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Inhalt
Corona
Im Jahrhunderteinsatz ................................4
72.437
Rettungsdienst
Aus ein paar Wochen wurde ein Jahr........8
Blut spenden
Rotkreuz-Freiwillige Blut spenden in Zeiten der Pandemie......10
in Österreich
Pflege & Betreuung
Neue Sorgekultur nötig.............................14
11,1
Unsere Hilfe in Zahlen
Das Rotkreuz-Jahr 2020............................18
Einsatz im Nahen Osten
Geblieben, um zu helfen............................20
Millionen Freiwillige
weltweit beim Individuelle Spontanhilfe
Zum Leben zu wenig ...................................24
Roten Kreuz und
Roten Halbmond Internationale Zusammenarbeit
Ungleiches Warten ....................................28
Jugend
Gemeinsam lesend durch den
Lockdown .....................................................32
Die Leistungsbereiche des Österreichischen
Roten Kreuzes ..............................................35
Impressum: Österreichisches Rotes Kreuz, Wiedner Hauptstraße 32, 1041 Wien. ZVR-Zahl: 432857691. www.roteskreuz.at,
service@roteskreuz.at. Gesamtleitung: Mag. Thomas Marecek. Produktionsleitung und Chefredaktion: Mag. Ursula Fraisl.
Schlussredaktion: Mag. Michael Achleitner. Coverfoto: ÖRK/LV Wien/Markus Hechenberger. Icons: The Noun Project, The Noun Project/
Mike Ashley, Martin Smith, Creative Stall; Info-Media. Produktion: Info-Media, 1010 Wien. Grafische Gestaltung: Constanze Nečas.
Fotoredaktion: Annika Reidinger. Lektorat: Mag. Katharina Schindl, Mag. Sabine Wawerda. Druck: Gerin Druck, 2120 Wolkersdorf.Vorwort
R
NA in einer Fetthülle, mit Spike-Proteinen gespickt, 120 bis 160
Nanometer groß. Wer hätte gedacht, dass ein so winziges Ding
so großen Schaden anrichten kann? Innerhalb von Wochen hat
das Coronavirus die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung
mühelos in die Knie gezwungen und Hilfsorganisationen gefordert wie
nie zuvor. Kein Wunder, dass Covid auch das bestimmende Thema
unseres Jahresberichtes ist.
Das Rote Kreuz ist in erster Linie als „die Rettung“ bekannt. Das ist
unser größter Leistungsbereich, der zusätzlich zum regulären Betrieb
2020 viele weitere Aufgaben übernommen hat – von Infektionstrans-
porten bis zu Covid-Tests.
Nicht ohne Stolz auf die mehr als 82.000 Mitarbeiter_innen weise ich
jedoch bei vielen Gelegenheiten darauf hin, dass das Rote Kreuz weit
mehr als „die Rettung“ ist. Das Spektrum unserer Leistungen ist breit
und reicht von internationaler Katastrophenhilfe über Pflege bis hin zu
Lernhilfeprogrammen. Wenn Sie die folgenden Seiten lesen, werden Sie
bemerken, dass kein einziger dieser Leistungsbereiche so arbeiten konnte, wie
wir das noch im Jahresbericht 2019 beschrieben haben.
Man merkt, wie schnell es gehen kann, dass die Welt aus den Fugen gerät. Das
Rote Kreuz möchte dann nicht nur Helfer in der Not sein, sondern auch Fels in
der Brandung. Wir sind gefordert, wir sind anpassungs-
fähig und verlässlich, wir sind – und bleiben – da, um
zu helfen.
Bitte überzeugen Sie sich davon, dass wir das tun –
und vor allem: Bleiben Sie gesund. C
Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer
Präsident des
Foto: ÖRK/Nadja Meister
Österreichischen Roten Kreuzes
www.roteskreuz.at/jahresbericht 3JAHRESBERICHT 2020
Im
Jahrhundert-
einsatz
VON VERA MAIR
Testen, transportieren, tracen. In der Pandemiebekämpfung
steht das Österreichische Rote Kreuz seit eineinhalb Jahren
an vorderster Front. Ein Rückblick auf einen der größten
Einsätze aller Zeiten.
FACTS & FIGURES
Mehr als Mehr als
1,6
Millionen durchgeführte
77.000 800.000
durchgeführte
entgegengenommene
Anrufe bei der Gesundheits-
Covid-Tests 2020 Infektionstransporte hotline 1450
4CORONA
Sanitäter_innen
im Corona-Einsatz
ÖRK/LV Wien/KHD Dokuteam/Armin Fauland
ÖRK/Giovanni Castell
www.roteskreuz.at/jahresbericht 5Rotkreuz-Mitarbeiter_innen beim Coronatest
JAHRESBERICHT 2020
C
hina, 1. Dezember 2019. Die Volksrepublik
meldet der Weltgesundheitsorganisation
Fälle einer mysteriösen Lungenkrankheit.
Während am 1. Jänner 2020 der Großteil
der österreichischen Bevölkerung voll Zu-
versicht ins neue Jahr blickt, tagen bereits
die ersten Krisenstäbe. Die Krisenmanager_innen sind
alarmiert. „Es war schnell klar, dass sich die Krankheit
auch außerhalb Chinas ausbreiten wird“, erinnert sich
Bundesrettungskommandant Gerry Foitik, der seit da-
mals den Corona-Einsatz des Roten Kreuzes leitet. Zu
diesem Zeitpunkt ist das Coronavirus noch unbekannt,
niemand ahnt, dass Europa bald ein Brennpunkt der
Pandemie sein wird.
Als Katastrophen- und Einsatzorganisation füllt
das Rote Kreuz sofort seine Lager auf. „Wir haben
gekauft, was am Markt verfügbar war. Die Lage
war teilweise so angespannt, dass sogar in China von hundert auf null herunterfährt, ist es für das Rote
die Schutzausrüstungen knapp wurden“, sagt Foitik. Kreuz genau umgekehrt. Tausende Freiwillige werden
Statt wie sonst Wasseraufbereitungsan- mobilisiert, die Hilfsorganisation übernimmt innerhalb
lagen in Krisengebiete zu fliegen, kürzester Zeit zahlreiche zusätzliche Aufgaben. Das
chartern die Rotkreuz-Logisti- Rote Kreuz unterstützt das Gesundheitsministerium
ker_innen im Auftrag der Regie-
beim Aufbau eines Krisenstabes. Im ganzen Land sind
Mehr als rung ab März eigene Ma- Testteams unterwegs. Rotkreuz-Sanitäter_innen brin-
1,3 Millionen schinen, um Atemschutz-
masken, Schutzoveralls
gen Erkrankte mit Infektionstransporten ins Kranken-
haus.
Downloads der Stopp Corona-App
bis Dezember 2020 und Handschuhe nach Entscheidend in der Krisenbewältigung ist auch die
Österreich zu bringen. Kommunikation. Der Babyelefant wird zum Symbol für
Rund
Bis Ende 2020 sind es das Abstandhalten, das Rote Kreuz informiert darüber,
10.000 z. B. über 18 Millionen wie man sich vor dem Virus schützt. Um die Ausbreitung
Nutzer_innen der Stopp Corona-App
informierten bis Dezember ihre Kontakte FFP2-Masken. des Virus zu stoppen, geht das Rote Kreuz innovative
über eine Covid-Erkrankung Wege und startet die Stopp Corona-App. Als bekannt
oder einen Krankheitsverdacht. Von null auf hundert wird, dass mit Antikörpern von Genesenen Erkrankten
Immer mehr Menschen in- geholfen werden kann, organisiert das Rote Kreuz im
fizieren sich, am 25. Februar April die Rekonvaleszentenplasmaspende – bis Ende
2020 gibt es die ersten offiziellen des Jahres werden über 500 Spenden geleistet.
Fälle in Österreich. Der große Weck- Das alles geschieht zusätzlich zum Regelbetrieb.
ruf sind Bilder aus Italien: Armeekonvois „Die Lage war extrem instabil. Neben der Pandemie-
transportieren Tote, Feldlazarette werden aufgebaut. bekämpfung war eine der wichtigsten Aufgaben, die
Während das öffentliche Leben im ersten Lockdown Menschen weiter zu versorgen. Die Rettung, die Pflege,
6CORONA
Bundesrettungskommandant Gerry Foitik
Mehr als 25.000 Menschen melden sich bis Ende 2020
beim Team Österreich, einer Initiative von Hitradio Ö3
und dem Roten Kreuz. Mitglieder der „Team Öster-
reich“-Nachbarschaftshilfe übernehmen dringende
Einkäufe für alle, die das Haus nicht verlassen können
und Unterstützung brauchen.
„Wir stehen mitten in einem Einsatz, der so noch nie
da gewesen ist“, so Foitik. Auch die Helfer_innen sind
direkt betroffen. „Bei Hochwasser kommt Unterstüt-
zung sonst von Freiwilligen aus nicht überschwemm-
die Blutspende wurden ja weiter benötigt“, sagt Foitik. ten Gebieten. Das Wasser geht meist nach wenigen
In allen Bereichen gelten strenge Sicherheitsvorkeh- Wochen zurück. Bei Corona schwappt seit über einem
rungen, vieles muss neu organisiert und ständig ange- Jahr eine Welle nach der anderen über das Land und
passt werden. Manche Angebote, wie die Lernhäuser, die ganze Welt“, sagt der Bundesrettungskomman-
machen online weiter. dant. Eine Belastung, die gerade den Helfer_innen viel
abverlangt. Sie sind seit über einem Jahr im Dauerein-
Kraft der Zivilgesellschaft satz. Ein Ende ist auch heute nicht in Sicht. Die Impfung
Dass der Einsatz so reibungslos läuft, liegt daran, dass gibt Hoffnung. Genauso wie die Kraft der Zivilgesell-
sich zusätzlich zu den hauptberuflichen Mitarbeiter_ schaft. „Wenn es darauf ankommt, steht Österreich
innen und Zivildienern so viele Freiwillige engagieren. zusammen“, sagt Foitik. C
Wir helfen, weil es unsere Aufgabe ist
Mit Beginn der Corona-Pandemie sind die zahlreichen Helfer_innen des Roten Kreuzes in den
Fokus der Öffentlichkeit getreten – auch als Expert_innen beim Aufbau katastrophentauglicher
Strukturen in Einsatzstäben des Bundes. Genau dazu ist das Rote Kreuz da. Wir haben als
Teil der größten humanitären Hilfsorganisation der Welt die nötige Expertise und sind im
ganzen Land mit rund 72.500 Freiwilligen und rund 10.000 Angestellten tief verwurzelt.
Wenn es eine große Krise oder Katastrophe gibt und alles rasch gehen muss, unterstüt-
zen wir bei Bedarf die Behörden im humanitären Bereich – diese „auxiliary role“ ist
sogar in einem eigenen Gesetz verankert, dem Rotkreuz-Gesetz. Das ist richtig und gut
so, in 192 Staaten der Welt hat das Rote Kreuz diese Funktion inne. Auch die Struktu-
ren für große Einsätze stehen beim Roten Kreuz bereit und es gibt regelmäßig
Fotos: ÖRK, ÖRK/Bogna Bylica, ÖRK/Nadja Meister
Katastrophenübungen. Wir bereiten uns im Stillen darauf vor, im Notfall Leben zu
retten. Normalerweise bemerkt man uns in dieser Rolle gar nicht. Bis etwas passiert –
wie die Corona-Pandemie. Dass das Rote Kreuz eine Aufwandsentschädigung für
zusätzliche Leistungen bekommt, die sonst nicht abgedeckt würden, weil es als Verein
ohne Gewinnabsicht kostendeckend arbeiten muss, ist dabei nötig. Ich denke, die
Menschen in Österreich verstehen das und sind froh, dass es uns gibt.
Univ.-Prof. DDr. Gerald Schöpfer,
Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes
www.roteskreuz.at/jahresbericht 7JAHRESBERICHT 2020
„Aus ein paar Wochen
wurde ein Jahr“
INTERVIEW: URSULA FRAISL
Eine normale 40-Stunden-Arbeitswoche von Notfallsanitäter Alex Meller beim
Roten Kreuz in Eisenstadt sah vor der Pandemie folgendermaßen aus: Er betreute
Patient_innen bei Krankentransporten oder bei Rettungseinsätzen und begleitete
Rotkreuz-Notärzt_innen im Einsatzfahrzeug. Daneben hielt er freiwillig ein- bis zwei-
mal im Monat Erste-Hilfe-Kurse ab. Dann kam Corona. Und nichts war mehr normal.
W
ie hat deine Tätigkeit als Corona- Und wie lange dauert ein Test in einer „Teststraße“
Tester begonnen? oder einem Testzentrum heute?
Mein Dienstführender suchte in un- Mittlerweile vergeben wir zehn Termine pro zehn Minu-
serer WhatsApp-Gruppe „für die ten. In einer Minute ist also alles erledigt – nur manchmal
nächsten Wochen“ Mitarbeiter_in- kommt es zu Wartezeiten.
nen, die bei der Bevölkerung Corona-Abstriche machen.
Weil ich gern mal was Neues versuchen wollte, habe ich Fährst du immer noch als mobiler Tester zu Patien-
zugesagt, eine Einschulung bekommen und bin seither -t_innen nach Hause?
viermal die Woche für 12 Stunden als mobiler Tester oder Ja, in Ausnahmefällen. Wenn zum Beispiel jemand kein
bei Teststationen im Dienst. Aus den „nächsten Wochen“ Auto hat, bettlägerig ist, niemanden hat, der die Kinder
wurde mehr als ein Jahr. betreut, oder bereits unter starken Corona-Symptomen
Zur Entspannung: leidet, machen wir immer noch die Tests zu Hause. Aber
Alex beim
Mountainbiken Kannst du dich an deinen ersten mobilen Testeinsatz mittlerweile funktioniert das mit den Teststraßen sehr gut
erinnern? – wir haben uns ja auf einen wetterunabhängigen Ganz-
Einen klassischen Infektionstransport kannten wir jahresbetrieb eingerichtet.
zwar aus dem Rettungsdienst, aber der kommt
normalerweise eher selten vor. Wir waren Wie kommst du mit der Schutzausrüstung zurecht?
zusätzlich geschult, hatten alles vorbereitet, Anfangs dachte ich: 15 Minuten mit einer FFP2-Maske –
sind zum Patienten nach Hause gefahren, das wird schwierig. Jetzt trage ich diese 9 bis 12 Stun-
haben die Probe genommen. Das hat 45 Mi- den problemlos. Wir haben sogar mit dem Pulsoxymeter
nuten gedauert. Man überprüft alles x-mal: Selbstversuche gemacht. Bis auf ein paar Druckstellen
Was stellt man wo hin, wie greift man es an, haben wir keine Probleme. Nur wenn wir Patient_innen
wie zieht man etwas an und aus, damit man we- mehrere Stockwerke die Stiegen hinauftragen müssen,
der sich selbst noch jemand anderen ansteckt? schnaufen wir deutlich mehr als sonst.
8„Beim Roten Kreuz zu arbeiten bedeutet für mich, RETTUNGSDIENST
für Menschen da zu sein, die Hilfe brauchen.
In der Coronazeit ist das umso stärker der Fall.“
ohne Grippe überstanden hat. Es wäre doch schön, wenn
wir daraus etwas lernen und auch weiterhin – zum Bei-
spiel wenn wir Husten oder Schnupfen haben – einen
Mundschutz tragen, wenn wir mit dem Bus fahren oder
ins Büro gehen.
Du hast in diesem Jahr mehr gearbeitet als sonst. Bist
du sehr gestresst?
Nein, eigentlich nicht. Man hat ja sonst nichts vor und
kann die freie Zeit mit gemeinsamem Kochen oder in der
Natur verbringen. Ich gehe zum Beispiel gern Mountain-
„Die Arbeitskleidung im 12-Stunden-Dienst hinterlässt zwar
Druckstellen, ist aber sinnvoll: Sie schützt mich und andere“ biken und da habe ich auch Anleihen genommen, die mir
im Arbeitsalltag helfen: Ich denke nicht dauernd an die
Wer hat deine Tätigkeiten im regulären Rettungs- ganze Strecke, an alle Höhenmeter, die ich zurücklegen
dienst übernommen? Der Corona-Einsatz war ja eine muss, sondern nur an die nächste Etappe.
zusätzliche Aufgabe.
Viele Freiwillige, die es sich einteilen konnten, weil sie stu- Dein Job war im vergangenen Jahr sehr fordernd.
dierten oder in Kurzarbeit waren, und Zivildiener haben da Hat es dich geärgert, wenn du in den sozialen Medien
Großartiges geleistet und sehr viel übernommen. Es wur- mitbekommen hast, dass sich Menschen nicht an die
den auch noch ein paar hauptberufliche Mitarbeiter_in- empfohlenen Maßnahmen halten?
nen aufgenommen. Wenn sich jemand nicht an die Maßnahmen hält, die uns
alle schützen sollen, und noch stolz drauf ist, und wir die
Hattet ihr niemals Angst, euch selbst anzustecken? Konsequenzen davon im Rettungsdienst und in den Kran-
Die Unsicherheit war am Anfang, also im März und Ap- kenhäusern sehen, finde ich das schon schwierig.
ril 2020, natürlich noch größer. Aber wir wurden gut mit
Informationen versorgt und ich bin stolz, dass sich bei Wie gehst du damit um?
uns niemand im Dienst angesteckt hat. Das zeigt, dass es Ich habe im November mit „Social-Media-Fasten“ be- Seit mehr als
einem Jahr ist
wirklich etwas bringt, Hygienemaßnahmen einzuhalten, gonnen und das hat mir so gutgetan, dass ich nicht mehr Alex Meller im
Corona-Einsatz
Maske zu tragen und Abstand zu halten. damit aufgehört habe.
Hältst du dich auch im privaten Bereich so streng an Als Sanitäter bist du schon geimpft
die Maßnahmen? worden. Was hat das für dich ver-
Ja, natürlich. Gespräche mit den Eltern und Geschwistern ändert?
gibt es hauptsächlich online und Kaffee mit Oma und Ja, ich bin „glücklich geimpft“. Gerade
Opa getrunken hab ich nur selten in der warmen Jahres- jetzt mit den verschiedenen Mutatio-
zeit, draußen und mit Abstand. nen ist das eine große Erleichterung.
Da geht es mir aber nicht nur um mich,
Was sagt deine Freundin dazu, dass du in deinem sondern auch darum, dass ich nie-
Job mit auf Covid-19 positiv getesteten Menschen zu manden anstecke. Meine über 90-jäh-
tun hast? rigen Großeltern bekommen bald ihre
Fotos: ÖRK/Alex Meller
Sie ist da sehr verständnisvoll. Sie gehört wegen eines zweite Teilimpfung und ich hoffe, dass
Immundefekts eigentlich zur Risikogruppe, hat aber fest- ich sie dann wieder besuchen kann,
gestellt, dass sie wegen der allgemeinen Schutzmaß- und auch, dass wir einen halbwegs
nahmen sogar das erste Jahr, seit sie sich erinnern kann, normalen Sommer erleben. C
www.roteskreuz.at/jahresbericht 9JAHRESBERICHT 2020
Blut spenden
in Zeiten der
Pandemie
VON VIKTORIA POSCH
Nach seiner Covid-19-Erkrankung hat Georg Mair im
Frühjahr 2020 durch seine Rekonvaleszentenplasma-
spende beim Roten Kreuz schwer erkrankte Menschen
mit Antikörpern gegen Corona versorgt.
FACTS & FIGURES
538 195
Rund
35 Rekonvaleszentenplasmaspenden
wurden 2020 beim Roten Kreuz öster- Patient_innen
Minuten dauert eine reichweit durchgeführt. Aus diesen
Rekonvaleszenten- Spenden sind 692 therapeutische wurden mit diesen Spenden
plasmaspende. Plasmaeinheiten entstanden. behandelt.
10BLUT SPENDEN
Georg Mair
spendet Antikörper für an
Covid-19 erkrankte Menschen
Foto: ÖRK/Helmut Mitter
www.roteskreuz.at/jahresbericht 11JAHRESBERICHT 2020
Z
unächst bekam er Fieber, dann Kopfschmer-
zen. Die Zahnpasta schmeckte plötzlich
völlig anders und ihm war ständig übel. Ein
Test bestätigte: Der Wiener Orthopäde und
Unfallchirurg Dr. Georg Mair hatte sich bei
einem Patienten mit dem Coronavirus an-
gesteckt. „Nach überstandener Krankheit hat mich
meine Tochter auf die Möglichkeit einer Rekonvales-
zentenplasmaspende beim Roten Kreuz hingewiesen.
Das wollte ich machen, um anderen zu helfen und um wehgetan“, erklärt er sichtlich erleichtert. Die von ihm
Klarheit zu haben“, so Georg Mair. gespendeten Antikörper wurden schon wenige Tage
nach der Spende in einem Spital eingesetzt.
Neue Möglichkeit, Leben zu retten Potenzielle Rekonvaleszentenplasmaspender_in-
Nach seiner Covid-19-Erkrankung wollte Georg Mair nen müssen einen positiven PCR-Test vorweisen und
also wissen, ob er Antikörper entwickelt hatte, die der sollten einen hochfieberhaften Krankheitsverlauf
Körper zur Immunabwehr bildet. Der 48-jährige Wie- durchgemacht haben. Dann ist die Anzahl der ge-
ner war einer der Ersten, die im Frühjahr 2020 eine bildeten Antikörper nämlich tendenziell höher. Das
Rekonvaleszentenplasmaspende beim Roten Kreuz Wissen rund um diese Therapieoption wächst ständig:
leisteten. Bei dieser Art der Spende wird das Blut aus Ärzt_innen erlangen immer mehr Erkenntnisse darü-
der Armvene in eine Zentrifuge übergeleitet und dort ber, bei welchen Patient_innen und zu welchem Zeit-
in seine Bestandteile zerlegt. Das Plasma wird gesam- punkt die Gabe des Rekonvaleszentenplasmas bei der
melt, die restlichen Blutbestandteile werden wieder zu- Behandlung von Covid-19 die besten Therapieerfolge
rück in den Körper geleitet. „Die Gabe von antikörper- bringt.
haltigem Blutplasma hilft Patient_innen mit Covid-19,
die diese Antikörper nicht schnell genug oder nicht in Viele Fragezeichen
Vor der Blutspende
der ausreichenden Qualität bilden können“, erklärt Covid-19 löste bei der Bevölkerung große Unsi-
wird die Temperatur Dr. Ursula Kreil, stellvertretende medizinische Leiterin cherheit aus und warf viele Fragen auf – auch zum
gemessen
der Blutspendezentrale Thema Blutspenden. Geht das Blut aus? Soll ich an-
für Wien, Niederöster- gesichts der aktuellen Lage Blut spenden? Finden
reich und Burgenland. Blutspendeaktionen überhaupt statt? In der Zeit,
Nach rund 35 Minuten in der weniger operiert wurde, sank der Blutverbrauch
ist die Rekonvaleszen- um rund 15 Prozent. Nach den ersten Wochen
tenplasmaspende ab- stieg der Bedarf jedoch wieder auf das regu-
geschlossen. Unter dem läre Niveau an. Das Rote Kreuz beobachtete
Mund-Nasen-Schutz lä- die Entwicklungen sehr genau, um die Versorgung der
chelt Georg Mair so sehr, heimischen Spitäler sicherzustellen. Die Kernbotschaft
dass man es in seinen Au- in der Kommunikation mit den Blutspender_innen
gen sieht: „Es ist ein gutes während der Pandemie: Blutspendeaktionen finden
Gefühl, und es hat nicht weiterhin statt.
12Die Rotkreuz-Mitarbeiter_innen ermöglichen die Durchführung von
Blutspendeaktionen unter sicheren Bedingungen
BLUT SPENDEN
Fotos: ÖRK/Helmut Mitter
Veränderte Rahmenbedingungen vor noch nie Blut gespendet hatten, mit ihrer E-Mail-
Eine Reihe von Schutzmaßnahmen ermöglicht die Adresse auf „Gib dein Bestes“, der digitalen Plattform
Durchführung von Blutspendeaktionen unter sicheren zur Spender_innenmobilisierung. Die Plattform ver-
Bedingungen: Blutspender_innen sollen allein kom- zeichnete einen deutlichen Anstieg der Besucher_in-
men und werden bereits im Eingangsbereich nach nenzahlen. Registrierungen auf „Gib dein Bestes“ er-
Risikofaktoren, wie etwa einem Kontakt zu erkrankten möglichen es den Blutspendediensten, interessierte
Personen, befragt. Zusätzlich müssen Spender_innen Spender_innen mit wichtigen Informationen zum The-
eine FFP2-Maske tragen. Auch auf die notwendigen ma zu versorgen und direkt um Unterstützung zu bit-
Mindestabstände und darauf, dass sich die Spende- ten. „Die intensive Planungsarbeit, die Kooperationen
r_innen nach ihrer Blutspende nicht allzu lange in den von vielen Organisationen und Unternehmen sowie
Räumlichkeiten der Blutspendeaktion aufhalten, wird der aufrechte Spendewille der Bevölkerung haben uns
geachtet – ganz nach dem Motto: „Bleib so lange wie über die Runden gebracht“, beschreibt Ursula Kreil die
nötig, aber so kurz wie möglich!“ herausfordernde Situation. C Gearg Mair bei der
Rekonvaleszenten
Da Blutspendekaktionen schwer planbar waren, un- plasmaspende
ter anderem deshalb, weil genug Platz zur Verfügung
stehen musste, um die nötigen Sicherheitsabstände
einhalten zu können, kam es 2020 in vielen Fällen zu
Termin- bzw. Ortsänderungen. Teilweise mussten Blut-
spendeaktionen abgesagt werden, da diese etwa an
Hochschulen oder an Firmenstandorten durchgeführt
worden wären, die in dieser Zeit geschlossen waren.
Welle der Solidarität
Covid-19 hat aber ganz deutlich die große Bereit-
schaft der österreichischen Bevölkerung gezeigt, auch
in diesen schwierigen Zeiten Blut zu spenden. Zwar
wurde im Frühjahr 2020 weniger Blut gespendet als
im Vergleichszeitraum des Vorjahres, es konnten aber
deutlich mehr Erstspender_innen gewonnen werden.
So registrierte sich eine Vielzahl von Personen, die zu-
www.roteskreuz.at/jahresbericht 13JAHRESBERICHT 2020
Neue
Sorgekultur
nötig
INTERVIEW: STEFAN MÜLLER
Pflegeexpertin Monika Wild geht in Pension.
Im Abschiedsinterview erklärt sie, woran es in der Pflege
hakt und welche Reformen es bräuchte.
FACTS & FIGURES
27 1 278.095
Jahre hat Monika Wild großes Fest hätte sie Menschen in Pflege und
die Weichen in der Pflege sich zur Pensionierung Betreuung profitieren
und Betreuung gestellt. verdient. von ihren Ideen.
14PFLEGE & BETREUUNG
Monika Wild
Pflegeexpertin
ÖRK/Gianmaria Gava
www.roteskreuz.at/jahresbericht 15JAHRESBERICHT 2020
K
önnen Sie sich noch an Ihre erste
Patientin erinnern?
1980 war ich nach meiner Gesund-
heits- und Krankenpflegeausbildung
in einem Landesspital tätig. Um 9 Uhr
hat das Team immer gefrühstückt. Währenddessen
hat eines Tages meine Glocke geläutet. Ich wollte zur
Patientin. Die Stationsleiterin hat gesagt: Nein, wir
frühstücken jetzt, das müssen sie akzeptieren. Bald
kam jemand aus dem Zimmer gelaufen – ich sollte
schnell kommen. Die Patientin lag im Sterben. Sie
lag mitten im Zimmer. Sie hatte Stuhl gehabt und ihn Woran liegt das?
überall hingeschmiert. Die anderen im Zimmer haben Die Sorge für andere gibt es auch innerhalb der Fa-
zugesehen. Es war wirklich furchtbar. milie, daher wird zu wenig gesehen, dass spezifische
Fachkompetenzen nötig sind, um jemanden bei der
Wie hat Sie das geprägt? Alltagsbewältigung zu unterstützen. Diese Sorgearbeit
Ich war 17 Jahre alt. Damals habe ich mir geschwo- wird unterschätzt. Was es noch braucht, besonders in
ren: Nie wieder lasse ich mir von jemandem sagen, der gehobenen Gesundheits- und Krankenpflege, ist
dass ich nicht in ein Zimmer gehen soll. Es hat mich Organisationsarbeit, also Manager_innen. Es braucht
darin bestärkt, dass meine Arbeit wichtig ist, aber auch Leadership, um Teams zu führen, nur dann kann
dass man sie auch richtig machen muss. Egal welche Pflege gut funktionieren.
Regeln es gibt, an erster Stelle steht immer der Pa-
tient bzw. die Patientin. Hat sich an der Wertschätzung nichts geändert, seit
Sie selbst in der Pflege tätig waren?
Hat die Corona-Krise gezeigt, wie wichtig Pflege Wenig. Es ist ein Relikt aus alten Zeiten, dass Tätigkeiten,
und Betreuung sind? die hauptsächlich Frauen machen, immer unterschätzt
Man hat gesehen, was da geleistet wird. Es wird seit werden. Was mich stört, ist, dass wir es als Gesellschaft
Jahrzehnten unterschätzt, was in diesem Beruf gefor- immer noch nicht geschafft haben, diese Arbeit nach der
dert wird. Leistung und den Kompetenzen, die dafür nötig sind, zu
bezahlen, sondern das nach alten Klischees tun.
Zur Person Wie schafft man das – eine neue Wertschätzung der
Pflege?
Monika Wild, gefragte Lektorin, Vortragende
Dass irgendwer auf dem Balkon steht und klatscht, das
und Expertin im Bereich der Pflege. 1993 bis
braucht keiner. Die Wertschätzung muss sich so ausdrü-
2020 war sie Leiterin der Pflege und Betreuung
im Roten Kreuz, davor selbst in der Pflege tätig. cken, dass ein entsprechender Prozentsatz des Staats-
budgets für Pflege ausgegeben wird. Es bräuchte andere
Personalschlüssel, eine bessere Work-Life-Balance für
Die Leitung des Bereiches
„Gesundheit und Soziale Dienste“ die Pflegenden, damit die Sorgearbeit genügend Raum
hat Petra Schmidt übernommen. bekommt, bessere Rahmenbedingungen – sonst arbeitet
petra.schmidt@roteskreuz.at man nur sein Pensum ab und ist wieder weg.
16PFLEGE & BETREUUNG
Die Rezepte, wie die Pflege reformiert wer- Wie sollte denn die Pflege in 20 Jahren aussehen?
den soll, liegen schon lange in der Schublade. Es gibt mehr Dienstleistungen, die zu Hause erbracht
Warum ist es so schwer, sie umzusetzen? werden, mehr präventive Angebote, um die Phase der
Die Expert_innen haben schon 2000 gewusst, Pflegebedürftigkeit nach hinten zu verschieben, damit ich
was 2020, 2030 auf uns zukommen wird – die statt 15 nur mehr drei Jahre Unterstützung brauche. Es
Zahl der zu Pflegenden steigt und es gibt viel zu gibt Angebote, die mehr auf Rehabilitation und Remo-
wenig Personal. Aber damals hat es noch halb- bilisierung setzen. Dazu muss der soziale Zusammenhalt
wegs funktioniert. Da sind die Frauen noch mit überdacht werden, damit es nicht mehr so auf die Kernfa-
55 in Person gegangen und konnten zu Hau- milie ankommt, sondern in Richtung Nachbarschaftshilfe
se ihre Angehörigen betreuen. Jetzt steigt der geht. Wir brauchen eine neue Sorgekultur. Wenn wir das
Druck durch die Bevölkerung und die Politik nicht schaffen, muss jede Unterstützungsleistung durch
hat das Thema verstärkt aufgenommen. Professionist_innen erbracht werden. Das würde das
Budget für die Langzeitpflege stark in die Höhe schnellen
Muss in Österreich etwas passieren, bevor lassen. Wir reden dann von etwa zwölf Prozent des Brut-
etwas passiert? toinlandsproduktes für Pflege, derzeit sind es drei.
Ich sehe keine mutige Politik, es wird an kleinen Stell-
schrauben gedreht. Den Pflegeregress abzuschaffen war Wie sieht Ihre Bilanz aus, worauf sind Sie stolz?
leider genau die verkehrte Entscheidung. Man hat die Stolz bin ich, dass ich immer gerne arbeiten gegangen bin.
andere Säule nicht bedient. Die Leute wollen zu Hause Was gelungen ist, sollen andere beurteilen. Die Pflege-
bleiben. Wir müssen die Pflege zu Hause stärken und dienste im Roten Kreuz, die es, als ich angefangen habe,
leistbare Angebote ausweiten. gar nicht überall gegeben hat, sind stark ausgebaut wor-
den. Fachlich und in der Qualitätssicherung haben wir mit
Muss der Staat mehr Aufgaben übernehmen? den Landesverbänden sicher viel auf die Beine gestellt. C
In Österreich ist Pflege eine Aufgabe der Familie und der
Staat unterstützt sie dabei. Bei uns ist die Erwartungs-
haltung, dass das die Familie macht, die kriegt dafür ein
bisserl Geld – aber es gibt keinen Rechtsanspruch auf
Sachleistungen. Das wird in 20 Jahren nicht mehr ge-
Danke, Monika!
Fotos: ÖRK/Gianmaria Gava, ÖRK/Jürg Christandl, ÖRK/Thomas Holly Kellner, ÖRK/Isabelle Grubert
hen, das geht zum Teil jetzt schon nicht mehr, weil die Ich möchte mich ganz persönlich bei Monika Wild bedanken.
Familienstrukturen nicht mehr da sind. Es gibt die Leute Der Mix aus innovativen Ideen, Geduld, Beharrlichkeit und
nicht mehr, die diese Aufgabe übernehmen können. Da Kampfgeist in der Umsetzung sowie Empathie, Bodenständig-
braucht es mehr Sachleistungen. keit und Herzlichkeit im Umgang mit allen Menschen, gleich
ob Kolleg_innen, Klient_innen, Mitbewerber_innen oder
Was ist hier von der Pflegereform zu erwarten? Parter_innen, sowie ihr profundes Wissen werden uns fehlen.
Ich wünsche mir wirklich, dass etwas Gescheites heraus- Sie hätte ein großes Dankesfest verdient,
kommt, aber die Kompetenzen des Bundes sind begrenzt. das durch die Corona-Pandemie verhin-
Das Thema Sachleistungen zum Beispiel kann die Reform dert wurde. Stattdessen an dieser Stelle:
aufgrund der Kompetenztrennung zwischen Bund und Danke, Monika!
Ländern gar nicht aufgreifen.
Michael Opriesnig,
Generalsekretär des Öster-
Sitzen Sie dann da und verzweifeln? reichischen Roten Kreuzes und
Ich bin gelernte Österreicherin. Wenn es vor der Reform verantwortlich für Gesundheits-
und Soziale Dienste
heißt, an diesen Kompetenzen soll nichts geändert wer-
den, weiß ich, was zu erwarten ist.
www.roteskreuz.at/jahresbericht 17UNSERE HILFE IN ZAHLEN 2020
INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT KURSE, AUS- UND WEITERBILDUNG
Asien € 11.950.149 50,1 % Teilnehmer_innen an Rotkreuz-Kursen 236.574
Afrika € 4.420.397 18,5 % davon Teilnehmer_innen an Erste-Hilfe-Kursen 118.212
Amerika € 1.165.083 4,9 %
Teilnehmer_innen an Jugendrotkreuz-Kursen* 82.315
Europa € 4.948.958 20,8 %
Global € 1.352.246 5,7 %
Gesamtvolumen € 23.836.833 100 % SUCHDIENST
4.473 Einsatztage verbrachten unsere
Das Suchdienst-Netzwerk klärt Kriegsschicksale und sucht
Delegierten in 18 Ländern bzw. Regionen.
nach Verschwundenen. Die Bewegungseinschränkungen
durch die Pandemie und mangelnde Digitalisierung haben den
Zugang zu den Suchdiensten und die Suche 2020 erschwert.
BLUTSPENDEDIENST
Die steigende Zahl an Asylanträgen und rasche Asylanerken-
Anzahl der Blutspender_innen in Österreich: 211.556 nungen in Österreich haben zu einem 45%-igen Anstieg der
Anzahl der abgenommenen Vollblutspenden in Zahl der Familienzusammenführungsfälle im Österreichischen
ganz Österreich: 332.917 Roten Kreuz geführt.
Abgenommene Vollblutspenden:
Suchfälle auf tracetheface.org 7.239
Burgenland 18.170
Suchfälle 514
Kärnten 17.134
Fälle in der Familienzusammenführung 833
Niederösterreich 73.406
Oberösterreich 52.800
Salzburg 33.040 RETTUNGSDIENST
Steiermark 45.709
Betreute Patient_innen 2.714.005
Tirol 39.691
Notarzteinsätze 147.340
Vorarlberg 15.608
Fahrzeuge im Rettungsdienst 2.208
Wien 37.359
Einsatzfahrten 3.150.298
Rekonvaleszentenplasma wurde 2020 als Gefahrene Kilometer 104.923.544
Behandlungsmöglichkeit für Covid-19-Erkrankte
eingesetzt.
Vom Roten Kreuz durchgeführte
538
Rekonvaleszentenplasmaspenden
JUGENDROTKREUZ
Daraus gewonnene therapeutische
692 Hauptberufliche Mitarbeiter_innen* 63
Plasmaeinheiten
Freiwillige Mitarbeiter_innen* 10.039
Damit behandelte Patient_innen 195
Mitglieder in Jugendgruppen 6.926
Jugendgruppen 452
* Abfrage nach SchuljahrLEISTUNGSVOLUMEN 2020
Alle Informationen zum Leistungsvolumen des
Österreichischen Roten Kreuzes im Jahr 2020 finden Sie auf
www.roteskreuz.at/Leistungsvolumen2020.
TEAM ÖSTERREICH
Mitglieder 88.365
Einsätze 35
Ausgabestellen der Team Österreich Tafel 118
Dadurch versorgte Personen 749.210
Mit umfassenden Informationen
zu Herkunftsländern unterstützt
ACCORD Asylverfahren. Die
ZAHLEN, DATEN, FAKTEN
Datenbank ecoi.net enthält
Bezirksstellen 133 371.643 Dokumente. 2020 wurden
Hauptberufliche Mitarbeiter_innen 10.236 282 Einzelanfragen bearbeitet
und 17 Länderberichte und Dossiers
Zivildienstleistende** 4.269 erstellt.
Freiwillige Mitarbeiter_innen 72.437
Die mit der Diakonie betriebene
Einsatzstunden von freiwilligen Rotkreuz-Helfer_innen 10.808.935
medizinische Hilfseinrichtung Amber
Unterstützende Mitglieder und Spender_innen 1.085.211 Med versorgte in 4.282 Stunden 3.187
Menschen ohne Krankenversicherung.
** Fast 1.000 außerordentliche Zivildiener waren zusätzlich zwischen einem Fachärzt_innen, Ärzt_innen für
und drei Monaten im Einsatz – hauptsächlich im Rettungsdienst, in der Allgemeinmedizin, Therapeut_innen
Pflege und Betreuung und im Katastrophenhilfsdienst. Weitere 410 junge und Dolmetscher_innen spendeten
Männer haben ihren Zivildienst verlängert. ihre Zeit für 7.981 Behandlungen.
Zudem lieferte das Rote Kreuz
12.500 Packungen Medikamente.
PFLEGE UND BETREUUNG Service und Information über das
Rote Kreuz wurden von 4,5 Millionen
Betreute Personen 278.095 Menschen auf www.roteskreuz.at ab-
gerufen. Aus der jungen Zielgruppe
Mit Rufhilfe ausgestattete Personen 49.995
kamen 261.000 Likes in den sozialen
Patient_innen und ihre Angehörigen, die von Hospizteams Medien.
2.998
des Roten Kreuzes begleitet wurden
Individuelle Spontanhilfe (betreute Personen) 3.077 Familien mit schulpflichtigen Kindern,
die Sozialhilfe/Mindestsicherung
Foto: ÖRK/Markus Hechenberger
Mobile Pflege und Betreuung (betreute Personen) 33.061
beziehen, stehen Schulstartpakete zu.
Psychosozial betreute Personen 37.154 2020 wurden 44.389 Pakete verteilt.
Davon Anrufer_innen bei der Ö3-Kummernummer 20.568JAHRESBERICHT 2020
Geblieben,
um zu
helfen
VON STEFAN MÜLLER
Im Libanon kommen viele Krisen zusammen. Seit einer
Explosion im Hafen von Beirut hat sich die Lage
verschärft. Das Rote Kreuz passt seine Projekte
entsprechend an.
FACTS & FIGURES
5,4 80 % 1,5
aller Befragten halten
Millionen Euro wurden das Rote Kreuz für die Millionen Flüchtlinge
für Hilfsprojekte des ÖRK vertrauenswürdigste aus Syrien leben im
im Libanon eingesetzt. Hilfsorganisation. Libanon.
20EINSATZ IM NAHEN OSTEN
Lisa Taschler
Rotkreuz-Delegierte im Libanon
ÖRK/Thomas Marecek
www.roteskreuz.at/jahresbericht 21JAHRESBERICHT 2020
E
s fühlte sich an wie ein Erdbeben, als am 4. Au-
gust 2020 eine gewaltige Explosion den Hafen
von Beirut erschütterte, die den Libanon, ein
leidgeprüftes Land im Nahen Osten, noch wei-
ter ins Chaos stürzte. 2.750 Tonnen Ammoni-
umnitrat flogen in einem Lagerhaus in die Luft.
Die verheerenden Folgen werden noch lange zu
spüren sein. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Preise
sind gestiegen, mehr als die Hälfte der rund sechs Mil-
lionen Einwohner_innen lebt unter der Armutsgrenze,
fast 90 Prozent der 1,5 Millionen syrischen Flüchtlinge,
die sich im Land befinden, leben in extremer Armut. Rasche Nothilfe
Umso wichtiger ist die Unterstützung durch internatio- Sofort startete das Libanesische Rote Kreuz einen
nale Geldgeber_innen und die Arbeit des Roten Kreu- Großeinsatz mit 75 Ambulanzen und 375 Sanitäte-
zes, um den Menschen zu helfen. Auch damit sie den r_innen, richtete zwei Triage-Stationen ein, leistete
Glauben an eine gute Zukunft nicht verlieren. medizinische Hilfe, errichtete Notunterkünfte für 5.000
Lisa Taschler kann sich gut an den Tag erinnern, als Personen und rief die Bevölkerung zum Blutspenden
plötzlich die Wände wackelten. Es war kurz nach 6 Uhr auf. In dieser Situation machte sich eine Kooperation
Abend und die Delegierte des Roten Kreuzes war zum mit dem Österreichischen Roten Kreuz zum Aufbau
Glück nicht in ihrer Wohnung, die nur einen Kilometer des Blutspendedienstes bezahlt. Die Internationale
vom Explosionsort entfernt liegt. „Es hat alle Türen und Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesell-
Fenster herausgerissen“, erzählt sie. „In der Stadt sind schaften gab rasch Nothilfefonds frei. Weltweit riefen
Häuser und Mauern eingestürzt. Auf den Straßen la- nationale Rotkreuzgesellschaften, auch in Österreich,
gen Verletzte. Die Zerstörung war immens.“ Rund zu Spenden auf. Die vernetzte Hilfsmaschinerie des
5.000 Menschen wurden verletzt. Mehr als 200 star- Roten Kreuzes lief an. „Es war schön, auch die Hilfsbe-
ben. Zigtausende wurden obdachlos. reitschaft der Menschen hier im Libanon zu sehen“,
Nicht erst seit dem Erdbeben: Das Libanesische Rote Kreuz verteilt bereits seit Jahren Hilfsgüter an syrische Flüchtlinge Lisa Taschler mit syrischem Flüchtlings-
kind in Haouch er-Rafqa
22Nach der Explosion im Hafen von Beirut
EINSATZ IM NAHEN OSTEN
Bedürfnissen in verschiedenen Regionen des Landes
entsprechen. Wenn nötig, stellen wir mehr Sachleis-
tungen zur Verfügung.“ So ist immer gewährleistet,
dass die Hilfe ankommt und effizient ist.
Leben retten
Das Libanesische Rote Kreuz hat im vergangenen Jahr
20,5 Millionen US-Dollar aufgebracht, um 9.800 Fami-
lien nach der Explosion im Hafen von Beirut zu helfen.
Nabil Mounzer/European Press Agency
Als die Benzinpreise in die Höhe schossen und der
Mangel an Treibstoff zu häufigen Stromausfällen führ-
te, sorgte das für Unruhe. Niemand will sich ausmalen,
was passieren würde, wenn der Staat auch die Stüt-
zung der Lebensmittelpreise fallen ließe. Was würde
das für das Rote Kreuz bedeuten? „Noch mehr Nah-
rungsmittelhilfe und grundlegende Unterstützung“,
sagt Taschler. „Überall sind Initiativen zur Nachbar- antwortet Mencinger. „Wir werden weiterhelfen. In der
schaftshilfe entstanden. Aber die Gesamtsituation hat aktuellen Situation, in der viele Krisen zusammenkom-
sich mit Corona und der schon länger andauernden men, zeigt sich deutlich, wie wichtig die Projekte des
Wirtschaftskrise natürlich weiter verschlechtert.“ Österreichischen Roten Kreuzes in den Flüchtlings-
Im Herbst 2020 hat Simona Mencinger, die schon siedlungen im Bereich Wasser, Sanitär und Hygiene
früher im Libanon gelebt hat, ihre Kollegin Lisa Tasch- sind, ebenso unsere Projekte in der Grundversorgung.
ler als Delegierte in Beirut abgelöst. Der Start sei nicht Damit retten wir wirklich Leben. Die Welt darf den Li-
leicht gewesen, erzählt sie. „Emotional war es schwie- banon nicht vergessen, auch wenn es noch Jahre dau-
rig, weil ich die jetzt stark beschädigten Stadtteile vor ern wird, bis sich das Land erholt hat.“ C
der Zerstörung gekannt habe und viele schöne Erinne-
rungen an die sehr lebhafte und dynamische Stadt
habe.“ Jetzt ist der Libanon praktisch pleite, die Infla- Hilfe im Libanon 2020
tionsrate beträgt 146 Prozent und viele Menschen
können sich das Leben kaum noch leisten. 5,4 Millionen Euro umfassten die bilateralen und multilateralen
Projekte des Österreichischen Roten Kreuzes im Libanon, darunter:
Fots: ÖRK/Thomas Marecek, IFRC/Tommaso Della Longa, ÖRK/Cerny Elisabeth
Schwieriges Budgetieren Direkthilfe für das Libanesische Rote Kreuz nach der Explosion
inklusive Bargeldunterstützung für Familien, Mitfinanzierung durch
Die schlechte Wirtschaftslage macht auch den Helfe- die österreichische Entwicklungszusammenarbeit (ADA) und
r_innen zu schaffen. Die Inflation mache zum Beispiel Nachbar in Not
Aufbau des Blutspendedienstes, Versorgung von 5.000 Patient_innen
das Budgetieren schwieriger, erzählt Mencinger. Die mit Blutprodukten
Konten der Hilfsorganisationen laufen in Dollar, aber Bargeld-Unterstützung für 1.800 Flüchtlinge zur Deckung der
die Unterstützung muss in libanesischen Pfund ausge- täglichen Lebensbedürfnisse, Mitfinanzierung durch die ADA
Aufbau von Wasser-, Sanitär- und Hygieneeinrichtungen in Schulen
zahlt werden, das stark an Wert verloren hat. „Wir und Gesundheitszentren für 6.400 Flüchtlinge in Haouch er-Rafqa,
prüfen in regelmäßigen Abständen Preise für Nah- Mitfinanzierung durch die ADA
Verteilung von Hygiene-Kits und 12 Quarantäne-Containern zur
rungsmittel, Medikamente, Miete oder Heizen sowie Covid-19-Prävention in Flüchtlingssiedlungen
für grundlegende Dienstleistungen wie Schulgeld für
die Kinder oder öffentlichen Transport. So können wir Lesen Sie mehr über die Internationale Zusammenarbeit
Durchschnittswerte ermitteln, die uns dabei helfen, die des Österreichischen Roten Kreuzes im IZ-Jahresbericht 2020.
Hilfsleistungen neu zu berechnen, damit sie den realen
www.roteskreuz.at/jahresbericht 23JAHRESBERICHT 2020
Zum
Leben
zu wenig
VON VERA MAIR
Aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie
können sich immer mehr Menschen in Österreich ihr
Leben nicht mehr leisten. Imre Siska und sein Team
der Individuellen Spontanhilfe suchen für Menschen
in akuten Notsituationen nach Lösungen.
FACTS & FIGURES
Rund
1,5
Millionen Menschen in Öster-
70 % 3.077
Klient_innen wurden
reich sind armuts- und aus- der Anfragenden unterstützt.
grenzungsgefährdet. sind Frauen.
24INDIVIDUELLE SPONTANHILFE
Michael K.
war vor der Corona-Pandemie Inhaber eines erfolgreichen
Fotostudios. Jetzt plagen ihn Existenzängste.
Foto: privat
www.roteskreuz.at/jahresbericht 25JAHRESBERICHT 2020
E
in leerer Kühlschrank. Eine kalte Heizung. Im
Postkasten nur Mahnungen. Dazu die Unge-
wissheit: Verliere ich die Wohnung, wenn ich
meine Mietschulden wieder nicht zahlen kann?
So geht es vielen Menschen in Österreich. Rund
1,5 Millionen Menschen waren 2019 armutsge-
fährdet. Corona hat die Situation weiter verschärft,
auch für Michael K. Der Inhaber eines Fotostudios in
Wien hat seit Beginn der Pandemie fast keine Einnah-
men mehr. „Das Geschäft gibt es seit über 100 Jahren,
es war immer erfolgreich. Seit Corona ist Flaute“, sagt
er. An guten Tagen mache er drei Passfotos. „Ich bin Auf Unterstützung angewiesen
verzweifelt. Ich weiß einfach nicht, wie es weitergehen Das ist kein Einzelfall. Imre Siska, der Betroffene berät,
soll.“ Die Kosten laufen weiter, belasten das ange- erlebt solche Situationen immer häufiger. „Corona ist
spannte Budget der Familie, die zurzeit nur vom Pfle- ein Brandbeschleuniger für Armut. Je länger die Krise
gegeld für den ältesten Sohn lebt. Jeder Einkauf im dauert, desto stärker ist auch die Mittelschicht betrof-
Supermarkt ist minutiös geplant, Extraausgaben wie fen“, sagt er. Viele sind jetzt zum ersten Mal in ihrem
eine Reittherapie für Raphael, der seit seiner Geburt Leben auf Unterstützung angewiesen. „Leute, die im-
schwer behindert ist, sind undenkbar. Zu den Sorgen mer gesagt haben, so etwas kann mir nicht passieren,
um Sohn Raphael kommen für den dreifachen Famili- brauchen plötzlich unsere Hilfe.“
envater jetzt noch die Geldsorgen. „Unsere Ersparnis- Zur Individuellen Spontanhilfe kommen Menschen in
se haben wir längst aufgebraucht“, erzählt er. Im Win- Not, die keine finanziellen Reserven haben. Oft reicht
ter wandte er sich an die Individuelle Spontanhilfe, ein unvorhergesehenes Ereignis, und das Kartenhaus
weil er nicht mehr wusste, wie er die Mietrückstände bricht zusammen. Siska und seine Kolleg_innen leisten
für die Wohnung zahlen sollte. Das Rote Kreuz über- dann „soziale Erste Hilfe“, wie er es nennt. Sie überneh-
nahm die halbe Monatsmiete, eine große Hilfe für die men Teilzahlungen für Miete, Strom oder Gas und kön-
Familie. nen oft verhindern, dass Klient_innen ihre Wohnung
verlieren. Sie sorgen dafür, dass die Fernwärme wie-
der eingeschaltet wird. Sie informieren über staatliche
Unterstützungen, geben Lebensmittelgutscheine aus
und vernetzen mit weiteren Beratungsstellen. „Jeder
Mensch verdient es, in Sicherheit und Würde zu leben.
Die Lebensgrundlagen wie Wohnen, Strom oder Hei-
zen müssen abgesichert sein, damit ich im Leben wei-
Fotos: privat, ÖRK/Markus Hechenberger
terkommen kann“, sagt Siska.
Bis dahin ist es oft ein langer Weg. „Zuzugeben, dass
man es alleine nicht mehr schafft, ist mit viel Scham
verbunden“, erklärt Siska. Für die Beratung nimmt er
sich Zeit. Im Gespräch erzählen ihm Betroffene nicht
nur von ihrer finanziellen Situation, sondern auch ihre
Lebensgeschichte. Denn die Wurzeln liegen oft tief. Ein
Imre Siska, Leiter Individuelle Spontanhilfe des Österreichischen Roten Kreuzes
26INDIVIDUELLE SPONTANHILFE
Michael K. mit seiner Familie
traumatisches Ereignis in der Kindheit, die
Scheidung oder eine Krankheit. „Wir versu- Hilfe für Menschen in Not
chen zu verstehen, welche Probleme dahin-
Ob Mietrückstände oder ein leerer Kühlschrank – die sozialen
terstecken, damit wir gemeinsam eine Lö- Angebote des Roten Kreuzes helfen die Lebensgrundlagen
sung finden können“, sagt Siska. „Viele abzusichern. Die Individuelle Spontanhilfe unterstützt mit Bera-
Klient_innen sagen mir, dass sie das erste tung und einmaligen finanziellen Überbrückungshilfen. Die Team
Mal das Gefühl haben, dass ihnen jemand Österreich Tafeln versorgen seit über zehn Jahren Menschen in
richtig zuhört.“ finanziellen Notlagen mit Lebensmitteln. Im Vorjahr konnten
dadurch rund 19.000 Haushalte versorgt und rund 4.500 Tonnen
Lebensmittel gerettet werden. Unterstützung, um den Alltag
„Ich schäme mich so sehr“ wieder allein zu meistern, bieten die Sozialbegleiter_innen, die
Auch Elfriede P. weiß nicht mehr weiter. Je- unter anderem bei Behördengängen zur Seite stehen.
den Monat kämpft sie aufs Neue gegen eine
Flut an Rechnungen. „Ich habe Rückstände bei der
Miete, beim Gas- und beim Stromanbieter“, erzählt die tenkreis, wie eine warme Mahlzeit, sich zu duschen
84-Jährige. In ihrer Altbauwohnung hängen überall oder bei Familienangehörigen die Wäsche zu wa-
Decken vor den Fenstern, damit die Kälte von draußen schen. „Wenn die Pandemie vorbei ist, wird es für viele
nicht hereinkommt. „Ich habe nie in Saus und Braus Menschen wieder leichter“, sagt er. Das hofft auch Mi-
gelebt, aber als mein Mann noch gelebt hat, hat es ge- chael K. „Irgendwann muss es besser werden. Ich wer-
reicht“, sagt sie. „Ich spare an allen Ecken und Enden, de alles versuchen, damit mein Geschäft wieder läuft“,
esse nur mehr wenig. Beim Duschen denke ich immer sagt er. Aufgeben ist für den Familienvater keine Op-
daran, was das jetzt kostet“, erzählt sie. Knapp über tion, er will weiterkämpfen, um auf eigenen Beinen zu
1.000 Euro Pension erhält die Witwe jeden Monat, stehen. C
nach Abzug der Miete bleibt nur noch wenig übrig.
Trotzdem gibt Frau P. nicht auf. „Ich versuche immer am
Monatsanfang 30 Euro von meiner Pension aufs Spar- Die Individuelle Spontanhilfe unterstützte
konto zu legen. Drei Tage später muss ich das schon
in folgenden Bereichen:
wieder abheben“, sagt sie. Vor Corona besserte sie
sich ihre Pension mit kleinen Schneiderarbeiten auf, z. B. Waschmaschine,
Möbel
seit Beginn der Pandemie bleiben die Kund_innen aus.
Die einzige Unterstützung, die ihr bleibt, ist ihre 15 %
Schwester, die selbst nicht viel hat. „Ich schulde ihr so Sonstiges
z. B. Lebensmittel,
viel, dass ich das im Leben nicht zurückzahlen kann. Kleidung,
Das ist schrecklich, ich schäme mich so sehr“, sagt Frau 10 % Hygieneartikel/
P., die sich schließlich an die Individuelle Spontanhilfe Alltagsbedarf Windeln
wandte. Mit Hilfe des Roten Kreuzes konnten zumin- 50 %
dest die Stromschulden beglichen werden. „Ich bin Miete
dem Roten Kreuz dankbar, dass es mich aus diesem
Chaos rettet“, sagt sie. 25 %
Energiekosten
„Corona hat armutsgefährdete Menschen am stärks-
ten getroffen“, weiß Siska. Wichtige Zusatzverdienste
brachen plötzlich weg, die Kontaktbeschränkungen
im Lockdown erschwerten Hilfe im eigenen Bekann-
www.roteskreuz.at/jahresbericht 27JAHRESBERICHT 2020
Ungleiches
Warten VON URSULA FRAISL
Christine Widmann wartet auf das Ende der Pandemie
und schöpft Kraft beim Bergsteigen. Im Flüchtlingslager
in Kara Tepe warten Menschen jahrelang, ohne zu
wissen, was mit ihnen geschieht. Als Delegierte hat
Widmann mitgeholfen, dass sie das zumindest unter
besseren hygienischen Bedingungen tun können.
FACTS & FIGURES
8.000
Menschen leben in
30.000 105
Warmwasser-Duschkabinen
Kara Tepe, davon sind ein Liter warmes Wasser gibt es für die
Drittel Kinder. fasst ein Tankwagen. Campbewohner_innen.
28INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT
Christine Widmann
Rotkreuz-Delegierte in Griechenland
ÖRK
www.roteskreuz.at/jahresbericht 29JAHRESBERICHT 2020
Ü ber 100.000 Menschen auf der Flucht leben
derzeit in Griechenland. Bis zu 8.000 davon
im Camp Kara Tepe, dem Flüchtlingscamp
auf Lesbos, rund ein Drittel der Flüchtlinge
sind Kinder. Mit ihnen hat die Tirolerin
Christine Widmann Weihnachten, Silvester und ihren
Geburtstag verbracht und gemeinsam mit zwei weiteren
Delegierten aus Österreich und einem Team aus
Deutschland die Wasser- und Sanitärversorgung sowie
die hygienischen Bedingungen im Camp verbessert.
Wenn man durch Kara Tepe geht, das nach den Brän-
den im Camp Moria im September 2020 errichtet wurde,
fallen einem sofort die Kinder auf. Sie springen auf
Trucks, mit denen Wasser geliefert wird. Ihnen ist lang-
weilig. Sie laufen herum. Beschäftigungs- oder Bildungs-
angebot gibt es hier für sie keines. besorgen. Warten darauf, dass sie erfahren, wie es mit
ihnen weitergehen soll.
Keine Privatsphäre, kaum Ausgang „Die Menschen wirken wie betäubt“, erinnert sich Wid-
Die Erwachsenen drän- mann. „Mir kommt vor, sie haben aus Selbstschutz Kör-
gen sich in den Notunter- per und Seele heruntergefahren, um den Aufenthalt, die
künften, in jedem Zelt Ungewissheit und das Warten hier überhaupt auszuhal-
wohnen zwei bis drei Fa- ten. Und wir zu Hause in Österreich regen uns auf, wenn
milien – also bis zu 15 Klopapier erst am nächsten Tag nachgeliefert wird,
Menschen. In den großen wenn wir nicht sofort unsere Impfung bekommen. Ja, die
Zelten, in denen die allein- Corona-Pandemie ist ein Problem, das momentan die
stehenden Männer schla- ganze Welt beschäftigt, aber wir warten in warmen, tro-
fen, stehen die Stockbet- ckenen Wohnungen mit Bad, Toilette und Kaffeemaschi-
ten dicht an dicht. Keine ne auf ihr Ende und können nebenbei in der Natur ent-
Privatsphäre. Keine Ab- spannen. In Kara Tepe sitzen Familien und unbegleitete
Fotos: DRK, ÖRK/Nadja Meister, privat
wechslung. Keine Hoff- Kinder und Jugendliche buchstäblich im Dreck.“
nung. Und warten. War- Natürlich freut sich auch Widmann auf die Zeit, wenn
ten auf eine der zwei sie wieder reisen kann, wohin sie will. Bis dahin verbringt
Essensausgaben pro Tag, sie ihre Freizeit in den Tiroler Bergen, denn das Bergstei-
auf die Stunde Ausgang, gen gibt ihr Ausgleich und Kraft. „Wenn man grundsätz-
die sie manchmal bekom- lich positiv gestimmt ist und das Beste aus jeder Situation
men, um im nahen Super- macht, kann man aus einer Krise auch gestärkt hervor-
Christine Widmann schöpft Kraft beim
Bergsteigen markt Kleinigkeiten zu gehen“, ist die Tirolerin überzeugt.
30Das Flüchtlingscamp Kara Tepe auf Lesbos in Griechenland
INTERNATIONALE ZUSAMMENARBEIT
venöl eingesetzt wird, wird bis zu dreimal täg-
lich 40 Grad warmes Wasser aus einer
Thermalquelle gebracht, mit dem die
Bewohner_innen duschen können.
Im Camp gibt es Stationen zum Das Rote Kreuz aus Dänemark,
Hände- und Wäschewaschen. Deutschland und Österreich hilft
Das verschmutzte Wasser, mit mobilen Gesundheitsteams,
Hilfsgütern wie Decken, Wasser
Grauwasser genannt, wird in
sowie Hygiene-Kits und Zelten.
Tanks gesammelt und gerei- Das Griechische Rote Kreuz (HRC)
nigt, bevor es entsorgt wird. unterstützt auch mehrere Camps
Im Camp gibt es außerdem auf dem Festland, u. a. mit
mobile Gesundheitsteams des mobilen Gesundheitsteams sowie
Griechischen Roten Kreuzes, die Zentren für unbegleitete Minder-
jährige oder Tageszentren.
eine medizinische Basisversor-
gung bieten. Eine weitere wichtige
Aufgabe des Teams ist es, die Ausbrei-
tung von Covid-19 einzudämmen. Dazu wird
verstärkt informiert und auf die Hygienemaßnahmen
hingewiesen. Ende März 2021 beendeten die Delegier-
ten aus Österreich ihren Einsatz und übergaben an die
Kolleg_innen anderer Hilfsorganisationen. C
Schlechte hygienische Bedingungen
Für die Menschen in Kara Tepe ist das ungleich schwerer.
An zwei Seiten ist das Camp durch das Meer begrenzt, Flüchtlingspolitik überdenken
an den anderen durch einen hohen Zaun. Das Camp ver-
Für die Menschen in Kara Tepe hat das Warten erst ein Ende,
lassen können die Menschen nur ganz selten. Wenn das
wenn die Entscheidungsträger_innen in Europa ihre Flüchtlings-
Wasser warm genug ist, gehen Männer und Kinder zum
politik überdenken. Gerade in schwierigen Zeiten dürfen wir
Waschen ins Meer. Die Frauen können das nicht – ganz
unsere Augen nicht vor der Not anderer verschließen. Es gibt
normale Dinge wie tägliche Hygiene oder die Monats-
auch in Österreich Menschen, die unter der Corona-Pandemie
blutung sind für sie große Herausforderungen.
leiden. Aber wir dürfen darüber die Menschen auf der Flucht
„Der Winter hat die Situation im Camp weiter ver-
und besonders die unbegleiteten Minderjährigen nicht
schlimmert. Bei Regen stehen große Teile innerhalb kür-
vergessen, die unter katastrophalen Bedingungen in
zester Zeit unter Wasser, die Menschen schlafen in nas-
Flüchtlingscamps zusammengepfercht
sen Zelten und mussten bei Temperaturen um den
warten. Sie brauchen unseren Schutz
Gefrierpunkt mit kaltem Wasser duschen. Dazu haben
und unsere Hilfe. Wir können es uns in
sich nur 10 bis 20 Menschen pro Tag überwunden“, erin-
Österreich nicht nur leisten, wir sind auch
nert sich die Rotkreuz-Delegierte an die Zustände im
moralisch dazu verpflichtet, einige
Camp bei ihrer Ankunft.
von ihnen aufzunehmen.
Sanitäre Hilfe Michael Opriesnig,
„Als ich abgereist bin, waren es schon bis zu 2.000 pro Generalsekretär des
Tag“, fügt sie stolz hinzu. Denn mit einem Thermotank- Österreichischen Roten Kreuzes
wagen, wie er in Griechenland für den Transport von Oli-
www.roteskreuz.at/jahresbericht 31Sie können auch lesen