergonomisch ge-
n regelmäßige Berichterstattung zu wichtigen Themen            arbeitet wird. In diesem Sinne sensibilisiert die AUVA auch
    rund um MSE, insbesondere in den AUVA-Medien               Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für MSE-Risiken,
    „SICHERE ARBEIT“ und „ALLE!ACHTUNG!“, die                  vermittelt Wissen für ergonomische Arbeitsweisen und un-
    zur Sensibilisierung für das Thema beitragen soll          terstützt die Entwicklung von gesunden Arbeitsroutinen.
n branchenorientierte Angebote und Lösungsvorschläge           Der Fokus ist je nach Branche und Tätigkeit unterschiedlich.
  für unterschiedliche Risikofaktoren, wie z. B. Bewe-         Zum Beispiel stehen bei schwerer körperlicher Arbeit (etwa
  gungsmangel, Heben und Tragen schwerer Lasten,               im Paketdienst, am Bau oder mit anderem Fokus in der Pfle-
  monotone Tätigkeiten, Zeitdruck, mobiles Arbeiten mit        ge) das richtige Heben und Tragen im Mittelpunkt. Bei Bild-
  Fokus auf eine gute ergonomische und organisatorische        schirmarbeit spielen nicht nur die richtige Haltung, sondern
  Gestaltung von Arbeit                                        auch Haltungswechsel und regelmäßige bewegte Pausen eine
n geförderte AUVA-Präventionsprogramme wie AUVAfit             bedeutende Rolle. Im Homeoffice ist die Abgrenzung zwi-
  und baufit, die Betriebe bei der Entwicklung und Umset-      schen Erwerbsarbeit und arbeitsfreier Zeit besonders wichtig.
  zung passgenauer Präventionsmaßnahmen unterstützen           Sowohl bei Fragen der Arbeitsplatzevaluierung auf Unter-
                                                               nehmensebene als auch bei Fragen der Sensibilisierung und
Informationen, Beratungen und Schulungen zielen auf            Wissensvermittlung im Rahmen von Information und Unter-
Unternehmensebene insbesondere auf die Etablierung von         weisung der Beschäftigten bietet die AUVA Unterstützung.
– unter ergonomischen, arbeitsorganisatorischen und -psy-
chologischen Gesichtspunkten – gut gestalteter Arbeit ab.      Beiträge in diesem Heft
Als Grundlage ist in diesem Zusammenhang die gesetzlich
verpflichtende Arbeitsplatzevaluierung körperlicher und psy-   Die Beiträge dieser Sonderausgabe beleuchten zentrale The-
chischer Belastung hervorzuheben. Mithilfe geeigneter ergo-    men der Prävention von arbeitsbedingten MSE unter verschie-

                                                                                                 S O N D E R A U S G A B E 2 | 2 0 21   9
"Packen wir's an!" Arbeitsbedingte Muskel-Skelett-Erkrankungen im Zentrum der Prävention 2021-2022 - Sichere Arbeit
X „ PAC K E N W I R ’ S A N ! “

      denen Gesichtspunkten. Branchenspezifische Besonderheiten         die Gestaltung von Arbeitsplätzen, ausgleichende Kurzpau-
      werden ebenso erörtert wie geeignete Lösungen vermittelt.         sen, die Steigerung der täglich zurückgelegten Schritte und
      Betriebliche Beispiele guter Praxis stoßen zur Entwicklung        das Nutzen vorhandener betrieblicher Angebote. Abschlie-
      eigener kreativer Gestaltungsideen gesunder Arbeit an.            ßend laden Übungstipps zum Ausprobieren ein.

      Die Arbeitspsychologin Irene Lanner liefert im ersten Artikel     Isabel Kaufmann, Arbeitsmedizinerin bei der AUVA, stellt die
      Antworten auf die Frage „Was haben psychosoziale Belas-           Pflege in den Mittelpunkt und diskutiert die dort vorherr-
      tungen und Stress mit MSE zu tun?“. Zunächst stellt sie die       schenden hohen körperlichen und psychischen Anforderun-
      Auswirkungen von Stress auf das Muskel-Skelett-System dar.        gen. Besonders riskant für die Entwicklung von MSE sind
      Häufige bzw. dauerhafte Beanspruchung von Organen und             die ausgeprägten emotionalen Anforderungen, der ständige
      Muskulatur durch stressbedingte muskuläre Anspannung und          Zeit- und Arbeitsdruck sowie häufige Gewalterfahrungen
      geringe Erholungszeiten können demnach zu chronischen Er-         kombiniert mit meist stehenden Tätigkeiten, dem Heben und
      krankungen führen und das Auftreten von MSE begünstigen.          Tragen schwerer Lasten und der Arbeit in Zwangshaltungen.
      Die Bedingungen der Arbeit, insbesondere organisatorische         Möglichkeiten der Prävention durch alternative Bewegungs-
      und psychosoziale Faktoren, spielen neben sozioökonomi-           konzepte zeigt die Autorin anhand des praktischen Beispiels
      schen und individuellen Aspekten eine wesentliche Rolle.          „Kinästhetik am RZ Weißer Hof “ auf und betont sowohl
      Eine Erläuterung von arbeits- und organisationspsychologi-        die entlastende Wirkung als auch die verstärkte gegenseitige
      schen Präventionsansätzen findet sich im zweiten Teil dieses      Achtsamkeit als Vorteile dieses Handlungskonzepts.
      Artikels, wobei eine Verbesserung der Mitarbeiterinnen- und
      Mitarbeiterbeteiligung und der Führungskultur ebenso be-          Ein weiterer Bereich mit ausgeprägten Risikofaktoren für
      tont werden wie der Ausbau von Schutz- und der Abbau von          MSE ist die Land- und Forstwirtschaft. Rosemarie Pexa um-
      Risikofaktoren. Mit einem praktischen Beispiel für eine ge-       reißt auf Basis von Forschungsdaten und im Austausch mit
      lungene Maßnahme rundet die Autorin ihren Beitrag ab.             der Wissenschafterin Elisabeth Quendler die besonderen
                                                                        Herausforderungen für MSE-Prävention, die in diesem Tä-
      Aufgrund der österreichischen Unternehmenslandschaft ist          tigkeitsfeld stecken. Dazu zählen die Manipulation schwerer
      Prävention in Kleinbetrieben für eine gesellschaftlich wirksa-    Lasten genauso wie repetitive Tätigkeiten und das Arbeiten
      me Vorbeugung von MSE besonders wichtig. Mit dem Fokus            in Zwangshaltungen sowie Vibrationsbelastungen etwa am
      auf Lastenhandhabung werden im dritten Beitrag dieser Son-        Traktor oder durch die Arbeit mit Motorsägen. Präventions-
      derausgabe mehrere gute ergonomische Lösungen aus KMU             maßnahmen der Mechanisierung und Automatisierung von
      dargestellt und aus arbeitsmedizinischer Sicht reflektiert. Die   Arbeitsvorgängen können in dieser kleinbetrieblich gepräg-
      Beispiele reichen von einer Firma im Bereich Metall- und          ten Branche mit häufig wechselnden Tätigkeiten weniger
      Anlagenbau über einen Verglasungsspezialisten und einen           leicht ergriffen werden. Zugleich wirken hoher Zeit- und
      Hersteller textiler Sonnenschutzlösungen bis hin zu einem         Arbeitsdruck kombiniert mit oft geringem Personalstand als
      Zimmerei-Betrieb. Dabei zeigt sich, dass gerade bei Kleinbe-      verstärkende psychische Risikofaktoren. Der Beitrag veran-
      trieben das Potenzial für flexible und unkomplizierte, auf die    schaulicht, dass es trotz dieser Bedingungen wirksame Mög-
      spezifische betriebliche Situation zugeschnittene Ideen und       lichkeiten gibt, um MSE vorzubeugen.
      Lösungen groß ist.
                                                                        Häufige Fahrten mit dem Auto oder Lkw belasten ebenfalls
      Die Ergonomin und Sportwissenschafterin Michaela Strebl           den Muskel-Skelett-Apparat. Sie können zu Schmerzen im
      diskutiert MSE-Prävention am Bildschirmarbeitsplatz mit           Rücken und Schulter-Nacken-Bereich führen und langfris-
      Fokus auf das Thema Bewegung. Sie stellt Folgebeschwerden         tig MSE verursachen. Der Artikel „Arbeitsplatz Pkw“ zeigt
      durch langes Sitzen anhand wissenschaftlicher Studien dar         spezifische mit Autofahrten verbundene Risikofaktoren für
      und gibt Empfehlungen für die Prävention. Diese betreffen         MSE auf. Die Ergonomin Julia Lebersorg-Likar und der Ver-

                    »MSE verursachen langfristig Kosten von rund 1,6 Mrd. Euro.
             Das sind 16 % der jährlichen Kosten des arbeits­bedingten Krankheits- und
                                   Unfall­geschehens ­insgesamt.«
                                                               Marie Jelenko

10 A U VA | S I C H E R E A R B E I T
kehrsexperte Peter Schwaighofer erläutern, dass eine ergono-
mische Sitzeinstellung, eine gute Fahrten-Planung mit ausrei-
chend Zeitpolstern zur Stressvermeidung sowie regelmäßige
(bewegte) Pausen nicht nur einen Beitrag zur MSE-Präventi-
on leisten, sondern auch zur Verkehrssicherheit beitragen. Ein
Betriebsbeispiel gibt Ideen für praktische Umsetzungsmög-
lichkeiten.

In den letzten beiden Artikeln richtet der Ergonom Norbert
Lechner den Blick auf neuere technologische Entwicklungen
in der Prävention von MSE. Zunächst gibt er einen Überblick
über die digitalen Angebote der AUVA. Im Zentrum der Aus-
führungen steht das sensorbasierte Bewegungsanalyse-System
Captiv, das mit unterschiedlichen Anwendungen gekoppelt
werden kann. So ermöglicht Captiv Motion die Identifikati-
on von ungünstigen Körperhaltungen oder Bewegungsabläu-
fen durch die Synchronisierung mit Videoaufnahmen. Auch
kombinierte Anwendungen von Captiv mit Eyetracking oder
Virtual-Reality-Anwendungen sind möglich und können bei
der AUVA angefragt werden. Der abschließende Beitrag die-
ser Sonderausgabe stellt Exoskelette in den Mittelpunkt der
Betrachtung. Nach einer Begriffsklärung und Darstellung
verschiedener Arten von Exoskeletten reflektiert der Autor
die damit verbundenen Chancen und Risiken anhand des ak-
tuellen Forschungsstandes. Deutlich wird, dass keine pauscha-
le Aussage über den ergonomischen Nutzen von Exoskeletten
getroffen werden kann, sondern je nach Tätigkeit und Ein-
satzgebiet die spezifischen Vor- und Nachteile durch geeigne-
te Fachleute geprüft werden sollten.

QUELLEN:

                                                                                                                                          © Adobe Stock
• AUVA – Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (2021): M.plus 024
  „Arbeitsbedingten Muskel-Skelett-Erkrankungen vorbeugen“.
  Abrufbar auf https://www.auva.at/publikationen (zuletzt abgerufen
  am 18.10.2021)
• Leoni, Thomas (2020): Fehlzeitenreport 2020. Krankheits- und unfall-
  bedingte Fehlzeiten in Österreich. Abrufbar auf https://www.wifo.       Dr. Marie Jelenko
  ac.at/publikationen (zuletzt abgerufen am 18.10.2021)                   Kampagnenmanagement und Evaluation
• Leoni, Thomas; Brunner, Anna & Christine Mayrhuber (2020): Die          AUVA-Hauptstelle, Abteilung Unfallverhütung und
  Kosten arbeitsbedingter Unfälle und Erkrankungen in Österreich.        ­Berufskrankheitenbekämpfung
  Abrufbar auf https://www.wifo.ac.at/publikationen (zuletzt abgeru-      marie.jelenko@auva.at
  fen am 18.10.2021)

     ZUSAMMENFASSUNG                                              SUMMARY                                      RÉSUMÉ

         Die Autorin zeigt die Bedeutung ei-              The author explains the importance            L’autrice montre l’importance de pré-
  ner wirkungsvollen Prävention von arbeits-        of effective prevention of work-related     venir efficacement les troubles musculosque-
  bedingten     Muskel-Skelett-Erkrankungen         musculosceletal disorders (MSD) and gives   lettiques d’origine professionnelle et donne
  auf und bringt einen Überblick über den           an overview of AUVA’s 2021–2022 focus on    un aperçu du programme de prévention de
  Präventionsschwerpunkt MSE der AUVA               MSD prevention. ◼                           ces troubles prévu par l’AUVA pour la pé-
  2021–2022. ◼                                                                                  riode 2021–2022. ◼

                                                                                                       S O N D E R A U S G A B E 2 | 2 0 21               11
X PSYCHOSOZIALE BELASTUNGEN

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Psychosoziale Belastungen
– physische Auswirkungen
Organisatorische und psychosoziale Belastungen können ebenso wie körperlich belastende
Arbeitsbedingungen für Fehlbeanspruchung und in weiterer Folge für Spannungsschmerzen
im Körper verantwortlich sein. Oft ist der Zusammenhang zu den Beschwerden nicht offen-
sichtlich erkennbar. Gesundheitsbeeinträchtigende Faktoren wirken hier indirekt über das
Stressgeschehen auf das Muskel-Skelett-System. Arbeitsbedingte Belastungen treten oft in
Kombination auf, z. B. Zwangshaltung und Zeitdruck.

IRENE LANNER

12 A U VA | S I C H E R E A R B E I T
S
          tress-Situationen rufen bestimmte Stress-Reaktionen      Limbisches System
          hervor: Der Thalamus nimmt alle Informationen
          über die Sinnesorgane auf und reguliert Schlaf bzw.
          Wachheit, also die Aufmerksamkeit. Die Informati-
onen gehen dann weiter in den grünen Mandelkern (Amygda-
la), den „Sitz“ der Emotionen. Die Amygdala ist zuständig für
das Wiedererkennen der Situation und die Analyse möglicher

                                                                                                                                                © Grafik: designua – stock.adobe.com, deutsch: AUVA
Gefahren. Je nach Bewertung der Situation und subjektiver
Einschätzung der eigenen Bewältigungsstrategien folgt eine
emotionale Reaktion, die unser Verhalten steuert. Die Amyg-
dala gibt Botenstoffe an den Hypothalamus ab, der Körper-
temperatur und Hungergefühl steuert. In einer Stress-Situation
wird das Verdauungssystem langsamer und durch vermehrtes
Schwitzen die steigende Körpertemperatur ausgeglichen.

Der Hypothalamus wirkt mittels Botenstoffen über das Pfort-
adersystem auf die Hypophyse, die in weiterer Folge Stress-
hormone wie Adrenalin und Cortisol freisetzt. Das Adrenalin
lässt uns für Schmerz unempfindlicher werden und das Cortisol
ist ein wichtiges Hormon, das unser Immunsystem stärkt, bei
chronischem Stress aber schwächen kann. Atem- und Herzfre-
quenz steigen, damit das Blut mit mehr Sauerstoff angereichert     n verminderte Leistungsf ähigkeit
und vermehrt in das Gewebe der Muskulatur gepumpt wird.            n Schlafstörungen
In der Muskulatur wird Spannung aufgebaut. Das sind lebens-
notwendige Funktionen aus der früheren menschlichen Ent-           Längerfristig kann Stress psychische und körperliche Be-
wicklungsgeschichte, in der der Mensch zum Jäger oder zum          schwerden oder Erkrankungen verursachen:
Gejagten wurde. Damit er angreifen bzw. flüchten konnte,           n Verspannungen der Muskulatur (Rücken-, Schulter-,
wurde dem Gehirn und dem ganzen Körper vermehrt Energie               Nacken-, Kopfschmerzen)
zur Verfügung gestellt, um mit der bedrohlichen Situation ad-      n Herz-Kreislauf-Erkrankungen
äquat umgehen zu können. War die Gefahr vorüber, setzte die        n Magen-Darm-Erkrankungen
Entspannung ein.                                                   n psychosomatische Erkrankungen
                                                                   n Angst und Panikattacken
Wie wirkt Stress auf das Muskel-Skelett-System?                    n Depression
                                                                   n Suchtkrankheiten
Heute haben wir es weniger mit wilden Tieren zu tun und doch
rufen aktuelle Stress-Situationen dieselben Reaktionen hervor.
Im Gegensatz zu früher erfordern die heutigen Situationen
(z. B. Arbeiten unter Zeitdruck) selten eine direkte körperliche
Reaktion wie Angriff oder Flucht. Dennoch baut der Körper
eine muskuläre Spannung auf. Durch diese muskuläre Anspan-
nung werden Organe und Muskulatur beansprucht. Kurzfristig
können wir diesen Belastungen gut durch erhöhte Aufmerk-
samkeit und spätere Erholungsphasen entgegenwirken. Sollten
diese Belastungen jedoch gehäuft auftreten, sehr lange andau-
ern oder sollte zwischen ihnen zu wenig Erholungszeit liegen,
dann können sie in weiterer Folge zu chronischen Erkrankun-
gen führen [1].

Kurzfristige Auswirkungen von Stress:
n Ermüdung und Lustlosigkeit
n Nervosität, Reizbarkeit und Angst                                Spirale zunehmender und chronisch werdender Rückenschmerzen nach
                                                                   Stadler & Spieß 2009 [2]
n Konzentrationsschwierigkeiten

                                                                                                    S O N D E R A U S G A B E 2 | 2 0 21   13
X PSYCHOSOZIALE BELASTUNGEN

      Meist bemerken Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht, dass     n lange Arbeitszeiten und/oder Zeitdruck
      durch die Stresssituation ein erhöhter Muskeltonus in der Rü-   n keine/wenig Pausen
      cken-, Schulter-, Nacken- und Kopfmuskulatur entsteht. Erst     n wenig Möglichkeit, die Arbeitshaltung zu verändern
      bei dauerhafter Anspannung kommt es zu einem Schmerz-           n geringer Handlungsspielraum
      empfinden, das chronisch werden kann. Eine körperliche          n unklare/widersprüchliche Aufträge
      Schonhaltung oder die Vermeidung von Bewegung aufgrund          n einseitige Aufgaben mit sich wiederholenden Teiltätig-
      von Angst vor dem Schmerz kann eine Chronifizierung der           keiten (monotone Arbeit)
      Schmerzen verursachen.                                          n Informationsmangel

      Organisatorische und psychosoziale                              Psychosoziale Faktoren
      ­Risikofaktoren                                                 n gestörte oder fehlende Kommunikation
                                                                      n mangelnde Rückmeldung
      Roquelaure [3] gibt einen Überblick über verschiedene For-      n fehlende Unterstützung durch Kolleg:innen und/oder
      schungsansätze, die den Zusammenhang von psychosozialen           Vorgesetzte
      Faktoren der Arbeit und MSE erklären. Während biomedi-          n Konflikte am Arbeitsplatz
      zinische Modelle vor allem geeignet sind, das Risiko akuter     n geringe Entwicklungsmöglichkeit
      Muskel-Skelett-Erkrankungen (z. B. Muskelrisse) zu beurtei-
      len, fokussieren biopsychosoziale Erklärungsansätze auf die     Aus früheren Forschungsergebnissen sind die oben genannten
      Entstehung von chronischen Muskel-Skelett-Erkrankungen          Faktoren u. a. bekannt für das erhöhte Risiko einer Gesund-
      und MSE-bedingter Arbeitsunfähigkeit unter Berücksichti-        heitsschädigung. Karasek und Theorell beschreiben in ihrem
      gung von multifaktoriellen Einflüssen.                          Anforderungs-Kontroll-Modell eindeutige Zusammenhänge
                                                                      mit erhöhtem Stressauf kommen, wenn hohe Arbeitsanforde-
      Unternehmensorganisation und Managementpraktiken prä-           rungen mit einer geringen Kontrollierbarkeit der Arbeit zu-
      gen die Bedingungen, unter denen Arbeit ausgeführt wird.        sammentreffen, später wurde das Modell auch mit dem Faktor
      Die Organisation der Arbeit und die damit einhergehenden        „soziale Unterstützung“ erweitert [9].
      Arbeitsbedingungen haben Einfluss auf die körperliche und
      chemische Belastung bzw. Exposition der Mitarbeiterinnen        Siegrist hat ein weiteres Modell entwickelt, das die Kombi-
      und Mitarbeiter. Ebenso haben Arbeitssituation und soziale      nation mehrerer psychosozialer Faktoren beschreibt. Eine
      Beziehungen Einfluss auf die Ausprägung psychosozialer Ri-      berufliche Gratifikationskrise stellt sich ein, wenn ein Miss-
      sikofaktoren, die auf den Menschen einwirken.                   verhältnis von Anstrengung und Belohnung vorherrscht.
                                                                      Dabei übersteigen die Anforderungen an die Tätigkeit und
      Individuelle Ressourcen der Arbeitnehmerinnen und Ar-           unsere Verausgabung den tatsächlich erhaltenen Lohn, oder
      beitnehmer werden durch betriebsbezogene Einflussfaktoren       die Wertschätzung für geleistete Arbeit fehlt bzw. Aufstiegs-
      und durch übergeordnete ökonomische, soziale und politi-        möglichkeit oder Arbeitsplatzsicherheit sind gering [10].
      sche Rahmenbedingungen aufgebaut oder abgebaut. Dadurch
      entstehender chronischer Stress begünstigt das Auftreten von    Der betriebliche Ansatz für einen gesunden
      MSE, indem er die Muskelaktivierung, die Mechanismen von        Arbeitsplatz
      Entzündung und Schmerz sowie die Gewebereparatur beein-
      trächtigt und die Chronifizierung von Schmerzen und Ar-         Im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz ist die Evaluierung ar-
      beitsunfähigkeit fördert.                                       beitsbedingter psychischer Belastungen festgelegt. Notwendig
                                                                      ist die IST-Analyse der Arbeitsbedingungen in den vier Ka-
      Die Auswirkung ungünstiger Arbeitsbedingungen auf Mus-          tegorien „Arbeitsinhalt und -aufgabe“, „Arbeitsorganisation“,
      kel-Skelett-Erkrankungen ist durch Studien belegt [2] [3] [4]   „Soziale Faktoren“ und „Arbeitsumgebung“.
      [5] [6] [7] [8].
                                                                      Für die Evaluierung sind standardisierte Erhebungswerkzeuge
      Dabei werden insbesondere folgende organisatorische und         zu verwenden. Man wählt zwischen Befragung der Mitarbei-
      psychosoziale Risikofaktoren genannt:                           terinnen und Mitarbeiter, Einzelinterviews, arbeitspsycholo-
                                                                      gischen Experten-Verfahren, Beobachtungsanalyseverfahren
      Organisatorische Faktoren                                       und/oder moderierten Gruppen-Arbeitssituationsanalysen.
      n quantitative Arbeitsbelastung (hohes Arbeitspensum)           KFZA [11], ABS-Gruppe [12], EVALOG [13], SGA [14] u. a.
      n inhaltliche Überforderung aufgrund fehlender Qualifi-         sind frei zugängliche Instrumente und unter www.eval.at mit
           kation                                                     detaillierter Einführung in die Handhabung abruf bar.

14 A U VA | S I C H E R E A R B E I T
Wichtig! Es werden die Arbeitsplätze und die Tätigkeiten
in Bezug auf ihre Belastungsfaktoren untersucht. Nicht er-       Stressreaktion
hoben werden Personenmerkmale, d. h. der Gesundheitszu-
stand oder die subjektive Wahrnehmung der Personen. Die
Qualitätskriterien und der Ablauf der Evaluierung sind klar
definiert.

Beteiligung der Beschäftigten

Für die Problemanalyse und Erarbeitung von Maßnahmen
ist die Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
entscheidend. In gemeinsamen Arbeitsgruppen werden die
Arbeitsplätze und störenden Situationen genau analysiert.
Häufig werden auch schnell kreative Ideen zur Optimierung
gefunden. Dabei zeigt sich immer wieder, wie wichtig die
gemeinsame Kommunikation und Diskussion ist. Beschäf-

                                                                                                                                           © designua – stock.adobe.com, deutsch: AUVA
tigte geben Rückmeldung wie z. B.: „Die Information, die
ich heute von meiner Kollegin bekommen habe, macht es
mir erst verständlich, wie sie ihre Arbeit organisiert. Da war
mir vorher vieles nicht klar.“ Je mehr Einblick und Ver-
ständnis für die gesamte Organisation vorhanden ist, umso
leichter können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter partizipa-
tiv mitwirken und effiziente, praktikable Lösungen finden.
Die gemeinsame Erarbeitung und Vereinbarung sichern die
Akzeptanz der Beteiligten und das Gelingen eines Verände-
rungsprozesses.

 Risikofaktoren reduzieren und
­Schutzfaktoren ausbauen

Durch arbeitsorganisatorische Maßnahmen können Fehlbe-            Beispiele für gute
anspruchungen reduziert werden. Es gibt immer branchen-          ­Arbeitsorganisation
spezifische Risikofaktoren, die nur bedingt verändert werden
können. Umso wichtiger ist es, an den Schutzfaktoren zu          n Die Beschäftigten sind an Aufgabenplanung und Arbeitsorga-
                                                                   nisation beteiligt.
arbeiten, die eine Gestaltung gesunder Arbeitsbedingungen
                                                                 n Arbeitsaufgaben werden gemischt und angereichert durch
ermöglichen.                                                       die Kombination unterschiedlicher Tätigkeiten mit unter-
                                                                   schiedlichem Anforderungsniveau.
Eine klar definierte Tätigkeitsbeschreibung hinsichtlich         n Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden für die ihnen zuge-
                                                                   wiesenen Tätigkeiten entsprechend geschult.
Funktion, Zuständigkeit sowie Entscheidungsmöglichkeiten
                                                                 n Zuständigkeit und Verantwortlichkeit sind klar definiert und
und ein großer Handlungsspielraum lassen eine Selbstorgani-        transparent für alle.
sation zu. Besonders bei Arbeiten unter Zeitdruck, wie u. a.     n Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestimmen den Ablauf
in der mobilen Pflege, Gastronomie und auf Baustellen, ist         ihrer Tätigkeit selbst, soweit das möglich ist. Der Entschei-
eine gut durchdachte Organisation nötig (siehe auch Kasten         dungs- und Handlungsspielraum im eigenen Bereich wird
                                                                   ausgeschöpft.
„Beispiele für eine gute Arbeitsorganisation“). Verschiedene
                                                                 n Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Kenntnisse über
Organisationseinheiten und Abteilungen sollten die übergrei-       die Organisation und Zugang zu relevanten Informationen;
fende Zusammenarbeit genau durchleuchten und ihre inter-           ein gutes Informationssystem ist vorhanden.
nen Systeme adaptieren bzw. optimieren. Die Praxis zeigt,        n Pausen werden regelmäßig eingehalten; Kurzpausen sollten
                                                                   vor Konzentrationsminderung stattfinden.
dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter häufig in Konfliktsitu-
                                                                 n Regelmäßige gemeinsame Arbeitsbesprechungen, auch sons-
ationen geraten, wenn abteilungsinterne Vorgaben und/oder          tige Besprechungen werden organisiert.
Prioritäten nicht mit den Vorgaben einer anderen Abteilung
konform gehen. Eine gesamtorganisatorische Betrachtungs-
weise ist daher unerlässlich.

                                                                                               S O N D E R A U S G A B E 2 | 2 0 21   15
X PSYCHOSOZIALE BELASTUNGEN

         Beispiele für soziale                                            Beispiele für einen
         ­Unterstützung                                                   ­konstruktiven Führungsstil
         n Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können stabile Bezie-         n Arbeitsorganisation und Festlegung der Zuständigkeit
           hungen aufbauen und erfahren Zuverlässigkeit.                    ist Chefsache unter Einbindung der Mitarbeiterinnen
         n Gegenseitige Unterstützung durch helfendes Verhalten             und Mitarbeiter.
           ist Teil des Arbeitsalltags.                                   n Die Führungskraft sorgt für ein funktionierendes Infor-
         n Regelmäßige Rückmeldung über die gemeinsame                      mationssystem.
           Zusammenarbeit findet statt.                                   n Es erfolgt eine regelmäßige Rückmeldung zur geleis-
         n Es gibt gegenseitig Anerkennung für erfolgreiche                 teten Arbeit.
           Arbeit.                                                        n Regelmäßige Anerkennung für Erfolge und gute Arbeit
         n Besondere Erfolge werden gefeiert.                               findet statt.
         n Unklarheiten, Störungen oder Fehler werden                     n Auf die Unterstützung einer Lernkultur durch Fehler-
           gemeinsam behoben.                                               analyse wird Wert gelegt.
         n Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bemühen sich um               n Kritikgespräche werden mit sozialer Kompetenz
           eine Konfliktlösung; soziale Spannungen sind mensch-             geführt.
           lich.                                                          n Konfliktlösung ist Teil der Tätigkeit; soziale Spannungen
         n Positiv erlebte und gesellige Aktivitäten verbessern den         sind menschlich.
           Zusammenhalt in der Gruppe.                                    n Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden in ihrer
                                                                            Entwicklung unterstützt.

      Werden neue Hilfsmittel oder Verfahren eingeführt, wie z. B.      Die Organisationskultur wird nicht nur durch die offene
      eine Hebehilfe zur Entlastung der Wirbelsäule, sollte der Ab-     Kommunikation und kollegiale Unterstützung unter den Be-
      lauf in den alltäglichen Arbeitsprozess integriert und dieser –   schäftigten geprägt, sondern hängt sehr stark auch von einer
      falls nötig – angepasst werden. Es kommt regelmäßig vor, dass     wertschätzenden Haltung und dem persönlichen Umgang
      Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Hilfsmittel oder persönliche     seitens der Führungskräfte ab. Regelmäßige Rückmeldung
      Schutzausrüstung nicht verwenden, da der dafür benötigte hö-      zu getätigter Arbeit, eine gelebte, konstruktive Fehlerkultur
      here Zeitaufwand nicht berücksichtigt wird.                       sowie die offensive Bearbeitung von Konflikten sollten fixe
                                                                        Bestandteile der Führungsaufgaben sein (siehe auch Kasten
      Eine häufig unterschätzte Ressource ist die Unterstützung         „Beispiele für einen konstruktiven Führungsstil“).
      durch Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzte. Beson-
      ders in personenbezogenen Dienstleistungsberufen wie in der       Ein Beispiel für einen verbesserten Informa-
      Pflege, im Handel und im Kundendienst sind Beschäftigte in        tionsfluss in der Produktion
      der Ausführung ihrer Tätigkeit emotional sehr belastet. Eine
      kurze Ablöse oder Unterstützung bei besonders schwierigen         Beschäftigte eines Produktionsbetriebs, die im Schichtdienst
      Kundengesprächen bietet eine Erholungsphase für die jewei-        arbeiten, beanstanden, dass sie auf unterschiedlichem Informa-
      ligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein wertschätzendes       tionsstand sind. Daraufhin beschließt die Abteilungsleitung, re-
      Betriebsklima und Anerkennung für Erfolge sind ausschlag-         gelmäßig „Jobfloor“-Besprechungen einzuführen. Die Team-
      gebend für Zufriedenheit und Motivation (siehe auch Kasten        leiterinnen und -leiter sind verantwortlich, mit jedem Team ein-
      „Beispiele für soziale Unterstützung“).                           mal pro Woche eine gemeinsame Besprechung durchzuführen.
                                                                        Dafür gibt es für jedes Team sehr nah an seinem Arbeitsplatz ein
      Führung stärkt die Organisationskultur                            Board mit den wichtigsten Informationen, die dort dauerhaft
                                                                        angeschlagen sind. Die Besprechung wird im Stehen durchge-
      Das Wirken von Personen mit Führungsverantwortung hat             führt. Aktuelle und abgeänderte Aufträge werden besprochen.
      eine große Bedeutung für die Gesundheit der Mitarbeiterin-        Sicherheitsmaßnahmen, Fehlerquellen und ein kontinuierlicher
      nen und Mitarbeiter. Führungskräfte haben direkten Einfluss       Verbesserungsprozess werden diskutiert und umgesetzt. ◼
      auf die Gestaltung der Arbeit und die Prägung der Organisa-
      tionskultur im Unternehmen. Für jeden Arbeitsplatz braucht
      es eine Klärung der Zuständigkeit, eine transparente Festle-
      gung der Abläufe und Prozesse sowie die Qualifizierung der
      Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Schulungen in ihrem
      Tätigkeitsbereich.

16 A U VA | S I C H E R E A R B E I T
Multidimensionales Modell der betrieblichen Gesundheit nach Roquelaure 2018, deutschsprachige Übersetzung durch die AUVA

LITERATUR                                                                         skelettale Beschwerden. Bedeutung für die Prävention. In: Zeitschrift
                                                                                  für Gesundheitswissenschaften 11, 2003, S. 196–207.
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  Springer, 1984.                                                                 reconstruction of working life. New York: Basic books, 1990.
• [2] Stadler, P.; Spieß, E.: Arbeit – Psyche – Rückenschmerzen: Einfluss-    •   [10] Siegrist, J.: Soziale Krisen und Gesundheit. Göttingen: Hogrefe,
  faktoren und Präventionsmöglichkeiten. In: Arbeitsmed. Sozialmed.               1996.
  Umweltmed. 44, Ausgabe 2, 2009.                                             •   [11] Prümper, J.; Hartmannsgruber, K.; Frese, M.: KFZA. Kurz-Fragebo-
• [3] Roquelaure, Y.: Musculoskeletal disorders and psychosocial factors          gen zur Arbeitsanalyse. In: Zeitschrift für Arbeits- und Organisations-
  at work. Report 142. European Trade Union Institute. Brüssel: ETUI,             psychologie, 39 (3), 1995, S. 125–132.
  2018.                                                                       •   [12] Molnar, M.; Prinkel, M.; Friesenbichler, H. auf Basis von Molnar,
• [4] Madsen, I.E.H. et al.: Physical work demands and psychosocial wor-          Friesenbichler (1998): Evaluierung psychischer Belastungen. Die
  king conditions as predictors of musculoskeletal pain: a cohort study           Arbeits-Bewertungs-Skala – ABS-Gruppe. Wien: Allgemeine Unfallver-
  comparing self-reported and job exposure matrix measurements. In:               sicherungsanstalt, 2013.
  Occupational Environment Medicine, 75, 2018, S. 752–758.                    •   [13] Prümper, J.; Vowinkel, J.: EVALOG – Evaluierung psychischer Belas-
• [5] Lang, J. et al.: Psychosocial work stressors as antecedents of              tung im Dialog nach dem österreichischen ArbeitnehmerInnenschutz-
  musculoskeletal problems: A systematic review and meta-analysis of              gesetz (ASchG) für Kleinstbetriebe. Wien: AUVA, 2019.
  stability-adjusted longitudinal studies. In: Social Science & Medicine      •   [14] Debitz, U. et al.: Der Leitfaden zum Screening Gesundes Arbeiten
  75, 2012, S. 1163–1174.                                                         – SGA. Physische und psychische Gefährdungen erkennen – gesünder
• [6] Buruck, G.; Richter, P.: Ganzheitliche Risikoprävention – eine kombi-       arbeiten. 3. Auflage. Berlin: Initiative Neue Qualität der Arbeit. Bun-
  nierte Betrachtungsweise von physischen und psychischen Belastun-               desanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2016.
  gen. Der Schmerz, 21. Berlin: Springer Medizin, 2007, Suppl. 142–143.
• [7] Richter, P.; Kirschner, A.: Psychosoziale Arbeitsfaktoren bei der
  Diagnostik von Rückenschmerzen. In: H. Grieshaber und M. Stadeler               Mag. Irene Lanner
  (Hrsg.): Prävention von arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren und                Arbeits- und Organisationspsychologin
  Erkrankungen. 12. Erfurter Tage. Erfurt: Dr. Bussert & Stadeler, 2006,          AUVA-Landesstelle Salzburg, Prävention
  S. 221–236.                                                                     irene.lanner@auva.at
• [8] Dragano, N. et al.: Psychosoziale Arbeitsbelastungen und muskulo-

      ZUSAMMENFASSUNG                                                  SUMMARY                                                 RÉSUMÉ

         Die Autorin analysiert den Zusam-                     The author analyses the physical ef-                   L’autrice analyse le lien entre les
  menhang zwischen psychosozialen Belastun-             fects of psycho-social stress and suggests            charges d’ordre psychosocial et les consé-
  gen und physischen Auswirkungen und                   ways to minimise risk factors. ◼                      quences physiques et montre comment on
  zeigt Wege auf, wie Risikofaktoren mini-                                                                    peut minimiser les facteurs de risque. ◼
  miert werden können. ◼

                                                                                                                       S O N D E R A U S G A B E 2 | 2 0 21   17
X GOOD PRACTICE IM KMU

                                                                                                                                     © alle Fotos: R. Gryc
      „Ausgezeichneter“
      ­Gesundheitsschutz
      Für die Goldene Securitas nominierte Klein- und Mittelbetriebe sind auch beim Schutz vor
      Muskel-Skelett-Erkrankungen Vorzeigeunternehmen.

      ROSEMARIE PEXA

     D
                  ie AUVA zeichnet gemein-     Bei der Informationsveranstaltung „Pa-     steht in Zusammenhang mit körperli-
                  sam mit der Wirtschafts-     cken wir’s an! Gestaltung von Arbeits-     cher Belastung“, betonte Jelenko. Prä-
                  kammer Österreich Klein-     plätzen zur Prävention von Muskel-         ventionsmaßnahmen seien notwendig,
                  und Mittelbetriebe, die      Skelett-Erkrankungen“ am 30. Sep-          aber in kleinen Betrieben organisa-
      vorbildliche Leistungen im Bereich Ar-   tember 2021 in Wien präsentierte AU-       torisch und finanziell oft schwieriger
      beitssicherheit und Gesundheitsschutz    VA-Kampagnenmanagerin Dr. Marie            umzusetzen. Andererseits hätten KMU
      erbringen, mit der Goldenen Securitas    Jelenko ausgewählte Betriebe, die für      aufgrund ihrer Strukturen ein großes
      aus. In den Kategorien „Sicher und       die Goldene Securitas 2016 bzw. 2018       Potenzial für flexible und unkompli-
      gesund arbeiten“ und „Innovativ für      nominiert worden waren. Die Veran-         zierte, auf den jeweiligen Betrieb zuge-
      mehr Sicherheit“ werden oft Maßnah-      staltung fand im Rahmen der aktuellen      schnittene Ideen und Lösungen, so die
      men prämiert, die zur Verhinderung       Kampagne der EU-OSHA „Gesunde              AUVA-Kampagnenmanagerin.
      von Muskel-Skelett-Erkrankungen bei-     Arbeitsplätze – Entlasten Dich!“ statt,
      tragen. Noch Jahre danach lassen sich    an der sich die AUVA mit ihrem Prä-        „Die Firmen berichten unter anderem,
      in den ausgezeichneten Unternehmen       ventionsschwerpunkt 2021/22 „Packen        dass akute Rückenerkrankungen und
      positive Auswirkungen wie weniger        wir’s an!“ beteiligt. „Ein Fünftel aller   körperliche Beschwerden zurückge-
      Krankenstandstage und eine höhere Ar-    Krankenstandstage wird durch MSE           gangen sind und die Zufriedenheit der
      beitszufriedenheit feststellen.          verursacht. Jeder zehnte Arbeitsunfall     Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ge-

18 A U VA | S I C H E R E A R B E I T
stiegen ist. Nachwuchsprobleme sind        erklärt Geschäftsführerin Christina
gelöst worden, Arbeitnehmerinnen und       Wagner. Acht Arbeitsplätze in den Tä-
Arbeitnehmer können vielfältiger ein-      tigkeitsbereichen Schleifen, Abräumen
gesetzt werden. Durch Verbesserungen       und Bedienung von Maschinen sowie
wie die Verkürzung während der Arbeit      in der Kommissionierung, in der Logis-
zurückgelegter Wege hat sich auch der      tik und im Büro wurden im Zuge von
Zeitaufwand in der Produktion redu-        AUVAfit evaluiert.
ziert“, fasste Jelenko die positive Wir-
kung der Maßnahmen in den für die          „Für das Abräumen hat Wagner Stahl-
Goldene Securitas nominierten Betrie-      Technik & Zuschnitt höhenverstellbare
ben zusammen.                              fahrbare Paletten angeschafft, auf de-
                                           nen die Teile geschlichtet werden. Die
Wie sich zu starke Belastungen des Be-     richtige Höhe ist zentral, man muss
wegungs- und Stützapparats insbeson-       die Arbeitsbedingungen an den Men-
dere bei der Handhabung von Lasten         schen anpassen und nicht umgekehrt“,
bemerkbar machen, erklärt Dr. Kurt         kommentiert Leodolter diese Maßnah-
Leodolter, MSc, Facharzt für Arbeits-      me. Ist die Arbeitshöhe zu hoch, treten     Höhenverstellbare fahrbare Paletten erleich-
                                                                                       tern bei Wagner das Schlichten der Teile.
medizin vom Unfallverhütungsdienst         häufig Verspannungen im Bereich von
der AUVA-Landesstelle Graz: „Erste         Schultern und Nacken auf. Bei einer zu
Symptome sind unspezifische Rücken-        niedrigen Arbeitshöhe muss der Rü-          60 bis 80 Zentimetern hat“, beschreibt
schmerzen. Bei einer längeren Kör-         cken übermäßig gebeugt werden, was          Betriebsleiter Christian Aufreiter die
perzwangshaltung kommt es zu einer         zu Rückenbeschwerden führt.                 jüngste Neuerung. Sie wird nicht die
Störung der Durchblutung. Man ver-                                                     letzte sein; im Oktober 2021 fanden
sucht stärker anzuspannen und ermüdet      Auch im Büro lag der Fokus darauf, für      Gespräche mit der AUVA zu weiteren
dadurch schneller. Als Langzeitfolgen      die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter        möglichen Maßnahmen statt.
können Schäden des Muskel-Skelett-         die passende Arbeitshöhe zu schaffen.
Systems auftreten.“                        Beschäftigte, die hauptsächlich mit Da-     Glas Metall Salzgeber
                                           teneingaben befasst sind, erhielten zur
Wagner Stahl-Technik &                     Entlastung der Schultern Dokumen-           Die Goldene Securitas 2016 in der Ka-
­Zuschnitt                                 tenablagen in ergonomisch optima-           tegorie „Innovativ für mehr Sicherheit“
                                           ler Höhe. Sämtliche Büroarbeitsplätze       ging an die GMS Glas Metall Salzgeber
2016 wurde die Goldene Securitas in        wurden mit neuen Bürosesseln aus-           GmbH aus Dornbirn. Der auch im be-
der Kategorie „Sicher und gesund ar-       gestattet, eine kleinere Mitarbeiterin      nachbarten Ausland tätige Kleinbetrieb
beiten“ an die Alfred Wagner Stahl-        bekam zusätzlich eine Fußstütze. Der        war im Zuge eines Großauftrags mit ei-
Technik & Zuschnitt GmbH aus Pa-           AUVAfit-Experte Dr. Paul Scheiben-          ner besonderen Herausforderung kon-
sching in Oberösterreich vergeben. Der     pflug, Sport- und Kommunikations-           frontiert: In einem baufertigen Spital im
Familienbetrieb ist schwerpunktmäßig       wissenschafter, zeigte Übungen zur          deutschen Heilbronn sollten 160 schad-
im Spezialfahrzeugbau sowie im Ma-         Mobilisierung der Nacken- und Rü-           hafte Glasfenster ausgetauscht werden.
schinen- und Anlagenbau tätig. Im          ckenmuskulatur vor, die in der Folge als    Das Spital war bereits vollständig ausge-
Rahmen von AUVAfit setzte das Un-          tägliche Bewegungseinheiten durchge-        stattet, weshalb im Inneren wenig Platz
ternehmen gesundheitsfördernde Maß-        führt wurden.                               für die Manipulation zur Verfügung
nahmen insbesondere im Hinblick auf                                                    stand. Ein Austausch der Glasscheiben
alternsgerechtes Arbeiten.                 Auch nach Beendigung des AUVAfit-           von außen mit Hilfe eines Mobilkrans
                                           Projekts setzte Wagner Stahl-Technik        kam aufgrund der baulichen Gegeben-
„Da in unserem Betrieb Mitarbeiterin-      & Zuschnitt ergonomische Verbesse-          heiten nicht in Frage.
nen und Mitarbeiter aller Altersgruppen    rungen um. „2018 haben wir den ge-
beschäftigt sind, haben wir 2015 ‚Mit-     samten Kommissionierungsplatz umge-         Die Möglichkeit, die Arbeit händisch
arbeitergesundheit und alternsgerechtes    staltet. Elektrische Hubwagen bringen       zu erledigen, verwarf GMS, da dies mit
Arbeiten‘ zum Jahresthema gemacht.         die Paletten beim Palettieren auf die       einer zu großen körperlichen Belastung
Unser Ziel war, sowohl in der Produk-      richtige Höhe. Der Großteil der Kom-        für die Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
tion als auch im Bürobereich ergono-       missionierpaletten befindet sich jetzt in   ter und einem erhöhten Unfallrisiko
mische Verbesserungen zu erreichen“,       einem Regal, das eine Arbeitshöhe von       verbunden gewesen wäre. „Bei einem

                                                                                                  S O N D E R A U S G A B E 2 | 2 0 21   19
X GOOD PRACTICE IM KMU

                                                           Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter       2015 wurde eine automatisch betrie-
                                                           mussten die Glasscheiben weder vom         bene Hubwaage in die Verpackungs-
                                                           Gerüst aus noch von innen heben, son-      straße integriert. Christoph Klingler,
                                                           dern zum Einbau nur leicht andrücken.      Leiter der Produktion der Firma Bre-
                                                           Damit konnte die Arbeit nicht nur rü-      metall, der die Waage mitentwickelt
                                                           ckenschonend und unfallfrei erledigt       hat, beschreibt deren Funktionsweise:
                                                           werden, sondern auch wesentlich effi-      „Das fertige Produkt, z. B. eine Mar-
                                                           zienter und kostengünstiger: Statt vier    kise oder ein Außenrollo, wird auf der
                                                           bis fünf Glasfenstern pro Tag wurden       Verpackungsstraße in Karton verpackt,
                                                           durchschnittlich 16 ausgetauscht.          über eine Rollbahn auf die Waage ge-
                                                                                                      schoben, samt der Waage pneumatisch
                                                           Bremetall Sonnenschutz                     gehoben, abgewogen und dann wieder
                                                                                                      pneumatisch gesenkt.“ Die Idee für die-
Ein umgebauter Glasroboter ermöglicht die körperschonen-   Nominiert für die Goldene Securitas        se Neuerung entstand im Gespräch mit
de Fenstermontage.
                                                           2016 in der Kategorie „Innovativ für       Expertinnen und Experten der AUVA.
                                                           mehr Sicherheit“ wurde die Bremetall       Die größte Herausforderung bestand in
             manuellen Einbau müssen die schweren          Sonnenschutz GmbH aus Thaur bei            der Frage, was man tun könne, nicht
             Glasscheiben in Schrägposition von in-        Innsbruck, die textilen Sonnenschutz       wie. Der Aufwand für die in Eigenbau
             nen oder von außen vom Gerüst aus ge-         wie Rollos und Markisen für den Au-        hergestellte Verpackungsstraße habe sich
             hoben werden. Das hohe Gewicht und            ßenbereich herstellt. Mit AUVAfit woll-    in Grenzen gehalten, zeigt sich Klingler
             die Einseitigkeit der Bewegung belasten       te das Unternehmen eine ergonomisch        begeistert.
             das Muskel-Skelett-System stark“, er-         günstigere Lösung für die Manipulation
             klärt Leodolter.                              großer, schwerer Produkte finden.          Der Erfolg der pneumatischen Waa-
                                                                                                      ge wird auch im Vergleich anhand der
             Eine Lösung des Problems konnte                                                          Leitmerkmalmethode „Manuelles He-
             schließlich in mehreren Besprechun-
                                                            »KMU haben aufgrund                       ben, Halten und Tragen von Lasten“
             gen und einem Brainstorming zum               ihrer Strukturen ein gro-                  deutlich: Die Einstufung der Belastung
             Sammeln von Ideen sowie anhand von                                                       wechselte vom roten in den grünen
             praktischen Versuchen gefunden wer-
                                                           ßes Potenzial für flexible                 Bereich. Die Rückenbeschwerden der
             den – durch Umbau eines Glasroboters.         und unkomplizierte, auf                    Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lie-
             Zur Montage von Glasscheiben einge-                                                      ßen deutlich nach. 2016 folgte, moti-
                                                            den jeweiligen Betrieb
             setzte Roboter verfügen über hydrauli-                                                   viert durch den großen Erfolg der Maß-
             sche Vakuum-Saugköpfe, mit denen die            zugeschnittene Ideen                     nahme, eine zweite Verpackungsstraße
             Glasplatten gehoben, transportiert und             und Lösungen.«                        gleicher Bauweise.
             installiert werden. Im Fall des Heil-
             bronner Spitals waren die ausfahrbaren                    Marie Jelenko                  Planholz Zimmerei
             Roboterarme mit den Saugköpfen zu
             kurz, um das Glas durch die Fensteröff-                                                  2018 konnte sich die Planholz Zim-
             nung nach draußen zu heben, zu drehen         „Bei den Mitarbeiterinnen und Mit-         merei GmbH aus Neukirchen an der
             und einzubauen. Außerdem ließen sich          arbeitern von Bremetall sind vermehrt      Vöckla über eine Nominierung für
             die Saugköpfe nicht weit genug drehen.        Rückenbeschwerden aufgetreten. Man         die Goldene Securitas in der Kategorie
                                                           hat Großpakete mit Sonnenschutz, bis zu    „Innovativ für mehr Sicherheit“ freuen.
             „Wir haben einen längeren Roboterarm          sieben Meter lang und durchschnittlich     Das in den Bereichen Zimmerei und
             konstruiert, der eine nach oben gezo-         50 bis 70 kg schwer, auf die Waage heben   Holzbau tätige oberösterreichische Un-
             gene Nase hat, damit er einen autono-         müssen. Das haben zwar mehrere Per-        ternehmen war auf der Suche nach einer
             men 2-Kreis-Vakuumsauger mit einem            sonen gemeinsam gemacht, allerdings        Möglichkeit, die Belastung durch He-
             Kranhaken aufnehmen kann. Durch               hat es dabei Probleme durch die unter-     ben und Tragen nicht nur am eigenen
             den längeren Arm des Roboters haben           schiedliche Größe und Stärke der Betei-    Standort, sondern auch auf Baustellen
             sich die Gläser genügend weit durch die       ligten gegeben“, schildert Leodolter die   zu reduzieren.
             Fensteröffnung fahren lassen, um sie um       Situation. Die Lasten, die händisch ma-
             90 Grad drehen zu können“, beschreibt         nipuliert werden mussten, summierten       Zum Finden einer Lösung bediente
             Geschäftsführer Willy Salzgeber.              sich auf rund 1.500 kg pro Tag.            man sich einer bei Planholz bereits be-

      20 A U VA | S I C H E R E A R B E I T
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