31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...

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31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...
31:
Women
  Exhibition Concept after
  Marcel Duchamp, 1943

  Werke der Daimler Art Collection
  1930–2020
31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...
Anni Albers (D), Leonor Antunes (P), Ilit Azoulay (IL), Anna Beothy Steiner (AT-HU), Amit Berlowitz (USA),
Madeleine Boschan (D), Max Cole (USA), Mary Corse (USA), Dadamaino (I), Ulrike Flaig (D), Andrea Fraser (USA),
      Dominique Gonzalez-Foerster (F), Beate Günther (D), Marcia Hafif (USA), Isabell Heimerdinger (D),
 Tamara K.E. (GEO), Sonia Khurana (IND), Kazuko Miyamoto (J), Charlotte Moorman (USA), Zanele Muholi (ZA),
      Nnenna Okore (AUS), Annu Palakunnathu Matthew (GB), Silke Radenhausen (D), Berni Searle (ZA),
   Lerato Shadi (ZA), Efrat Shvily (IL), Natalia Stachon (PL), Katja Strunz (D), Adejoke Tugbiyele (NIG/USA),
                                     Amalia Valdés (CHL), Andrea Zittel (USA)
31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...
31:
    Women
      Exhibition Concept after
      Marcel Duchamp, 1943

      Werke der Daimler Art Collection
      1930–2020

      29. Februar 2020 —
      7. Februar 2021

      Kuratorin
      Renate Wiehager

1
31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...
Inhalt

                                                             ›31: Women‹. Eine Einleitung             6
                                                             Renate Wiehager

                                                             Minimalism and After                    17
                                                             Politische, poetische und
                                                             persönliche Revisionen
                                                             Friederike Horstmann

                                                             Geometrien, Proportionen,               23
                                                             Harmonien
                                                             Zwischen Abstraktion und
                                                             zeitgenössischem Living Space
                                                             Maria Radke

                                                             Untergründig, unheimlich,               31
                                                             intuitiv, unbewusst
                                                             Sarah Maske

                                                             Hybride, Transkulturalität              37
                                                             und Neuentwürfe
                                                             Postkolonial-feministische Positionen
                                                             Nadine Isabelle Henrich

                                                             Körper Zyklen Identitäten               46
                                                             Renate Wiehager

                                                             Werkliste                               52
Amit Berlowitz, Yasmin, 2011
Inkjet-Print auf Alu-Dibond, Acrylglas, 55 × 83 cm
                                                     2   3
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Ilit Azoulay, At the Appearance of Things, 2011
Inkjet-Print auf Alu-Dibond, Acrylglas, 68 × 108 cm
                                                      4   5
31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...
Renate Wiehager

›31: Women‹
Eine Einleitung

Mit der Ausstellung ›31: Women‹ knüpft die Daimler   Perspektiven der zeitgenössischen Kunst in über­
Art Collection an zwei bahnbrechende Präsenta­       raschenden Konstellationen und thematischen
tionen in Peggy Guggenheims New Yorker Galerie       Inszenierungen zusammen.
Art of This Century an, ›Exhibition by 31 Women‹,
1943, und ›The Women‹, 1945. Initiiert und kurati­   ›31: Women‹ ist Teil eines größeren, für den Zeit­
ert wurde diese von Guggenheims Freund und           raum März 2020 bis Februar 2021 geplanten
Berater, dem Künstler Marcel Duchamp. Es waren       Projekts der Daimler Art Collection. Dieses um­                            Annu Palakunnathu Matthew, An Indian from India – Portfolio II, 2007
die ersten Ausstellungen in den USA in diesem        fasst – die Berliner Ausstellung im Daimler Con­                           Inkjet-Print auf Legion Concorde Rag Papier, Portfolio, 10 Teile, je 30,5 × 40,6 cm
Umfang, die sich ausschließlich auf Künstlerinnen    temporary ergänzend und begleitend – weiterhin
fokussierten. Die Frauen repräsentierten eine        die Publikation ›Duchamp und die Frauen. Freund­               gende Geschichtsklitterung zu betreiben. Dies ist            Gallery der Columbia University New York. Kura­
junge Generation aus 11 verschiedenen Nationen.      schaft, Kooperation, Netzwerk‹ sowie eine Vor­                 einer von mehreren Subtexten unserer Ausstel­                tiert von Denise Murrell, wurde ›Black Models:
Inhaltlich trafen Vertreterinnen des Surrealismus    tragsreihe. Rund 60 Frauen, die zwischen etwa                  lung ›31: Women‹. Einige weitere Subtexte sollen             From Géricault to Matisse‹ im Sommer 2019 vom
auf abstrakte Malerinnen, dadaistisch beeinflusste   1900 und heute als Künstlerinnen, Autorinnen,                  nachfolgend in dieser Einleitung kurz umrissen               Pariser Musée d’Orsay übernommen und noch
Künstlerinnen und unbekannte, jüngere Positionen     Galeristinnen, Kunstsammlerinnen, Verlegerinnen                werden:                                                      einmal umfassend erweitert. Während New York
der Zeit.                                            oder Designerinnen ihre Zeit geprägt haben,                                                                                 ausschließlich weibliche schwarze Modelle in den
                                                     werden im Rahmen dieses Projekts vorgestellt.                  • die Sammlungsstrategie der Daimler Art Collec­             Bildern der Moderne thematisierte und so eine
Im Rückbezug auf dieses wichtige Gründungsdo­                                                                         tion bezogen auf weibliche Protagonistinnen der            Engführung der kritischen Debatte aus feministi­
kument feministischer Kunstgeschichte 1943/45        Ausstellungen zur Rolle der Frau in der                          Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts;                        scher Perspektive erreichte, weitete Paris die
verdichtet die Ausstellung ›31: Women‹ mit rund      Kunsthistorie, aktuelle Revisionen und                         • die Ausstellungen ›Exhibition by 31 Women‹ und             Untersuchung auf schwarze Menschen beiderlei
60 Werken der Daimler Art Collection zwei lang­      Kontroversen                                                     ›The Women‹ in der Galerie Peggy Guggenheim                Geschlechts aus. Für manche Kritikerinnen und
fristig entwickelte Schwerpunkte der Sammlung:       Für das Jahr 2019 ist eine bemerkenswerte Ver­                   New York 1943, kokuratiert von Marcel                      Kritiker eine Schwächung der Diskussion durch
der Fokus auf weibliche Protagonistinnen der         dichtung von Revisionen, Diskussionen und Kon­                   Duchamp, als ein Gründungsdokument feminis­                Popularisierung. Gleichwohl wurde in den beglei­
Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts einerseits,       troversen zu verzeichnen, die die Rolle der Frau als             tischer Kunstgeschichte;                                   tenden Kritiken immer wieder formuliert, dass für
Recherchen und Projekte seit 2016 zu Duchamp/        Objekt und Subjekt der Kunsthistorie betreffen.                • der weitere Horizont der Recherchen und Pro­               alle Betrachter*innen, die der Argumentation
kuratorischer Praxis/Readymade andererseits.         Bücher, Ausstellungen und Onlineforen haben sich                 jekte der Daimler Art Collection seit 2016 zu              dieser Ausstellungen gefolgt seien, die berühmten
Unsere Schau ›31: Women‹ beginnt historisch mit      – einerseits – mit der Exklusion von Frauen aus                  Duchamp/kuratorischer Praxis/Readymade.                    Werke des 19. Jahrhunderts – Édouard Manets
Werken aus der Tradition von Bauhaus und Kon­        den Netzwerken und Traditionsbildungen der                     • Abschließend werden die Schwerpunkte unserer               Olympia, 1863, oder Théodore Géricaults Le Rade­
kreter Kunst, führt weiter zu europäischen und       Kunst befasst und die Rolle der Museen bezogen                   aktuellen Ausstellung ›31: Women‹ knapp zu­                au de la Méduse [Das Floß der Medusa],1818–19,
amerikanischen Tendenzen aus Zero und Minima­        auf die Diskriminierung weiblicher Ästhetik einer                sammengefasst.                                             nie mehr in gleicher Weise angesehen und bespro­
lismus und erweitert dann den Horizont um jünge­     kritischen Analyse unterzogen. Auf der anderen                                                                              chen werden könnten, wie es bislang der Fall war.
re Künstlerinnen aus Indien, Südafrika, Nigeria,     Seite wurde diskutiert, wie denn die Beiträge von              ›Posing Modernity: The Black Model from Manet                Was war geschehen? Den Kuratorinnen in New
Israel, Chile, USA u. a. Ländern. Die Ausstellung    Künstlerinnen auf neuem Niveau inkludiert werden               and Matisse to Today‹ war der Titel einer im                 York und Paris war es durch intensive Recherchen
bringt frühe feministische Tendenzen mit globalen    könnten, ohne eine dann doch wieder herabwürdi­                Herbst 2018 eröffneten Schau an der Wallach Art              gelungen, vielen schwarzen Modellen, die in den

                                                                                                            6   7
31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...
großen Chor der männlichen Moderne und Gegen­         Kritik in dem Sinne, dass nun die Künstler sich
                                                                                                                      wartskunst bleiben? Die Statistiken zur Präsenz       diskriminierenden Maßnahmen ausgesetzt sehen
                                                                                                                      und Bewertung von Künstlerinnen im aktuellen          würden. Unerwartet waren auch nachdrücklich
                                                                                                                      Kunstdiskurs lassen Zweifel aufkommen. Im Jahr­       geäußerte Befürchtungen und Vorwürfe seitens
                                                                                                                      zehnt 2008–2018 waren nur elf Prozent der Neu­        Vertreterinnen von Museum und Kunstkritik, diese
                                                                                                                      erwerbungen für US-amerikanische Museen und           Maßnahme sei bei weitem nicht ausreichend, das
                                                                                                                      Sammlungen der Kunst von Frauen gewidmet.2            strukturelle Ungleichgewicht zu kompensieren.4
Isabell Heimerdinger, Interior #20, Interior #21, 2000
Digitale C-Prints, Diasec, je 120 × 160 cm
                                                                                                                      Letzteres Faktum leitet über zu einer aktuell         Die Erwerbungsstrategie der Daimler Art
                                                                                                                      geführten Diskussion hinsichtlich der Frage, wie      Collection seit 2001
Gemälden als Bedienstete, Kindermädchen, Blu­            Nachbarn bekommen. Die Ausstellungsdisplays                  konsequent zeitgenössische Museen ihre Samm­          Zwei frühe Kataloge der 1977 gegründeten Samm­
menverkäuferinnen oder Sklaven dargestellt wer­          der Räume zeigen 360 Grad Perspektiven mit                   lungsstrategien, zumindest temporär, neu ausrich­     lung machen rückblickend – hier bezogen auf die
den, ihre historischen Namen wiederzugeben.              Themen quer durch die Medien, Kulturen und                   ten könnten, um das krasse Ungleichgewicht            Inklusion von Künstlerinnen – die Entwicklung der
Damit wurde jedoch nicht nur den Dargestellten           kunsthistorischen Traditionen. Da zugleich der               hinsichtlich der Präsenz von Künstlerinnen und        Daimler Art Collection bis zu jenem Zeitpunkt
ihre historische Individualität zurückgegeben.           Erwartungshaltung des Publikums hinsichtlich der             Künstlern in musealen Sammlungen in Balance zu        nachvollziehbar. ›Von Arp bis Warhol‹5 (1992)
Vielmehr rückten dahinterliegende soziale, klas­         Orientierung entlang der ikonischen Hauptwerke               bringen?                                              stellte 75 Künstler vor – und eine Frau: Christa
senspezifische und historische Fakten in eine            zu begegnen war, sind über die kommenden Jahre               Vorläufer war 2013 die Pennsylvania Academy of        Näher. Der zweite Katalog, ›Geometrie als Ge­
qualitativ neue Perspektive und: die strategische        kontinuierliche Umhängungen geplant, um neue                 the Fine Arts: Das Museum erzielte mit dem Ver­       stalt‹6 , 1999, präsentierte etwa 50 Positionen,
Blindheit der Kunsthistorie selbst fand sich plötz­      historische Konstellationen und Kunsthistorie als            kauf eines Bildes von Edward Hopper einen Erlös       darunter nur vier Künstlerinnen: Lydia Dona,
lich im überhellen Licht der Öffentlichkeit.1            Prozess mit permanent sich wandelnden Wertun­                von rund 40 Mio. Dollar und reinvestierte den         Verena Loewensberg, Karin Sander, Yuko Shirai­
                                                         gen und Erkenntnissen kritisch zu thematisieren.             Betrag seither in den schwerpunktmäßigen Erwerb       shi. Diese Statistik – geschätzt darf man für die
Eine nicht minder kontrovers und international                                                                        von Werken internationaler, schwarzer und quee­       Zeit vor dem Jahr 2000 von einer Berücksichti­
geführte Debatte wurde im Spätsommer 2019 im             Wichtige Vertreterinnen der Moderne und der                  rer Künstlerinnen wie auch schwarzer Künstler,        gung weiblicher Kunst von etwa fünf Prozent
Zuge der Neueröffnung des Museum of Modern               Gegenwartskunst können nun im MoMA den                       die ebenso markant unterrepräsentiert sind. Eine      ausgehen – spiegelt durchaus die Haltung vieler
Art, New York, durch die Neuordnung der Hän­             prominenteren Künstlern auf Augenhöhe begeg­                 Vorreiterrolle in diesem Sinne hat auch die Dia Art   musealer und öffentlicher Sammlungen der Zeit
gung, die damit verbundene Revision historischer         nen: Louise Bourgeois’ Skulptur Quarantania I,               Foundation, New York, gespielt, initiiert wesent­     wider und führt plakativ vor Augen, dass die Zu­
Stilabfolgen und die Neubewertung der Rolle der          1947–53, sowie ein Hauptwerk der schwarzen                   lich durch Jessica Morgan, die Chefkuratorin seit     rückhaltung oder Ignoranz gegenüber Künstlerin­
Künstlerinnen im 20. Jahrhundert ausgelöst. Das          US-amerikanischen Malerin Faith Ringgold, Ameri­             2015: Seither wurden für die vordem massiv            nen bis weit in das ausgehende 20. Jahrhundert
MoMA hat in den letzten Jahrzehnten immer wie­           can People Series #20, 1967, und Pablo Picassos              männlich dominierte Sammlung bedeutende Werk­         durchgesetzt wurde.
der versucht, die rund einhundertjährige Orientie­       Les Demoiselles d’Avignon, 1907, können vis-à-vis            gruppen erworben und ausgestellt von Hanne
rung einer weiß-männlich-westlichen Kunstge­             neue Lesarten entfalten. Henri Matisse’ L’Atelier            Darboven, Michelle Stuart, Mary Corse, Dorothy        Aktuell umfasst die Daimler Art Collection rund
schichtsschreibung über Themenausstellungen,             rouge, 1908, findet in Alma Woodsey Thomas’                  Rockburne, Charlotte Posenenske oder Nancy            650 Künstler*innen, davon ca. 170 Künstlerinnen,
Publikationen und neue Schwerpunkte der Samm­            Fiery Sunset, 1973, ein dialogisches Gegenüber.              Holt.3                                                ihre Präsenz liegt bei ca. 25 Prozent – eine deutli­
lungspräsentation zu hinterfragen. Mit der Neuer­        Die Nachbarschaft von Wilfredo Lams Bild The                                                                       che Steigerung, aber es ist gleichwohl noch ein
öffnung stehen nun eine grundlegende Revision            Jungle, 1943, und Maya Derens/Talley Beattys                 Im Herbst 2019 nun zog das Baltimore Museum of        weiter Weg zu gehen. Mit dem Wechsel der
der kuratorischen Verantwortung des Museums              experimentellem Tanzfilm A Study in Choreography             Art eine hitzig geführte Kontroverse auf sich: Der    Sammlungsleitung 20017 wurde ein strategischer
und eine Rekontextualisierung der jüngeren Kunst         for Camera, 1945, kann Erkenntnisse hinsichtlich             Direktor Christopher Bedford hatte aus der weit­      Schwerpunkt auf die Einbeziehung von Künstlerin­
öffentlich zur Diskussion.                               der Umsetzung existenzieller Erfahrung im Ver­               gehend maskulin dominierten Museumssammlung           nen gelegt und es fanden im Verlauf weniger Jahre
Entgegen der Tradition, die Raumabfolgen im              hältnis von Figur, Raum, Zeit eröffnen.                      Werke von Künstlern wie Andy Warhol oder Robert       bedeutende Einzelwerke bzw. Werkgruppen von
Marschtritt der Kunst-Ismen separiert und in             Die kritische Frage bleibt: Werden die Werke der             Rauschenberg veräußert und verkündet, den Erlös       Vertreterinnen der internationalen Nachkriegs­
Reihe zu halten, haben die Meisterwerke des              Künstlerinnen – dekontextualisiert und in affirma­           2020 in Werke von Künstlerinnen zu reinvestieren.     avantgarden und der aktuellen Kunst Eingang in
MoMA jetzt überraschend neue Nachbarinnen und            tive Bezüge versetzt – nur Begleitstimmen im                 Überraschend kam nicht nur harsche männliche          die Sammlung: in den frühen 2000er-Jahren waren

                                                                                                              8   9
31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...
dies Dadamaino (I), Sylvie Fleury (CH), Gail Has­    eine ungewöhnliche Beleuchtung, Sound-Effekte
tings (AUS), Isabell Heimerdinger (D), Tamara K.E.   und vor allem zahlreiche ungewöhnliche Präsenta­
(GE), Sarah Morris (USA), Charlotte Posenenske       tionsformen für die ausgestellten Objekte.8
(D), Elaine Sturtevant (USA), Simone Westerwinter
(D), Andrea Zittel (USA) etc. Ab 2003 folgten        Marcel Duchamp ist auch Ideengeber und Kokura­
Werke weiterer international renommierter Künst­     tor der ersten Ausstellung in Peggy Guggenheims
lerinnen wie Jane Alexander (ZA), Leonor Antunes     Galerie, die sich ausschließlich auf weibliche
(P), Jo Baer (USA), Hanne Darboven (D), Ulrike       Vertreterinnen der Avantgarde fokussiert: ›Exhibi­
Flaig (D), Andrea Fraser (USA), Beate Günther (D),   tion by 31 Women‹ (5.–31. Januar 1943).9 Zwei
Silke Radenhausen (D), Berni Searle (ZA), Pamela     Ausstellungen, die Duchamp gesehen haben könn­
Singh (IND), Katja Strunz (D), in jüngerer Zeit      te, mögen hier Vorbildfunktion gehabt haben:
beispielsweise Bethan Huws (UK), Cao Fei (CHN)       1934 hatte Katherine S. Dreier – US-amerikani­
oder Iman Issa (ET) und viele andere. Es sind        sche Kunstsammlerin und Feministin, Freundin
Werke und Künstlerinnen, die teilweise auch in       Duchamps und Partnerin vieler gemeinsamer
                                                                                                                    Amit Berlowitz, Beach (Aus der Serie Awakening), 2011, HD Video Film, 5:34 min
unserer aktuellen Ausstellung ›31: Women‹ wieder     Projekte – mit Werken der Sammlung der Société
vertreten sind und in neuen, überraschenden          Anonyme 13 Malerinnen in New York vorgestellt
Konstellationen diskutiert werden können. Für das    unter dem Titel ›From Impressionism to Abstrac­
Jahr 2020 haben wir uns u. a. auf Erwerbungen        tion. 13 Women Painters from France, Germany,                  7. Juli). Viele der nun insgesamt 33 Teilnehmerin­          usw. –, wurden erstmals als eigenständige Akteu­
von Künstlerinnen schwarzafrikanischer Herkunft      Belgium, Norway, Poland and the United States‹.10              nen waren bereits in der ersten Ausstellung dabei,          rinnen auf dem Feld der Kultur wahrgenommen.
fokussiert, die ebenfalls in dieser Schau vorge­     In Paris war 1937 eine erste Ausstellung eröffnet              jedoch verlagert Guggenheim dieses Mal den                  Nach den Errungenschaften für Frauen in Kunst,
stellt werden: Zanele Muholi (ZA), Nnenna Okore      worden, die ausschließlich Künstlerinnen vorstell­             Schwerpunkt von surrealistischen hin zu den                 Kultur und sozialen Bereichen zu Beginn des
(AUS), Lerato Shadi (ZA) und Adejoke Tugbiyele       te, in diesem Fall aus Europa, ›Les Femmes artis­              abstrakten Tendenzen der Zeit mit neuen Namen               20. Jahrhunderts hatte es bedingt durch das Erstar­
(USA).                                               tes d’Europe exposent au Musée du Jeu de Pau­                  wie Nell Blaine, Louise Bourgeois, Lee Krasner,             ken faschistischer Politik in Europa, rechter Ge­
                                                     me‹ (11.–28. Februar).11                                       Charmion von Wiegand und Catherine Yarrow.13                sinnungen und die Umwälzungen des Zweiten Welt­
›31: Women‹ Marcel Duchamp, Peggy                    Peggy Guggenheim stellte 1943 vorwiegend Ver­                  Diese bahnbrechenden Ausstellungen zu den                   krieges einen Rückfall in eine durch und durch
Guggenheim und das Jahr 1943                         treterinnen des Surrealismus vor wie Leonora                   künstlerischen Vertreterinnen der Avantgarde ließ           maskulin dominierte Gesellschaft gegeben,
Am 13. Juli 1941 verließ Peggy Guggenheim            Carrington, Leonor Fini, Valentine Hugo, Meret                 die Peggy Guggenheim Collection in Venedig 1997             die sich auch massiv auf das Kunstsystem aus­
Europa Richtung New York auf der Flucht vor mög­     Oppenheim und Dorothea Tanning; abstrakte                      mit der Ausstellung ›Art of This Century: The               wirkte.15 In diesem Umfeld waren die Ausstellungen
lichen Repressionen durch die deutsche Besat­        Malerei von Irene Rice Pereira, Hedda Sterne und               Women‹ noch einmal Revue passieren.14                       von Peggy Guggenheim, die nicht nur als Mitglied
zung in Frankreich. Im Juni 1942 erhielt Marcel      Sophie Taeuber-Arp; es waren Bilder und Objekte                                                                            einer in den USA weit bekannten Unternehmer­
Duchamp sein Visum für die Ausreise und wohnte,      von Djuna Barnes, Xenia Cage, Frida Kahlo, Suzy                Man kann die Bedeutung dieser beiden ›Women‹-               familie einen großen Namen trug, sondern über­
in New York angekommen, zunächst in Peggy            Frelinghuysen, Louise Nevelson und Elsa von                    Ausstellungen in ihrer Zeit 1943/45 und vor allem           dies auch als Galeristin erfolgreich war, ein star­
Guggenheims Apartment in der East 51st Street.       Freytag-Loringhoven zu sehen; und schließlich                  für den US-amerikanischen Kontext nicht hoch                kes Signal.
Die beiden waren seit 1938 befreundet, Duchamp       auch unbekannte, jüngere Künstlerinnen wie                     genug einschätzen. Für viele Künstlerinnen waren
hatte die US-amerikanische Kunstmäzenin für die      Gypsy Rose Lee, Peggy Guggenheims Schwester                    die Präsenz in Guggenheims renommierter Gale­               An zwei weitere Aspekte muss hier erinnert wer­
Ausrichtung ihrer Galerie in London und den          Hazel McKinley und ihre Tochter Pegeen Vail                    rie, die Aufmerksamkeit von Presse und Öffent­              den. Bereits seit den 1920er-Jahren hatte Peggy
Aufbau ihrer Kunstsammlung in Paris beraten. Im      Guggenheim.12                                                  lichkeit und der Kontakt zu Duchamp und seinem              Guggenheim Künstlerinnen und Autorinnen ihres
Oktober 1942 eröffnete Guggenheim ihr Galerie-                                                                      kulturellen Netzwerk ein Sprungbrett für ihre               Umfelds finanziell und ideell unterstützt: Berenice
Museum Art of This Century in der New Yorker         Die große Aufmerksamkeit, die die Ausstellung                  weitere Karriere. Die Partnerinnen berühmter                Abbott, Djuna Barnes, Natalie Barney, Emma
West 57th Street Nummer 30. Die große Attrakti­      ›Exhibition by 31 Women‹ bei Presse und Öffent­                Künstler der Zeit, die hier ausstellten – Xenia             Goldman oder Mina Loy.16 Zusätzlich zu den
on ist die extravagante Innenausstattung von         lichkeit fand, veranlasst Peggy Guggenheim 1945                Cage, Jacqueline Lamba (die Frau von André                  Künstlerinnen, die 1943 und 1945 vorgestellt
Friedrich Kiesler: organisch mäandernde Wände,       zu einer Folgeausstellung: ›The Women‹ (12. Juni–              Breton), Kay Sage (verheiratet mit Yves Tanguy)             wurden, stellte Peggy Guggenheim junge Künst­

                                                                                                          10   11
31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...
Mit den Worten von Martica Sawin: »Ob durch                    porary Berlin. Die walisische Konzeptkünstlerin      Die Publikation fokussiert die künstlerischen,
                                                     Zufall oder einer Intention folgend – Guggenheim               Bethan Huws hatte hierfür ein ortsbezogenes          kulturellen und gesellschaftspolitischen Leistun­
                                                     war in der Tat eine Konstrukteurin von Geschich­               Projekt sowie ein Künstlerbuch mit exemplari­        gen der vorgestellten Frauen, die oftmals tonange­
                                                     te.«18 Und man darf in diesem Kontext ergänzen:                schen Arbeiten aus der Sammlung konzipiert.21        bende Figuren der frühen Moderne des 20. Jahr­
                                                     Sie hatte in Marcel Duchamp einen Gesprächs­                   Mit der Ausstellung ›Der Duchamp-Effekt. Ready­      hunderts waren. Entsprechend den Intentionen
                                                     partner, der sie in der Ausrichtung auf eine anti-             made. Werke aus der Daimler Art Collection zu        der Herausgeberinnen spielen gängige Klischees
                                                     hierarchische, genderübergreifende Ausstellungs-               Gast in der Kunsthalle Göppingen‹ (2016/17)          wie die Nacherzählung erotischer Beziehungen,
                                                     und Förderpolitik energisch und intelligent                    wurde in einem zweiten Schritt der historischen      der Topos von Schöpfer und Muse oder die Auf­
                                                     unterstützte.                                                  Bedeutung des ›Konzepts Readymade‹ nachgegan­        deckung psychologischer Motive in dem Buch keine
                                                                                                                    gen. Die Thematik wird 2020 im Daimler Contem­       Rolle (wenngleich einige wenige der porträtierten
                                                     100 Jahre Readymade, Duchamp,                                  porary Berlin mit ›31: Women‹ erneut aufgegriffen.   Frauen durchaus zeitweise auch eine Liebesbezie­
                                                     weibliche Avantgarden 1900 bis heute:                          Für die organisatorische Umsetzung dieser Aus­       hung zu Duchamp pflegten.)
                                                     Jüngere Projekte, Publikationen und                            stellungen danke ich dem Kernteam der Daimler        Für die Werkentwicklung wie für spezifische künst­
                                                     Recherchen der Daimler Collection                              Art Collection, Susanne Bronner, Monika Daubner,     lerische Werkentscheidungen waren für Duchamp
                                                     Den Anstoß für die Ausstellung ›31: Women‹                     Claudia Grimm und vor allem, in Berlin, Kathrin      die oft über Jahrzehnte gepflegten Verbindungen
Mary Corse, Black Painting, 1986                     gaben 2016 begonnene und gemeinsam mit der                     Hatesaul, unseren Doktorandinnen Wiebke Hahn         mit Frauen besonders bedeutsam. Das Buch stellt
Glasmikrokugeln in Acryl auf Leinwand                Duchamp-Expertin Katharina Neuburger verfolgte                 (bis 2019), Nadine Isabelle Henrich (2017-20) und    diese Frauen erstmals mit Blick auf das biografi­
207 × 139,7 × 3,8 cm                                 Recherchen für ein Symposium und eine Publikati­               Sarah Maske (2019) sowie Maria Radke als Prakti­     sche und kulturelle Umfeld Duchamps vor – von
                                                     on der Daimler Art Collection. Unter dem Thema                 kantin (2019/20).                                    seinen Jugendjahren bis zu seinem Tod im Jahr
lerinnen der Zeit auch in ihrem ›Spring Salon for    ›Duchamp als Kurator‹ wurden die kuratorischen                                                                      1968 – und macht die Leser*innen mit den kultu­
Young Artists‹ vor und neun Künstlerinnen erhiel­    Aktivitäten Duchamps in den Blick genommen und                 Begleitend zu ›31: Women‹ erscheint, ebenfalls in    rellen Zirkeln und künstlerischen Bewegungen
ten in ihrer Galerie Einzelausstellungen. Diese      ihre Relevanz für sein künstlerisches Werk unter­              Kooperation mit Katharina Neuburger, die Publi­      bekannt, in deren Umfeld die vorgestellten Frauen
Fakten haben die feministische Kunstkritik zu der    sucht.19                                                       kation ›Marcel Duchamp und die Frauen. Freund­       aktiv waren und auf die sie ihrerseits prägenden
Einschätzung geführt, dass Peggy Guggenheim zu       Aus diesen Recherchen heraus und umfänglich                    schaft, Kooperation, Netzwerk‹.22 Die Publikation    Einfluss nahmen.
den wichtigsten Impulsgeber*innen weiblicher         erweitert ist 2019 eine erste Publikation entstan­             eröffnet eine ungewöhnliche Perspektive auf den      Neben Kurzbiografien zu rund 65 Frauen aus dem
Kunst in ihrer Zeit zu zählen ist – ganz entgegen    den (Text: Wiehager), welche in chronologischer                ›Jahrhundertkünstler‹ Marcel Duchamp. Anhand         Umfeld Marcel Duchamps liegt der Schwerpunkt
der Rolle der skandalträchtigen Femme fatale, in     Folge Duchamps kuratorische Aktivitäten bezogen                kunstwissenschaftlicher Essays und biografischer     des Buches bei 15 ausführlichen Essays zu Leit­
der sie üblicherweise wahrgenommen wird:             auf Ausstellungen, Sammlungen und Publikationen                Porträts zu rund 80 Protagonistinnen von der         figuren der frühen Moderne und Wortführerinnen
                                                     vorstellt.20                                                   frühen Moderne bis in die 1960er-Jahre, die          eines qualitativ neuen Feminismus, mit welchen
»Während Art of This Century für viele Künstlerin-                                                                  Leben und Werk von Duchamp geprägt haben,            Duchamp persönlich eng verbunden war bzw.
nen ein energetisierender Ausgangspunkt war,         100 Jahre Readymade: Duchamps erste schriftli­                 werden wesentliche Initiativen und Kooperationen     deren Werk er bewunderte. Die wichtigsten
diente sie im theoretischen Sinne auch als Bühne     che Nennung des Begriffs ›Readymade‹ 1916                      diskutiert, die seine künstlerischen Projekte        Lebensstationen und Werke der Frauen werden
für einen Diskurs über Geschlechterfragen, der bis   sowie die erste Ausstellung von Fountain 1917 in               begleitet und angeregt haben. Ergänzend werden       vorgestellt, jedoch immer mit einem Fokus auf
heute andauert. Wenn Guggenheims Einfluss auf        New York waren der Anlass, 2016/17 dem Kon­                    Texte von Frauen ins Deutsche übersetzt und          biografische Koinzidenzen bezogen auf Duchamp
die Kunst des 20. Jahrhunderts diskutiert wird,      zept des Readymade in der Daimler Art Collection               zugänglich gemacht, die bisher nur an entlegener     und konzeptuelle Kooperationen. Die Essays
haben die dramatischen und anekdotischen             weitergehende theoretische wie auch ausstel­                   Stelle auffindbar bzw. lediglich in französischer    widmen sich u. a.: Louise Arensberg / Djuna
Geschichten oft Vorrang vor den Tatsachen. Ob es     lungspraktische Fundierungen zu geben. ›On the                 oder englischer Sprache verfügbar waren. Der         Barnes / Gabrielle Buffet-Picabia / Katherine S.
uns gefällt oder nicht, Peggy Guggenheim mit ihren   Subject of the Readymade, or Using a Rembrandt                 Band zeichnet das gesellschaftliche und kulturelle   Dreier / Suzanne Duchamp / Peggy Guggenheim
verrückten Brillen, ausgefallenen Statements und     as an Ironing Board. Arbeiten aus der Daimler Art              Wirken der Frauen nach, die als Sammlerinnen,        / Mina Loy / Maria Martin / Louise Norton /
seifenopernartigen Memoiren steht im Zentrum         Collection ausgewählt von Bethan Huws anlässlich               Galeristinnen, Künstlerkolleginnen und Autorin­      Mary Reynolds / Carrie, Florine und Ettie Stett­
dieses transitorischen Moments für amerikanische     100 Jahre Readymade‹ war der Titel der ersten                  nen ihre Zeit in Europa und den USA mitgeprägt       heimer / Elsa von Freytag-Loringhoven / Beatrice
Künstlerinnen.«17                                    diesbezüglichen Ausstellung im Daimler Contem­                 haben.                                               Wood.

                                                                                                          12   13
31: Women Exhibition Concept after Marcel Duchamp, 1943 - Daimler Art ...
Die Schwerpunkte des Buches werden außerdem             dender Aspekt angenommen werden. Als unheim­                                      2019, https://news.artnet.com/womens-place-in-the-art-                 by_31_Women [July 28, 2019]: 9. Weiterhin waren vertreten:
                                                                                                                                          world/case-studies-how-four-museums-are-taking-radical-                Meraud Guevara, Anne Harvey, Buffie Johnson, Jacqueline
in einer öffentlichen Vortragsreihe in Berlin wäh­      lich bezeichnet Freud Dinge oder Situationen, die
                                                                                                                                          measures-to-admit-more-women-artists-into-the-art-historical-          Lamba Breton, Aline Meyer Liebman, Milena Pavlović-Barili,
rend der Laufzeit der Ausstellung ›31: Women‹           vertraut und bekannt sind, zugleich aber das                                      canon-1654717.                                                         Barbara Reis, Kay Sage Tanguy, Gretchen Schoeninger, Sonja
vorgestellt.                                            Gefühl der Ängstlichkeit auslösen.                                                                                                                       Sekula, Esphyr Slobodkina, Julia Thecla und Maria Helena
                                                                                                                                      4   Brian Boucher, »Facing Pushback From the Left and Right, the
                                                                                                                                                                                                                 Vieira da Silva.
                                                        Sechs Künstlerinnen werden unter den Aspekten                                     Baltimore Museum’s Director Defends His Decision to Buy
                                                                                                                                          Only Women’s Art in 2020«, 12. Dezember 2019, https://             13 Siobhan M. Conaty. »Art of This Century: A Transitional
Konstellationen und Themen der aktuellen                ›Hybride, Transkulturalität und Neuentwürfe‹                                      news.artnet.com/art-world/baltimore-museum-women-                     Space for Women«, in American Women Artists, 1935–1970:
Ausstellung ›31: Women‹                                 vorgestellt: Sonia Khurana (IND), Zanele Muholi                                   art-1730058.                                                          Gender, Culture, and Politics, hrsg. von Helen Langa und Paula
                                                                                                                                                                                                                Wisotzki, (London: Routledge, 2016), 25–40. Guggenheims
Ich referiere im weiteren die Konstellationen von       (ZA), Annu Palakunnathu Matthew (GB), Berni                                   5   Von Arp bis Warhol. Sammlung Daimler-Benz. Hrsg. von der
                                                                                                                                                                                                                Ausstellung ›The Women‹ war ursprünglich als Kooperation
Künstlerinnen und Werken, wie sie sich für die          Searle (ZA), Lerato Shadi (ZA), Adejoke Tugbiyele                                 Daimler-Benz AG (Stuttgart: Gerd Hatje 1992).
                                                                                                                                                                                                                mit der David Porter Gallery, Washington, DC, geplant, was
Besucherinnen und Besucher unserer Ausstellung          (USA). Künstlerische Positionen, die sich mit                                 6   Geometrie als Gestalt. Strukturen der modernen Kunst von              jedoch aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zwischen
                                                                                                                                          Albers bis Paik. Werke aus der Sammlung DaimlerChrysler.              Guggenheim und Porter nicht realisiert wurde. Porter organi-
›31: Women‹ im Rundgang erschließen können.             Postkolonialismus, Feminismus und einer zeitge­                                   Hrsg. von Fritz Jacobi. Ausst. Kat. Neue Nationalgalerie Berlin       sierte unter dem gleichen Titel – ›The Women‹ – eine eigene
›Minimalism and After – politische, poetische und       nössischen Perspektive auf Identitätspolitiken und                                (Berlin: Staatliche Museen, 1999).                                    Wanderausstellung, die auf ihrer ersten Station in Washington
                                                                                                                                                                                                                vom 10. bis zum 30. Juni 1945 zu sehen war.
persönliche Revisionen‹ ist der Auftakt der Aus­        Genderkonstruktionen auseinandersetzen, bilden                                7   Bis 2000 wurde die Daimler Art Collection von Hans Baumgart
                                                                                                                                          geleitet, seit 2001 von der Autorin dieses Beitrags.               14 Siobhan M. Conaty, Hrsg., Art of This Century: The Women,
stellung umschrieben. Vorgestellt werden Konstel­       folglich einen zentralen Aspekt dieses Teils.
                                                                                                                                                                                                                Ausst. Kat., Pollock-Krasner House und Study Center, East
lation von künstlerischen Arbeiten, die sich auf        Der Rundgang durch die Ausstellung schließt mit                               8   Jennifer Gough-Cooper/Jacques Caumont: »Ephemerides on
                                                                                                                                                                                                                Hampton, NY (New York: Stony Brook Foundation / Solomon
                                                                                                                                          and about Marcel Duchamp and Rrose Sélavy: 1887–1968«,
unterschiedliche Weise mit den Umbrüchen in der         einer Konstellation von acht Künstlerinnen unter                                                                                                        R. Guggenheim Foundation, 1997).
                                                                                                                                          in Marcel Duchamp: Work and Life, hrsg. von Pontus Hultén,
Kunst der 1960er-Jahre auseinandersetzen. Der           dem Thema: ›Körper Zyklen Identitäten‹. Diskutiert                                Pontus, Ausst. Kat., (Cambridge, MA: MIT Press, 1993, o. S.,       15 Siobhan M. Conaty hat noch in den 1990er-Jahren mit
                                                                                                                                          20. Oktober 1942; vgl. auch Annette Seemann: Peggy Guggen-            Künstlerinnen sprechen können, die 1943 bzw. 1945 an den
Minimalismus mit seiner perfekten Formenspra­           werden die Werke von Ulrike Flaig (D), Beate                                      heim: Ich bin eine befreite Frau (Düsseldorf: Econ & List Verlag      Ausstellungen in der Guggenheim-Galerie beteiligt waren und
che wird in den Werken von Marcia Hafif (USA),          Günther (D), Isabell Heimerdinger (D), Tamara K.E.                                1998), 238–243; Francine Prose, Peggy Guggenheim: The                 von einer »dominanten Macho-Attitüde« in den USA in dieser
                                                                                                                                          Shock of the Modern (New Haven, CT: Yale University Press             Zeit gesprochen haben. Conaty 2016, wie Anm. 13, 35 [Übers.
Kazuko Miyamoto (J), Efrat Shvily (IL), Natalia         (GE), Charlotte Moorman (USA), Nnenna Okore
                                                                                                                                          2015) 134–139; Mary V. Dearborn. Ich bereue nichts! Das               d. A.].
Stachon (PL) und Katja Strunz (D) einer kritischen      (AUS), Berni Searle (ZA) und Adejoke Tugbiyele                                    außergewöhnliche Leben der Peggy Guggenheim, übersetzt von
                                                                                                                                                                                                             16 Dearborn 2005, wie Anm. 8, 18, 64, 116, 160, 171, 175, 236,
Revision unterzogen.                                    (NIG/USA). Hier eröffnet sich ein denkbar breites                                 Cornelia Panzacchi (Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag,
                                                                                                                                                                                                                348.
                                                                                                                                          2005), 281–285.
Ein zweiter Schwerpunkt widmet sich ›Geometri­          Spektrum zugleich kontroverser und sich ergän­                                                                                                       17 Conaty 2016, wie Anm. 13, 37 [Übers. d. A.].
                                                                                                                                      9   Peggy Guggenheim, Ich habe alles gelebt: Autobiographie,
en, Proportionen, Harmonien. Zwischen Abstrakti­        zender Themen: feminine Archetypen, kosmische                                     übersetzt von Eva Malsch, 10. Aufl. (Bergisch-Gladbach:            18 Martica Sawin, Surrealism in Exile and the Beginning of the
on und zeitgenössischem Living Space‹ und bringt        Rhythmen und Zyklen individuellen Lebens, Tanz                                    Gustav Lübbe Verlag 2008), 420; Dearborn 2005, wie Anm.               New York School. Cambridge, MA: MIT Press 1995), 236
die Künstlerinnen Anni Albers (D), Ilit Azoulay (IL),                                                                                     8, 293, 296; Salean A. Maiwald, »Peggy Guggenheim«, in                [Übers. d. A.].
                                                        und Aggression, Krieg und Verwundung, Identi­
                                                                                                                                          Sammeln nur um zu besitzen? Berühmte Kunstsammlerinnen
Anne Beothy Steiner (AT-HU), Mary Corse (USA),          tätswechsel und Rollenspiele.                                                                                                                        19 Renate Wiehager und Katharina Neuburger, Hrsg., Duchamp
                                                                                                                                          von Isabella d’Este bis Peggy Guggenheim (Berlin: AvivA 2000),
                                                                                                                                                                                                                als Kurator. Duchamp as Curator (Köln: Snoeck, 2017), 14–15,
Andrea Fraser (USA), Silke Radenhausen (D),                                                                                               276–279.
                                                                                                                                                                                                                393–411. Die Publikation kann online bestellt werden:
Amalia Valdés (RCH), Andrea Zittel (USA) zusam­                                                                                       10 From Impressionism to Abstraction, Clubhaus der American               https://art.daimler.com/publication/duchamp-als-kurator/.
                                                                                                                                         Women’s Association New York (14. November–8. Dezember
men. Mit den abstrakten Begriffen von Geometrie,        Anmerkungen
                                                                                                                                         1934). Auf ihrer zweiten Station wurde die Schau im Wads-
                                                                                                                                                                                                             20 Renate Wiehager. Marcel Duchamp. Das kuratorische Werk
                                                                                                                                                                                                                (Köln: Snoeck, 2019). Die Publikation kann online bestellt
Proportion, Raum und Harmonie verbunden sind            1   Für eine Zusammenfassung der Diskussion siehe etwa: Emily                    worth Atheneum in Hartford, Connecticut, gezeigt (13. Dezem-
                                                                                                                                                                                                                werden: https://art.daimler.com/publication/marcel-
nicht minder bedeutsame inhaltliche und gesell­             Butterfield-Rosen. »The Modern Woman«, in: Artforum 58,                      ber 1934–30. Januar 1935); vgl. auch Katherine S. Dreier/
                                                                                                                                                                                                                duchamp-das-kuratorische-werk/.
                                                            No. 2 (Oktober 2019), 188-201.                                               Marcel Duchamp, Hrsg. Collection of the Société Anonyme:
schaftspolitische Setzungen – von den Utopien                                                                                            Museum of Modern Art 1920 (New Haven, CT: Yale University           21 Renate Wiehager/Dieter Association Paris, Hrsg., On the
                                                        2   Julia Halperin/Charlotte Burns, »Museums Claim They’re
der frühen Moderne bis zu aktuellen institutions­           Paying More Attention to Female Artists. That’s an Illusion«,
                                                                                                                                         Art Gallery, for the Association of Fine Arts, 1950) 211.              Subject of the Readymade or Using a Rembrandt as an Ironing
                                                                                                                                                                                                                Board: Arbeiten aus der Daimler Art Collection ausgewählt von
kritischen und feministischen Fragestellungen.              19. September 2019, https://news.artnet.com/womens-                       11 Zu sehen war ein Spektrum mit 500 Werken von mehr als
                                                                                                                                                                                                                Bethan Huws anlässlich 100 Jahre Readymade. (Berlin: Daimler
                                                            place-in-the-art-world/womens-place-art-world-muse-                          100 Künstlerinnen; vgl. hierzu den zugehörigen Ausstellungs-
›Untergründig, unheimlich, intuitiv, unbewusst‹ ist                                                                                                                                                             Contemporary 2016) Die Publikation kann online bestellt
                                                            ums-1654714. Julia Halperin/Charlotte Burns, »Female Artists                 katalog: Musée du Jeu de Paume, Hrsg, Les Femmes artistes
                                                                                                                                                                                                                werden: https://art.daimler.com/publication/on-the-subject-
der folgende Schwerpunkt der Ausstellung um­                Represent Just 2 Percent of the Market. Here’s Why—and How                   d’Europe exposent au Musée du Jeu de Paume (Paris: Musée
                                                                                                                                                                                                                of-the-ready-made-or-using-a-rembrandt-as-an-ironing-board/.
schrieben, mit Arbeiten von Amit Berlowitz (USA),           That Can Change«, 19. September 2019, https://news.artnet.                   du Jeu de Paume / Musée des écoles étrangères contempo-
                                                            com/womens-place-in-the-art-world/female-artists-represent-                  raines, 1937).                                                      22 Renate Wiehager und Katharina Neuburger, Marcel Duchamp
Madeleine Boschan (D), Dadamaino (I) und Domi­              just-2-percent-market-heres-can-change-1654954.                                                                                                     und die Frauen. Freundschaft, Kooperation, Netzwerk (Köln:
                                                                                                                                      12 Vgl. Kate Buckley. Peggy Guggenheim and the Exhibition by
nique Gonzalez-Foerster (F). Sigmund Freuds             3   Julia Halperin/Charlotte Burns: »Case Studies: How Four                      31 Women (Senior Thesis, Maryland Institute College of Art,
                                                                                                                                                                                                                Snoeck 2020).

Konzept des ›Unheimlichen‹, welches er 1919 in              Museums Are Taking Dramatic Measures to Admit More                           Herbst 2010), 9. https://www.researchgate.net/publica-
                                                            Women Artists into the Art Historical Canon«, 19. September                  tion/303688428_Peggy_Guggenheim_and_The_Exhibition_
einem Artikel entwickelte, könnte als ein verbin­

                                                                                                                            14   15
Friederike Horstmann

                                                                                                                   Minimalism and After
                                                                                                                   Politische, poetische und
                                                                                                                   persönliche Revisionen
                                                                                                                   Marcia Hafif, Kazuko Miyamoto, Efrat Shvily, Natalia, Stachon, Katja Strunz

Natalia Stachon, Visions and Revisions 13, 2019, Set von 4 Zeichnungen
Buntstift auf Papier, aufgezogen auf Alu-Dibond, gerahmt, je 56 × 42 cm

                                                                                                                   Der Rundgang durch die Ausstellung ›31: Women‹        aspekte und Bedingungen des Bildes. Ihr erstes
                                                                                                                   eröffnet mit einer Konstellation von künstlerischen   Kapitel ›Pencil on Paper‹ ist der Zeichnung gewid­
                                                                                                                   Arbeiten, die sich auf unterschiedliche Weise mit     met. Ihm liegt ein rationales, auf sich selbst bezo­
                                                                                                                   den Umbrüchen in der Kunst der 1960er-Jahre           genes Konzept mit primär technischen Handlungs­
                                                                                                                   auseinandersetzen: Der Minimalismus mit seiner        anweisungen zugrunde: »Papier und Bleistift sind
                                                                                                                   perfekten Formensprache wird in den Werken von        das Grundmaterial, vertikale Bleistiftstriche, 0,64–
                                                                                                                   Marcia Hafif, Kazuko Miyamoto, Efrat Shvily, Nata­    1,27 lang, Koh-I-Noor HB, wiederholen sich über
                                                                                                                   lia Stachon und Katja Strunz einer kritischen         das ganze Blatt. Die Arbeit wurde in der linken
                                                                                                                   Revision unterzogen. Von den abstrakten Avant­        oberen Ecke begonnen und endete in der unteren
                                                                                                                   garden vielfach angeregt soll die Fülle an künstle­   rechten Ecke, wenn die ganze Seite ›beschrieben‹
                                                                                                                   rischen Perspektiven konturiert und dabei Einlas­     war.«1 Die Blätter Pencil on Paper: February 7, 1974
                                                                                                                   sungen in politische, poetische und persönliche       und Pencil on Paper: March 2, 1974 der Daimler
                                                                                                                   Umformungen freigelegt werden.                        Art Collection bezeichnen den Tag der Arbeit und
                                                                                                                                                                         füllen sich mit kurzen, dicht nebeneinander
                                                                                                                   Die US-amerikanische Künstlerin Marcia Hafif          gesetzten Bleistiftlinien. Sie sind zwar nach einer
                                                                                                                   gehört zu den Vertreterinnen der analytischen         strengen Vorgabe fortgeführt, schließen aber
                                                                                                                   Kunst, die selbstreferenziell um die Sprache der      unweigerlich kleine, individuelle Akzentuierungen
                                                                                                                   malerischen und zeichnerischen Mittel kreist.         ein, da die Striche von Hand gezeichnet sind und
                                                                                                                   Ihr 1978 im ›Artforum‹ publizierter Aufsatz ›Begin­   sich dem agogischen Fluss des Schreibens weder
                                                                                                                   ning Again‹ ist nicht nur eine Bestandsaufnahme       entziehen können noch wollen: »Die Bedeutung
                                                                                                                   der Methoden und Materialien der traditionellen       dieser Striche und folglich des Bildes ergibt sich
                                                                                                                   westlichen Malerei, sondern er formuliert einen       aus der Art der Organisation der Striche zusam­
                                                                                                                   konzeptuellen Ansatz: Die elementaren Aus­            men mit der persönlichen Note der Künstlerin.«2
                                                                                                                   drucksmöglichkeiten der Kunst – also die künstle­     Diese subjektive Spur ist auch eine Differenz
                                                                                                                   rischen Mittel, Pinselführung, Oberfläche, Bild­      zur Minimal Art, mit der Hafif viele Faktoren –
                                                                                                                   format – stehen zur Disposition und werden ganz       Be­sinnung auf medialen Eigensinn des Materials,
                                                                                                                   grundsätzlich in einzelnen Kapiteln mit puristi­      Purismus der Mittel, Einfachheit der Geste – teilt.
                                                                                                                   schen Aufgabenstellungen untersucht. Diese
                                                                                                                   Neuerfindung unter analytischen Direktiven be­        Eine weitere Position, die geometrische Präzision
                                                                                                                   ginnt 1972: Über wechselnde Prämissen und             und Perfektion der Minimal Art durch eine sub­
                                                                          Natalia Stachon, A Plot of
                                                                          Undiscovered Ground 01, 2019
                                                                                                                   mittels radikaler Reduktion befragen die jeweili­     jektive Signatur in Frage stellt, wird im ersten
                                                                          Stahl, Edelstahl, Neon                   gen Kapitel ihres später nüchtern betitelten Lang­    Ausstellungsraum von der japanischen Künstlerin
                                                                          Ca. 100 × 700 × 70 cm                    zeitprojektes ›Inventory‹ unterschiedliche Einzel­    Kazuko Miyamoto vertreten: Während die

                                                                                                         16   17
Efrat Shvily, Rehavia 2, 5, 2009
                                                                                                                     Beide Silbergelatineabzug, je 43 × 58 cm

                                                                                                                     deutlicher hervor. Das geometrische Formenvoka­       dessen innere Geografie u. a. in Else Lasker-Schü­
                                                                                                                     bular inspirierte Miyamoto zu einer gleichnamigen     lers erzählerischem Hauptwerk ›Das Hebräerland‹
                                                                                                                     ›String Construction‹, die sie 1978 im PS1 präsen­    und in Gershom Scholems Autobiografie ›Von
                                                                                                                     tierte. Als zeichnerischen Ausgriff in die dritte     Berlin nach Jerusalem‹ skizziert wird. Shvilys
                                                                                                                     Dimension spannen die in Boden und Wand veran­        Bilder dokumentieren das Verblühen des einst­
                                                                                                                     kerten Baumwollfäden einen höchst komplexen,          mals bildungsbürgerlichen Viertels, zeigen eine
Kazuko Miyamoto, GO, 1971                                                                                            ephemeren Hohlkörper auf – eine Fadenkaskade          von üppiger Vegetation überwucherte und vom
Acryl, Kreide auf Leinwand, 176 × 187,5 cm
                                                                                                                     in schrägen Winkeln, die als eine dreidimensionale    Verfall bedrohte Architektur. Wie von einer Patina
                                                                                                                     Zeichnung im Raum verwirrende, visuelle Effekte       sind die ruinösen Gebäude von wild wuchernden
minimalistische Kunst so unpersönlich wie mög­       vergrößerten Ausschnitt des Bretts, bei welchem                 erzeugt. Je nach Blickwinkel sieht die verräumlich­   Blättern, Büschen und Bäumen überzogen. Die vor
lich sein oder erscheinen wollte, indem sie indu­    die schwarzen Kreise an allen Rändern ange­                     te Zeichnung anders aus, der Grad an Opazität         mehr als 90 Jahren angelegten Pflanzen der Grün­
strielle Materialien und Fertigungsweisen einsetz­   schnittenen sind und die Gitterstruktur nahezu                  und Sättigung zwischen den filigranen Fäden           flächen machen sich selbstständig, erzeugen ein
te, bereichert Miyamoto eine strenge Systematik      völlig besetzen. Nicht nur das serielle Prinzip der             variiert, wodurch optisch changierende Schimmer       Gefühl von schauerromantischer Vergänglichkeit
um kleine Irregularitäten und künstlerische Hand­    Minimal Art wird von Miyamoto durch Irregularitä­               entstehen, die für Miyamotos Werk charakteris­        und können gleichermaßen für das sinnbildhafte
schrift. In ihrer Arbeit Go, 1971, verunmöglicht     ten konterkariert, auf inhaltlicher Ebene führt sie             tisch sind.                                           Verschwinden einer geistigen Lebensform stehen.
eine freihändige Kohlezeichnung eine gleichmäßi­     die Regelhaftigkeiten des Go-Spiels mittels einer                                                                     Ohne die Titelinformation der Fotografien blieben
ge Wiederholung der Kreise auf einer rasterförmi­    unmöglichen Spielsituation ad absurdum.                         Andere fotografische Recherchen im urbanen            Shvilys Schwarzweißfotografien von dichtem
gen Fläche. Die einzelnen Kreise sind individuali­   Serielle Modulation und Modifikation bestimmen                  Raum unternimmt die israelische Künstlerin Efrat      Buschwerk und bröckelnden Fassaden unbe­
siert, variieren in ihrer Größe und ihre Konturen    auch ihre Fadenskulpturen, die eng mit Miyamotos                Shvily mit ihren Schwarzweißfotografien. Der Titel    stimmbar ortlos und poetisch verunklärt.
sind teilweise verschmiert oder verlaufen. Das       fotografischen Milieustudien im urbanen Raum                    Rehavia bezieht sich auf einen Stadtteil gleichen
großformatige Gemälde bezieht sich auf das           zusammenhängen: In ihrer früheren Fotoserie                     Namens im Westen Jerusalems, der nach dem             Zitathaft greifen die Arbeiten von Natalia Stachon
gleichnamige Strategiespiel, das ursprünglich        Archways to Cellar, 1977, dokumentierte Miyamoto                Vorbild Berliner Gartenvororte vom Architekten        auf das materiale und formale Inventar der
aus China stammt, zunächst in und dann auch          eine Reihe von Kellereingängen in den New Yorker                Richard Kauffmann als Gartenstadt in den frühen       1960er-Jahre zurück. Im ihrem Werk lassen sich
außerhalb Ostasien Beliebtheit erlangte. Auf         Stadtteilen Bowery und Lower East Side – Gegen­                 1920er-Jahren konzipiert wurde. Rechavia war das      die bis heute nachwirkenden Umbrüche in der
einem Brett mit 19 × 19 Feldern legen zwei           den, die in den 1970er-Jahren einen schlechten                  deutsch-jüdische Jerusalem, Hauptstadt der Jeckes,    Kunst der frühen Moderne bis zur Minimal Art
Spieler*innen abwechselnd ihre Steine in Weiß        Ruf hatten. Die Keller dienten in der Regel als                 die aus unterschiedlichsten Beweggründen ins          aufzeigen: Jenseits von mathematischer Dreidi­
und Schwarz auf die leeren Kreuzungspunkte           Lagerhäuser für Geschäfte, die hauptsächlich von                Land gekommen waren: aus zionistischer Selbst­        mensionalität wird Raum hier als »Empfindung, als
eines Gitters. Ziel des Spiels ist es, Steine des    marginalisierten Migrant*innen betrieben wurden.                behauptung oder in der Folge ihrer Flucht vor         Zwischenraum, als atmosphärisches Volumen«
Gegners einzukreisen und so möglichst große          Durch die nüchterne Schwarzweißfotografie tritt                 eskalierenden Entrechtungen und Deportationen         konzeptualisiert.3 Die Serie Visions and Revisions,
Territorien mit Steinen der eigenen Farbe zu         die grafische Struktur der konzentrischen Back­                 in Nazi-Deutschland. ›Grunewald im Orient‹ nann­      2018/19, reflektiert bildräumliche Energien im
erobern. Miyamotos Leinwand zeigt einen extrem       steinbögen über den bodentiefen Schächten                       ten Bewohner*innen wie Besucher*innen Rechavia,       klassischen Medium der Zeichnung. Sie zeigt

                                                                                                           18   19
Institutionen, an denen Gesellschaft verhandelt         nen Elemente im Raum wahrnehmbar: Metall
wird – Akademien, Parlamente, Universitäten,            versus Neon, Stabilität versus Labilität, Abgren­
Theater und Museen. Stachon nutzt Farbe, nicht          zung versus Offenheit.
um mit ihr einen Realismus darzustellen, sondern
um eine Künstlichkeit durch leuchtendes, unwirk­        Eine Aneignung und Neuformulierung verschiede­
lich wirkendes Schwarzlicht offensiv zur Schau zu       ner abstrakter Strömungen kann im Werk von
stellen: Alle Innenräume sind von einem neonfar­        Katja Strunz freilegt werden: Rein formal lassen
benen, durchaus bedrohlichem Blaulicht erfüllt,         sich ihre Arbeiten als skulpturale Objekte und
welches vereinzelt durch intensiv strahlende            Collagen beschreiben, die sich im weitesten Sinn
Spektralfarben gebrochen wird. Visions and Revi­        auf die Formensprache des Konstruktivismus und
sions entwirft eine irreale Welt, in der stellenweise   der Minimal Art beziehen – wenn auch mit kleinen
fluoreszierende Farben förmlich explodieren und         Abweichungen, Fehlern und Störmomenten, die
die Grenze von Fiktion und Wirklichkeit offenge­        als methodische Brüche irritieren. Bereits Ende
halten wird. Die Farben verdichten sich nicht mehr      der 1990er-Jahre findet Strunz mit den sogenann­
zu Oberflächenfarben, sondern werden zu atmo­           ten ›Faltarbeiten‹ zu ihrer charakteristischen
sphärischen Affektfarben. Die Institution tritt hier    Formensprache. Gefundenes Holz, Metall und
in einem artifiziellen Setting in Erscheinung, als      andere Versatzstücke aus hinterlassenem Stadt-                    Katja Strunz, Ohne Titel, 2001                            Katja Strunz, Konfiguration 4, 2005
potenzieller Aushandlungsort des Sozialen, für          und Wohnmobiliar, ebenso vergilbte Magazin- und                   Holz, schwarze Farbe                                      Eisen oxidiert und pulverbeschichtet
                                                                                                                          214 × 140 × 28,5 cm                                       90 × 90 × 30 cm
Zuweisung und Bestätigung von Rollen, für den           Buchseiten bilden Ausgangspunkte für Plastiken
Kampf um Wahrnehmung und Durchsetzung von               und Papierarbeiten. Elegante Wandobjekte
Interessen. Diese sozialen Schauplätze sind in          kommunizieren mit Assemblagen aus Müll mit                        Strunz) Anders als bei Smithsons Serie der Crystal        onen, sondern Teil einer Strategie der Sichtbarma­
Stachons Zeichnungen menschenleer. Ohne indivi­         gebogenen Formen aus Schrott. Für ihre                            Structures sind Strunz’ stereometrische, kantige          chung von verschiedenen Zeitdimensionen. Das
duelle Subjekte stehen die Räume zur Disposition,       Wandobjekte nutzt sie natürliche Materialien wie                  Körper jedoch nicht aus technoiden Materialien            Prinzip der Gegenstandslosigkeit wird im Werk von
sind Möglichkeitsräume. Auch der Titel der Arbeit       Holz und Metall, die sie zu fächerartigen Objekten                wie Spiegel, Stahl und Plexiglas zusammenge­              Strunz zugunsten eines narrativen Gehalts aufge­
formuliert eine offene Konstellation, in welche         mit scharf aneinander gekanteten Elementen                        setzt, sondern aus marodem, furniertem oder               hoben. Treffend charakterisiert Strunz ihre Ar­
Latenz, Vorläufigkeit und Prozessualität eingelas­      formt. In Auseinandersetzung mit dem Werk des                     lackiertem Holz – nicht zuletzt, um Reflektionen          beitsweise als ›Collagieren‹: »Collagieren als
sen sind.                                               US-amerikanischen Minimal- und Land Art-Künst­                    zu vermeiden und Smithsons Vorstellung eines              Prinzip der Unterbrechung, der Zusammenführung
In der raumgreifenden Neon-Installation A Plot of       lers Robert Smithson beginnt Strunz mit einer                     unendlich gespiegelten Raumes (»the universe is a         von Ungleichzeitigem, Verlorenem, Flüchtigem
Undiscovered Ground, 2020, erinnern die aufge­          Serie von prismenartigen Wandobjekten mit viel­                   hall of mirrors«; »reflections reflecting reflections«.   aktualisiert verbrauchtes Material durch das neue
reihten Metallständer an Personenleitsysteme, die       fältigen, sich auflösenden Fluchtpunkten: Bei der                 R. Smithson) zu konterkarieren.                           In-Beziehung-Setzen. [...] Es entsteht eine Art
auch in den Fluren, Foyers oder Räumen auf den          großen Wandkompositionen Ohne Titel, 2001,                        Beim Wandobjekt Konfiguration 4, 2005, rekurrie­          zweite Gegenwart des Vergangenen.«
Zeichnungen existieren könnten. Alltäglich markie­      verkanten sich extrem spitzwinkelige Holzelemen­                  ren die beiden kubenförmigen Hohlkörper aus
ren solcherlei Absperrungen temporäre Grenzen           te zu ziehharmonikaartig zusammengepressten                       pulverbeschichtetem Eisen in Form und Oberflä­
und regulieren menschliche Bewegungen. Unter­           Flächen. Die Faltung rückt Flächen zueinander; sie                chenbehandlung auf die Minimal Objekte der                Anmerkungen
stützt durch den Titel eröffnet die Arbeit ein brei­    verdichtet den Raum. Mit dem Phänomen der                         1960er-Jahre. Das auf ihnen lastende, im rechten          1   Marcia Hafif: »The Inventory – Anmerkungen«, in: dies.: From
tes assoziatives Spektrum: Losgelöst aus ihrer          Faltung ist auch eine veränderte Zeiterfahrung im                 Winkel gefaltete Eisenblech ist ein ›Objet trouvé‹,           the Inventory, hrsg. von Sabine Fehlemann, Ausst. Kat.,
                                                                                                                                                                                        Kunst- und Kulturverein Wuppertal, Von der Heydt-Kunsthalle,
eigentlichen Funktionalität umgrenzen die Ständer       Maschinenzeitalter verbunden: »Durch die Erfin­                   das durch seine Oxidation den aseptischen ›Look‹              Wuppertal-Barmen 1994, S. 29–48, hier: S. 29.
einen fiktiven Raum, eröffnen szenische Qualitä­        dung des Autos hat der Mensch Zeit gewonnen,                      der Minimal Art verunreinigt und deren intendierte        2   Marcia Hafif: »Getting on with painting«, in: Art in America,
ten und loten als Versuchsanordnung einen (Hand­        aber der Raum ist geschrumpft – wir verlieren ihn.                ›Zeitlosigkeit‹ mit der ›Zeitlichkeit‹ des Materials          April 1981, S. 132–139.
lungsspiel)Raum aus. Widersprüchliche Eigen­            Der französische Philosoph Paul Virilio hat das                   kombiniert. Die Überführung historischer Formen,          3   Vgl.: Renate Wiehager: Räume – Bühnen – Risse. Überlegungen
                                                                                                                                                                                        zum Werk von Natalia Stachon, in: dies./Christian Ganzenberg
schaften werden sowohl durch die eingesetzten           ›tellurische Kontraktion‹ genannt ... Darauf will ich             Materialien und Konzepte in neue Bezugssysteme
                                                                                                                                                                                        (Hrsg.): Natalia Stachon, Köln 2013, S. 123–129, hier: S. 123.
Materialen als auch über die Beziehung der einzel­      hinaus: ein Faltung verkleinert den Raum.« (Katja                 ist kein bloßes Anknüpfen an künstlerische Traditi­

                                                                                                                20   21
Maria Radke

          Geometrien, Proportionen,
          Harmonien
          Zwischen Abstraktion und zeitgenössischem
          Living Space
          Anni Albers, Ilit Azoulay, Anne Beothy Steiner, Mary Corse, Andrea Fraser,
          Silke Radenhausen, Amalia Valdés, Andrea Zittel

          Der nachfolgende Essay betrachtet die Werke von       Spaniens, Arts and Crafts oder Orphismus spielen
          sieben Künstlerinnen unserer Ausstellung, aus vier    ebenso in die Werke hinein wie Traditionen aus
          Generationen, unter den Aspekten von Geometrie,       Bauhaus, Suprematismus, Futurismus, Konstrukti­
          Proportion, Raum und Harmonie. Mit diesen ab­         vismus, ›Light and Space Movement‹ oder Minima­
          strakten Begriffen verbunden sind nicht minder        lismus.
          bedeutsame inhaltliche und gesellschaftspoliti­
          sche Setzungen – von den Utopien der frühen           Living Spaces, musealisierte Räume,
          Moderne bis zu aktuellen institutionskritischen       Architektur versus Natur
          und feministischen Fragestellungen.                   Andrea Zittel hat seit den 1990er-Jahren ein plas­
          Der Ursprung des Wortes Geometrie bedeutet            tisches, benutzbares Alphabet auf das Wesentli­
          ›Landvermessung‹ oder ›Erdmaße‹. Die klassische       che reduzierter Raumentwürfe konzipiert. Für ihr
          Elementargeometrie wurde früher unter dem             A-Z Pit Bed wurde ein nachtblauer Teppich als
          Begriff der ›Raumlehre‹ unterrichtet. Hier spielen    Basis definiert, auf welchem die Skulptur als
          Begriffe wie Winkel, Fläche, Volumen, Proportio­      minimalistische Raumform steht, welche Betrach­
          nen eine Rolle oder auch komplexere Größen wie        terinnen und Betrachter einlädt, Platz zu nehmen,
          Kurven und Kegelschnitte. Aus einer solchen           zu relaxen, zu diskutieren oder Videos anzuschau­
          etymologischen Perspektive heraus und mit Rück­       en. Seit 1992 kreiert Zittel sogenannte ›Living
          bezug auf die Formenlehre der ›elementaren‹           Units‹. Sie sind auf 4–5 qm reduziert und verste­
          Geometrie könnte man sagen, dass die Flächen­         hen sich als eine Antwort auf beengte amerikani­
          ordnungen und architektonischen Räume in den          sche Wohnverhältnisse. Die Möbelentwürfe von
          Bildern von Albers, Azoulay, Beothy und Valdés,       Alexander Rodtschenko und Wladimir Tatlin aus
          oder die plastischen Konstruktionen und minima­       den frühen 1920er-Jahren sind für sie Vorbilder,
          listischen Entwürfe von Radenhausen und Zittel        die ebenfalls die Ideen von Praktikabilität und
          künstlerisches wie kunsthistorisches Terrain          Funktionalität in erschwingliche Entwürfe für den
          ›vermessen‹. Denn die Künstlerinnen stellen sich      Massengeschmack umzusetzen suchten.1 Zittels
          mit ihren Entwürfen und Formen, mit den gewähl­       A-Z Pit Bed verbindet Außenform – ein abgerunde­
          ten Materialien und Nutzungsaspekten in zum Teil      tes Rechteck – und Binnenraum – ein begehbarer
          weit zurückreichende Traditionen: historische         Kreis – zu einer offenen Raum-im-Raum-Struktur.
          Architektur- und Webmuster Südamerikas und            Der Zugang an einer Schmalseite kann symbolisch
                                                                wie körperlich erfahrbar werden als einladende
          Silke Radenhausen, Grammar of Ornament: Nineveh &
                                                                Geste und Öffnung der Kunst zum Besucher hin.2
          Persia, 1997, Leinwand, maschinengewaschen, unge-
          färbt und maschinengefärbt, auf Keilrahmen gespannt
          6 Teile, je 140 × 140 cm

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