PARITÄT inform - SYSTEMRELEVANT SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE - Der Paritätische Baden-Württemberg

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PARITÄT inform - SYSTEMRELEVANT SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE - Der Paritätische Baden-Württemberg
PARITÄTinform
          BADEN-WÜ RT T E MB E RG | September 2020

          SYSTEMRELEVANT
   SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE
E 13795                                     ISSN 2198-9575
PARITÄT inform - SYSTEMRELEVANT SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE - Der Paritätische Baden-Württemberg
EDITORIAL

Impressum                                  INHALT                                                                                   KRISENMANAGEMENT IN CORONA-ZEITEN
PARITÄTinform
                                           4 · SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA -KRISE
  Das Nachrichtenmagazin des
  PARITÄTISCHEN
                                              ■   Soziale Arbeit in der Krise? – Gedanken zur Systemrelevanz infolge der Pandemie   Der 15. März 2020 war für mich ein Sonntag, den ich nie      medizinisch orientierten Kran-
  ISSN 2198-9575                              ■   Zur Bedeutung des Sozialstaats für Wirtschaft und Gesellschaft                    mehr vergessen werde. Ein neues Virus pandemischen Aus-      kenhaus- und Pflegebereich
                                              ■   Zwischenbilanz: Eine wirksamere Jugendpolitik ist notwendig                       maßes ließ alle Alarmglocken bei mir schrillen. Ich musste   gleichgestellt.
Herausgeber                                   ■   Berufstätige Frauen zwischen Kindern, Karriere und Corona                         die Mitarbeiter*innen in den Geschäftsstellen schützen und
  Deutscher Paritätischer
                                              ■   Teilhabe und Transformation als Herausforderung für den                           gleichzeitig die Sozialwirtschaft in Baden-Württemberg       Die ersten Wochen waren lehr­reich, da man sich aufeinan­der
  Wohlfahrtsverband
  Landesverband                                   Arbeits- und Ausbildungsmarkt                                                     „retten“.                                                    verlassen musste und konnte. Vertrauensvolle Zusam­men­
  Baden-Württemberg e. V.                     ■   Familien: Größter Pflegedienst in Deutschland                                                                                                  arbeit über den eigenen Verband hinaus, unkomplizierte
  Hauptstraße 28 · 70563 Stuttgart            ■   Auswirkungen der Pandemie auf die Freiwilligendienste                             Ab dem darauffolgenden Montag mussten alle Beschäf-          Arbeitsteilung, enorm beschleunigte Abstimmungspro-
  Tel. 0711 2155-0 · info@paritaet-bw.de
                                              ■   Herausforderungen und Erfahrungen der Schulsozialarbeit im Lockdown               tigten aus dem Homeoffice heraus arbeiten. Das ist uns       zesse waren nach kurzer Erprobung selbstverständlicher
  www.paritaet-bw.de
                                              ■   Die jetzige Zeit zur besten machen – Kreativität überwindet social-distancing     dank der guten digitalen Infrastruktur und den schon er-     Arbeitsalltag. Digitale Tools lösten die nervenaufreibenden
Verantwortlich                                ■   Das „Wir“ als Erfolgsfaktor – Tübinger Modell für eine nachhaltige                worbenen individuellen digitalen Kompetenzen sehr gut        Telefonkonferenzen ab und das Arbeiten unabhängig von
  Ursel Wolfgramm,                                Finanzierung Freier Kita-Träger                                                   gelungen. Doch mussten unzählige Forderungen intern          Zeit und Raum fanden ganz selbstverständlich Einzug in
  Vorstandsvorsitzende                        ■   Mütter- und Familienzentren setzen auf Vernetzung, Beratung und Bildung           und mit den anderen Verbänden abgestimmt, formuliert         den Alltag.
Redaktion
                                              ■   Kontaktbeschränkungen erhöhen Face-to-Face Beratungsbedarf bei Jugendlichen       und adressiert und die Mitgliedsorganisationen passgenau
  Rolf Schaible (Gesamtredaktion),            ■   RehaVerein Ulm: Wo es anonym zugeht, leiden die Menschen am meisten               und zeitnah informiert, eingebunden und beraten werden.      Und die ersten Wochen waren erlebnisreich. Unser erster
  Dr. Hermann Frank, Dr. Steffi Hunnius,      ■   Die Familien brauchen uns – Familienentlastung und Betreuung für Familien                                                                      sozialer Hackathon ausschließlich im digitalen Raum hat
  Katrin Joret, Hina Marquart,
                                                  mit Kindern mit Behinderung                                                       Die ersten Wochen waren beklemmend, da das Virus mit         viel Spaß gebracht und uns aus der passiven Starre und
  Barbara Meier, Petra Mostbacher-Dix
  (MD), Ralf Nuglisch, Torsten Rothfuss,
                                              ■   Gemeinschaftsunterkünfte sind keine Lernorte – Bildungsrückstände                 dem Namen Corona, die Ansteckungsgefahr, das Erkran-         später dem reaktiven Handeln in die Selbstwirksamkeit
  Sabine Oswald, Angela Querfurth,                werden verschärft                                                                 kungsrisiko und die Krankheitsverläufe noch nicht bekannt    zurückgeholt. Wir haben in interdisziplinären Teams an
  Christina Rüdenauer, Karin Seng,            ■   Corona ein Anlass zum Querdenken – Nachtrag zum ersten Ersten Hackathon           waren.                                                       innovativen Lösungen von sozialen Problemen, die in der
  Michael Tränkle u.v.a.                      ■   Lernbrücken gab es nicht für alle – Familienzentrum Au kümmert sich                                                                            Corona-Pandemie wie in einem Brennglas hervorgetreten
Satz, Gestaltung
                                                  um Migrantinnen und ihre Kinder                                                   Die ersten Wochen waren anklagend, da wir befürchteten,      sind, in einer 24-Stunden-Schicht gearbeitet. Dabei ist trotz
und Anzeigenmarketing                         ■   Mitgliederversammlung in Corona-Zeiten                                            dass die Ärmsten, Obdachlose, Haftentlassene, Alleinerzie-   der räumlichen Distanz viel persönliche Nähe entstanden.
  Kreativ plus, Gesellschaft für Werbung          Die Pandemie ist keine Rechtfertigung für einen Komplettausfall                   hende mit mehreren Kindern u.v.a.m. im Lockdown nicht        Menschen, die sich nicht kannten, Freiwillige mit unter-
  und Kommunikation mbH, Stuttgart
  Tel. 0711 2155-105
                                                                                                                                    mitgedacht wurden. Ausgangssperren und Besuchsverbote        schiedlichen Perspektiven und Kompetenzen haben an
  help@kreativplus.com                     33 · L ANDESVERBAND                                                                      schränkten die Grundrechte unserer Bewohner*innen mas-       neuen Ideen getüftelt und Lösungen entwickelt, die vor-
                                              ■   Neue Arbeitshilfe – Wie der Vorstandswechsel im Verein gelingt                    siv ein, Teilhabe fand nicht statt.                          her als nicht möglich erschienen. Unbekannte haben sich
Druck                                         ■   1,3 Millionen Schutzmasken für soziale Einrichtungen                                                                                           gefunden – teilweise arbeiten diese noch heute eng zusam-
  Druckerei Raisch GmbH + Co. KG
  Reutlingen
                                              ■   Weltkindertag: Kinderschutzbund und PARITÄTISCHER starten landesweite             Die ersten Wochen waren kräftezehrend, da zu Recht die       men. Diesen Schwung konnten wir in die „normale“ Arbeit
                                                  Corona-Dankeschön-Aktion für Kinder                                               Befürchtung im Raum stand, dass die gemeinnützigen so­       mitnehmen und haben für diese viele neue Anregungen
Erscheinungsweise                             ■   Aufsichtsrat tagt digital                                                         zialen Einrichtungen bei den diversen Rettungsschirmen       gewonnen.
  vierteljährlich
                                              ■   Neue Online-Vortragsreihe: Brainfood – Impulse zur Mittagspause                   nicht berücksichtigt werden würden. Unzählige Telefona-
Bezugspreis                                   ■   Paritätische Akademie Süd: Fortbildung zum/zur Sozialwirt*in                      te, Brandbriefe, Social-Media Kampagnen und später auch      Und wie geht es weiter? Die zweite Welle wird befürchtet. In
  Im Mitgliedsbeitrag enthalten.                                                                                                    Videokonferenzen waren nötig, um die Sozialwirtschaft zu     anderen europäischen Ländern ist sie schon angekommen.
  Jahres­abonnement 8 Euro für
  Nichtmitglieder
                                           38 · NACHRICHTEN UND SCHL AGLICHTER AUS DEM VERBAND                                      stützen und vor dem wirtschaftlichen Ruin zu bewahren. In    Ich hoffe, wir haben aus der Krise gelernt und sind besser
                                                                                                                                    einigen Angebotssegmenten und bei den Corona-beding-         vorbereitet. Vieles muss und darf sich nicht wiederholen.
Auflage                                    40 · NEUE MITGLIEDSORGANISATIONEN                                                        ten Mehrkosten und Mindereinnahmen insbesondere der
  4.500 Exemplare
                                                                                                                                    Eingliederungshilfe sind wir immer noch nicht dem eher       Applaus war und ist nicht genug.
Fotos                                      42 · PARITÄT VOR ORT
  Titelbild: Tutatamafilm · Shutterstock      ■   Pforzheim: Sozialer Austausch – Unsicherheit in der Soziallandschaft bleibt                                                                    Ihre
  Archiv, Mitgliedsorganisationen,            ■   Bodenseekreis: Hilfe für Vereine bei der Digitalisierung
  Photocase, iStockphoto, Shutterstock,
  AdobeStock, Pixabay, Freepik und
  Unsplash

                                                                                                                                      Sonderheft zum Hackathon                                   Ursel Wolfgramm
                                                                                                                                                                                                 Vorstandsvorsitzende
                                                                                                                                      Die Sonderausgabe von PARITÄTinform unter
                                                                                                                                      https://www.paritaet-bw.de/node/13185
  Bitte beachten Sie die Beilage der
                                                                                                                                      sowohl als interaktive pdf-Datei als auch
  Paritätischen Akademie Süd.                                                                                                         als epub-Datei.

                                                                                                                                                                                                                      |   PARITÄTinform   | September 2020 |   3
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SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE

                                                                                                                                                                                                                                Arbeitnehmer*innen
                                                                                                                                                                                                                           in der Automobilindustrie           1,75 Mio.

                                                                                                                                                      Im Gegensatz zu kommerziellen Anbietern sind die zentra-               Arbeitnehmer*innen
                                                                                                                                                      len Akteure der Sozialwirtschaft dem Gemeinwohl streng               in der Sozialwirtschaft              5,7 Mio.
                                                                                                                                                      verpflichtet und dürfen kaum Risikorücklagen bilden. Sie
                                                                                                                                                      orientieren sich unabhängig von ihrer religiösen oder welt-
                                                                                                                                                      anschaulichen Überzeugung an der Würde des Menschen,
                                                                                                                                                      der sozialen Gerechtigkeit, der Solidarität und der Subsidi-                     Männer                Sozial-                   Frauen
                                                                                                                                                      arität. Die Träger der Dienste und Einrichtungen tun dies                         25%                 wirtschaft                 75%
                                                                                                                                                      auch nicht um ihrer selbst willen – der Sozialstaat ist im
                                                                                                                                                      Grundgesetz verankert.

                                                                                                                                                                                                                            Quelle: https://www.mehr-wert-als-ein-danke.de/sozialwirtschaft/
                                                                                                                                                      Menschen in Notlagen unterstützen
                                                                                                                                                      Ziel des modernen Sozialstaates ist es, Menschen in Notla-       dass dies eine „Klausel ist, die für Wirtschaftsunternehmen
                                                                                                                                                      gen zu helfen und diese, wenn möglich erst gar nicht ent-        nicht besteht“.1 In Baden-Württemberg werden einige Be-
                                                                                                                                                      stehen zu lassen. Trotz dieser Tatsachen und dem Wissen,         reiche inzwischen der kritischen Infrastruktur zugerechnet,
                                                                                                                                                      dass Menschen, die von Armut und sozialer Ausgrenzung            andere bleiben außen vor. Warum?
                                                                                                                                                      betroffen sind oder in prekären Beschäftigungsverhältnis-
                                                                                                                                                      sen arbeiten, in Krisen besonders leiden und obwohl eine         Es steht außer Frage, die Träger der sozialen Dienste und
                                                                                                                                                      Vielzahl von Menschen täglich die Dienstleistungen und           Einrichtungen haben in den letzten Monaten Unglaubliches
                                                                                                                                                      Einrichtungen von gemeinnützigen Trägern in Anspruch             geleistet und das im Spannungsfeld zwischen dem Wohl-
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                                                         SOZIALE ARBEIT
                                                                                                                                                      nehmen bzw. auf diese angewiesen sind, wurden sie erst           ergehen der Adressant*innen, der Sorge um Mitarbeitende
                                                                                                                                                      spät Teil des staatlichen Rettungsschirms. Ohne die Arbeit       und die der eigenen wirtschaftlichen Existenz. Sie waren für
                                                                                                                                                      der Wohlfahrtsverbände, allen voran der des PARITÄTI-            die Menschen da und haben vielfach kreative Lösungen für

                                                          IN DER KRISE?
                                                                                                                                                      SCHEN, der als Erstes auf die Auswirkungen der Kontakt-          Probleme gefunden. Sie haben durch ihre professionelle
                                                                                                                                                      beschränkungen für die Träger der sozialen Einrichtungen         Unterstützung alles dafür getan, dass die Krise die Men-
                                                                                                                                                      und Dienste aufmerksam machte, wären sie es vielleicht           schen nicht noch härter trifft und das, obwohl die Branche
                                                                                                                                                      heute noch nicht.                                                vielfach mit Niedriglöhnen und Personalmangel kämpft.
                                                           Gedanken zur Systemrelevanz                                                                                                                                 Was ist diese Tätigkeit, wenn nicht „systemrelevant“?

                                                               infolge der Pandemie                                                                   Ein starker Sozialstaat in der Zeit der Krise?
                                                                                                                                                                                                                       Was bedeutet dies für die Zukunft?
                                                                                                                                                      Mittlerweile wurden mehrere Schutzpakete verabschiedet
                                                                                                                                                      und die Beantragung von Leistungen für Adressat*innen er-        Es gilt, weiter aufmerksam zu sein und sehr genau zu be­
                     STUTTGART Seit Monaten herrscht infolge der Corona-Pandemie in der Gesellschaft der Ausnahmezustand.                             leichtert. Leistungsträger für die sozialen Dienste, die ihren   obachten, welche Folgen und Konsequenzen das Krisenma-
                     Weltweit greifen umfangreiche Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Das öffentliche Leben                     Bestand nicht mit vorrangig verfügbaren Mitteln absichern        nagement im Zuge der Corona-Pandemie für die Dienste
                     stand zeitweise nahezu still. Ausgangsbeschränkungen, Grenzkontrollen, Verhaltensregeln, die vorübergehende                      können, haben die Möglichkeit, einen Antrag auf einen Zu-        und Einrichtungen der sozialen Arbeit, aber auch für die
                     Einstellung des Betriebs an Schulen und Kindertageseinrichtungen, die Schließung von sozialen und öffentlichen                   schuss nach dem Sozialdienstleister-Einsatzgesetz (SodEG)        Profession selbst hat. Klar ist allerdings schon jetzt, dass
                     Diensten und Einrichtungen und die Frage der Aufrechterhaltung der kritischen Infrastruktur haben in den letzten                 zu stellen und erstmals wurde ein KfW-Sonderkreditpro-           es stärker denn je nötig sein wird, sich politisch zu posi-
                     Monaten nahezu alle Handlungsfelder der sozialen Arbeit betroffen.                                                               gramm zur Liquiditätssicherung speziell für gemeinnützige        tionieren und sich Gehör zu verschaffen. Die bestehende

                     I
                                                                                                                                                      Organisationen aufgelegt. Die Programme sind ein erster          soziale Infrastruktur muss auf jeden Fall erhalten bleiben.
                                                                                                                                                      Schritt. Klar ist aber auch, nicht alle werden ohne weiteres     Mehr noch: Sie muss im Zuge der weiteren Bekämpfung
                                                                                                                                                      an diesen Programmen teilhaben können und wie es mit             der Krise gestärkt und ausgebaut werden. Soziale Arbeit
                              n der Krise wurde wieder einmal deutlich, dass die       Unterschätzt und fast vergessen                                den nicht in den Sozialgesetzbüchern verankerten Leistun-        ist systemrelevant!
                              Arbeit der Sozialwirtschaft in der politischen Diskus-                                                                  gen weiter geht, ist offen. Im Zuge der Ökonomisierung
                              sion kaum Beachtung findet und auch ihre Relevanz        Die Sozialwirtschaft und hier auch der gemeinnützige           der Krise wird sich unter anderem auch zeigen, welche            »    Kontakt
                     immer wieder infrage gestellt wird. Das zeigt sich zum Bei-       Sektor ist in Baden-Württemberg eine dynamische und            Relevanz die Soziale Arbeit in unserem Sozialstaat erfährt.           Sabine Oswald, Leitung Bereich
                     spiel daran, dass nur wenige Bereiche der sozialen Arbeit als     wachsende Branche, die auf Veränderungen reagiert. Der                                                                               Krisenintervention und Existenzsicherung
                     „systemrelevant“ anerkannt sind bzw. zur „kritischen Infra-       Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz, das En-        Systemrelevant oder irrelevant?                                       Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg
                     struktur“ gehören und die Branche erst durch den Einfluss         gagement zur Integration von geflüchteten Menschen, die                                                                              oswald@paritaet-bw.de
                     der Wohlfahrtsverbände überhaupt in ein soziales Schutz-          steigende Nachfrage infolge der Alterung der Gesellschaft      Unter anderem anhand des Beispiels der Förderpraxis des               www.paritaet-bw.de
                     paket aufgenommen wurde. Verantwortliche in Politik und           oder auch zunehmende soziale Probleme führen zum               Rettungsschirmes lässt sich aufzeigen, dass soziale Arbeit
                     Gesellschaft müssten ein deutliches Interesse daran haben,        weiteren Ausbau des Angebots. Durch die Schaffung von          nicht ohne weiteres als „systemrelevant“ anerkannt wird.
                     die Relevanz der professionellen sozialen Arbeit und damit        Arbeitsplätzen und den stetigen Anstieg der Wirtschafts-       Wer am Rettungsschirm partizipieren will, muss sicherstel-
                                                                                                                                                                                                                       1 HAWK: Prof. Dr. Leonie Wagner (3. APRIL 2020). Zu den sozialen Folgen des Coronavirus.
                     auch der Sozialwirtschaft insgesamt zu erkennen und die           leistung gewinnt die Sozialwirtschaft auch mit Blick auf die   len, dass die Tätigkeit zur Bekämpfung der Pandemiefolgen          Abgerufen 14.04.2020 von https://www.hawk.de/de/newsportal/pressemeldungen/
                     soziale Infrastruktur im Land zu sichern und auszubauen.          Gesamtwirtschaft an Bedeutung (siehe Diagramm S. 5).           beiträgt. Prof. Dr. Leonie Wagner weist zurecht darauf hin,        soziale-arbeit-muss-als-systemrelevant-eingestuft-werden.

                     4        |   PARITÄTinform   | September 2020 |                                                                                                                                                                                 |   PARITÄTinform     | September 2020 |                 5
PARITÄT inform - SYSTEMRELEVANT SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE - Der Paritätische Baden-Württemberg
SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE

CORONA UND SOZIALSTAAT                                                                                                                                       JUNGE MENSCHEN

                                                                                                                                                                                                                                                                                             Garidy Sanders · Unsplash
STABILITÄT IN DER KRISE?                                                                                                                                     IN DEN BLICK NEHMEN UND STÄRKEN
Zur Bedeutung des Sozialstaats für Wirtschaft und Gesellschaft                                                                                               Zwischenbilanz in Corona-Zeiten: Eine wirksamere Jugendpolitik ist notwendig

DÜSSELDORF Der Sozialstaat zeigt in der gegenwärtigen Corona-Krise seine Stärken: Er sichert Menschen im Falle                                               STUTTGART Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie beeinflussen seit Mitte März 2020 das
des Verlustes ihres Erwerbseinkommens ab und trägt durch das Kurzarbeitergeld zur Beschäftigungssicherung                                                    soziale und wirtschaftliche Leben und damit auch das Leben von jungen Menschen. Doch wie ging es ihnen
bei. In der Krise wurden einzelne Sozialleistungen ausgebaut oder einfacher zugänglich gemacht. Beispiele sind                                               in der Zeit des Lockdowns? Was ist in der momentanen Phase der Öffnung für die Entwicklung von Jugendli-
die Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes oder der vereinfachte Zugang zur Grundsicherung.                                                     chen und jungen Erwachsenen notwendig? Was muss zukünftig beachtet werden? Ein kurzer Rück- und Aus-
Die Rentenanpassung wurde dagegen im Sommer ganz normal umgesetzt – trotz Warnungen vor vermeintlichen                                                       blick zeigt, wie junge Menschen die Corona-Zeit erlebt haben und welche Anliegen in den Blick genommen
Ungerechtigkeiten und Finanzierungsproblemen.                                                                                                                werden müssen.

Aus Sicht der Bürger*innen sorgt der Sozialstaat damit für         Diese Arbeitsteilung ist angesichts der Schließung von                                    Erste Studien und Aussagen von jungen Menschen geben            Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg begrüßt, dass die
Sicherheit – materiell, aber auch indem er zu einem Gefühl         Schulen und Kindergärten für eine Zeit lang ausgesetzt                                    einen Einblick in ihre Situation. Lange Zeit fühlten sie sich   Landespolitik den Blick auf junge Menschen über das Da-
von Stabilität beiträgt. Volkswirtschaftlich trägt er durch sei-   worden. Und auch die gewohnten Abläufe in der Alten-                                      auf politischer Ebene nur als Schüler*in bzw. Studierende       sein als reine Schüler*innen hinaus erweitert und sich in
ne Leistungen dazu bei, dass die Nachfrage nach Gütern             und Krankenpflege waren betroffen: Der gewohnte fa-                                       wahrgenommen. Die Regelung des Schulbesuchs hinterließ          einem ersten Schritt für die Öffnung der Angebote der
und Dienstleistungen stabil bleibt. Auch die Beschäftigung         miliäre Umgang wurde etwa durch Besuchssperren in                                         den Eindruck, dass es weniger um ihre Bildungssituation,        Jugendarbeit sowie der Freizeiten in den Sommerferien
in Pflegediensten, Krankenhäusern, Schulen oder Kinderta-          Seniorenheimen unterbrochen. Das Zusammenspiel von                                        sondern vielmehr um die Ermöglichung der Berufstätigkeit        eingesetzt hat.
gesstätten ist ein Teil dieses Stabilisierungsmechanismus.         staatlich regulierten und finanzierten Dienstleistungen                                   der Eltern ging. Ihre jugendspezifischen Lebensstile sind
Und die Neuregelungen von Sozialleistungen – über die im           und familiärer Sorgearbeit ist durcheinander gewirbelt                                    weggefallen, der Kontakt zu Peers eingeschränkt. Gerade         Ernsthafte Jugendpolitik in Krisenzeiten
Detail sicher gestritten werden kann – zeigen, dass Sozial-        worden. Was daraus folgt, ist alles andere als klar, au-                                  die Jugendphase hat massive Einschnitte erfahren. Wenn
politik flexibel auf Krisen reagieren kann. Der Sozialstaat        ßer dem Wunsch nach der Rückkehr zur Normalität bei                                       man bedenkt, dass diese Phase entscheidend für die eigene       Es ist grundsätzlich notwendig, die Lebenswelten, Interes-
ist damit ein wichtiges Instrument der Krisenbewältigung.          vielen Menschen.                                                                          Persönlichkeitsentwicklung, die schulische bzw. berufliche      sen und Bedarfe von jungen Menschen ernst zu nehmen,
                                                                                                                                                             Qualifizierung und die Verselbstständigung ist, verwundert      auch und insbesondere in der Pandemiezeit. Der PARITÄTI-
Die Corona-Krise ist anders als bisherige Krisen                   Was nehmen wir in die „neue Normalität“ mit?                                              es nicht, dass die Zielgruppe der jungen Menschen durch         SCHE Baden-Württemberg fordert deshalb eine wirksamere
                                                                                                                                                             die Pandemie verunsichert und belastet ist. Zudem ist noch      Jugendbeteiligung und eine Jugendpolitik, die Perspekti-
Aber: Die aktuelle Krise hat besondere Auswirkungen,               In der Krise wird damit nicht nur sichtbar, welche Rolle der                              unbekannt, wie die familiäre Situation erlebt wurde bzw. ob     ven und Anliegen von jungen Menschen ernsthaft einbe-
denn sie beeinträchtigt nicht nur die Wirtschaft und lässt –       Sozialstaat für die ökonomische und gesellschaftliche Sta-                                und inwieweit junge Menschen in der Zeit der Kontaktbe-         zieht. Durch die Corona-Pandemie wurden grundlegende
schlimm genug – Menschen um ihren Arbeitsplatz und ihr             bilität spielt. Sichtbar wird auch, welche Bedeutung soziale                              schränkungen verstärkt häusliche Gewalt erfahren haben.         gesellschaftliche Veränderungsprozesse angestoßen, die
Einkommen fürchten. Die Sorge um die Gesundheit (auch              Dienstleistungen für das alltägliche Leben der Menschen                                                                                                   eine stärkere Digitalisierung sowie ein größeres Nachhal-
um die Gesundheit anderer) und die politischen Maßnah-             haben. Es wäre wichtig und wünschenswert, diese Erfah-                                    Wirksamere Jugendbeteiligung                                    tigkeitsbewusstsein mit sich bringen werden. Bei diesen
men zur Eindämmung des Virus beeinträchtigen den Um-               rung in die „neue Normalität“ mitzunehmen und den so-                                                                                                     Zukunftsfragen ist die besondere Perspektive der jungen
gang der Menschen miteinander. Und damit ist ein Teil des          zialen Dienstleistungen die Wertschätzung und finanzielle                                 Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf junge Men-             Menschen zu berücksichtigen. Folglich muss Jugendpolitik
Sozialstaats tatsächlich in die Krise geraten. Der Sozialstaat     Ausstattung zu geben, die ihrer Rolle entsprechen.                                        schen verdienen somit mehr Aufmerksamkeit. Aktuell und          weitergedacht und -entwickelt werden, um grundsätzlich
steht nicht neben der Gesellschaft. Durch Angebote zur                                                                                                       perspektivisch ist es zwingend notwendig, sie in politische     auch in Krisenzeiten wirksam zu sein.
Kinderbetreuung aber auch durch die Finanzierung und                                                                                                         und gesellschaftliche Prozesse verstärkt miteinzubezie-
Bereitstellung professioneller Alten- und Krankenpflege            »   Kontakt                                                                               hen. Die für die Entwicklung der jungen Menschen not-           »   Kontakt
formt der Sozialstaat die Art und Weise, wie Familien leben.           Dr. Florian Blank, Wirtschafts- und                                                   wendigen Lebenswelten, der Austausch mit Gleich­altrigen            Barbara Meier
                                                                                                                                  Fotograf: Karsten Schöne

Der Ausbau der Kinderbetreuung ermöglicht es Müttern                   Sozialwissenschaftliches Institut (WSI)                                               oder der Zugang zu Vertrauenspersonen außerhalb des                 Leitung Jugend und Bildung
(und Vätern) beispielsweise, stärker am Erwerbsleben teil-             der Hans-Böckler-Stiftung                                                             familiären Umfelds waren zu wenig im Blickfeld. Umso                Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg
zunehmen. Sozialpolitik beeinflusst, was in einem Haushalt             florian-blank@boeckler.de                                                             wichtiger ist es, junge Menschen zu beteiligen und ihre             meier@paritaet-bw.de
erledigt werden muss und wer dafür zuständig ist.                      www.wsi.de                                                                            Stimme zu hören.                                                    www.paritaet-bw.de

6         |   PARITÄTinform   | September 2020 |                                                                                                                                                                                                |   PARITÄTinform   | September 2020 |   7
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SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE

    BERUFSTÄTIGE FRAUEN ZWISCHEN
    KINDERN, KARRIERE UND CORONA
                                                                                                                                                                                                                      Wie mit der Ungewissheit umgehen?
                                                                                                                                                                                                                      Vor dem Hintergrund der drei Belastungsdimensionen von
                                                                                                                                                                                                                      Einkommen, Arbeitsteilung und Bildung der Kinder über-
                             Frauen müssen durch die finanzielle Aufwertung
                                                                                                                                                                                                                      rascht es nicht, dass vorrangig berufstätige Mütter nach den
                                systemrelevanter Berufe gestärkt werden                                                                                                                                               ersten Monaten der Pandemie von Erschöpfung, Schuldge-
                                                                                                                                                                                                                      fühlen und Überforderung berichten (Andresen et al. 2020).
                                                                                                                                                                                                                      Auch die Ungewissheit, ob und für wie lange in den kom-
                                                                                                                                                                                                                      menden Monaten mit weiteren Kita- und Schulschließungen
LUDWIGSBURG Die in vielen Familien fragile Balance von Kindern und Karriere ist in den letzten Monaten                                                                                                                zu rechnen ist, beschäftigt viele weiterhin. Hier braucht es
stark durch die Corona-Pandemie aus dem Gleichgewicht gebracht worden. Schon vor COVID-19 zeigten Studien,                                                                                                            Konzepte, um flächendeckende Schließungen zu verhindern
wie sehr Eltern unter Druck stehen, berufliche Verpflichtungen mit ihrer Sorgeverantwortung für Kinder zu                                                                                                             und Quarantäneregelungen lokal zu beschränken.
vereinbaren. Im eng getakteten Familienalltag erlebte ein Teil der Eltern die Monate des „Lockdowns“
daher als willkommene Entlastung, da berufliche, schulische oder private Termine sowie Wegezeiten                                                                                                                     Mittelfristig ist es geboten, Frauen durch eine finanzielle
entfielen (Andresen et al. 2020). Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die negativen                                                                                                                     Aufwertung systemrelevanter Berufe in Pflege, Erziehung,
Auswirkungen der Corona-Krise vor allem für berufstätige Mütter überwiegen.                                                                                                                                           Sozialer Arbeit und Gesundheit zu stärken und Männer
                                                                                                                                                                                                                      mehr in die Sorgearbeit einzubinden. Es bleibt zu hoffen,

D
                                                                                                                                                                                                                      dass wenigstens ein paar der männlichen „Hoffnungsträ-
                                                                                                                                                                                                                      ger“ in ihrer Homeoffice-Zeit auf den Geschmack einer
                                                                                                                                                                                                                      gleichberechtigten Arbeitsteilung gekommen sind.
                ies gilt zunächst für die Einkommenssitua-      reduziert haben (Bünning et al. 2020). Die Sorge vor einem
                tion vieler Mütter, die auch schon vor der      „Backlash“, einer „entsetzlichen Retraditionalisierung“ (All-
                Pandemie durch familienbedingte Teilzeit-       mendinger 2020) der elterlichen Arbeitsteilung ist damit
beschäftigungen ein großes Armutsrisiko eingegangen             begründet. Allerdings scheint es eine potenzielle Chance                                                                                                  Literatur
sind. Zusätzlich hat COVID-19 eindrücklich vor Augen ge-        für mehr Gleichverteilung der elterlichen Sorgearbeit vor al-
                                                                                                                                                                                                                          Allmendinger, Jutta (2020): Die Frauen verlieren ihre Würde. In: Zeit Online, 12.05.2020.
führt, dass es vor allem Frauen sind, die in systemrelevanten   lem in den Familien zu geben, in denen die Mutter in einem
                                                                                                                                                                                                                          Andresen, Sabine; Lips, Anna; Möller, Renate; Rusack, Tanja; Schröer, Wolfgang; Thomas,
Branchen wie Pflege, Gesundheit, soziale Arbeit, Erziehung      systemrelevanten Beruf außer Haus tätig ist, während der                                                                                                  Severine; Wilmes, Johanna (2020): Kinder, Eltern und ihre Erfahrungen während der
oder dem Einzelhandel tätig sind. Trotz ihres Einsatzes an      im Homeoffice tätige Vater zuhause die Kinderbetreuung                                                                                                    Corona-Pandemie. Erste Ergebnisse der bundesweiten Studie KiCo. Hildesheim.
„vorderster Front“ zählen die Beschäftigten dieser Berufe       leistet. Gleiches gilt für Paare, in denen beide im ähnlichen                                                                                             Boll, Christina; Schüller, Simone (2020): Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos –
oft zu den „Working Poor“, für die das Einkommen kaum           Arbeitsumfang zuhause im Homeoffice arbeiten. Anlass                                                                                                      empirisch gestützte Überlegungen zur elterlichen Aufteilung der Kinderbetreuung vor,
                                                                                                                                                                                                                          während und nach dem COVID-19 Lockdown. Hg. v. Deutsches Institut für Wirtschafts­
zum Leben reicht. Der Hoffnung, Corona könnte diesen ge-        zur Euphorie ist trotzdem nicht geboten, denn je nach                                                                                                     forschung. Berlin (SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research, 1089).
sellschaftlich zentralen Tätigkeiten auch monetär zu mehr       Berechnung zählen gerade einmal sechs bis acht Prozent
                                                                                                                                                                                                                          Bünning, Mareike; Hipp, Lena; Munnes, Stefan (2020): Erwerbsarbeit in Zeiten von Coro-
Wertschätzung verhelfen, sind bislang keine Taten gefolgt.      aller Paare zu diesen „Hoffnungsträgern“ (Boll und Schüller                                                                                               na. Hg. v. Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Berlin (WZB Ergebnisbericht).
Neben diesen systemrelevanten Bereichen arbeiten Frauen         2020). Durch die Kita- und Schulschließungen wurden zu-                                                                                                   Müller, Kai-Uwe; Samtleben, Claire; Schmieder, Julia; Wrohlich, Katharina (2020):
überwiegend in Branchen, die derzeit von Kurzarbeit oder        dem Alleinerziehende besonders hart getroffen, die selte-                                                                                                 Corona-Krise erschwert Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor allem für Mütter. Er-
Entlassungen betroffen sind, wie z.B. der Gastronomie oder      ner in Homeoffice-fähigen Berufen tätig sind als Mütter in                                                                                                werbstätige Eltern sollten entlastet werden. In: DIW Wochenbericht 87 (19), S. 331–340.

Kunst und Kultur. Insbesondere die angespannte Einkom-          Paarfamilien und damit zunächst ohne jegliche Betreuung                                                                                                   Porsch, Raphaela; Porsch, Torsten (2020): Fernunterricht als Ausnahmesituation. Befunde

                                                                                                                                                                                        Walter de Gonflat · freepik
                                                                                                                                                                                                                          einer bundesweiten Befragung von Eltern mit Kindern in der Grundschule. In: Detlef
menssituation der 1,4 Millionen alleinerziehenden Mütter        auskommen mussten, bis erste Angebote für Notbetreuung                                                                                                    Fickermann und Benjamin Edelstein (Hg.): „Langsam vermisse ich die Schule…“. Schule
in Deutschland dürfte sich dadurch weiter verschärfen.          wieder öffneten (Müller et al. 2020). Welche Auswirkungen                                                                                                 während und nach der Corona-Pandemie. Münster: Waxmann, S. 61–78.
Aktuell gibt ein Drittel der Familien an, aufgrund der Pan-     die Pandemie langfristig auf die Arbeitsteilung von Müttern                                                                                               Zinn, Sabine; Bayer, Michael (2020): Subjektive Belas­tungen der Eltern durch Schulschlie-
demie größere Geldsorgen zu haben (Andresen et al. 2020).       und Vätern hat, bleibt abzuwarten.                                                                                                                        ßungen zu Zeiten des Corona-bedingten Lockdowns. Deutsches Institut für Wirtschafts-
                                                                                                                                                                                                                          forschung. Berlin (SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research).
                                                                                                                                 ihnen Erfahrungen mit E-Mail-Kommunikation oder Textver-
Spagat zwischen Beruf und Familie                               Homeoffice und Homeschooling                                     arbeitung fehlten. Zudem hatten viele Kinder kaum persönli-
                                                                                                                                 chen Kontakt zu Lehrer*innen. Hauptansprechpartner*innen
Als zweiter Belastungsfaktor erweist sich derzeit die Ar-       Ganz neue Herausforderungen stellen sich für Eltern auch         bei Fragen waren vor allem die Eltern. Gerade Alleinerziehen-
beitsteilung von Eltern beim täglichen Spagat zwischen          durch das Homeschooling von Kindern. Aufgrund mangeln­           de sowie Eltern mit einem niedrigen Bildungsabschluss fühl-                          »     Kontakt 
Beruf und Familie. Pandemiebedingt wurden Kitas und             der digitaler Schullernplattformen sowie mangelnder digitaler    ten sich in dieser Situation im Stich gelassen (Zinn und Bayer                             Prof. Dr. Johanna Possinger, Professorin
Schulen geschlossen; auch die Kinderbetreuung durch             Kenntnisse vieler Lehrer*innen erhielten die meisten Schul-      2020). Der vielfach vorhandene Anspruch von Eltern, ihre                                   für Frauen und Geschlechterfragen in
Großeltern entfiel in vielen Fällen komplett. Beides stellte    kinder ihre Aufgaben in Form von E-Mails, die das Lehrperso-     Kinder bestmöglich zu fördern, erwies sich in der Pandemie                                 der Sozialen Arbeit an der Evangelischen
berufstätige Eltern vor die gewaltige Frage, wie sie für un-    nal an die Eltern verschickte (Porsch und Porsch 2020). Selbst   oft als nicht umsetzbar, auch wenn Arbeitgeber und Medien                                  Hochschule Ludwigsburg
absehbare Zeit ihren Alltag organisieren sollen. Als Reak-      Kinder, die versiert mit dem Smartphone oder dem Tablet          kolportierten, die Gleichzeitigkeit von Homeoffice und Home-                               j.possinger@eh-ludwigsburg.de
tion sind es vor allem die Mütter, die ihre Arbeitsstunden      umgehen, hatten Probleme mit dem Lernen auf Distanz, da          schooling sei nur eine Frage der Organisation.                                             www.eh-ludwigsburg.de

8        |   PARITÄTinform   | September 2020 |                                                                                                                                                                                                        |   PARITÄTinform      | September 2020 |                    9
PARITÄT inform - SYSTEMRELEVANT SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE - Der Paritätische Baden-Württemberg
SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE

BENACHTEILIGTE
SIND BESONDERS BETROFFEN
Teilhabe und Transformation als Herausforderung
                                                                                                  I        n Baden-Württemberg waren im August rund
                                                                                                           294.000 Menschen arbeitslos gemeldet. Fast 85.000
                                                                                                           Menschen mehr als im Vorjahresmonat sind betrof-
                                                                                                  fen. Ein Anstieg um rund 40 Prozent. Bei jungen Menschen
                                                                                                  bis 25 Jahre, die den Einstieg in Arbeit suchen, gar um
                                                                                                  45 Prozent. Die kritische Situation am Arbeitsmarkt wird
                                                                                                                                                                Beschäftigungs- und Qualifizierungsunternehmen (SBU).
                                                                                                                                                                Für benachteiligte Menschen spielen SBU dabei die zentrale
                                                                                                                                                                Rolle. Umso gravierender ist es, dass gerade die SBU selbst
                                                                                                                                                                durch die Auswirkungen der Covid-19-Krise in Existenznöte
                                                                                                                                                                geraten sind.

für den Arbeits- und Ausbildungsmarkt                                                             durch die historisch hohe Kurzarbeit im Land verschärft.      Gerade in der Krise zeigt sich, dass die Strukturpolitik im
                                                                                                  Im Mai dieses Jahres bezogen nach der Hochrechnung            Bereich der Beschäftigungs- und Qualifizierungsförde-
                                                                                                  der Bundesagentur für Arbeit (BA) fast 900.000 Menschen       rung falsch ausgerichtet ist. SBU müssen unter äußerst
                                                                                                  konjunkturelles Kurzarbeitergeld. Für März bis August 2020    unsicheren strukturellen und wirtschaftlichen Rahmen-
                                                                                                  verzeichnet die BA über zwei Millionen Menschen, die von      bedingungen agieren. In der Krise werden die negativen
                                                                                                  Betrieben für eine mögliche Kurzarbeit angezeigt wurden.      Auswirkungen dieser fehlenden Verankerung der SBU als
                                                                                                  Zum Vergleich: In der Wirtschaftskrise 2008/09 betraf der     Teil der sozialen Infrastruktur deutlich. Bisher ist es nur mit
                                                                                                  Spitzenwert der realisierten Kurzarbeit im Mai 2009 rund      größter Mühe gelungen, die staatlichen Corona-Hilfen für
                                                                                                  330.000 Menschen.                                             soziale Einrichtungen auf die Erfordernisse der SBU anzu-
                                                                                                                                                                passen. Ohne weitere finanzielle Hilfen rechneten im Mai
                                                                                                  Auch am Ausbildungsmarkt ist die Krise angekommen.            rund 40 Prozent der SBU im PARITÄTISCHEN mit der end-
                                                                                                  Für endgültige Aussagen ist es hier noch zu früh. Aber die    gültigen Schließung von Betriebsteilen oder des gesamten
                                                                                                  Tendenz zeigt ebenfalls eine deutliche Negativentwicklung.    Unternehmens, bedingt durch die finanziellen Einbußen in
                                                                                                  Die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerks-        Folge der Corona-Krise.
                                                                                                  kammern im Land melden zu Beginn des Ausbildungsjah-
                                                                                                  res einen Rückgang von rund 7.300 Neuverträgen.               Krise als Chance?

                                                                                                  Benachteiligte sind besonders betroffen                       Das Bild der Krise als Chance wird derzeit häufig bemüht.
                                                                                                                                                                Ob sich dieser positive Blick auf die künftige soziale Arbeits-
                                                                                                  Die Krise betrifft gering qualifizierte und prekär beschäf-   marktpolitik übertragen lassen wird, ist offen. Für eine po-
                                                                                                  tigte Menschen besonders. Viele von ihnen können kein         sitive Wendung müssen für Betroffene mehr und zukunfts-
                                                                                                  Kurzarbeitergeld in Anspruch nehmen und verlieren ihren       fähige Angebote zur Teilhabe an Arbeit und Ausbildung
                                                                                                  Arbeitsplatz. Junge Menschen mit schlechteren Ausgangs-       geschaffen werden. Dafür brauchen SBU einen sicheren
                                                                                                  bedingungen haben deutlich geringere Chancen auf eine         und nachhaltigen Handlungsrahmen als Teil der sozialen
                                                                                                  Berufsausbildung. Diese Gruppen sind auf mehr Förderung       Infrastruktur.
                                                                                                  angewiesen. Doch die Entwicklungen der letzten Jahre und
                                                                                                  Monate weisen in die andere Richtung. Die öffentlich ge-      Der finanzielle Kahlschlag in der sozialen Arbeitsmarktpoli-
                                                                                                  förderte Beschäftigung stagniert seit Jahren auf einem viel   tik in der Wirtschaftskrise 2008/09 darf sich trotz absehbar
                                                                                                  zu niedrigen Niveau, nachdem sie seit der Wirtschaftskrise    angespannter öffentlicher Haushalte nicht wiederholen. Im
                                                                                                  2009 um mehr als siebzig Prozent zurückgefahren wurde.        Gegenteil, notwendig ist eine Beschäftigungs-, Qualifizie-
                                                                                                  Rund 65.000 langzeitarbeitslosen Menschen im Land stan-       rungs- und Infrastrukturoffensive. Diese darf sich keinesfalls
                                                                                                  den im August noch rund 5.000 Menschen gegenüber, die         allein auf Menschen beschränken, die (noch) in Arbeit sind
                                                                                                  öffentlich geförderte Arbeitsgelegenheiten oder Beschäf-      und arbeitslose Menschen aus den Augen verlieren. Das
                                                                                                  tigungsverhältnisse in Anspruch nehmen konnten. Auch          Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der BA hat
                                                                                                  die Förderung von Berufsausbildungen ist rückläufig. Die      dazu die Richtung klar aufgezeigt: „Entscheidend wird sein,
                                                                                                  Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zeigen wie ein             dauerhafte Schäden zu vermeiden. Neben den Maßnahmen
                                                                                                  Brennglas, dass in der sozialen Arbeitsmarktpolitik viel zu   zum Erhalt von Betrieben und Jobs kommt es daher darauf
                                                                                                  wenig getan wurde und wird. Nimmt man dazu die digita-        an, die Arbeitslosigkeit zügig wieder abzubauen und einer
                                                                                                  le und ökologische Transformation der Wirtschaft in den       ansonsten drohenden Verfestigung entgegenzuwirken.“
STUTTGART Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt ist in der Corona-Krise eingebrochen. Allein die      Blick, wird deutlich, vor welchen enormen Herausforde-        (vgl. https://www.iab-forum.de/der-arbeitsmarkt-in-der-
Eindämmung durch den massiven Einsatz von Kurzarbeit und Prämien für Ausbildungsbetriebe          rungen die Arbeitsmarktpolitik gerade für benachteiligte      schwersten-rezession-der-nachkriegsgeschichte/)
konnte bislang Schlimmeres verhindern. Förderungen für bereits arbeitslose Menschen und Jugend-   Menschen steht.
liche ohne Ausbildung stagnieren auf niedrigem Niveau oder gehen zurück. Gleichzeitig müssen                                                                    »   Kontakt 
viele soziale Beschäftigungs- und Qualifizierungsunternehmen ums Überleben kämpfen. Die Politik   Soziale Beschäftigungs- und                                       Ralf Nuglisch, Leitung Bereich
muss darauf schnell reagieren, zumal die ökologische und digitale Transformation auch in der                                                                        Arbeit und Qualifizierung
                                                                                                  Qualifizierungsunternehmen in der Krise
sozialen Arbeitsmarktpolitik erhebliche Anstrengungen fordert.                                                                                                      Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg
                                                                                                  Teilhabe an Erwerbsarbeit, Ausbildung und berufliche              nuglisch@paritaet-bw.de
                                                                                                  Qualifizierung und Integration sind Aufgabe der sozialen          www.paritaet-bw.de

10       |   PARITÄTinform   | September 2020 |                                                                                                                                     |   PARITÄTinform   | September 2020 |   11
PARITÄT inform - SYSTEMRELEVANT SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE - Der Paritätische Baden-Württemberg
SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE

FAMILIEN: GRÖSSTER PFLEGEDIENST
IN DEUTSCHLAND
Corona-Pandemie bremst Unterstützungs-                                                                                                                          Foto:
                                                                                                                                                               Tagespflege
und Entlastungsangebote                                                                                                                                       Ostfildern

                                                                                                                                                                                               In der Zeit, in
                                                                                                                                                                                             der meine Mutter

                                                                              Die bekannten                                                                                            in der Betreuungsgruppe
                                                                                                                                      In der Sitztanzgruppe
                                                                               Gesichter und                                                                                            ist, kann ich nun wieder
                                                                                                                                      haben wir immer viel
                                                                        freundlichen Mitarbeiter                                                                                       in Ruhe einkaufen gehen.“
                                                                                                                                   Spaß. Endlich können wir
                                                                           haben mir gefehlt.“                                    wieder zusammen lachen,                                                                 Foto: free to use
                                                                                                                                                                                                                        sounds · unsplash
         Ich bin froh,                                                                                                              auch wenn wir Abstand
      dass ich nach der                                                                                                                halten müssen.“
 Corona-Zwangspause die
Tagespflege wieder besuchen
  kann, um unter meines­
 gleichen zu sein. Das finde
                                                                                                 Mein Vater vermisst                                                                                Ich freue mich, dass
      ich sehr schön!“
                                                                                               die Betreuungsgruppe.                                                                              die Tagespflege wieder
                                                                                               Leider bekommt er                                                                              geöffnet hat. Endlich wieder
                  Foto: ASB                                                                 Luftnot mit der Maske.“                                                                            ein Stück Normalität und
                                                                                                                                                                                                Abwechslung im Alltag.“

                                                                                                                                                                                                       Foto: Joachim Schwarz,
                                                                                                                                                                                                      Tagespflege Ostfildern

STUTTGART In Deutschland werden laut statistischem          Lockdown hinterlässt Spuren                                    einer Herausforderung                                                   Diese Angebote sind jedoch gesetzlich an fes-
Bundesamt 76 Prozent der pflegebedürftigen Menschen                                                                        wurden. Dabei spielen,                                                 te Erbringungsorte gebunden. Es müssen also
in der eigenen Häuslichkeit gepflegt. Alleine in Baden-     Mit dem Lockdown und Sozial Distancing der Corona-             neben der Angst vor Anste-                                           zukünftig im Rahmen von Pandemieplänen Wege
Württemberg entspricht dies 302.290 Menschen. Davon         Pandemie wurden die Unterstützungs- und Entlastungs-           ckung, emotionale Beziehungen                                    geschaffen werden, die Angebote, wie beispielsweise
werden 226.987 ausschließlich von Angehörigen gepflegt.     angebote sowie die Förderung von Fähigkeiten, z. B. durch      und Kohärenz innerhalb der Fami­                              Tagespflege-„Zuhause“ oder spezielle Betreuungseinheiten
                                                            Betreuungsgruppen, Tagespflege und Pflegekurse, weitge-        lien eine Rolle.                                              zur Förderung von Fähigkeiten „zuhause“, als professionelle
Die Pflegeversicherung folgt dem Grundsatz, pflegebe-       hend stillgelegt, bestenfalls konnten sie nur in sehr einge-                                                                 Leistungen in der Häuslichkeit zu ermöglichen. Neben der
dürftigen Bürger*innen so lange wie möglich ein Leben       schränktem Maße durchgeführt werden.                           Blick in die Zukunft                                          dauerhaften Aufwertung der Pflegeberufe ist auch an den
zu Hause zu ermöglichen. Unterstützung erhalten sie von                                                                                                                                  größten „Pflegedienst“ in Deutschland – die pflegenden
pflegenden Angehörigen. Zur Entlastung und Stabilisie-      Die Pandemie-Maßnahmen zum Schutz der vulnerablen Ri-          Das Wegbrechen elementarer stabilisierender Strukturen        Angehörigen – zu denken.
rung der häuslichen Pflegesituationen wurde innerhalb       sikogruppe der älteren und pflegebedürftigen Menschen          in der häuslichen Pflege und Betreuung muss zukünftig
der Pflegeversicherung ein Netzwerk von Beratungs-,         haben Spuren hinterlassen. In der Gruppe der pflegebe-         vermieden werden, um stabile Pflegesituationen in der
Schulungs-, Betreuungs- und Unterstützungsangeboten         dürftigen Menschen zeigen sich Rückschritte der kogniti-       Häuslichkeit zu gewährleisten. In Lockdown-Zeiträumen         »   Kontakt
aufgebaut. Der Besuch einer Tagespflege oder einer spezi-   ven und körperlichen Fähigkeiten, die im Besonderen in der     für soziale Einrichtungen wäre gerade für Menschen mit            Angela Querfurth, Leitung Bereich
alisierten Betreuungsgruppe (z. B. für Menschen mit einer   Kommunikations- und Bewegungsfähigkeit der Betroffenen         einer demenziellen Erkrankung der Kontakt sowie die För-          Ältere Menschen und Pflege
Demenzerkrankung) dienen neben der Entlastung pflegen-      sichtbar werden. Pflegende Angehörige berichten, dass die      derung und Erhaltung von Fähigkeiten durch qualifiziertes         Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg
der Angehöriger der Förderung von kognitiven und phy­       veränderten Routinen innerhalb der Familien und des All-       Betreuungs- und Pflegepersonal der Tagespflege oder spe-          querfurth@paritaet-bw.de
sischen Fähigkeiten pflegebedürftiger Menschen.             tags sowie die fehlenden Förderungen von Fähigkeiten zu        zialisierter Betreuungsgruppen wichtig.                           www.paritaet-bw.de

12        |   PARITÄTinform   | September 2020 |                                                                                                                                                               |   PARITÄTinform      | September 2020 |   13
PARITÄT inform - SYSTEMRELEVANT SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE - Der Paritätische Baden-Württemberg
SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE

AUSWIRKUNGEN DER
CORONA-PANDEMIE
AUF DIE FREIWILLIGENDIENSTE                                                                                                                                                                            Durch eine persön­liche und zugewandte Begrüßung
Erfahrungen der PARITÄTISCHEN Trägerorganisationen                                                                                                                                                     am Telefon oder über videobasierte Gespräche
                                                                                                                                                                                               können die Freiwilligen unsere Haltung ihnen gegenüber –

STUTTGART Im Bereich des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg leisten jedes Jahr rund 3.500                                                                                                         „Sie sind uns wichtig, wir sind für Sie auch virtuell da“ –
meist junge Menschen einen Freiwilligendienst. Freiwillige im FSJ und im Bundesfreiwilligendienst                                                                                              erfahren und damit Vertrauen aufbauen. Auch bei
haben in der schwierigen Corona-Zeit in vielen Bereichen mitgeholfen, die verschiedensten Perso-                                                                                               Bewerber*innen mit hohem Unterstützungsbedarf lassen
nengruppen in der sozialen Arbeit mitzuversorgen, zu betreuen und zu begleiten. Zugleich mussten
                                                                                                                                                                                               sich in ausführlichen Gesprächen Lösungen finden, welche
sie selbst wie auch die Einsatzstellen und die sieben PARITÄTISCHEN Träger der Freiwilligendienste
                                                                                                                                                                                               Einsatzstelle geeignet sein könnte. Diese Gesprächskultur ist
mit vielen Einschränkungen und Veränderungen fertig werden. Informationen zum FSJ/BFD beim
PARITÄTISCHEN unter www.paritaet-bw/freiwilligendienste oder #jetzterstrechtfreiwillig.                                                                                                        für den Träger mit Mehraufwand verbunden. Die obligatori-
                                                                                                                                                                                               schen Hospita­tionen in den Einsatzstellen werden derzeit
                                                                                                                                                                                               meist durch Einzelgespräche oder Skype-Gespräche mit
                                                                                                                                                                                               den Einsatzstellen ersetzt – ein weiterer Nachteil.“

W
                                                                                                                                                                                               Gisela Gölz
                                                                                                                                                                                               Gesamtleitung Freiwilligendienste Wohlfahrtswerk
                                                                                                                                                                                               für Baden-Württemberg
                    ie in vielen anderen Bereichen mussten      die Zeit der Reduzierung oder Freistellung zu gewähren.
                    sich die Freiwilligen, die Einsatzstellen   Eine Beschäftigung in anderen, nicht betroffenen Einsatz-
                    und die Träger von heute auf morgen         bereichen der Einsatzstelle ist möglich. Sind Freiwillige und
und täglich aufs Neue bisher nicht bekannten Herausfor-         die Einsatzstelle einverstanden, ist ein Einsatz auch außer-
derungen stellen. Von Anfang an galt es dabei zu beherzi-       halb der Einsatzstelle in einem erweiterten Einsatzbereich
gen, dass die Sicherheit der Freiwilligen ebenso wie die des    möglich.
anderen Personals und der Adressaten der sozialen Arbeit
absolut im Vordergrund steht.                                   Unter den Teilnehmer*innen ist es nur ganz vereinzelt zu        Kommunikation im virtuellen Raum                               Auswirkungen auf die Freiwilligendienste
                                                                Infektionen gekommen, nur wenige haben den Dienst
Keine Entbindung von der Dienstpflicht                          abgebrochen und sind ausgeschieden. Einige mussten              Wegen der Kontaktbeschränkungen war ein Ersatz für die         Inzwischen sind bei allen Trägern umfangreiche Erfahrun-
                                                                auf andere Einsatzstellen umgesetzt werden. Zu großen           begleitenden pädagogischen Seminare eine ganz beson-           gen im Umgang mit den Auswirkungen der Corona-Pan-
In den Freiwilligendiensten war und ist von den zuständi-       Problemen ist es wegen Ein-/Ausreisebeschränkungen bei          dere Herausforderung. Hier musste in sehr kurzer Zeit auf      demie gesammelt worden, sodass die Dienste bei ihrem
gen Behörden vorgegeben, dass die Freiwilligen während          ausländischen Teilnehmer*innen gekommen.                        „Online-Seminarbetrieb“ umgestellt werden, d. h. geeignete     zukünftigen Tun weiterhin Lernchancen, Hilfsbereitschaft,
der aktuellen Ausnahmesituation nicht grund-                                                                                    Plattformen mussten gefunden und erprobt, das pädagogi-        Solidarität und Engagement für den Zusammenhalt der
sätzlich von der Dienstpflicht entbunden sind.                                                                                  sche Personal eingewiesen, Inhalte der Seminar-Curricula       Gesellschaft praktizieren und in den Vordergrund stellen
Wenn Einsatzstellen jedoch aufgrund behörd-                 Eindringlich war die Situation bei zwei sehr engagierten            teilweise mit viel Improvisation onlinetauglich umgestrickt,   können. Die Inlandsfreiwilligendienste, so das vorläufige
licher Auflagen oder eigener Entscheidungs-                 Incomern, die im Heimaturlaub waren, im Lockdown nicht              möglichst interaktive Kommunikationsformen gefunden            Fazit von Britta Möller, Projektleitung FSJ bei den Freunden
befugnis ihren Betrieb einstellen oder die                                                                                      und die Einsatzstellen mit ihrem Praxisbezug einbezogen        der Erziehungskunst Rudolf Steiners, sind quasi „mit einem
                                                    zurück nach Deutschland kamen und Sorge hatten um ihren Platz
Gesamtsituation ein Gefährdungspotenzial                                                                                        werden.                                                        blauen Auge“ davongekommen. Anders sieht es bei den
erkennen lässt, das die ordnungsgemäße              in der Einsatzstelle, um ihren Sprachkurs und die 12-monatige                                                                              Auslandsfreiwilligendiensten aus: Dort kann der Betrieb, je
Durchführung des Freiwilligendienstes in            praktische Tätigkeit, was sie beides für die angestrebte Ausbildung         Vorübergehend war die Gesamtsituation der Dienste              nach Empfehlung des Auswärtigen Amtes voraussichtlich
Frage stellt, kann der Dienst reduziert oder        in Deutschland benötigten. Letztendlich stiegen sie nach einer              durchaus als recht problematisch einzuschätzen. Nach           im Herbst wieder aufgenommen werden.
durch Freistellung unterbrochen werden. Bei                                                                                     temporären Einbrüchen haben zwischenzeitlich die Be­
                                                    längeren Pause wieder in den Dienst ein, nachdem sie per Fähre,
einer Reduzierung oder Freistellung können                                                                                      werber*innenzahlen für die Freiwilligendienste ab Herbst       »   Kontakt 
                                                    Bus und Bahn nach Europa zurückkehren konnten. Sie verlängern
die Freiwilligen nicht verpflichtet werden,                                                                                     2020 wieder den Vorjahresstand erreicht, teilweise lie-            Dr. Hermann Frank
den ausgefallenen Dienst nachzuholen oder           nun ihre Dienstzeit und planen ihre berufliche Zukunft weiter.              gen sie sogar darüber. Doch bei Kontakten mit den neu-             Freiwilligenengagement
für diese Zeit Urlaub zu nehmen. Die mit                                                                                        en Interessent*innen tun sich ebenfalls Hürden auf. Hier           Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg
den Freiwilligen vereinbarten Leistungen (Ta-       Rahel Röhner                                                                spielt sich nun die Kommunikation vor allem im virtuellen          engagement@paritaet-bw.de
schengeld, Sozialversicherung) sind auch für        Betriebsleitung Freiwilligendienste Reha Südwest                            Raum ab.                                                           www.paritaet-bw.de

14         |   PARITÄTinform   | September 2020 |                                                                                                                                                                 |   PARITÄTinform   | September 2020 |   15
PARITÄT inform - SYSTEMRELEVANT SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE - Der Paritätische Baden-Württemberg
SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE

VON GARTENZAUN-PÄDAGOGIK
UND KOOPERATIONEN
Herausforderungen und Erfahrungen der Schulsozialarbeit im Lockdown                                                                                                                                                                                                                         Reproduktions-Faktor unter 1
                                                                                                                                                                                                                                                                                            • Soziale Distanz
                                                                                                                                                                                                                                                                                            • Hygienemaßnahmen
TÜBINGEN Schulschließungen, Kontaktverbote und ständig wechselnde Vorgaben haben besonders in der Hoch-                                             Letzter Schultag                                                                                                                        • Raum- und Gruppenkonzepte
                                                                                                                                                                                                                                 Schulen
phase der Pandemie im April dieses Jahres die Träger und Mitarbeiter*innen der Schulsozialarbeit und Sozialer                                                                                                                  schritt- und
                                                                                                                                                                                                                                                                                            • Herden-Immunität?
                                                                                                                                                                                                                                                                    Schulen
                                                                                                                                 Schulschließung                          Shut Down                                            stufenweise                        wieder für                • Medikamente
Gruppenarbeit vor Herausforderungen gestellt. Die Aufgabe war klar: Der Kontakt zu den Schüler*innen muss                                                                                                                                                                                   • Impfstoff
                                                                                                                                   angekündigt                            Schulen zu                  Osterferien                geöffnet                        alle geöffnet
gehalten werden – um Notlagen zu erkennen, Familien zu entlasten und schnelle, unbürokratische Hilfe leisten
zu können.

D
                                                                                                                                    13.3.2020         16.3.2020          17.3.2020             6.4.2020 - 18.4.2020             4.5.2020                        ................. 2021 ................. 2022

                                                                                                                                  Eintritt in den „Krisenmodus“

               er bisher gewohnte Rahmen war von einem         Neue Formen des Miteinanders schaffen                                                                                    Orientierung, Analyse, Anpassung Bedarfe und Angebote
               auf den anderen Tag nicht mehr gegeben.
               Der persönlicher Austausch, kurze Gesprä-       Um in der herausfordernden Zeit dennoch weiterhin Ge-                                                                                                    Metaperspektive, Restrukturierung zur strategischen Neuausrichtung

che und ausgiebige Beratungssituationen mit                                 meinschaft zu erleben, wurden offene, pro-
                                                                                                                                                                                                                                                            Transformationsprozesse und Auswirkungen der Krise
einzelnen Schüler*innen sowie präven-                                            jektartige Angebote entwickelt und in
tive Angebote fielen weg. Neue Zu-                                                   ihrer Wirkung ausgewertet. Mit viel
gangswege und Angebotsformen                                                            Kreativität und Fantasie wurden
mussten entwickelt, ausprobiert                                                            Angebote zur aktiven Kontakt-         • Emotionale Begleitung der Kinder und Eltern         • Teamkommunikation             • Orientierung und Neu-          •    Gesamtgesellschaftliche Folgen
                                                                                                                                 • Vorbereitung krisenbegleitender Maßnahmen             per Videokonferenz              ausrichtung anhand der         •    Sozialpolitische Folgen
und ständig weiterentwickelt                                                                aufnahme entwickelt, auspro-                                                               • Bedarfsermittlung               bestehenden Leitlinien         •    Psychosoziale Folgen
werden. Das erwies sich häu-                                                                  biert und bei Erfolg verbreitet.                                                         • Priorisierung                   und Konzeptionsbausteine       •    Finanzielle Folgen
fig als ein Spagat zwischen                                                                    Ein tolles Beispiel: In Zusam-                                                          • Reflexion von Angebots-       • Strategische Chancen und       •    Sozialräumliche Folgen
                                                                                                                                                                                         strukturen, Kontakte zu         Risiken                        •    Individuelle Veränderungsprozesse in Lebensläufen
den gesetzlichen Vorgaben,                                                                     menarbeit mit der Kollegin                                                                Kindern, Jugendlichen         • Handlungsrahmen
professionellen Einstellun-                                                                    des von der Kinderlandstif-                                                               und Familien                  • Handlungsmöglichkeiten
                                                                                                                                                                                                                       • Maßnahmen und Ziele
gen, persönlichen Möglich-                                                                     tung Baden-Württemberg
keiten und pragmatischen                                                                       geförderten Projektes zur
Gegebenheiten.                                                                                Förderung von Teilhabe und
                                                                                             Chancengleichheit „Muki (Mu-               unersetzlich. Die Investitionen und Zeit, die in den letzten                      Armutsbelastung als zentrale Herausforderung
Brücken bauen trotz                                                                        tige Kinder)“ haben die Fachkräf-            Jahren in das „Tübinger BUS-Konzept“ geflossen sind, ha-
                                                                                         te der schulbezogenen Angebote                 ben sich in der Krise ausgezahlt.                                                 Im Brennglas der Pandemie und in der aufsuchenden Ar-
sozialer Distanz
                                                                                      die Plattform einer Kinderzeitung                                                                                                   beit wurde deutlich, dass wir es verstärkt mit einer großen
Sorgentelefone, die rund um die Uhr                                               genutzt, um Ammerbucher Kinder die                    Sorgen der Fachkräfte ernst nehmen                                                Bandbreite an – auch digitalen – Armutsbelastungen von
erreichbar waren, Besuche am Gartenzaun                                       Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken und                                                                                                     Kindern, Jugendlichen und Familien zu tun haben. Vor al-
der Familien, kleine Päckchen mit Bastel-, Spiel-                    Bilder zu Corona auszudrücken. Das Ergebnis ist be-                Sozialpädagogische Fachkräfte sind selbst Menschen mit                            lem diese Familien sahen sich in der Krise oft mit massiven
und Informationsmaterial, aber auch die Versorgung mit         eindruckend:                                                             ihren jeweiligen Grundkonstitutionen. Während der Pande-                          Zukunftsängsten konfrontiert. Die Auswirkungen bei den
Mund-Nasen-Schutz-Masken für die Kinder und Hilfe im           http://www.grundschule-poltringen.de/wp-content/up-                      mie-Krise mussten sich die Fachkräfte mit eigenen Ängsten                         Kindern und Jugendlichen: fehlende Lernmotivation und
Umgang mit sowie bei der Beschaffung von digitalen Me-         loads/2020/05/2.Ammerbucher-Kinderzeitung_HP.pdf.                        und Unsicherheiten beschäftigen. Sorgen um gefährdete                             Absentismus auch im Fernunterricht. Viele Familien verfü-
dien beschäftigte die Kolleg*innen in der ersten Zeit. Eini-                                                                            Angehörige, die eigene Gesundheit sowie familiäre Her-                            gen nicht einmal über einen Zugang zum Internet, um die
ges konnte aus dem Homeoffice erledigt werden – Anrufe         Kooperation als Basis erfolgreicher Arbeit                               ausforderungen im Homeoffice mit den eigenen Kindern                              digitalen Angebote zu nutzen. Aufgabe von Schulsozialar-
bei einzelnen Kindern, Austausch mit Lehrkräften und der                                                                                auf dem Schoß oder die Angst vor Kurzarbeit beschäftigten                         beit wird es in Zukunft auch sein müssen, Familien diesbe-
Austausch im Team.                                             Basis der Arbeit ist – und war in dieser Zeit deutlich zu                viele Kolleg*innen. Diesen Sorgen immer wieder Raum zu                            züglich zu unterstützen und den Diskurs über Teilhabe und
                                                               spüren – die gelingende Kooperation zwischen Schule                      geben, war notwendig, um die herausfordernde Arbeit un-                           Chancengerechtigkeit voranzubringen.
So gelang es, die Kontakte zu und zwischen den Kindern zu      und Jugendhilfe. Die Ausgestaltung der schulbezogenen                    ter den gegebenen Umständen professionell und mit Erfolg
halten und Möglichkeiten zu bieten, Alltagserfahrungen mit-    Angebote unter diesen besonderen Rahmenbedingungen                       leisten zu können. Hilfreich waren dabei der einrichtungs-                        »   Kontakt
einander zu teilen und ein Gemeinschaftsgefühl zu erhalten.    konnte nur in einer kontinuierlichen Verständigung mit der               interne sowie überregionale Austausch im Einzelgespräch,                              Axel Eisenbraun-Mann, Bereichsleitung
Wichtig dafür war der direkte, aufsuchende Kontakt auch zu     Schulleitung, Lehrerkolleg*innen und den Betreuungsfach-                 im Team und mit externer Beratung. Belastungen der Fach-                              schul- und gemeinwesenbezogene Angebote
den Eltern, der während der ersten Monate der Schulschlie-     kräften vor Ort gelingen. Mit Blick auf das gemeinsame                   kräfte und Herausforderungen des Kinderschutzes während                               kit-jugendhilfe (ehemals Martin-Bonhoeffer-Häuser)
ßung deutlich intensiviert wurde und der in vielen Fällen      Ziel, „gefährdete“ Schüler*innen nicht zu übersehen, ist                 der Schulschließungen müssen Beachtung finden und im                                  axel.eisenbraun-mann@kit-jugendhilfe.de
über die Sommerwochen positiv und nachhaltig wirkt.            eine gewachsene Vertrauensbasis in der Zusammenarbeit                    Ausgleich zueinander stehen.                                                          www.kit-jugendhilfe.de

16        |   PARITÄTinform   | September 2020 |                                                                                                                                                                                                    |   PARITÄTinform       | September 2020 |                   17
PARITÄT inform - SYSTEMRELEVANT SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE - Der Paritätische Baden-Württemberg
SOZIALE ARBEIT IN DER CORONA-KRISE

                DIE JETZIGE ZEIT
              ZUR B E S T E N MACHEN
                                                                                                   S          chon früh wurden mögliche Szenarien und ge-
                                                                                                              eignete Maßnahmen bedacht. Der Lockdown in
                                                                                                              Baden-Württemberg mit Schulschließungen etc.
                                                                                                   kam dann doch so kurzfristig, dass es nur wenig Vorberei-
                                                                                                   tungszeit gab. Schnell wurde deutlich, dass social-distancing
                                                                                                   nicht zur Arbeit der Einrichtung passt. Das Kindersolbad
                                                                                                                                                                    Lockdowns in ihren Familien verbringen, auch aus Aspekten
                                                                                                                                                                    des Kinderschutzes. Sie blieben in der Einrichtung, ihr Bewe-
                                                                                                                                                                    gungsspielraum musste sehr stark eingeschränkt werden,
                                                                                                                                                                    weil aus Sicherheitsgründen keine Kontakte zwischen den
                                                                                                                                                                    Wohngruppen und keine Kontakte nach außen während der
                                                                                                                                                                    ersten Phase zugelassen wurden. Die Gruppen waren auf sich
                                                                                                   wollte nicht wie die Schulen einfach „schließen“, sondern        selbst zurückgeworfen und mussten sich neu organisieren.
            Mit viel Kreativität social-distancing überwinden                                      Wege finden, die notwendige Einschränkung persönlicher
                                                                                                   Kontakte möglichst auf andere Weise auszugleichen. Wohl          Kontakt per Gruppenolympiade
                                                                                                   dem, der kreative, engagierte und unerschrockene Mitar-
                       HEILBRONN Wie alle gesellschaftlichen Bereiche wurde auch das Kinder-       beitende hat, die oft bereit sind, ihre persönliche Sicherheit   Die Wohngruppe Delphine sah ihren Alltag ganz schön auf
                       solbad vor Herausforderungen gestellt, mit denen noch niemand in der        hinter den Bedürfnissen der jungen Menschen anzustellen.         den Kopf gestellt. Die größte Herausforderung war das Home-
                       Weise konfrontiert war. Vieles musste schnell entschieden und organisiert                                                                    schooling mit unzähligen E-Mails von Lehrer*innen und Unter-
                       werden und man konnte besonders zu Anfang wenig auf Hilfe anderer           JuLe bringt Überraschungstüten                                   richt per Videokonferenz, was sich aber recht bald eingespielt
                       Institutionen und Systeme hoffen, auch wenn alle ihr Bestes gaben.                                                                           hatte. Auch wenn es den Jugendlichen oft schwerfiel, sich an
                                                                                                   Für die Kinder in den JuLe-Angeboten (soziale Gruppenar-         die strengen Ausgangsbeschränkungen zu halten und ihre
                                                                                                   beit) und in der Erziehungsbeistandschaft (EBS) bedeutete        Schulaufgaben selbstständig zu organisieren, gaben alle ihr
                                                                                                   der Lockdown von heute auf morgen keine Schule, keine            Bestes. Um die Zeit der reduzierten Kontakte für den Zusam-
                                                                                                   Vereine, keine Treffen mit Freunden und erst mal auch keine      menhalt der Gruppe zu nutzen, wurde der Dachterrasse neu-
                                                                                                   JuLe oder EBS wie gewohnt. Es war eine besondere Heraus-         er Glanz verliehen und viele Ausflüge in die Natur gemacht.
                                                                                                   forderung den Kontakt zu jungen Menschen und Familien            Corona-Zeit bedeutet für die Gruppe Durchhalten, neue
                                                                                                   zu halten. Trotzdem sollte überall „präsent“ geblieben wer-      Wege gehen und gemeinsam Verantwortung übernehmen.
                                                                                                   den, wo Aspekte von Kindeswohlgefährdung eine wesentli-
                                                                                                   che Rolle spielen bzw. sich solche Gefährdungslagen durch        Eine Gruppenolympiade hat geholfen, den Kontakt zwi-
                                                                                                   die soziale Isolierung ergeben könnten.                          schen den Wohngruppen zu halten. Mit sehr abwechs-
                                                                                                                                                                    lungsreichen Aufgaben waren die jungen Menschen und
                                                                                                   Es galt „Corona-taugliche“ Alternativen zu schaffen. Regel-      die Pädagog*innen gefordert, in unterschiedlichen Konstel-
                                                                                                   mäßiger, teilweise intensiver telefonischer Kontakt mit Eltern   lationen mit- und gegeneinander im Wettkampf anzutreten.
                                                                                                   und Kindern war selbstverständlich. Um auch persönlich in        Neben schönen gemeinsamen Erlebnissen als Gruppe sind
                                                                                                   Kontakt zu bleiben, ließ sich die JuLe etwas Besonderes ein-     z. B. Corona-Raps, Gedichte oder witzige Fotos entstanden.
                                                                                                   fallen: Zweimal erhielten die Familien Überraschungstüten
                                                                                                   mit einem kleinen Briefchen mit der JuLe-Handynummer für         Digitale Medien haben vieles erleichtert
                                                                                                   Notfälle und bei Gesprächsbedarf, mit Süßigkeiten, Spiel-
                                                                                                   und Bastelideen, Anregungen für gemeinsame Aktionen,             „Corona“ hat den ewigen Streit um das Ausmaß der Nut-
                                                                                                   mit Rezepten, Rätseln, Bastelmaterial, Spielen, Farbstiften,     zung digitaler Medien eindeutig in Richtung Digitalisierung
                                                                                                   Malpapier und einer kleinen „Auszeit“ für die Eltern – Tee       verschoben und das nicht nur bei den Professionellen. Diese
                                                                                                   und Schokolade mit der Anleitung für eine kleine Pause, die      Medien wurden intensiv genutzt, um den Kontakt der jun-
                                                                                                   an die Haustür gebracht wurden. Kinder und Eltern freuten        gen Menschen zu Eltern, Familie und Freunden zu halten
                                                                                                   sich riesig über die kleinen Besuche, die Gespräche auf Ab-      und um auch selbst mit den Familien in engem Austausch
                                                                                                   stand und natürlich die „tollen Wundertüten“!                    zu bleiben. Dennoch waren alle froh, nach und nach wieder
                                                                                                                                                                    persönliche Kontakte unter entsprechenden Hygiene- und
                                                                                                   Nach dem Motto: „Nicht warten, bis die beste Zeit kommt,         Sicherheitsvorkehrungen in der Einrichtung und Beurlau-
                                                                                                   sondern die jetzige zur besten machen“ hat sich die EBS          bungen zu den Familien ermöglichen zu können.
                                                                                                   den Herausforderungen gestellt. Anfangs fanden die Termi-
                                                                                                   ne über (Video)Anruf statt. Dann gab es persönliche Termine      Das Kindersolbad hofft, dass nicht noch einmal intensivere
                                                                                                   im Freien, im frisch bepflanzten JuLe-Garten, gemeinsame         Einschränkungen notwendig werden. Falls doch, kann es
                                                                                                   Spaziergänge auch mit Regenschirm. Neuaufnahmen und              auf die Erfahrungen aus der Vergangenheit zurückgreifen,
                                                                                                   Hilfeplanfortschreibungen auf Parkbänken, in Gärten der Fa-      um auch kommende Anforderungen zusammen mit jungen
                                                                                                   milien, mit dem Jugendamt am Telefon und mit Masken im           Menschen und ihren Familien gut zu bewältigen.
                                                                                                   Gesicht waren stellenweise herausfordernd aber durchaus
                                                                                                   machbar und ermöglichten es weiterhin, an den Zielen der
                                                                                                   jungen Menschen zu arbeiten.                                     »   Kontakt
                                                                                                                                                                        Ariane Hornung-Linkenheil, Geschäftsführung
                                                                                                   Das Kontrastprogramm fand sich in den Wohngruppen.                   Kindersolbad gGmbH Bad Friedrichshall
                                                                                                   Nur wenige junge Menschen konnten die Zeit des strengen              ariane.hornung@kindersolbad.de, www.kindersolbad.de

18      |   PARITÄTinform   | September 2020 |                                                                                                                                         |   PARITÄTinform   | September 2020 |   19
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