ZOOLOGIE 2016 Mitteilungen der Deutschen Zoologischen Gesellschaft - Deutsche Zoologische Gesellschaft eV
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ZOOLOGIE 2016
ZOOLOGIE 2016 . Mitteilungen der Deutschen Zoologischen Gesellschaft
Herausgegeben von
Mitteilungen Rudolf Alexander Steinbrecht
der Deutschen Zoologischen Gesellschaft
108. Jahresversammlung
Graz 9.-12. September 2015
Biohistoricum im Zoologischen Museum
Alexander Koenig · Bonn
Basilisken-Presse · Rangsdorf00_Titelei Seite_1 - 4_2015_Titelei_2010.qxd 12.08.2016 09:52 Seite 1
ZOOLOGIE 2016
Mitteilungen
der Deutschen Zoologischen Gesellschaft
Herausgegeben von Rudolf Alexander Steinbrecht
108. Jahresversammlung
Graz 9.- 12. September 2015
Basilisken-Presse Rangsdorf
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Umschlagbild
Die Große Sackflügelfledermaus, Saccopteryx bilineta, ist das Fokus-Versuchstier der
Walther-Arndt-Preisträgerin Mirjam Knörnschild (s.a. ihren Beitrag „Kommunikation
und Kognition bei Fledermäusen“ in diesem Heft). Foto: Mike Corey
Die Mitteilungen der Deutschen Zoologischen Gesellschaft
erscheinen einmal jährlich.
Einzelhefte sind bei der Geschäftsstelle (Corneliusstr. 12, 80469 München),
zum Preis von 7,00 € erhältlich.
Gestaltung:
Klaus Finze ProSatz&Gestaltung, Neuburg /Donau
Druck:
REISIG
Druck und Service
Mittelweg 5
92237 Sulzbach-Rosenberg
Copyright 2016 by Basilisken-Presse
im Verlag Natur & Text in Brandenburg GmbH . Rangsdorf
Printed in Bundesrepublik Deutschland
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Inhalt
Susanne Dobler 5 Grußwort der Präsidentin der Deutschen
Zoologischen Gesellschaft
Friedrich G. Barth 7 125 Jahre 'Deutsche Zoologische
Gesellschaft' (DZG) - von der Zootomie
zur Epigenetik und Kognitionsforschung
Heiner Römer 21 Geschichte der Zoologie in Graz
Bernhard Misof 27 Laudatio:
Horst-Wiehe-Preis an Alexander Blanke
Alexander Blanke 29 Das Palaeoptera Problem und die
Evolution des Kopfes innerhalb der
Dicondylia
Harald Wolf 37 Laudatio:
Walther-Arndt-Preis an Mirjam Knörnschild
Mirjam Knörnschild 41 Kommunikation und Kognition von
Fledermäusen
47 Werner-Rathmayer-Preis
der Deutschen Zoologischen Gesellschaft
Albert Fischer 49 Fortpflanzungsbiologische Vielfalt
bei Polychaeten - Wie Platynereis
dumerilii zur Musterspezies wurde
Jürgen Jost 73 Nachruf auf Olaf Breidbach
8. 11. 1957 – 22. 7. 2014
Reinhard Lakes-Harlan 85 Nachruf auf Fritz Jauker
Dieter Selzer 85 15. 3. 1938 - 7. 10. 201400_Titelei Seite_1 - 4_2015_Titelei_2010.qxd 12.08.2016 09:52 Seite 4
Reinhard Lakes-Harlan 87 Nachruf auf Rupert Schmidt
Donato Penninella 85 30. 9. 1950 - Weihnachten 2014
Roland Lill, Jude M. Przyborski, 89 Nachruf auf Klaus Lingelbach
Eberhard Bremer, 85 13. 11. 1955 - 3. 9. 2015
Renate Renkawitz-Pohl, Uwe G. Maier, 85
Alfred Batschauer 85
Dirk Brandis, Ingrid Kröncke 93 Nachruf auf Michael Türkay
85 3. 4. 1948 – 9. 9. 201501_Dobler Susanne_5-6_03_Penzlin.qxd 12.08.2016 10:00 Seite 5
Grußwort der Präsidentin
der Deutschen Zoologischen Gesellschaft
Susanne Dobler
Liebe Mitglieder, Fachinteressen einen Einblick in die aktuel-
len Themen der Zoologie zu gewinnen.
nach dem lebhaften Appell vieler auf den Dank der großzügigen Unterstützung
letzten Mitgliederversammlungen bleibt es durch Frau Helga Kinne, die die Zusage ih-
vorerst dabei: Wir halten an dem jährlichen res verstorbenen Mannes Otto Kinne auf-
Turnus der DZG-Tagungen fest und dürfen rechterhält, können wir auch dieses Jahr
uns nach der gelungenen letztjährigen Ta- wieder die Karl-Ritter-von-Frisch-Medaille
gung ganz im Süden in Graz diesmal am verleihen. Aus den eingegangenen Vor-
Nordrand Deutschlands davon überzeugen, schlägen für hochkarätige Wissenschaftler
dass die Kieler Zoologen einiges zu bieten hat die Jury einvernehmlich entschieden,
und für uns auf die Beine gestellt haben! Diethard Tautz als diesjährigen Preisträger
Ein herzliches Dankeschön an die Organi- auszuzeichnen. Diethard Tautz hat durch
satoren um Thomas Bosch, die die Ausrich- die Verknüpfung genetischer, entwicklungs-
tung der Tagung dieses Jahr übernommen biologischer und evolutionsbiologischer
haben, und das wie sich letztlich zeigte - Ansätze wesentlich dazu beigetragen, neue
zeitgleich mit dem Start ihres SFBs zu Forschungsperspektiven zu eröffnen und
Metaorganismen. Die eingeladenen Plenar- eine integrative Sichtweise in der Zoologie
sprecher, wie auch ein Minisymposium, zu verankern. Ich freue mich besonders,
werden die Forschungsschwerpunkte der dass damit erstmals ein Evolutionsbiologe
Kieler Kollegen repräsentieren; wie immer mit dem Wissenschaftspreis der deutschen
wird die Breite der Tagung daneben von Zoologie ausgezeichnet wird.
den Symposien der acht Fachgruppen ge- In diesem Jahr stehen die Vorstandswah-
tragen und durch weitere Satellitensympo- len an und ein wichtiger Punkt bei der Mit-
sien ergänzt. Wie im letzten Jahr gestartet gliederversammlung wird wiederum die
wird es auch wieder einen Workshop zu Frage nach der Unterstützung des VBIO als
tierexperimentellem Arbeiten geben, um Interessenvertretung der gesamten Biolo-
die gesetzlich verankerte Weiterbildung auf gie sein. Kommen Sie zur Mitgliederver-
diesem Gebiet zu ermöglichen. Insgesamt sammlung und entscheiden Sie mit.
können wir uns auf ein breites und ausge- Ich freue mich darauf, viele von Ihnen
wogenes Programm freuen, das viele Gele- in Kiel wiederzusehen.
genheiten bietet, auch jenseits der eigenen
Prof. Dr. Susanne Dobler
Universität Hamburg
Biozentrum Grindel und Zoologisches Museum
Martin-Luther King-Platz 3, 20146 Hamburg
Susanne.Dobler@uni-hamburg.de
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125 Jahre 'Deutsche Zoologische Gesellschaft' (DZG) -
von der Zootomie
zur Epigenetik und Kognitionsforschung
Friedrich G. Barth
Die Zoologie hat sich seit der Grün- Graz! Ich werde (i) zunächst ein paar Blik-
dung der DZG im Jahre 1890 dramatisch ke auf die Anfänge der DZG werfen, dann
verändert. Nach der Loslösung von der (ii) einige wenige der großen Verände-
Medizin und deren bevorzugt anatomi- rungen in der Zoologie ansprechen und
schen Interessen verfolgte sie zunächst ih- am Ende (iii) ein paar Gedanken zum
re spezifisch zoologischen Ziele, insbeson- „Ganzen und seinen Teilen“ riskieren.
dere also die Beschreibung,
Identifizierung und phylogenetische Ein- I. DER ANFANG
ordnung der Vielfalt der Tiere. Inzwischen Um 1860 erschienen die ersten Bände
erweiterte und vertiefte die Zoologie das von Brehms Tierleben. Diese Darstellun-
Verständnis von lebenden Organismen gen der Vielfalt und Diversität der Tiere
auf allen Organisationsebenen, sowohl im waren zwar wissenschaftlich, aber aus
Sinne einer 'Allgemeinen Biologie' als heutiger Sicht allzu anthropozentrisch. Sie
auch einer 'Speziellen Zoologie'. Befördert waren dennoch wichtig für die Zoologie
wurde diese Entwicklung u.a. durch zu- zu einer Zeit, in der sich deren Vertreter
nehmend experimentell und quantitativ bevorzugt damit beschäftigten, die vielen
arbeitende Disziplinen, die Überschrei- Tierarten richtig zu beschreiben, zu iden-
tung der ursprünglichen Fachgrenzen und tifizieren und einzuordnen. Als die DZG
die rasante Entwicklung der Arbeitstech- am 28. Mai 1890 ihre Gründungsver-
niken. Durch die Forschung an tierischen sammlung im Frankfurter Zoologischen
Organismen unterschiedlicher Lebens- Garten abhielt, war Alfred Brehm bereits
weise, verschiedener Baupläne und phy- acht Jahre tot. Aber die Gründung der
logenetischer Stellung und die verglei- DZG hatte neben der Förderung des In-
chende Betrachtung hat die Zoologie formationsaustausches unter allen Zoolo-
gerade in den letzten Jahrzehnten auch gen und der Koordination ihrer Aktivitäten
dazu beigetragen, die Stellung des Men- zwei spezielle Ziele, deren Bedeutung
schen im Sinne der Abstammungslehre Brehm erkannt hatte (s. Beschlüsse der
Darwins und seine tiefe, auch 'geistige' Tagung in Leipzig,1891; Geus und Quer-
Verwurzelung in der Natur deutlich zu ner 1990): 1. Eine vereinheitlichte syste-
machen. matische Nomenklatur. Dieses Ziel wurde
Zuerst meinen herzlichen Dank für die inzwischen weitgehend erreicht. 2. Ein
Einladung zum Festvortrag anlässlich „Catalogus“ aller bekannten rezenten Tie-
dieser besonderen Jahresversammlung in re, also eine Zusammenstellung der „spe-
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cies animalium recentium“. Heute sind von Darwin und ihre kausale Begründung und
mindestens 10 Millionen (vermutlich we- meinte programmatisch, dass die Zoolo-
sentlich mehr) existierenden Tierarten gie nun 'von der Fläche der Mannigfaltig-
nur ca. 1,8 Millionen adäquat beschrie- keit in die Tiefe der Gesetzmäßigkeiten'
ben und damit offiziell existent. Das zwei- vordringen werde (s. Beitrag Sauer, S.113,
te Ziel der Gründungsväter der DZG ist in: Wägele 2007 ). Diese Darwin'sche
demnach nach 125 Jahren noch immer in „Tiefe“ bedingte zunächst auch einen
weiter Ferne. Der unbekannte, weitaus Aufruhr in der Zoologie. Der Nachweis
größere Anteil der Diversität hat gerade- der partikulären Vererbung durch Gregor
zu bedrohliche Ausmaße. Ein modernes, Mendel wurde erst zur Jahrhundertwende
wissenschaftlich adäquates „Brehm’s (1900) wieder entdeckt und die Betroffen-
Tierleben“ mit der Beschreibung aller heit über Darwins Erklärung der funda-
Tierarten fehlt noch immer. mentalen Wesenskohärenz alles Lebendi-
Was die Zoologen und nicht nur sie gen und seines Verwandtseins aufgrund
zur Gründungszeit der DZG zudem be- der gemeinsamen Herkunft war groß.
schäftigte, war Darwins Deszendenzlehre. Ganz besonders, weil Darwin den Men-
In seiner Rede am 2. April 1891 (1. DZG- schen in dieses Denken voll einschloß
Versammlung in Leipzig) würdigte Karl und für viele die Vorstellung von einem
Georg Friedrich Rudolf Leuckart (1822 – eigenen und besonderen Platz in der Welt
1898), der erste Vorsitzende (Vorstands- erschütterte (Markl 1990, S.118). Vielen
wahl am 1.8.1890 in Heidelberg) der bedeutete Darwins Lehre damals eine
DZG (Abb. 1), später auch ihr Ehrenmit- Bedrohung der politischen, sozialen und
glied, die Deszendenzlehre von Charles religiösen Ordnung.
Abb.1: Rudolf Leuckart (1822-1898), der Gründungspräsident der Deutschen Zoologischen Ge-
sellschaft. Links zwei seiner berühmten Wandtafeln, die an Schulen und Universitäten weltweite
Verbreitung fanden. Bildnachweis: Bezembinder`s geillustreerde links und Wikipedia
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Dies war am Anfang der DZG. Bis Zur Jahresversammlung von 1891 in
heute hadert manch Einer mit der Forde- Leipzig kamen neben den fünf Mitglie-
rung eines veränderten Selbstverständnis- dern des Vorstands nur 30 der bereits
ses des Menschen. Noch heute gibt sich 150 DZG-Mitglieder. Und wie so oft bei
der aufgeklärte säkulare Westen diesbe- solchen Anlässen setzte man Kommissio-
züglich wenig aufgeklärt: Im Jahr 2008 nen ein, die sich um die besonderen Zie-
waren in den USA 44% der Bevölkerung le der DZG kümmern sollten: Also 1. um
überzeugt, Gott habe den Menschen eine einheitliche Nomenklatur und 2. um
in seiner heutigen Form vor höchstens die Bearbeitung der „Species animalium
10000 Jahren erschaffen. Selbst in Dar- recentium“ nach neuestem Wissens-
wins Heimat waren 2006 nur 48% der Bri- stand. Die DZG wandte sich damals auch
ten von derEvolution überzeugt (Becker mit einer 'Immediateingabe' an den
2009). Hubert Markl (1990) nannte die Deutschen Kaiser und König von Preu-
Schwierigkeit der Trennlinienziehung ßen, Wilhelm II., wegen der Gründung
zwischen Mensch und Tier das „fortbe- einer biologischen Station Helgoland
stehende Leiden an Darwin“. Ich komme (Geus und Querner 1990; S.26ff). Helgo-
später hierauf zurück. land war ja 1890 von Großbritannien an
Zur Gründerzeit der DZG war die Deutschland übergeben worden, das sei-
Zoologie noch weitgehend Teil der medi- nerseits u.a. dessen Protektorat über San-
zinischen Fakultät. Die Gründerväter der sibar anerkannte.
DZG waren zumeist die ersten eigenstän-
digen Vertreter der Zoologie an ihren Uni- II. MEILENSTEINE
versitäten. Sie vertraten die klassischen Fragt man, welches die Meilensteine in
Teilgebiete einer weitgehend deskripti- der Entwicklung der Zoologie zwischen
ven Zoologie, also Systematik, verglei- 1890 und heute waren, dann kommen die
chende Anatomie/Zootomie, vergleichen- eigene Expertise und subjektives Erle-
de Entwicklungsgeschichte (Geus und ben stark ins Spiel. Ich werde exempla-
Querner 1990). Bei der Vorstandswahl am risch nur wenige Blickpunkte meines ei-
1. August 1890 gab es, etwa der Mitglie- genen Gesichtsfeldes andeuten. Es
derzahl entsprechend, 89 Stimmzettel. könnten auch andere sein, wenngleich
Otto Bütschli, auf dessen besonderes Be- über manches Einigkeit bestehen wird.
treiben die DZG aus einer Sektion der
1. Das Experiment
„Versammlungen der Deutschen Natur-
forscher und Ärzte“ hervorging, plädierte Nach einer langen meist deskriptiven
dafür, dass ein Österreicher einer der Phase beflügelten der experimentelle
Vorstandsstellvertreter sei. Dies geschah Forschungsansatz und seine Aufwertung
jedoch erst 1902 mit Ludwig Graff von gegenüber Theorie und Spekulation die
Pancsova (1851 – 1924), einem Turbella- Zoologie. Das Aufstellen von Hypothesen
rien-Spezialisten, der Graz Ende des 19. und die aktive Befragung der Natur durch
Jahrhunderts zur 'Welthauptstadt der ein wohldurchdachtes Experiment be-
Wurmforschung' machte. schleunigten ihren Fortschritt enorm und
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machten ihre Erkenntnisse zudem ver- besonders die Chemie, dann die Physik,
bindlicher. inzwischen vermehrt Mathematik, Infor-
Karl von Frisch, von 1946 -1950 Pro- matik, technische Disziplinen wie Robotik,
fessor in Graz, der DZG stets verbunden, Strömungsmechanik, Materialforschung
1928 ihr Präsident und später Ehrenmit- und viele andere. Für die Entwicklung
glied, sei hier als besonders prominentes der jungen zoologischen Kognitionsfor-
Beispiel für die Impulsgeber der Zoolo- schung gilt Ähnliches. Sie bedient sich
gie zuerst genannt (Abb.2). Seine einfa- u.a. der Erkenntnisse der Neurologie, An-
che Methode, Tiere so zu dressieren, thropologie, Psychologie und Philosophie
dass ihnen nur Verhaltensweisen abver- (Neurophilosophie). Während früher ein
langt werden, die in ihrem natürlichen Le- Doktorand meist sein ganz eigenes The-
ben vorkommen, hatte tiefgreifende Fol- ma hatte und bewachte, ist heute Team-
gen. Zoologen kennen die aufregende work angesagt. Inter- bzw. Transdiszipli-
Geschichte des Nachweises von Farben- narität ist fast zur Regel geworden, auch
sehen bei der Honigbiene (DZG-Tagung wenn sie häufig modischer Schein bleibt,
1914 in Freiburg; s. von Frisch 1962). Von von den Förderinstitutionen zu sehr er-
Frisch war erst 28 Jahre alt und die Pole- wartet wird und der feine Unterschied
mik mit dem berühmten Carl von Hess zwischen Kooperation und echter Kolla-
auf ihrem Höhepunkt. Dies war dennoch boration unbemerkt bleibt.
ein Auftakt für die rasante Entwicklung Hierzu sei nach Karl von Frisch Hans-
der Sinnes- und Verhaltensphysiologie, jochem Autrum genannt, sein Nachfolger
der Neuroethologie, sensorischen Ökolo- auf dem Münchener Lehrstuhl (Abb. 2).
gie und anderer heute als eigene Diszi- Er trug entscheidend dazu bei, die Physik
plinen auftretender Gebiete. Von Frischs in die Zoologie zu integrieren und beein-
zwingende Art, der Natur Antworten auf flusste den Fortgang der Sinnes- und Neu-
tiergerechte Fragen abzuringen und sein robiologie wie kaum ein Zweiter zu sei-
einfacher Blick auf das Wesentliche wir- ner Zeit. Dass der Weg vom Verhalten zur
ken bis heute intensiv nach. neuronalen Einzelzelle, inzwischen zum
Genom und zu den Molekülen, in der
2. Grenzüberschreitung und Teamwork zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so er-
Ein besonderes Merkmal des Fort- folgreich war, ist wesentlich der tech-
schritts in der Zoologie wie auch anderen nisch/physikalisch inspirierten Denkungs-
Fächern ist die zunehmende Integration weise zu verdanken.
anderer Wissenschaftsdisziplinen. Auch Das historisch Bemerkenswerte daran
hierfür mögen von Frisch und seine Ver- erhellt u.a. daraus, dass Autrum 1936,
haltensphysiologie als Beispiel dienen. wiederum auf einer denkwürdigen DZG-
Heute herrscht Konsens darüber, dass die Tagung in Freiburg, einen Vortrag zur
Wahrscheinlichkeit innovativer Erkennt- „Theorie der Schallwahrnehmung bei Luft-
nisse an der Grenze zwischen den Fä- arthropoden“ hielt. Offenbar war es da-
chern besonders groß ist. Zuerst war ein mals den meisten Zoologen nicht mög-
solches anderes Fach für die Zoologen lich, zwischen Schalldruck und Schall-
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Abb.2: Links: Karl von Frisch (1886 – 1982) bei Bienenversuchen; Mitte: Hansjochem Autrum
(1907 – 2003); rechts: Willi Hennig (1913 – 1976).
Bildnachweis: Encyclopaedia Britannica, Wikipedia und Senckenberg.de
schnelle und zwischen den entsprechen- gung in Erlangen erstmals von einer Re-
den Sensoren zu unterscheiden. Selbst aktion von Nachtschmetterlingen (nur so-
Hans Spemann, Nobelpreisträger des fern im Besitz eines Tympanums) auf
Vorjahres (1935), ließ nicht einmal eine Ultraschall, was die Physiker mit großer
Diskussion des Vortrags zu, für so merk- Skepsis erfüllte. Das Problem war, dass
würdig hielt er Autrums Vorstellungen. Er ihre neuesten Messgeräte aus den USA
verstand sie ganz und gar nicht, wie seine weit unempfindlicher als die der Schmet-
skurrile Bemerkung zeigt: „Das ist doch terlinge waren, was ja nicht sein konnte!
nicht einzusehen, dass Insekten besser
hören sollen, wenn sie schneller laufen“. 3.Quantifizierung und eine neue Sichtweise
Autrum kommentierte dies später in sei- Im Rückblick auf die Anfänge der DZG
nen Memoiren genüsslich: „Nobelpreise und ihre ursprünglichen Zielsetzungen
schützen vor Torheit nicht“ (Autrum soll als drittes Exempel für grundlegen-
1996). Den breiten und erfolgreichen Ein- den Fortschritt auch der Einfluss von Willi
zug der Physik in die Biologie konnte das Hennig seit den 1950er Jahren auf die
anfängliche Unverständnis aber nicht auf- Phylogenetische Systematik hervorgeho-
halten. ben werden (Abb. 2). Hennig entwickelte
Dass umgekehrt auch die Physik mit eine ganz neue Sicht auf die natürliche
der Biologie Mühe hatte, beschreibt Frie- Ordnung der Lebewesen und ersetzte die
drich Schaller, DZG-Präsident 1971/2 vorherrschende Taxonomie durch eine
(Schaller 2000, S.119). Er wurde biswei- Systematik, die der evolutionären Ver-
len als Ultra-Schaller bezeichnet. Der wandtschaft folgt (Hennig 1950).
Grund: Er berichtete 1949 auf einer Ta-
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Dank der logisch kohärenten und klar die entsprechenden funktionellen Inter-
formalisierenden Kladistik, der konse- pretationen. Das Raster-EM erleichterte
quent-phylogenetischen Systematik mit es den Systematikern, kleine Strukturen
Hilfe von Apomorphien, wurde die Biosy- und Oberflächen in großem Stil verglei-
stematik wieder zu einem aktuellen, inno- chend zu analysieren. All dies hatte enor-
vativen und wissenschaftlich voll aner- men Einfluß auf die Entwicklung großer
kannten Teilgebiet der Zoologie – nicht Teildisziplinen der Zoologie und ihrer
zuletzt aufgrund heftiger Kontroversen Fragen.
wegen der Auflösung klassischer taxono- (ii) Digitale Revolution. Und dann die
mischer Einheiten. Dies ist umso bedeu- später einsetzende digitale Revolution
tender, als die Systematik zuvor vielleicht und all die wunderbaren Gerätschaften,
mit zu viel Intuition und individuellem Ur- die man heute über das Internet bestel-
teil beladen war und deshalb als zoologi- len kann. Ich erinnere mich an Zeiten, als
sche Disziplin eine weniger ruhmreiche es noch kein Kopiergerät gab und wir als
Zeit durchleben musste (was wissen- junge Assistenten beim Eigenbau von
schafts-politisch nicht immer weitsichtig Verstärker und Kathodenfolger für die
war). Inzwischen ist die neue Dynamik Elektrophysiologie noch Radioröhren ver-
der Systematik auch der Molekularbiolo- wendeten. Die erste Computer-unterstütz-
gie und Genetik zu danken. te Analyse von Aktionspotentialen erfor-
derte eine klimatisierte Kammer und
4. Arbeitstechniken einen für damalige Verhältnisse giganti-
Die Fortentwicklung der Arbeitstechni- schen finanziellen Aufwand für die Gerä-
ken während der letzten Jahrzehnte war te. Man war gut beraten, einen Techniker
und ist gewaltig. Sie steigerte nicht nur im Team zu haben. Folgen von Aktionspo-
das Tempo des Erkenntnisgewinns, son- tentialen ließen sich anfänglich nur 10-20
dern ermöglichte auch erstmals die Bear- Sekunden lang auswerten! Es gab auch
beitung vieler Fragestellungen. Zwei Bei- keine Laser-Vibrometer und Axel Michel-
spiele hierzu. sens Pioniergerät in Odense war nach
(i) Elektronenmikroskopie. Das Elektro- heutigen Maßstäben noch unsäglich Be-
nenmikroskop entwickelte sich ab etwa nutzer-unfreundlich. Dagegen geht man
1950 rasant. Ich richtete in den 60er Jah- heute mit einem tragbaren Laser-Vibro-
ren auf den Spuren von Helmut Altner am meter und einem Reise-Laptop in den Ur-
Münchener Zoologischen Institut dessen wald und registriert stundenlang das Vi-
erstes elektronenmikroskopisches Labor brieren balzender Spinnen oder
ein (Zeiss EM9S). Die Folgen der Elektro- kommunizierender stachelloser Bienen.
nenmikroskopie waren bahnbrechend: Und nicht nur das: Beinahe im Handum-
Man denke etwa an die Gleitfilamenttheo- drehen lässt sich etwa der Spektralgehalt
rie der Muskelkontraktion oder an che- der Signale analysieren und in schönsten
misch und elektrisch übertragende Syn- Farben darstellen. Moderne, handliche Vi-
apsen, an die Analyse von Zellorganellen deokameras, auch 'high speed' und
und den Feinbau von Rezeptorzellen und nachttauglich, sind Geschenke des Him-
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mels für anspruchsvolle Feldarbeit. Aber III. DAS GANZE UND SEINE TEILE
wie gesagt: Wichtiger als die neue Be- 1. Gibt es eine einheitliche Zoologie?
quemlichkeit ist es, dass mit Hilfe verbes-
serter Datenerfassung und Analyse auch Was also wäre – nochmals gefragt –
im Labor viele Fragestellungen erstmals eine oder gar die Hauptaufgabe der Zoo-
einen realistischen Sinn bekamen. logie? Die kurze Antwort: Die Beschrei-
Gewiss interessierten sich während bung und Analyse der Vielfalt der Organis-
der vergangenen Jahrzehnte viele Zoolo- men und ihrer Anpassungen, besonders
gen eher für die vom Genom gespei- durch einen Vergleich von Strukturen und
cherte Information als für die Vielfalt der Funktionen. Anders die allgemeine Biolo-
tierischen Formen und deren Leistungen. gie: Sie interessiert sich primär nicht für
Und fraglos verhalfen die von der Genetik das Artspezifische und die Mannigfaltig-
und Molekularbiologie erarbeiteten keit der Organisationsformen als einer
Kenntnisse und Techniken zu großen fundamentalen Eigenart lebender Orga-
Durchbrüchen auch in primär nicht gene- nismen, nicht für die besonderen Ange-
tisch bzw. molekularbiologisch interes- passtheiten und Spezialisierungen der
sierten Disziplinen der Zoologie. Wir alle Arten. Allgemeine Biologie hört eigentlich
brauchen und nutzen sie: in der Evolu- auf dem Niveau der Euzyte auf, da alle
tionsbiologie, der Entwicklungsbiologie, Organismen jenseits von deren Organisa-
der Neurobiologie und der phylogeneti- tionsniveau „taxonomisch begrenzt“ sind.
schen Systematik, um nur einige zu nen- Einen idealtypischen Organismus gibt es
nen. Die reduktionistische Art zu forschen in diesem Sinne nicht (s. Beitrag Osche in:
war und ist extrem erfolgreich. Man sollte Rathmayer 1975).
also nicht herablassend von der „Hand- Heute ist die Zoologie weniger als je
werker-Generation“ der Zoologen spre- zuvor nur ein Teilgebiet der allgemeinen
chen, denn es war und ist exzellentes, er- Biologie, ganz zu schweigen von ihrer ur-
folgreiches und notwendiges Handwerk. sprünglichen Zugehörigkeit zur Medizin.
Und trotzdem – und so komme ich zu Zu Recht: Die Diversifikation der Tiere ist
einer Kernfrage der Zoologie zurück: Mo- kein evolutionäres Missgeschick und
lekularbiologie wird vielen Problemen auch nicht nur Verzierung der Natur, son-
der Zoologie nicht gerecht, auch wenn sie dern eine fundamentale Eigenschaft des
zu deren Lösung wesentlich beiträgt. Lebendigen. Und deshalb sind artspezifi-
Denken wir etwa an Vorgänge in Popula- sche Fragen typisch zoologische Fragen,
tionen, an die Evolution der Vielfalt und die sonst kein Fachgebiet in ähnlichem
die Artbildung, an Vorgänge in Ökosyste- Maße interessieren. Erinnern wir uns: Tie-
men, an die Netzwerke zur Steuerung re sind energetisch offene Systeme und
von Entwicklungsvorgängen und an An- können nur als solche existieren. Ihre
passung und Angepasstheit von Sinnes- Mannigfaltigkeit spiegelt demnach die
leistungen und Verhalten an den arteige- Lösung eines damit einhergehenden fun-
nen Lebensraum. Deshalb nun zum Teil III damentalen Problems wider, nämlich die
meines Vortrags. Notwendigkeit, in verschiedensten ökolo-
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gischen Nischen Wege zur ständig erfor- menkenntnis in der Lehre heute an vielen
derlichen Energieaufnahme zu finden. So Universitäten sicher zu sehr reduziert. Die
ist jede Tierart ein Experiment, auch ein Taxonomie und vergleichende Anatomie
physiologisches, der Evolution. Was wir sind als Fächer an vielen oder gar den
letztlich suchen, sind sowohl allgemeine meisten Universitäten beinahe ver-
Gesetzmäßigkeiten als auch ein Verständ- schwunden. Parasitologie, vergleichende
nis der Vielfalt und der in ihr verwirklich- Organphysiologie, Stoffwechsel- und Hor-
ten Angepasstheiten. monphysiologie kommen hier ebenfalls
Es gibt also noch immer spezifisch in den Sinn (s.a. Wägele und Bode in: Wä-
zoologische Fragen, aber der Versuch, gele 2007). Vorsicht ist geboten: Eine ein-
krampfhaft eine Geschlossenheit des Fa- mal vergessene, hochentwickelte Fach-
ches Zoologie zu bewahren, ist dem Fort- disziplin mit der Erfahrung von Gene-
schritt sicher hinderlich. Die DZG rea- rationen kann nicht so leicht reaktiviert
gierte später als die amerikanischen und werden.
britischen Zoologen auf die Vielfalt ihrer
Forschungsteilgebiete. Heute hat auch sie 2. Die organismische Sichtweise
Sektionen und thematisch spezialisierte Die Molekularbiologie ist heute auch
Veranstaltungen. Wegen der Fortschritte für die spezifisch zoologische Forschung
in den Teildisziplinen, der enormen tech- unverzichtbar. Aber sie ist nicht die mo-
nischen Entwicklungen und Diversifikatio- derne Biologie schlechthin, wie es sich
nen und angesichts der so wichtig gewor- bisweilen insbesondere dem Laien dar-
denen fachlichen Grenzüberschreitungen stellt. Eine endlose Beschäftigung mit al-
ist dies längst unerlässlich. len Details wird problematisch, wenn sie
Im Übrigen halte ich es mit Rüdiger den Punkt übersieht, an dem die Einord-
Wehner (in: Boeckh und Pfannenstiel nung in höhere Komplexitäts- und Organi-
1986), wenn er sagt: „Was die begabte- sationsebenen wie ganze Organismen
sten Nachwuchsforscher von heute als for- und ihre Ökosysteme gefragt ist. Organis-
schungswürdig betrachten, definiert die men haben sich unter bestimmten Selek-
Zoologie von morgen.“ Dies ist ein bes- tionsdrucken entwickelt und ohne Ver-
serer Wegweiser als aufgesetzte, oftmals ständnis ihrer Angepasstheit an diese
von sachunkundigen Politikern ausge- lassen auch die dann aus dem Zusam-
dachte und finanziell bevorzugte For- menhang gerissenen Details oft nicht er-
schungsprogramme. Modische Tenden- kennen, wo die besten „Tricks“ zu finden
zen der Forschungsförderung und deren sind und was sie bedeuten. Dazu sind
Folger wird es immer geben. Zum Glück diejenigen Forscher, die ein Tier in grö-
ändern sich die Moden. Problematisch ßeren Zusammenhängen verstehen, un-
wird es aber, wenn klassische „alte“ Fä- verzichtbar, und damit das, was man spe-
cher ganz aus dem Vorlesungsverzeich- zifisch zoologisch nennen mag.
nis verschwinden und wertvolles Gut frü- In diesem Kontext sei auf einen be-
herer Forschungsleistung vergessen wird kannten, aber m.E. noch immer zu wenig
oder gar verloren geht. So ist die For- gewürdigten Umstand verwiesen, der die
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Bedeutung meiner Argumentation unter- ten Einfluss von Umweltfaktoren auf die
streicht und ein weiterer Meilenstein in Merkmale von Organismen („Plastizität“) .
der Entwicklung unserer Wissenschaft ist All dies weist in Richtung Lamarckismus,
(Barth 2014). also die Vererbung erworbener Fähigkei-
In den 1930er und 1940er Jahren be- ten, eine „extragenetische Vererbung“
fruchtete die „Modern Synthesis“ die jenseits der Gene (Laland et al. 2014).
Evolutionstheorie durch die raschen Fort- Darwin ist deshalb nicht gescheitert,
schritte der Genetik und Populationsge- aber es bedarf Änderungen in unserem
netik ganz enorm und sie vertiefte unser Denken. Das 'selfish gene' von Dawkins
Verständnis von Adaptation und Artenbil- (1976) wird inzwischen auch als 'impriso-
dung. Seither war die Interpretation der ned gene' bezeichnet (Noble 2008, 2011,
Evolution stark genzentriert und auf das 2012; Shapiro 2009). Organismen sind
'zentrale Dogma der Molekularbiologie' somit keineswegs nur molekulare Be-
fokussiert (Crick 1970), also den Weg schreibungen ihrer Gene. Vielmehr be-
vom Gen, der DNA, über die RNA zum einflussen sie selbst und Außenweltfakto-
Protein und schließlich zum Phänotyp. ren die unteren Organisationsebenen
Seit den frühen 2000er Jahren wurde (Zellsignale und Genexpression).
allerdings besonders durch die Befunde Nach den fulminanten Erfolgen der
der Epigenetik immer klarer, wie wenig Zell- und Molekularbiologie werden dem-
die Kausalkette zwischen Gen und Phäno- nach auch für diese selbst der ganze Or-
typ eine direkte ist. Das Genom wird ganismus und seine artspezifische Um-
heute nicht mehr so sehr als genetisches welt immer wesentlicher. Das Auffinden
Programm interpretiert, sondern als Da- der natürlichen Selektionsfaktoren wird
tenbasis, die in erstaunlichem Umfang zunehmend wichtig. Die so erfolgreiche
top-down Einflüssen von höheren Organi- reduktionistische Molekularbiologie
sationsebenen unterworfen ist (Noble braucht die integrative, organismische
2008, 2011, 2012; Shapiro 2009; Bitbol Biologie um zu verstehen, welche Bedin-
2010). Diese Einflüsse ändern nicht die gungen die höheren Organisationsebe-
DNA-Sequenz, also den Genotyp selbst, nen den niedrigeren auferlegen (Noble
bestimmen jedoch, was auf dem Genom 2008). Womit wir wieder bei dem spezi-
„gespielt“ wird, die Genexpression fisch Zoologischen wären.
(durch chemische Modifikation der DNA
und der Histone, in die sie eingebettet 3. Unser Selbstverständnis
ist). Ein weiterer besonderer Meilenstein
Eine solche genetische Regulation be- der Entwicklung unserer Wissenschaft ist
trifft nicht nur die embryonale Morphoge- meines Erachtens der Beitrag der noch
nese, wobei die physische Entwicklung jungen Kognitionsbiologie zum Selbstver-
selbst auf die Entstehung von Variation ständnis des Menschen. Ich erwähnte be-
einwirkt („developmental bias“). Sie ist reits das von Hubert Markl (1990) so ge-
nicht nur Folge, sondern auch Ursache nannte „fortbestehende Leiden an Darwin“.
von Evolution und betrifft auch den direk- Es mag sein, dass die aufregenden Befun-
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de der Kognitionsbiologie bei manch ei- herrscht wird wie die Tierwelt. Wie der
nem dieses Leiden noch verstärken. Es verachtete Wurm lebt er in Abhängigkeit
stört, dass Tintenfische und Raben, ja so- von externen Befehlen, und wie der Wurm
gar Honigbienen und nicht nur Affen und vergeht er, auch wenn er die Welt durch
Menschen über geistige Fähigkeiten und die Macht seiner Ideen aufgerüttelt hat.“
soziale Erkenntnismöglichkeiten verfü-
gen, die man noch vor 50 Jahren nicht 4. Noch etwas
einmal ernsthaft zu ahnen wagte und die Lassen Sie mich abschließend noch
sich nun als keineswegs originär mensch- etwas erwähnen, was abseits des „main
lich erweisen (wie etwa die Fähigkeit zur stream“ liegt, aber doch wichtig ist, weil
'Theory of Mind'). es dem Alltag mancher Zoologen das
Kognitive Fähigkeiten sind inzwischen Pünktchen auf dem „i“ bedeutet, anderen
kein Alleinstellungsmerkmal des Men- im Zuge aller Forderungen nach Effizienz
schen mehr. Honigbienen können Ge- und Exzellenz aber fremd geworden ist.
mälde von Monet und Picasso unterschei- Zoologen verstehen es oft besonders
den (Wen Wu et al. 2013). Die vielen gut und sollten daraus auch eine beson-
aufregenden Befunde reichen im Stamm- dere Verpflichtung ableiten, es anderen
baum hinab bis zu den Insekten und wei- zu vermitteln: Der Mensch ist Teil der Na-
ter. Zum Tier im Menschen gesellt sich tur, er gehört zu ihr und dank der Zoolo-
zunehmend der Mensch im Tier. gie verstehen wir die Qualität unserer Ab-
Wir Zoologen sollten uns darüber hängigkeit von anderen Organismen
freuen. Alle diese Befunde der verglei- immer besser.
chenden Kognitionsforschung tragen zu Dennoch treten wir die Natur wider
unserem Selbstverständnis bei. Sie helfen besseres Wissens zu oft mit Füßen. Unge-
zu verstehen, wie unsere eigene Kogni- störte Natur wird oft nur noch als Luxus
tion im Laufe der Evolution zu dem ge- betrachtet und ihre Schönheit nur noch
worden sein könnte, was sie heute ist. Si- als Verzierung geschätzt. In unserer zu-
cher sind uns in vielen kognitiven Leis- nehmend künstlichen Umwelt fehlt uns je-
tungen jeweils bestimmte Tierarten über- doch unser natürlicher Erlebnisraum und
legen, seien es Affen, Hunde, Tauben wie Edward Wilson im Kontext der Bio-
oder Bienen. Auch hier ist genuin Zoolo- philie schrieb (Wilson 1984), wird der
gisches, gilt es doch vor allem zu verste- Mensch ohne das Erlebnis des Natur-
hen, welche kognitiven Fähigkeiten ein schönen seelisch verkümmern und ästhe-
Tier mitbringt und benötigt, um in seiner tisch, also sinnlich, verarmen.
artspezifischen Umwelt, auch der sozia- Der Zugang zum Wesen der Welt, in
len, zu überleben. Rudolf Leuckart wäre der wir leben, führt nicht nur über das,
sicher begeistert gewesen, soll er doch in was gemessen und berechnet werden
etwa gesagt haben (Wikipedia): „Für den kann, sondern auch über unser ästheti-
Menschen als denkendes Wesen ist es sches Empfinden. Dieses mag kulturell
nicht möglich, sich der Kenntnis zu ver- vielfältig beeinflusst sein, aber immer ist
schließen, dass er von derselben Kraft be- es auch von unserer evolutionären Ge-
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schichte und unserer Einbettung in die weiterte Dimension des Sehens und
Natur geprägt. Sichtbarmachens. Künstler aus dem er-
In einer Zeit, in der oft nur Mess- und sten halben Jahrhundert der DZG brach-
Quantifizierbares und eine gesteigerte ten sehr moderne zoologische Gedanken
Effizienz zu gelten scheinen, Wissen und in Gemälden zum Ausdruck, die biswei-
Wissenschaft durch die Vorherrschaft der len organismisch zoologischer nicht sein
Ökonomie bisweilen bedenkenlos zu könnten. Gemälde, die zeigen, dass
Handelsware gemacht werden und dazu Innenwelt auch immer zugleich Umwelt
stets neue Netzwerke, Selektionen und und Außenwelt ist und auch, dass Wissen-
Evaluationen erfunden werden, ist es für schaft und Poesie nicht unbedingt so weit
manch einen Interessierten schwierig zu auseinander liegen, wie bisweilen sugge-
verstehen, was ein Zoologe meint und riert wird.
was ihn bewegt, wenn er trotz der weit Zwei Beispiele hierzu zeigt die Abb.3:
fortgeschrittenen Parzellierung des Wis- den 'Mandrill' von Franz Marc (1913) und
sens von organismischer und integrativer das 'Kamel in rhythmischer Baumland-
Biologie spricht. Dabei lassen wir meist schaft' von Paul Klee (1920). Franz Marc
Vieles ungesagt, weil es nicht oder nur (1880-1916) war ein besonders exquisi-
schwer sagbar ist und wir als Wissen- ter organismischer Biologe. Er wollte die
schaftler stets zur Vorsicht aufgerufen Welt aus der Sicht der Tiere darstellen.
sind. Eine einzelne Art der Beschreibung Eine Welt, wie er sagt, die sie mit sich
der Natur kann deren Wesen nie ganz er- herumtragen und aus der sie als organi-
fassen. Und so mag für manch einen das sche Verwirklichung ihrer anorganischen
Gemeinte und nur schwer in Worte Fass- Umgebung entstehen (Büche 2006). Auch
bare klar werden, wenn wir die bildlichen Paul Klee (1879-1940) strebte mit seinen
Aussagen von Künstlern zulassen, ihre er- sublimen Empfindungen nach der Tota-
Abb.3: Links: Franz Marc (1913) 'Der Mandrill'; Pinakothek der Moderne, München; rechts: Paul
Klee (1920) 'Kamel in rhythmischer Baumlandschaft'. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen,
Düsseldorf. Bildnachweis: philipphauer.de und index-magazin.com
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lität von Außen und Innen, nach dem Blick
hinter das Sichtbare. Seine Formchiffren
der Natur und bildnerischen Zeichen sind
wie bei Marc Ausdruck einer intensiven
Suche nach dem, was wir nur ungenau
als Natürlichkeit begreifen (Haftmann
1957).
Wenn wir uns dazu die eiszeitliche
Abb.4: Wollnashorn, ca. 17000 Jahre alte Fels-
Felsenzeichnung eines Wollnashorns malerei aus der Höhle von Altamira in Nord-
(Abb. 4) aus der nordspanischen Höhle spanien.
von Altamira ansehen, wird deutlich, dass Bildnachweis: Abbé Breuil, Hugo Obermaier
deren Großartigkeit auch ein Ausdruck (1935) La cueva de Altamira en Santillana del
davon ist, dass unsere Vorfahren vor über Mar. Tipografia de Archivos, Madrid
15 000 Jahren noch eine Anbindung an
die Natur hatten, deren Innigkeit Franz über Zoologie, sondern das Entdecken
Marc so vehement zum Ausdruck brin- im Gelände oder im Labor, die meist
gen wollte und von der sich die moderne mühseligen Experimente und ihre Her-
Menschheit zunehmend entfernt hat. Für ausforderungen, der Versuch des Unmög-
die Menschen zur Gründerzeit der DZG lichen. Es sind die Überraschungen und
passten solche Felszeichnungen ganz und auch die Irrwege, eine erhellende Dis-
gar nicht zu der tief verwurzelten Vorstel- kussion mit Kollegen/innen und die neue
lung von der Primitivität der Eiszeitmen- Welt des Unwissens, die man beim neu-
schen. Sie wurden wiederholt als Fäl- gierigen Überschreiten von Fachgrenzen
schungen abgetan, weil sie für die Kunst- erleben kann. Den Studenten, glaube ich,
geschichte ganz einfach nicht denkbar wird die Vermittlung einer solchen Zoolo-
waren. gie noch immer gefallen und vermutlich
So schließt sich der Kreis, wir sind kann sie auch dazu beitragen, aus Daten
zum Anfang zurück gekommen: Zu Rudolf Information und aus Information Einsicht
Leuckart, der sich über das bis heute so zu machen und aus dieser wirkliche Bil-
viel tiefer gewordene Verständnis der Zu- dung.
gehörigkeit des Menschen zur Natur ge-
freut hätte. Wissenschaftler und so auch
wir Zoologen, welcher Couleur auch im- Literatur
mer, sind mehr als ihre Publikationen und
Autrum, H., 1996. Mein Leben. Wie sich Glück
ihr Wissen ist keine Ware, die abgepackt und Verdienst verketten. Springer, Berlin
und verkauft wird und von der die Gesell- Heidelberg New York
schaft oft nur Nutzen für Medizin und Barth, F.G., 2014. Sinneswelten im Spiegel von
Technologie erwartet. Bekennen wir uns Verhalten und Lebensraum. Zugleich ein-
Plädoyer für die organismische Biologie.
selbstbewusst dazu: Innovative zoologi- Leopoldina-Jahrbuch 2013, 389–396.
sche Forschung ist nicht vorrangig das Becker, M., 2009. Ist Darwin gecheitert?
Lehrbuch mit dem gesicherten Wissen Spiegel online, 19.Januar, 16, 32
1802_Barth_7-20_03_Penzlin.qxd 12.08.2016 10:05 Seite 19
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friedrich.g.barth@univie.ac.at
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Geschichte der Zoologie in Graz
Heiner Römer
Im Rahmen der Ausrichtung der 108. DZG auf einer breiteren Basis darstellt,
Jahrestagung der Deutschen Zoologi- und der geneigte Leser insofern unmittel-
schen Gesellschaft fiel mir die Aufgabe bar vergleichen kann, welche der Entwik-
zu, einen kurzen Abriss der hiesigen ge- klungen auch für Graz von Bedeutung wa-
schichtlichen Entwicklung der zoologi- ren und heute noch sind.
schen Forschung zu geben. Es kamen mir Bei geschichtlichen Darstellungen ist
allerdings bald Zweifel darüber, ob ein eine der ersten Entscheidungen die nach
solcher geschichtlicher Überblick über- dem Anfang – wo also beginnen? Die
haupt noch zeitgemäß sei, etwas, aus Karl-Franzens-Universität wurde im Jahr
dem vor allem unser jüngerer wissen- 1585 gegründet, aber natürlich sucht man
schaftlicher Nachwuchs etwas lernen in der damaligen Philosophischen Fakultät
könnte. Als jemand, der nun ca. 40 oder lange vergebens nach einer Zoologie. Tat-
gar mehr Jahre in der Zoologie überblickt sächlich gab es diese Philosophische Fa-
und einige der vielen Veränderungen kultät bis zum Jahr 1975; erst dann wurde
selbst erfahren hat, habe ich diese Frage sie in die natur- und geisteswissenschaft-
dann bejaht. In einer solchen Zeitspanne lichen Fakultäten aufgeteilt.
habe ich und haben viele andere erlebt, Der Ursprung der Grazer Zoologie
wie sich attraktive Hypothesen zu Wissen- muss zweifellos in der Errichtung einer
schaftsblasen entwickelt haben und dann Lehrkanzel für Naturgeschichte an der da-
geplatzt sind; manchmal konnte man auch maligen Philosophischen Fakultät gese-
die Gründe dafür nachvollziehen. Wir ha- hen werden. Eine Entwicklung in diese
ben erlebt, wie Persönlichkeiten entschei- Richtung war auch beeinflusst von der Er-
dend waren für die Weiterentwicklung der richtung der Medizinischen Fakultät und
Wissenschaft, und zwar nicht nur deshalb, der damit einhergehenden Erneuerung
weil technische Neuerungen einen Durch- der naturwissenschaftlichen Disziplinen.
bruch bewirkten, sondern weil diese Per- Nachdem es schon eine Lehrkanzel für
sönlichkeiten einer Fragestellung treu Zoologie am Grazer Joanneum seit dem
blieben und die richtigen Fragen gestellt Jahr 1818 gegeben hatte, argumentierten
haben. Dies wäre es wert unserem wis- die Professoren des Philosophischen Stu-
senschaftlichen Nachwuchs zu vermitteln. diendirektorates, dass die Zielvorstellun-
Mein Beitrag zur Geschichte der Zoologie gen hinsichtlich der Naturgeschichte an
in Graz profitierte auf der Jahrestagung, der Universität doch sehr von denen des
und auch hier als gedruckter Beitrag in Joanneums abweichten und daher eine ei-
den Mitteilungen davon, dass Friedrich gene Lehrkanzel für Naturgeschichte not-
Barth in seinem Festvortrag die Entwick- wendig sei. Sie gingen allerdings noch
lung der Zoologie seit der Gründung der davon aus, dass ein Mathematiker oder
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Physiker diese Aufgaben wohl am besten
übernehmen könne, weil, wie es wörtlich
hieß „dieser Unterricht nur das umfasst,
was für jeden Gebildeten nöthig ist.“ Der
Vorschlag wurde Kaiser Franz Josef I.
unterbreitet und mit November 1846 wur-
de auch für die Grazer Universität eine
Lehrkanzel für Naturgeschichte einge-
richtet. Zu deren Vertreter wurde tatsäch-
lich ein Physiker ernannt.
Es dauerte dann noch bis 1850, bevor
man eine getrennte Ausschreibung einer
Lehrkanzel für Physik und einer für Natur-
geschichte vornehmen konnte. Auf letztere
bewarben sich 7 Personen. Es wurde ein
(!) Gutachter bestellt, der die zwei Bewer-
ber Ludwig Karl Schmarda und Engelbert
Pranger als herausragend beurteilte, ob- Abb. 1: Ludwig Karl Schmarda, der erste Zoo-
wohl letzterer nur eine Abhandlung loge als Professor an der Grazer Philosophi-
schen Fakultät. Gemälde im Zool. Institut
(sprich Publikation) vorzuweisen hatte.
Graz. Foto H. Römer.
Der Besetzungsvorschlag des Professoren-
kollegiums an das Ministerium lautete
dennoch Schmarda und Pranger primo lo- Er gilt als der erste Österreichische Zoo-
co. Es ist dem damaligen Unterrichtsmini- loge, der sich vorbehaltlos Darwin´s Evo-
ster Thun und seinem ehrlichen Interesse lutionstheorie anschloss. Er war es auch,
an der Naturgeschichte zu verdanken, der mit einem Vortrag: „Der Darwinismus
dass er im „alleruntertänigsten Vortrag“ und sein Einfluss auf die Zoologie“ für Fu-
dem Kaiser gegenüber die Verdienste von rore sorgte und die Auseinandersetzung
Schmarda hervorhob und dessen Ernen- mit der Theologischen Fakultät auf einen
nung empfahl, die dann auch im Septem- neuen Höhepunkt brachte, weil er in sei-
ber 1850 erfolgte (Abb. 1). nem Vortrag die absolute Freiheit der
Mit dieser Ernennung wurde erstmals Wissenschaft von jeglicher kirchlicher
ein Zoologe Professor an der Grazer Lehrmeinung forderte. Die Darwinismus-
Philosophischen Fakultät, der ausschließ- Affäre in Graz zog weite Kreise, dennoch
lich mit dem Lehramt der Naturgeschich- kam es an der hiesigen Universität nicht
te betraut war. Dies würde ich daher als wie in Wien oder Innsbruck gar zu der
die Geburtsstunde unseres Instituts anse- Forderung nach der Entfernung der The-
hen, obwohl bis dahin noch ein weiter ologischen Fakultät von der Universität.
Weg war. Insofern illustriert dies auf der lokalen
Auf Schmarda folgte im Jahr 1857 Grazer Ebene das, was Friedrich Barth in
Oskar Schmidt, dessen Forschungsgebiet seinem Beitrag für die Zeit des Beginns
die Schwämme des Mittelmeeres waren. der DZG beschreibt, weil durch die Ein-
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beziehung des Menschen in die Evolu- sel muss daher für die übrigen Instituts-
tionstheorie das alte Menschenbild ins mitglieder recht schwierig gewesen sein.
Wanken geriet. Nach Böhmigs Emeritierung wurde Otto
Auf Oskar Schmidt folgte 1873 Franz Storch 1929 aus Wien berufen, und 1938
Eilhard Schulze aus Rostock, der ein Jahr folgte ihm Josef Meixner nach, der ein
später das Zoologisch-Zootomische Institut Schüler von von Graff und Böhmig war.
gründete. Er hat damit die jahrzehntelang Über die Zeit von 1939 – 45 war in den
bewährte morphologische Tradition des Archiven der Universität kaum etwas Spe-
Instituts begründet. Schulze wurde dann zifisches für die Zoologie zu finden, daher
nach Berlin berufen; nach ihm erhielt Lud- geht es in meinem Überblick mit Krieg-
wig von Graff die Lehrkanzel, die er sende weiter. Wie trist es zu dieser Zeit
außerordentlich lang (bis 1921) vertrat. ausgesehen haben muss, zeigt ein Blick
Von Graff ist der eigentliche Begründer in das VL-Verzeichnis im WS 1945/46:
des heutigen, knapp vor der Jahrhundert- Dort sind keine verantwortlichen Lehr-
wende eingerichteten Zoologischen Insti- enden genannt, abgesehen von einer Per-
tuts im ersten Stock des Universitätsplatzes son, nämlich Karl Umrath, zu dem es sich
2, dort wo sich das Institut auch heute
lohnt ein paar Worte zu sagen. Er hatte in
noch befindet. Damals galt das Institut als
Jena studiert und in Graz zu einem The-
eines der modernsten Europas. Seinen
ma über elektrische Potentiale und Reiz-
persönlichen Beziehungen ist es zu ver-
leitung bei Pflanzen promoviert. Dieses
danken, dass während seiner Amtszeit
Thema führte fast zwangsläufig zu einer
1910 der 8. Zoologenkongress in Graz
engen Kooperation mit dem Institut für
stattfand. Heute noch finden sich Relikte
Pflanzenphysiologie. Er hat insofern eine
aus dieser Zeit in Form zahlreicher, liebe-
Entwicklung vorweggenommen, die uns
voll gezeichneter Wandtafeln, die von ei-
im Augenblick sehr beschäftigt, nämlich
nem der Schüler von Graff´s stammen,
nämlich von Rudolf von Stummer-Traunfels. wie die Zoologie mit den Pflanzenwissen-
Nach dem Ende des 1. Weltkrieges schaften enger als organismische Biolo-
und dem Zerfall der Donaumonarchie gie zusammenwachsen könnte. Vor dem
übernahm ein weiterer seiner Schüler, Namen Umrath steht PD für Privatdozent;
Ludwig Böhmig, die Lehrkanzel. Wenn selbst wenn ihm später der Titel eines
man den wenigen überlieferten persön- O. Univ. Professors verliehen wurde: er
lichen Kommentaren Glauben schenken war und blieb stets ein Privatdozent im
darf, so war dieser Wechsel auch ein dra- ursprünglichsten Sinne des Wortes, denn
matischer Wechsel in der Persönlichkeit er war so wohlhabend, dass er sich selbst
der zwei aufeinander folgenden Professo- finanzieren konnte; er war nie von der
ren: von Graff wurde eine lebensfrohe, Universität bezahlt. Auch die Geräte für
gesellige Natur mit viel Humor nachge- seine reizphysiologischen Untersuchun-
sagt, während Böhmig eine bescheidene, gen stammten aus seinem persönlichen
geradezu asketische Grundhaltung hatte, Fundus, wie unter anderem die Kymogra-
mit einem schon fast pathologischen phen, die ich 1992 noch bei meinem
Hang zur Pünktlichkeit. Ein solcher Wech- Dienstantritt in Graz vorfand.
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Als Physiologe war Umrath natürlich akademische Senat ihm anlässlich der 51.
auch von der Entdeckung des Vagustoffes Jahresversammlung der DZG im Jahr
durch den Grazer Nobelpreisträger Otto 1957 das Ehrendoktorat verliehen. Die
Loewi angeregt. Seine diesbezüglichen Tradition der Bienenforschung wurde bis
Arbeiten mit Meerschweinchen belegten heute in der Forschung aufrechterhalten,
auch sein inniges Verhältnis zu seinen wie unten erläutert, und in Freilandsemi-
Versuchstieren: er wurde gelegentlich mit naren mit Studierenden werden Karl von
einer Sense bewaffnet gesehen um Gras Frischs Experimente an Bienen nachvoll-
für sie zu schneiden, aber er pflegte sei- zogen.
ne Tiere nach dem Experiment auch zu Nach der Rückberufung von Frischs
verspeisen. Ernst Florey war einer seiner nach München übernahm Wilhelm Küh-
Doktoranden, ebenso wie die späteren nelt die Leitung des Instituts. Er war zuvor
außerordentlichen Professoren Karl Hag- Dozent an der Wiener Zoologie; er hat
müller und Otto Kepka im Grazer Institut. das Themengebiet in Graz auf die Boden-
Im Vorlesungsverzeichnis des WS zoologie erweitert, was, wie sich in der
1946/47 stoßen wir neben Umrath auf den Folge herausstellte, ein wichtiges wissen-
Namen Karl von Frisch. Von Frisch konnte schaftliches Standbein der Grazer Zoolo-
1946 nach Graz berufen werden, aber um gie werden sollte. Kaum in Graz richtig
der Wahrheit die Ehre zu geben waren es warm geworden wurde Kühnelt an die
vor allem die Zustände in München und Wiener Universität zurückberufen, sodass
die Unmöglichkeit dort zu forschen, die nach einem kurzen Interregnum im Jahr
ihn nach Graz trieben. Er selbst sagte da- 1954 Erich Reisinger auf das vakante Or-
zu Folgendes: „……So stand ich mit 60 dinariat berufen wurde. Reisinger hatte
Jahren vor der Wahl, meine restlichen Kräf- unter der Anleitung von Ludwig von Graff
te der Wiederherstellung des Münchner promoviert, natürlich über ein Thema an
Zoologischen Institutes, oder in Graz der Turbellarien, und er ist dieser For-
wissenschaftlichen Arbeit zu widmen. Das schungsrichtung sein ganzes Leben treu
letztere schien mir richtiger“ (Karl von geblieben. Reisingers Bemühungen ist es
Frisch, Erinnerungen eines Biologen, Ber- zu verdanken, dass der Grazer Zoologie
lin-Göttingen-Heidelberg 1957, 131). ein zweites Ordinariat zugesprochen wur-
Allerdings waren auch die Umstände de. 1970 erfolgte seine Emeritierung; da-
in Graz alles andere als rosig und von mit hatte die etwa 100-jährige Turbella-
Frisch musste sogar für eine gewisse Zeit rienforschung in Graz ein Ende gefunden.
wegen Wohnraummangels im Institut Unter Reisinger fand auch 1957 die oben
wohnen. Mit finanzieller Unterstützung erwähnte DZG-Tagung in Graz statt.
durch die Rockefeller Foundation bewirk- Nach der Emeritierung Reisingers gab
te er die Einrichtung eines modernen es also zwei Ordinariate zu besetzen, und
Hörsaales. Aus dieser Zeit des Mangels man kann wohl berechtigt sagen, dass
und der Improvisationen stammt eine Rei- damit die Neuzeit der Grazer Zoologie
he von wichtigen Arbeiten zur Bienen- eingeläutet war, denn einer der beiden
kommunikation, so dass die Philosophi- berufenen Professoren ist als 85-jähriger
sche Fakultät der Universität und der Emeritus noch immer am Institut aktiv:
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